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Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1

William Makepeace Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1 - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/thackara/2jahrma1/2jahrma1.xml
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleJahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1
publisherprojekt.gutenberg.de
editorHella Reuters
year2012
firstpub2012
translatorChristoph Friedrich Grieb
senderreuters@abc.de
created20120915
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4. Kapitel. / Chapter 4.

Die grünseidene Börse / The Green Silk Purse

Die Panik des armen Joe dauerte zwei bis drei Tage; während dieser Zeit ließ er sich nicht zu Hause blicken; aber auch Miss Rebekka erwähnte seinen Namen nicht. Sie war voll ehrerbietiger Dankbarkeit Mrs. Sedley gegenüber, war über alle Maßen entzückt von den Basaren und fiel von einer Bewunderung in die andere im Theater, wohin die gutmütige Dame sie mitgenommen hatte. Eines Tages hatte Amelia Kopfschmerzen und konnte nicht an einer Landpartie teilnehmen, zu der die beiden jungen Mädchen eingeladen waren. Nichts konnte ihre Freundin bewegen, allein zu gehen. »Wie? Ich sollte dich allein lassen, wo du es doch warst, die der armen Waise zum erstenmal im Leben zeigte, was Glück und Liebe ist? Nimmermehr!« Die grünen Augen blickten zum Himmel auf und füllten sich mit Tränen; und Mrs. Sedley mußte zugeben, daß die Freundin ihrer Tochter ein bezaubernd gutes Herz besaß.

 

Poor Joe’s panic lasted for two or three days; during which he did not visit the house, nor during that period did Miss Rebecca ever mention his name. She was all respectful gratitude to Mrs. Sedley; delighted beyond measure at the Bazaars; and in a whirl of wonder at the theatre, whither the good-natured lady took her. One day, Amelia had a headache, and could not go upon some party of pleasure to which the two young people were invited: nothing could induce her friend to go without her. “What! you who have shown the poor orphan what happiness and love are for the first time in her life — quit you? Never!” and the green eyes looked up to Heaven and filled with tears; and Mrs. Sedley could not but own that her daughter’s friend had a charming kind heart of her own.

Was Mr. Sedleys Späße betrifft, so lachte Rebekka darüber mit einer Herzlichkeit und einer Ausdauer, die den gutmütigen Herrn nicht wenig ergötzte und erweichte. Aber nicht allein die Herrschaft gewann Miss Sharp für sich. Sie erweckte auch die Sympathien von Mrs. Blenkinsop, als sie das lebhafteste Interesse für das Einmachen von Himbeermarmelade, was im Zimmer der Haushälterin vor sich ging, an den Tag legte; sie blieb dabei, Sambo »Sir« oder »Mr. Sambo« zu nennen, zum großen Entzücken des Dieners; auch entschuldigte sie sich bei dem Zimmermädchen so liebenswürdig und bescheiden wegen der Mühe, die sie ihr verursache, wenn sie wagte, nach ihr zu läuten, daß die Gesindestube von ihr fast ebenso bezaubert war wie der Salon.

 

As for Mr. Sedley’s jokes, Rebecca laughed at them with a cordiality and perseverance which not a little pleased and softened that good-natured gentleman. Nor was it with the chiefs of the family alone that Miss Sharp found favour. She interested Mrs. Blenkinsop by evincing the deepest sympathy in the raspberry-jam preserving, which operation was then going on in the Housekeeper’s room; she persisted in calling Sambo “Sir,” and “Mr. Sambo,” to the delight of that attendant; and she apologised to the lady’s maid for giving her trouble in venturing to ring the bell, with such sweetness and humility, that the Servants’ Hall was almost as charmed with her as the Drawing Room.

Eines Tages, als sie einige Zeichnungen ansah, die Amelia von der Schule nach Hause geschickt hatte, stieß Rebekka plötzlich auf eine, die ihr einen Tränenstrom entlockte, und sie lief aus dem Zimmer. Es war an dem Tage, an dem Joe Sedley sich zum zweiten Male zeigte.

 

Once, in looking over some drawings which Amelia had sent from school, Rebecca suddenly came upon one which caused her to burst into tears and leave the room. It was on the day when Joe Sedley made his second appearance.

Amelia eilte ihrer Freundin nach, um die Ursache dieses plötzlichen Gefühlsausbruches zu erfahren, und das gutmütige Mädchen kam, ebenfalls ziemlich ergriffen, ohne ihre Gefährtin zurück. »Du weißt, Mama, ihr Vater war unser Zeichenlehrer in Chiswick, und er machte das meiste an unseren Zeichnungen.« »Meine Liebe! Miss Pinkerton sagte doch aber stets, daß er sie nicht anrührte, sondern bloß arrangierte!«

 

Amelia hastened after her friend to know the cause of this display of feeling, and the good-natured girl came back without her companion, rather affected too. “You know, her father was our drawing-master, Mamma, at Chiswick, and used to do all the best parts of our drawings.”

»Man nannte es arrangieren, Mama. Rebekka erinnert sich wohl noch an die Zeichnung und daß ihr Vater daran gearbeitet hat; und der Gedanke überkam sie ziemlich plötzlich, deshalb, weißt du, konnte sie...«

 

“My love! I’m sure I always heard Miss Pinkerton say that he did not touch them — he only mounted them.” “It was called mounting, Mamma. Rebecca remembers the drawing, and her father working at it, and the thought of it came upon her rather suddenly — and so, you know, she — "

»Das arme Kind ist ganz Herz«, meinte Mrs. Sedley.

 

“The poor child is all heart,” said Mrs. Sedley.

»Ich wollte, sie könnte noch eine Woche bei uns bleiben«, sagte Amelia.

 

“I wish she could stay with us another week,” said Amelia.

»Sie sieht Miss Cutler, mit der ich oft in Dumdum zusammen war, verteufelt ähnlich; nur ist sie blonder. Sie ist jetzt mit Lance, dem Stabsarzt bei der Artillerie, verheiratet. Weißt du, Mama, daß einst Quintin vom Vierzehnten Regiment mit mir wettete ...«

 

“She’s devilish like Miss Cutler that I used to meet at Dumdum, only fairer. She’s married now to Lance, the Artillery Surgeon. Do you know, Ma’am, that once Quintin, of the 14th, bet me — ”

»Oh, Joseph, wir kennen diese Geschichte bereits«, sagte Amelia lachend. »Du brauchst sie uns nicht wieder aufzutischen; aber überrede Mama, daß sie an Sir Dingsbums Crawley schreibt.« »Hatte er nicht einen Sohn bei der Königlichen Leichten Kavallerie in Indien?« »Ja, willst du an ihn schreiben und ihn um Erlaubnis bitten, daß die arme, liebe Rebekka noch hierbleiben kann? Aber hier kommt sie ja mit rotgeweinten Augen.«

 

“O Joseph, we know that story,” said Amelia, laughing. Never mind about telling that; but persuade Mamma to write to Sir Something Crawley for leave of absence for poor dear Rebecca: here she comes, her eyes red with weeping.”

»Es ist mir schon besser«, sagte das Mädchen mit dem süßesten Lächeln, das ihr zu Gebote stand, ergriff die ausgestreckte Hand der gutmütigen Mrs. Sedley und küßte sie respektvoll. »Wie freundlich sind doch alle zu mir! Alle«, setzte sie lachend hinzu, »außer Ihnen, Mr. Joseph.«

 

“I’m better, now,” said the girl, with the sweetest smile possible, taking good-natured Mrs. Sedley’s extended hand and kissing it respectfully. “How kind you all are to me! All,” she added, with a laugh, “except you, Mr. Joseph.”

»Ich!« sagte Joseph, der eine sofortige Flucht plante. »Grundgütiger Himmel! Lieber Gott! Miss Sharp!«

 

“Me!” said Joseph, meditating an instant departure “Gracious Heavens! Good Gad! Miss Sharp!’

»Ja; wie konnten Sie nur so grausam sein, mich am ersten Tage unserer Bekanntschaft dieses abscheuliche Pfeffergericht essen zu lassen? Sie sind nicht so nett zu mir wie die liebe Amelia.«

 

“Yes; how could you be so cruel as to make me eat that horrid pepper-dish at dinner, the first day I ever saw you? You are not so good to me as dear Amelia.”

