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Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1

William Makepeace Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1 - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/thackara/2jahrma1/2jahrma1.xml
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleJahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1
publisherprojekt.gutenberg.de
editorHella Reuters
year2012
firstpub2012
translatorChristoph Friedrich Grieb
senderreuters@abc.de
created20120915
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23. Kapitel / Chapter 23

Hauptmann Dobbin als Vermittler / Captain Dobbin Proceeds on His Canvass

Welchen geheimen Mesmerismus besitzt doch die Freundschaft, wenn unter ihrem Einfluß ein sonst träger, kalter oder furchtsamer Mensch für einen Freund klug, tätig und entschlossen wird? Wie Alexis nach einigen Strichen von Doktor Elliotson keinen Schmerz mehr verspürt, mit dem Hinterkopf liest, meilenweit und in die nächste Woche sieht und andere Wunder vollbringt, zu denen er im normalen Zustand niemals fähig wäre, so wird auch draußen in der Welt unter dem Magnetismus der Freundschaft der Bescheidene kühn, der Scheue zutraulich, der Träge fleißig und der Ungestüme vorsichtig und friedlich. Was veranlaßt den Advokaten, seinen eigenen Rechtsfall nicht selbst zu führen und seinen gelehrten Kollegen als Ratgeber heranzuziehen? Was veranlaßt den kranken Arzt, nach seinem Rivalen zu schicken, anstatt sich hinzusetzen, um seine Zunge im Spiegel zu betrachten oder sich am eigenen Schreibtisch etwas zu verschreiben? Ich stelle diese Fragen, damit intelligente Leser sie beantworten können, die wissen, wie leichtgläubig und skeptisch, wie nachgiebig und eigensinnig, wie standhaft und schüchtern wir gleichzeitig sind – in den Angelegenheiten anderer und in unseren eigenen. Es ist jedenfalls sicher, daß unser Freund William Dobbin persönlich so nachgiebig war, daß er wahrscheinlich in die Küche hinuntergestiegen wäre, um die Köchin zu heiraten, wenn seine Eltern ihn gedrängt hätten; und wenn es seinen eigenen Interessen gegolten hätte, wäre er deshalb wohl kaum über die Straße gegangen, so aber entwickelte er in George Osbornes Angelegenheiten eine so große Geschäftigkeit und einen Eifer, wie der selbstsüchtigste Taktiker nur in seinen eigenen Sachen an den Tag legen könnte.

 

What is the secret mesmerism which friendship possesses, and under the operation of which a person ordinarily sluggish, or cold, or timid, becomes wise, active, and resolute, in another’s behalf? As Alexis, after a few passes from Dr. Elliotson, despises pain, reads with the back of his head, sees miles off, looks into next week, and performs other wonders, of which, in his own private normal condition, he is quite incapable; so you see, in the affairs of the world and under the magnetism of friendships, the modest man becomes bold, the shy confident, the lazy active, or the impetuous prudent and peaceful. What is it, on the other hand, that makes the lawyer eschew his own cause, and call in his learned brother as an adviser? And what causes the doctor, when ailing, to send for his rival, and not sit down and examine his own tongue in the chimney Bass, or write his own prescription at his study-table? I throw out these queries for intelligent readers to answer, who know, at once, how credulous we are, and how sceptical, how soft and how obstinate, how firm for others and how diffident about ourselves: meanwhile, it is certain that our friend William Dobbin, who was personally of so complying a disposition that if his parents had pressed him much, it is probable he would have stepped down into the kitchen and married the cook, and who, to further his own interests, would have found the most insuperable difficulty in walking across the street, found himself as busy and eager in the conduct of George Osborne’s affairs, as the most selfish tactician could be in the pursuit of his own.

