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Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1

William Makepeace Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/thackara/2jahrma1/2jahrma1.xml
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleJahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1
publisherprojekt.gutenberg.de
editorHella Reuters
year2012
firstpub2012
translatorChristoph Friedrich Grieb
senderreuters@abc.de
created20120915
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3. Kapitel. / Chapter 3.

Rebekka vor dem Feind / Rebecca Is in Presence of the Enemy

Ein sehr gedrungener, kurzatmiger Mann in wildledernen Hosen und Reitstiefeln, mit mehreren, ungeheuren Halstüchern, die ihm beinahe bis an die Nase reichten, in einer rotgestreiften Weste und einem apfelgrünen Rock mit fast talergroßen Stahlknöpfen (das war das Morgenkostüm eines Stutzers jener Tage) las am Kaminfeuer Zeitung, als die beiden Mädchen hereintraten; er sprang von seinem Lehnsessel auf, errötete heftig und verbarg bei ihrem Erscheinen das Gesicht fast völlig in seinen Halstüchern.

 

A very stout, puffy man, in buckskins and Hessian boots, with several immense neckcloths that rose almost to his nose, with a red striped waistcoat and an apple green coat with steel buttons almost as large as crown pieces (it was the morning costume of a dandy or blood of those days) was reading the paper by the fire when the two girls entered, and bounced off his arm-chair, and blushed excessively, and hid his entire face almost in his neckcloths at this apparition.

»Es ist nur deine Schwester, Joseph«, sagte Amelia lachend und schüttelte die ihr entgegengestreckten beiden Finger. »Du weißt, ich bin jetzt für immer nach Hause gekommen; und dies ist meine Freundin, Miss Sharp, von der ich dir bereits erzählt habe.«

 

“It’s only your sister, Joseph,” said Amelia, laughing and shaking the two fingers which he held out. “I’ve come home for good, you know; and this is my friend, Miss Sharp, whom you have heard me mention.”

»Nein, niemals, auf mein Wort«, sagte der Kopf hinter dem Halstuch unter heftigem Schütteln,»das heißt, ja; welch abscheulich kaltes Wetter, Miss«; und damit fing er an, aus Leibeskräften das Feuer zu schüren, obwohl es Mitte Juni war.

 

“No, never, upon my word,” said the head under the neckcloth, shaking very much — "that is, yes — what abominably cold weather, Miss" — and herewith he fell to poking the fire with all his might, although it was in the middle of June.

»Er sieht sehr gut aus«, flüsterte Rebekka Amelia vernehmlich zu.

 

“He’s very handsome,” whispered Rebecca to Amelia, rather loud.

»Meinst du?« sagte die letztere, »ich werde es ihm sagen.«

 

“Do you think so?” said the latter. “I’ll tell him.”

»Nicht um alles in der Welt, Teuerste«, sagte Miss Sharp und wich so schüchtern wie ein Reh zurück. Sie hatte vorher vor dem Herrn einen ehrerbietigen, jungfräulichen Knicks gemacht, und ihre sittsamen Augen schauten so beharrlich auf den Teppich, daß es ein Wunder war, wie sie Gelegenheit gefunden hatte, ihn zu sehen.

 

“Darling! not for worlds,” said Miss Sharp, starting back as timid as a fawn. She had previously made a respectful virgin-like curtsey to the gentleman, and her modest eyes gazed so perseveringly on the carpet that it was a wonder how she should have found an opportunity to see him.

»Ich danke dir für die schönen Schals, Bruder«, sagte Amelia zu dem Feuerschürer. »Sind sie nicht schön, Rebekka?«

 

“Thank you for the beautiful shawls, brother,” said Amelia to the fire poker. “Are they not beautiful, Rebecca?”

»Oh, himmlisch!« bestätigte Miss Sharp, und ihre Augen wanderten vom Teppich geradewegs zum Kronleuchter.

 

“O heavenly!” said Miss Sharp, and her eyes went from the carpet straight to the chandelier.

Joseph machte immer noch mit dem Schüreisen und der Feuerzange ein ungeheures Getöse; dabei keuchte und schnaufte er und lief so rot an, wie sein gelbes Gesicht nur erlaubte.

 

Joseph still continued a huge clattering at the poker and tongs, puffing and blowing the while, and turning as red as his yellow face would allow him. “

»Ich kann dir keine so schönen Geschenke machen, Joseph«, fuhr seine Schwester fort, »aber ich habe dir in der Schule ein Paar sehr schöne Hosenträger gestickt.«

 

I can’t make you such handsome presents, Joseph,” continued his sister, “but while I was at school, I have embroidered for you a very beautiful pair of braces.”

