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Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1

William Makepeace Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1 - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/thackara/2jahrma1/2jahrma1.xml
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleJahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1
publisherprojekt.gutenberg.de
editorHella Reuters
year2012
firstpub2012
translatorChristoph Friedrich Grieb
senderreuters@abc.de
created20120915
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5. Kapitel / Chapter 5

Unser Dobbin / Dobbin of Ours

Cuffs Kampf mit Dobbin und der unerwartete Ausgang dieser Schlägerei werden allen Zöglingen aus Doktor Swishtails berühmter Schule noch lange im Gedächtnis haften. Dobbin (den die Knaben auch Dös-Dobbin, Hottehü-Dobbin nannten und mit vielen verächtlichen Spitznamen bedachten) war der ruhigste, schwerfälligste und, wie es schien, dümmste von allen jungen Herren bei Doktor Swishtail. Sein Vater hatte einen Kramladen in London, und man munkelte, er sei in Doktor Swishtails Schule nur unter der Bedingung »gegenseitiger Verbindlichkeit« aufgenommen worden, das heißt, sein Vater bezahle für Lebensunterhalt und Ausbildung mit Waren anstatt bar, und der junge Dobbin stand nun – einer der Letzten der Schule – in schäbigen Kordhosen und einer Jacke, deren Nähte seine groben Knochen sprengten, als Verkörperung von soundso vielen Pfund Tee, Kerzen, Zucker, billiger Seife und Rosinen (wovon nur eine sehr geringe Menge für den Schulpudding geliefert wurde) und anderer Waren. Es war ein fürchterlicher Tag für den jungen Dobbin, als einer der Zöglinge, von einem Jagdzug durch die Stadt auf Zuckerwerk und Würstchen zurückgekehrt, erspähte, wie vor des Doktors Tür ein Frachtkarren von Dobbin und Rudge, Spezerei- und Delikatessenhandlung, London, Thames Street, voller Waren, mit denen die Firma handelte, entladen wurde.

 

Cuff’s fight with Dobbin, and the unexpected issue of that contest, will long be remembered by every man who was educated at Dr. Swishtail’s famous school. The latter Youth (who used to be called Heigh-ho Dobbin, Gee-ho Dobbin, and by many other names indicative of puerile contempt) was the quietest, the clumsiest, and, as it seemed, the dullest of all Dr. Swishtail’s young gentlemen. His parent was a grocer in the city: and it was bruited abroad that he was admitted into Dr. Swishtail’s academy upon what are called “mutual principles" — that is to say, the expenses of his board and schooling were defrayed by his father in goods, not money; and he stood there — most at the bottom of the school — in his scraggy corduroys and jacket, through the seams of which his great big bones were bursting — as the representative of so many pounds of tea, candles, sugar, mottled-soap, plums (of which a very mild proportion was supplied for the puddings of the establishment), and other commodities. A dreadful day it was for young Dobbin when one of the youngsters of the school, having run into the town upon a poaching excursion for hardbake and polonies, espied the cart of Dobbin & Rudge, Grocers and Oilmen, Thames Street, London, at the Doctor’s door, discharging a cargo of the wares in which the firm dealt.

Von da an hatte der junge Dobbin keine ruhige Minute mehr. Fürchterliche und grausame Neckereien wurden mit ihm getrieben. »He, Dobbin«, verkündete einer der Witzbolde, »da stehen gute Nachrichten in der Zeitung; Zucker wird teurer, mein Junge.« Ein anderer stellte ihm eine Rechenaufgabe: »Wenn ein Pfund Kerzen siebeneinhalb Pence kostet, wieviel kostet dann Dobbin?« Und jedesmal folgte ein schallendes Gelächter der jungen Schurken, in das der Hilfslehrer und alle anderen einstimmten, die den Einzelhandel richtig als schandbare, nichtswürdige Tätigkeit verdammten und meinten, er verdiene Spott und Verachtung eines jeden wahren Gentlemans.

 

Young Dobbin had no peace after that. The jokes were frightful, and merciless against him. “Hullo, Dobbin,” one wag would say, “here’s good news in the paper. Sugars is ris’, my boy.” Another would set a sum — "If a pound of mutton-candles cost sevenpence-halfpenny, how much must Dobbin cost?” and a roar would follow from all the circle of young knaves, usher and all, who rightly considered that the selling of goods by retail is a shameful and infamous practice, meriting the contempt and scorn of all real gentlemen.

»Dein Vater ist doch auch nichts anderes als ein Kaufmann, Osborne«, sagte Dobbin unter vier Augen zu dem kleinen Knaben, der den Sturm gegen ihn heraufbeschworen hatte. Dieser antwortete darauf nur hochmütig: »Mein Vater ist ein Gentleman und hält eine Equipage.« Mr. William Dobbin aber zog sich in einen Schuppen im Hintergrund des Spielplatzes zurück, wo er den freien Nachmittag in bitterster Trauer und Wehmut verbrachte. Wer unter uns erinnert sich nicht ähnlicher Stunden bitteren, ach, so bitteren Kinderkummers? Wer empfindet eine Ungerechtigkeit so tief, wen kränkt Geringschätzung so sehr, wer hätte ein so feines Gefühl für Recht und Unrecht, wer ist so dankbar für jede Freundlichkeit wie ein edelmütiger Knabe? Und ach, wie viele solcher sanften Gemüter erniedrigt, beleidigt und quält ihr wegen ein paar arithmetischer Formeln und einiger Brocken Küchenlatein!

 

“Your father’s only a merchant, Osborne,” Dobbin said in private to the little boy who had brought down the storm upon him. At which the latter replied haughtily, “My father’s a gentleman, and keeps his carriage”; and Mr. William Dobbin retreated to a remote outhouse in the playground, where he passed a half-holiday in the bitterest sadness and woe. Who amongst us is there that does not recollect similar hours of bitter, bitter childish grief? Who feels injustice; who shrinks before a slight; who has a sense of wrong so acute, and so glowing a gratitude for kindness, as a generous boy? and how many of those gentle souls do you degrade, estrange, torture, for the sake of a little loose arithmetic, and miserable dog-latin?

William Dobbin jedenfalls war stets unter den allerletzten Schülern Doktor Swishtails zu finden, da er sich außerstande sah, auch nur die Anfangsgründe der obigen Sprache, wie sie in der wunderbaren »Etoner Lateinischen Grammatik« aufgeführt sind, zu erlernen. Er wurde ständig von kleinen rotwangigen Bürschchen, die noch Lätzchen trugen, gehänselt, wenn er mit der untersten Klasse aufmarschierte, ein Riese unter den Kleinen, niedergeschlagenen, erschrockenen Blickes, in seinen engen Kordhosen, die Fibel mit unzähligen Eselsohren unter dem Arm. Alle, vom ersten bis zum letzten, machten sich über ihn lustig. Sie nähten ihm seine sowieso schon zu engen Kordhosen ZU. Sie schnitten ihm die Bettgurte entzwei. Sie kippten Eimer und Bänke um, damit er sich daran die Schienbeine breche, was er auch jedesmal fast tat. Sie schickten ihm Pakete, aus denen er Kerzen und Seife vom väterlichen Laden auspackte. Es gab kein Bürschchen in der Schule, das nicht mit Dobbin seinen Spott und Spaß getrieben hätte; und der Ärmste ertrug alles mit Geduld, sagte keinen Ton und war unaussprechlich unglücklich.

