Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Peter Rosegger >

Jakob der Letzte

Peter Rosegger: Jakob der Letzte - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleJakob der Letzte
authorPeter Rosegger
year1996
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M; Berlin
isbn3-548-23900-5
titleJakob der Letzte
pages3-273
created20010304
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
Schließen

Navigation:

Das fremde Daheim und ein Gruß aus der Ferne

Allein blieb eigentlich der Vater Jakob nicht zurück in Altenmoos, wie die Angerl meinte. Es gab noch manche Leutchen, die entweder in seinem Hause oder in den verfallenden Huben und Hütten des Engtales wohnten.

Da war der alte Pechölbrenner Natz. Der hatte sich allmählich so fest beim Jakob eingeheimt, daß keine Rede mehr vom Fortgehen war und auch keine mehr vom Dableiben. Er machte stillwegs in allem, was Haus und Hof betraf, Gemeinschaft mit dem Bauer. »Unser Haus«, sagte er, »unser Stubentisch, unser Bett. Und wie wird's unserem Friedel gehen beim Soldatenleben?« Und einmal, als sie beide in sternheller Nacht vom Felde heimkehrten, rief er aus: »Jakob, Jakob! Was wird's sein, wenn wir einmal im Himmel sind und unsere Weiber wieder haben!«

»Ich weiß mir nur eins«, antwortete der Jakob.

»Wohl, wohl, Reuthofer, die übrigen drei gehören mein. Daß d' kein' Angst hast. – Aber ich denke«, setzte der Natz bei, »wir halten auf dem Erdboden herunten aus, so lang es geht.«

Da war im Reuthofe eine alte Magd, die beständig im Hause herumknurrte, sich mit niemandem recht vertragen konnte, aber dem Jakob eine fleißige Hauswirtin abgab. Wo sie dem Gesinde für die Vorratskammer etwas abzwacken konnte, da tat sie es, bis der Jakob zu ihr einmal die schneidigen Worte sprach: »Gardel! Beim Schlechtessen ist noch kein Bauer reich geworden, aber beim Gutarbeiten.« Gegen den Hausvater getraute sie sich nichts dreinzureden, weinte aber nach einem Verweis von ihm die halben Nächte und drohte mit dem Davongehen oder gar mit dem Sterben. Und wenn sie sich dann vorstellte, wie sie daläge auf dem schmalen Brett und der Jakob hätte gar niemanden mehr auf der Welt, der ihn hege und pflege, da weinte sie noch mehr. Und ging nicht davon und starb nicht, sondern knurrte und knauserte und arbeitete und hatte heimlich Erbarmen mit dem armen Jakob.

Da war der alte Luschelpeterl. Dem hatte der Steppenwirt einmal eine Mücke in den Kopf gesetzt, und die wuchs sich nach und nach aus zu einer Hummel und endlich gar zu einem Vogel. Weil der Peterl wie wir wissen, die Vogelstimmen so täuschend nachzumachen verstand, so sagte damals der Steppenwirt: »Vögel müssen weit umfliegen in der Welt, sonst hätten sie die Flügeln umsonst.« Flügeln hatte der Peterl zwar keine, aber mit seinem Vogelgesang konnte er sich draußen in den Landwirtshäusern und in den Städten wohl ein besseres Brot erwerben und ein vergnüglicheres Leben führen, als in Altenmoos, wo ihn die Waldvögel mit seiner schlechten Kunst denn einmal nicht aufkommen ließen. Und eines Tages schnürte der Alte sein Bündel und wollte auf Kunstreisen. Der Jakob sprach ihm vergeblich zu, daheim zu bleiben und nicht auf fremden Straßen sein Todbett zu suchen. Er nahm seinen Wanderstab. Da hub die Gicht an, ihm abzuraten; sie redete nicht, sie zwickte an seinem Fleisch, sie grub und bohrte in seinen Gebeinen und der Luschelpeterl mußte sich auf die Ofenbank legen im Reuthof.

So lag und kauerte er seither die längste Zeit, im Sommer wie im Winter, und schlief und pfiff. Aber welche Halm- oder Laubblätter er sich auch auf die Zunge legen mochte, der helle Amselschlag, der liebliche Nachtigallenschlag wollte nicht mehr glücken, eher war's wie Raben- oder Eulenschrei, und die alte Gardel zeterte ihm wiederholt zu, er solle doch still sein mit seinem Gekrächze, er schrecke damit nur die Hühner und es sei ein Graus!