Während unser Freund George und seine junge Frau die ersten rosigen Tage der Flitterwochen in Brighton genossen, mußte der ehrliche William als Georges Bevollmächtigter in London zurückbleiben, um den geschäftlichen Teil der Heirat zu erledigen. Seine Aufgabe war es, Mr. Sedley und seine Frau zu besuchen und den Alten bei guter Laune zu erhalten; er mußte Joseph seinem Schwager näherbringen, damit Joes Rang und Würde als Steuereinnehmer von Boggley Wollah als Ersatz für den Sturz seines Vaters dienen und den alten Osborne geneigter machen konnte, sich in die Verbindung zu fügen. Schließlich mußte er ihm die Heirat so mitteilen, daß der Zorn des guten Herrn sowenig wie möglich erregt würde.

 

Whilst our friend George and his young wife were enjoying the first blushing days of the honeymoon at Brighton, honest William was left as George’s plenipotentiary in London, to transact all the business part of the marriage. His duty it was to call upon old Sedley and his wife, and to keep the former in good humour: to draw Jos and his brother-in-law nearer together, so that Jos’s position and dignity, as collector of Boggley Wollah, might compensate for his father’s loss of station; and tend to reconcile old Osborne to the alliance: and finally, to communicate it to the latter in such a way as should least irritate the old gentleman.

Dobbin war der Ansicht, daß es diplomatisch wäre, die übrigen Familienmitglieder zu gewinnen, ehe er dem Haupt des Hauses mit seiner Mitteilung kommen wollte. Er wollte möglichst die Damen auf seine Seite ziehen, weil er dachte, sie könnten im Herzen nicht böse sein. Noch nie war eine Frau wegen einer romantischen Heirat böse gewesen. Es würde ein bißchen Geschrei geben, aber dann mußten sie auf die Seite ihres Bruders treten, und später könnten sie alle drei den alten Mr. Osborne belagern. So überlegte sich also dieser ränkevolle Infanteriehauptmann ein paar geeignete Mittel oder eine Kriegslist, um die beiden Miss Osborne leise und allmählich in das Geheimnis ihres Bruders einzuweihen.

 

Now, before he faced the head of the Osborne house with the news which it was his duty to tell, Dobbin bethought him that it would be politic to make friends of the rest of the family, and, if possible, have the ladies on his side. They can’t be angry in their hearts, thought he. No woman ever was really angry at a romantic marriage. A little crying out, and they must come round to their brother; when the three of us will lay siege to old Mr. Osborne. So this Machiavellian captain of infantry cast about him for some happy means or stratagem by which he could gently and gradually bring the Misses Osborne to a knowledge of their brother’s secret.

Durch ein paar Fragen über Einladungen, die seine Mutter erhalten hatte, machte er bald ausfindig, welche ihrer Freundinnen bald Gesellschaften geben würden und wo er Osbornes Schwestern eventuell treffen konnte. Und obgleich er vor Bällen und Abendgesellschaften wie viele verständige Männer einen Abscheu hatte, so fand er doch bald ein Vergnügen, zu dem die Schwestern erscheinen mußten. Er kam also auf den Ball und tanzte mit beiden ein paarmal und war ausgesprochen höflich, bis er endlich den Mut fand, Miss Osborne um eine kurze Unterredung für den nächsten Morgen zu bitten, da er ihr, wie er sagte, Neuigkeiten von höchstem Interesse mitzuteilen habe.

 

By a little inquiry regarding his mother’s engagements, he was pretty soon able to find out by whom of her ladyship’s friends parties were given at that season; where he would be likely to meet Osborne’s sisters; and, though he had that abhorrence of routs and evening parties which many sensible men, alas! entertain, he soon found one where the Misses Osborne were to be present. Making his appearance at the ball, where he danced a couple of sets with both of them, and was prodigiously polite, he actually had the courage to ask Miss Osborne for a few minutes’ conversation at an early hour the next day, when he had, he said, to communicate to her news of the very greatest interest.

