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Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1

William Makepeace Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1 - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/thackara/2jahrma1/2jahrma1.xml
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleJahrmarkt der Eitelkeit/Vanity Fair. Band 1
publisherprojekt.gutenberg.de
editorHella Reuters
year2012
firstpub2012
translatorChristoph Friedrich Grieb
senderreuters@abc.de
created20120915
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20. Kapitel / Chapter 20

In dem Hauptmann Dobbin als Bote Hymens auftritt / In Which Captain Dobbin Acts as the Messenger of Hymen

Ohne zu wissen wie, wurde Hauptmann William Dobbin der große Förderer, Ordner und Dirigent der Heirat George Osbornes mit Amelia. Ohne ihn wäre sie nie zustande gekommen, das mußte er sich selbst mit bitterem Lächeln gestehen. Ausgerechnet er war es, der für die Heirat sorgen mußte. Aber wenn diese Unterhandlung für ihn wirklich eine peinvolle Angelegenheit bedeutete, so war doch Hauptmann Dobbin gewohnt, jede Pflicht ohne viele Worte und langes Zögern zu erfüllen, und da er überzeugt war, daß Miss Sedley vor Kummer sterben würde, wenn sie diesen Mann nicht bekäme, so war er entschlossen, alles in seinen Kräften Stehende zu tun, um sie am Leben zu erhalten.

 

Without knowing how, Captain William Dobbin found himself the great promoter, arranger, and manager of the match between George Osborne and Amelia. But for him it never would have taken place: he could not but confess as much to himself, and smiled rather bitterly as he thought that he of all men in the world should be the person upon whom the care of this marriage had fallen. But though indeed the conducting of this negotiation was about as painful a task as could be set to him, yet when he had a duty to perform, Captain Dobbin was accustomed to go through it without many words or much hesitation: and, having made up his mind completely, that if Miss Sedley was balked of her husband she would die of the disappointment, he was determined to use all his best endeavours to keep her alive.

Ich will auf die Einzelheiten der Unterredung zwischen George und Amelia nicht eingehen, als dieser durch die Vermittlung seines Freundes, des ehrlichen Williams, zu den Füßen (oder dürfen wir sagen: in die Arme?) seiner Geliebten zurückgeführt wurde. Ein weit härteres Herz als Georges wäre geschmolzen beim Anblick des lieblichen Gesichtes, auf dem Schmerz und Verzweiflung ihre Spuren hinterlassen hatten, und bei den einfachen zärtlichen Worten, in denen sie ihre kleine herzzerbrechende Geschichte erzählte. Da sie aber nicht in Ohnmacht fiel, als die zitternde Mutter Osborne zu ihr führte, und da sie ihrem übermäßigen Schmerz erst Luft machen konnte, als sie den Kopf an die Schulter des Geliebten lehnte und dort eine Weile freigebig zärtliche und erfrischende Tränen weinte, dachte die alte Mrs. Sedley ebenfalls sehr erleichtert, es sei wohl das beste, die jungen Leute sich selbst zu überlassen. So ging sie hinaus, während Emmy unter Tränen demütig Georges Hand küßte, als wäre er ihr oberster Herr und Meister, sie aber ein schuldiges und unwürdiges Wesen, das seiner Gunst und Gnade bedürfe.

 

I forbear to enter into minute particulars of the interview between George and Amelia, when the former was brought back to the feet (or should we venture to say the arms?) of his young mistress by the intervention of his friend honest William. A much harder heart than George’s would have melted at the sight of that sweet face so sadly ravaged by grief and despair, and at the simple tender accents in which she told her little broken-hearted story: but as she did not faint when her mother, trembling, brought Osborne to her; and as she only gave relief to her overcharged grief, by laying her head on her lover’s shoulder and there weeping for a while the most tender, copious, and refreshing tears — old Mrs. Sedley, too greatly relieved, thought it was best to leave the young persons to themselves; and so quitted Emmy crying over George’s hand, and kissing it humbly, as if he were her supreme chief and master, and as if she were quite a guilty and unworthy person needing every favour and grace from him.

Diese Demut und süße, widerspruchslose Unterwerfung rührten George Osborne ebenso, wie sie ihm schmeichelten. Er sah in dem einfachen, nachgiebigen, treuen Geschöpf eine Sklavin vor sich, und seine Seele erschauerte insgeheim in der Erkenntnis seiner Macht. Er wollte ein großmütiger Sultan sein und seine knieende Esther aufheben und zur Königin machen. Auch ihre Traurigkeit und Schönheit rührten ihn. Daher tröstete er sie, richtete sie auf und verzieh ihr sozusagen. All ihre Hoffnungen und Gefühle, die dahinwelkten und vergingen, als sie von ihrer Sonne verbannt war, blühten plötzlich wieder, als ihnen das Licht zurückgegeben war. Man hätte an jenem Abend wohl schwerlich das kleine strahlende Gesicht auf Amelias Kissen als das gleiche wiedererkannt, das in der Nacht zuvor so bleich, leblos und gleichgültig für alles um sie her dort gelegen hatte. Das ehrliche irische Dienstmädchen bat, entzückt von der Veränderung, das plötzlich so rosig gewordene Gesicht küssen zu dürfen. Amelia schlang die Arme um den Hals des Mädchens und küßte sie aus tiefstem Herzen wie ein Kind. Sie war auch kaum mehr als ein Kind. In dieser Nacht war ihr Schlaf süß und erquickend wie selten – und welch ein Quell unaussprechlichen Glückes, als sie im Morgensonnenschein erwachte.

 

This prostration and sweet unrepining obedience exquisitely touched and flattered George Osborne. He saw a slave before him in that simple yielding faithful creature, and his soul within him thrilled secretly somehow at the knowledge of his power. He would be generous-minded, Sultan as he was, and raise up this kneeling Esther and make a queen of her: besides, her sadness and beauty touched him as much as her submission, and so he cheered her, and raised her up and forgave her, so to speak. All her hopes and feelings, which were dying and withering, this her sun having been removed from her, bloomed again and at once, its light being restored. You would scarcely have recognised the beaming little face upon Amelia’s pillow that night as the one that was laid there the night before, so wan, so lifeless, so careless of all round about. The honest Irish maid-servant, delighted with the change, asked leave to kiss the face that had grown all of a sudden so rosy. Amelia put her arms round the girl’s neck and kissed her with all her heart, like a child. She was little more. She had that night a sweet refreshing sleep, like one — and what a spring of inexpressible happiness as she woke in the morning sunshine!

