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Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
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6.

Am 15. März 1895 trafen wir, meine Frau und ich, von Konstanz in München ein und nahmen Quartier im Hotel Abenthum, das am Maximiliansplatz an der Stelle des heutigen Parkhotels lag. Das Abenthum war ein guter bürgerlicher Gasthof nach älterer Münchner Art, entbehrte also so mancher Bequemlichkeiten, die man damals schon im »verweichlichten« Norden vorzufinden gewohnt war. Das tat aber der mehr oder minder unglücklichen Liebe des Nordländers für München und münchnerisches Wesen keinen Abbruch, schien sie eher noch zu fördern, wie etwa ein Leberfleck im Antlitz einer angebeteten Frau.

Im übrigen ersetzte das Abenthum, was ihm etwa an Teppichen, Badegelegenheit, Bettbequemlichkeit und sonstigem Krimskrams fehlte, durch den wunderschönen Ausblick in die grünen Baumwipfel des Maximiliansplatzes und durch die ungezwungene Gemütlichkeit seiner unteren Gaststuben, in deren Honoratiorenabteilung schlemmerisch veranlagte Fremde (aber zur Steuer der Wahrheit gesagt, auch Einheimische) nicht selten dem Weingenuß frönten. Kein Wunder also, daß zu den »Fremden von Distinktion«, die im Abenthum abzusteigen pflegten, auch derjenige deutsche Dichter zählte, der schon damals weit und breit im Ruf des sachverständigsten deutschen Biertrinkers und Weinkiesers stand, nämlich Otto Erich Hartleben In Zurückweisung verschiedener Falschmeldungen der letzten Jahre sei hier ausdrücklich festgestellt, daß Hartleben nichts weniger als jüdischer Abkunft, sondern unverfälscht arischen Blutes war.. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, um diese Zeit des Jahres stets für eine Reihe von Tagen nach München zu kommen und hier, wenn man so sagen wollte, den Frühling zu eröffnen.

Diese Eröffnung bestand darin, daß er am Sonntag vor Josephi (19. März) mit einem ansehnlichen Stabe von Mitarbeitern sich in feierlicher Droschkenfahrt nach dem Nockherberg hinausbegab und dort dem mit großem Zeremoniell stattfindenden Anstich des Salvators beiwohnte. War diese rituelle Handlung vollzogen, so verstand es sich von selbst, daß der ungekrönte König dieser Bierherrlichkeit sich noch einige Stunden ungezwungen unter seinem wacker zechenden Volk aufhielt und dies durch mehrere Tage wiederholte. Dann nach getaner Pflicht reiste er befriedigt und guter Dinge voll über die Berge nach Bozen, wo das Batzenhäusl bereits seiner harrte, und weiter nach Florenz (Lapi's Weinkeller) und nach Rom, um dem neuen Jahrgang der Castelli Romani seine Aufmerksamkeit zuzuwenden und in den Zwischenpausen so manchen schönen Vers, manche wohlgebildete Prosa zu Papier zu bringen.

Hier im Abenthum also war der Beginn meiner noch bis heute währenden dritten Münchner Periode. Zwischen meinem zweiten Abschied von München und dieser jetzigen Rückkehr dorthin lag ein Zeitraum von sieben Jahren. Meine erste Münchner Periode war noch in das ausgehende und bereits von mancherlei tragischen Vorahnungen überschattete Zeitalter Ludwigs II. gefallen. Ich hatte noch mit eigenen Augen beobachten können, daß hinter dem vier- oder sechsspännig dahinrasenden Wagen des menschenfeindlichen Königs Männer und Frauen ihre Fäuste schüttelten und Drohrufe ausstießen. Es ist eine heute sehr verbreitete, aber der geschichtlichen Wahrheit nicht standhaltende Legende, der König sei in München außerordentlich beliebt gewesen. Das Gegenteil davon ist richtig. Ludwig II. ist in weiten Kreisen des Münchner Bürgertums geradezu verhaßt gewesen. Man feindete ihn besonders wegen der kostspieligen Bauten an, durch die das Land ruiniert werde, dann aber auch, weil er sich seit Jahren der Hauptstadt fernhielt, wodurch den Münchner Geschäftsleuten die großen, sonst für die königliche Hofhaltung ausgegebenen Summen entgingen.

Man sieht, schon im damaligen München hatte die Untertanenliebe ihren realen Hintergrund, aber auch deren Gegenteil. Erst der tragische Tod des Königs hat seine Verklärung über das alles gebreitet und läßt den Nachfahren Begebenheiten und Gefühle sentimentaler erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren.

Meine kurze zweite Münchner Periode war mit der Morgenröte des Prinzregentenzeitalters zusammengefallen. Es war eine von Nebeln und Wolken des Vorurteils, des Mißverständnisses verschleierte und verdüsterte Morgenröte gewesen. Feindliche Nachrede, finsterer Verdacht schlichen durch die Gassen, wisperten in den Stuben, an den Biertischen und schufen unsichtbare Mauern zwischen dem greisen Träger der Staatsgewalt und seinem Volk. Wie die Stimmung nun einmal war, hatte es auch nichts geholfen, daß der neue Herr mit streng betonter Legitimität sich jeder Handlung enthielt, die ihm als ein Trachten nach der Krone selbst hätte ausgelegt werden können. Der sie »von Gottes Gnaden« ein Menschenalter lang trug, Ludwigs jüngerer Bruder Otto, des Prinzregenten Neffe, saß als ein unheilbar Wahnsinniger im Schlößchen Fürstenried, dicht vor den Toren Münchens und dennoch weltenfern, ein lebendig Begrabener. Nur dunkle Nachrichten drangen aus seiner Gruft ans Licht, auch sie während dieser ersten Jahre dem Argwohn des Volks immer neue Nahrung zuführend.

Aber hier sollte es sich wieder einmal zeigen, was eine gerade aufrechte Persönlichkeit, ohne im geringsten genial zu sein, nur mit einem klaren, ehrlichen, nüchternen Wirklichkeitssinn ausgestattet und von einem unbeirrbaren Verantwortlichkeitsgefühl erfüllt, in ruhiger steter Arbeit, aller Mißgunst zum Trotz, allmählich auszurichten und für das Allgemeinwohl zu bedeuten vermag. Denn es ist ja im Leben der Völker meist nicht so, daß politische Bastionen schon im ersten Anlauf genommen und, selbst wenn dies einmal geschieht, dann lange behauptet werden können; sondern nur die planmäßige Arbeit auf lange Sicht kann in der Politik Dauer verbürgen. Wo auf den Tafeln der Geschichte erfolgreiche Staatsmänner verzeichnet stehen, sind es meist nicht die genialsten Naturen, sondern die nüchternen, sachlichen Arbeiter, deren Schaffen auch bei der Nachwelt Bestand hat. Genies auf den Thronen sind oft ein nicht ungefährliches Geschenk für ihre Völker, wie sich durch viele Beispiele, selbst durch das Napoleons, erweisen läßt. Auch das Schicksal Ludwigs II. ist ja warnendes Exempel genug. Nach den Erschütterungen dieser Königskatastrophe konnte Bayern kein größeres Glück widerfahren, als es ihm durch die ruhige, sachliche, nüchterne Persönlichkeit des alten Prinzregenten zuteil geworden ist.