Warum fuhr sie wohl zusammen und starrte einen Augenblick auf ihn und dann auf den Boden zu ihren Füßen? Sie tat, als ob sie in seinen Armen in Ohnmacht sinken müßte, er trat ihr aber noch rechtzeitig auf die Zehen und brachte so die junge Dame wieder zu sich selbst. Warum war sie so heftig erregt, als Dobbin seine Bitte vortrug? Das wird ewig ein Geheimnis bleiben. Als er aber am darauffolgenden Tage erschien, war Maria nicht bei ihrer Schwester im Salon, und Miss Wirt entfernte sich, um sie zu holen. So blieb der Hauptmann allein mit Miss Osborne. Sie waren beide so still, daß das Ticktack der Uhr mit dem Opfer der Iphigenie auf dem Kaminsims unbarmherzig laut ertönte.

 

What was it that made her start back, and gaze upon him for a moment, and then on the ground at her feet, and make as if she would faint on his arm, had he not by opportunely treading on her toes, brought the young lady back to self-control? Why was she so violently agitated at Dobbin’s request? This can never be known. But when he came the next day, Maria was not in the drawing-room with her sister, and Miss Wirt went off for the purpose of fetching the latter, and the Captain and Miss Osborne were left together. They were both so silent that the ticktock of the Sacrifice of Iphigenia clock on the mantelpiece became quite rudely audible.

»Was war das doch für ein netter Ball gestern abend«, fing Miss Osborne endlich an, um den Hauptmann zu ermutigen, »und – und welche Fortschritte Sie im Tanzen gemacht haben, Hauptmann Dobbin! Gewiß hat es Ihnen jemand beigebracht«, setzte sie mit liebenswürdigem Schalk hinzu.

 

“What a nice party it was last night,” Miss Osborne at length began, encouragingly; “and — and how you’re improved in your dancing, Captain Dobbin. Surely somebody has taught you,” she added, with amiable archness.

»Sie sollten einmal sehen, wie ich einen Schottischen mit Frau Major O'Dowd von unserem Regiment tanze oder eine Gigue – haben Sie schon mal eine Gigue gesehen? Aber ich glaube, mit Ihnen, Miss Osborne, könnte jeder tanzen, wo Sie doch eine so gute Tänzerin sind.«

 

“You should see me dance a reel with Mrs. Major O’Dowd of ours; and a jig — did you ever see a jig? But I think anybody could dance with you, Miss Osborne, who dance so well.”

»Ist die Majorin jung und schön, Hauptmann?« fuhr die hübsche Fragerin fort. »Ach, es ist doch gewiß schrecklich, die Frau eines Soldaten zu sein! Ich möchte wissen, ob sie überhaupt noch Lust zum Tanzen haben, und noch dazu in diesen furchtbaren Kriegszeiten! Ach, Hauptmann Dobbin, ich zittere bisweilen, wenn ich an unseren lieben George und an die Gefahren des Soldatenlebens denke. Sind beim ...ten Regiment viele Offiziere verheiratet, Hauptmann Dobbin?«

 

“Is the Major’s lady young and beautiful, Captain?” the fair questioner continued. “Ah, what a terrible thing it must be to be a soldier’s wife! I wonder they have any spirits to dance, and in these dreadful times of war, too! O Captain Dobbin, I tremble sometimes when I think of our dearest George, and the dangers of the poor soldier. Are there many married officers of the — th, Captain Dobbin?”

Ehrlich gesagt, spielt sie wohl doch etwas zu sehr mit offenen Karten, dachte Miss Wirt. Allein diese Bemerkung steht nur in Klammern und war durch die Türspalte, an der die Gouvernante sie machte, nicht zu hören.

 

“Upon my word, she’s playing her hand rather too openly,” Miss Wirt thought; but this observation is merely parenthetic, and was not heard through the crevice of the door at which the governess uttered it.

»Einer unserer jungen Leute hat gerade geheiratet«, sagte Dobbin und steuerte damit auf den Kern zu. »Es war eine sehr alte Liebe, und das junge Ehepaar ist so arm wie eine Kirchenmaus.« »Oh, wie entzückend! Oh, wie romantisch!« rief Miss Osborne, als der Hauptmann die Worte »alte Liebe« und »arm« aussprach. Ihr Mitgefühl gab ihm Mut.