»Ja«, knurrte der Peterl. »Still sein, sagst? Alte, ich werd' dir was pfeifen!« Und pfiff. Er schnitt sich weder Haar noch Bart, und sein Haupt war wie der Kopf eines weißen Pintschers. Allmählich wurde er sehr schwerhörig, wollte es aber nicht merken lassen, sondern nickte stets beistimmend den Kopf, wenn er sprechen sah, und als ihm die bissige Haushälterin einmal zurief: »Peterl, du bist ein altes Schaf!« nickte er auch. –

Da war im Reuthofe ein Junge, ein Waisenknabe, den der Jakob nach dem Verluste des Jackerls einer durchs Land ziehenden Dörcherbande abgenommen hatte. Dieser Junge hatte fuchsrotes Haar und einen schiefen Blick. Die Leute hießen ihn darob gerne den »Rotschiagl«, was aber der Jakob nicht leiden wollte. Der Hausvater war gegen den halberwachsenen unbehilflichen Burschen besonders gut und schenkte ihm Vertrauen. »Auf den Ferdinand muß man recht achtgeben«, sagte er einmal zum Natz, »daß er nicht schlecht wird.«

»Warum soll denn der Ferdinand schlecht werden?« fragte der Natz.

»Er hat rotes Haar und schielt«, sagte der Jakob.

»Bist du auch so einer, der auf solche Sachen schaut?« versetzte der Natz.

»Freilich«, antwortete der Jakob. »Leute, die ein unangenehmes Aussehen haben, sind in größerer Gefahr, schlecht zu werden, als andere. Unter rotem Haar und Bart ist selten gute Art, heißt's, und ein schielend Aug', ein falsches Herz.«

»Und meinst also, Bauer, daß gerade falsche Leut' gern schielen?«

»Umgekehrt, Natz, schielende Leut' werden leicht falsch. Sie werden dazu getrieben. Ist einer als Kind noch so brav, wenn er schielt, rotes Haar hat, ist kein Vertrauen zu ihm, nur Verdacht, er muß zu allem Schlechten fähig sein. Fällt irgendwo etwas vor, wer kann's getan haben? Der Schielende. Denkt sich der: Wenn sie mir's ohnehin zeihen, warum soll ich's nicht auch tun? Mein Bravsein ist ja nichts wert, sie geben nichts dafür. – Ich habe mir oft gedacht, die Schönheit im Menschen soll man nicht gering achten, sie ist eine große Gnade Gottes; je schöner einer ist, je leichter wird ihm das Bravsein gemacht. Trotzdem meine ich, wir sollten es auch dem Ferdinand nicht zu schwer machen.«

»Wird wohl schier richtig sein, Jakob«, sagte der alte Natz.

Der Ferdinand war in der Tat ein stiller, gutmütiger Junge, und Jakob meinte, es wäre zur Dankbarkeit dafür, daß er dem Stromerleben entrissen und einer Heimständigkeit zugeführt worden sei. Der Ferdinand konnte sich ans Stromerleben aber kaum mehr erinnern, nur daß er – dem jetzt zwar nichts mehr fehlte – ein behagliches Gefühl hatte, wenn er an Sonntagen draußen in Sandeben einen Gendarmen sah, denn da fiel ihm allemal ein: warme Kammer und sattessen. – So oft die Leute den Ferdinand »Rotschiagl« hießen, nannte ihn der Jakob einen braven Burschen. –

Da war endlich im Hause eine junge, zwergige Dirn, die sehr täppisch tat und fortwährend lachte. Eine Tochter vom Guldeisner, wollten die Leute wissen. Es stimmte vieles dafür. Die zwergige Dirn war so bestellt, daß sie sich ihr Brot nicht verdienen konnte, sondern als Einlegerin (Pfründnerin) hin und her geschummelt wurde in Altenmoos. Die Schätze hat der Guldeisner mitgenommen, die Lasten hat er dagelassen. Ein wahrer Zorn kam dem Jakob manchmal bei diesem Gedanken, aber der armen Dirn ließ er nichts entgelten. Sie ist ja nicht die einzige; die rüstigen Leute gehen alle davon und die »Hascherln« bleiben alle da und der Reuthof, wo die Alten und Bresthaften Unterstand suchen, gleicht schier einem Armenhause. Der Kampelherr zahlt wohl seinen Beitrag für das Siechenhaus in Krebsau, welchem die Pfründner von Altenmoos zugeteilt waren; aber die Armen von Altenmoos meinten, sie wollten nicht in die Elendfabrik, da sei ihnen ihr eigenes Kleingewerbe von Jammer und Not daheim noch lieber. Der Jakob seufzte unter den traurigen Lasten und behielt die Leutchen, sofern sie nicht im Betteln umgingen, bei sich.