 

Now, William Dobbin, from an incapacity to acquire the rudiments of the above language, as they are propounded in that wonderful book the Eton Latin Grammar, was compelled to remain among the very last of Doctor Swishtail’s scholars, and was “taken down” continually by little fellows with pink faces and pinafores when he marched up with the lower form, a giant amongst them, with his downcast, stupefied look, his dog’s-eared primer, and his tight corduroys. High and low, all made fun of him. They sewed up those corduroys, tight as they were. They cut his bed-strings. They upset buckets and benches, so that he might break his shins over them, which he never failed to do. They sent him parcels, which, when opened, were found to contain the paternal soap and candles. There was no little fellow but had his jeer and joke at Dobbin; and he bore everything quite patiently, and was entirely dumb and miserable.

Cuff dagegen war der große Held und feine Pinkel der Swishtailschen Schule. Er schmuggelte Wein ein und schlug sich mit den Stadtjungen herum. Jeden Sonnabend ritt er auf einem Pony heim, das extra für ihn kam. In seinem Zimmer hatte er Stulpenstiefel, in denen er während der Ferien auf Jagd ging. Er besaß eine goldene Repetieruhr und schnupfte Tabak wie der Doktor. Er hatte die Oper besucht und kannte die Vorzüge der ersten Schauspieler, wobei er mehr von Kean hielt als von Kemble. Er konnte in einer Stunde vierzig lateinische Verse aus dem Ärmel schütteln. Er konnte französisch dichten, und was konnte oder wußte er nicht noch alles! Sogar der Doktor selbst fürchte sich vor ihm, hieß es.

 

Cuff, on the contrary, was the great chief and dandy of the Swishtail Seminary. He smuggled wine in. He fought the town-boys. Ponies used to come for him to ride home on Saturdays. He had his top-boots in his room, in which he used to hunt in the holidays. He had a gold repeater: and took snuff like the Doctor. He had been to the Opera, and knew the merits of the principal actors, preferring Mr. Kean to Mr. Kemble. He could knock you off forty Latin verses in an hour. He could make French poetry. What else didn’t he know, or couldn’t he do? They said even the Doctor himself was afraid of him.

Cuff, unbestrittener König der Schule, herrschte über seine Untertanen und drangsalierte sie in großartiger Überlegenheit. Dieser wichste seine Schuhe, jener röstete ihm das Brot, andere wieder mußten ganze Sommernachmittage lang beim Kricket Balljunge für ihn spielen. »Feige« war der Junge, den er am meisten verachtete und mit dem er sich kaum je herabließ, persönlich zu verkehren, obwohl er ihn stets beschimpfte und auslachte.

 

Cuff, the unquestioned king of the school, ruled over his subjects, and bullied them, with splendid superiority. This one blacked his shoes: that toasted his bread, others would fag out, and give him balls at cricket during whole summer afternoons. “Figs” was the fellow whom he despised most, and with whom, though always abusing him, and sneering at him, he scarcely ever condescended to hold personal communication.

Eines Tages hatten die beiden jungen Herren eine Meinungsverschiedenheit. Feige, der allein im Klassenzimmer war, schwitzte über einem Brief nach Hause, als Cuff eintrat und ihm einen Auftrag gab, bei dem es sich höchstwahrscheinlich um Törtchen drehte.

 

One day in private, the two young gentlemen had had a difference. Figs, alone in the schoolroom, was blundering over a home letter; when Cuff, entering, bade him go upon some message, of which tarts were probably the subject.

»Ich kann nicht«, sagte Dobbin, »ich möchte meinen Brief fertigschreiben.«

 

“I can’t,” says Dobbin; “I want to finish my letter.”

»Du kannst nicht?« fragte Mr. Cuff und griff nach dem Schriftstück (in dem viele Wörter ausgestrichen oder falsch geschrieben waren und dessen Abfassung den Schreiber wer weiß wie viele mühsame Gedanken und Tränen gekostet hatte, denn der arme Bursche schrieb an seine Mutter, die ihn liebte, obgleich sie nur eine Krämersfrau war und in einem Hinterzimmer in der Thames Street wohnte). »Du kannst nicht?« fragte Mr. Cuff. »Ich möchte mal wissen, warum nicht. Kannst du nicht morgen an die olle Mutter Feige schreiben?«

 

“You can’t?” says Mr. Cuff, laying hold of that document (in which many words were scratched out, many were mis-spelt, on which had been spent I don’t know how much thought, and labour, and tears; for the poor fellow was writing to his mother, who was fond of him, although she was a grocer’s wife, and lived in a back parlour in Thames Street). “You can’t?” says Mr. Cuff: “I should like to know why, pray? Can’t you write to old Mother Figs to-morrow?”

»Ich laß sie nicht beschimpfen«, begehrte Dobbin auf und sprang von seiner Bank hoch.

 

“Don’t call names,” Dobbin said, getting off the bench very nervous.

»Nun, wirst du gehen?« krähte der Hahn der Schule.

 

“Well, sir, will you go?” crowed the cock of the school.

»Leg den Brief hin«, erwiderte Dobbin; »kein Gentleman liest fremde Briefe.«

 

“Put down the letter,” Dobbin replied; “no gentleman readth letterth.”

»Hm, wirst du nun bald gehen?« fragte der andere.

 

“Well, now will you go?” says the other.

»Nein, habe ich gesagt. Hör auf, sonst verdresche ich dich«, brüllte Dobbin, sprang auf ein bleiernes Tintenfaß zu und sah so bösartig aus, daß Mr. Cuff innehielt, seine Rockärmel wieder herabstreifte, die Hände in die Hosentaschen steckte und hohnlächelnd davonging. Von da an ließ er sich nie wieder mit dem Krämerjungen ein, obgleich wir ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen, daß er hinter Mr. Dobbins Rücken stets mit Verachtung von ihm sprach.

 

“No, I won’t. Don’t strike, or I’ll thmash you,” roars out Dobbin, springing to a leaden inkstand, and looking so wicked, that Mr. Cuff paused, turned down his coat sleeves again, put his hands into his pockets, and walked away with a sneer. But he never meddled personally with the grocer’s boy after that; though we must do him the justice to say he always spoke of Mr. Dobbin with con-tempt behind his back.