 

“One of our young men is just married,” Dobbin said, now coming to the point. “It was a very old attachment, and the young couple are as poor as church mice.” “O, how delightful! O, how romantic!” Miss Osborne cried, as the Captain said “old attachment” and “poor.” Her sympathy encouraged him.

»Der beste junge Bursche im ganzen Regiment«, fuhr er fort. »Es gibt in der ganzen Armee keinen tapfereren oder hübscheren Offizier und solch eine bezaubernde Frau! Wie würden Sie sie lieben, wie werden Sie sie lieben, wenn Sie sie kennenlernen, Miss Osborne.« Die junge Dame glaubte, nun sei der große Augenblick gekommen, denn Dobbins nervöse Gesichtszuckungen, seine Art und Weise, mit den großen Füßen den Boden zu stampfen, das rasche Auf- und Zuknöpfen seines Rockes und so weiter schienen Miss Osborne anzudeuten, daß er, sobald er sich etwas gefaßt hätte, sein ganzes Herz ausschütten würde. Sie bereitete sich schon vor, ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zuzuhören. Als die Uhr mit ihrem Altar darauf, auf dem Iphigenie sich befand, nach einem einleitenden Röcheln anfing, die zwölfte Stunde zu schlagen, schien es, als ob die Schläge bis ein Uhr dauern würden – so ewig kam es der ängstlich harrenden Jungfrau vor.

 

“The finest young fellow in the regiment,” he continued. “Not a braver or handsomer officer in the army; and such a charming wife! How you would like her! how you will like her when you know her, Miss Osborne.” The young lady thought the actual moment had arrived, and that Dobbin’s nervousness which now came on and was visible in many twitchings of his face, in his manner of beating the ground with his great feet, in the rapid buttoning and unbuttoning of his frock-coat, &c. — Miss Osborne, I say, thought that when he had given himself a little air, he would unbosom himself entirely, and prepared eagerly to listen. And the clock, in the altar on which Iphigenia was situated, beginning, after a preparatory convulsion, to toll twelve, the mere tolling seemed as if it would last until one — so prolonged was the knell to the anxious spinster.

»Aber ich wollte nicht vom Heiraten sprechen – das heißt von dieser Heirat – das heißt – nein, ich meine – meine liebe Miss Osborne, es dreht sich um unseren lieben Freund George«, sagte Dobbin.

 

“But it’s not about marriage that I came to speak — that is that marriage — that is — no, I mean — my dear Miss Osborne, it’s about our dear friend George,” Dobbin said.

»George?« sagte sie so verwirrt, daß Maria und Miss Wirt hinter der Tür lachen mußten und daß selbst der arme Schelm von einem Dobbin ein Lächeln bekämpfen mußte. Er kannte nämlich den Stand der Dinge ganz gut, denn George hatte ihn oft geneckt und zu ihm gesagt: »Zum Henker, Will, warum heiratest du nicht die gute Jane? Sie nimmt dich, wenn du sie fragst. Ich wette fünf gegen zwei, daß sie's tut.«

 

“About George?” she said in a tone so discomfited that Maria and Miss Wirt laughed at the other side of the door, and even that abandoned wretch of a Dobbin felt inclined to smile himself; for he was not altogether unconscious of the state of affairs: George having often bantered him gracefully and said, “Hang it, Will, why don’t you take old Jane? She’ll have you if you ask her. I’ll bet you five to two she will.”

»Ja, George«, fuhr er fort. »Es hat doch zwischen ihm und Mr. Osborne eine Auseinandersetzung gegeben. Ich schätze ihn so sehr – Sie wissen ja, daß wir stets wie Brüder gewesen sind –, und ich hoffe und bete, der Streit möge beigelegt werden. Wir müssen fort von England, Miss Osborne. Jeden Tag kann der Marschbefehl kommen. Wer weiß, was während des Feldzuges geschieht? Regen Sie sic nicht auf, liebe Miss Osborne; die beiden sollten wenigstens als Freunde scheiden.«

 

“Yes, about George, then,” he continued. “There has been a difference between him and Mr. Osborne. And I regard him so much — for you know we have been like brothers — that I hope and pray the quarrel may be settled. We must go abroad, Miss Osborne. We may be ordered off at a day’s warning. Who knows what may happen in the campaign? Don’t be agitated, dear Miss Osborne; and those two at least should part friends.”