»Guter Gott! Amelia«, rief der Bruder, ernstlich beunruhigt, »was meinst du nur?« Und er riß mit aller Macht an der Klingelschnur, bis er sie in der Hand hielt, was den braven Burschen noch mehr verwirrte. »Um Himmels willen, sieh nach, ob mein Buggy vor der Tür steht. Ich kann nicht warten, ich muß fort. Dieser verd... Stallknecht! Ich muß fort.«

 

“Good Gad! Amelia,” cried the brother, in serious alarm, “what do you mean?” and plunging with all his might at the bell-rope, that article of furniture came away in his hand, and increased the honest fellow’s confusion. “For heaven’s sake see if my buggy’s at the door. I can’t wait. I must go. D — that groom of mine. I must go.”

In diesem Augenblick trat der Vater der Familie herein, wie ein echter britischer Kaufmann mit den Petschaften klimpernd. »Was gibt es, Emmy?« fragte er.

 

At this minute the father of the family walked in, rattling his seals like a true British merchant. “What’s the matter, Emmy?” says he.

»Joseph sagt, ich soll nachsehen, ob sein – sein Buggy vor der Tür steht. Was ist ein Buggy, Papa?«

 

“Joseph wants me to see if his — his buggy is at the door. What is a buggy, Papa?”

»Das ist eine einspännige Sänfte«, sagte der alte Herr, der in seiner Art ein Schalk war.

 

“It is a one-horse palanquin,” said the old gentleman, who was a wag in his way.

Bei diesen Worten brach Joseph in ein wildes Gelächter aus, von dem er jedoch, wie von einem Schuß getroffen, jäh abließ, als er dem Blick von Miss Sharp begegnete.

 

Joseph at this burst out into a wild fit of laughter; in which, encountering the eye of Miss Sharp, he stopped all of a sudden, as if he had been shot.

»Diese junge Dame ist deine Freundin? Miss Sharp, es freut mich, Sie zu sehen. Haben Sie und Emmy mit Joseph bereits Streit gehabt, daß er durchaus fortwill?«

 

“This young lady is your friend? Miss Sharp, I am very happy to see you. Have you and Emmy been quarrelling already with Joseph, that he wants to be off?”

»Ich versprach meinem Kameraden Bonamy, mit ihm zu speisen«, erklärte Joseph.

 

“I promised Bonamy of our service, sir,” said Joseph, “to dine with him.”

»Ei, ei! Sagtest du nicht deiner Mutter, du wolltest zu Hause speisen?«

 

“O fie! didn’t you tell your mother you would dine here?”

»Aber so wie ich angezogen bin, ist es unmöglich.«

 

“But in this dress it’s impossible.”

»Sehen Sie ihn doch an, Miss Sharp; ist er nicht schön genug, um überall zu speisen?«

 

“Look at him, isn’t he handsome enough to dine anywhere, Miss Sharp?”

Hierauf blickte Miss Sharp natürlich ihre Freundin an, und beide brachen in ein Gelächter aus, das dem alten Herrn sehr angenehm war.

 

On which, of course, Miss Sharp looked at her friend, and they both set off in a fit of laughter, highly agreeable to the old gentleman.

»Haben Sie je bei Miss Pinkerton solch ein Paar wildlederne Hosen gesehen?« fuhr er fort, seinen Vorteil ausnutzend.

 

“Did you ever see a pair of buckskins like those at Miss Pinkerton’s?” continued he, following up his advantage.

»Um Himmels willen! Vater!« rief Joseph.

 

“Gracious heavens! Father,” cried Joseph.

»Da haben wir's! Nun habe ich seine Gefühle verletzt. Mrs. Sedley, meine Liebe, ich habe die Gefühle deines Sohnes verletzt. Ich habe auf seine ledernen Hosen angespielt. Frag doch Miss Sharp, ob es stimmt! Komm, Joseph, versöhn dich mit Miss Sharp, und laßt uns essen gehen.«

 

“There now, I have hurt his feelings. Mrs. Sedley, my dear, I have hurt your son’s feelings. I have alluded to his buckskins. Ask Miss Sharp if I haven’t? Come, Joseph, be friends with Miss Sharp, and let us all go to dinner.”

»Es gibt einen Pilaw, Joseph, ganz so, wie du ihn liebst, und Papa hat den besten Steinbutt von Billingsgate mitgebracht.«

 

“There’s a pillau, Joseph, just as you like it, and Papa has brought home the best turbot in Billingsgate.”

»Komm, komm, mein Junge, geh mit Miss Sharp hinunter, und ich werde mit diesen zwei jungen Damen folgen«, sagte der Vater, reichte Frau und Tochter den Arm und ging munter davon.

 

“Come, come, sir, walk downstairs with Miss Sharp, and I will follow with these two young women,” said the father, and he took an arm of wife and daughter and walked merrily off.

