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Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7.

Schon in dem der Arbeit an »Mutter Erde« vorhergehenden Sommer 1896 hatte ich mir, wahrscheinlich als Folge übermäßigen oder unvorsichtigen Radfahrens, einen hartnäckigen und allmählich immer bösartiger sich gebärdenden Husten zugezogen, gegen den kein Mittel helfen wollte. Als der Winter kam, verschlimmerte er sich noch weiter. Mit der fortschreitenden Arbeit an »Mutter Erde« überkam mich immer deutlicher ein Vorgefühl von einer mir bevorstehenden schweren Krankheit. Ich war seit jeher hypochondrisch veranlagt gewesen, hatte mir trotz meiner jungen Jahre alle nur erdenkbaren Leiden so intensiv und erfolgreich eingebildet, daß bald auch allerlei scheinbare Symptome des jeweiligen Leidens auftraten und mich nun natürlich erst recht in meiner Vorstellung bestärkten, bis dann nach einiger Zeit – meist ganz unerwartet – das ganze Nebelgebilde wie durch einen plötzlichen Sonnenstrahl zerrann. Ich kannte mich also in dieser Art von Phantasievergiftung durch Selbstsuggestion genügend aus, um hiervon jene heraufziehende Krankheitsvorahnung klar unterscheiden zu können. Dieses Gefühl trieb mich zu einem immer schnelleren und leidenschaftlicheren Arbeitstempo an, indem ich mir sagte, ich müsse das im Entstehen begriffene Werk, von dem ich mir viel versprach, unter allen Umständen noch vor dem Ausbruch der Krankheit unter Dach und Fach bringen. Als ich am 15. Januar 1897 in Kufstein den letzten Federstrich daran tat, atmete ich erleichtert auf, denn jetzt brauchte ich wenigstens in dieser Hinsicht nichts mehr zu fürchten. Nach »Jugend« und der im Frühjahr 1896 geschriebenen »Frau Meseck« würde nun auch »Mutter Erde« als Drittes für mich zeugen, wenn es denn einmal nicht anders sein sollte.

Meine Ahnung hatte mich nicht getrogen. Nachdem ich noch in Berlin bei Brahm gewesen war, der das soeben vollendete Werk sofort für das Deutsche Theater annahm, und auf dem Rückwege eine Woche in Wien zugebracht hatte, von wo ich schon leidend und sehr geschwächt nach Hause zurückkehrte, überfiel mich am 14. März 1897 eine schwere doppelseitige Lungenentzündung. Kein Zweifel, daß das gerade in München herrschende Märzenwetter – Kälte, Sturm, Regen und Schnee in lieblicher Abwechslung – auch das Seine dazu beigetragen hat. In der Hauptsache aber wird es doch der schon seit so langem vorhandene Krankheitskeim gewesen sein, der die eigentlichen Voraussetzungen für das Leiden schuf. Anfangs als ein leichter Fall sich anlassend, verschlimmerte er sich in drei Tagen derart, daß ein von unserem Hausarzt hinzugezogener zweiter Arzt meiner Frau erklärte, sie müsse sich auf alles gefaßt machen.

Ich selbst erinnere mich jenes Nachmittags und Abends, der aller ärztlichen Voraussicht nach mein letzter hätte werden sollen, mit großer Deutlichkeit. Ich hatte mir von Kindheit an eingebildet, daß ich einmal an nichts anderem als gerade einer Lungenentzündung sterben würde. Nun schien dieser Fall eingetreten zu sein. Ich hatte auf meinem Nachttisch das Fieberthermometer liegen und verfolgte seine Kurve. Sie war anscheinend nicht gerade sehr besorgniserregend, indem sie sich andauernd zwischen 38 und 39 Grad bewegte. Aber eben dieser schleichende Verlauf ließ den Wissenden nichts Gutes ahnen. Ich selbst hatte ein eigentümlich leichtes und federndes Gefühl in mir, als ob ich mich in die Luft erheben und fliegen müsse; wobei zu bemerken ist, daß damals das Fliegen noch nicht erfunden war. Es war eine merkwürdige, alles durchdringende Klarheit in mir, wie wenn sich an einem sonnig-schönen Septembertag die fernsten Fernen vor unserem Auge entschleiern. Ich sagte mir aber, daß eben dieses wunderschöne Glücksgefühl, dieses beseligende Entbundensein von der Erdenschwere – verglichen mit dem Fieberthermometer – unmöglich das erste Dämmern beginnender Genesung sein könne, wie es meine Umgebung wahrhaben wollte, sondern im Gegenteil als ein Zustand von Euphorie und also als der Anfang vom Ende anzusehen sei.

So dunkelte der Märzabend ins Krankenzimmer. Das Gefühl des Schwebens und Fliegens war vorbei. Statt dessen traten wilde Brustschmerzen und Rückenstiche auf, der Art nach ganz wie die, die den Ausbruch der Krankheit begleitet hatten, nur noch viel heftiger und quälender. Und dann folgte das, was ich das Sterben nennen möchte. Denn es glich dem Vorgang des wirklichen Sterbens wie ein Ei dem anderen. Es trat nämlich, nachdem auch die Schmerzen wieder nachgelassen und ganz aufgehört hatten, der Zustand einer gewissen Hellsichtigkeit ein, indem ich alle Vorgänge um mich wie aus weiter Ferne kommend, jedoch mit größter Deutlichkeit aufnahm. Hand in Hand damit ging ein Phantasieren leichteren Grades, worin ich meiner selbst immer noch leidlich bewußt blieb, denn ich weiß noch heute genau, daß eine scheinbar unendliche Folge von (merkwürdigerweise) gerahmten Landschaftsbildern, Gemälden gleich, an meinem Geist vorüberzog und daß ich plötzlich, obwohl ich mich mit aller Gewalt dagegen sträubte, laut zu singen anfing. Es ist mir später erzählt worden, dieses Letztere habe in der stillen Nachtstunde besonders unheimlich gewirkt. Auch dies bestätigt wieder die tausendfach gemachte Beobachtung, daß der Vorgang des Sterbens viel erschreckender auf die Umgebung des Scheidenden wirkt als auf diesen selbst.

Es mag um Mitternacht gewesen sein, als meine Sinne sich zu verwirren anfingen. Ich nahm nur noch dunkel wahr, daß plötzlich an meinem Bett zwei Männer standen, von denen ich den einen noch ungefähr als unseren langjährigen treuen Hausarzt erkannte, während der andere mir fremd war. Ich sagte mir aber, daß es wohl ein zweiter Arzt sein werde, und fühlte dabei instinktiv, wie es ja auch in der Tat zutraf, daß er mich aufgab; ohne daß dies aber etwas Beunruhigendes für mich hatte. Nach einer Weile entfernten sich die beiden ärztlichen Gestalten ins Nebenzimmer, von wo ihr Gemurmel zu mir herüberklang. Dann verlor ich das Bewußtsein.

Ich habe den Verlauf meiner Agonie hier mit allen mir noch erinnerlichen Einzelheiten wiedergegeben, weil ich ihn als typisch für den Hergang des Sterbens überhaupt, wenigstens im Falle einer fiebrigen Erkrankung, ansehe. Denn ohne Zweifel war mit dem Eintritt der Bewußtlosigkeit jede Möglichkeit eines weiteren Erlebnisinhaltes erschöpft, jener demnach gleichbedeutend mit dem Eintritt des Todes selbst. Wenn ich heute – siebenunddreißig Jahre später Geschrieben 1934. und also dem Tode um soviel näher – auf jene Stunden eines scheinbaren Endes zurückblicke, so ist es ein beruhigendes Bewußtsein für mich, die Prozedur gewissermaßen schon einmal erlebt zu haben und keine besonderen Überraschungen mehr befürchten zu müssen.