Einige Zeit nach diesem Vorfall geschah es, daß Mr. Cuff an einem sonnigen Nachmittag in der Nähe des armen William Dobbin auftauchte, der unter einem Baum auf dem Spielplatz lag und, abgesondert von den übrigen Schülern, die ihren verschiedenen Vergnügungen nachgingen, ganz einsam und beinahe glücklich sein Lieblingsbuch »Tausendundeine Nacht« durchbuchstabierte. Würden die Menschen doch bloß Kinder sich selbst überlassen; würden doch die Lehrer nur aufhören, sie einzuschüchtern; würden die Eltern doch bloß davon ablassen, die Gedanken ihrer Kinder zu lenken und ihre Gefühle zu beherrschen – Gefühle und Gedanken, die allen ein Geheimnis sind (denn was wissen wir schon voneinander, von unseren Kindern, unseren Erzeugern, unseren Nachbarn, und wie unendlich viel schöner und heiliger sind doch wahrscheinlich die Gedanken der armen Knaben oder Mädchen, die ihr lenkt, als die der dummen und lasterhaften Person, die sie erziehen soll). Ach, würden nur, wie gesagt, Eltern und Lehrer ihre Kinder ein bißchen mehr sich selbst überlassen – der Schaden wäre unerheblich, wenn auch dabei weniger als in praesenti erreicht würde.

 

Some time after this interview, it happened that Mr. Cuff, on a sunshiny afternoon, was in the neighbourhood of poor William Dobbin, who was lying under a tree in the playground, spelling over a favourite copy of the Arabian Nights which he had apart from the rest of the school, who were pursuing their various sports — quite lonely, and almost happy. If people would but leave children to themselves; if teachers would cease to bully them; if parents would not insist upon directing their thoughts, and dominating their feelings — those feelings and thoughts which are a mystery to all (for how much do you and I know of each other, of our children, of our fathers, of our neighbour, and how far more beautiful and sacred are the thoughts of the poor lad or girl whom you govern likely to be, than those of the dull and world-corrupted person who rules him?) — if, I say, parents and masters would leave their children alone a little more, small harm would accrue, although a less quantity of as in praesenti might be acquired.

William Dobbin hatte also einmal die Welt vergessen, war mit Sindbad dem Seefahrer im Tale der Diamanten oder bei dem Prinzen Namenlos und der Fee Peribanu in jener prächtigen Höhle, wo der Prinz sie fand und wohin wir wohl alle gern eine kleine Reise machen würden – als das gellende Geschrei eines kleinen Jungen ihn aus seinen angenehmen Träumen schreckte. Er blickte auf und sah Cuff einen weinenden kleinen Knaben bearbeiten.

 

Well, William Dobbin had for once forgotten the world, and was away with Sindbad the Sailor in the Valley of Diamonds, or with Prince Ahmed and the Fairy Peribanou in that delightful cavern where the Prince found her, and whither we should all like to make a tour; when shrill cries, as of a little fellow weeping, woke up his pleasant reverie; and looking up, he saw Cuff before him, belabouring a little boy.

Es war der Bursche, der die Sache mit dem Krämerkarren verkündet hatte; aber Dobbin war nicht nachtragend, schon gar nicht gegenüber Jüngeren und Kleineren.

 

It was the lad who had peached upon him about the grocer’s cart; but he bore little malice, not at least towards the young and small. “How dare you, sir, break the bottle?” says Cuff to the little urchin, swinging a yellow cricket-stump over him.

»Wie konntest du es wagen, die Flasche zu zerbrechen?« schrie Cuff das Kerlchen an und schwang einen gelben Kricketstab über seinem Kopf. Der Kleine hatte den Auftrag erhalten, über die Mauer, die den Spielplatz umgab, zu steigen, und zwar an einer besonderen Stelle, wo die Glasscherben entfernt und in den Ziegeln bequeme Löcher angebracht worden waren; er sollte eine Viertelmeile laufen, eine Flasche Rum mit Zitrone auf Kredit kaufen und allen draußen herumlungernden Spähern des Doktors zum Trotz wieder in den Spielplatz zurückklettern; als er diese Heldentat gerade vollbrachte, war er ausgeglitten, die Flasche war zerbrochen und das Getränk ausgelaufen. Er hatte sich die Hose zerrissen und erschien nun wieder vor seinem Auftraggeber – ein zitternder, schuldlos schuldiger armer Wicht.

 

The boy had been instructed to get over the playground wall (at a selected spot where the broken glass had been removed from the top, and niches made convenient in the brick); to run a quarter of a mile; to purchase a pint of rum-shrub on credit; to brave all the Doctor’s outlying spies, and to clamber back into the playground again; during the performance of which feat, his foot had slipt, and the bottle was broken, and the shrub had been spilt, and his pantaloons had been damaged, and he appeared before his employer a perfectly guilty and trembling, though harmless, wretch.

»Wie konntest du es wagen, die Flasche zu zerbrechen?« schrie Cuff. »Du nichtsnutziger Pfuscher. Du hast das Zeug getrunken und erzählst nun, die Flasche ist zerbrochen. Hand her, Bursche!«

 

“How dare you, sir, break it?” says Cuff; “you blundering little thief. You drank the shrub, and now you pretend to have broken the bottle. Hold out your hand, sir.”

 

Dumpf schlug der Stab auf die Kinderhand nieder. Ein Stöhnen folgte. Dobbin blickte auf. Die Fee Peribanu war mit dem Prinzen Achmed in die innerste Höhle entflohen; der Vogel Rock hatte Sindbad den Seefahrer weit aus dem Diamantentale in die Wolken entführt – da lag die Wirklichkeit wieder vor dem ehrlichen William: ein großer Junge schlug grundlos auf einen kleinen ein.

 

Down came the stump with a great heavy thump on the child’s hand. A moan followed. Dobbin looked up. The Fairy Peribanou had fled into the inmost cavern with Prince Ahmed: the Roc had whisked away Sindbad the Sailor out of the Valley of Diamonds out of sight, far into the clouds: and there was everyday life before honest William; and a big boy beating a little one without cause.

»Die andere Hand her, Bursche!« brüllte Cuff seinen kleinen Schulkameraden an, dessen Gesicht ganz schmerzverzerrt war. Dobbin flog am ganzen Körper, als er sich in seinen abgeschabten, engen Kleidern aufrichtete.

 

“Hold out your other hand, sir,” roars Cuff to his little schoolfellow, whose face was distorted with pain. Dobbin quivered, and gathered himself up in his narrow old clothes.

»Hier hast du noch was, du verflixter Kerl!« rief Mr. Cuff, und abermals schlug der Stab auf die Hand des Kindes. (Entsetzen Sie sich nicht, meine Damen, jeder Schuljunge hat das getan. Auch Ihre Kinder werden es höchstwahrscheinlich tun und selbst erdulden müssen.) Wiederum sauste der Stab herab, und Dobbin sprang auf.