Mit der zwergigen Dirn hatten die Einwohner des Reuthofes mancherlei Ergötzen. Die Boshafteren foppten und narrten sie und machten sie zum Stichblatt von allerhand Schalkheit. Sie saß jedem auf und schüttelte sich dann vor Lachen. Wenn sie sich ausgelacht hatte, dann weinte sie über ihre Dummheit. Jedem klagte sie ihre große Dummheit, so wie andere ihren Kopfschmerz, ihre Gicht klagen. Der Natz fand sie eines Tages schluchzend am Brunnen stehen. Der Schuster war im Hause und hatte die zwergige Dirn ersucht, den schwarzen Pechlappen reinzuwaschen. Bereits hatte sie eine ganze Stunde daran ihre Hände wundgerieben und der Lappen wurde immer noch spröder und schwärzer. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie möglicherweise wieder die Gefoppte sei und so klagte sie dem herbeikommenden Natz, daß sie halt gar so viel einfältig wäre und ob es denn kein Mittel gebe gegen ihre Dummheit? Der Alte mochte sich an den Spruch erinnern, daß Erfahrung klug mache und weil ihm ein Volkswitz einfiel, so sagte er zur zwergigen Dirn: »Ein Mittel täte ich wohl wissen, daß du gescheit kunnst werden.«

»Das wär' ein Glück!« rief die Dirn und schlug ihre Hände zusammen, daß der Pechlappen quatschte und ihr wie dem Natz daraus das Wasser ins Gesicht sprang. »Wird aber wohl gewiß recht hart zu haben sein, das Mittel?« fragte sie.

»Der gute Willen gehört dazu«, belehrte er. »Pass' auf. Wenn die Gardel wieder einmal den Ofen heizt und Brot backt, so pass' auf! Wenn sie die gebackenen Brotlaibe aus dem Ofen zieht, so geh' her, wirf dein Gewand weg und krauch' eilends hinein. Die Backhitz' wird dir die Dummheit schon ausziehen.«

Der Alte dachte nicht weiter an den Spaß. Und einmal nach dem Brotbacken hörte die alte Gardel im Ofen ein erbärmliches Winseln und wälzte sich drinnen die zwergige Dirn. Wohl kam sie glücklich wieder aus dem Fegefeuer und insoweit war sie auch wirklich gescheiter geworden, in den heißen Ofen kroch sie nicht mehr. – Aber auch der alte Natz war um so viel gescheiter geworden, daß er keinen Halbnarren mehr foppte, sondern nur kluge Leute. –

Ähnlicher Art waren also die Hausgenossen des Jakob Steinreuter und ähnlich war die übrige Bevölkerung von Altenmoos. Freilich standen auch Schlaue und Verdächtige darunter, aber der Jakob war vertrauensselig und fast dankbar dafür, daß sie dem Boden treu geblieben.

In der Zwieselkeusche hatte sich ein Gesindel zusammengetan von Strolchen und Zigeunern, die freilich nichts weniger als heimgesessen sein konnten. Sie gaben sich angeblich mit Korbflechten und Kesselflicken ab, es waren jedoch der Körbe im Überfluß zu Altenmoos und lange nicht in allen Kesseln wurde gekocht. Der Jakob stand mit solchen Leuten nicht auf gutem Fuß und mußte zur Nachtszeit oft der Ferdinand auf der Wacht sein, daß aus der Scheune nicht das Korn, aus dem Stall nicht die Schafe, von den Feldwägen nicht die Eisenbeschläge davongingen. Der Bauer zahlte zwar auch Steuern auf die gute Meinung, vom Staate gesetzlichen Schutz seines Eigentums zu haben, aber der Herr Staat zuckt die Achseln: 's ist ein Waldbauer. Läßt sich nichts machen. – Dem Waldbauer ist es halt einmal so aufgesetzt! würde der Wegerer sagen.

Eines Tages kam ein Schreiben vom Friedel. Es war etwa sieben Wochen nach seiner Einrückung. Der Jakob wunderte sich über die Maßen, daß der Brief so munter war.