Als ich nach einer traumlosen Nacht am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sah ich meine Frau an meinem Bett sitzen und mit gut gespielter Tapferkeit über mein Erwachen lächeln. Mir war zumute, als hätte ich nicht eine Nacht, sondern ein ganzes Jahrzehnt verschlafen, so unabsehbar weit lag alles hinter mir, was gestern gewesen war. Wieder war eine Leichtigkeit da wie am vorhergehenden Nachmittag, jedoch ohne den sozusagen transzendenten Beigeschmack vom Tage zuvor. Ich wäre am liebsten aus dem Bett gesprungen und hätte mich auf der Stelle gesund gemeldet. Aber meine Frau und das Thermometer neben mir mahnten energisch zur Vernunft. Und nun erzählte meine Frau, was in der Nacht geschehen war. Sie und der Hausarzt hatten mich nach dem Weggang jenes Unglücksraben von Kopf bis zu Fuß in ein naßkaltes Laken gepackt und fest zugedeckt. Es sollte ein letzter Versuch sein, die schon halb erloschenen Abwehrkräfte des Körpers noch einmal zu wecken; und der Versuch war geglückt. Meine Frau hatte die Nacht über an meinem Bett gewacht und bange und furchtbare Stunden durchgemacht. Aber mit der ihr eigenen Lebenszuversicht und Lebensbejahung war sie doch felsenfest von einem glücklichen Ausgang überzeugt gewesen.

Am nächstfolgenden Tage erschienen auch meine beiden Eltern in München. Sie waren in jenen kritischen Stunden telegraphisch benachrichtigt worden, was mir deutlicher als alles andere bewies, wie ernst es mit mir gestanden hatte. Aber wie meistens in allem Übel auch eine gute Seite zu finden ist, so auch hier. Jene seit meiner Heirat bestehende Spannung zwischen meiner Mutter und meiner Frau begann eben damals – begreiflich genug unter dem Eindruck des erlebten Schreckens – einer milderen und versöhnlicheren Stimmung zu weichen. In jene Zeit fallen die ersten Anfänge einer die beiden Frauen immer fester verbindenden Achtung und schließlichen Freundschaft, die nun schon über ein Menschenalter währt.

In Münchener literarischen Kreisen war ich bereits totgesagt worden. Es ist mir glaubwürdig berichtet worden, daß Jakob Wassermann, damals noch ein sehr junger Mann, der bei Albert Langen in der Redaktion des soeben begründeten »Simplicissimus« eine kleine Hilfsstelle bekleidete, auf die Nachricht von meinem Tode sich zu meinem Gewährsmann folgendermaßen äußerte: »Es ist das Beste, was ihm passieren konnte! Er hätte ja nach der ›Jugend‹ doch nichts mehr schreiben können!« Ich habe Wassermanns Ratschlag leider nicht befolgen können und muß nun seit siebenunddreißig Jahren mich mit den von ihm geweissagten Folgen abzufinden suchen, so gut es eben geht. Wassermann selbst kann ironischerweise nicht mehr Zeuge davon sein, da er bereits vor mir dahingegangen ist. So ist das Leben!

Jene Lungenentzündung ist bis zu diesem Tage meine einzige schwere Krankheit rein körperlicher Art geblieben, während es mir andererseits an Leiden geistiger oder nervöser Art wahrlich nicht gefehlt hat. Das Glücksgefühl der Rekonvaleszenz, der beginnenden und fortschreitenden Genesung, das ja meist nur nach körperlichen Krankheiten sich einzustellen pflegt, habe ich aus diesem Grunde auch nur einmal, nämlich eben damals, und zwar mit vollen Zügen genossen. Vielleicht gibt es in der ganzen Stufenleiter der menschlichen Gefühle keines, das den Glücksempfinden des Genesenden an Reinheit und Schönheit gleichkommt. Es ist wie eine Wiedergeburt zum Leben, das uns von neuem alle seine Reize Schritt um Schritt näher bringt, ohne uns doch schon deren körperlichen Genuß zu erlauben. Hierin liegt das, was ich vorhin die Reinheit des Genesungsglücks nannte und was uns solche Tage und Wochen später fast in einem überirdischen Glanz erscheinen läßt.

Dem bekanntlich sehr rauhen und wetterwendischen Münchener Frühling zu entgehen, machten wir beide, meine Frau und ich, uns Anfang April 1897 nach dem Süden auf. Ich war noch kaum so recht reisefähig, aber die Sehnsucht nach Wärme und Sonne war allzu mächtig. Bozen, Torbole und Fasano waren unsere ersten Stationen. Die altvertraute und vielgeliebte Stadt an der Talfer nahm uns zärtlich wie immer in ihre weichen Arme auf. Der weite Talboden stand voll von blühenden Apfelbäumen. Die roten Porphyrzinnen des Rosengartens und des Schlerns grüßten aus schneeigen Höhen hernieder auf den prangenden Gottesgarten drunten im Etsch- und Eisacktal.

Auf dem Waltherplatz – der nachmaligen Piazza Vittorio Emanuele – begegnete ich einem Münchner Bekannten, mit dem ich bis dahin nur in flüchtiger Beziehung gestanden hatte. Es war Dr. Müller, der damalige Chefredakteur der »Münchener Post«, nachmals langjähriger Gesandter des Deutschen Reiches in Bern. Er war Rekonvaleszent wie ich, humpelte nach eben überstandenem Gelenkrheumatismus mühsam am Stock, was aber durchaus nicht hinderte, daß er in Rede und Gegenrede scharf wie ein Rasiermesser war und die öffentlichen Zustände in Deutschland mit der beißenden Lauge seines Witzes übergoß. Dies ging mir nun zwar in vielen Dingen wider den Strich, meine Entwicklung hatte in den letzten Jahren mehr und mehr nach rechts gewechselt, aber ich konnte doch nicht umhin, die Schlagfertigkeit dieses eminent politischen Kopfes zu bewundern. Im Grunde war es ja das erstemal, daß ich einer so ausgesprochen politischen Begabung auf meinem Wege begegnete. Es war also ein ganz eigenes Erlebnis, von dem ich allerlei lernen und mir zunutze machen konnte. Denn ich fühlte schon damals instinktiv, was mir heute voll bewußt ist, daß ich – trotz größten Interesses für Politik und Geschichte – doch ein durchaus unpolitischer Mensch bin und bleiben werde. Eben diese Polarität des Gefühls und der Veranlagung war es, die unsere Bekanntschaft schnell vertiefte und durch häufigen gegenseitigen Widerspruch belebte.