Heute kommt er wieder, dachte Amelia. Er ist der größte und beste aller Männer. In Wirklichkeit dachte auch George, er sei eines der edelmütigsten Geschöpfe auf der Welt und er bringe ein ungeheures Opfer, wenn er dieses junge Wesen heirate.

 

“He will be here again to-day,” Amelia thought. “He is the greatest and best of men.” And the fact is, that George thought he was one of the generousest creatures alive: and that he was making a tremendous sacrifice in marrying this young creature.

Während sie und Osborne oben ihr entzückendes Tête-à-tête hatten, sprachen die alte Mrs. Sedley und Hauptmann Dobbin über den Stand der Dinge sowie über die Aussichten und das künftige Leben der jungen Leute. Nachdem Mrs. Sedley nun die beiden Liebenden zusammengeführt und sie in inniger Umarmung zurückgelassen hatte, glaubte sie als echte Frau, daß keine Macht auf der Welt Mr. Sedley bewegen würde, der Heirat zwischen seiner Tochter und dem Sohn eines Mannes zuzustimmen, der ihn so schändlich, böse und scheußlich behandelt hatte. Sie erzählte eine lange Geschichte von glücklicheren Tagen und früherem Glanz, als Osborne noch bescheiden in der New Road gelebt hatte und seine Frau nur zu glücklich gewesen war, ein paar von Joes Kindersachen zu bekommen, die Mrs. Sedley ihr bei der Geburt eines der Osborneschen Kinder geschenkt hatte. Die teuflische Undankbarkeit Osbornes hatte Mr. Sedley das Herz gebrochen, davon war sie überzeugt, und er würde nie, nie, nie, niemals in eine Heirat einwilligen.

 

While she and Osborne were having their delightful tete-a-tete above stairs, old Mrs. Sedley and Captain Dobbin were conversing below upon the state of the affairs, and the chances and future arrangements of the young people. Mrs. Sedley having brought the two lovers together and left them embracing each other with all their might, like a true woman, was of opinion that no power on earth would induce Mr. Sedley to consent to the match between his daughter and the son of a man who had so shamefully, wickedly, and monstrously treated him. And she told a long story about happier days and their earlier splendours, when Osborne lived in a very humble way in the New Road, and his wife was too glad to receive some of Jos’s little baby things, with which Mrs. Sedley accommodated her at the birth of one of Osborne’s own children. The fiendish ingratitude of that man, she was sure, had broken Mr. S.’s heart: and as for a marriage, he would never, never, never, never consent.

»Dann müssen sie eben miteinander fliehen, Madame«, sagte Dobbin lachend, »müssen dem Beispiel von Hauptmann Rawdon Crawley und Miss Emmys Freundin, der kleinen Gouvernante, folgen.« War es möglich? Niemals hätte sie...! Mrs. Sedley war ganz aufgeregt über diese Nachricht. Sie wünschte, die Blenkinsop wäre da, um es ebenfalls zu hören, die Blenkinsop habe dieser Miss Sharp immer mißtraut. Ein Glück, daß Joe noch davongekommen war! Und nun beschrieb sie die bereits bekannten Liebesabenteuer zwischen Rebekka und dem Steuereinnehmer von Boggley Wollah.

 

“They must run away together, Ma’am,” Dobbin said, laughing, “and follow the example of Captain Rawdon Crawley, and Miss Emmy’s friend the little governess.” Was it possible? Well she never! Mrs. Sedley was all excitement about this news. She wished that Blenkinsop were here to hear it: Blenkinsop always mistrusted that Miss Sharp. — What an escape Jos had had! and she described the already well-known love-passages between Rebecca and the Collector of Boggley Wollah.

Dobbin fürchtete allerdings Mr. Sedleys Zorn nicht so sehr wie den des anderen beteiligten Vaters, und er gestand sich, daß er erhebliche Zweifel und Besorgnisse hegte, wie sich der finstere alte Tyrann von einem Kaufmann am Russell Square verhalten werde. Er hat die Heirat entschieden verboten, dachte Dobbin. Er wußte, was für ein wilder, entschlossener Mann Osborne war und wie er zu seinem Wort stand. George darf nur dann auf Versöhnung hoffen, meinte sein Freund, wenn er sich in dem bevorstehenden Feldzug auszeichnet. Fällt er, so gehen beide. Zeichnet er sich nicht aus – was dann? Von seiner Mutter hat er etwas Geld, ich nehme an, genug, um den Majorsrang zu erwerben – oder aber er muß sein Offizierspatent verkaufen und sich in Kanada ansiedeln oder sich in einem Häuschen auf dem Lande durchschlagen. Mit einer solchen Lebensgefährtin würde ihm selbst Sibirien nichts ausmachen, meinte Dobbin. Seltsamerweise dachte dieser weltfremde junge Mann auch nicht einen Augenblick daran, daß das Fehlen der nötigen Mittel, um eine hübsche Equipage zu halten, und das Fehlen eines Einkommens, um die Freunde anständig zu bewirten, eine Schranke zwischen George Osborne und Miss Sedley errichten könnte.

 

It was not, however, Mr. Sedley’s wrath which Dobbin feared, so much as that of the other parent concerned, and he owned that he had a very considerable doubt and anxiety respecting the behaviour of the black-browed old tyrant of a Russia merchant in Russell Square. He has forbidden the match peremptorily, Dobbin thought. He knew what a savage determined man Osborne was, and how he stuck by his word. “The only chance George has of reconcilement,” argued his friend, “is by distinguishing himself in the coming campaign. If he dies they both go together. If he fails in distinction — what then? He has some money from his mother, I have heard enough to purchase his majority — or he must sell out and go and dig in Canada, or rough it in a cottage in the country.” With such a partner Dobbin thought he would not mind Siberia — and, strange to say, this absurd and utterly imprudent young fellow never for a moment considered that the want of means to keep a nice carriage and horses, and of an income which should enable its possessors to entertain their friends genteelly, ought to operate as bars to the union of George and Miss Sedley.