 

“Take that, you little devil!” cried Mr. Cuff, and down came the wicket again on the child’s hand. — Don’t be horrified, ladies, every boy at a public school has done it. Your children will so do and be done by, in all probability. Down came the wicket again; and Dobbin started up.

Seine Beweggründe kenne ich nicht. In der Schule sind Foltermethoden ebenso gestattet wie in Rußland die Knute, und es ist eines Gentlemans unwürdig, sich zu widersetzen. Vielleicht empörte sich Dobbins törichtes Herz wider diese Tyrannei; vielleicht kochte in ihm auch noch ein Rachegefühl, und es verlangte ihn, sich mit dem glänzenden und tyrannischen Raufbold zu messen, der in der Schule allen Ruhm, alles Gepränge auf sich konzentrierte, für den allein die Fahnen geschwenkt, die Trommeln gerührt, Ehrenbezeigungen gegeben wurden. Welchen Beweggrund Dobbin auch gehabt haben mag, er sprang jedenfalls auf und schrie: »Halt, Cuff; schlag das Kind nicht länger, oder ich werde...«

 

I can’t tell what his motive was. Torture in a public school is as much licensed as the knout in Russia. It would be ungentlemanlike (in a manner) to resist it. Perhaps Dobbin’s foolish soul revolted against that exercise of tyranny; or perhaps he had a hankering feeling of revenge in his mind, and longed to measure himself against that splendid bully and tyrant, who had all the glory, pride, pomp, circumstance, banners flying, drums beating, guards saluting, in the place. Whatever may have been his incentive, however, up he sprang, and screamed out, “Hold off, Cuff; don’t bully that child any more; or I’ll — ”

»Oder du wirst was?« fragte Cuff, verwundert über die Unterbrechung. »Los, Hand her, du kleine Bestie.«

 

“Or you’ll what?” Cuff asked in amazement at this interruption. “Hold out your hand, you little beast.”

»Ich prügle dich, wie du noch nie in deinem Leben geprügelt worden bist«, erwiderte Dobbin auf Cuffs Frage; und der kleine Osborne blickte, luftschnappend und in Tränen aufgelöst, verwundert und ungläubig auf, als er diesen erstaunlichen Kämpen mit einem Male zu seiner Verteidigung auftreten sah; Cuffs Erstaunen war kaum geringer. Man stelle sich unseren seligen Monarchen Georg III. vor, als er die Nachricht vom Aufstand der nordamerikanischen Kolonien hörte, man stelle sich den ehernen Goliath vor, als der kleine David vor ihn hintrat und ihn herausforderte – dann hat man die Gefühle vor Augen, die Mr. Reginald Cuff beherrschten, als er zu diesem Duell gefordert wurde.

 

“I’ll give you the worst thrashing you ever had in your life,” Dobbin said, in reply to the first part of Cuff’s sentence; and little Osborne, gasping and in tears, looked up with wonder and incredulity at seeing this amazing champion put up suddenly to defend him: while Cuff’s astonishment was scarcely less. Fancy our late monarch George III when he heard of the revolt of the North American colonies: fancy brazen Goliath when little David stepped forward and claimed a meeting; and you have the feelings of Mr. Reginald Cuff when this rencontre was proposed to him.

»Nach der Schule«, antwortete er nach einer Pause selbstverständlich, mit einem Blick, als wolle er sagen: Mach dein Testament und teile in der Zwischenzeit deinen Freunden deine letzten Wünsche mit!

 

“After school,” says he; of course; after a pause and a look, as much as to say, “Make your will, and communicate your last wishes to your friends between this time and that.”

»Wie du willst«, meinte Dobbin, »Du mußt mein Sekundant sein, Osborne.«

 

“As you please,” Dobbin said. “You must be my bottle holder, Osborne.”

»Gut, wenn du meinst«, erwiderte der kleine Osborne; denn bekanntlich hatte sein Vater eine Equipage, und so schämte sich der Kleine ein wenig seines Kämpen.

 

“Well, if you like,” little Osborne replied; for you see his papa kept a carriage, and he was rather ashamed of his champion.

Ja, als die Stunde des Kampfes nahte, schämte er sich beinahe, »Drauf, Feige!« zu rufen; und während der ersten zwei oder drei Runden dieses berühmten Kampfes stieß nicht ein einziger der Knaben den Schlachtschrei aus, denn am Anfang ließ der versierte Cuff, ein verächtliches Lächeln auf dem Gesicht, leicht und spielerisch, als sei es nichts, die Schläge auf seinen Gegner niederhageln und schickte den unglücklichen Kämpen dreimal hintereinander zu Boden. Jedesmal erhob sich ein lautes Hurragebrüll, und alle stritten sich um die Ehre, dem Sieger ein Knie zu bieten.

 

Yes, when the hour of battle came, he was almost ashamed to say, “Go it, Figs”; and not a single other boy in the place uttered that cry for the first two or three rounds of this famous combat; at the commencement of which the scientific Cuff, with a contemptuous smile on his face, and as light and as gay as if he was at a ball, planted his blows upon his adversary, and floored that unlucky champion three times running. At each fall there was a cheer; and everybody was anxious to have the honour of offering the conqueror a knee.

Was werde ich erst für eine Tracht kriegen, wenn das vorüber ist, dachte der junge Osborne, während er seinem Mann hochhalf. »Es wäre doch das beste, du würdest aufgeben«, redete er auf Dobbin ein; »er hat mich doch nur ein bißchen verprügelt, Feige, und daran bin ich schon gewöhnt, weißt du.«

 

“What a licking I shall get when it’s over,” young Osborne thought, picking up his man. “You’d best give in,” he said to Dobbin; “it’s only a thrashing, Figs, and you know I’m used to it.” But Figs, all whose limbs were in a quiver, and whose nostrils were breathing rage, put his little bottle-holder aside, and went in for a fourth time.

Aber Feige, der am ganzen Leibe zitterte und aus dessen Nüstern Wut sprühte, schob seinen kleinen Sekundanten beiseite und trat zum vierten Male an. Da er keine Ahnung hatte, wie er die gegen ihn gerichteten Schläge parieren könnte, und da Cuff die drei ersten Male angegriffen hatte, ohne seinem Gegner Gelegenheit zum Schlag zu geben, beschloß Feige, nun seinerseits den Kampf mit einem Angriff zu eröffnen; da er Linkshänder war, brachte er nun diese Faust ins Spiel und schlug einige Male mit aller Kraft zu  – traf einmal Mr. Cuffs linkes Auge und ein anderes Mal seine schöne römische Nase.

 

As he did not in the least know how to parry the blows that were aimed at himself, and Cuff had begun the attack on the three preceding occasions, without ever allowing his enemy to strike, Figs now determined that he would commence the engagement by a charge on his own part; and accordingly, being a left-handed man, brought that arm into action, and hit out a couple of times with all his might — once at Mr. Cuff’s left eye, and once on his beautiful Roman nose.