Wir waren bald unzertrennlich und setzten dann auch gemeinsam die Reise nach Torbole fort. Hier war ich vor neun Jahren im schwülen Hochsommer 1888, auf der Straße von Mori her das Felsentor von Nagò durchschreitend, zum ersten Male der purpurnen Flut des Gardasees ansichtig geworden. Es ist ein Blick, der zu den schönsten dieser Erde gehört. Man kommt aus der Steinwüste des Loppio-Sees, und urplötzlich tut sich an einer Wegbiegung zwischen den schroff abstürzenden Felswänden des Monte Baldo und der Rocchetta die veilchenblau, purpurn und smaragden funkelnde Wasserfläche des Lago di Garda auf, unabsehbar nach Süden hin in den Dunstschwaden der lombardischen Ebene sich verlierend. Während dort der sich dehnende See und die dem Blick immer mehr entschwindenden Ufer den Eindruck der Meeresweite hervorrufen, zeigt der schmale nördliche Teil des Sees, der durch eine schroff in die Tiefe abfallende Felsennase im Westen deutlich abgegrenzt wird, unverkennbaren Fjordcharakter. So kommt das Antlitz dieser Landschaft gerade durch seine Zwiespältigkeit eigentlich jedem Geschmack entgegen, mag er nun Gebirge oder Meer, die vertikale oder die horizontale Linie bevorzugen.

Torbole ist bekanntlich durch den Besuch Goethes während seiner ersten italienischen Reise gleichsam geweihter Boden. Auch wir späten Nachfahren des in seiner Italiensehnsucht so echt deutschen Unsterblichen blickten zu denselben uralt-knorrigen Ölbäumen auf, zu denen ein Jahrhundert früher auch er seine Blicke erhoben hatte, rasteten auf den gleichen Felsplatten, auf denen auch er gerastet hatte, hörten zu unseren Füßen die tintige Flut ihr ewiges Lied murmeln, wie auch er es einst gehört hatte. Und ähnlich auch, unverändert fast trotz der Flucht eines Jahrhunderts, blühte noch, wie zu Goethes Tagen, uralte Fischer- und Schmugglerromantik an diesem Gestade. Kaum einen Büchsenschuß weit lief ja damals und noch bis zum Großen Kriege die österreichisch-italienische Grenze von Limone nach Malcesine quer über die Nordspitze des Sees. Das war noch gute Zeit für den Schmuggel von hüben und von drüben, wenn in dunklen Nächten die Fischerboote über die Grenzlinie hinwegfuhren, immer in Gefahr, von den über der See hinhuschenden Lichtkegeln der Ufer-Scheinwerfer erwischt zu werden, oder wenn hoch oben im Felsgebirge des Monte Baldo, im pfadlosen Gestein verwegene Gestalten ihre schweren Lasten über die Grenze schleppten, jeden Augenblick eines aus den Schluchten auftauchenden Grenzjägers oder Finanzers gewärtig.

In diesem bereits durch und durch welschen – um nicht zu sagen verwelschten – Grenzvolk liefen damals noch viele Geschichten um von solchen glücklich bestandenen Gefahren, aber auch von so manchen düstern Tragödien in wilden Sturmnächten droben im Gebirge oder drunten auf dem tobenden See. Die Phantasie dieser einfachen und primitiven Menschen lebte noch ganz in den Vorstellungen einer ebenso einfachen und primitiven Romantik. Sie lachten und jubelten, wenn es wieder einmal gut gegangen war, und trauerten um die, die die Hand des Schicksals gefällt hatte. Und stets war ihre Liebe bei denen, die das geschriebene Gesetz brachen, und immer entlud sich ihr Haß, ihr Zorn gegen jene, die es oft unter nicht geringerer Gefahr zu hüten hatten. Das Abenteuer als solches entflammte die Einbildungskraft dieser großen Kinder: der Einsatz des Lebens, den es erforderte – nicht so sehr der Gewinn, den es brachte, wiewohl auch dieser gewiß nicht zu verachten war. Heute Geschrieben 1933/34. ist es in Riva und Torbole, in Limone und Malcesine mit derlei Romantik längst vorbei, der letzte Schmuggler ist ausgestorben oder hat irgendein ehrsames Handwerk ergriffen, da es ja nichts mehr zu schmuggeln gibt, seitdem ringsum nur Italien ist und die Grenze gegen Österreich ein paar hundert Kilometer nördlicher über den Brenner verläuft. Nur noch die Sage von dem, was einstens gewesen ist, geht heute in jenem Gardaseevolk um. Mir aber, der es noch in seiner lebendigen Erscheinung und Fülle sah, ist es unverlierbarer Besitz, denn es hat mein Wissen vom Volk und von der Seele des Volkes mehr vertieft und bereichert als so manches Buch, das darüber geschrieben wurde.

Fasano. Maderno. Gardone. Wie vertraut klingen ihre Namen heute dem deutschen Italienfahrer! Ganz anders noch vor vierzig Jahren! Man kannte sie kaum. Wo heute eine fortlaufende Kette von Landhäusern und Hotels sich dem Auge darbietet und in fast ununterbrochener Folge Automobile, staubaufwirbelnd und luftverstänkernd, dahinrasen, zeichneten sich damals die über die Berghänge hingewürfelten Häusergruppen der drei Uferorte noch scharf gegeneinander ab, und auf weiten Zwischenräumen waren nichts als die Einsamkeit der längs des Sees sich dahinwindenden, nur selten von Radfahrern und Wagen befahrenen Straße, die grünblaue klatschende Flut des Sees, die grauen, schrundigen Häupter und Nasen des Felsgebirges, das matte, immer wie verstaubt wirkende Grüngrau der Oliven, das vollsaftige leuchtende Grün der Lorbeerhecken und im übrigen die tiefe, heimelige Stille der Natur.

Stieg man dann auf den steinigen Bergpfaden zu einer der von weißen Kirchen gekrönten Anhöhen oder durch ausgetrocknetes Bachbett, über Schotter und Geröll, noch höher und höher empor, so eröffnete sich bald eine von Schritt zu Schritt sich mehrende und weitende Rundsicht, um schließlich auf gebietender Berghöhe ein Panorama von überwältigender Schönheit, Großartigkeit und Süßigkeit zugleich vor den Augen auszubreiten. In der Tiefe die weißen Wallfahrtskirchen mit ihren kubisch emporstrebenden Glockentürmen. Da und dort das steinerne Häuserwirrsal der Uferstädtchen. Die hyazinthene Flut des Sees, nach Norden hin immer dunkler sich färbend, gen Süden mehr und mehr in silbrigen und perlmutternen Tönen sich auflösend. Mitten im See das terrassenförmig sich auftürmende Böcklinbild der Isola di Garda. (Es heißt, er habe nach ihr seine »Toteninsel« gemalt.) Drüben am veronesischen Ufer das weiße Schneehaupt des Monte Baldo. Zu seinen Füßen, im jenseitigen Uferdunst noch gerade erkennbar, die hohen düsteren Zypressen von Cap Vigilio, auch sie wie zu einer Böcklinschen Landschaft gehörig. Weiterhin die weißen Häuserpünktchen von Torri, von Bardolino, alle die am jenseitigen Gestade hingestreuten Orte und Örtchen längs des gegen die Ebene hin sanft sich abdachenden Gebirges. Und endlich vollends im Süden diese Ebene selbst, die lombardische, dunstig weich und verschleiert mit ihrer zungenartig in den See sich vorstreckenden Halbinsel Sirmione. Auf einem flachen Höhenrücken der am Südhorizont verschwimmenden Tiefebene der steinerne Turm vor San Martino della Battaglia, an klaren Tagen dem Blick noch gerade erkennbar, das Denkmal der blutigen Schlacht von Solferino, die 1859 über das Schicksal der Lombardei entschied. Jedem, der einmal diese Straße zieht, sei der Weg über Gargnacco durchs Val di Sur nach San Michele und Monte Lavino empfohlen. Es ist ein Rundblick, der in seiner sinnvollen Verbindung von Natur und Menschengeschichte unvergeßlich bleiben wird.