Diese gewichtigen Erwägungen ließen ihn auf eine baldige Heirat drängen. Wollte er etwa selbst, daß die Sache so schnell wie möglich erledigt würde, etwa in der Art von Menschen, die sich bei einem Todesfall mit dem Begräbnis beeilen oder bei einem Abschied auf Eile drängen? Sicher ist, daß Mr. Dobbin, nachdem er die Sache in die Hand genommen hatte, sehr eifrig zu Werke ging. Er stellte George eindringlich vor, wie notwendig es sei, schnell zu handeln. Er wies ihn auf die Aussichten einer Versöhnung mit seinem Vater hin, die durch eine günstige Erwähnung seines Namens in der »Gazette« herbeigeführt werden könnte. Wenn nötig, wollte er selbst hingehen und beiden Vätern mutig gegenübertreten. Auf jeden Fall aber ersuchte er George, die Sache zu erledigen, ehe der allgemein erwartete Marschbefehl käme, der das Regiment ins Ausland riefe.

 

It was these weighty considerations which made him think too that the marriage should take place as quickly as possible. Was he anxious himself, I wonder, to have it over? — as people, when death has occurred, like to press forward the funeral, or when a parting is resolved upon, hasten it. It is certain that Mr. Dobbin, having taken the matter in hand, was most extraordinarily eager in the conduct of it. He urged on George the necessity of immediate action: he showed the chances of reconciliation with his father, which a favourable mention of his name in the Gazette must bring about. If need were he would go himself and brave both the fathers in the business. At all events, he besought George to go through with it before the orders came, which everybody expected, for the departure of the regiment from England on foreign service.

Mit diesen Heiratsprojekten beschäftigt und mit Mrs. Sedleys Zustimmung und Billigung, der es nicht sonderlich darum zu tun war, die Sache ihrem Manne persönlich mitzuteilen, machte Mr. Dobbin sich auf, um John Sedley in seinem Aufenthaltsort in der City, dem Tapioka-Kaffeehaus, aufzusuchen, wohin der arme gebeugte alte Herr täglich ging, seitdem sein Kontor geschlossen war und das Schicksal ihn ereilt hatte. Dort schrieb und empfing er Briefe und bündelte sie zu geheimnisvollen Päckchen, von denen er stets einige in den Rocktaschen herumtrug. Ich kenne nichts Traurigeres als diese Geschäftigkeit und Geheimnistuerei bei einem ruinierten Mann, als diese Briefe von reichen Leuten, die er einem zeigt, als diese abgegriffenen, schmierigen Dokumente voll Hilfeversprechen und Beileidsbezeigungen, die er einem schweigend vorlegt und auf die er seine Hoffnungen vom Wiederaufkommen und künftigen Glück baut. Dem verehrten Leser hat im Laufe seines Lebens zweifellos schon manch einer dieser unglücklichen Gesellen aufgelauert. Er zieht ihn in eine Ecke, holt einen Packen Papiere aus der weit offenstehenden Rocktasche, löst die Schnur, hält sie im Mund, wählt die schönsten Briefe aus und legt sie vor einen hin. Und wer kennt nicht den traurigen, gierigen, halb wahnsinnigen Blick, den seine hoffnungslosen Augen auf einen heften?

 

Bent upon these hymeneal projects, and with the applause and consent of Mrs. Sedley, who did not care to break the matter personally to her husband, Mr. Dobbin went to seek John Sedley at his house of call in the City, the Tapioca Coffee-house, where, since his own offices were shut up, and fate had overtaken him, the poor broken-down old gentleman used to betake himself daily, and write letters and receive them, and tie them up into mysterious bundles, several of which he carried in the flaps of his coat. I don’t know anything more dismal than that business and bustle and mystery of a ruined man: those letters from the wealthy which he shows you: those worn greasy documents promising support and offering condolence which he places wistfully before you, and on which he builds his hopes of restoration and future fortune. My beloved reader has no doubt in the course of his experience been waylaid by many such a luckless companion. He takes you into the corner; he has his bundle of papers out of his gaping coat pocket; and the tape off, and the string in his mouth, and the favourite letters selected and laid before you; and who does not know the sad eager half-crazy look which he fixes on you with his hopeless eyes?

In solch einen Mann verwandelt, fand Dobbin den einst so blühenden, jovialen und reichen John Sedley. Sein Rock, sonst immer elegant und sauber, glänzte jetzt an den Nähten, und an den Knöpfen schimmerte das Kupfer durch. Sein Gesicht war eingefallen und unrasiert. Hemdkrause und Halstuch hingen schlaff unter der ausgebeutelten Weste herab. Wenn er in alten Zeiten die Jungen im Kaffeehaus freigehalten hatte, hatte er lauter als irgendein anderer gelacht und geschrien, und stets hatten alle Kellner bei ihm vollauf zu tun gehabt. Es war jetzt wirklich schmerzlich, zu sehen, wie demütig und höflich er gegenüber John vom Tapioka-Kaffeehaus war, einem triefäugigen alten Diener in dunklen Strümpfen und zerrissenen Tanzschuhen, dessen Geschäft darin bestand, den Gästen dieses trübseligen Gasthauses, wo sonst nichts verzehrt zu werden schien, Gläser voller Oblaten, zinnerne Tintenfässer und Papierbogen zu reichen. Der alte Sedley gab William Dobbin, den er in seinen jungen Jahren wiederholt beschenkt und der dem alten Herrn bei tausend Gelegenheiten zur Zielscheibe seines Witzes gedient hatte, zaghaft und demütig die Hand und nannte ihn »Sir«. Als der gebrochene alte Mann ihn so empfing und ansprach, bemächtigte sich William Dobbins ein Gefühl von Scham und Reue, als hätte er selbst irgendwie Schuld an dem Unglück, das Sedley so tief heruntergebracht hatte.

 

Changed into a man of this sort, Dobbin found the once florid, jovial, and prosperous John Sedley. His coat, that used to be so glossy and trim, was white at the seams, and the buttons showed the copper. His face had fallen in, and was unshorn; his frill and neckcloth hung limp under his bagging waistcoat. When he used to treat the boys in old days at a coffee-house, he would shout and laugh louder than anybody there, and have all the waiters skipping round him; it was quite painful to see how humble and civil he was to John of the Tapioca, a blear-eyed old attendant in dingy stockings and cracked pumps, whose business it was to serve glasses of wafers, and bumpers of ink in pewter, and slices of paper to the frequenters of this dreary house of entertainment, where nothing else seemed to be consumed. As for William Dobbin, whom he had tipped repeatedly in his youth, and who had been the old gentleman’s butt on a thousand occasions, old Sedley gave his hand to him in a very hesitating humble manner now, and called him “Sir.” A feeling of shame and remorse took possession of William Dobbin as the broken old man so received and addressed him, as if he himself had been somehow guilty of the misfortunes which had brought Sedley so low.