Bis dies freilich die Münchner erkannten und schließlich das ganze Land es wußte, mußten Jahre vergehen. Ganz ähnlich wie seinerzeit in Preußen, als auf den genialischen Friedrich Wilhelm IV. sein so ganz andersgearteter Bruder Wilhelm, der nachmalige deutsche Kaiser, folgte. Auch er hatte ja eine Welt von Anfeindungen zu überwinden, bis endlich Erfolg und Popularität kamen. Überhaupt besteht eine merkwürdige Analogie zwischen den beiden Männern, dem älteren Hohenzollern und dem jüngeren Wittelsbacher, zwischen ihrem Charakter, ihrer Politik, ihrem Schicksal und sogar zwischen den ihrem Regierungsantritt vorausgehenden und ihn herbeiführenden Ereignissen. Denn beide gelangten zur Macht infolge geistiger Umnachtung ihrer Vorgänger, und ein sinnreiches Spiel des Geschicks hat gewollt, daß der Jüngere die politische Weltbühne betrat, als der Ältere grade im Begriff war, von ihr abzutreten, und jeder von ihnen beiden, einst als Volksfeind und Missetäter gescholten, endete, indem man ihn als den Vater des Vaterlandes pries.

Als ich in jenen Märztagen des Jahres 1895, von denen vorher die Rede war, nach München kam, war der Umschwung der öffentlichen Meinung hinsichtlich des Prinzregenten schon im vollen Gange. Jene Nebelschleier des Mißverständnisses, des Vorurteils waren gefallen. Die Sonne des goldenen Prinzregentenzeitalters war bereits hoch am Himmel emporgestiegen. Man hatte soeben den fünfundsiebzigsten Geburtstag des alten Herrn mit allen Zeichen offenkundiger Liebe und Verehrung gefeiert. Und doch, wer hätte ahnen wollen, daß sein achtzigster und nun gar sein neunzigster Geburtstag zu wahren Volksfesten werden würden!

Das München von 1895 war im großen und ganzen noch eine recht geruhsame und beschauliche Stadt. Die Bevölkerungszahl wird damals etwa 400.000 betragen haben, war somit der von Köln, Leipzig, Dresden und Breslau annähernd gleich. Aber in der Lebhaftigkeit des Verkehrs und der Betriebsamkeit seiner Einwohner stand das München jener Tage merklich hinter den eben genannten vier Großstädten zurück. Noch waltete über der breiten, akademisch eintönig wirkenden Ludwigstraße, über dem menschenleeren Odeonsplatz, über der stillen Residenzstraße und dem verträumten Max-Josefs-Platz die Atmosphäre der mittleren Residenzstadt aus einem politisch bereits überholten, menschlich aber noch immer lebendigen Zeitalter: jene Stimmung eines primitiven und anspruchslosen Behagens, für die das Wort von der königlich bayerischen Ruh' charakteristisch war.

Lebhafter schon, wenn auch immer noch würdig und gemächlich, wie es einer von der Scholle her, mit Bauernblut ständig sich erneuernden Bürgerschaft eingeboren war, vollzog sich der Verkehr der werdenden Großstadt am Marienplatz, in der Kaufinger-, der Neuhauserstraße, am Stachus bis zum Bahnhof, der natürlich noch nichts von der heutigen Verkehrsflut ahnen ließ, durch seine Ausmaße aber schon eine kommende Zeit vorwegnahm. Grade hierin, in dem Zuge des Vorwegnehmens, glaube ich eine besondere Eigentümlichkeit des älteren Münchens zu entdecken, wie sie anderwärts nicht so oder nicht im gleichen Maße zu beobachten ist. Mir will nämlich scheinen, als habe jenes ältere München, dessen Übergang zur Großstadt grade in jene Neunzigerjahre fällt, sozusagen auf Vorrat gebaut, weit über den jeweiligen Bedarf hinaus, in ahnungsvoller Voraussicht einmal kommender, vorläufig noch in nebelhafter Zukunft liegender Bedürfnisse.

Was war es nun eigentlich, was jenem damaligen München seinen ganz einzigen Reiz, seine besondere Anziehungskraft für so viele von uns Jüngeren verlieh? Nichts läßt sich so schwer in Worte fassen wie die besondere Atmosphäre einer Gegend, einer Stadt: lauter unkörperliche, flüchtige, enteilende Beziehungen zwischen den Dingen, im einzelnen nicht sichtbar, nicht greifbar, als Ganzes ein einmaliger, nichts anderem vergleichbarer Lebenskomplex. München – ich deutete es schon an – befand sich gerade damals in dem hochgespannten, energiegeladenen Zustand des Überganges von der geruhsamen, behaglichen Residenzstadt mittlerer Größe zu einer modernen Großstadt mit traditionellem Kunst- und neuerwachsendem Fremdenbetrieb. Und überall doch in den breiten marktähnlichen Straßen der Altstadt, in dem bachdurchzogenen Herbergengewimmel der Vorstädte guckte noch die Kleinstadt, guckte noch das Dorf in den neuen Aufbau der sich weitenden Großstadt. Das gab Brechungen, Kreuzungen, Überschneidungen von unerhörtem Reiz, perspektivische Durchblicke und Fernsichten, zumal unter italienisch blauem Föhnhimmel, die den unter kargerer Sonne Geborenen berauschten und entzückten.

Vielfältig wie die architektonische, so die menschliche Gliederung und Schichtung. Kein Oben und Unten wie im klassen- und standesbewußten Norden, sondern mehr ein lässiges, gefälliges Nebeneinander, augenzudrückendes Gehen- und Gewährenlassen, nur mit gelegentlichen Intervallen durch Berserkerausbrüche des in allem Phlegma angeborenen bajuwarischen Jähzorns. Mannigfaltigkeit, Farbigkeit, Sinnenfreude und nicht zuletzt Komik, wo das Auge verweilte. Nicht umsonst war München schon seit langem die Stadt der »Fliegenden Blätter«. So zog eins das andere nach sich, bildende Kunst die Dichtung, Dichtung die bildende Kunst.

Und noch ein ganz besonderer, ein ganz einziger Vorzug war dieser naiv und primitiv gastlichen Stadt zu eigen: Niemand von ihren maßgeblichen Häuptern und Größen in Kunst, Universität, Literatur kümmerte sich um uns jüngere Ankömmlinge und zum Teil doch schon ganz namhaft gewordene Mitglieder der Dichtergilde! Niemand wußte auch nur von unserer Existenz oder nahm wenigstens öffentlich von ihr Kenntnis. Nun um so besser für uns! War es nicht grade dies, was wir hier suchten, weswegen wir hergekommen waren: diese wundervolle Anonymität des Lebens und des Schaffens, im Gegensatz zu dem grellen Tageslicht etwa der Berliner Öffentlichkeit, vor dem wir die Flucht ergriffen hatten? Und dennoch ... o ewiger Widerspruch der Menschenseele mit sich selbst! ... dennoch reizte es uns doch wieder, gegen den Stachel zu lecken und als recht lebendige Hechte in den beschaulichen Münchner Literatur-Karpfenteich zu springen.

Es war für uns aus dem Norden Gekommene, in diesem Punkt weniger Anspruchslose nicht ganz leicht, eine uns zusagende Wohnung zu finden. Nicht etwa, weil keine vorhanden gewesen wäre, wie das in späterer Zeit, die vielen Jahre nach dem Krieg, der Fall war – im Gegenteil, es waren übergenug da –, sondern weil die meisten von ihnen sich in einem Zustand altväterlicher Ursprünglichkeit befanden, ohne Badezimmer, ohne Nebenräume und sonstige Bequemlichkeiten. Wir hatten zuerst in der Nymphenburgerstraße, für die ich wegen ihrer alten Alleebäume und schönen Vorgärten von jeher Vorliebe gehabt hatte, unser Glück versucht und wandten uns dann entschlossen dem eben erwachsenden Schwabing zu, um denn auch in der Giselastraße das Gesuchte zu finden. Ringsum war noch viel unbebautes Land. Zehn Jahre vorher hatte ich als Student so manchen »Ausflug« über diese kargen Wiesen und Schotterhalden zum Schwabinger Bach gemacht, wo eine Holzbrücke nach dem unteren Englischen Garten und zum Kleinhesselohersee führte. Der Englische Garten, der ja in der Biedermeierzeit sehr besucht gewesen sein soll, war damals nicht entfernt so in Mode, wie er es neuerdings wieder geworden ist – man möchte, wenn man dort manchmal die sich drängenden Menschenmassen sieht, beinahe ausrufen: leider geworden ist. Ein Spaziergang zum Aumeister galt bei dem sachteren und breiteren Lebenstempo von damals bereits als eine größere Unternehmung.