Diese Frühlingswochen in Fasano, im damals noch echt ländlich-italienischen Gasthof Gigola mit seinen drei schönen Töchtern, waren in ihrer geruhsamen Heiterkeit und fast noch wunschlosen inneren Stille ein wahres Labsal für den genesenden Organismus. Körper und Seele nahmen die Eindrücke des wiedererwachenden neuen Lebens mit hingegebener Inbrunst auf, wie ein Boden, der lange gedurstet hat. Ich fühlte, wie meine Kräfte und meine Unternehmungslust wuchsen. Die scharf konturierte italienische Landschaft, der weiche südliche Frühlingshimmel darüber zauberten mir Ahnungen von neuen dichterischen Plänen vor die Seele, silbrige duftige Gespinste und Gebilde, dem formenden Vermögen noch unsagbar und unerreichbar.

Verona; Venedig; Triest; Wien: ebensoviele Stationen unserer ferneren Reise. In Wien war es kalt, unfreundlich, windig. (Aber wann wäre es nicht windig in Wien!) Wir froren und bangten uns nach dem Frühling, aus dem wir kamen. Der einzig schöne unvergleichliche Wiener Frühling: wieviele Lieder haben ihn besungen, besingen ihn noch heute! Auch ich habe ihn in seiner einzigen unvergleichlichen Schönheit nachmals kennengelernt und oft erlebt. (O ihr blühenden Kastanienbäume die Ringstraße hinauf, hinab mit euren stolzen weißen Frühlingskerzen! Ihr jubelnden Amseln des Stadtparks in flammender Morgenröte des schönsten Maientages!) Aber damals, in jenem Frühling 1897, war von alledem kaum etwas zu spüren. Ein rauhes Mailüfterl blies vom Kahlenberg, den Donaukanal und die Ringstraße hinunter. Pelz und warmer Ofen kamen wieder zu Ehren. Wien war wie eine spröde Schöne, die sich von ihrer unliebenswürdigsten Seite zeigt. So drängte sich der ganze Verkehr ins Innere der Häuser und – wie denn anders! – in die von Gott dem Herrn eigens für Wien geschaffenen Kaffeehäuser.

Ich war ja nicht das erstemal in Wien (vorher war es im Spätwinter und im Herbst gewesen), an guten Freunden und Bekanntschaften teils literarischer, teils rein menschlicher Art fehlte es also nicht. Ich frischte meine Beziehungen mit Hermann Bahr auf; lernte Peter Altenberg, aller Bohemiens Ur- und Erzvater, in seiner manchmal recht bewußt wirkenden Versponnenheit und seinem bis ins Groteske gesteigerten und darum entwaffnenden Selbstbewußtsein kennen; wurde auch mit Dr. Burckhard, dem verdienstvollen Direktor und Erneuerer des Burgtheaters, bekannt: eine große männliche Erscheinung von ebenso gewinnendem, wie vielleicht nicht ganz aufrichtigem Wesen, hierin wie in seiner vollendeten Verschmelzung von Beamtenkorrektheit und literarisch-künstlerischer Boheme eine typisch österreichische Hervorbringung.

Der Zufall – einer, der nicht ohne Folgen bleiben sollte – führte mich auch mit zwei gerade in Wien weilenden Berliner Bekannten zusammen. Es waren Otto Neumann-Hofer und Rudolf Steiner. Der erstere, aus dem litauischen Teil Ostpreußens stammend, mir also landsmannschaftlich nahestehend, übrigens der Abkömmling einer der um ihres evangelischen Glaubens willen vertriebenen Salzburger Familien, war damals in dem Grenzbezirk zwischen Literatur und Journalistik einer der einflußreichsten Männer von Berlin. Er war ein Jugendfreund Sudermanns, des dem gleichen Boden Entstammten; beide Männer haben sich ein Leben lang die Treue gehalten. Neumann-Hofer hatte bereits seit einigen Jahren die Leitung des Feuilletons beim »Berliner Tageblatt« inne, also derjenigen hauptstädtischen Zeitung, die neben und mit der »Vossischen Zeitung« und dem »Börsenkurier« in allen literarischen und Theaterfragen damals tonangebend in Berlin war. Er war in diesem Amt der unmittelbare Nachfolger Paul Lindaus nach dessen Sturz durch Maximilian Harden geworden, und was das bedeuten wollte, ist heute kaum mehr verständlich, war es um so mehr aber den Zeitgenossen, die die fast zwanzigjährige Diktatur Paul Lindaus im Berliner Literatur- und Theaterwesen noch frisch in Erinnerung hatten.

Wenn damals, als Lindau nach Meiningen in die Verbannung gegangen war (kaum zehn Jahre später seine unbestrittene Restauration in Berlin!), die Ernennung zu seinem Nachfolger auf Neumann-Hofer, den Herausgeber des »Magazins für Literatur« und intimen Freund Sudermanns, gefallen war, so wird der letztere Umstand sicher nicht wenig hierzu beigetragen haben. Sudermanns Ruhmessonne stand damals in ihrem Zenith am Himmel Berlins, ja ganz Deutschlands. Und er war, wie auch sein späteres Leben immer wieder erwies, ein sehr zuverlässiger Freund seiner Freunde.

Aber Otto Neumann-Hofer – es muß gegenüber seinen einstigen Widersachern und Feinden, er hatte deren eine Menge, immer wieder gesagt werden – war dennoch nichts weniger als das bloße Geschöpf einer literarischen Herrenlaune, wie man ihm seine Freundschaft mit Sudermann anzukreiden liebte. Der kaum mittelgroße, untersetzte, dabei höchst bewegliche Mann mit dem kurzgeschnittenen Spitzbart und den ein wenig tatarischen Augenwinkeln hat doch eine Reihe von Jahren auf dem heißen Berliner Boden neben Berufenen, ja Auserwählten der Theaterkritik, wie Paul Schlenther u. a., ehrlich seinen Mann gestanden, wenn es ihm auch nicht vergönnt gewesen ist, Schlenther an Grazie der Diktion oder Mauthner an Schärfe der Analyse zu erreichen. Dafür war ihm ein anderes Erbteil geworden, wodurch es ihm gelang, selbst nach verzweifelten Stürzen immer wieder in die Höhe zu kommen und eine Rolle zu spielen: das war eine ihm angeborene äußerste Aktivität in allen die Literatur und das Theater angehenden, ja oft über sie entscheidenden praktischen Fragen. Diese nie rastende Triebkraft des ewig versponnenen, immer grübelnden und spekulierenden Mannes hat ihn auf den Weg des Theaterdirektors geführt, als welcher er eine Reihe von Jahren die nach dem Schauspielhaus und dem Deutschen Theater angesehenste Bühne Berlins, das Lessingtheater, erfolgreich leiten sollte. Sie hat ihn schließlich auch (sein bleibendes Verdienst!) zum Schöpfer und Begründer des Deutschen Opernhauses in Charlottenburg werden lassen, das er gleichsam aus dem Nichts erdacht und in seinen wirtschaftlichen Grundlagen bis in die letzten Einzelheiten errechnet hat. Wenn heute der ragende Bau am Charlottenburger Knie steht und der Pflege der deutschen Opernmusik dient, so ist dies zuvörderst Otto Neumann-Hofer zu danken.