»Er kennt dich nicht so gut«, rief Amelia..

 

“He doesn’t know you so well,” cried Amelia.

»Ich glaube nicht, daß jemand häßlich zu Ihnen sein könnte, meine Liebe«, bemerkte ihre Mutter.

 

“I defy anybody not to be good to you, my dear,” said her mother.

»Der Curry war köstlich, ja, wirklich«, meinte Joe würdevoll. »Vielleicht war nicht genug Zitronensaft darin; ja, das war es.«

 

“The curry was capital; indeed it was,” said Joe, quite gravely. “Perhaps there was not enough citron juice in it — no, there was not.”

»Und die Chilis?«

 

“And the chilis?”

»Beim Zeus, wie Sie dabei geschrien haben!« sagte Joe, von der Komik der Situation gepackt, und bekam einen Lachanfall, der wie gewöhnlich plötzlich wieder abbrach.

 

“By Jove, how they made you cry out!” said Joe, caught by the ridicule of the circumstance, and exploding in a fit of laughter which ended quite suddenly, as usual.

»Ein anderes Mal werde ich mich hüten, Sie für mich wählen zu lassen«, sagte Rebekka, als sie wieder zum Mittagessen hinabgingen. »Ich glaubte nicht, daß es Männer gäbe, die ihre Freude daran fänden, arme arglose Mädchen zu quälen.«

 

“I shall take care how I let you choose for me another time,” said Rebecca, as they went down again to dinner. “I didn’t think men were fond of putting poor harmless girls to pain.”

»Bei Gott, Miss Rebekka, um nichts in der Welt möchte ich Sie quälen.«

 

“By Gad, Miss Rebecca, I wouldn’t hurt you for the world.”

»Ja«, sagte sie, »ich weiß, daß Sie das nicht möchten.« Und dann drückte sie mit ihrer kleinen Hand die seine sehr zart und zog sie ganz erschrocken wieder zurück und sah ihm erst einen Augenblick ins Gesicht und dann auf die Treppenläuferstangen; und ich vermag nicht zu sagen, ob Josephs Herz nicht höher schlug, als das einfache Mädchen ihm so unwillkürlich ein schüchternes, zartes Zeichen ihrer Aufmerksamkeit gab.

 

“No,” said she, “I know you wouldn’t”; and then she gave him ever so gentle a pressure with her little hand, and drew it back quite frightened, and looked first for one instant in his face, and then down at the carpet-rods; and I am not prepared to say that Joe’s heart did not thump at this little involuntary, timid, gentle motion of regard on the part of the simple girl.

Es war ein Annäherungsversuch, und daher werden vielleicht einige vornehme Damen von unbestrittener Sittenstrenge die Handlung als unanständig verdammen; aber wie man sieht, mußte die arme Rebekka alle diese Mühe selbst auf sich nehmen. Wenn jemand zu arm ist, sich einen Dienstboten zu halten, so muß er, sei er auch noch so vornehm, seine Zimmer selbst kehren; hat ein liebes Mädchen keine liebe Mama, um die Sache mit dem jungen Mann ins reine zu bringen, so bleibt ihr nichts übrig, als es selbst zu tun. Ach, wie gut ist es, daß solche Frauen ihre Macht nicht öfter ausüben; wir können ihnen nicht widerstehen, wenn sie es tun. Schon bei der geringsten Absicht, die sie zeigen, sinken die Männer augenblicklich auf die Knie, ob alt oder häßlich, ist völlig gleichgültig. Und das ist die reine Wahrheit: Eine Frau kann bei günstiger Gelegenheit, wenn sie nicht gerade einen Buckel hat, heiraten, wen sie will. Seien wir dankbar, daß die lieben Geschöpfe wie die Tiere des Feldes sind und sich ihrer Macht nie bewußt werden. Wenn sie das täten, so würden sie uns völlig unterwerfen.

 

It was an advance, and as such, perhaps, some ladies of indisputable correctness and gentility will condemn the action as immodest; but, you see, poor dear Rebecca had all this work to do for herself. If a person is too poor to keep a servant, though ever so elegant, he must sweep his own rooms: if a dear girl has no dear Mamma to settle matters with the young man, she must do it for herself. And oh, what a mercy it is that these women do not exercise their powers oftener! We can’t resist them, if they do. Let them show ever so little inclination, and men go down on their knees at once: old or ugly, it is all the same. And this I set down as a positive truth. A woman with fair opportunities, and without an absolute hump, may marry whom she likes. Only let us be thankful that the darlings are like the beasts of the field, and don’t know their own power. They would overcome us entirely if they did.

O Gott! dachte Joseph, als er das Speisezimmer betrat, ich bekomme genau dieselben Gefühle wie bei Miss Cutler in Dumdum. Viele nette kleine Fragen über die Speisen richtete Miss Sharp bei Tisch halb zärtlich, halb schelmisch an ihn, denn nun stand sie schon auf ziemlich vertrautem Fuß mit der Familie, und die beiden Mädchen liebten sich wie Schwestern. Das tun junge, unverheiratete Mädchen immer, wenn sie zehn Tage in einem Hause gelebt haben.

 

“Egad!” thought Joseph, entering the dining-room, “I exactly begin to feel as I did at Dumdum with Miss Cutler.” Many sweet little appeals, half tender, half jocular, did Miss Sharp make to him about the dishes at dinner; for by this time she was on a footing of considerable familiarity with the family, and as for the girls, they loved each other like sisters. Young unmarried girls always do, if they are in a house together for ten days.

Als ob Amelia Rebekkas Pläne in jeder Weise fördern wollte, mußte sie ihren Bruder an ein wählend der letzten Osterferien gegebenes Versprechen erinnern – »als ich noch ein Schulmädchen war«, meinte sie lachend – ein Versprechen, daß er, Joseph, sie mit nach Vauxhall nehmen würde.

 

As if bent upon advancing Rebecca’s plans in every way — what must Amelia do, but remind her brother of a promise made last Easter holidays — "When I was a girl at school,” said she, laughing — a promise that he, Joseph, would take her to Vauxhall. “Now,” she said, “that Rebecca is with us, will be the very time.”

»Jetzt, wo Rebekka bei uns ist, wäre es gerade die beste Gelegenheit.« »Oh, herrlich!« rief Rebekka und war im Begriff, vor Freude in die Hände zu klatschen; aber sie besann sich und hielt inne, wie es einem bescheidenen Geschöpf, das sie war, geziemte.

 

“O, delightful!” said Rebecca, going to clap her hands; but she recollected herself, and paused, like a modest creature, as she was.

»Heute abend wird nichts daraus«, sagte Joe.

 

“To-night is not the night,” said Joe.

»Na, dann morgen.«

 

“Well, to-morrow.”

»Morgen bin ich mit eurem Vater zum Essen eingeladen«, sagte Mrs. Sedley.

 

“To-morrow your Papa and I dine out,” said Mrs. Sedley.

»Du glaubst doch nicht etwa, daß ich gehe, Mrs. Sed?« fragte ihr Mann. »Und daß eine Frau in deinem Alter und mit deiner Figur sich an so einem abscheulich feuchten Orte eine Erkältung holen soll?«

 

“You don’t suppose that I’m going, Mrs. Sed?” said her husband, “and that a woman of your years and size is to catch cold, in such an abominable damp place?”

»Es muß doch aber jemand die Kinder begleiten!« rief Mrs. Sedley.

 

“The children must have someone with them,” cried Mrs. Sedley.

»Joe mag mitgehen«, sagte der Vater lachend. »Er ist gewichtig genug dazu.« Bei diesen Worten mußte selbst Mr. Sambo am Seitentisch lachen, und der arme, dicke Joe verspürte die Neigung, der Mörder seines Vaters zu werden.

 

“Let Joe go,” said-his father, laughing. “He’s big enough.” At which speech even Mr. Sambo at the sideboard burst out laughing, and poor fat Joe felt inclined to become a parricide almost.

»Schnürt ihm das Korsett auf!« fuhr der alte Herr mitleidlos fort. »Spritzen Sie ihm doch Wasser ins Gesicht, Miss Sharp, oder tragen Sie ihn hinauf, das liebe Geschöpf fällt gleich in Ohnmacht. Armes Opferlamm! Tragt ihn hinauf, er ist federleicht!«

 

“Undo his stays!” continued the pitiless old gentleman. “Fling some water in his face, Miss Sharp, or carry him upstairs: the dear creature’s fainting. Poor victim! carry him up; he’s as light as a feather!”