»Es freut mich unendlich, Hauptmann Dobbin, Sie zu sehen«, sagte er nach einigen verstohlenen Blicken auf seinen Besuch (dessen schlanke Gestalt und dessen militärisches Aussehen einiges Leben in die Triefaugen des Kellners mit den zerrissenen Tanzschuhen brachte und die alte Dame in Schwarz aufgeweckt hatte, die zwischen alten, angeschlagenen Kaffeetassen an der Theke döste). »Wie geht es dem würdigen Alderman und der Lady, Ihrer vortrefflichen Mutter, Sir?« Beim Worte »Lady« blickte er sich nach dem Kellner um, als wollte er sagen: Hörst du, John, ich habe noch Freunde, und zwar Personen von Rang und Ruf. »Kommen Sie in Geschäftsangelegenheiten zu mir, Sir? Meine jungen Freunde Dale und Spiggot führen jetzt alle Geschäfte für mich, bis mein neues Kontor fertig ist; ich bin nämlich nur vorübergehend hier, wissen Sie, Hauptmann. Was können wir für Sie tun, Sir? Wollen Sie etwas zu sich nehmen?«

 

“I am very glad to see you, Captain Dobbin, sir,” says he, after a skulking look or two at his visitor (whose lanky figure and military appearance caused some excitement likewise to twinkle in the blear eyes of the waiter in the cracked dancing pumps, and awakened the old lady in black, who dozed among the mouldy old coffee-cups in the bar). “How is the worthy alderman, and my lady, your excellent mother, sir?” He looked round at the waiter as he said, “My lady,” as much as to say, “Hark ye, John, I have friends still, and persons of rank and reputation, too.” “Are you come to do anything in my way, sir? My young friends Dale and Spiggot do all my business for me now, until my new offices are ready; for I’m only here temporarily, you know, Captain. What can we do for you. sir? Will you like to take anything?”

Stockend und stotternd beteuerte Dobbin, daß er weder Hunger noch Durst verspüre, daß er nicht geschäftlich gekommen sei, sondern nur, um zu fragen, ob es Mr. Sedley gut gehe, und um einem alten Freund die Hand zu drücken. Und er stellte verzweifelt die Wahrheit auf den Kopf, als er hinzufügte: »Meiner Mutter geht es gut – das heißt, sie war krank und wartet jetzt bloß auf den ersten schönen Tag, um auszugehen und Mrs. Sedley einen Besuch abzustatten. Wie geht es Mrs. Sedley, Sir? Hoffentlich ist sie wohlauf.« Hier hielt er inne und überlegte sich seine vollendete Heuchelei, denn der Tag war so schön, und die Sonne strahlte wie nur je in Coffin Court, wo das Tapioka-Kaffeehaus liegt. Und Mr. Dobbin erinnerte sich, daß er Mrs. Sedley noch vor einer Stunde gesehen hatte, als er Osborne in seiner Gig nach Fulham gefahren und dort tête à tête mit Miss Amelia zurückgelassen hatte.

 

Dobbin, with a great deal of hesitation and stuttering, protested that he was not in the least hungry or thirsty; that he had no business to transact; that he only came to ask if Mr. Sedley was well, and to shake hands with an old friend; and, he added, with a desperate perversion of truth, “My mother is very well — that is, she’s been very unwell, and is only waiting for the first fine day to go out and call upon Mrs. Sedley. How is Mrs. Sedley, sir? I hope she’s quite well.” And here he paused, reflecting on his own consummate hypocrisy; for the day was as fine, and the sunshine as bright as it ever is in Coffin Court, where the Tapioca Coffee-house is situated: and Mr. Dobbin remembered that he had seen Mrs. Sedley himself only an hour before, having driven Osborne down to Fulham in his gig, and left him there tete-a-tete with Miss Amelia.

»Meine Frau wird sich sehr freuen, Lady Dobbin zu sehen«, erwiderte Sedley und zog seine Papiere hervor. »Ich habe hier einen sehr freundlichen Brief von Ihrem Vater, Sir, bitte, richten Sie ihm meine ehrerbietigsten Komplimente aus. Lady Dobbin wird unser Haus jetzt etwas kleiner vorfinden als das, in dem wir sonst unsere Freunde empfingen; aber es ist nett, und die Luftveränderung tut meiner Tochter gut, die in der Stadt etwas leidend – Sie erinnern sich doch der kleinen Emmy, Sir? –, ja sehr leidend war.« Während der alte Herr sprach, irrten seine Augen umher, und wie er so dasaß und auf seine Papiere trommelte und mit der alten roten Schnur spielte, dachte er an etwas ganz anderes.

 

“My wife will be very happy to see her ladyship,” Sedley replied, pulling out his papers. “I’ve a very kind letter here from your father, sir, and beg my respectful compliments to him. Lady D. will find us in rather a smaller house than we were accustomed to receive our friends in; but it’s snug, and the change of air does good to my daughter, who was suffering in town rather — you remember little Emmy, sir? — yes, suffering a good deal.” The old gentleman’s eyes were wandering as he spoke, and he was thinking of something else, as he sate thrumming on his papers and fumbling at the worn red tape.

»Sie sind Militär«, fuhr er fort, »ich frage Sie, Bill Dobbin, hätte jemand ahnen können, daß der korsische Schurke je von Elba zurückkommen würde? Als die alliierten Monarchen im verflossenen Jahre hier waren und wir ihnen in der City ein Essen gaben, Sir, und den Tempel der Eintracht, das Feuerwerk und die chinesische Brücke im Sankt-James-Park sahen – konnte da ein vernünftiger Mensch denken, daß nicht wirklich Friede geschlossen sei, nachdem wir doch deswegen schon ein Tedeum gesungen hatten, Sir? Ich frage Sie, William, konnte ich vermuten, daß der Kaiser von Österreich ein verdammter Verräter sei – ein Verräter und nichts anderes? Ich will es nicht beschönigen – ein scheinheiliger, teuflischer Verräter und Intrigant, der die ganze Zeit über beabsichtigte, seinen Schwiegersohn zurückzuhaben. Und ich sage, Bonys Flucht von Elba war ein verdammter Betrug und ein Komplott, Sir, an dem die Hälfte der europäischen Mächte beteiligt war, um die Staatspapiere zu drücken und unser Land zu ruinieren. Deshalb bin ich hier, William. Deshalb steht mein Name in der ›Gazette‹. Warum, Sir? Weil ich dem Kaiser von Rußland und dem Prinzregenten getraut habe. Sehen Sie her. Sehen Sie meine Papiere an. Sehen Sie, wie sie am ersten März standen, wie die französischen Fünfprozentigen standen, als ich sie erwarb. Und wie stehen sie jetzt? Das war ein abgekartetes Spiel, Sir, sonst wäre der Schurke gewiß nie entkommen. Wo war der englische Kommissar, der ihn fliehen ließ? Man sollte ihn erschießen, Sir, sollte ihn vor ein Kriegsgericht stellen und erschießen, beim Zeus!«