»Es hat keinen Streit gegeben, Hauptmann Dobbin, nur eine seiner üblichen Szenen mit Papa«, sagte die Dame. »Wir erwarten George täglich zurück. Papa wollte nur sein Bestes. Er braucht bloß zurückzukommen, und dann ist alles wieder gut, da bin ich sicher. Und die liebe Rhoda, die sehr, sehr böse und traurig von hier fortgegangen ist, wird ihm ganz gewiß verzeihen. Eine Frau verzeiht nur zu leicht, Hauptmann.«

 

“There has been no quarrel, Captain Dobbin, except a little usual scene with Papa,” the lady said. “We are expecting George back daily. What Papa wanted was only for his good. He has but to come back, and I’m sure all will be well; and dear Rhoda, who went away from here in sad sad anger, I know will forgive him. Woman forgives but too readily, Captain.”

»Ein Engel wie Sie bestimmt«, sagte Mr. Dobbin mit abscheulicher List. »Und kein rechter Mann kann es sich verzeihen, einer Frau Schmerz zugefügt zu haben. Was würden Sie fühlen, wenn ein Mann Ihnen untreu würde?«

 

“Such an angel as you I am sure would,” Mr. Dobbin said, with atrocious astuteness. “And no man can pardon himself for giving a woman pain. What would you feel, if a man were faithless to you?”

»Ich würde sterben – ich würde mich aus dem Fenster stürzen – ich würde Gift nehmen – ich würde mich zu Tode grämen. Ja, bestimmt«, rief Miss Osborne, die allerdings schon einige Herzensangelegenheiten durchgemacht hatte, ohne an Selbstmord zu denken.

 

“I should perish — I should throw myself out of window — I should take poison — I should pine and die. I know I should,” Miss cried, who had nevertheless gone through one or two affairs of the heart without any idea of suicide.

»Es gibt aber auch andere«, fuhr Dobbin fort, »die ebenso aufrichtig, so gutherzig sind wie Sie. Ich spreche nicht von der westindischen Erbin, Miss Osborne, sondern von einem armen Mädchen, das George einst liebte und das von ihrer frühesten Kindheit in Gedanken an ihn erzogen wurde. Ich habe sie klaglos, mit gebrochenem Herzen, aber ohne Falsch in ihrer Armut gesehen. Ich spreche von Miss Sedley. Liebe Miss Osborne, kann Ihr edelmütiges Herz Ihrem Bruder deswegen zürnen, weil er ihr treu blieb? Könnte er seinem eigenen Gewissen je verzeihen, wenn er sie verließe? Seien Sie ihre Freundin – sie hat Sie immer liebgehabt – und – und ich stehe hier, von George beauftragt, und soll Ihnen sagen, daß er seine Verpflichtungen gegenüber Miss Sedley als seine heiligsten betrachtet, und wenigstens Sie bitten, zu ihm zu halten.«

 

“And there are others,” Dobbin continued, “as true and as kind-hearted as yourself. I’m not speaking about the West Indian heiress, Miss Osborne, but about a poor girl whom George once loved, and who was bred from her childhood to think of nobody but him. I’ve seen her in her poverty uncomplaining, broken-hearted, without a fault. It is of Miss Sedley I speak. Dear Miss Osborne, can your generous heart quarrel with your brother for being faithful to her? Could his own conscience ever forgive him if he deserted her? Be her friend — she always loved you — and — and I am come here charged by George to tell you that he holds his engagement to her as the most sacred duty he has; and to entreat you, at least, to be on his side.”

Wenn Mr. Dobbin von einer starken Gemütsbewegung ergriffen wurde, so konnte er nach anfänglichem Stocken sehr geläufig sprechen, und es war offensichtlich, daß seine Beredsamkeit auf seine Gesprächspartnerin doch einigen Eindruck machte.