»Verdammt, wenn das jemand aushält!« brüllte Joseph.

 

“If I stand this, sir, I’m d — !” roared Joseph.

»Laß Mr. Joes Elefanten kommen, Sambo!« rief der Vater. »Schick zum Zoo, Sambo.« Als aber der alte Witzbold sah, daß Joe vor lauter Ärger fast in Tränen ausbrach, hörte er auf zu lachen, streckte seinem Sohn die Hand entgegen und sagte: »Es herrscht ein offener Ton an der Börse, Joe – und du, Sambo, laß den Elefanten und gib mir und Mr. Joe ein Glas Champagner. Selbst Bony hat nicht solchen im Keller, mein Junge!«

 

“Order Mr. Jos’s elephant, Sambo!” cried the father. “Send to Exeter ’Change, Sambo”; but seeing Jos ready almost to cry with vexation, the old joker stopped his laughter, and said, holding out his hand to his son, “It’s all fair on the Stock Exchange, Jos — and, Sambo, never mind the elephant, but give me and Mr. Jos a glass of Champagne. Boney himself hasn’t got such in his cellar, my boy!”

Ein Glas Champagner stellte Josephs Gleichmut wieder her, und noch ehe die Flasche geleert war – er, der Kranke, trank zwei Drittel davon –, hatte er seine Einwilligung gegeben, die jungen Damen nach Vauxhall mitzunehmen.

 

A goblet of Champagne restored Joseph’s equanimity, and before the bottle was emptied, of which as an invalid he took two-thirds, he had agreed to take the young ladies to Vauxhall.

»Die Mädchen müssen jede einen Herrn haben«, sagte der alte Herr. »Joe verliert Emmy bestimmt im Gedränge, Miss Sharp wird seine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch nehmen. Schickt nach Nr. 96 und fragt bei George Osborne an, ob er mitfahren will.«

 

“The girls must have a gentleman apiece,” said the old gentleman. “Jos will be sure to leave Emmy in the crowd, he will be so taken up with Miss Sharp here. Send to 96, and ask George Osborne if he’ll come.”

Ich weiß nicht warum – aber bei diesen Worten sah Mrs. Sedley lachend ihren Mann an, und Mr. Sedleys Augen zwinkerten unbeschreiblich schalkhaft, wobei er Amelia anblickte; und Amelia ließ den Kopf hängen und errötete, wie nur Siebzehnjährige erröten können und wie Miss Rebekka Sharp in ihrem ganzen Leben nie errötet war – wenigstens nicht seit ihrem achten Jahr, als sie von ihrer Patin beim Marmeladenaschen im Speiseschrank ertappt wurde. »Amelia sollte lieber ein paar Worte schreiben«, meinte der Vater, »damit George Osborne sieht, was für eine schöne Handschrift wir aus Miss Pinkertons Schule mitgebracht haben. Erinnerst du dich noch, Emmy, wie du ihn zum Dreikönigsfest zu uns einludest und Fest mit ß schriebst?«

 

At this, I don’t know in the least for what reason, Mrs. Sedley looked at her husband and laughed. Mr. Sedley’s eyes twinkled in a manner indescribably roguish, and he looked at Amelia; and Amelia, hanging down her head, blushed as only young ladies of seventeen know how to blush, and as Miss Rebecca Sharp never blushed in her life — at least not since she was eight years old, and when she was caught stealing jam out of a cupboard by her godmother. “Amelia had better write a note,” said her father; “and let George Osborne see what a beautiful handwriting we have brought back from Miss Pinkerton’s. Do you remember when you wrote to him to come on Twelfth-night, Emmy, and spelt twelfth without the f?”

»Ach, das ist viele Jahre her«, wehrte Amelia ab.

 

“That was years ago,” said Amelia.

»Es ist, als ob es erst gestern gewesen wäre, nicht wahr, John?« wandte sich Mrs. Sedley an ihren Mann, und in jener Nacht führten beide noch ein Gespräch. Es fand in einem Vorderzimmer des ersten Stockwerkes statt, in einer Art Zelt aus Vorhängen von kostbarem Zitz mit phantastischen indischen Mustern, gefüttert mit zartrosa Kaliko. Im Innern dieses Prunkzeltes stand ein Bett, auf dem sich zwei Kissen befanden, und auf jedem lag ein rundes, rotes Gesicht, eins umrahmt von einer spitzenbesetzten Nachthaube, eins von einer einfachen baumwollenen Zipfelmütze. In diesem Gespräch, buchstäblich eine Gardinenpredigt, stellte Mrs. Sedley ihren Mann wegen der grausamen Behandlung des armen Joe zur Rede.

 

“It seems like yesterday, don’t it, John?” said Mrs. Sedley to her husband; and that night in a conversation which took place in a front room in the second floor, in a sort of tent, hung round with chintz of a rich and fantastic India pattern, and double with calico of a tender rose-colour; in the interior of which species of marquee was a featherbed, on which were two pillows, on which were two round red faces, one in a laced nightcap, and one in a simple cotton one, ending in a tassel — in a curtain lecture, I say, Mrs. Sedley took her husband to task for his cruel conduct to poor Joe.

»Es war nicht nett von dir, Sedley«, sagte sie, »den armen Jungen so zu quälen.«

 

“It was quite wicked of you, Mr. Sedley,” said she, “to torment the poor boy so.”

»Meine Teure«, verteidigte sich die baumwollene Zipfelmütze, »Joe ist noch ein ganz Teil eitler, als du je in deinem ganzen Leben gewesen bist, und das will schon etwas heißen. Dabei hattest du wahrscheinlich vor etlichen dreißig Jahren, so um siebzehnhundertachtzig, einige Ursache zur Eitelkeit, ich kann's nicht leugnen. Aber Joe mit seiner stutzerhaften Schüchternheit macht mich ungeduldig. Er ist schlimmer als der andere Joseph, meine Liebe, und dabei denkt der Junge doch die ganze Zeit nur an sich selbst und was für ein hübscher Bursche er ist. Ich glaube fast, Madame, wir werden mit ihm noch unsere liebe Not haben. Da ist nun Emmys kleine Freundin, die ihn nach Leibeskräften umgirrt, das ist ganz offensichtlich; und wenn sie ihn nicht kapert, dann kapert ihn eine andere. Dieser Mann ist nun einmal dazu bestimmt, den Frauen zur Beute zu fallen, wie ich, täglich zur Börse zu gehen. Wir können noch von Glück sagen, meine Liebe, daß er uns nicht eine schwarze Schwiegertochter mitgebracht hat. Aber denk an meine Worte, die erste Frau, die nach ihm angelt, fängt ihn auch.«

 

“My dear,” said the cotton-tassel in defence of his conduct, “Jos is a great deal vainer than you ever were in your life, and that’s saying a good deal. Though, some thirty years ago, in the year seventeen hundred and eighty — what was it? — perhaps you had a right to be vain — I don’t say no. But I’ve no patience with Jos and his dandified modesty. It is out-Josephing Joseph, my dear, and all the while the boy is only thinking of himself, and what a fine fellow he is. I doubt, Ma’am, we shall have some trouble with him yet. Here is Emmy’s little friend making love to him as hard as she can; that’s quite clear; and if she does not catch him some other will. That man is destined to be a prey to woman, as I am to go on ’Change every day. It’s a mercy he did not bring us over a black daughter-in-law, my dear. But, mark my words, the first woman who fishes for him, hooks him.”

»Morgen noch soll sie fort, dieses geriebene kleine Geschöpf«, stieß Mrs. Sedley energisch hervor.

 

“She shall go off to-morrow, the little artful creature,” said Mrs. Sedley, with great energy.

»Warum nicht sie ebensogut wie eine andere, Mrs. Sedley? Immerhin hat das Mädchen ein weißes Gesicht. Mir ist es gleichgültig, wer ihn heiratet. Joe kann tun und lassen, was er will.«

 

“Why not she as well as another, Mrs. Sedley? The girl’s a white face at any rate. I don’t care who marries him. Let Joe please himself.”