Das eigentliche Schwabing, im kommunalen Sinne noch nicht zu München gehörig, sondern ein eigenes Gemeinwesen von dörflich-vorstädtischem Charakter, begann erst an der Hermannstraße, die man heute als Hohenzollernstraße kennt, so daß wir Leute von der Giselastraße, der Kaulbach- und Königinstraße, eine Art von amphibischem Zwischengebilde zwischen den richtigen Münchnern und den richtigen Schwabingern darstellten. Ich sage: Wir Leute von der Giselastraße und Umgegend, denn ein beziehungsreicher Zufall (oder war es keiner? Was ist Zufall?) hatte es gefügt, daß hier im engsten Bezirk grade um diese Zeit eine Kolonie von Schriftstellern, Dichtern, Künstlern sich zusammengefunden hatte und bald auch in regen Verkehr miteinander trat.

Wenn man heute Geschrieben 1933-1934. außerhalb Münchens, aber vielfach auch in München selbst, vorwurfsvoll beklagt oder zu beklagen vorgibt, daß München nicht mehr wie einstmals der unerschöpfliche Ackerboden der bildenden oder schreibenden Künste sei, so scheint mir dies nur in bedingter Weise richtig zu sein. Auch noch heute gibt es in dieser wundervollen und kuriosen Stadt eine Reihe von bekannten Namen, auch manche in der Welt berühmte, die ihre Sache auf nichts als auf ihre Feder oder sonst auf eine Kunst gestellt haben, also im Sinne des bis vor kurzem noch die Zeit beherrschenden Merkantilismus und Amerikanismus eigentlich zu nichts nutze sind, jedenfalls nicht zum Geldverdienen. Was aber die heute aufsteigende oder sich eben in den Sattel setzende Münchner Schriftstellergeneration (die meisten natürlich keine Münchner) von unserem damaligen jüngeren Literaturgeschlecht nicht gerade zu ihrem Vorteil unterscheidet, das ist der in die Augen fallende Mangel an innerem Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl. Möglich, daß das ungeheure Erlebnis des Großen Krieges und seiner bald zwanzigjährigen Nachwirkungen vorerst noch mehr Verwirrung als Befruchtung über die Geister gebracht hat und daß im Hochofen dieses Zeitalters unerhörter Umwälzungen bereits das schlackenlose Erz eines neuen Geistes der Vollendung entgegenreift. Warten wir es ohne jene nervöse vielgeschäftige Hast ab, die der Todfeind alles wahren Schauens und damit auch aller wahren Kunst ist.

Schon an einem der ersten Abende nach meiner Ankunft in München hatte ich im engeren Kreise der Münchner Freunde angeregt, Theatervorstellungen eines gewissen programmatischen Charakters zu veranstalten und womöglich selbst in ihnen aufzutreten. Der Gedanke fiel auf fruchtbaren Boden. Es wurde unverzüglich ein Ausschuß gebildet, der das Unternehmen öffentlich vertreten und Einladungen verschicken sollte. Außer mir gehörten ihm an: Oskar Panizza, Josef Ruederer, Ludwig Scharf, Georg Schaumberg, Julius Schaumberger. Strindbergische Ideen hatten bei dem Kinde Pate gestanden. Strindbergs Einakter »Gläubiger« wurde zur Eröffnungsvorstellung gewählt. Die deutsch-ungarische Dichterin Juliane Déry übernahm die Schlange Thekla; Schaumberger, dessen Wesen das eigentlich sehr fern lag, den rachsüchtigen Gustav; ich, dessen Wesen dies vielleicht nicht minder fern war, den rückenmarkskranken Adolf.

In der eleganten Wohnung der Déry am Wittelsbacherplatz fanden die Proben und nachher auch die Aufführung statt. Juliane Déry war eine nicht gerade schön zu nennende, aber überaus rassige und temperamentvolle Frau von ungarischem Typus. Sie hatte, was man einen Cavallo-Kopf heißen könnte, den Kopf des Springers auf dem Schachbrett, und brachte in unsern Kreis einen Duft von Eleganz und mondänem Schick. In dem Buch ihrer Herzensgeschichte dürfte es manche kraus beschriebenen Blätter gegeben haben, aber niemand von uns allen hat damals vorausgeahnt, daß dieses leidenschaftliche Frauen- und Dichterinnenleben vier Jahre später tragisch enden sollte.

Am 29. April 1895 hat die Vorstellung der »Gläubiger« stattgefunden. Eine kleine Auslese der Münchner Gesellschaft war geladen und erschienen. Man erblickte auch das Löwenhaupt von Michael Georg Conrad darunter, der als der berufene Führer unserer jungen Generation natürlich nicht fehlen durfte. Einige Stuhlreihen waren im Zimmer aufgestellt. Dicht davor befand sich der Schauplatz der Handlung: keine Kulissen, kein Vorhang, nicht einmal ein Podium. Nur zwei Sessel. An der Hinterwand ein Teppich, hinter dem sich der Souffleur verbarg. Zunächst trat ich vor und sprach einige Sätze, um unsere theatralische Theorie – wie wäre es ohne eine solche abgegangen! – zu begründen. Dann spielten wir darauf los, dilettantisch wohl, aber mit dem Feuer und der Hingabe der Jugend, anderthalb Stunden ohne Pause – die »Gläubiger« sind ein langer Einakter – und besiegten das überraschte Publikum auf der ganzen Linie.

Noch eine andere tragische Persönlichkeit nahm außer der Déry an der Vorstellung teil. Es war der hilfreich verborgene Geist hinter dem Teppich, der uns die ersehnten Stichworte brachte. Oskar Panizza war es, der an diesem denkwürdigen Abend den Souffleur machte. Am nächsten Morgen um acht Uhr begann die Schwurgerichtsverhandlung gegen Panizza, wegen Veröffentlichung seines »Liebeskonzils«. Aus der Theatervorstellung – man kam in dieser Nacht kaum nach Hause – ging es beinahe direkt in den Schwurgerichtssaal, der uns allen wie ein zwar geräumiger, aber darum nicht minder furchtbarer Mörser vorkam. Und hoch oben an der Decke wuchtete als ein gewaltiger Koloß der Stößel des Gesetzes und senkte sich Stunde um Stunde tiefer und tiefer auf uns alle herab. Und als die Abendschatten hereinfielen, lag einer von uns zerbrochen unter dem Stößel. Oskar Panizza war zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Sein Leben hat sich an diesem Abend nach der tragischen Seite entschieden.

Der Erfolg der »Gläubiger« ermutigte uns, auf dem beschrittenen Wege weiterzugehen. War es vorher ein Zimmer mit ein paar unumgänglichen Requisiten gewesen, so sollte es jetzt eine Wiese sein, die den Schauplatz abgab. Die Wahl unseres Stückes war nämlich auf das Lustspiel »Leonce und Lena« von Georg Büchner gefallen, das bis dahin noch niemals aufgeführt worden und selbst in Literaturkreisen so gut wie unbekannt war. Ich hatte das Werk, wie Büchner überhaupt, in den Achtzigerjahren kennengelernt und mich an dem Feuerwein dieser schmerzlichsüßen, frühvollendeten Jugend berauscht. Die Freunde folgten der Anregung, die ich gab. Schon einen Monat nach den »Gläubigern«, am 31. Mai 1895, fand die Aufführung – die Uraufführung, wie man heute sagt – von »Leonce und Lena« statt. Gespielt wurde in dem damals noch außerhalb der Stadt gelegenen alten Park gegenüber dem Ungererbad, der dem Redakteur Holtz gehörte und uns bereitwillig von ihm zur Verfügung gestellt wurde.