 

“You’re a military man,” he went on; “I ask you, Bill Dobbin, could any man ever have speculated upon the return of that Corsican scoundrel from Elba? When the allied sovereigns were here last year, and we gave ’em that dinner in the City, sir, and we saw the Temple of Concord, and the fireworks, and the Chinese bridge in St. James’s Park, could any sensible man suppose that peace wasn’t really concluded, after we’d actually sung Te Deum for it, sir? I ask you, William, could I suppose that the Emperor of Austria was a damned traitor — a traitor, and nothing more? I don’t mince words — a double-faced infernal traitor and schemer, who meant to have his son-in-law back all along. And I say that the escape of Boney from Elba was a damned imposition and plot, sir, in which half the powers of Europe were concerned, to bring the funds down, and to ruin this country. That’s why I’m here, William. That’s why my name’s in the Gazette. Why, sir? — because I trusted the Emperor of Russia and the Prince Regent. Look here. Look at my papers. Look what the funds were on the 1st of March — what the French fives were when I bought for the count. And what they’re at now. There was collusion, sir, or that villain never would have escaped. Where was the English Commissioner who allowed him to get away? He ought to be shot, sir — brought to a court-martial, and shot, by Jove.”

»Wir werden Bony bald davonjagen, Sir«, sagte Dobbin, etwas beunruhigt von der Wut des alten Mannes, dessen Stirnadern zu schwellen begannen und der mit geballter Faust auf seine Papiere trommelte. »Wir werden ihn bald davonjagen, Sir, der Herzog ist bereits in Belgien, und wir erwarten täglich Marschbefehl.«

 

“We’re going to hunt Boney out, sir,” Dobbin said, rather alarmed at the fury of the old man, the veins of whose forehead began to swell, and who sate drumming his papers with his clenched fist. “We are going to hunt him out, sir — the Duke’s in Belgium already, and we expect marching orders every day.”

»Gebt ihm keinen Pardon. Bringt den Kopf des Halunken mit! Schießt den Feigling nieder!« brüllte Sedley. »Ich würde selbst ins Feld ziehen, beim..., aber ich bin ein gebrochener, alter Mann – ruiniert von diesem verdammten Schurken und einem Haufen Gaunern und Dieben in unserem Lande, die ich zu Männern gemacht habe, Sir, und die jetzt in einer Equipage fahren«, setzte er mit brechender Stimme hinzu.

 

“Give him no quarter. Bring back the villain’s head, sir. Shoot the coward down, sir,” Sedley roared. “I’d enlist myself, by — ; but I’m a broken old man — ruined by that damned scoundrel — and by a parcel of swindling thieves in this country whom I made, sir, and who are rolling in their carriages now,” he added, with a break in his voice.

Der Zustand dieses einst so gütigen und jetzt durch sein Unglück fast wahnsinnigen und in altersschwachem Zorn wütenden alten Freundes ging Dobbin sehr zu Herzen. Habt Mitleid mit dem gefallenen alten Herrn, ihr, denen Geld und guter Ruf das Höchste bedeuten, und das bedeuten sie sicherlich auch auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit.

 

Dobbin was not a little affected by the sight of this once kind old friend, crazed almost with misfortune and raving with senile anger. Pity the fallen gentleman: you to whom money and fair repute are the chiefest good; and so, surely, are they in Vanity Fair.

»Ja«, fuhr er fort, »es gibt Schlangen, die man an seinem Busen nährt und die einen später beißen. Es gibt Bettler, denen man aufs Pferd hilft und die einen als ersten niederreiten. Sie wissen, wen ich meine, William Dobbin, mein Junge. Ich meine einen schurkischen Geldsackprotz am Russell Square, den ich schon kannte, als er noch keinen Shilling besaß, ich bete und hoffe, ihn noch einmal als den Bettler zu sehen, der er war, als ich ihm half.«

 

“Yes,” he continued, “there are some vipers that you warm, and they sting you afterwards. There are some beggars that you put on horseback, and they’re the first to ride you down. You know whom I mean, William Dobbin, my boy. I mean a purse-proud villain in Russell Square, whom I knew without a shilling, and whom I pray and hope to see a beggar as he was when I befriended him.”

»Mein Freund George hat mir etwas davon erzählt, Sir«, sprach Dobbin, bestrebt, nun endlich auf sein Ziel loszusteuern. »Der Streit zwischen Ihnen und seinem Vater hat ihn sehr betrübt, Sir. Ich habe für Sie eine Botschaft von ihm.«

 

“I have heard something of this, sir, from my friend George,” Dobbin said, anxious to come to his point. “The quarrel between you and his father has cut him up a great deal, sir. Indeed, I’m the bearer of a message from him.”

»Ach, deswegen sind Sie also hier!« rief der alte Mann und sprang auf. »Wie? Vielleicht läßt er mir sein Beileid bezeigen, ja? Sehr nett von ihm, dem hochnäsigen Geck mit der Stutzermiene und den West-End-Allüren. Schleicht er immer noch um mein Haus herum? Hätte mein Sohn den Mut eines Mannes, so würde er ihn erschießen. Er ist ein ebenso großer Schurke wie sein Vater. Ich will seinen Namen in meinem Haus nicht hören. Ich verfluche den Tag, wo er es zum erstenmal betrat, und lieber möchte ich meine Tochter tot zu meinen Füßen als mit ihm verheiratet sehen.«

 

“O, that’s your errand, is it?” cried the old man, jumping up. “What! perhaps he condoles with me, does he? Very kind of him, the stiff-backed prig, with his dandified airs and West End swagger. He’s hankering about my house, is he still? If my son had the courage of a man, he’d shoot him. He’s as big a villain as his father. I won’t have his name mentioned in my house. I curse the day that ever I let him into it; and I’d rather see my daughter dead at my feet than married to him.”