In jenem Frühjahr 1897 ging der plänereiche und unermüdliche Mann gerade mit der Aufgabe um, die Direktion des Lessingtheaters zu übernehmen. Ihm schwebte in seinen kühnsten Träumen wohl so etwas wie ein Wettbewerb mit Otto Brahms Deutschem Theater vor, dessen unbedingte literarische Vorherrschaft er schon im Interesse Sudermanns und der anderen nicht zur orthodoxen Brahmschen Fahne schwörenden Dramatiker brechen wollte. Trügerische Hoffnungen! Die zielbewußte, messerscharfe Unerbittlichkeit Brahms ist im Kampf mit der slawisch-schweifenden Phantastik des Rivalen Sieger geblieben, und es mußte wohl so sein. Von damals aus gesehen war das Bild freilich noch ein anderes. Neumann-Hofer besaß neben so vielen sonstigen Gaben auch die der Beredsamkeit. Von seiner Sendung überzeugt wie er war, überzeugte er auch die anderen. Ich ließ mir von ihm klarmachen, daß meine zukünftigen Arbeiten nirgendwo besser würden aufgehoben sein als im Lessingtheater unter der Direktion Neumann-Hofer. »Mutter Erde« war ja bereits an Brahm vergeben, kam auch schon deshalb nicht mehr in Frage, weil ja die glorreiche neue Ära des Lessingtheaters erst im Herbst des kommenden Jahres 1898 beginnen sollte. Von da ab sollte eine dauernde Verbindung zwischen der neuen Direktion und mir bestehen. Es kam hierüber nicht gerade zu einer schriftlichen Verpflichtung, sondern sollte mehr auf freundschaftlichem Einvernehmen beruhen. Im Grunde war es nur ein loses Band, das sich damals knüpfte. Dennoch hat es sehr wichtige, ja entscheidende Folgen, nicht immer nach der günstigen Seite hin, für meine ganze spätere Theaterlaufbahn gehabt, wie sich bald genug herausstellen sollte.

In Gesellschaft Neumann-Hofers befand sich damals, wie bereits erwähnt, auch Rudolf Steiner in Wien. Der zukünftige Begründer der anthroposophischen Bewegung und vergötterte Prophet war zu jener Zeit noch ein wenig beachteter zigeunernder Intellektueller, dem wahrlich niemand seine kommende Erleuchtung und Erhöhung, mit einem Wort: sein Damaskus vorausgesagt hätte. Er war vorher am neugegründeten Nietzsche-Archiv in Weimar tätig gewesen und hatte eine auf der Grenzscheide von Zarathustra und Haeckel sich bewegende, noch überwiegend naturwissenschaftlich gedachte »Philosophie der Freiheit« geschrieben, die uns Damalige immerhin aufhorchen machte. Ihr verdankte er es wohl, daß Neumann-Hofer, der Herausgeber des »Magazins für Literatur«, ihm dessen Redaktion übertragen hatte. Es war ein Glück für Steiner, daß dies so kam, und hat ihn vielleicht vor dem Untergang bewahrt. Denn seine unregelmäßige Lebensführung hätte ihn wahrscheinlich sehr bald in jeder anderen ähnlichen Stellung unmöglich gemacht. Neumann-Hofer war ein nachsichtiger Chef, von großzügigem Wesen und nichts weniger als ein Philister. Er ließ Steiner seine Schwächen und Entgleisungen hingehen, wohl auch aus einem ihm auch sonst eigenen Fingerspitzengefühl für das Wesentliche und Besondere des reichlich verbummelten, aber hochbegabten Mannes. Im übrigen liegt es mir durchaus fern, mich pharisäisch über ihn auslassen zu wollen. Auch ich habe damals in Wien ein paar Nächte mit ihm um die Ohren geschlagen. Es wird sich also wohl gelohnt haben.

Steiners körperliches Bild, sein pechschwarzes Haar, seine flackernden schwarzen Augen, das hohlwangige Gesicht, die hagere, zugeknöpfte Erscheinung, gleichsam alles Schwarz in Schwarz – in der merkwürdigen Mischung von Magistertum und Dämonie, mich an meinen ersten Hauslehrer, den unheimlichen Kandidaten Engelbrecht, gemahnend (siehe »Scholle und Schicksal«) –, ist mir von damals her unvergeßlich geblieben. Wir sollten uns in den nächsten Jahren noch oft begegnen. Vor mir liegt eine erst kürzlich an mich gelangte Sammlung von sehr scharfsinnigen und eindringlichen Kritiken über meine Dramen aus dieser Zeit (»Mutter Erde«, »Der Eroberer«, »Die Heimatlosen«, »Das tausendjährige Reich«). Steiner hat sie damals für das »Magazin« geschrieben; sie sind bei aller kritischen Einstellung von einem liebevollen Eingehen in meine Eigenart. Unsere Wege haben sich dann geschieden, wie wir ja so viele Wege im Leben von uns scheiden sehen, ohne daß wir etwas dafür können, nur weil es eben so sein muß.

Als ich Steiner dann nach der Pause eines Vierteljahrhunderts wiedersah, stand er auf dem Podium einer anthroposophischen Versammlung, in einem düster erhellten Saal in München, und ich saß, ohne daß er es wußte, unter seinen Zuhörern und konnte ihn mir aus der Nähe ruhig betrachten und mir meine Gedanken über das, was er sagte, machen. Sein Haar war noch pechschwarz wie ehedem. Seine schwarzen Augen brannten. Seine Erscheinung war dämonisch wie einst, ja noch dämonischer, und auch ein bißchen schulmeisterlich war sie geblieben, ebenfalls wie einst, was mich lächeln machte. Wir Menschen ändern uns eben nicht, auch wenn wir Helden, Propheten oder Halbgötter geworden sind. Und das war er ja geworden, der Prophet und Halbgott einer ungezählten Gemeinde. Aber ich habe ihm das an jenem Abend nicht sagen können, denn ich entfernte mich still, als er ausgesprochen hatte, und habe ihn nie wiedergesehen.

Es wurde nun schon ein Reisejahr für mich. Ich war kaum vier Wochen wieder in München, als ich – Mitte Juni 1897 – die Einladung zu einem großen internationalen Kongreß der Schriftsteller und Journalisten in Stockholm erhielt. Die Idee eines werdenden Paneuropas – zwanzig Jahre später sollte sie auf den Schlachtfeldern Frankreichs und der halben Welt ihre blutige Widerlegung erfahren – bediente sich in den Tagen, von denen hier die Rede ist, mit Vorliebe dieser literarisch-journalistischen Kongresse; sie wurden eben damals große Mode und besaßen viel Anziehungskraft. Was Wunder auch! Man kam aus aller Welt in einer der großen Hauptstädte oder auch sonst an einem vom internationalen Publikum bevorzugten Ort zusammen, genoß (Deutschland natürlich ausgenommen) Freifahrt erster Klasse und allerlei sonstige Vergünstigungen, wurde wie ein Fürst empfangen, aß und trank ausgezeichnet, knüpfte wertvolle Bekanntschaften und Liaisons an und führte überhaupt ein Dasein, wie es – dem Volksmund zufolge – der Herrgott in Frankreich führen soll. Besonders Eifrige hörten sich wohl auch ein paar Vorträge an; Ehrgeizige gar nahmen an der Kongreßarbeit teil und wurden dafür in allen Zeitungen des Erdballs lobend erwähnt. Denn es war ja ein Weltparlament der Intellektuellen, das den Anspruch erhob, überall gehört zu werden, wenn auch die Resonanz sehr verschieden war, je nach der Stellung der Intellektuellen da und dort: am geringsten gewiß immer noch im damaligen Deutschland.