 

When any strong emotion took possession of Mr. Dobbin, and after the first word or two of hesitation, he could speak with perfect fluency, and it was evident that his eloquence on this occasion made some impression upon the lady whom he addressed.

»Nun«, sagte sie, »das ist – sehr überraschend – sehr schmerzlich – ganz außerordentlich. Was wird Papa dazu sagen – daß George eine so großartige Partie ablehnt – aber auf jeden Fall hat er einen tüchtigen Fürsprecher an Ihnen gefunden, Hauptmann Dobbin. Es hilft aber nichts«, fuhr sie nach einer Pause fort, »die Lage der armen Miss Sedley geht mir ganz gewiß zu Herzen, ja, sehr zu Herzen, wissen Sie. Wir hielten die Partie nie für gut, obgleich wir hier stets freundlich, ja, sehr freundlich zu ihr waren. Aber Papa wird nie seine Einwilligung geben, da bin ich sicher. Und ein wohlerzogenes junges Mädchen, wissen Sie – ein Mädchen mit Verstand – muß ... George muß sie aufgeben, lieber Hauptmann Dobbin, ja, das muß er.«

 

“Well,” said she, “this is — most surprising — most painful — most extraordinary — what will Papa say? — that George should fling away such a superb establishment as was offered to him but at any rate he has found a very brave champion in you, Captain Dobbin. It is of no use, however,” she continued, after a pause; “I feel for poor Miss Sedley, most certainly — most sincerely, you know. We never thought the match a good one, though we were always very kind to her here — very. But Papa will never consent, I am sure. And a well brought up young woman, you know — with a well-regulated mind, must — George must give her up, dear Captain Dobbin, indeed he must.”

»Darf ein Mann die Frau aufgeben, die er liebt, gerade wenn sie ins Unglück gerät?« fragte Dobbin und streckte die Hand aus. »Liebe Miss Osborne! Ist das der Rat, den ich von Ihnen höre? Mein liebes gnädiges Fräulein, Sie müssen ihre Freundin sein. Er kann sie nicht aufgeben. Er darf sie nicht aufgeben. Würde ein Mann Sie aufgeben, wenn Sie arm wären?«

 

“Ought a man to give up the woman he loved, just when misfortune befell her?” Dobbin said, holding out his hand. “Dear Miss Osborne, is this the counsel I hear from you? My dear young lady! you must befriend her. He can’t give her up. He must not give her up. Would a man, think you, give you up if you were poor?”

Diese geschickte Frage rührte Miss Jane Osbornes Herz. »Ich weiß nicht, ob wir armen Mädchen euch Männern glauben dürfen, Hauptmann«, sagte sie. »Die Liebe macht die Frauen allzu leichtgläubig. Ich befürchte, ihr seid grausame, grausame Betrüger.« Dobbin vermeinte sicher einen Druck der Hand zu spüren, die Miss Osborne ihm hingehalten hatte.

 

This adroit question touched the heart of Miss Jane Osborne not a little. “I don’t know whether we poor girls ought to believe what you men say, Captain,” she said. “There is that in woman’s tenderness which induces her to believe too easily. I’m afraid you are cruel, cruel deceivers," — and Dobbin certainly thought he felt a pressure of the hand which Miss Osborne had extended to him.

Er ließ sie etwas bestürzt los. »Betrüger!« sagte er. »Nein, liebe Miss Osborne, nicht alle Männer sind Betrüger. Ihr Bruder ist jedenfalls keiner. George hat Amelia Sedley schon geliebt, als sie noch Kinder waren; kein Reichtum könnte ihn bewegen, eine andere zu heiraten als sie. Soll er sie verlassen? Würden Sie ihm raten, das zu tun?«

 

He dropped it in some alarm. “Deceivers!” said he. “No, dear Miss Osborne, all men are not; your brother is not; George has loved Amelia Sedley ever since they were children; no wealth would make him marry any but her. Ought he to forsake her? Would you counsel him to do so?”