Bald darauf verstummten beide Stimmen und wurden von der sanften, aber unromantischen Musik der Nase ersetzt. Wenn nicht gerade die Kirchenglocken die Stunden schlugen und der Nachtwächter sie ausrief, war es still im Hause von John Sedley, Esquire und Börsenmann vom Russell Square.

 

And presently the voices of the two speakers were hushed, or were replaced by the gentle but unromantic music of the nose; and save when the church bells tolled the hour and the watchman called it, all was silent at the house of John Sedley, Esquire, of Russell Square, and the Stock Exchange.

Als der Morgen kam, dachte die gutmütige Mrs. Sedley nicht mehr daran, ihre Drohungen gegen Miss Sharp in die Tat umzusetzen; denn obgleich nichts wachsamer und verbreiteter, aber auch nichts mehr zu rechtfertigen ist als mütterliche Eifersucht, so konnte sie es doch nicht glauben, daß die einfache, dankbare, sanfte kleine Erzieherin es wagen würde, zu einer herrlichen Persönlichkeit wie dem Steuereinnehmer von Boggley Wollah aufzusehen. Auch war das Gesuch um Urlaubsverlängerung für die junge Dame bereits abgesandt, und man konnte nicht leicht einen Vorwand finden, sie so plötzlich wegzuschicken.

 

When morning came, the good-natured Mrs. Sedley no longer thought of executing her threats with regard to Miss Sharp; for though nothing is more keen, nor more common, nor more justifiable, than maternal jealousy, yet she could not bring herself to suppose that the little, humble, grateful, gentle governess would dare to look up to such a magnificent personage as the Collector of Boggley Wollah. The petition, too, for an extension of the young lady’s leave of absence had already been despatched, and it would be difficult to find a pretext for abruptly dismissing her.

Und als ob alles sich zugunsten der freundlichen Rebekka verschworen härte, kamen ihr sogar die Elemente zu Hilfe, obgleich sie anfangs nicht geneigt war, deren Eingreifen als günstig für sie zu betrachten. Denn am Abend, den man für Vauxhall bestimmt hatte – George Osborne war zum Essen gekommen, und die beiden älteren Herrschaften waren ihrer Einladung gefolgt und speisten bei Alderman Balls in Highbury Barn -, gab es ein solches Gewitter, wie sie nur an Vauxhall-Abenden vorkommen, und so sahen sich die jungen Leute gezwungen, zu Hause zu bleiben. Mr. Osborne schien über diesen Verlauf der Dinge nicht im mindesten enttäuscht zu sein. Er und Joseph Sedley tranken tête à tête im Speisezimmer ein gehöriges Quantum Portwein, und dabei erzählte Sedley eine Anzahl seiner besten indischen Geschichten, denn in Männergesellschaft war er sehr gesprächig. Später machte Miss Amelia Sedley die Honneurs im Salon, und die vier jungen Menschen verbrachten den Abend so angenehm miteinander, daß sie erklärten, sie seien ganz zufrieden, daß sie wegen des Gewitters ihren Besuch in Vauxhall hätten aufgeben müssen.

 

And as if all things conspired in favour of the gentle Rebecca, the very elements (although she was not inclined at first to acknowledge their action in her behalf) interposed to aid her. For on the evening appointed for the Vauxhall party, George Osborne having come to dinner, and the elders of the house having departed, according to invitation, to dine with Alderman Balls at Highbury Barn, there came on such a thunder-storm as only happens on Vauxhall nights, and as obliged the young people, perforce, to remain at home. Mr. Osborne did not seem in the least disappointed at this occurrence. He and Joseph Sedley drank a fitting quantity of port-wine, tete-a-tete, in the dining-room, during the drinking of which Sedley told a number of his best Indian stories; for he was extremely talkative in man’s society; and afterwards Miss Amelia Sedley did the honours of the drawing-room; and these four young persons passed such a comfortable evening together, that they declared they were rather glad of the thunder-storm than otherwise, which had caused them to put off their visit to Vauxhall.

Osborne war Sedleys Patenkind und gehörte seit dreiundzwanzig Jahren so gut wie zur Familie. Als er sechs Wochen alt war, hatte ihm John Sedley einen silbernen Becher geschenkt; im Alter von sechs Monaten eine goldene Klapper mit Pfeifchen und Glöckchen und einer Beißkoralle daran; von seiner Kindheit an bekam er regelmäßig zu Weihnachten von dem alten Herrn ein Geldgeschenk; auch erinnerte er sich noch genau, wie er, George, ein frecher zehnjähriger Bengel, einmal, als er zur Schule zurückkehrte, von Joseph Sedley, dem dicken, großtuerischen Tölpel, tüchtig durchgeprügelt wurde. Mit einem Wort, George war mit der Familie so vertraut, wie es solche täglichen Freundschaftsbeweise und Umgangsformen nur mit sich bringen konnten.

 

Osborne was Sedley’s godson, and had been one of the family any time these three-and-twenty years. At six weeks old, he had received from John Sedley a present of a silver cup; at six months old, a coral with gold whistle and bells; from his youth upwards he was “tipped” regularly by the old gentleman at Christmas: and on going back to school, he remembered perfectly well being thrashed by Joseph Sedley, when the latter was a big, swaggering hobbadyhoy, and George an impudent urchin of ten years old. In a word, George was as familiar with the family as such daily acts of kindness and intercourse could make him.

»Weißt du noch, Sedley, wie wütend du warst, als ich die Troddeln von deinen Reitstiefeln abschnitt, und wie Miss – hm! – wie Amelia mir den Genuß einer Prügelsuppe ersparte, indem sie auf die Knie niederfiel und ihren Bruder Joe flehentlich bat, den kleinen George doch nicht zu schlagen?«

 

“Do you remember, Sedley, what a fury you were in, when I cut off the tassels of your Hessian boots, and how Miss — hem! — how Amelia rescued me from a beating, by falling down on her knees and crying out to her brother Jos, not to beat little George?”

Joe erinnerte sich dieser denkwürdigen Begebenheit zwar genau, beteuerte aber, daß er sie vollkommen vergessen habe.

 

Jos remembered this remarkable circumstance perfectly well, but vowed that he had totally forgotten it.

»Nun, weißt du noch, wie du mich vor deiner Abreise nach Indien in einer Gig bei Doktor Swishtail besuchen kamst und wie du mir eine halbe Guinee gabst und mir dabei den Kopf tätscheltest? Es schien mir immer, als seist du mindestens zwei Meter groß, und ich war daher bei deiner Rückkehr aus Indien ganz erstaunt, daß du nicht größer warst, als ich selbst bin.«

 

“Well, do you remember coming down in a gig to Dr. Swishtail’s to see me, before you went to India, and giving me half a guinea and a pat on the head? I always had an idea that you were at least seven feet high, and was quite astonished at your return from India to find you no taller than myself.”

»Wie lieb war es von Mr. Sedley, in Ihre Schule zu kommen und Ihnen Geld zu schenken!« rief Rebekka, mit dem Ausdruck des äußersten Entzückens.

 

“How good of Mr. Sedley to go to your school and give you the money!” exclaimed Rebecca, in accents of extreme delight.

»Ja, noch dazu, wo ich doch die Troddeln von seinen Stiefeln abgeschnitten hatte. Knaben vergessen solche Geschenke, die sie während ihrer Schulzeit erhalten, nie und ebensowenig die Geber.«

 

“Yes, and after I had cut the tassels of his boots too. Boys never forget those tips at school, nor the givers.”

»Ich liebe Reitstiefel«, sagte Rebekka. Joe Sedley, der seine Beine außerordentlich bewunderte und stets diese dekorative chaussure trug, war über die Bemerkung höchlich erfreut, wenn er auch seine Beine dabei unter den Stuhl zurückzog.

 

“I delight in Hessian boots,” said Rebecca. Jos Sedley, who admired his own legs prodigiously, and always wore this ornamental chaussure, was extremely pleased at this remark, though he drew his legs under his chair as it was made.