Wieviel am Ende doch dahintersteckte, hat uns schließlich der Weltkrieg nur allzu deutlich vor Augen geführt. Denn war es nicht die von den Intellektuellen fast aller Kulturländer geführte und verführte öffentliche Weltmeinung, die sich damals zu einer Art von Kreuzzug gegen uns »deutsche Hunnen und Barbaren« verbündete und ihr geistiges Gewicht sehr zu unserem Schaden in die Waagschale warf? Da die Geschichte ja unter anderem dazu da ist, daß man aus ihr lerne, so mag die Nutzanwendung hieraus vielleicht auch für eine kommende Zeit dienlich sein.

Jene Stockholmer Tage um die Johannis- und Sommersonnwende 1897 – das matte Sonnengold des nordischen Sommers, der bleiche Dämmerschein der hellen, nicht schlafen wollenden Nächte – sind mir stets ein Höhepunkt unter meinen vielen Reiseerinnerungen geblieben. Noch standen die Apfelbäume in ihrer rosigen Pracht. Noch blühten der Flieder und der Goldregen und der Faulbaum duftete. Ein verspäteter Frühling war dieser nordische Sommer mit dem hellgrünen Laub der Birken. Nun schon zum drittenmal in diesem Jahr erlebte ich den Frühling, nach dem italienischen, dem deutschen den skandinavischen jetzt.

Berühmt die schwedische Küche, zumal die kalte; ihre dutzenderlei Smörbrot; ihr Heer von leckeren Fischdelikatessen auf den Schanktischen der Bahnhöfe und Restaurants; ihre duftigen Erdbeeren mit Schlagsahne. Berühmt das Nationalgetränk, der schwedische Punsch. Berühmter noch als beide, als Essen und Trinken, die schwedische Gastfreundschaft, die allen diesen guten Dingen erst die feine Würze, den zarten Hauch einer alten Kultur verleiht. Man fühlt, diese Gastfreundschaft kommt von Herzen; darum geht sie auch zu Herzen. Und wie überall im skandinavischen Norden ist es die Frau, die wie auf einer Stimmgabel den besonderen Ton dieser Geselligkeit angibt: die kühle, blasse, zuweilen fast morbid wirkende Geistigkeit der blonden schwedischen Frau.

Begreiflich genug die intellektuelle weibliche Vorherrschaft in diesem echten und typischen Männerlande (ähnlich wie in England)! Denn was wäre schließlich aus all den Haudegen, Raufbolden, Landsknechten, Abenteurern, aus allen diesen Mordskerlen geworden, die durch die schwedische Geschichte toben und wettern, wenn nicht der sittigende und sänftigende Einfluß einer energischen Frauenrasse diesen Überschwang wilden und manchmal wüsten Mannestums in ein geregeltes Bett geleitet und aus einem Volk von Berserkern allmählich eine Nation von Kavalieren gemacht hätte. Erst hier, an Ort und Stelle, verstehlt man so recht, wie aus den Gefolgsleuten Gustav Wasas, aus den Soldaten Gustav Adolfs, aus den Mannen Karls XII. im Laufe von kaum zwei, drei Jahrhunderten schließlich das Volk Strindbergs werden konnte: wobei ich mir durchaus nicht verhehle, daß alle solche Urteile oder Eindrücke eines Außenstehenden natürlich nur von sehr summarischer Art sind und innerhalb des betreffenden Volkes selbst auf Widerspruch stoßen mögen.

Als ich damals auf der Reise nach Stockholm schwedischen Boden betrat, war fast das erste, was ich von Einheimischen hörte, daß Schweden zwar halbwegs trockengelegt sei, für uns fremde Besucher aber so gut wie keine Beschränkung bestehe. Wir könnten uns an dem vortrefflichen Punsch des Landes erlaben, soviel nur eben hereingehen wolle, und unsere schwedischen Freunde und Begleiter würden noch mit davon profitieren, weil für solche Fälle das Verbot außer Kraft gesetzt sei. Und so geschah's. Frühstücke, Diners, Bankette reihten sich eine Woche lang in nicht abreißender Folge aneinander. An Wein und Champagner war Überfluß. Und wenn dann wieder so ein Tagespensum hinter uns lag, saßen wir die weißen Mitternächte hindurch auf der Terrasse des Opernrestaurants, dort, wo unter der großen Brücke die süßen Wasser des Mälarsees sich mit der Salzflut der Ostsee vermählen, hüllten unser fröstelndes Gebein in dargereichte rote Wolldecken und heizten tüchtig mit schwedischem Punsch nach, bis der rote nordische Sonnenball See und Meer, Süßwasser und Salzflut in Purpur tauchte. Das strenge temperenzlerische Angesicht des Landes aber drückte gnädig beide Augen zu gegenüber den Gästen aus den südlichen Ländern, und der Fremdenverkehr war gerettet. Und auch die schwedische Gastfreundschaft, die gar nicht genug zu rühmende, fand ihren Lohn nicht nur in sich selbst, sondern auch in dem jedesmaligen Dispens von einem lästigen und menschenunwürdigen Verbot.

Auf Schloß Drottningholm empfing die Kongreßteilnehmer König Oskar II. aus dem Hause Bernadotte, das aus dem Hafenviertel Marseilles seinen steilen Aufstieg hierher auf den Thron Gustav Adolfs vollführt hatte. Es war noch nicht einmal ein Jahrhundert her. Irgendein Etwas schien mir in der Erscheinung des Königs zu sein, das noch an die südfranzösische Abkunft erinnerte. War es die brünette, wenn auch gebleichte Farbe oder die Form des Spitzbarts, die in diesem Lande der Mitternachtssonne und der blonden nordischen Recken besonders auffallen mußten? War es mehr noch das weltmännische Auftreten, die leichte, gefällige Anmut von Rede und Gegenrede, was gewann und bestrickte und darum (Trugschluß oder nicht?) französisch wirkte? Neben dem bejahrten, aber noch aufrechten und stattlichen König stand, ihn weit überragend, die schmale und lange Gestalt seines kunstliebenden Sohnes, des Kronprinzen, des heutigen Gustavs V. Er war mit der badischen Prinzessin Viktoria verheiratet und versinnbildlichte gleichsam durch diese Ehe den Umschwung der schwedischen Volksstimmung gegenüber dem stammverwandten Deutschland. Noch vor weniger als einem Menschenalter, im deutschfranzösischen Kriege von 1870, hatte das schwedische Volk, vom dänischen Kriege her feindlich erhitzt, auf das bestimmteste gegen Deutschland Partei ergriffen, und König Oskar hatte dem, auch ohne Kriegserklärung, Rechnung getragen, vielleicht sogar vorgearbeitet. Wie anders war es seither geworden! Schwedische Dichter und Künstler in nicht geringer Zahl waren über die Ostsee nach Berlin, nach München gekommen, hatten Anerkennung und Sympathie gefunden und dankbares Verständnis für deutsches Wesen wieder in die Heimat getragen. Der alte Zwist war vergessen. Eine neue deutsch-schwedische Freundschaft begann. War es nicht wie ein Gleichnis dessen: das Nebeneinander von Vergangenheit und Zukunft, des alten Königs und des jungen Kronprinzen, im Schlosse von Drottningholm zu jener Mitternachtsstunde?