»George ist nicht schuld an der Härte seines Vaters, Sir. Daß Ihre Tochter ihn liebt, dazu haben Sie so gut beigetragen wie er. Wer sind Sie, daß Sie mit der Liebe zweier junger Menschen spielen und ihnen nach Ihrem Belieben das Herz brechen können?«

 

“His father’s harshness is not George’s fault, sir. Your daughter’s love for him is as much your doing as his. Who are you, that you are to play with two young people’s affections and break their hearts at your will?”

»Vergessen Sie nicht, daß es nicht sein Vater ist, der die Verbindung abbricht«, rief der alte Sedley aus. »Ich bin es, der sie verbietet. Seine und meine Familie sind für immer und ewig geschieden. Ich bin tief gesunken, aber doch nicht so tief. Nein, nein! Das alles können Sie der ganzen Sippschaft sagen – Sohn, Vater und Schwestern und allen.«

 

“Recollect it’s not his father that breaks the match off,” old Sedley cried out. “It’s I that forbid it. That family and mine are separated for ever. I’m fallen low, but not so low as that: no, no. And so you may tell the whole race — son, and father and sisters, and all.”

»Ich glaube, Sir, daß Sie weder die Macht noch das Recht haben, die beiden zu trennen«, antwortete Dobbin leise, »und wenn Sie Ihrer Tochter nicht die Zustimmung geben wollen, so wird sie ohne heiraten müssen. Es spricht nichts dafür, daß sie wegen Ihrer Starrköpfigkeit ihr Leben lang unglücklich sein sollte. Meiner Ansicht nach ist sie ebensogut verheiratet, als ob sie schon in allen Kirchen Londons aufgeboten worden wäre. Und kann es auf Osbornes Anschuldigungen gegen Sie eine bessere Antwort geben – wenn es nun schon einmal Anschuldigungen gibt –, als daß sein Sohn in Ihre Familie eintreten und Ihre Tochter heiraten will?«

 

“It’s my belief, sir, that you have not the power or the right to separate those two,” Dobbin answered in a low voice; “and that if you don’t give your daughter your consent it will be her duty to marry without it. There’s no reason she should die or live miserably because you are wrong-headed. To my thinking, she’s just as much married as if the banns had been read in all the churches in London. And what better answer can there be to Osborne’s charges against you, as charges there are, than that his son claims to enter your family and marry your daughter?”

So etwas wie ein Leuchten der Befriedigung ging über das Gesicht des alten Sedley, als ihm die Sache so dargestellt wurde. Doch blieb er hartnäckig dabei, daß Amelia und George niemals seine Zustimmung zur Heirat erhalten würden.

 

A light of something like satisfaction seemed to break over old Sedley as this point was put to him: but he still persisted that with his consent the marriage between Amelia and George should never take place.

»Dann müssen wir es eben ohne Sie tun«, sagte Dobbin lächelnd und erzählte nun Mr. Sedley wie vorher seiner Frau die Geschichte von Rebekkas und Hauptmann Crawleys Flucht. Offenbar belustigte die Erzählung des Hauptmanns den alten Herrn. »Ihr seid fürchterliche Burschen, Ihr Hauptleute«, sagte er und band seine Papiere wieder zusammen. Dabei zeigte sich auf seinem Gesicht die Andeutung von einem Lächeln, zum Erstaunen des triefäugigen Kellners, der gerade eintrat und, seit Sedley das trübselige Kaffeehaus besuchte, auf seinem Gesicht noch nie solch einen Ausdruck bemerkt hatte.

 

“We must do it without,” Dobbin said, smiling, and told Mr. Sedley, as he had told Mrs. Sedley in the day, before, the story of Rebecca’s elopement with Captain Crawley. It evidently amused the old gentleman. “You’re terrible fellows, you Captains,” said he, tying up his papers; and his face wore something like a smile upon it, to the astonishment of the blear-eyed waiter who now entered, and had never seen such an expression upon Sedley’s countenance since he had used the dismal coffee-house.

Vielleicht besänftigte den alten Herrn auch der Gedanke, seinem Feinde Osborne solch einen Schlag zu versetzen, denn als ihr Gespräch zum Ende kam, schieden er und Dobbin als gute Freunde voneinander.

 

The idea of hitting his enemy Osborne such a blow soothed, perhaps, the old gentleman: and, their colloquy presently ending, he and Dobbin parted pretty good friends.

»Meine Schwestern behaupten, sie habe Diamanten, so groß wie Taubeneier«, sagte George lachend. »Wie mögen die bloß ihren Teint noch hervorheben! Es muß ja eine wahre Illumination sein, wenn ihr die Juwelen am Hals hängen. Ihr kohlschwarzes Haar ist so kraus wie Sambos. Sie muß einen Nasenring getragen haben, als sie bei Hofe vorgestellt wurde. Und mit einem Federbusch im Knoten sähe sie geradezu wie eine belle sauvage aus.«

 

“My sisters say she has diamonds as big as pigeons’ eggs,” George said, laughing. “How they must set off her complexion! A perfect illumination it must be when her jewels are on her neck. Her jet-black hair is as curly as Sambo’s. I dare say she wore a nose ring when she went to court; and with a plume of feathers in her top-knot she would look a perfect Belle Sauvage.”