Wenn Miss Rebekka Sharp im Innern beschlossen hatte, diesen dicken Beau zu erobern, so glaube ich nicht, meine Damen, daß wir ein Recht haben, sie zu tadeln; denn obgleich die jungen Mädchen das Geschäft der Jagd nach dem Ehemann im allgemeinen mit geziemender Sittsamkeit ihren Mamas überlassen, so müssen wir uns doch erinnern, daß Miss Sharp keine liebevolle Mutter besaß, die diese heikle Angelegenheit für sie in Ordnung bringen könnte, und daß, wenn sie sich nicht selbst einen Mann verschaffte, niemand in der weiten Welt ihr diese Mühe abnehmen würde. Weshalb lassen sich junge Mädchen sonst in der Gesellschaft einführen, wenn nicht aus dem edlen Streben, einen Mann zu finden? Was führt sie zu Hunderten in die Bäder? Was bewegt sie, eine entsetzlich lange Saison hindurch bis fünf Uhr morgens zu tanzen? Was treibt sie, sich mit Klaviersonaten abzumühen, bei dem gerade modernen Gesangmeister für eine Guinee pro Stunde vier Lieder zu lernen, Harfe zu spielen, falls sie wohlgeformte Arme und hübsche Ellbogen haben, grüne Jägerhütchen mit Federn zu tragen, wenn nicht der Wunsch, mit diesen tödlichen Waffen einen »begehrenswerten« jungen Mann zur Strecke zu bringen? Was veranlaßt respektable Eltern, ihre Teppiche zusammenzurollen, im Hause das Unterste zuoberst zu kehren und ein Fünftel ihres Jahreseinkommens für Bälle und eisgekühlten Champagner auszugeben? Ist es bloß die Liebe zu ihresgleichen oder der echte Wunsch, junge Leute beim Tanzen glücklich zu sehen? Pah! Sie wollen ihre Töchter verheiraten; und wie die ehrliche Mrs. Sedley in der Tiefe ihres wohlwollenden Herzens bereits ein Dutzend kleiner Pläne zur Verheiratung ihrer Amelia ausgedacht hatte, so hatte auch unsere geliebte, aber schutzlose Rebekka beschlossen, ihr möglichstes zu tun, sich einen Mann zu sichern, den sie sogar noch notwendiger brauchte als ihre Freundin. Sie besaß eine lebhafte Phantasie; außerdem hatte sie »Tausendundeine Nacht« sowie »Guthrie's Geographie« gelesen, und tatsächlich hatte sie sich beim Ankleiden zum Essen, nachdem sie Amelia gefragt hatte, ob ihr Bruder sehr reich sei, ein prachtvolles Luftschloß gebaut, dessen Herrin sie war, mit einem Ehemann irgendwo im Hintergrund (sie hatte ihn noch nicht gesehen, und seine Gestalt war daher noch etwas verschwommen); sie war geputzt mit einer unendlichen Menge von Schals, Turbanen und Diamanthalsbändern, unter den Klängen des Marsches aus »Blaubart« auf einen Elefanten gestiegen, um dem Großmogul einen Höflichkeitsbesuch abzustatten. Bezaubernde Märchenträume! Es ist das glückliche Vorrecht der Jugend, euch zu ersinnen, und manches phantasiereiche junge Geschöpf hat schon wie Rebekka Sharp solchen Tagträumen nachgehangen.

 

If Miss Rebecca Sharp had determined in her heart upon making the conquest of this big beau, I don’t think, ladies, we have any right to blame her; for though the task of husband-hunting is generally, and with becoming modesty, entrusted by young persons to their mammas, recollect that Miss Sharp had no kind parent to arrange these delicate matters for her, and that if she did not get a husband for herself, there was no one else in the wide world who would take the trouble off her hands. What causes young people to “come out,” but the noble ambition of matrimony? What sends them trooping to watering-places? What keeps them dancing till five o’clock in the morning through a whole mortal season? What causes them to labour at pianoforte sonatas, and to learn four songs from a fashionable master at a guinea a lesson, and to play the harp if they have handsome arms and neat elbows, and to wear Lincoln Green toxophilite hats and feathers, but that they may bring down some “desirable” young man with those killing bows and arrows of theirs? What causes respectable parents to take up their carpets, set their houses topsy-turvy, and spend a fifth of their year’s income in ball suppers and iced champagne? Is it sheer love of their species, and an unadulterated wish to see young people happy and dancing? Psha! they want to marry their daughters; and, as honest Mrs. Sedley has, in the depths of her kind heart, already arranged a score of little schemes for the settlement of her Amelia, so also had our beloved but unprotected Rebecca determined to do her very best to secure the husband, who was even more necessary for her than for her friend. She had a vivid imagination; she had, besides, read the Arabian Nights and Guthrie’s Geography; and it is a fact that while she was dressing for dinner, and after she had asked Amelia whether her brother was very rich, she had built for herself a most magnificent castle in the air, of which she was mistress, with a husband somewhere in the background (she had not seen him as yet, and his figure would not therefore be very distinct); she had arrayed herself in an infinity of shawls, turbans, and diamond necklaces, and had mounted upon an elephant to the sound of the march in Bluebeard, in order to pay a visit of ceremony to the Grand Mogul. Charming Alnaschar visions! it is the happy privilege of youth to construct you, and many a fanciful young creature besides Rebecca Sharp has indulged in these delightful day-dreams ere now!