»Miss Sharp«, schlug George Osborne vor, »Sie als geschickte Künstlerin müssen uns ein großartiges historisches Gemälde von der Stiefelszene liefern. Sedley muß in ledernen Hosen dargestellt sein, mit einem der beschädigten Stiefel in einer Hand; mit der andern muß er mich an der Hemdkrause halten, und Amelia kniet mit erhobenen Händen neben ihm. Das Gemälde soll einen großartigen allegorischen Namen tragen, wie die Titelblätter in der Medulla und in der Abc-Fibel.«

 

“Miss Sharp!” said George Osborne, “you who are so clever an artist, you must make a grand historical picture of the scene of the boots. Sedley shall be represented in buckskins, and holding one of the injured boots in one hand; by the other he shall have hold of my shirt-frill. Amelia shall be kneeling near him, with her little hands up; and the picture shall have a grand allegorical title, as the frontispieces have in the Medulla and the spelling-book.”

»Hier werde ich aber keine Zeit dazu haben«, sagte Rebekka. »Ich will es machen, wenn – ich fort bin.« Und sie ließ die Stimme sinken und sah so traurig und elend aus, daß jedermann fühlte, wie grausam ihr Los sei und wie ungern man sich von ihr trennen würde.

 

“I shan’t have time to do it here,” said Rebecca. ’I’ll do it when — when I’m gone.” And she dropped her voice, and looked so sad and piteous, that everybody felt how cruel her lot was, and how sorry they would be to part with her.

»Ach, wenn du doch länger bleiben könntest, liebe Rebekka«, sagte Amelia.

 

“O that you could stay longer, dear Rebecca,” said Amelia.

»Warum?« gab die andere, noch trauriger, zurück. »Damit ich noch unglück ... damit es noch schwerer wird, dich zu verlassen?« Sie wandte den Kopf ab. Amelia begann, ihrem natürlichen Hang für Tränen, der, wie gesagt, eine Schwäche dieses einfältigen kleinen Dinges war, nachzugeben. George Osborne blickte die beiden jungen Mädchen gerührt und neugierig an, und Joseph Sedley holte aus seinem mächtigen Brustkasten etwas hervor, was einem Seufzer sehr ähnlich war, und ließ seine Augen auf seinen teuren Reitstiefeln ruhen.

 

“Why?” answered the other, still more sadly. “That I may be only the more unhap — unwilling to lose you?” And she turned away her head. Amelia began to give way to that natural infirmity of tears which, we have said, was one of the defects of this silly little thing. George Osborne looked at the two young women with a touched curiosity; and Joseph Sedley heaved something very like a sigh out of his big chest, as he cast his eyes down towards his favourite Hessian boots.

»Wollen wir nicht ein bißchen Musik machen, Miss Sedley – Amelia?« bat George, der in diesem Augenblick eine außerordentliche, fast unwiderstehliche Lust verspürte, das erwähnte junge Mädchen in die Arme zu schließen und vor den Augen der ganzen Gesellschaft zu küssen, und sie sah ihn eine Sekunde lang an, aber wenn ich sagen wollte, daß sie sich in diesem Moment ineinander verliebten, dann wäre das wahrscheinlich nicht die Wahrheit; denn es steht fest, daß die Eltern diese beiden jungen Leute auf dieses Ziel hin erzogen hatten und ihr Aufgebot sozusagen schon seit zehn Jahren in den jeweiligen Familien immer wieder verlesen worden war. Sie begaben sich zum Klavier, das, wie es meist üblich ist, in dem hinteren Teil des Salons stand, und da es ziemlich dunkel war, legte Miss Amelia auf die natürlichste Weise der Welt ihre Hand in die Mr. Osbornes, der selbstverständlich den Weg zwischen den Stühlen und Ottomanen viel besser finden konnte als sie. Das aber ließ Mr. Joseph Sedley tête à tête mit Rebekka am Salontisch, wo das Mädchen mit dem Knüpfen einer grünseidenen Börse beschäftigt war.

 

“Let us have some music, Miss Sedley — Amelia,” said George, who felt at that moment an extraordinary, almost irresistible impulse to seize the above-mentioned young woman in his arms, and to kiss her in the face of the company; and she looked at him for a moment, and if I should say that they fell in love with each other at that single instant of time, I should perhaps be telling an untruth, for the fact is that these two young people had been bred up by their parents for this very purpose, and their banns had, as it were, been read in their respective families any time these ten years. They went off to the piano, which was situated, as pianos usually are, in the back drawing-room; and as it was rather dark, Miss Amelia, in the most unaffected way in the world, put her hand into Mr. Osborne’s, who, of course, could see the way among the chairs and ottomans a great deal better than she could. But this arrangement left Mr. Joseph Sedley tete-a-tete with Rebecca, at the drawing-room table, where the latter was occupied in knitting a green silk purse.

»Man braucht da nach Familiengeheimnissen nicht erst zu fragen«, meinte Miss Sharp. »Diese beiden haben ihres verraten.«

 

“There is no need to ask family secrets,” said Miss Sharp. “Those two have told theirs.”

»Sobald er eine Kompanie bekommt«, sagte Joseph, »glaube ich, wird die Sache in Ordnung kommen. George Osborne ist ein so feiner Bursche wie nur je einer.«

 

“As soon as he gets his company,” said Joseph, “I believe the affair is settled. George Osborne is a capital fellow.”

»Und Ihre Schwester ist das netteste Geschöpf der Welt«, fuhr Rebekka fort. »Glücklich der Mann, der sie heimführt!« Bei diesen Worten seufzte Miss Sharp tief auf.

 

“And your sister the dearest creature in the world,” said Rebecca. “Happy the man who wins her!” With this, Miss Sharp gave a great sigh.

Wenn zwei Unverheiratete zusammen sind und so delikate Themen wie dieses besprechen, so stellt sich bald ein vertrauter und intimer Ton zwischen ihnen ein. Wir brauchen das Gespräch nicht wiederzugeben, das Mr. Sedley und die junge Dame nun führten; denn die Unterhaltung war, wie schon aus der vorangegangenen Probe ersichtlich, weder besonders witzig noch wortreich; in Privatgesellschaften und auch sonst ist sie das selten, außer in überspannten und ausgeklügelten Romanen. Da nebenan musiziert wurde, so sprachen sie natürlich dementsprechend leise, obwohl das Paar nebenan auch durch eine noch so laute Unterhaltung nicht gestört worden wäre, denn sie waren mit ihren eigenen Angelegenheiten vollauf beschäftigt.

 

When two unmarried persons get together, and talk upon such delicate subjects as the present, a great deal of confidence and intimacy is presently established between them. There is no need of giving a special report of the conversation which now took place between Mr. Sedley and the young lady; for the conversation, as may be judged from the foregoing specimen, was not especially witty or eloquent; it seldom is in private societies, or anywhere except in very high-flown and ingenious novels. As there was music in the next room, the talk was carried on, of course, in a low and becoming tone, though, for the matter of that, the couple in the next apartment would not have been disturbed had the talking been ever so loud, so occupied were they with their own pursuits.

Fast zum ersten Male in seinem Leben, so kam es Mr. Sedley vor, sprach er ohne die mindeste Schüchternheit und ohne zu stocken mit einer Person des anderen Geschlechts. Miss Rebekka befragte ihn ausführlich über Indien, was ihm Gelegenheit bot, manche interessante Anekdote über jenes Land und sich zum besten zu geben. Er beschrieb die Bälle im Regierungsgebäude, erzählte, wie man sich bei heißem Wetter mittels Punkahs, Tattys und anderen Einrichtungen Erfrischung verschaffe, äußerte sich höchst witzig über die Schotten, die Lord Minto, der Generalgouverneur, begünstigte; und dann berichtete er von einer Tigerjagd, wobei eins dieser wütenden Tiere seinen Elefantentreiber vom Sitz heruntergerissen hatte. Wie entzückt war Miss Rebekka von den Regierungsbällen, wie lachte sie über die Geschichten von den schottischen Adjutanten und nannte Mr. Sedley dabei einen schlimmen, mutwilligen Spötter; und wie erschrocken war sie über die Beschreibung von dem Elefanten! »Um Ihrer Mutter willen, lieber Mr. Sedley«, bat sie, »um all Ihrer Freunde willen, versprechen Sie mir, daß Sie sich nie, nie mehr auf ein so schreckliches Unternehmen einlassen!«

 

Almost for the first time in his life, Mr. Sedley found himself talking, without the least timidity or hesitation, to a person of the other sex. Miss Rebecca asked him a great number of questions about India, which gave him an opportunity of narrating many interesting anecdotes about that country and himself. He described the balls at Government House, and the manner in which they kept themselves cool in the hot weather, with punkahs, tatties, and other contrivances; and he was very witty regarding the number of Scotchmen whom Lord Minto, the Governor-General, patronised; and then he described a tiger-hunt; and the manner in which the mahout of his elephant had been pulled off his seat by one of the infuriated animals. How delighted Miss Rebecca was at the Government balls, and how she laughed at the stories of the Scotch aides-de-camp, and called Mr. Sedley a sad wicked satirical creature; and how frightened she was at the story of the elephant! “For your mother’s sake, dear Mr. Sedley,” she said, “for the sake of all your friends, promise never to go on one of those horrid expeditions.”