George machte sich im Gespräch mit Amelia gerade über das Äußere einer jungen Dame lustig, die sein Vater und seine Schwestern kürzlich kennengelernt hatten und die die Familie am Russell Square sehr verehrte. Es hieß, sie besitze wer weiß wie viele Plantagen in Westindien, habe eine schöne Summe in Staatspapieren und drei Sterne neben ihrem Namen im Verzeichnis der Aktionäre der Ostindischen Kompanie. Sie hatte ein Gutshaus in Surrey und ein Haus am Portland Place. Der Name der reichen westindischen Erbin war beifällig in der »Morning Post« erwähnt worden. Mrs. Haggistoun, Oberst Haggistouns Witwe, eine Verwandte von ihr, spielte Anstandsdame bei ihr und führte ihr den Haushalt. Sie war gerade von der Schule gekommen, wo ihre Erziehung vollendet worden war, und George und seine Schwestern hatten sie auf einer Abendgesellschaft im Hause des alten Hulker auf dem Devonshire Place kennengelernt (Hulker, Bullock und Co. hatten lange mit ihrem Hause in Westindien in Geschäftsverbindung gestanden), die Mädchen hatten ihr ein herzliches Entgegenkommen gezeigt, was die Erbin gutmütig zugelassen hatte. Eine Waise in ihrer Stellung – mit ihrem Gelde – wie interessant! sagten die beiden Miss Osborne. Sie waren von ihrer neuen Freundin ganz erfüllt, als sie vom Ball bei Hulker zu Miss Wirt, ihrer Gesellschafterin, heimkehrten. Sie hatten verabredet, einander recht häufig zu besuchen, und ließen gleich am nächsten Tag anspannen, um zu ihr zu fahren. Mrs. Haggistoun, Oberst Haggistouns Witwe, eine Verwandte von Lord Binkie, von dem sie beständig sprach, kam den lieben, unschuldigen Mädchen etwas hochmütig vor und etwas zu geneigt, ständig von ihren vornehmen Verwandten zu sprechen. Aber Rhoda war ganz, wie sie nur wünschen konnten  – offen, freundlich, angenehm, zwar noch etwas ungeschliffen, aber sehr gutmütig. Die Mädchen nannten einander bald nur noch mit Vornamen.

 

George, in conversation with Amelia, was rallying the appearance of a young lady of whom his father and sisters had lately made the acquaintance, and who was an object of vast respect to the Russell Square family. She was reported to have I don’t know how many plantations in the West Indies; a deal of money in the funds; and three stars to her name in the East India stockholders’ list. She had a mansion in Surrey, and a house in Portland Place. The name of the rich West India heiress had been mentioned with applause in the Morning Post. Mrs. Haggistoun, Colonel Haggistoun’s widow, her relative, “chaperoned” her, and kept her house. She was just from school, where she had completed her education, and George and his sisters had met her at an evening party at old Hulker’s house, Devonshire Place (Hulker, Bullock, and Co. were long the correspondents of her house in the West Indies), and the girls had made the most cordial advances to her, which the heiress had received with great good humour. An orphan in her position — with her money — so interesting! the Misses Osborne said. They were full of their new friend when they returned from the Hulker ball to Miss Wirt, their companion; they had made arrangements for continually meeting, and had the carriage and drove to see her the very next day. Mrs. Haggistoun, Colonel Haggistoun’s widow, a relation of Lord Binkie, and always talking of him, struck the dear unsophisticated girls as rather haughty, and too much inclined to talk about her great relations: but Rhoda was everything they could wish — the frankest, kindest, most agreeable creature — wanting a little polish, but so good-natured. The girls Christian-named each other at once.

»Sie hätten sie in ihrem Kleid für den Empfang bei Hofe sehen sollen, Emmy«, rief Osborne lachend. »Sie kam zu meinen Schwestern, um sich bewundern zu lassen, ehe sie von Lady Binkie, der Verwandten der Haggistoun, vorgestellt wurde. Diese Haggistoun ist mit jedermann verwandt. Ihre Diamanten funkelten wie Vauxhall an dem Abend, als wir dort waren. (Erinnern Sie sich noch an Vauxhall, Emmy, und wie Joe seinem Lirum-larum-Lieb-chen vorsang?) Diamanten und Mahagoni, meine Liebe. Stellen Sie sich diesen vorteilhaften Kontrast vor – und die weißen Federn in ihrem Haar – ich meine, in ihrer Wolle. Sie hatte Ohrringe, so groß wie Kronleuchter. Man hätte sie anzünden können, beim Zeus. Und eine gelbe Atlasschleppe, die sie wie einen Kometenschweif hinter sich herzog.«

 

“You should have seen her dress for court, Emmy,” Osborne cried, laughing. “She came to my sisters to show it off, before she was presented in state by my Lady Binkie, the Haggistoun’s kinswoman. She’s related to every one, that Haggistoun. Her diamonds blazed out like Vauxhall on the night we were there. (Do you remember Vauxhall, Emmy, and Jos singing to his dearest diddle diddle darling?) Diamonds and mahogany, my dear! think what an advantageous contrast — and the white feathers in her hair — I mean in her wool. She had earrings like chandeliers; you might have lighted ’em up, by Jove — and a yellow satin train that streeled after her like the tail of a cornet.”

»Wie alt ist sie denn?« fragte Emmy, der George am Morgen ihrer Wiedervereinigung von diesem schwarzen Musterexemplar vorplauderte – vorplauderte, wie gewiß kein anderer Mensch auf der Welt es konnte.

 

“How old is she?” asked Emmy, to whom George was rattling away regarding this dark paragon, on the morning of their reunion — rattling away as no other man in the world surely could.

»Ach, die schwarze Prinzessin muß zwei- oder dreiundzwanzig sein, obgleich sie eben erst von der Schule gekommen ist. Und Sie sollten ihre Handschrift sehen! Gewöhnlich schreibt Mrs. Haggistoun ihre Briefe, aber in einem vertraulichen Augenblick brachte sie etwas für meine Schwestern zu Papier, und da schrieb sie dann statt Satin ›Satteng‹ und anstatt Saint James ›Sent Jehms‹.«

 

“Why the Black Princess, though she has only just left school, must be two or three and twenty. And you should see the hand she writes! Mrs. Colonel Haggistoun usually writes her letters, but in a moment of confidence, she put pen to paper for my sisters; she spelt satin satting, and Saint James’s, Saint Jams.”

»Ja, das muß Miss Swartz sein, Miss Pinkertons Vorzugsschülerin«, sagte Emmy, der das gutmütige junge Mulattenmädchen einfiel, die sich in ihrer Erregung über Amelias Abschied vom Pensionat so hysterisch aufgeführt hatte.

 

“Why, surely it must be Miss Swartz, the parlour boarder,” Emmy said, remembering that good-natured young mulatto girl, who had been so hysterically affected when Amelia left Miss Pinkerton’s academy.