Joseph Sedley war zwölf Jahre älter als seine Schwester Amelia. Er stand im Zivildienst der Ostindischen Kompanie, und sein Name war zu der Zeit, von der wir schreiben, in der bengalischen Abteilung des »Ostindischen Registers« als Steuereinnehmer von Boggley Wollah aufgeführt – ein ehrenvoller und einträglicher Posten, wie man allgemein weiß. Will der Leser erfahren, zu welchen höheren Stellungen Joseph im Dienste aufstieg, so verweisen wir ihn auf die bereits erwähnte Zeitschrift.

 

Joseph Sedley was twelve years older than his sister Amelia. He was in the East India Company’s Civil Service, and his name appeared, at the period of which we write, in the Bengal division of the East India Register, as collector of Boggley Wollah, an honourable and lucrative post, as everybody knows: in order to know to what higher posts Joseph rose in the service, the reader is referred to the same periodical.

Boggley Wollah liegt in einem schönen, einsamen, sumpfigen Dschungelgebiet, berühmt wegen seiner Schnepfenjagden, wo man nicht selten auch einen Tiger antreffen kann. Ramgunge, wo sich eine Behörde befindet, ist nur vierzig Meilen entfernt, und etwa dreißig Meilen weiter liegt ein Kavallerieposten; das alles berichtete Joseph seinen Eltern nach Hause, als er seine Steuereinnehmerstelle antrat. Er hatte ungefähr acht Jahre seines Lebens ganz allein an diesem bezaubernden Ort zugebracht, wobei er kaum häufiger als zweimal jährlich, wenn nämlich ein Truppenkommando eintraf, um die von ihm erhobenen Steuern nach Kalkutta zu bringen, je einen Christenmenschen zu Gesicht bekam.

 

Boggley Wollah is situated in a fine, lonely, marshy, jungly district, famous for snipe-shooting, and where not unfrequently you may flush a tiger. Ramgunge, where there is a magistrate, is only forty miles off, and there is a cavalry station about thirty miles farther; so Joseph wrote home to his parents, when he took possession of his collectorship. He had lived for about eight years of his life, quite alone, at this charming place, scarcely seeing a Christian face except twice a year, when the detachment arrived to carry off the revenues which he had collected, to Calcutta.

Glücklicherweise zog er sich um diese Zeit ein Leberleiden zu, und um das zu heilen, kehrte er nach Europa zurück. Diese Krankheit wurde ihm zu einer Quelle von Freude und Unterhaltung in der Heimat. Er lebte in London nicht bei seiner Familie, sondern hatte als lebenslustiger Junggeselle eine eigene Wohnung. Ehe er nach Indien ging, war er zu jung gewesen, um an den herrlichen Vergnügungen der Lebemänner teilzuhaben; nun, bei seiner Rückkehr, stürzte er sich um so eifriger hinein. Er lenkte seine Pferde durch den Park, speiste in vornehmen Restaurants (der Orientklub bestand noch nicht), besuchte häufig die Theater, wie es in jenen Tagen Mode war, oder zeigte sich in der Oper, mühsam in enge Beinkleider gezwängt und mit Dreispitz.

 

Luckily, at this time he caught a liver complaint, for the cure of which he returned to Europe, and which was the source of great comfort and amusement to him in his native country. He did not live with his family while in London, but had lodgings of his own, like a gay young bachelor. Before he went to India he was too young to partake of the delightful pleasures of a man about town, and plunged into them on his return with considerable assiduity. He drove his horses in the Park; he dined at the fashionable taverns (for the Oriental Club was not as yet invented); he frequented the theatres, as the mode was in those days, or made his appearance at the opera, laboriously attired in tights and a cocked hat.