Eine von Hecken im Halbkreis umschlossene Wiese war die Bühne. Die Hecken bildeten die natürlichen Kulissen. Ein nachher erschienener Zeitungsbericht, wonach wir Darsteller wie die »brünstigen Hirsche« aus den Kulissen – vielmehr Hecken – hervorgebrochen seien, war doch wohl stark übertrieben. Die Zuschauer, wiederum nur geladene Gäste aus der damaligen Münchner Gesellschaft, soweit sie an unsern Bestrebungen Anteil nahm, etwa vierzig bis fünfzig an der Zahl, gruppierten sich zwanglos auf der Festwiese vor dem Bühnenhalbrund. In einem Seitengebüsch war auf einem Schragen ein Faß Bier aufgelegt, um unsere Gäste in der Pause nicht verdursten zu lassen. So war denn nicht nur für die Kunst, sondern auf gut münchnerische Weise auch für die Kehle und für den Magen gesorgt, und unser Spiel konnte vonstatten gehen.

Die Regie führte Ernst von Wolzogen, der auch den König Peter vom Reiche Popo spielte. Seinen vor Weltschmerz und Langeweile vergehenden Sohn, den Prinzen Leonce, hatte ich selbst übernommen, was alle diejenigen wundern dürfte, die mich nicht mehr in meinem körperlichen Habitus vor vierzig Jahren gekannt haben, denn ich war damals – sehr im Gegensatz zu heute – ein schlanker, ja magerer junger Mensch, ohne den geringsten Fettansatz, so daß ich mich kaum selbst wiedererkenne, wenn ich auf den damaligen Aufnahmen den im Renaissancewams und fleischfarbenen Trikot steckenden Prinzen Leonce vom Reiche Popo vor mir sehe. Aber gehört dies nicht zu den ans Mystische grenzenden Erfahrungen aller altgewordenen Menschen von einiger Nachdenklichkeit, daß ihnen Zweifel an ihrer eigenen Identität und Realität kommen, wenn sie sich mit den Bildern ihrer Jugend vergleichen und sich im stillen die Frage vorlegen: War ich das wirklich einmal? Habe ich jemals so ausgesehen? Wie ist es möglich, daß ich einst ein solcher Mensch gewesen bin? ...

Von den andern Mitwirkenden seien noch Alice Stolzenberg, die in geistiger Umnachtung endete, Oskar Panizza, der dem gleichen Schicksal verfallen sollte, Wilhelm Hegeler, Eduard Fuchs, der Herausgeber der bekannten sittengeschichtlichen Werke, und Georg Schaumberg genannt. Dem vielfachen Szenenwechsel des Lustspiels, der auf das des Stückes unkundige Publikum leicht verwirrend wirken konnte, suchten wir dadurch zu begegnen, daß wir jedesmal einen Herold mit einer die Szene anzeigenden Tafel auftreten ließen. Ein paar von Schaumberg dazu gedichtete Verse erläuterten jeweils die szenische Situation. Mochte dies auch vielleicht dem Geiste des Büchnerschen Lustspiels zuwider sein (im strengsten Sinne genommen), so paßte es doch vortrefflich zu der uns Spieler beseelenden und bald auch das Wiesenpublikum mitfortreißenden guten Laune und Ausgelassenheit.

Diese erreichte auf und vor der Bühne ihren Höhepunkt, als mit der fortschreitenden Dämmerung des Maiabends sich herausstellte, daß wir an alles Mögliche gedacht hatten, nur nicht an die hereinbrechende Dunkelheit, kurz, daß für keine Bühnenbeleuchtung gesorgt war. Wir konnten zwar zu unserer Entschuldigung anführen, daß der Beginn der Vorstellung frühzeitig genug – ich glaube, auf sechs Uhr – von uns angesetzt worden war, wir also in Anbetracht des langen Frühsommertages und der Kürze des Stückes gar nicht erst mit einer etwaigen Dunkelheit zu rechnen brauchten. Aber was half uns das in diesem Augenblick! Das Publikum wollte, als es das Unheil merkte, sich ausschütten vor Lachen, wiewohl es im Grunde die Mitschuld daran trug, denn eben durch das verspätete Kommen unserer Besucher hatte sich der Beginn der Vorstellung über Gebühr verzögert. Was also tun? Unser Herold trat vor und kündigte – mehr ungereimt als gereimt – eine größere Spielpause an, während welcher dem Schaden abgeholfen werden sollte. Inzwischen möge das Publikum sich bei Bier und Brötchen im Dämmerlicht und Mondenschein auf der Festwiese gütlich tun.

Und so geschah's. Während auf der Wiese ein vergnügtes Treiben begann und die bunten Kostüme der Komödianten sich mit den hellen Sommerkleidern der Damenwelt vermischten, radelte einer der Jüngsten von uns, der lange, fadendünne Eduard Fuchs, angetan mit seinem Kostüm wie er war – er spielte einen der biedermeierlichen Gerichtsdiener –, nach dem nahen Schwabing, kaufte hier in einem grade noch offengehaltenen Geschäft die nötigen Kerzen und Lampions ein und jagte damit nach unserer Elfenwiese zurück. Noch keine halbe Stunde war vergangen, als bereits das matte Schleierlicht der Lampions Rasen und Hecken in Halbschatten tauchte, so mehr den Anschein einer Beleuchtung als diese selbst hervorrufend, und ein paar grelle, nicht allzurein klingende Trompetenstöße den Wiederbeginn des Spiels verkündeten. Unsere Sache war gerettet. Prinz Leonce vom Reiche Popo – es war so groß, daß man vom Residenzschloß aus einen Hund durch das Reich laufen sehen konnte – und Prinzessin Lena vom Reiche Pipi fanden sich zu guter Letzt durch allerlei Maskeraden und Herzensverwirrungen hindurch in einem gesegneten Liebes- und Ehebunde, und Valerio, der arme Teufel von Hofnarr, wurde Seine Exzellenz der Herr Staatsminister Valerio von Valeriental.

Ende gut, alles gut. Unser Publikum klatschte begeistert Beifall, wir Spieler und Spielerinnen aber lagen beglückt einander in den Armen, wobei scharfe Beobachter eine gewisse gleichmäßig verteilte Ungleichheit der Geschlechter bemerkt haben wollen. Dann trat alles den Heimweg durch die nächtlich dunkle, dazumal noch sehr ländliche, fast häuserlose Ungererstraße nach Schwabing an. Der Himmel hatte sich bezogen. Schweres Gewölk deckte ihn. Ein Gewitter zog herauf. Wir hatten es den ganzen schwülen Maientag über gefürchtet. Aber jetzt mochte es in Gottes Namen kommen. Als die ersten Tropfen fielen, nahm uns die Schwabinger Brauerei – damals noch Petuelsche oder Salvatorbrauerei geheißen – in ihre Pforten auf. Im Nu wurde der leerstehende Musikpavillon im Garten von uns besetzt, die mitgebrachten Instrumente spielten zum Tanz auf, und die Paare wirbelten im Walzerschritt herum, während nun vollends das Unwetter losbrach und wilde Donnerschläge des himmlischen Orchesters in unsere armselige irdische Musik hineinkrachten. Es war eine dionysische Nacht. Sie wird allen, die sie erlebten, unvergeßlich sein bis ans Ende.