»Pah, Miss Sharp«, sagte er und zog den Hemdkragen hoch, »die Gefahr macht ja den Sport erst aus.« Er hatte erst einmal an einer Tigerjagd teilgenommen, und zwar gerade, als der fragliche Vorfall sich ereignete, und dabei war er beinahe gestorben – nicht durch den Tiger, sondern vor Angst. Als er mit der Unterhaltung fortfuhr, wurde er immer kühner und erdreistete sich tatsächlich, Miss Rebekka zu fragen, für wen sie wohl die grünseidene Börse arbeite? Er war sehr überrascht und entzückt über seine anmutige, vertrauliche Art.

 

“Pooh, pooh, Miss Sharp,” said he, pulling up his shirt-collars; “the danger makes the sport only the pleasanter.” He had never been but once at a tiger-hunt, when the accident in question occurred, and when he was half killed — not by the tiger, but by the fright. And as he talked on, he grew quite bold, and actually had the audacity to ask Miss Rebecca for whom she was knitting the green silk purse? He was quite surprised and delighted at his own graceful familiar manner.

»Für irgend jemand, der eine Börse braucht«, erwiderte Miss Rebekka und blickte ihn äußerst sanft und gewinnend an. Sedley war im Begriff, eine seiner wortreichsten Reden zu halten, und hatte gerade begonnen: »Oh, Miss Sharp, wie...«, als ein Lied, das nebenan gesungen wurde, endete und er seine eigene Stimme so deutlich vernahm, daß er innehielt, errötete und sich in großer Aufregung schneuzte.

 

“For any one who wants a purse,” replied Miss Rebecca, looking at him in the most gentle winning way. Sedley was going to make one of the most eloquent speeches possible, and had begun — "O Miss Sharp, how — ” when some song which was performed in the other room came to an end, and caused him to hear his own voice so distinctly that he stopped, blushed, and blew his nose in great agitation.

»Haben Sie je so etwas wie Ihres Bruders Beredsamkeit gehört?« flüsterte Mr. Osborne Amelia zu. »Ich muß schon sagen, Ihre Freundin hat Wunder gewirkt.«

 

“Did you ever hear anything like your brother’s eloquence?” whispered Mr. Osborne to Amelia. “Why, your friend has worked miracles.”

»Um so besser«, sagte Miss Amelia, die, wie fast alle unnützen Frauen, im Innersten eine Kupplerin war und die erfreut gewesen wäre, wenn Joseph eine Frau nach Indien mitgenommen hätte. Sie hatte im Laufe dieser wenigen Tage, in denen sie beständig mit Rebekka zusammen war, eine innige Zuneigung zu dem Mädchen gefaßt und hatte an ihr unzählige Tugenden und liebenswürdige Eigenschaften entdeckt, die sie nicht bemerkt hatte, solange sie beide in Chiswick waren. Die Freundschaft junger Mädchen wächst ebenso schnell wie Jacks Zauberbohne und erreicht in einer einzigen Nacht den Himmel. Man kann ihnen nicht übelnehmen, wenn, nach der Heirat diese »Sehnsucht nach der Liebe« nachläßt. Was sentimentale Leute, die gerne große Worte machen, die Sehnsucht nach dem Ideal nennen, bedeutet einfach, daß Frauen gewöhnlich nicht zufrieden sind, bis sie Männer und Kinder haben, auf die sie ihre Liebe, die sonst gleichsam in kleiner Münze ausgegeben wird, konzentrieren können.

 

“The more the better,” said Miss Amelia; who, like almost all women who are worth a pin, was a match-maker in her heart, and would have been delighted that Joseph should carry back a wife to India. She had, too, in the course of this few days’ constant intercourse, warmed into a most tender friendship for Rebecca, and discovered a million of virtues and amiable qualities in her which she had not perceived when they were at Chiswick together. For the affection of young ladies is of as rapid growth as Jack’s bean-stalk, and reaches up to the sky in a night. It is no blame to them that after marriage this Sehnsucht nach der Liebe subsides. It is what sentimentalists, who deal in very big words, call a yearning after the Ideal, and simply means that women are commonly not satisfied until they have husbands and children on whom they may centre affections, which are spent elsewhere, as it were, in small change.

Nachdem Miss Amelia ihren kleinen Liederschatz erschöpft hatte oder lange genug im hinteren Teil des Salons gewesen war, erschien es ihr angebracht, ihre Freundin zum Singen zu bewegen. »Sie würden mir nicht zugehört haben«, sagte sie zu Mr. Osborne (obwohl sie wußte, daß es eine kleine Lüge war), »wenn Sie vorher Rebekka gehört hätten.«

 

Having expended her little store of songs, or having stayed long enough in the back drawing-room, it now appeared proper to Miss Amelia to ask her friend to sing. “You would not have listened to me,” she said to Mr. Osborne (though she knew she was telling a fib), “had you heard Rebecca first.”

»Gleichwohl muß ich Miss Sharp im voraus zu verstehen geben«, sagte Osborne, »daß ich, ganz gleich ob zu Recht oder Unrecht, Miss Amelia Sedley als beste Sängerin der Welt betrachte.«

 

“I give Miss Sharp warning, though,” said Osborne, “that, right or wrong, I consider Miss Amelia Sedley the first singer in the world.”

»Sie werden es ja hören«, meinte Amelia, und Joseph Sedley war wirklich so höflich, die Kerzen zum Klavier zu tragen. Osborne gab zu verstehen, es lasse sich ebensogut im Finstern sitzen, allein Miss Sedley lehnte es lachend ab, ihm länger Gesellschaft zu leisten, und die beiden folgten daher Mr. Joseph. Rebekka sang weit besser als ihre Freundin (obgleich natürlich Osborne ruhig bei seiner Ansicht bleiben durfte) und gab sich außerordentliche Mühe, und selbst Amelia, die sie noch nie zuvor so gut hatte singen hören, war verwundert. Sie trug ein französisches Lied vor, von dem Joseph überhaupt nichts verstand und das nicht zu verstehen auch George gestehen mußte; dann folgte eine Anzahl der einfachen Balladen, die vor vierzig Jahren Mode waren und in denen britische Matrosen, unser König, die arme Susanna, die blauäugige Mary und ähnliches mehr eine Rolle spielten. Sie sollen in musikalischer Hinsicht nicht besonders anspruchsvoll sein, allein sie appellieren doch an die guten, schlichten Gefühle, und die Menschen verstanden sie besser als die Donizettische Milch- und Wassermusik mit ihren ewigen lagrime, sospiri, felicità, die man uns heutzutage auftischt.

 

“You shall hear,” said Amelia; and Joseph Sedley was actually polite enough to carry the candles to the piano. Osborne hinted that he should like quite as well to sit in the dark; but Miss Sedley, laughing, declined to bear him company any farther, and the two accordingly followed Mr. Joseph. Rebecca sang far better than her friend (though of course Osborne was free to keep his opinion), and exerted herself to the utmost, and, indeed, to the wonder of Amelia, who had never known her perform so well. She sang a French song, which Joseph did not understand in the least, and which George confessed he did not understand, and then a number of those simple ballads which were the fashion forty years ago, and in which British tars, our King, poor Susan, blue-eyed Mary, and the like, were the principal themes. They are not, it is said, very brilliant, in a musical point of view, but contain numberless good-natured, simple appeals to the affections, which people understood better than the milk-and-water lagrime, sospiri, and felicita of the eternal Donizettian music with which we are favoured now-a-days.

Empfindsame Gespräche, die zum Thema paßten, wurden zwischen den Liedern geführt, und Sambo, der den Tee gebracht hatte, sowie die entzückte Köchin und sogar Mrs. Blenkinsop, die Haushälterin, erniedrigten sich, auf dem Treppenabsatz zu lauschen.