»Liebe Eltern!« hatte er geschrieben, das letzte Wort aber gestrichen und »Vater« dafür gesetzt. – Was hat denn der so Wichtiges zu denken, daß er der Mutter Absterben vergessen kann! Ist er denn nicht selber dabei gewesen? So dachte der Jakob. Daß aber dem Burschen damals sein eigenes Abscheiden von der Heimat das Herz taumelig gemacht hatte, daß im Kopf eines braven Knaben Heimat und Mutter beisammen wohnen, als ob eines ohne das andere nicht sein könnte, daran konnte der Jakob doch wieder nicht denken.

Der Friedel hatte in den Buchstaben noch den kindlichen eckigen, aber deutlichen Zug von der Schule her, und er schrieb:

 
»Lieber Vater!

Ich wünsche, daß Euch meine paar Zeilen in bester Gesundheit antreffen möchten. Ich bin Gott sei Dank gesund und fehlt mir auch sonst nichts, wie sie sagen, daß man so Hunger leiden muß beim Militär, ich kann mich nicht beklagen. Das Exerzierenlernen ist wohl nicht leicht, kriegen viele Straf, ich bin derweil noch glücklich drauskommen. Sonst ist es wohl ganz anders als ich mir's vorgestellt hab'. Als Neuigkeit kann ich Euch schreiben, daß unser Feldwebel, heißt Johann Miesenbacher, die Sandeben kennt und auch einmal durch das Altenmoos gereist ist. Das ist mein bester Kamerad. Aufs Heimatl denk' ich wohl oft und kommt's mir für, wenn nur dort etwas auf mich warten tät'. Die Berg' werden schon stehen bleiben, wenn ich nur das Leben glücklich heimbring'. Auf meine Gesundheit schau ich wohl gut und die Zeit wird doch vergehen. Weil ich nur nicht bei der Kavallerie bin, die müssen länger dienen, heißt's. Wenn wir Krieg kriegen, das macht mir nichts, wird doppelte Dienstzeit gerechnet und vor den Kugeln fürcht' ich mich nicht, für mich ist keine gossen. Geld hab' ich noch nicht vonnöten, daheim ist alles gut aufgehoben. Bleibet recht gesund und ich lasse alle Bekannten grüßen, auch in Sandeben und sie sollen nicht ganz auf mich vergessen. Ich beschließe mein Schreiben im Schutze Gottes und verbleibe Euer dankschuldiger Sohn bis ins kühle Grab.

Friedrich Steinreuter,                        
beim 27. Infanterie-Regiment König der Belgier usw.«
 

»Munter« nannte das der Jakob! Als er jedoch den Brief das wiederholte Mal las, da entging ihm nicht der schwermütige Hauch des Heimwehs, der in dem Briefe war. Nur der betrübte und verschämte Hinweis auf etwas, das seiner warten möchte, auf die Bekannten in Sandeben, ging unverstanden an dem Vaterherzen vorüber. Das hätte eine Mutter besser erlauscht. Der Jakob dachte an sonst nichts mehr als an seinen Hof und an Altenmoos und hatte vergessen, daß für einen zwanzigjährigen Knaben auch noch etwas anderes auf dieser Welt sein kann.

Sein Antwortschreiben an den Sohn enthielt folgende Stelle:

»Und da ist mir was eingefallen, Friedel, wie Du geschrieben hast: Wenn nur daheim etwas auf Dich tät' warten. Neben der Kapelle habe ich gestern einen jungen Weichselbaum gesetzt, der ist Dir vermeint. Es wartet alles auf Dich im ganzen Hof, aber der Weichselbaum ist ganz Dein, der wächst Dir zu und ist noch jung und frisch bis du heimkommst. Wenn ein junger Mensch um ein paar Jahre älter wird, das macht nichts, da wächst er erst ins rechte Leben hinein. Bei einem alten ist's freilich anders, aber ich verhoff's auch noch zu erleben mit Gottes Hilf, daß Du ins Heimathaus, in Dein Haus zurückkehrst...«

So haben sie sich gegenseitig getröstet. Und den jungen Weichselbaum betreute der Jakob, als wäre er ein Mensch. So oft ihm ums Herz war: wenn ich nur jetzt dem Friedel etwas Gutes tun könnte, ging er zum Weichselbaum, lockerte an dem Stämmchen die Erde, tat von den Zweigen die Käfer, von den Blättern die Würmchen. Und allemal, wenn er in der Kapelle sein Abendgebet verrichtet hatte, ging er auch noch zum Weichselbaum, streichelte ihn und sagte: »Gute Nacht, Friedel! Wie wird es dir jetzt gehen draußen in der weiten Welt! – – Gute Nacht, Friedel!«

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.