Diesmal ging Cuff, zum großen Erstaunen der Umstehenden, zu Boden. »Gut getroffen, beim Zeus«, lobte der kleine Osborne mit Kennermiene und klopfte seinem Mann auf die Schulter. »Immer schön die Linke brauchen, Feige, mein Junge.«

 

Cuff went down this time, to the astonishment of the assembly. “Well hit, by Jove,” says little Osborne, with the air of a connoisseur, clapping his man on the back. “Give it him with the left, Figs my boy.”

Feiges Linke tat während des weiteren Kampfes ganze Arbeit. Jedesmal ging Cuff zu Boden. In der sechsten Runde schrien fast ebenso viele »auf ihn, Feige« wie »auf ihn, Cuff«. In der zwölften Runde war Cuff ganz angeschlagen, wie man so sagt, und hatte alle Geistesgegenwart verloren und weder Kraft zum Angriff noch zur Verteidigung. Feige dagegen war so ruhig wie ein Quäker. Sein bleiches Gesicht, seine glänzenden, aufgerissenen Augen und eine stark blutende Schramme an seiner Unterlippe verliehen dem jungen Burschen ein so wildes und gräßliches Aussehen, daß viele Zuschauer Furcht ergriff. Trotzdem bereitete sich sein unerschrockener Gegner zur dreizehnten Runde vor.

 

Figs’s left made terrific play during all the rest of the combat. Cuff went down every time. At the sixth round, there were almost as many fellows shouting out, “Go it, Figs,” as there were youths exclaiming, “Go it, Cuff.” At the twelfth round the latter champion was all abroad, as the saying is, and had lost all presence of mind and power of attack or defence. Figs, on the contrary, was as calm as a quaker. His face being quite pale, his eyes shining open, and a great cut on his underlip bleeding profusely, gave this young fellow a fierce and ghastly air, which perhaps struck terror into many spectators. Nevertheless, his intrepid adversary prepared to close for the thirteenth time.

Hätte ich die Feder eines Napier oder könnte so gut schreiben wie »Beils Leben«, so würde ich diesen Kampf im einzelnen beschreiben. Es war der letzte Angriff der Garde (das heißt, er wäre es gewesen, hätte Waterloo schon stattgefunden) – es war Neys Kolonne, im Sturm auf den Hügel von La Haye Sainte, von zehntausend Bajonetten starrend und gekrönt mit zwanzig Adlern; es war das Kampfgeschrei der Briten, die den Hügel hinabstürzten und sich dem Feinde entgegenwarfen, um ihn mit den wilden Armen der Schlacht zu umschließen; mit anderen Worten: Als Cuff, zwar mutig, aber ziemlich schwankend und betäubt, herankam, bearbeitete der Feigenhändler, wie bisher, mit seiner Linken tüchtig seines Gegners Nase und schickte ihn endgültig zu Boden.

 

If I had the pen of a Napier, or a Bell’s Life, I should like to describe this combat properly. It was the last charge of the Guard — (that is, it would have been, only Waterloo had not yet taken place) — it was Ney’s column breasting the hill of La Haye Sainte, bristling with ten thousand bayonets, and crowned with twenty eagles — it was the shout of the beef-eating British, as leaping down the hill they rushed to hug the enemy in the savage arms of battle — in other words, Cuff coming up full of pluck, but quite reeling and groggy, the Fig-merchant put in his left as usual on his adversary’s nose, and sent him down for the last time.

»Ich denke, er hat nun genug«, meinte Feige, als sein Gegner ebenso glatt auf den Rasen sackte, wie ich die Billardkugeln habe in ihr Loch fallen sehen; und tatsächlich konnte oder wollte Mr. Reginald Cuff, als ausgezählt wurde, nicht aufstehen.

 

“I think that will do for him,” Figs said, as his opponent dropped as neatly on the green as I have seen Jack Spot’s ball plump into the pocket at billiards; and the fact is, when time was called, Mr. Reginald Cuff was not able, or did not choose, to stand up again.

Und nun stimmten alle Knaben für Feige ein solches Freudengeschrei an, daß man hätte glauben können, er sei während des ganzen Kampfes ihr Liebling gewesen, und daß selbst Doktor Swishtail aus seinem Studierzimmer trat, um sich nach der Ursache des Lärmes zu erkundigen. Natürlich drohte er Feige mit einem gehörigen Quantum Prügel; aber Cuff, der gerade wieder zu sich gekommen war und seine Wunden wusch, stand auf und sagte: »Ich bin schuld, Sir, nicht Feige – eh, Dobbin. Ich habe einen kleinen Knaben verprügelt, und deshalb ist mir recht geschehen.« Mit dieser großmütigen Rede ersparte er nicht allein seinem Sieger eine Tracht Prügel, sondern gewann auch seinen Einfluß auf die Knaben zurück, den er durch seine Niederlage beinahe eingebüßt hatte.

 

And now all the boys set up such a shout for Figs as would have made you think he had been their darling champion through the whole battle; and as absolutely brought Dr. Swishtail out of his study, curious to know the cause of the uproar. He threatened to flog Figs violently, of course; but Cuff, who had come to himself by this time, and was washing his wounds, stood up and said, “It’s my fault, sir — not Figs’ — not Dobbin’s. I was bullying a little boy; and he served me right.” By which magnanimous speech he not only saved his conqueror a whipping, but got back all his ascendancy over the boys which his defeat had nearly cost him.

Der junge Osborne berichtete folgendes über den Vorfall nach Hause:

 

Young Osborne wrote home to his parents an account of the transaction.

Zuckerrohrstockhaus, Richmond, März 18..
Liebe Mama!

 

Sugarcane House, Richmond, March, 18 —
Dear Mama,

Ich hoffe, es geht Dir gut. Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du mir einen Kuchen und fünf Shilling schicken würdest. Hier hat es einen Kampf zwischen Cuff und Dobbin gegeben. Cuff, weißt Du, war der Hahn der Schule. Dreizehn Runden haben sie gekämpft, und Dobbin hat ihn tüchtig verprügelt. Cuff ist deshalb jetzt nur noch zweiter Hahn. Der Kampf war wegen mir. Cuff hat mich verdroschen, weil ich eine Flasche Milch zerbrochen habe, und Feige war dagegen. Wir nennen ihn Feige, weil sein Vater Krämer ist – Feige und Rudge, Thames Street, in der Innenstadt. Weil er für mich gekämpft hat, glaube ich, wäre es gut, wenn Du Deinen Tee und Zucker bei seinem Vater kaufen würdest. Cuff geht jeden Sonnabend nach Hause, diesmal kann er aber nicht, weil er 2 blaue Augen hat. Er hat ein weißes Pony, das holt ihn ab, und einen Reitknecht in Livree auf einem Braunen. Ich wünschte, Papa würde mir auch ein Pony schenken, und ich bin

Dein gehorsamer Sohn
George Sedley Osborne.