Bei seiner Rückkehr nach Indien, wie auch später, pflegte er stets mit großer Begeisterung von den Freuden dieses Lebensabschnittes zu sprechen und gab zu verstehen, daß er und Brummel die tonangebenden Salonlöwen jener Zeit gewesen seien. Aber er war hier ebenso einsam wie in seinem Dschungel in Boggley Wollah. Er kannte kaum eine Seele in der Hauptstadt; und hätte er nicht seinen Doktor gehabt und seine Quecksilberpillen und das Leberleiden, so wäre er vor Langweile gestorben. Er war ein träger, mürrischer Bonvivant; der Anblick einer Dame erschreckte ihn außerordentlich, und so geschah es, daß er sich nur selten im väterlichen Kreise am Russell Square blicken ließ, wo es überaus lustig zuging und wo die Späße seines gutmütigen alten Vaters seine Eigenliebe verletzten.

 

On returning to India, and ever after, he used to talk of the pleasure of this period of his existence with great enthusiasm, and give you to understand that he and Brummel were the leading bucks of the day. But he was as lonely here as in his jungle at Boggley Wollah. He scarcely knew a single soul in the metropolis: and were it not for his doctor, and the society of his blue-pill, and his liver complaint, he must have died of loneliness. He was lazy, peevish, and a bon-vivan; the appearance of a lady frightened him beyond measure; hence it was but seldom that he joined the paternal circle in Russell Square, where there was plenty of gaiety, and where the jokes of his good-natured old father frightened his amour-propre.

Sein Leibesumfang verursachte Joseph viele besorgte Gedanken und Unruhe. Dann und wann machte er auch einen verzweifelten Versuch, sich seines überflüssigen Fettes zu entledigen; aber seine Trägheit sowie seine Vorliebe fürs Wohlleben wurden dieser Reformbestrebungen bald wieder Herr, und er kehrte wieder zu seinen drei Mahlzeiten täglich zurück.

 

His bulk caused Joseph much anxious thought and alarm; now and then he would make a desperate attempt to get rid of his superabundant fat; but his indolence and love of good living speedily got the better of these endeavours at reform, and he found himself again at his three meals a day.

Er war niemals gut gekleidet, obwohl er sich ungeheure Mühe gab, seine dicke Person zu putzen, und Stunden mit dieser Beschäftigung verbrachte. Sein Diener verschaffte sich ein Vermögen mit seiner alten Garderobe; auf seinem Toilettentisch standen ebenso viele Pomaden und Essenzen wie bei einer welkenden Schönheit; um eine Taille zu bekommen, hatte er alle damals erfundenen Leibgurte, alle Korsette und Leibbinden ausprobiert. Wie die meisten dicken Menschen ließ er sich die Kleider sehr eng machen und wählte stets die glänzendsten Farben und den jugendlichsten Schnitt. Hatte er nachmittags endlich seine Toilette beendet, so fuhr er mit niemand in den Park und kam dann zurück, um sich abermals anzukleiden und mit niemand im Piazza-Kaffeehaus zu speisen. Er war eitel wie ein Mädchen, und vielleicht war seine außerordentliche Schüchternheit eine Folge seiner außerordentlichen Eitelkeit. Gelingt es Miss Rebekka bei ihrem Eintritt ins Leben, ihn zu besiegen, so ist sie ein Mädchen von ungewöhnlicher Gewitztheit.

 

He never was well dressed; but he took the hugest pains to adorn his big person, and passed many hours daily in that occupation. His valet made a fortune out of his wardrobe: his toilet-table was covered with as many pomatums and essences as ever were employed by an old beauty: he had tried, in order to give himself a waist, every girth, stay, and waistband then invented. Like most fat men, he would have his clothes made too tight, and took care they should be of the most brilliant colours and youthful cut. When dressed at length, in the afternoon, he would issue forth to take a drive with nobody in the Park; and then would come back in order to dress again and go and dine with nobody at the Piazza Coffee-House. He was as vain as a girl; and perhaps his extreme shyness was one of the results of his extreme vanity. If Miss Rebecca can get the better of him, and at her first entrance into life, she is a young person of no ordinary cleverness.

Ihr erster Schachzug bewies beträchtliche Gewandtheit. Als sie Sedley einen gutaussehenden Mann nannte, wußte sie, daß Amelia es ihrer Mutter erzählen würde, die es wahrscheinlich Joseph wiedersagen oder sich doch jedenfalls über das Kompliment für ihren Sohn freuen würde. Allen Müttern tut das wohl. Hätte man der Sycorax gesagt, ihr Sohn Caliban sei schön wie Apollo, so hätte es die Hexe gefreut. Vielleicht hörte Joseph Sedley das Kompliment auch selbst – Rebekka sprach ja laut genug –, und tatsächlich hatte er es auch gehört. Da er sich insgeheim für einen schönen Mann hielt, durchzuckte das Lob jede Fiber seines dicken Körpers und ließ ihn vor Wonne erbeben. Dann kam aber ein Rückschlag. Macht das Mädchen sich über mich lustig? dachte er, und darauf stürzte er, wie wir gesehen haben, geradewegs zur Klingel und wollte fort, bis die Scherze seines Vaters und die Bitten seiner Mutter ihn einhalten ließen und zum Bleiben bewogen.