Ich habe dieser Episode hier Raum gegeben, weil sie mir für den in unserem damaligen Kreise herrschenden Geist der Kameradschaft charakteristisch zu sein scheint. Und doch wäre es irrig, etwa meinen zu wollen, man habe es bei den einzelnen Mitgliedern des Kreises mit leicht zu behandelnden und zu bestimmenden Charakteren zu tun gehabt. Das gerade Gegenteil war der Fall. Jeder von ihnen fühlte sich als eine ganz ausgesprochene und durchaus einmalige Individualität und hatte gewiß auch ein Recht dazu, einerlei, ob das schließliche Lebensfazit der meisten von ihnen die hochgemuten Pläne und Erwartungen jener beschwingten jungen Tage gerechtfertigt hat oder nicht.

Unter den Persönlichkeiten, die dem Münchner literarischen Leben während der nächsten zwei Jahrzehnte ihren eigenen Stempel aufdrücken sollten, ist mit an erster Stelle Joseph Ruederer zu nennen. Sein Name stand auch unter jener Einladung, die wir zu den Vorstellungen unseres »Intimen Theaters« ausgehen ließen. Ich habe ihn dort bereits genannt. Schon hieraus geht hervor, daß wir ihn damals – ebenso wie er sich selbst – zu unserem engeren Kreise zählten. Ich erinnere mich, daß dies durch mich gekommen war, denn Ruederer hatte bis dahin keine Beziehungen zu diesem Kreise unterhalten, der sich ungefähr mit der Conradschen »Gesellschaft für modernes Leben« deckte. Ja, er hatte ihm im Grunde ablehnend gegenübergestanden.

Bei einem gelegentlichen Besuch in München, den ich von Kreuzlingen aus machte, hatte ich Ruederer kennengelernt. Wir hatten uns schnell gefunden. Ruederer konnte ein faszinierender Gesellschafter sein. Sein aktives, ja aggressives Wesen, sein nervöses, bewegliches, in Haß und Liebe, in Zustimmung und Ablehnung jäh aufflackerndes Temperament entzündete verwandte Stimmungen in mir selbst. Ruederer stand eigentlich in einer fortwährenden Opposition gegen jeden und jedes; nicht zuletzt auch gegen sich selbst. Nicht daß es ihm etwa an Selbstschätzung, an Selbstbewußtsein gefehlt hätte. Er besaß von dieser im geistigen Haushalt des Dichters, des Künstlers nun einmal unentbehrlichen Begleiterscheinung sogar eine recht beträchtliche Dosis. Aber er hatte auch Stunden und Tage, wo er mit sich selbst, mit seiner Sendung, Berufung haderte und mit böser Kritik eben das vernichtete, bei dessen Konzeption er noch tags zuvor alle Schöpferwonnen durchkostet hatte.

Durfte man sich wundern, daß derselbe Mann, der so über sein Schaffen zu Gericht saß und seine eben noch wie Heiligtümer gehegten Manuskripte wieder und wieder zerriß und fortwarf, auch an seiner Mit- und Umwelt unbarmherzig Kritik übte? Die ätzende Lauge seines Hohns ergoß sich besonders auch über seine teure Vaterstadt München, über dieses Monachum monachorum und dessen mannigfache Eigenheiten und Wunderlichkeiten. Es war eine schier unerschöpfliche Fundgrube für seine gallige, beißende Satire, der er ja auch in seiner vielbeachteten Schrift über München literarischen Ausdruck gegeben hat. Sie liest sich wie eine einzige Anklage gegen die trotz allem wunderschöne Stadt, und man sollte meinen, der Verfasser müsse München von Grund seines Herzens gehaßt haben. Aber nichts wäre falscher. Auch hier traf das Wort zu, daß gekränkte Liebe sein ganzer Schmerz oder Spott war. Ruederer war von einem unbändigen Ehrgeiz erfüllt, der sich durch die ihm in München eingeräumten Wirkungsmöglichkeiten nicht befriedigt fühlte, seiner ganzen Natur nach wohl überhaupt dazu verurteilt war, unbefriedigt zu bleiben. Das Schicksal hatte es in materieller Hinsicht sehr gut mit ihm gemeint. Aus reichem Hause stammend, konnte er ein unabhängiges Leben führen und allen seinen literarischen und künstlerischen Neigungen nachgehen, wenn auch gelegentliche Mißhelligkeiten mit seiner sehr praktisch denkenden Familie nicht ausblieben.

War es nicht begreiflich, daß es einem Mann von so brennendem literarischen und gesellschaftlichen Ehrgeiz in der zumeist noch sehr bürgerlichen Enge des damaligen Münchens oft beinahe den Atem benahm? Daß es ihm unerträglich erscheinen mußte, dauernd im Hintergrunde stehen zu sollen, während ihn doch seine Begabung und seine angeborene Aktivität unablässig dazu trieben, in den öffentlichen Dingen, vor allem soweit Theater, Kunst, Literatur, aber auch die städtische Weiterentwicklung, in Frage kamen, ein entscheidendes Wort mitzusprechen? Es ist die Tragik – die vielfach nicht ganz unverschuldete Tragik – dieses Lebens gewesen, daß alle darin sichtbaren Ansätze nach den verschiedenen Richtungen hin, abgesehen von der dichterischen Leistung, unfruchtbar, einseitig kritisch und negativ geblieben sind. Und selbst die dichterische Leistung, wenn man alles in allem nimmt, beschränkt sich auf die beiden Komödien »Fahnenweihe« und »Lola Montez«, die in ihrer Wirkung eigentlich immer an München und dessen näheren Umkreis, also an ein bajuwarisches Publikum, gebunden geblieben sind, und auf den schönen, nur etwas ausgesponnenen Erzählerband »Tragikomödien«, an denen Corinths Meisterhand ihre ersten graphischen Versuche gemacht hat. So ist für die Nachwelt der Eindruck dieser merkwürdigen und fesselnden Erscheinung und ihres Werkes der des Torsohaften, des Unvollendeten, des großen Wollens, dem durch Schuld eigener innerer Hemmungen – unglücklicher Gestirne, wenn man will – die letzte Gnade des Vollbringens versagt geblieben ist.

Ruederer selbst hat ohne Zweifel in hellsichtigen Stunden ein mehr oder minder starkes Gefühl von dieser über seinem Leben waltenden Tragik gehabt. Er verfiel dann, wie wenn er es damit verscheuchen wollte, nicht selten in eine lärmende Lustigkeit, die für viele etwas Fortreißendes hatte, aber doch nicht immer ganz echt klang und Feinfühligeren manchmal auf die Nerven ging. Mußte sich um eine solche Persönlichkeit nicht bald eine Gefolgschaft, ein Anhängerkreis, ein Konventikel bilden? Die Münchner Luft scheint überhaupt das Aufkommen von solchen Cliquen und Konventikeln, von literarischen und künstlerischen Gruppen und Grüppchen sehr zu begünstigen, was denjenigen nicht wundernehmen kann, der da weiß, daß die Hauptform der Münchner Geselligkeit der Stammtisch ist. Und was sind denn jene Grüppchen und Konventikel anderes als eben der in eine höhere geistige Sphäre erhobene Stammtisch? Mir will scheinen, als sei gerade damals, in jener gärenden, brodelnden Werdezeit vor vierzig Jahren, München besonders reich an solchen künstlerisch-geselligen Zirkeln und Zwergbildungen gewesen.