PS: Grüß bitte die kleine Emmy von mir; ich schneide ihr gerade eine Kutsche aus Pappe aus.

 

I hope you are quite well. I should be much obliged to you to send me a cake and five shillings. There has been a fight here between Cuff & Dobbin. Cuff, you know, was the Cock of the School. They fought thirteen rounds, and Dobbin Licked. So Cuff is now Only Second Cock. The fight was about me. Cuff was licking me for breaking a bottle of milk, and Figs wouldn’t stand it. We call him Figs because his father is a Grocer — Figs & Rudge, Thames St., City — I think as he fought for me you ought to buy your Tea & Sugar at his father’s. Cuff goes home every Saturday, but can’t this, because he has 2 Black Eyes. He has a white Pony to come and fetch him, and a groom in livery on a bay mare. I wish my Papa would let me have a Pony, and I am

Your dutiful Son, George Sedley Osborne

P.S. — Give my love to little Emmy. I am cutting her out a Coach in cardboard. Please not a seed-cake, but a plum-cake.

Nach Dobbins Sieg stieg seine Würde ungeheuer in den Augen all seiner Schulkameraden, und der Name Feige – bisher ein Schimpfwort – wurde zu einem ebenso ehrenvollen und populären Beinamen wie alle anderen in der Schule. »Schließlich kann er doch nichts dafür, daß sein Vater ein Krämer ist«, sagte George Osborne, der sich trotz seiner Kleinheit unter den Swishtailschen Jungen großer Beliebtheit erfreute; und seine Ansicht fand überall Beifall. Man bezeichnete es als gemein, über Dobbins Geburt zu spotten. »Alte Feige« wurde zum Kosenamen, und der niederträchtige Hilfslehrer verhöhnte ihn nicht länger.

 

In consequence of Dobbin’s victory, his character rose prodigiously in the estimation of all his schoolfellows, and the name of Figs, which had been a byword of reproach, became as respectable and popular a nickname as any other in use in the school. “After all, it’s not his fault that his father’s a grocer,” George Osborne said, who, though a little chap, had a very high popularity among the Swishtail youth; and his opinion was received with great applause. It was voted low to sneer at Dobbin about this accident of birth. “Old Figs” grew to be a name of kindness and endearment; and the sneak of an usher jeered at him no longer.

Dobbins Mut wuchs mit den veränderten Verhältnissen. Er machte erstaunliche Fortschritte im Lernen. Der herrliche Cuff selbst, über dessen Herablassung Dobbin sich nur errötend wundern konnte, half ihm bei seinen lateinischen Versen, »büffelte« mit ihm in den Freistunden, brachte ihn im Triumph aus der untersten Klasse in die mittlere und verhalf ihm auch da zu einem ordentlichen Platz. Man entdeckte, daß er zwar schwach in den alten Sprachen war, in der Mathematik jedoch ungewöhnlich schnell auffaßte. Zu aller Zufriedenheit wurde er bei der nächsten öffentlichen Sommerprüfung der Drittbeste in Algebra und erhielt einen Preis, ein französisches Buch. Der geneigte Leser hätte das Gesicht seiner Mutter sehen sollen, als ihm der Doktor vor versammelter Schule, vor den Eltern und vielen anderen den »Télémaque«, jenen köstlichen Roman, mit der Widmung »für Gulielmo Dobbin« überreichte. Alle Knaben klatschten Beifall zum Zeichen ihrer Sympathie. Wer beschreibt sein Erröten, sein Stolpern, seine Verlegenheit oder zählt die Füße, auf die er trat, als er zu seinem Platz zurückging? Der alte Dobbin, sein Vater, der jetzt zum ersten Male Achtung vor ihm empfand, gab ihm vor aller Augen zwei Guineen, wovon das meiste für einen allgemeinen Schulschmaus verbraucht wurde; nach den Ferien kam er in einem Frack zur Schule zurück.

 

And Dobbin’s spirit rose with his altered circumstances. He made wonderful advances in scholastic learning. The superb Cuff himself, at whose condescension Dobbin could only blush and wonder, helped him on with his Latin verses; “coached” him in play-hours: carried him triumphantly out of the little-boy class into the middle-sized form; and even there got a fair place for him. It was discovered, that although dull at classical learning, at mathematics he was uncommonly quick. To the contentment of all he passed third in algebra, and got a French prize-book at the public Midsummer examination. You should have seen his mother’s face when Telemaque (that delicious romance) was presented to him by the Doctor in the face of the whole school and the parents and company, with an inscription to Gulielmo Dobbin. All the boys clapped hands in token of applause and sympathy. His blushes, his stumbles, his awkwardness, and the number of feet which he crushed as he went back to his place, who shall describe or calculate? Old Dobbin, his father, who now respected him for the first time, gave him two guineas publicly; most of which he spent in a general tuck-out for the school: and he came back in a tail-coat after the holidays.

Dobbin war ein viel zu bescheidener junger Bursche, um anzunehmen, daß er diese glückliche Wendung seiner Verhältnisse seinem eigenen, mutigen und mannhaften Einsatz verdanke: infolge einer gewissen Halsstarrigkeit zog er vor, sein Glück einzig und allein der Vermittlung und Güte des kleinen George Osborne zuzuschreiben, dem er daher auch von nun an seine Liebe schenkte, eine Liebe, wie nur Kinder sie fühlen – eine Liebe, wie sie der ungeschlachte Orson in dem bezaubernden Märchenbuch für seinen Besieger, den herrlichen jungen Valentine, empfand. Er warf sich dem kleinen Osborne zu Füßen und liebte ihn. Schon vor ihrer Bekanntschaft hatte er Osborne insgeheim bewundert. Jetzt war er sein Diener, sein Hund, sein Freitag. Er hielt Osborne für einen Ausbund von Vollkommenheit, für ihn war er der schönste, tapferste, fleißigste, gescheiteste, großherzigste Knabe der Welt. Er teilte sein Geld mit ihm, kaufte ihm unzählige Geschenke: Messer, Federtaschen, vergoldete Siegel, Süßigkeiten, kleine Singvögel und romantische Bücher mit großen bunten Abbildungen von Rittern und Räubern, in denen man oft die Widmung »Für George Sedley Osborne, Esquire, von seinem lieben Freund William Dobbin« lesen konnte. Diese Huldigungsweise nahm George gnädig entgegen, da sie seinen hohen Verdiensten zukamen.