 

The first move showed considerable skill. When she called Sedley a very handsome man, she knew that Amelia would tell her mother, who would probably tell Joseph, or who, at any rate, would be pleased by the compliment paid to her son. All mothers are. If you had told Sycorax that her son Caliban was as handsome as Apollo, she would have been pleased, witch as she was. Perhaps, too, Joseph Sedley would overhear the compliment — Rebecca spoke loud enough — and he did hear, and (thinking in his heart that he was a very fine man) the praise thrilled through every fibre of his big body, and made it tingle with pleasure. Then, however, came a recoil. “Is the girl making fun of me?” he thought, and straightway he bounced towards the bell, and was for retreating, as we have seen, when his father’s jokes and his mother’s entreaties caused him to pause and stay where he was.

Zweifelnd und erregt führte er die junge Dame zum Essen. Hält sie mich wirklich für schön, dachte er, oder nimmt sie mich nur auf den Arm? Wir haben davon gesprochen, Joseph Sedley sei eitel wie ein Mädchen. Der Himmel beschütze uns! Die Mädchen brauchen nur den Spieß umzudrehen und von ihresgleichen zu behaupten: »Sie ist so eitel wie ein Mann«, und sie haben vollkommen recht. Das bärtige Geschlecht ist ebenso erpicht auf Lob, ebenso wählerisch in bezug auf die Kleidung, ebenso stolz auf persönliche Vorzüge, sich ebenso seiner Unwiderstehlichkeit bewußt wie je eine Kokette auf der Welt.

 

He conducted the young lady down to dinner in a dubious and agitated frame of mind. “Does she really think I am handsome?” thought he, “or is she only making game of me?” We have talked of Joseph Sedley being as vain as a girl. Heaven help us! the girls have only to turn the tables, and say of one of their own sex, “She is as vain as a man,” and they will have perfect reason. The bearded creatures are quite as eager for praise, quite as finikin over their toilettes, quite as proud of their personal advantages, quite as conscious of their powers of fascination, as any coquette in the world.

So gingen sie also die Treppe hinab, Joseph über und über rot, Rebekka sehr sittsam, die grünen Äugen zu Boden geschlagen. Sie war weiß gekleidet, die bloßen Schultern weiß wie Schnee – ein Bild von Jugend, schutzloser Unschuld und bescheidener, jungfräulicher Naivität.

 

Downstairs, then, they went, Joseph very red and blushing, Rebecca very modest, and holding her green eyes downwards. She was dressed in white, with bare shoulders as white as snow — the picture of youth, unprotected innocence, and humble virgin simplicity.

Ich muß sehr sanft sein, dachte Rebekka, und recht viel Interesse für Indien an den Tag legen.

 

“I must be very quiet,” thought Rebecca, “and very much interested about India.”

Nun haben wir gehört, daß Mrs. Sedley einen schönen Curry zubereitet hatte, gerade wie ihr Sohn ihn mochte, und im Laufe des Essens wurde Rebekka eine Portion davon angeboten. »Was ist das?« wollte sie wissen und richtete einen fragenden Blick auf Mr. Joseph.

 

Now we have heard how Mrs. Sedley had prepared a fine curry for her son, just as he liked it, and in the course of dinner a portion of this dish was offered to Rebecca. “What is it?” said she, turning an appealing look to Mr. Joseph.

»Köstlich«, erwiderte er, mit vollem Munde kauend. Sein Gesicht war rot von der heiligen Handlung des Hinunterschlingens. »Mutter, er ist so gut wie meine eigenen Currys in Indien.«

 

“Capital,” said he. His mouth was full of it: his face quite red with the delightful exercise of gobbling. “Mother, it’s as good as my own curries in India.”

»Ach, wenn es ein indisches Gericht ist«, sagte Miss Rebekka, »muß ich es versuchen. Ich bin sicher, alles, was von dort kommt, muß gut sein.«

 

“Oh, I must try some, if it is an Indian dish,” said Miss Rebecca. “I am sure everything must be good that comes from there.”

»Gib doch Miss Sharp etwas Curry, meine Liebe«, sagte Mr. Sedley lachend.

 

“Give Miss Sharp some curry, my dear,” said Mr. Sedley, laughing.

Rebekka hatte das Gericht noch nie zuvor gekostet.

 

Rebecca had never tasted the dish before.

»Finden Sie ihn auch so gut wie alles andere, was aus Indien kommt?« fragte Mr. Sedley.