So wurde Josef Ruederer bald ganz von selbst der Kristallisationspunkt eines Kreises von jungen Literaten, Malern, Musikern und allerlei sonstigem geistig bewegten Jungvolk. Die Gruppe nannte sich die »Nebenregierung«, was ja schon eine bewußte Oppositionsstellung zu einer sonst noch vorhandenen Hauptregierung andeuten sollte. Hiermit waren einesteils die »Gesellschaft für modernes Leben« und ihr Führer Michael Georg Conrad, andernteils die sehr tonangebenden gesellschaftlichen Kreise um Lenbach, F.A. von Kaulbach, Gabriel von Seidl und Paul Heyse gemeint. Sicher war auch hier bei Ruederer viel unbefriedigter Ehrgeiz mit im Spiel, der in der »Nebenregierung« Entladung suchte. Wesentlich war es, daß die Mitglieder des Kreises nicht nur äußerlich einen Verein, einen Verband, eine Gesellschaft zur Förderung irgendwelcher literarischen, künstlerischen oder gesellschaftlichen Zwecke bildeten, sondern sich durch eine wenn auch unausgesprochene Losung auch innerlich untereinander verbunden fühlten. Diese uneingestandene Oppositionsstellung der »Nebenregierung«, ihr (sozusagen) geheimbündlerischer Charakter verliehen ihr, wie das in der Natur solcher Bünde liegt, eine über die übliche Vereinswirkung weit hinausgehende Stoßkraft und machten sie für die nächsten Jahre literarisch und künstlerisch ausschlaggebend in München. Die »Gesellschaft für modernes Leben« begann mehr und mehr in den Hintergrund zu treten. Ruederer hatte in dieser Beziehung sein Ziel erreicht.

Auch ich habe längere Zeit der »Nebenregierung« angehört und viel Anregung aus diesen Abenden geschöpft. Es waren die Jahre meiner engen freundschaftlichen Beziehungen zu Josef Ruederer. Ich gedenke ihrer heute, wo dies alles der Vergangenheit angehört, gern und ohne den bitteren Nachgeschmack, der ja dem Ende jeder Freundschaft anzuhaften pflegt. Auch er ist mir längst entschwunden, soviel Grund ich auch einst dazu gehabt habe.

In der »Nebenregierung« fanden regelmäßige literarische Abende statt, an denen aus eigenen Werken vorgelesen wurde. Fast alles oder das meiste, was in jenen Jahren Erzählendes oder Dramatisches in unserem Kreise entstand, ist in der »Nebenregierung« zuerst an die Öffentlichkeit getreten, wenn sie einstweilen auch nur begrenzt war. Jeder trug natürlich seine Sache am liebsten selbst vor, so daß das Zuhören nicht immer eine reine Freude war. Denn Dichter sind oft nicht gerade die besten Dolmetscher ihrer Werke, so charakteristisch die Art des Vortrages meist auch für sie selbst ist. Ich habe von meinen damals entstandenen Sachen Teile aus der Komödie »Lebenswende«, die Novelle »Frau Meseck« sowie mein Drama »Mutter Erde« vorgelesen.

Dieser Mutter-Erde-Abend ist mir als ein im Grunde mißglückter in Erinnerung geblieben. Ich las das Stück in seiner Urform, die noch sehr ins Breite ging, nichts von der späteren gestrafften Bühnenfassung hatte. Eigentlich war es ja der Zweck dieser Abende (man hätte sie auch Übungsabende nennen können), die Wirkung des Geschriebenen auf die Hörerschaft auszuprobieren und Längen, notwendige Striche zu erkennen, denn nur so konnte ja aus dem gärenden Most ein Wein werden. Aber nicht jeder ist Liebhaber von literarischem Most; er geht denen, die ihn vorgesetzt bekommen, leicht auf die Nerven. So geschah es auch an jenem Abend in der »Nebenregierung«. Meine Vorlesung dauerte stundenlang, und zum Schluß konnte man ruhig von einem Abfall reden. Ein halbes Jahr später fand das gleiche Stück in seiner gekürzten und gestrafften Form, die ich zum Teil auch jener Vorlesung verdankte, im Berliner Deutschen Theater eine glänzende Aufnahme.

Jener Abend hat auch in meinem Verhältnis zu Ruederer eine gewisse Rolle gespielt, indem er so etwas wie der Anfang vom Ende unserer Freundschaft gewesen ist. Ich glaubte nämlich in Ruederers ganzem Verhalten während und nach der Vorlesung sehr spürbare Anzeichen von literarischer Eifersucht zu entdecken, die sogar so weit ging, gegen mich und meine Arbeit über unsern geschlossenen Kreis hinaus Stimmung zu machen. Dies erfuhr ich natürlich erst nach und nach, aber ich erfuhr es eben, wie man ja alles erfährt, was in Kollegenkreisen und von lieben Freunden gegen einen gesagt wird. In meinem damaligen äußerst empfänglichen Gemütszustand nahm ich diese Redereien auch tragischer, als sie vielleicht gemeint waren, und so wurde es eben, wie ich sagte, der Anfang vom Ende zwischen uns, wenn auch äußerlich noch jahrelang alles beim alten zu bleiben schien.

Unter den vielen bewegten Abenden der »Nebenregierung« wohl der bewegteste war jener, an dem Frank Wedekind uns sein »Sonnenspektrum« im Café »Minerva«, gegenüber der Akademie, vorlas oder, um es richtiger zu bezeichnen, an den Kopf schleuderte. Es wird im Frühjahr 1896 gewesen sein, denn damals war Wedekind, von Paris kommend, wieder einmal in München aufgetaucht. Sein Name, schon dazumal alle Geister des Widerspruchs entfesselnd, hatte den ganzen Heerbann der »Nebenregierung« auf den Plan gerufen. Dicht gedrängt saß die Gemeinde in dem engen Nebenzimmer des Boheme-Cafés. Von bekannten Namen erinnere ich mich an Wilhelm Hegeler, Karl Strathmann, Otto Eckmann, Lovis Corinth. Natürlich war auch Ruederer an der Spitze der Seinen erschienen. Er liebte Wedekind durchaus nicht, hatte ihm aber – ob mit, ob ohne Hintergedanken – den Abend für die Vorlesung eingeräumt.

Schon der Stoff des Stückes erregte ironische Heiterkeit bei der großen Mehrheit der Anwesenden. Es spielt – »bekanntlich« kann man wohl nicht sagen – in einem Bordell. Allerdings in einem stark idealisierten Bordell, wie dies ja auch der damaligen Gedankenwelt Wedekinds am besten entsprach. Die hübschen Insassinnen des gastfreundlichen Pensionats – blond, braun, schwarz, hell, dunkel, Weiße und Negerinnen – bilden zusammen eine Art von Sonnenspektrum. Daher der Titel des Stückes. Der Held, eine Wedekindsche Abenteurergestalt, wird der Reihe nach herumgereicht, kostet sich durch das ganze Sonnenspektrum hindurch. (Ich gebe hier den Inhalt wieder, wie ich ihn von damals in Erinnerung habe; es mag einiges ungenau sein. Gelesen habe ich das Stück nie.)

Schon bald nach den ersten Sätzen des Wedekindschen Dialogs knisterte heimliches Gekicher und Gelächter in den hinteren Reihen, schnell nach vorne gegen den eigentlichen Brennpunkt des Abends, den mit höchstem pathetischen Ernst vortragenden Dichter, sich fortsetzend. Nicht lange, so prasselten Lachsalven durch die Rauchschwaden des Lokals. Die Eigentümlichkeit des Wedekindschen Dialogs – eine sehr bewußte und berechnete Eigentümlichkeit – besteht darin, daß die Personen in einer geradezu aufreizenden Weise aneinander vorbeireden, keiner auf den Gedanken des andern reagiert, als sprächen sie nicht dieselbe Sprache, wären vielmehr von den verschiedensten Weltkörpern auf diesen kleinen, windigen Planeten heruntergeschneit und keiner wüßte vom andern, warum und wozu. Diese höchst raffinierte Technik, mit der Wedekind einer der Ahnherren des Expressionismus geworden ist, ruft in ihrer bewußten und unausgesetzten Verwendung das hervor, was ich einen fortwährenden »dramatischen Kurzschluß« nennen möchte. Bekanntlich gibt es bei Kurzschluß einen kurzen Blitz und Knall, worauf Dunkelheit eintritt. Auch im Wedekindschen Dialog blitzt es und knallt es infolge der unausgesetzten Verwendung dieses Kunstmittels eigentlich immerfort, und auch an häufiger Dunkelheit fehlt es nicht.