 

Dobbin was much too modest a young fellow to suppose that this happy change in all his circumstances arose from his own generous and manly disposition: he chose, from some perverseness, to attribute his good fortune to the sole agency and benevolence of little George Osborne, to whom henceforth he vowed such a love and affection as is only felt by children — such an affection, as we read in the charming fairy-book, uncouth Orson had for splendid young Valentine his conqueror. He flung himself down at little Osborne’s feet, and loved him. Even before they were acquainted, he had admired Osborne in secret. Now he was his valet, his dog, his man Friday. He believed Osborne to be the possessor of every perfection, to be the handsomest, the bravest, the most active, the cleverest, the most generous of created boys. He shared his money with him: bought him uncountable presents of knives, pencil-cases, gold seals, toffee, Little Warblers, and romantic books, with large coloured pictures of knights and robbers, in many of which latter you might read inscriptions to George Sedley Osborne, Esquire, from his attached friend William Dobbin — the which tokens of homage George received very graciously, as became his superior merit.

So geschah es denn, daß Leutnant Osborne, als er am Tage des Vauxhall-Ausfluges am Russell Square ankam, zu den Damen sagte: »Mrs. Sedley, hoffentlich haben Sie noch Platz; ich habe Freund Dobbin eingeladen, hier mit uns zu essen und uns nach Vauxhall zu begleiten. Er ist fast so schüchtern wie Joe.«

 

So that Lieutenant Osborne, when coming to Russell Square on the day of the Vauxhall party, said to the ladies, “Mrs. Sedley, Ma’am, I hope you have room; I’ve asked Dobbin of ours to come and dine here, and go with us to Vauxhall. He’s almost as modest as Jos.”

»Schüchtern! Pah!« rief der beleibte Herr und warf einen Siegerblick auf Miss Sharp.

 

“Modesty! pooh,” said the stout gentleman, casting a vainqueur look at Miss Sharp.

»Das stimmt, aber du bist unvergleichlich anmutiger, Sedley«, fügte Osborne lachend hinzu. »Ich traf ihn im Bedfordklub, als ich dich dort suchte, und ich sagte ihm. Miss Amelia sei heimgekommen und wir hätten alle vor, heute abend auszugehen, und Mrs. Sedley sei ihm nicht länger böse, daß er auf der Kindergesellschaft die Punschbowle zerbrochen habe. Können Sie sich noch an die Katastrophe vor sieben Jahren erinnern, Madame?«

 

“He is — but you are incomparably more graceful, Sedley,” Osborne added, laughing. “I met him at the Bedford, when I went to look for you; and I told him that Miss Amelia was come home, and that we were all bent on going out for a night’s pleasuring; and that Mrs. Sedley had forgiven his breaking the punch-bowl at the child’s party. Don’t you remember the catastrophe, Ma’am, seven years ago?”

»Über das rote Seidenkleid von Mrs. Flamingo«, sagte die gutmütige Mrs. Sedley, »was er doch für ein Tolpatsch war, und seine Schwestern sind auch nicht viel anmutiger. Lady Dobbin war gestern abend mit dreien davon in Highbury. Figuren haben die, Kinder, nein!«

 

“Over Mrs. Flamingo’s crimson silk gown,” said good-natured Mrs. Sedley. “What a gawky it was! And his sisters are not much more graceful. Lady Dobbin was at Highbury last night with three of them. Such figures! my dears.”

»Der Alderman ist sehr reich, nicht wahr?« fragte Osborne verschmitzt. »Meinen Sie nicht auch, daß eine von den Töchtern für mich eine gute Partie wäre, Madame?«

 

“The Alderman’s very rich, isn’t he?” Osborne said archly. “Don’t you think one of the daughters would be a good spec for me, Ma’am?”

»Sie Dummkopf! Wer würde Sie schon nehmen mit Ihrem gelben Gesicht? Das möchte ich gern wissen.«

 

“You foolish creature! Who would take you, I should like to know, with your yellow face?”

»Ich und ein gelbes Gesicht? Warten Sie, bis Sie Dobbin gesehen haben. Der hat dreimal das gelbe Fieber gehabt, zweimal in Nassau und einmal auf Saint Kitts.«

 

“Mine a yellow face? Stop till you see Dobbin. Why, he had the yellow fever three times; twice at Nassau, and once at St. Kitts.”

»Lassen Sie nur, Ihres ist gelb genug für uns, nicht wahr, Emmy?« meinte Mrs. Sedley, worauf Miss Amelia nur mit einem Lächeln und einem sanften Erröten antwortete. Sie blickte auf Mr. George Osbornes blasses, interessantes Gesicht und den schönen, glänzendschwarzen, gekrausten Backenbart, der dem jungen Herrn selbst außerordentlich wohl gefiel, und dachte in ihrem kleinen Herzen, daß es weder in Seiner Majestät Armee noch in der ganzen Welt je ein solches Gesicht oder einen solchen Helden gegeben habe. »Ich kümmere mich nicht um Hauptmann Dobbins Hautfarbe«, sagte sie, »oder um seine Ungeschicklichkeit. Ich weiß, ich werde ihn stets gern haben.« Der Grund dafür war seine Freundschaft und Ritterlichkeit für ihren George.

 

“Well, well; yours is quite yellow enough for us. Isn’t it, Emmy?” Mrs. Sedley said: at which speech Miss Amelia only made a smile and a blush; and looking at Mr. George Osborne’s pale interesting countenance, and those beautiful black, curling, shining whiskers, which the young gentleman himself regarded with no ordinary complacency, she thought in her little heart that in His Majesty’s army, or in the wide world, there never was such a face or such a hero. “I don’t care about Captain Dobbin’s complexion,” she said, “or about his awkwardness. I shall always like him, I know,” her little reason being, that he was the friend and champion of George.

»In der ganzen Armee gibt es keinen netteren Menschen und keinen besseren Offizier, obgleich er nun einmal kein Adonis ist«, sagte Osborne. Dabei sah er treuherzig in den Spiegel und erhaschte dort den scharf auf ihn gerichteten Blick von Miss Sharp. Er errötete ein wenig, und Rebekka, dieses schlaue Hexlein, dachte in ihrem Herzen: Ah, mon beau Monsieur! Ich glaube, daß ich dein Kaliber jetzt kenne.

 

“There’s not a finer fellow in the service,” Osborne said, “nor a better officer, though he is not an Adonis, certainly.” And he looked towards the glass himself with much naivete; and in so doing, caught Miss Sharp’s eye fixed keenly upon him, at which he blushed a little, and Rebecca thought in her heart, “Ah, mon beau Monsieur! I think I have your gauge" — the little artful minx!

Als an diesem Abend Amelia im weißen Musselinkleid, frisch wie eine Rose, in den Salon getrippelt kam, bereit, in Vauxhall die Herzen zu erobern, und wie eine Lerche sang, trat ein langer ungelenker Herr mit großen Händen und Füßen und großen Ohren, die unter dem kurzgeschnittenen, schwarzen Haar noch mehr auffielen, auf sie zu. Er trug den häßlichen Uniformrock und den Dreispitz jener Zeit und machte ihr die linkischste Verbeugung, die je von einem Sterblichen dargebracht worden war.