 

Conversation of a sentimental sort, befitting the subject, was carried on between the songs, to which Sambo, after he had brought the tea, the delighted cook, and even Mrs. Blenkinsop, the housekeeper, condescended to listen on the landing-place.

Eins dieser Lieder, das letzte des Konzerts, lautete:

 

Among these ditties was one, the last of the concert, and to the following effect:

Ach! Öde war's an jenem Heideorte,
wo pfiff der Wind so kalt und schneidend drein;
der Hütte Dach ward hier zum sichern Horte,
und hell glänzt' auf dem Herd des Feuers Schein.
Da ging vorüber an der kleinen Pforte
ein Waisenknabe, traurig und allein,
und wie er sah das Feuer lustig glühen,
Fühlt' doppelt er im Schnee des Weges Mühen.

 

Ah! bleak and barren was the moor, Ah! loud and piercing was the storm, The cottage roof was shelter’d sure, The cottage hearth was bright and warm — An orphan boy the lattice pass’d, And, as he mark’d its cheerful glow, Felt doubly keen the midnight blast, And doubly cold the fallen snow.

Und als er wieder griff zum Wanderstabe,
mit schwachem Herzen und mit müdem Fuß,
da lud man ihn, reicht' freundlich ihm die Gabe,
und sanfte Stimmen boten ihm den Gruß.
Der Tag bricht an – schon weiter ist der Knabe,
noch winkt der Herd zum gastlichen Genuß.
Die Pilger schirme all der Himmel droben!
Horcht, wie die Stürme auf der Heide toben!

 

They mark’d him as he onward prest, With fainting heart and weary limb; Kind voices bade him turn and rest, And gentle faces welcomed him. The dawn is up — the guest is gone, The cottage hearth is blazing still; Heaven pity all poor wanderers lone! Hark to the wind upon the hill!

Es war eine Variation des vorhin Ausgesprochenen: Wenn ich fort bin. Als Miss Sharp die letzten Worte sang, zitterte ihre dunkle Stimme. Alle fühlten die Anspielung auf ihre Abreise und ihr glückloses Waisendasein. Joseph Sedley, der Musik liebte und ein weiches Herz hatte, war während des Liedes ganz verzückt und tief gerührt über den Schluß. Hätte er den Mut dazu gehabt, wären George und Miss Sedley, wie der junge Mann es vorgeschlagen hatte, vorn geblieben, so hätte Joseph Sedleys Junggesellenstand hier sein Ende gefunden, und dieses Werk wäre nie geschrieben worden. Aber Rebekka ergriff nach dem Lied Amelias Hand und ging mit ihr vom Klavier weg in den dämmerigen vorderen Salon. In diesem Augenblick erschien Mr. Sambo mit einem Teebrett voller Sandwiches, Gelees und ein paar funkelnden Gläsern und Karaffen, die alsbald Joseph Sedleys ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Als die Oberhäupter des Hauses Sedley von ihrem Diner zurückkehrten, fanden sie die jungen Leute so ins Gespräch vertieft, daß die den Wagen nicht hatten vorfahren hören. Mr. Joseph sagte gerade: »Meine liebe Miss Sharp, ein kleines Teelöffelchen voll Gelee, um Sie nach Ihrer ungeheuren – Ihrer – Ihrer wunderbaren Anstrengung zu erfrischen.«

 

It was the sentiment of the before-mentioned words, “When I’m gone,” over again. As she came to the last words, Miss Sharp’s “deep-toned voice faltered.” Everybody felt the allusion to her departure, and to her hapless orphan state. Joseph Sedley, who was fond of music, and soft-hearted, was in a state of ravishment during the performance of the song, and profoundly touched at its conclusion. If he had had the courage; if George and Miss Sedley had remained, according to the former’s proposal, in the farther room, Joseph Sedley’s bachelorhood would have been at an end, and this work would never have been written. But at the close of the ditty, Rebecca quitted the piano, and giving her hand to Amelia, walked away into the front drawing-room twilight; and, at this moment, Mr. Sambo made his appearance with a tray, containing sandwiches, jellies, and some glittering glasses and decanters, on which Joseph Sedley’s attention was immediately fixed. When the parents of the house of Sedley returned from their dinner-party, they found the young people so busy in talking, that they had not heard the arrival of the carriage, and Mr. Joseph was in the act of saying, “My dear Miss Sharp, one little teaspoonful of jelly to recruit you after your immense — your — your delightful exertions.”

»Bravo, Joe!« ließ sich Mr. Sedley vernehmen, und kaum hatte Joe diese wohlbekannten, spöttischen Laute gehört, als er auch schon wieder in sein ängstliches Schweigen verfiel und sich davonmachte. Er lag nicht die ganze Nacht wach, um darüber nachzudenken, ob er in Miss Sharp verliebt sei, denn Liebesleidenschaft störte weder seinen Appetit noch Schlaf; aber doch dachte er im stillen, wie herrlich es doch sein müsse, solche Lieder nach dem Dienst zu hören, wie vornehm sich das Mädchen zu geben wisse, wie sie besser Französisch spreche als selbst die Gemahlin des Generalgouverneurs und welches Aufsehen sie auf den Bällen in Kalkutta erregen würde. Offenbar ist das arme Geschöpf in mich verliebt, überlegte er. Sie ist nicht ärmer als die meisten Mädchen, die nach Indien kommen. Bei Gott, ich könnte es bei anderen weit schlechter treffen! Unter diesen Gedanken schlief er ein.

 

“Bravo, Jos!” said Mr. Sedley; on hearing the bantering of which well-known voice, Jos instantly relapsed into an alarmed silence, and quickly took his departure. He did not lie awake all night thinking whether or not he was in love with Miss Sharp; the passion of love never interfered with the appetite or the slumber of Mr. Joseph Sedley; but he thought to himself how delightful it would be to hear such songs as those after Cutcherry — what a distinguee girl she was — how she could speak French better than the Governor-General’s lady herself — and what a sensation she would make at the Calcutta balls. “It’s evident the poor devil’s in love with me,” thought he. “She is just as rich as most of the girls who come out to India. I might go farther, and fare worse, egad!” And in these meditations he fell asleep.

Daß Miss Sharp wach lag und Betrachtungen darüber anstellte, ob er am folgenden Tage kommen würde oder nicht, braucht hier nicht erwähnt zu werden. Der Morgen kam und mit ihm, unvermeidlich wie das Schicksal, Mr. Joseph Sedley, noch vor dem zweiten Frühstück. Noch niemals hatte man erlebt, daß er Russell Square eine solche Ehre erwies. George Osborne war aus irgendwelchen Gründen bereits dort und brachte Amelia, die an ihre zwölf Busenfreundinnen in der Chiswick Mall schrieb, völlig aus dem Konzept; und Rebekka war mit ihrer Arbeit vom Vortag beschäftigt. Als Joes Buggy vorfuhr und als der Steuereinnehmer von Boggley Wollah nach seinem üblichen Donnern gegen die Tür und seiner lärmenden Geschäftigkeit in der Vorhalle sich die Treppe hinaufarbeitete und dem Salon zusteuerte, tauschten Osborne und Miss Sedley verständnisinnige Blicke, und das Pärchen blickte schelmisch lächelnd Rebekka an, die tatsächlich errötete, als sie ihre blonden Ringellocken über ihre Filetarbeit neigte. Wie ihr Herz schlug, als Joseph erschien – Joseph, vom Treppensteigen keuchend, in glänzenden, knarrenden Stiefeln – Joseph, in einer neuen Weste, rot vor Hitze und Befangenheit, hinter seinem wattierten Halstuch noch mehr errötend. Für alle war es ein ängstlicher Augenblick, und Amelia war, wie ich glaube, sogar noch ängstlicher als; die, die es am meisten betraf.