Im Grunde eine ausgesprochene Komödienwirkung. Richtiger noch die der Groteske, womit man der innersten Natur des Wedekindschen Dichtens ja auch am nächsten kommt. Jene Lachsalven um den feierlich weiterlesenden Dichter herum – und eben hierdurch noch bis zur Zwerchfellerschütterung gesteigert – waren daher nicht einmal so fehl am Platz. Der Trugschluß auf beiden Seiten, beim Dichter und bei seinen wiehernden, brüllenden, hopsenden Zuhörern (nur wenige machten eine Ausnahme davon) lag nur darin, daß jeder – Dichter und Hörer – auf eine steifleinene und darum unermeßlich komische Weise das Gelesene ernst nahm und sich einbildete, der eigentlich Lächerliche sei der andere. Das Ende vom Lied war, daß Wedekind wutentbrannt das Manuskript auf den Tisch warf und sich mit einer einladenden Grimasse im Sinne Götzens von Berlichingen empfahl. Ich sah Lovis Corinth halb unter dem Tisch liegen und beinahe vor Lachen bersten.

Im Zuge der damaligen Abwanderung schriftstellerischer und künstlerischer Persönlichkeiten von Berlin nach München hatte auch der reichbegabte Ernst von Wolzogen – man könnte ihn einen literarischen Tausendkünstler nennen – seinen Wohnsitz hierher verlegt. Selbstverständlich nach Schwabing, wo er sich in der sehr stillen, halb ländlichen Werneckstraße ein geräumiges Familienhaus mit schönem Garten kaufte. In der Werneckstraße lebt noch heute – und um wieviel mehr damals! – der Geist des alten, dörflichen, sonst meist schon versunkenen Schwabings. Krankenanstalten und stillen Familienhäusern lagen alte, damals beinahe verwilderte Gärten und Parks gegenüber, in denen sich Schlößchen aus dem achtzehnten Jahrhundert, nicht ohne galante Vergangenheit, vor der soviel prosaischeren Gegenwart halb zu verstecken suchten. Einer dieser verwunschenen Gärten hat auch in meinem Leben mitgespielt, indem ich unter seinen flüsternden Wipfeln aus dem achtzehnten Jahrhundert eine meiner bekanntesten Erzählungen, den »Frühlingsgarten«, niedergeschrieben habe. Dies war im Jahre 1909, wovon später noch die Rede sein wird.

Das Wolzogensche Haus an der Werneckstraße wurde für eine Reihe von Jahren einer der gesellschaftlichen Treffpunkte des literarischen Münchens. Die Frau des Hauses, Cläre von Wolzogen, eine schöne, repräsentative Erscheinung, in hochblonder Vollreife des Weibtums, teilte mit ihrem Gatten das Bestreben, alles, was einen Namen hatte, zu ihren literarischen Tees zu ziehen. Von den Persönlichkeiten, denen man dort zu begegnen pflegte, seien unter so manchen anderen, deren Namen verweht sind, der witzige, anekdotenreiche Max Bernstein, Münchens gesuchtester und berühmtester Verteidiger, und seine Gattin Elsa Rosmer, die Verfasserin der von Humperdinck vertonten »Königskinder« und einiger anderer, heute nicht mehr gespielten, aus dem Naturalismus geborenen Schauspiele, genannt. Auch die jetzt Geschrieben 1934. fünfundsiebzigjährige Gabriele Reuter, damals noch eine Stürmerin gegen allzu bürgerliche Enge, gegen die Hürden eines philisterhaften Moralbegriffs, und Helene Böhlau, die Weimarer Apothekerstochter, die nicht nur durch die frische Fabulierkunst ihrer Romane, sondern auch durch ihre romantische Ehe mit dem zum Islam übergetretenen deutschen Privatgelehrten Raschid-Bei viel von sich reden machte, waren ständige Gäste bei diesen Tees. Nicht zu vergessen Grete Olden, die nachmalige und vorherige Grete von Schönthan und als solche Mitverfasserin des unverwüstlichen Schwanks »Der Raub der Sabinerinnen«.

Natürlich herrschte auch hier, wie bei allen ähnlichen Gelegenheiten, das weibliche Element vor. Es wurde viel obenhin ästhetisiert, Kluges und Törichtes über Literatur und verwandte Dinge zum besten gegeben und, wie sich von selbst versteht, eine über sachliche Hemmungen sich kühn hinwegsetzende künstlerische Personalpolitik getrieben. Meiner Natur ist dieser lauwarme ästhetische Teebetrieb nie recht gemäß gewesen. Jede dort verbrachte halbe Stunde erschien mir, in Anbetracht der Kürze des Lebens, wie eine rechte Zeitverschwendung. Grade damals kamen diese Tees in München erst auf; in Berlin waren sie schon längst in Mode gewesen. Es regnete für uns frisch nach München Gekommene zuerst Einladungen. Wir gingen ein paarmal hin, zu Wolzogens und in andere Häuser, blieben dann allmählich weg, da auch meine Frau wenig dafür übrig hatte.

Es war sicher nicht sehr zweckmäßig, denn in diesen Damentees, bei denen auch immer ein paar literarische Snobs erschienen und das große Wort führten, ist ohne Zweifel ein gut Teil öffentlicher Meinung in literarischen Fragen gemacht worden. Wer also bei dieser Literaturbörse nicht mittat, lief Gefahr, daß er ins Hintertreffen geriet und Einbuße an seinem Kredit erlitt. Ich habe mich dieser Einsicht durchaus nicht verschlossen und weiß – wußte oder fühlte schon damals –, daß jene gewisse Abminderung meiner durch den »Jugend»-Erfolg mir zugefallenen literarischen Stellung vielleicht zu allererst auf meine Gegnerschaft gegen jede Art ästhetischen Snobtums, auf diese bewußte Abkehr von der Taktik des gegenseitigen Sichhochlobens zurückzuführen ist. Aber ich war nun einmal hartnäckig und hatte meinen Kopf für mich.

Es kam noch etwas anderes hinzu. Stets hat in schöngeistigen Epochen, wie auch jenes Zeitalter – sehr im Gegensatz zu dem unseren – eine war, die Frau den eigentlichen literarischen Lorbeer verteilt. So war es im Italien der Renaissance. Man denke nur an Isabella d'Este, die Herzogin von Mantua, und an Lukretia Borgia, Alexanders VI. Tochter, die Herzogin von Ferrara, aus deren Händen Bembo und Ariost ihren Lorbeer empfingen. So war es dreihundert Jahre später in Weimar. Namen wie der der Herzogin Anna Amalia und der Frau von Stein sagen genug. So war es auch in jener schöngeistigen Zeit meiner Jugend, abermals ein Jahrhundert später; immer ist die Dichterkrönung Sache der Frau gewesen. Nur kommt es sehr auf die Frau dabei an. Auf die Geistes- und Gemütsverfassung des jeweiligen Frauengeschlechtes. Der herrschende Typus jener Frauengeneration der Neunzigerjahre, jedenfalls derjenige, der in der Öffentlichkeit mitredete, war die Frauenrechtlerin, die Emanzipierte. Ihr also mußte gefallen, was literarisch mitzählen wollte. Gehirn- und Zwitterwesen etwa vom Schlage der Jüdin Anita Augspurg gaben in jenen ästhetischen Damenzirkeln den Ton an. Mußte nicht so manches von ihrer greulichen Instinkt- und Triebverlassenheit sich auch auf die Literatur, auf die Dichtung, überhaupt auf das geistige Leben der Zeit übertragen?