 

“Do you find it as good as everything else from India?” said Mr. Sedley.

»Oh, vortrefflich!« antwortete Rebekka, der der Cayennepfeffer Höllenqualen bereitete.

 

“Oh, excellent!” said Rebecca, who was suffering tortures with the cayenne pepper.

»Essen Sie ein Chili dazu, Miss Sharp«, sagte Joseph, voll ehrlicher Anteilnahme.

 

“Try a chili with it, Miss Sharp,” said Joseph, really interested.

»Ein Chili«, keuchte Rebekka, nach Luft schnappend. »Ja, ja!« Sie glaubte, ein Chili sei, dem Namen nach zu urteilen, etwas Kühlendes, und ließ sich daher eins geben.

 

“A chili,” said Rebecca, gasping. “Oh yes!” She thought a chili was something cool, as its name imported, and was served with some.

»Wie frisch und grün sie aussehen«, meinte sie und steckte eins in den Mund. Es brannte aber noch mehr als der Curry; Fleisch und Blut konnten es nicht länger ertragen. Sie legte die Gabel weg. »Wasser, um Himmels willen, Wasser!« rief sie. Mr. Sedley brach in ein lautes Gelächter aus (er war ein ungehobelter Mann und an der Börse tätig, wo man handgreifliche Scherze liebte). »Sie sind echt indisch, das kann ich Ihnen versichern«, sagte er. »Sambo, gib Miss Sharp Wasser.«

 

“How fresh and green they look,” she said, and put one into her mouth. It was hotter than the curry; flesh and blood could bear it no longer. She laid down her fork. “Water, for Heaven’s sake, water!” she cried. Mr. Sedley burst out laughing (he was a coarse man, from the Stock Exchange, where they love all sorts of practical jokes). “They are real Indian, I assure you,” said he. “Sambo, give Miss Sharp some water.”

Das väterliche Lachen rief bei Joseph ein Echo hervor, der den Spaß äußerst gelungen fand. Die Damen lächelten nur wenig. Sie dachten, die arme Rebekka habe zuviel auszustehen. Diese hätte zwar den alten Sedley gern erwürgt, aber sie schluckte ihren Ärger hinunter, wie vorher den abscheulichen Curry, und sagte, sobald sie sprechen konnte, aufgeräumt, mit drolliger Miene: »Ich hätte an den Pfeffer denken sollen, den die persische Prinzessin aus ›Tausendundeiner Nacht‹ in die Sahnetörtchen streut. Streut man in Indien Cayennepfeffer in die Sahnetörtchen, mein Herr?«

 

The paternal laugh was echoed by Joseph, who thought the joke capital. The ladies only smiled a little. They thought poor Rebecca suffered too much. She would have liked to choke old Sedley, but she swallowed her mortification as well as she had the abominable curry before it, and as soon as she could speak, said, with a comical, good-humoured air, “I ought to have remembered the pepper which the Princess of Persia puts in the cream-tarts in the Arabian Nights. Do you put cayenne into your cream-tarts in India, sir?”

Der alte Sedley begann zu lachen und dachte, Rebekka sei doch ein munteres Ding. Joseph aber sagte bloß: »Sahnetörtchen, Miss? Unsere Sahne in Bengalen ist herzlich schlecht. Gewöhnlich brauchen wir Ziegenmilch; und, weiß Gott, der gebe ich jetzt den Vorzug.«

 

Old Sedley began to laugh, and thought Rebecca was a good-humoured girl. Joseph simply said, “Cream-tarts, Miss? Our cream is very bad in Bengal. We generally use goats’ milk; and, ’gad, do you know, I’ve got to prefer it!”

»Nun werden Sie wohl nicht mehr alles, was aus Indien kommt, lieben, Miss Sharp?« fragte der alte Herr; als sich aber die Damen nach dem Essen zurückgezogen hatten, bemerkte der schlaue alte Bursche zu seinem Sohn: »Nimm dich in acht, Joe; das Mädchen hat es auf dich abgesehen.«

 

“You won’t like everything from India now, Miss Sharp,” said the old gentleman; but when the ladies had retired after dinner, the wily old fellow said to his son, “Have a care, Joe; that girl is setting her cap at you.”