 

How Miss Sharp lay awake, thinking, will he come or not to-morrow? need not be told here. To-morrow came, and, as sure as fate, Mr. Joseph Sedley made his appearance before luncheon. He had never been known before to confer such an honour on Russell Square. George Osborne was somehow there already (sadly “putting out” Amelia, who was writing to her twelve dearest friends at Chiswick Mall), and Rebecca was employed upon her yesterday’s work. As Joe’s buggy drove up, and while, after his usual thundering knock and pompous bustle at the door, the ex-Collector of Boggley Wollah laboured up stairs to the drawing-room, knowing glances were telegraphed between Osborne and Miss Sedley, and the pair, smiling archly, looked at Rebecca, who actually blushed as she bent her fair ringlets over her knitting. How her heart beat as Joseph appeared — Joseph, puffing from the staircase in shining creaking boots — Joseph, in a new waistcoat, red with heat and nervousness, and blushing behind his wadded neckcloth. It was a nervous moment for all; and as for Amelia, I think she was more frightened than even the people most concerned.

Sambo, der die Tür aufgerissen und Mr. Joseph gemeldet hatte, folgte dem Steuereinnehmer grinsend mit zwei schönen Blumensträußen. Das Scheusal war wirklich so galant gewesen, sie an jenem Morgen auf dem Covent Garden Market zu kaufen. Sie waren zwar nicht ganz so groß wie die Heuschober, die unsere Damen heutzutage in durchbrochenen Papiermanschetten herumschleppen, aber die jungen Damen waren trotzdem von dem Geschenk entzückt, als Joseph mit einer äußerst feierlichen und schwerfälligen Verbeugung jeder einen Strauß überreicht hatte.

 

Sambo, who flung open the door and announced Mr. Joseph, followed grinning, in the Collector’s rear, and bearing two handsome nosegays of flowers, which the monster had actually had the gallantry to purchase in Covent Garden Market that morning — they were not as big as the haystacks which ladies carry about with them now-a-days, in cones of filigree paper; but the young women were delighted with the gift, as Joseph presented one to each, with an exceedingly solemn bow.

»Bravo, Joe!« rief Osborne.

 

“Bravo, Jos!” cried Osborne.

»Danke schön, lieber Joseph«, rief Amelia, bereit, ihrem Bruder einen Kuß zu geben, wenn er es wünschte. (Und ich glaube, für einen Kuß von einem so netten Geschöpf wie Amelia würde ich unverzüglich alle Gewächshäuser von Mr. Lee leerkaufen.)

 

“Thank you, dear Joseph,” said Amelia, quite ready to kiss her brother, if he were so minded. (And I think for a kiss from such a dear creature as Amelia, I would purchase all Mr. Lee’s conservatories out of hand.)

»Oh, die himmlischen, himmlischen Blumen!« rief Miss Sharp, roch zärtlich daran, preßte sie an den Busen und schlug ihre Augen in schwärmerischer Bewunderung zur Zimmerdecke auf. Vielleicht warf sie auch erst einen schnellen, prüfenden Blick auf das Bukett, um zu sehen, ob sich nicht etwa ein billet-doux zwischen den Blüten verberge; aber von einem Brief war nichts zu sehen.

 

“O heavenly, heavenly flowers!” exclaimed Miss Sharp, and smelt them delicately, and held them to her bosom, and cast up her eyes to the ceiling, in an ecstasy of admiration. Perhaps she just looked first into the bouquet, to see whether there was a billet-doux hidden among the flowers; but there was no letter.

»Spricht man in Boggley Wollah auch die Sprache der Blumen, Sedley?« fragte Osborne lachend.

 

“Do they talk the language of flowers at Boggley Wollah, Sedley?” asked Osborne, laughing.

»Quatsch!« erwiderte der empfindsame Jüngling. »Habe sie bei Nathan gekauft; bin froh, daß sie euch gefallen, und dann, meine liebe Amelia, ich habe auch eine Ananas gekauft. Ich habe sie Sambo gegeben, wir können sie zum Frühstück essen, angenehm erfrischend bei so heißem Wetter.« Rebekka sagte, sie habe noch nie Ananas gekostet und sei ganz erpicht darauf, eine zu probieren.

 

“Pooh, nonsense!” replied the sentimental youth. “Bought ’em at Nathan’s; very glad you like ’em; and eh, Amelia, my dear, I bought a pine-apple at the same time, which I gave to Sambo. Let’s have it for tiffin; very cool and nice this hot weather.” Rebecca said she had never tasted a pine, and longed beyond everything to taste one.

So ging die Unterhaltung weiter. Ich weiß nicht, unter welchem Vorwand Osborne das Zimmer verließ oder warum Amelia sich wenig später entfernte – wahrscheinlich doch, um das Zerteilen der Ananas zu überwachen; Joe blieb jedenfalls mit Rebekka allein zurück, die wieder zu ihrer Arbeit gegriffen hatte, und die grüne Seide sowie die glänzende Nadel zuckten unter ihren weißen, dünnen, flinken Fingern.

 

So the conversation went on. I don’t know on what pretext Osborne left the room, or why, presently, Amelia went away, perhaps to superintend the slicing of the pine-apple; but Jos was left alone with Rebecca, who had resumed her work, and the green silk and the shining needles were quivering rapidly under her white slender fingers.

»Was für ein schönes, ein schööönes Lied Sie uns gestern abend gesungen haben, liebe Miss Sharp«, sagte der Steuereinnehmer. »Ich hätte beinahe geweint, wirklich, Ehrenwort.«

 

“What a beautiful, BYOO-OOTIFUL song that was you sang last night, dear Miss Sharp,” said the Collector. “It made me cry almost; ’pon my honour it did.”

»Weil Sie ein gutes Herz haben, Mr. Joseph; alle Sedleys haben ein gutes Herz, glaube ich.«

 

“Because you have a kind heart, Mr. Joseph; all the Sedleys have, I think.”

»Es hielt mich die ganze Nacht wach, und heute morgen habe ich versucht, es im Bett zu summen, wirklich, Ehrenwort. Gollop, mein Arzt, kam um elf Uhr zu mir (denn ich bin, wie Sie wissen, äußerst leidend, und Gollop besucht mich täglich), und, bei Gott, da sang ich gerade wie ein Rotkehlchen.«

 

“It kept me awake last night, and I was trying to hum it this morning, in bed; I was, upon my honour. Gollop, my doctor, came in at eleven (for I’m a sad invalid, you know, and see Gollop every day), and, ’gad! there I was, singing away like — a robin.”

»Oh, Sie drolliges Geschöpf! Singen Sie es doch einmal vor!«

 

“O you droll creature! Do let me hear you sing it.”

»Ich? Nein, Sie, Miss Sharp; Sie müssen es singen, meine liebe Miss Sharp!« »Nicht jetzt, Mr. Sedley«, seufzte Rebekka. »Ich bin nicht in Stimmung; auch muß ich die Börse fertigmachen. Wollen Sie mir helfen, Mr. Sedley?« Und ehe er noch wie? fragen konnte, saß Mr. Joseph Sedley, Beamter der Ostindischen Kompanie, tête à tête mit einer jungen Dame, warf ihr mörderische Blicke zu und streckte ihr flehend die Arme entgegen, die Hände waren ihm mit einer Lage grüner Seide gefesselt, die sie aufwickelte.

 

“Me? No, you, Miss Sharp; my dear Miss Sharp, do sing it. “Not now, Mr. Sedley,” said Rebecca, with a sigh. “My spirits are not equal to it; besides, I must finish the purse. Will you help me, Mr. Sedley?” And before he had time to ask how, Mr. Joseph Sedley, of the East India Company’s service, was actually seated tete-a-tete with a young lady, looking at her with a most killing expression; his arms stretched out before her in an imploring attitude, and his hands bound in a web of green silk, which she was unwinding.

In dieser romantischen Stellung fanden Osborne und Amelia das interessante Paar, als sie hereinkamen und verkündeten, daß das Frühstück bereit sei. Die Seide war gerade fertig aufgewickelt, aber Mr. Joe hatte keine Silbe gesprochen.

 

In this romantic position Osborne and Amelia found the interesting pair, when they entered to announce that tiffin was ready. The skein of silk was just wound round the card; but Mr. Jos had never spoken.

»Bestimmt wird er sich heute abend erklären, meine Liebe«, sagte Amelia und drückte Rebekkas Hand; und auch Sedley war mit seinem Herzen zu Rate gegangen und hatte sich gesagt: Bei Gott, in Vauxhall will ich die große Frage stellen.

 

“I am sure he will to-night, dear,” Amelia said, as she pressed Rebecca’s hand; and Sedley, too, had communed with his soul, and said to himself, “’Gad, I’ll pop the question at Vauxhall.”

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