Was konnte Miss Jane auf solch eine Frage antworten, zumal sie ihre eigenen besonderen Absichten hegte? Sie konnte nicht antworten, also wich sie aus und sagte: »Nun schön, wenn Sie kein Betrüger sind, so sind Sie jedenfalls sehr romantisch.« Diese Bemerkung ließ Hauptmann William unangefochten.

 

What could Miss Jane say to such a question, and with her own peculiar views? She could not answer it, so she parried it by saying, “Well, if you are not a deceiver, at least you are very romantic”; and Captain William let this observation pass without challenge.

Als er schließlich durch noch einige höfliche Redensarten Miss Osborne genügend vorbereitet glaubte, die Neuigkeit zu hören, schenkte er ihr die Wahrheit ein. »George könnte Amelia gar nicht aufgeben – George hat sie geheiratet«, und dann erzählte er ihr die näheren Umstände der Heirat und alles, was wir bereits wissen: daß das arme Mädchen gestorben wäre, hätte ihr nicht ihr Liebhaber die Treue gehalten, daß der alte Sedley von der Heirat nichts habe wissen wollen und daß man sich eine Lizenz verschaffen mußte, daß Joseph Sedley von Cheltenham gekommen sei, um die Braut zur Ehe zu geben, daß sie in Joes Vierspänner nach Brighton gefahren seien, um dort die Flitterwochen zu verleben, und daß George auf seine lieben, guten Schwestern rechne, die ihn mit ihrem Vater wieder aussöhnen müßten, denn sie seien doch so treue und zärtliche Mädchen und würden es gewiß tun. Damit verbeugte sich Hauptmann Dobbin und nahm Abschied, nachdem er noch um die (bereitwillig gegebene) Erlaubnis gebeten hatte, sie wieder besuchen zu dürfen. Er vermutete ganz richtig, daß es kaum fünf Minuten dauern würde, bis die anderen Damen die Neuigkeit, die er gebracht hatte, erfahren würden.

 

At length when, by the help of farther polite speeches, he deemed that Miss Osborne was sufficiently prepared to receive the whole news, he poured it into her ear. “George could not give up Amelia — George was married to her" — and then he related the circumstances of the marriage as we know them already: how the poor girl would have died had not her lover kept his faith: how Old Sedley had refused all consent to the match, and a licence had been got: and Jos Sedley had come from Cheltenham to give away the bride: how they had gone to Brighton in Jos’s chariot-and-four to pass the honeymoon: and how George counted on his dear kind sisters to befriend him with their father, as women — so true and tender as they were — assuredly would do. And so, asking permission (readily granted) to see her again, and rightly conjecturing that the news he had brought would be told in the next five minutes to the other ladies, Captain Dobbin made his bow and took his leave.

Kaum war er aus dem Hause, so stürzten Miss Maria und Miss Wirt zu Miss Osborne herein, und die junge Dame teilte ihnen nun das ganze wunderbare Geheimnis mit. Dabei muß ich jedoch den beiden Schwestern die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß keine sehr böse war. Eine Entführung hat etwas an sich, daß nur wenige Damen ernstlich böse darüber sein können, und wegen des Mutes, den Amelia gezeigt hatte, indem sie ihre Zustimmung zu der Verbindung gab, stieg sie sogar in ihrer Achtung. Während sie die Geschichte besprachen und schwatzten und überlegten, was Papa wohl tun und sagen würde, dröhnte an der Tür ein lautes Klopfen, ähnlich einem rächenden Donnerschlag, und ließ die Verschwörerinnen zusammenfahren. Das muß Papa sein, dachten sie. Aber er war es nicht. Es war nur Mr. Frederick Bullock, der versprochen hatte, die Damen in eine Blumenausstellung zu begleiten, und deshalb aus der City kam.