 

That evening, when Amelia came tripping into the drawing-room in a white muslin frock, prepared for conquest at Vauxhall, singing like a lark, and as fresh as a rose — a very tall ungainly gentleman, with large hands and feet, and large ears, set off by a closely cropped head of black hair, and in the hideous military frogged coat and cocked hat of those times, advanced to meet her, and made her one of the clumsiest bows that was ever performed by a mortal.

Es war kein anderer als Hauptmann William Dobbin von Seiner Majestät ...tem Infanterieregiment, soeben aus Westindien zurückgekehrt, wo ihn das gelbe Fieber gepackt hatte. Dorthin hatte das Geschick sein Regiment beordert, während viele seiner tapferen Kameraden auf der Pyrenäenhalbinsel Ruhm ernteten.

 

This was no other than Captain William Dobbin, of His Majesty’s Regiment of Foot, returned from yellow fever, in the West Indies, to which the fortune of the service had ordered his regiment, whilst so many of his gallant comrades were reaping glory in the Peninsula.

Er hatte seine Ankunft mit einem so schüchternen und schwachen Klopfen angezeigt, daß es die Damen oben nicht gehört hatten; sonst wäre Miss Amelia ganz sicher nicht so kühn gewesen, singend ins Zimmer zu kommen. Nun aber drang das süße, frische Stimmchen geradewegs in das Herz des Hauptmanns und nistete sich dort ein. Als sie ihm die Hand zur Begrüßung hinhielt, zögerte er einen Augenblick, bevor er sie mit der seinen umschloß, und dachte bei sich: Ei, ist es möglich, bist du das kleine Mädchen im rosa Kleidchen, das ich doch erst kürzlich gesehen habe – an dem Abend, wo ich die Punschbowle umwarf, gerade nach meiner Ernennung? Bist du das kleine Mädchen, das George Osborne heiraten wird, wie er immer erzählt? Was für ein blühendes, junges Mädchen du bist! Der Schurke hat doch wahrhaftig das Große Los gezogen! All dieses dachte er, ehe er Amelias Hand ergriff und dabei seinen Dreispitz fallenließ.

 

He had arrived with a knock so very timid and quiet that it was inaudible to the ladies upstairs: otherwise, you may be sure Miss Amelia would never have been so bold as to come singing into the room. As it was, the sweet fresh little voice went right into the Captain’s heart, and nestled there. When she held out her hand for him to shake, before he enveloped it in his own, he paused, and thought — "Well, is it possible — are you the little maid I remember in the pink frock, such a short time ago — the night I upset the punch-bowl, just after I was gazetted? Are you the little girl that George Osborne said should marry him? What a blooming young creature you seem, and what a prize the rogue has got!” All this he thought, before he took Amelia’s hand into his own, and as he let his cocked hat fall.

Seine Geschichte von der Beendigung der Schule bis zu dem Augenblick, wo wir das Vergnügen haben, ihn wieder zu treffen, habe ich zwar nicht ausführlich erzählt, aber meines Erachtens doch für den scharfsinnigen Leser in dem Gespräch auf der vorhergehenden Seite einigermaßen verständlich angedeutet. Dobbin, der verachtete Krämer, war nun Alderman Dobbin, und Alderman Dobbin war Oberst bei der Londoner Bürgerwehr, die damals darauf brannte, den Einfall der Franzosen zu vereiteln. Der Herrscher und der Herzog von York hatten eine Truppenbesichtigung durchgeführt, an der auch Oberst Dobbins Korps beteiligt gewesen war (in diesem Korps war der alte Osborne nur ein kleiner Korporal). Oberst und Alderman war in den Ritterstand erhoben worden. Sein Sohn war zur Armee gegangen, und bald trat Osborne in dasselbe Regiment ein. Sie hatten in Westindien und Kanada gedient. Ihr Regiment war eben nach England zurückgekehrt, und Dobbin empfand für George Osborne immer noch die gleiche warme und hochherzige Freundschaft wie als Schuljunge.

 

His history since he left school, until the very moment when we have the pleasure of meeting him again, although not fully narrated, has yet, I think, been indicated sufficiently for an ingenious reader by the conversation in the last page. Dobbin, the despised grocer, was Alderman Dobbin — Alderman Dobbin was Colonel of the City Light Horse, then burning with military ardour to resist the French Invasion. Colonel Dobbin’s corps, in which old Mr. Osborne himself was but an indifferent corporal, had been reviewed by the Sovereign and the Duke of York; and the colonel and alderman had been knighted. His son had entered the army: and young Osborne followed presently in the same regiment. They had served in the West Indies and in Canada. Their regiment had just come home, and the attachment of Dobbin to George Osborne was as warm and generous now as it had been when the two were schoolboys.

Nun setzten sich diese trefflichen Leute bald zum Essen nieder. Sie sprachen von Krieg und Ruhm, von Bony und Lord Wellington und der letzten Nummer der »Gazette«. Jede Zeitung in jenen Tagen hatte in ihren Spalten einen Sieg, und die beiden tapferen jungen Männer brannten darauf, ihre eigenen Namen auf der ruhmvollen Liste zu erblicken, und verfluchten ihr mißliches Geschick, zu einem Regiment zu gehören, das bisher noch keine Gelegenheit gehabt hatte, sich auszuzeichnen. Miss Sharp brannte vor Begeisterung bei diesem aufregenden Gespräch, Miss Sedley dagegen zitterte und wurde fast ohnmächtig beim Zuhören. Mr. Joe erzählte einige seiner Tigerjagdgeschichten, beendete die von Miss Cutler und Stabsarzt Lance, bediente Rebekka bei Tisch und aß und trank selbst riesige Mengen.

 

So these worthy people sat down to dinner presently. They talked about war and glory, and Boney and Lord Wellington, and the last Gazette. In those famous days every gazette had a victory in it, and the two gallant young men longed to see their own names in the glorious list, and cursed their unlucky fate to belong to a regiment which had been away from the chances of honour. Miss Sharp kindled with this exciting talk, but Miss Sedley trembled and grew quite faint as she heard it. Mr. Jos told several of his tiger-hunting stories, finished the one about Miss Cutler and Lance the surgeon; helped Rebecca to everything on the table, and himself gobbled and drank a great deal.

Er sprang auf, um den Damen mit umwerfender Anmut die Tür zu öffnen, als diese sich zurückzogen, und zum Tisch zurückgekehrt, schenkte er sich einen Becher Rotwein nach dem andern ein und stürzte ihn mit nervöser Hast hinunter.

 

He sprang to open the door for the ladies, when they retired, with the most killing grace — and coming back to the table, filled himself bumper after bumper of claret, which he swallowed with nervous rapidity.

»Er trinkt sich Mut an«, flüsterte Osborne Dobbin zu, und endlich kamen Stunde und Wagen für Vauxhall.

 

“He’s priming himself,” Osborne whispered to Dobbin, and at length the hour and the carriage arrived for Vauxhall.

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