»Pah, Unsinn!« sagte Joe, höchlich geschmeichelt. »Ich erinnere mich, da wir ein Mädchen in Dumdum, eine Tochter Cutlers von der Artillerie, die später Lance, den Stabsarzt, heiratete. Sie hat mir im Jahre 1804 nachgestellt, mir und Mulligatawney, von dem ich vor dem Essen erzählt habe, ein verteufelt tüchtiger Kerl, dieser Mulligatawney, er ist jetzt Beamter in Budgebudge und wird in fünf Jahren sicherlich im Gouvernementsrat sein. Kurz und gut, die Artillerie gab einen Ball, und Quintin vom Königlichen Vierzehnten Regiment sagte zu mir: ›Sedley‹, sagte er, ›ich wette dreizehn gegen zehn, daß Sophie Cutler entweder Sie oder Mulligatawney noch vor der Regenzeit geangelt hat.‹ – ›Es gilt‹, sage ich; und meiner Treu – dieser Rotwein ist sehr gut. Von Adamson oder Carbonell?«

 

“Pooh! nonsense!” said Joe, highly flattered. “I recollect, sir, there was a girl at Dumdum, a daughter of Cutler of the Artillery, and afterwards married to Lance, the surgeon, who made a dead set at me in the year ’4 — at me and Mulligatawney, whom I mentioned to you before dinner — a devilish good fellow Mulligatawney — he’s a magistrate at Budgebudge, and sure to be in council in five years. Well, sir, the Artillery gave a ball, and Quintin, of the King’s 14th, said to me, ‘Sedley,’ said he, ’I bet you thirteen to ten that Sophy Cutler hooks either you or Mulligatawney before the rains.’ ‘Done,’ says I; and egad, sir — this claret’s very good. Adamson’s or Carbonell’s?”

Ein leises Schnarchen war die einzige Antwort: der ehrliche Börsenmakler war eingeschlafen, und so konnte Joseph den Rest seiner Geschichte für heute nicht mehr an den Mann bringen. Aber er ist in der Gesellschaft von Männern stets sehr mitteilsam und hat diese köstliche Geschichte viele Dutzend Male seinem Arzt, Doktor Gollop, erzählt, wenn dieser kam, um sich nach der Leber und den Quecksilberpillen zu erkundigen.

 

A slight snore was the only reply: the honest stockbroker was asleep, and so the rest of Joseph’s story was lost for that day. But he was always exceedingly communicative in a man’s party, and has told this delightful tale many scores of times to his apothecary, Dr. Gollop, when he came to inquire about the liver and the blue-pill.

Da Joseph Sedley sehr krank war, begnügte er sich mit einer Flasche Rotwein, abgesehen von seinem Madeira beim Mittagessen. Außerdem führte er sich einige Teller voll Erdbeeren mit Sahne sowie vierundzwanzig Biskuitküchlein, die unbeachtet neben ihm auf einem Teller lagen, zu Gemüte, und in Gedanken (Romanschreiber haben das Vorrecht, alles zu wissen) beschäftigte er sich viel mit dem Mädchen droben. Ein nettes, lustiges, heiteres, junges Geschöpf, dachte er bei sich. Wie sie mich anblickte, als ich bei Tisch ihr Taschentuch aufhob! Sie ließ es zweimal fallen. Wer singt wohl im Salon? Soll ich hinaufgehen und nachsehen?

 

Being an invalid, Joseph Sedley contented himself with a bottle of claret besides his Madeira at dinner, and he managed a couple of plates full of strawberries and cream, and twenty-four little rout cakes that were lying neglected in a plate near him, and certainly (for novelists have the privilege of knowing everything) he thought a great deal about the girl upstairs. “A nice, gay, merry young creature,” thought he to himself. “How she looked at me when I picked up her handkerchief at dinner! She dropped it twice. Who’s that singing in the drawing-room? ’Gad! shall I go up and see?”

Aber seine Schüchternheit überfiel ihn mit unbezwingbarer Gewalt. Sein Vater schlief, sein Hut lag in der Vorhalle, und ganz in der Nähe, auf der Southampton Row, war ein Droschkenstand. »Ich werde in die ›Vierzig Räuber‹ gehen«, sagte er, »Miss Decamp tanzt«; und mit diesen Worten schlich er sich auf Zehenspitzen davon und verschwand, ohne seinen würdigen Vater zu wecken.

 

But his modesty came rushing upon him with uncontrollable force. His father was asleep: his hat was in the hall: there was a hackney-coach standing hard by in Southampton Row. “I’ll go and see the Forty Thieves,” said he, “and Miss Decamp’s dance”; and he slipped away gently on the pointed toes of his boots, and disappeared, without waking his worthy parent.

»Da geht Joseph«, sagte Amelia, die aus dem offenen Salonfenster sah, während Rebekka Klavier spielte und sang.

 

“There goes Joseph,” said Amelia, who was looking from the open windows of the drawing-room, while Rebecca was singing at the piano.

»Miss Sharp hat ihn verscheucht«, bemerkte Mrs. Sedley. »Armer Joe, warum ist er aber auch so schüchtern?«

 

“Miss Sharp has frightened him away,” said Mrs. Sedley. “Poor Joe, why will he be so shy?”

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