Unvergeßlich die Dampferfahrt von Stockholm nach Wisby auf Gotland in der Johannisnacht: zuerst stundenlang durch das Gewirr der Schären, zwischen Klippen und Inseln hindurch, an waldgekrönten Granitkuppen vorbei, während von jedem Halteplatz Jubelrufe weißgekleideter, das Julfest feiernder Mädchenscharen herübergrüßten, und in der weißen spukhaften Helle alles wie ein Sommernachtstraum an uns vorüberzog. Und dann, abermals nach stundenlanger Fahrt über die spiegelglatte offene See, ein Traum bei hellichtem Tage: die Ruinenstadt Wisby, ein nordisches Pompeji oder ein aus dem Meere wieder emporgestiegenes Vineta mit seinen gotischen Backsteinkirchen und Domen, vom Ausmaß etwa der Lübecker oder Danziger Marienkirche. Weit und breit scheint keine Menschenseele, kaum ein Lebewesen zu sein, nur daß der Efeu an trümmerhaften Strebepfeilern emporklettert und zur Mittsommerzeit Flieder und Goldregen zwischen den Ruinen blühen. Hier waren vor sechshundert Jahren Macht und Reichtum der Hansa in einem weithin leuchtenden Brennpunkt vereinigt. Heute trägt ein seitwärts gelegenes, unbedeutendes Städtchen den Namen der einstigen stolzen Wisby.

Es lag nahe, den Rückweg in die Heimat über Kopenhagen zu nehmen. Wie die meisten Kongreßbesucher, schlug auch ich diese Straße ein. Hatte sich uns Stockholm, bei aller Herzlichkeit des Empfanges, doch mehr von der feierlichen und offiziellen Seite gezeigt, so tat es zur Abwechslung nun wohl, allen festlichen Zeremoniells entbunden wieder ganz Privatmensch zu sein und in einer anonymen Ungezwungenheit unterzutauchen. Man sagt ja nichts Neues, wenn man Kopenhagen eine der heitersten und lebenslustigsten Städte Europas nennt. Dieser Ruf, den es sich bis heute bewahrt hat, ging ihm auch schon damals voran, und die einfachste Chronistenpflicht gebietet zu sagen, daß wir ihn bestätigt fanden. Empfehlungen gewährten Zutritt zu ein paar feingebildeten Kopenhagener Familien und damit erwünschten Einblick in eine doch ganz spezifisch dänisch gefärbte Denkweise und Geistigkeit. Man könnte sie mit einem mehr heutigen Wort pazifistisch nennen, worin ja für den Wissenden auch eine betont intellektuelle Note mit einbegriffen ist. Kein Zweifel, daß alle diese liebenswürdigen Kopenhagener, mit denen uns das Geschick in den wenigen Tagen zusammenführte, ausgesprochene Intellektuelle waren, also von derselben Art, die eben damals auch in Deutschland sich in den Vordergrund schob, und daß sie alle zusammen Deutschland, nämlich das politische Deutschland von damals, nicht gerade besonders liebten, uns deutschen Gästen aber eben deshalb mit verdoppelter Gastlichkeit entgegenkamen.

Die Stadt selbst – Kopenhagen – erinnerte mich in ihrer flachen, wie auf einem Teller ausgebreiteten Lage, mit den hoch giebeligen Häusern ihrer Altstadt und ihres Hafenviertels, mit dem salzigen Atem des nahen Meeres, mit den weiteräumigen grünen Hallen der sie umsäumenden Buchenwälder und den herrlichen, leicht erreichbaren Strandbädern vielfach an meine Heimatstadt Danzig, mit der sie ja auch durch den gemeinsamen baltischen Lebensraum verwandt ist. Verglich man dagegen Stockholm mit Kopenhagen, so wirkte jenes in seiner eigentümlich zerrissenen, zerstückelten Lage zwischen Fels, See und Meer weitaus nordischer, skandinavischer und zugleich pittoresker, während Kopenhagen nach Lage und Baustil ebensogut auch eine unserer norddeutschen Hansastädte hätte sein können.

Jene stark intellektuelle Geistesströmung Kopenhagens, von der ich vorhin sprach, hatte ihren Hauptvertreter und Führer in Georg Brandes. Der Verfasser der »Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts« stand damals auf der Höhe seiner Macht und seines Einflusses. Man konnte ihn eine internationale Berühmtheit nennen; vielleicht die einzige, die es in Kopenhagen gab. Auch im übrigen skandinavischen Norden kamen nur Ibsen und Björnson an Glanz des Namens ihm gleich oder übertrafen ihn, während Strindbergs Stellung noch sehr umstritten war, besonders auch in Skandinavien selbst.

Von Brandes war etwa ein Jahr vorher bei Albert Langen in München ein biographisches Werk über Shakespeare in deutscher Sprache erschienen. Ich hatte das Buch trotz seiner Dickleibigkeit in einem Zuge durchgelesen und einen hohen Genuß davon gehabt. Brandes hatte sich mit Leidenschaft für die Identität des Dichters und des Schauspielers Shakespeare eingesetzt. Mit einer seltsamen Feinnervigkeit war er in die Geheimnisse des dichterischen Schaffensprozesses eingedrungen und hatte aus tausend scheinbar unwesentlichen Momenten die persönliche Tragik im Leben des Tragikers Shakespeare aufgespürt. Leben und Schaffen griffen in seiner Darstellung von Shakespeares Erdenweg untrennbar ineinander. Alles dies entsprach so ganz meinen eigenen Ideen. Denn keiner kann Tragik und Tragisches erdichten, der nicht die Tragik alles Lebens und Geschehens zutiefst an sich selbst erfahren hat.

War es zu verwundern, daß ich, einmal in Kopenhagen, mit dem Wunsch umging, Brandes einen Besuch abzustatten, um dem Künder dichterischen Wesens, der selbst etwas von einem Dichter haben mußte – wie hätte er es sonst so erfassen können? –, auch einmal menschlich ins Auge zu blicken und ihm für das zu danken, was er mir mit seinem Buch geschenkt hatte? Ach! Es wurde eine Enttäuschung, und sie lehrte mich, was mich mein Gefühl schon von je hatte ahnen lassen, daß es zweierlei Wesen sind, das denkende, schreibende, phantasierende, dichtende, schöpferische Etwas, das ich den » Anderen« in uns, vielleicht unser transzendentes Ich nennen möchte, und der kleine, verdrießliche, nichtige Erdenmensch, der jenem Anderen, jenem transzendenten Ich als sterbliches Gefäß dient.

Als ich an der Tür des dänischen Geistesdiktators läutete, wurde mir zuerst bedeutet, Herr Dr. Brandes sei krank und könne niemanden empfangen. Meine hineingegebene Karte öffnete mir dann doch die Tür seines Arbeitszimmers. Eine kleine, schmale, bitter dreinblickende, miesepetrige Gestalt erhob sich von ihrem Stuhl und bot mir mit einer nachlässigen Geste Platz an. Ich merkte sofort, wie ich dran war, und nahm mir vor, nur das Nötigste zu sagen. Brandes wußte als genauer Kenner der deutschen literarischen Verhältnisse sehr gut Bescheid mit mir und meinem bisherigen Tun und machte mir, nachdem ich ihm – vielleicht etwas kühl – meine Verehrung ausgesprochen hatte, ein paar Komplimente über meine »Jugend«, die aber in ihrer scharfen und bitteren Tonart eher wie das Gegenteil wirkten. Im übrigen schien ihm sozusagen meine Nase nicht zu gefallen; begreiflich genug, daß mir nun auch die seinige nicht gefiel. Ich will ihm nicht unrecht tun. Vielleicht war wirklich das Krankheitsgift dabei im Spiel. Und doch bewahre ich, so viele Jahre seitdem verstrichen sind, noch heute den Eindruck, daß es nicht nur meine literarische, sondern meine gesamte Persönlichkeit überhaupt war, die ihm – soweit er sie eben kennen mochte – gegen den Strich ging und Mißbehagen erweckte. Ich habe mir damals nicht recht erklären können warum. Heute glaube ich es allerdings sehr gut zu wissen. So ging der übrigens nur wenige Minuten dauernde Besuch sehr gegen meine Erwartung aus, und ich zog, um eine gesunde Lehre reicher, meines Weges.