 

He was scarcely out of the house, when Miss Maria and Miss Wirt rushed in to Miss Osborne, and the whole wonderful secret was imparted to them by that lady. To do them justice, neither of the sisters was very much displeased. There is something about a runaway match with which few ladies can be seriously angry, and Amelia rather rose in their estimation, from the spirit which she had displayed in consenting to the union. As they debated the story, and prattled about it, and wondered what Papa would do and say, came a loud knock, as of an avenging thunder-clap, at the door, which made these conspirators start. It must be Papa, they thought. But it was not he. It was only Mr. Frederick Bullock, who had come from the City according to appointment, to conduct the ladies to a flower-show.

Wie man sich wohl denken kann, wurde diesem Herrn das Geheimnis nicht lange vorenthalten. Als er es dann erfuhr, zeigte sein Gesicht jedoch eine Verwunderung, die ganz und gar verschieden war von dem sentimentalen Staunen in der Miene der Schwestern. Mr. Bullock war ein Mann von Welt und der jüngere Teilhaber einer reichen Firma. Er wußte, was das Geld bedeutet, und kannte dessen Wert. In seinen kleinen Augen blitzte ein schöner Strahl der Erwartung auf, und er lächelte seiner Maria zu bei dem Gedanken, daß sie durch diesen Narrenstreich von Mr. George dreißigtausend Pfund mehr wert werden könnte, als er je mit ihr zu bekommen gehofft hatte.

 

This gentleman, as may be imagined, was not kept long in ignorance of the secret. But his face, when he heard it, showed an amazement which was very different to that look of sentimental wonder which the countenances of the sisters wore. Mr. Bullock was a man of the world, and a junior partner of a wealthy firm. He knew what money was, and the value of it: and a delightful throb of expectation lighted up his little eyes, and caused him to smile on his Maria, as he thought that by this piece of folly of Mr. George’s she might be worth thirty thousand pounds more than he had ever hoped to get with her.

»Bei Gott, Jane«, sagte er und musterte selbst die ältere Schwester mit einigem Interesse, »Eels wird es nun leid tun, daß er sich von Ihnen losgesagt hat. Sie können noch einmal ein Fünfzigtausendpfünder werden.«

 

“Gad! Jane,” said he, surveying even the elder sister with some interest, “Eels will be sorry he cried off. You may be a fifty thousand pounder yet.”

Bis jetzt hatten die Schwestern noch nie an die Geldfrage gedacht, aber Fred Bullock neckte sie deswegen bei ihrem Vormittagsausflug mit anmutiger Lustigkeit, und als sie nach diesem morgendlichen Vergnügen zum Essen zurückfuhren, waren sie in ihrer eigenen Achtung nicht wenig gestiegen. Der verehrte Leser soll nun diese Selbstsucht nicht etwa als unnatürlich betrachten. Erst heute morgen bemerkte der Verfasser dieser Geschichte, während er auf dem Omnibus aus Richmond saß, beim Pferdewechsel, wie drei schmutzige kleine Kinder in einer Pfütze freundschaftlich und glücklich miteinander spielten. Zu diesen dreien gesellte sich noch ein kleines Mädchen. »Polly«, sagte es, »deine Schwester hat einen Penny bekommen.« Sofort sprangen die Kinder von ihrer Pfütze auf und rannten davon, um Peggy den Hof zu machen. Und als der Omnibus davonfuhr, sah ich Peggy mit dem Kindergefolge würdevoll auf den Stand einer Süßwarenhändlerin in der Nähe zuschreiten.

 

The sisters had never thought of the money question up to that moment, but Fred Bullock bantered them with graceful gaiety about it during their forenoon’s excursion; and they had risen not a little in their own esteem by the time when, the morning amusement over, they drove back to dinner. And do not let my respected reader exclaim against this selfishness as unnatural. It was but this present morning, as he rode on the omnibus from Richmond; while it changed horses, this present chronicler, being on the roof, marked three little children playing in a puddle below, very dirty, and friendly, and happy. To these three presently came another little one. “ Polly,” says she, “ Your sister’s got A penny.” At which the children got up from the puddle instantly, and ran off to pay their court to Peggy. And as the omnibus drove off I saw Peggy with the infantine procession at her tail, marching with great dignity towards the stall of a neighbouring lollipop-woman.

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