»Stimmt, so heißt sie«, sagte George. »Ihr Vater war ein deutscher Jude – ein Sklavenbesitzer, erzählt man –, der irgend etwas mit den Kannibaleninseln zu tun hatte. Er ist im vergangenen Jahr gestorben, und Miss Pinkerton hat die Erziehung des Mädchens vollendet. Sie kann zwei Stücke auf dem Klavier spielen, kann drei Lieder singen, kann schreiben, wenn Mrs. Haggistoun dabeisitzt und ihr vorbuchstabiert. Und Jane und Maria haben sie bereits so liebgewonnen wie eine Schwester.«

 

“The very name,” George said. “Her father was a German Jew — a slave-owner they say — connected with the Cannibal Islands in some way or other. He died last year, and Miss Pinkerton has finished her education. She can play two pieces on the piano; she knows three songs; she can write when Mrs. Haggistoun is by to spell for her; and Jane and Maria already have got to love her as a sister.”

»Ich wollte, sie hätten mich geliebt«, sagte Emmy gedankenvoll. »Sie waren immer sehr kühl gegen mich.«

 

“I wish they would have loved me,” said Emmy, wistfully. “They were always very cold to me.”

»Mein liebes Kind, sie hätten Sie geliebt, wenn Sie zweihunderttausend Pfund gehabt hätten«, erwiderte George. »Sie sind nun einmal so erzogen worden. Unsere Gesellschaft kennt eben nichts als das bare Geld. Wir leben unter Bankiers und City-Geldprotzen und hängen uns an sie. Und jeder, der mit einem spricht, klappert mit den Guineen in der Tasche. Da ist dieser Esel Fred Bullock, der Maria heiraten wird, da ist Goldmore, der Direktor der Ostindischen Kompanie, da ist Dipley vom Talghandel – unserem Handel«, sagte George errötend und lachte verlegen. »Zum Teufel mit dem ganzen Pack von protzigen Geldschefflern! Bei ihren langweiligen Festessen schlafe ich immer ein. Ich schäme mich bei den geistlosen großen Gesellschaften meines Vaters. Ich bin gewohnt, mit Gentlemen und vornehmen Leuten zu verkehren, Emmy, nicht mit einem Haufen schildkrötenessender Krämer. Liebes kleines Mädchen, Sie sind die einzige in unseren Kreisen, die wie eine Lady aussieht, denkt und spricht. Und Sie tun es, weil Sie ein Engel sind und nicht anders können. Widersprechen Sie nicht. Sie sind die einzige Lady. Hat es nicht auch Miss Crawley gesagt, die doch in der besten Gesellschaft von Europa gelebt hat? Und der Crawley von der Leibgarde ist, zum Henker, ein feiner Kerl. Es gefällt mir sehr, daß er das Mädchen seiner Wahl geheiratet hat.«

 

“My dear child, they would have loved you if you had had two hundred thousand pounds,” George replied. “That is the way in which they have been brought up. Ours is a ready-money society. We live among bankers and City big-wigs, and be hanged to them, and every man, as he talks to you, is jingling his guineas in his pocket. There is that jackass Fred Bullock is going to marry Maria — there’s Goldmore, the East India Director, there’s Dipley, in the tallow trade — our trade,” George said, with an uneasy laugh and a blush. “Curse the whole pack of money-grubbing vulgarians! I fall asleep at their great heavy dinners. I feel ashamed in my father’s great stupid parties. I’ve been accustomed to live with gentlemen, and men of the world and fashion, Emmy, not with a parcel of turtle-fed tradesmen. Dear little woman, you are the only person of our set who ever looked, or thought, or spoke like a lady: and you do it because you’re an angel and can’t help it. Don’t remonstrate. You are the only lady. Didn’t Miss Crawley remark it, who has lived in the best company in Europe? And as for Crawley, of the Life Guards, hang it, he’s a fine fellow: and I like him for marrying the girl he had chosen.”

Amelia bewunderte Mr. Crawley ebenfalls deswegen und glaubte, daß Rebekka mit ihm glücklich werde, und meinte lachend, sie hoffe, Joe werde sich wohl trösten. Und so plauderte das Paar ganz wie früher. Amelia hatte ihr Vertrauen wiedergewonnen, obgleich sie vorgab – die kleine Heuchlerin –, sie sei eifersüchtig auf Miss Swartz und schwebe in tausend Ängsten, George könne sie wegen der Erbin, ihres Geldes und ihrer Besitzungen auf Saint Kitts vergessen. Dabei war sie viel zu glücklich, um Zweifel, Befürchtungen oder Besorgnisse irgendeiner Art zu hegen. Und da sie George wieder bei sich hatte, fürchtete sie weder Erbin noch Schönheit, noch eine andere Gefahr.

 

Amelia admired Mr. Crawley very much, too, for this; and trusted Rebecca would be happy with him, and hoped (with a laugh) Jos would be consoled. And so the pair went on prattling, as in quite early days. Amelia’s confidence being perfectly restored to her, though she expressed a great deal of pretty jealousy about Miss Swartz, and professed to be dreadfully frightened — like a hypocrite as she was — lest George should forget her for the heiress and her money and her estates in Saint Kitt’s. But the fact is, she was a great deal too happy to have fears or doubts or misgivings of any sort: and having George at her side again, was not afraid of any heiress or beauty, or indeed of any sort of danger.

Als Hauptmann Dobbin am Nachmittag voller Mitgefühl zu ihnen zurückkehrte, tat es ihm im Herzen wohl, zu sehen, wie Amelia wieder jung geworden war, wie sie lachte, zwitscherte und wohlbekannte alte Lieder am Klavier sang, unterbrochen erst von der Haustürklingel, mit der Mr. Sedleys Rückkehr aus der City angekündigt wurde. Das war ein Signal für George, sich zurückzuziehen.

 

When Captain Dobbin came back in the afternoon to these people — which he did with a great deal of sympathy for them — it did his heart good to see how Amelia had grown young again — how she laughed, and chirped, and sang familiar old songs at the piano, which were only interrupted by the bell from without proclaiming Mr. Sedley’s return from the City, before whom George received a signal to retreat.

Abgesehen vom ersten Begrüßungslächeln – und auch das war geheuchelt, denn sie empfand sein Kommen als sehr störend –, nahm Miss Sedley während Dobbins Besuch keine Notiz von ihm. Aber er war zufrieden, sie glücklich zu sehen, und dankbar, daß er ihr dazu verholfen hatte.

 

Beyond the first smile of recognition — and even that was an hypocrisy, for she thought his arrival rather provoking — Miss Sedley did not once notice Dobbin during his visit. But he was content, so that he saw her happy; and thankful to have been the means of making her so.

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