Die Sommermonate dieses schicksalvollen Jahres verbrachte ich mit meiner Familie in Güttland. Es war das erstemal, daß Frau und Kinder dort waren. Die so lange bestehende Spannung war bisher einem Besuch entgegengewesen. Auch war es ja eine weite Reise von München nach Dirschau oder Danzig, noch dazu, wenn drei kleine Kinder mit dabei sein sollten, wovon das Jüngste erst wenig über ein Jahr alt war. Man konnte eine solche Bahnfahrt mit gutem Grund eine »Unternehmung« nennen, die es besonders natürlich für die Mutter der drei kleinen Kinder war. Aber da wir uns schon ein paarmal mit Sack und Pack verpflanzt hatten, zuerst von Berlin nach Kreuzlingen, dann vor Kreuzlingen nach München, so war es ja nichts Neues mehr für uns und wurde mit gutem Humor bis zum glücklichen Ende geführt. Ja, wir gewöhnten uns so sehr an diese Art von Unternehmungen, daß wir während der nächsten zwölf bis fünfzehn Jahre wohl ein halbes Dutzend Male solche Sommerreisen von den Alpen an die Ostsee mit dem ganzen Clan in Szene setzten und schließlich in München als eine ewig auf der Wanderschaft befindliche Familie galten.

Für Güttland und die umliegende Nachbarschaft, ja bis nach Danzig hin war dieser Besuch des der Heimat Fremdgewordenen, der nun zum ersten Male mit seiner Familie kam, eine kleine Sensation. Man hatte seit einem Jahrzehnt so viel über mich geredet und gefabelt, hatte mir, der ich ohne richtiges Staatsexamen, wenn auch mit einer Doktorpromotion, meine Studien abgeschlossen hatte, ein schlimmes Ende prophezeit, wie ja schon so viele Hoffnungsreiche verbummelt waren, hatte sich allerlei Romantisches über meine Ehe vom Gerücht zutragen lassen, war dann, als eigentlich alles schon besiegelt schien, auf eine höchst unerwartete Weise durch den Erfolg meiner »Jugend« eines anderen belehrt worden, hatte aber auch hierfür soviel einander Widerstreitendes gehört und gelesen, daß man sich kein rechtes Bild von mir machen konnte. Kurzum, ich stand vor meinen Landsleuten als eine Persönlichkeit da, von der man alles zu wissen glaubte und im Grunde überhaupt nichts wußte.

Nun war zum erstenmal eine Wirklichkeit da, die für sich selber sprach und mit der man etwas anfangen konnte, nämlich abgesehen von mir selbst eine überaus anmutige, ja als schön geltende Frau, die meinige, und unsere drei höchst lebhaften und dem Äußeren nach wohlgeratenen Kinder. Begreiflich genug, daß das Eindruck machte und sich schnell bei den Nachbarn, bei Freunden und Bekannten herumsprach. Denn nichts wirkt überzeugender als eben die Wirklichkeit, besonders wenn sie vor eine ländliche Welt in Gestalt einer gewinnenden jungen Frau und gesunder Kinder hintritt.

Wer den ersten Teil »Scholle und Schicksal«, Geschichte meiner Jugend. dieser Denkwürdigkeiten gelesen hat, wird sich noch an Tante Lieschen erinnern, jenes schon damals in reiferen Jahren stehende Fräulein und Familienfaktotum, das bereits meine eigene Kindheit behütet und mich so manches Mal unter ihrer Schürze vor der mütterlichen Rute versteckt hatte. Seitdem waren mehr als zwanzig Jahre vergangen, ohne daß Tante Lieschens Liebesbedürfnis, nachdem auch meine Schwester inzwischen herangewachsen war, wieder ein geeignetes Objekt gefunden hätte. Welch eine Fügung des Himmels also, daß jetzt plötzlich drei übermütige Kinder – noch dazu die Kinder ihres vergötterten großen Jungen – durch das so lange verwaiste Haus tobten und tollten! Das alte und doch noch junge Tantenherz strömte über vor Glück. Die drei verhungerten Stadtkinder – konnte es in Tante Lieschens Augen anders sein? – wurden von aller Herrgottsfrüh an bis zum Dunkelwerden gestopft, was nur eben hineingehen wollte, und konnten für Tante Lieschen gar nicht schnell genug dick und fett werden. Die mütterliche Erde, zu deren Preis soeben erst der dichtende Vater seine dramatische Ballade verfaßt halte, zollte nun einem heranwachsenden Geschlecht mit Schwarzbrot und dicker Milch, mit Johannisbeeren, Praßeln (Gartenerdbeeren) und Augustäpfeln ihren herzhaften Dank dafür.

Als nach vier Wochen der Tag der Abreise kam, waren die durchaus nicht immer sehr leicht zu gewinnenden dörflichen Sympathien ganz unser. Viel törichtes Gerede und mißgünstiges Gefabel war in Rauch aufgegangen. Besonders hatte auch meine Frau sich die Herzen erobert. In der damals noch ganz vom Stände- und Klassendünkel besessenen Heimat hatte es Leute genug gegeben, die die Schmiedemeisterstochter, von der sie nur eben gehört hatten, nicht als voll anerkennen wollten. Ihnen wurde nun von denen, die es besser wußten, über den Mund gefahren; sie schwiegen fortan. Der Zufall wollte, daß gerade am Morgen vor unserer Abreise die Scheune auf dem uns zunächst liegender Nachbarhof in Brand geriet und ein großes Feuer entstand. Ein Funkenregen, von dem herrschenden Südwind getragen, ergoß sich auf das Dach unserer eigenen Scheune. Der die beiden Gehöfte trennende Holzzaun brannte lichterloh. Alles war so schnell gekommen, daß man zunächst nur an eine Räumung unseres ebenfalls schwer gefährdeten Wohnhauses dachte und darüber die Löscharbeit an der schon schwelenden Scheune vergaß. Da war es meine Frau, die mit den vielen müßig herumstehenden Arbeiterfrauen eine Kette bildete, um die gefüllten Wassereimer vom Brunnen zur Scheune hinüber- und die leeren wieder zum Brunnen zurückzubefördern. In der Tat gelang es auf diese Weise, das glühende und kohlende Scheunendach so unter Wasser zu setzen, daß der Brand erstickt wurde. Die Nachbarscheune brannte bis auf den Grund nieder. Ein weiterer Schaden entstand nicht. Man kann sich denken, daß die von meiner Frau bewiesene Geistesgegenwart das Tagesgespräch im Dorf und bald auch weithin wurde. In der »Hakenbude«, dem Stammquartier der Erbeingesessenen – der Erbhofbauern, wie man heute sagen würde –, wurde eine nicht geringe Anzahl von Machandeln auf ihr Wohl getrunken.

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