Eben damals erstand der Typus des Intellektuellen, der an sich ja natürlich nicht neu war, aber im modischen Zeitgewand des Fin de siècle, mit der geblümten Biedermeierweste und der ausladenden Plastronkrawatte, doch eine besondere, geistesgeschichtlich bedeutsame Spezies darstellte. Er hat bis weit in das neue Jahrhundert, ja sogar bis zu unserer heutigen Zeitwende geherrscht, wenn auch die äußere Aufmachung sich inzwischen sehr verändert hatte. Kein Zweifel, daß sein Erscheinen eine der Folgen der Frauenemanzipation gewesen und entscheidend durch sie mitbedingt worden ist. Ja wenn man boshaft sein wollte, so könnte man mit einem Bild aus dem zweiten Teil des »Faust« sagen, der Intellektuelle sei ähnlich so das Produkt der Frauenrechtlerei gewesen, wie der Homunkulus das des Wagner, der ihn bekanntlich in seiner Retorte erzeugte.

Die Emanzipierte und der Intellektuelle: ein Paar, das sich gesucht und gefunden hatte. Der buntseidenen Modeweste auf der männlichen Seite entsprach in einer bemerkenswerten Umkehrung der Geschlechtsmerkmale das schmucklose, puritanische Hängekleid auf der weiblichen. Hier Vermännlichung. Dort Verweiblichung. Die Umkehrung hat noch bis in die Gegenwart fortgewirkt. Eben damals kam zum sackförmigen Hängekleid auch die Botticelli-Frisur in Mode. Einige Jahre schwor weiblicherseits alles auf sie, was zur Fahne der Moderne hielt. Hand in Hand damit ging auf künstlerischem, auf malerischem Gebiet ein Kultus der Frührenaissance, von Erscheinungen wie Botticelli, Mantegna, Donatello, eine Art von Praeraphaelitentum, mit dem das Jahrhundert zu Ende ging, wie es mit ihm begonnen hatte. Und schon kündigten auch in den literarischen Bezirken die Zeichen der Zeit einen Wetterumschlag an: Überwindung des Naturalismus. An seiner Stelle Neuromantik und Symbolismus. So hieß die neue Parole.

Das Bild dieser von Intellektuellen und Emanzipierten männlichen und weiblichen Geschlechts beherrschten Geistesepoche würde nicht vollständig sein, wenn hier nicht auch einer tänzerischen Zeiterscheinung gedacht würde, die damals Deutschland und bald auch die übrige Welt in einen Begeisterungstaumel versetzte. Es war die Amerikanerin Isadora Duncan mit ihrer Tanztruppe schmalhüftiger, knabenhafter Girls. Sie verhalf mit ihren leidenschaftlich beklatschten Darbietungen dem vermännlichten amerikanischen Frauenideal erst zum vollen Durchbruch und endgültigen Siege in Deutschland. Denn da sie ja aus dem Auslande, noch dazu aus den schon damals Vorbild gewordenen Vereinigten Staaten kam, so mußte doch für den braven deutschen Spießer aller Klassen und Stände etwas dahinterstecken. Jedenfalls konnte man nicht behaupten, daß es »nicht weit her mit ihr war«: jenes charakteristische deutsche Sprichwort, das von unserm alten Erbübel, der Ausländerei, deutlicheres Zeugnis ablegt als lange Abhandlungen.

Ich selbst habe nie begreifen können, was für einen Narren alle Welt plötzlich an diesem tanzenden Feldwebel gefressen hatte. War es, weil sie als erste barfuß tanzte? (Ein Verdienst, das immerhin anzuerkennen, wären es nur – man verzeihe! – andere Füße gewesen.) War es, weil sie nach griechischen Vasenbildern, sozusagen also griechische Bildung tanzte? Wahrscheinlich war hier des Pudels Kern. Denn wenn jemand dem Deutschen erzählt, daß er ihm Bildung vermittelt, so hat er schon halb gewonnenes Spiel. Die gewitzte Amerikanerin wußte, wie man uns kommen muß, und aus dem deutschen Erfolg wurde schließlich ein Welterfolg. Zehn Jahre später kümmerte sich kein Mensch mehr um ihre Reklamekunst. Erst ihr tragisches Ende vor einigen Jahren hat sie der Welt wieder in Erinnerung gebracht. Es war das Ende einer Verschollenen.

Ich habe bei diesen verschiedenen Zeitströmungen etwas länger verweilt, weil sie natürlich auch an mir selbst nicht spurlos vorübergingen und meine Entwicklung maßgebend beeinflußt haben, wenn auch meist im Sinne heftigen Widerspruchs und bewußter Ablehnung. Ich erinnere mich, daß gerade dieser ganze Fragenkomplex und meine vorwiegend negative Reaktion darauf gleichbedeutend gewesen ist mit einer tief eingreifenden Zäsur, mit einem Abschnitt meiner damaligen Weltanschauung und Geistesverfassung überhaupt. Denn zum erstenmal wurde mir klar bewußt, was ich bis dahin nur dunkel gefühlt, ja wovon ich manchmal sogar das Gegenteil geglaubt hatte: daß mein Weg ein anderer sei als der Weg der die zeitgenössische Literatur beherrschenden Intellektuellen, daß eine tiefe Kluft zwischen ihrer Welt und meiner Welt sei und ich schon auf meine eigne Weise müsse selig zu werden suchen, möge mir dies nun gelingen oder nicht. Der damals sich anbahnende Umschwung alles meines Fühlens und Denkens sollte für meinen ganzen nachmaligen Lebensweg, für meine gesamte literarische Laufbahn von entscheidender Bedeutung werden. Ihm habe ich es zuzuschreiben, daß die maßgebende zeitgenössische Kritik, auch in den Literaturgeschichten, die mich bis dahin als eine Hoffnung begrüßt hatte, allmählich – wenn auch zunächst kaum merkbar – von mir abzurücken begann und zuletzt am liebsten mich gänzlich totgeschwiegen hätte, wenn dies möglich gewesen wäre. Aber niemand entgeht seinem Schicksal. So auch ich nicht dem meinen, das mich nun einmal zwang, auf meinem dem herrschenden Intellektualismus stracks zuwiderlaufenden Wege fortzufahren bis ans Ende.

So beschaffen und vorbereitet war der geistige Ackerboden, aus dem mir im Winter 1896/97 mein Drama »Mutter Erde« erwachsen sollte. Jedoch wie immer in meinem Leben, mußte erst ein äußeres Ereignis hinzukommen, das die eigentliche Keimzelle in diesen Boden senkte. Im Spätjahr 1895 mußte ich eine Fahrt in die Heimat antreten. Ich hatte mein Vaterhaus zwei Jahre nicht gesehen. Was war nicht alles an inneren und äußeren Stürmen seitdem über mich hinweggegangen! Kraus und bunt – ein nicht durchweg erquicklicher Bilderbogen – entrollte es sich vor dem zurückgewandten Auge, während der Wagen mich von dem verschlafenen Nachtschnellzug fort in die zögernde Dämmerung des frostkalten Novembertages trug. Die Bilanz einer erstmaligen Lebenswende – des soeben vollendeten dreißigsten Jahres –, in diesen Monaten wieder und wieder bedacht, eröffnete sich von neuem. Städte, Länder, Menschen, Schicksale versanken mit der weichenden Nacht hinter den dahinrollenden Rädern. Hier war die heimatliche Scholle, die das Kind, den Knaben, den Jüngling gehegt, genährt, befruchtet hatte. Noch ehe Acker und Flur, Baum und Haus in der grauen Frühe sich dem tastenden Auge zu eigen gaben, hatte das innere Gesicht sie ahnend umfangen, liebend sich anvermählt.

War nicht von hier der Werdende einstmals ausgezogen und hatte sich zugeschworen, daß nichts ihn mehr mit dieser Sphäre verbinden, nichts ihn fürderhin in die Heimat zurückführen solle? War das nicht viele Jahre her? Ein gutes Stück Menschenleben, in dieser Jahre Rahmen gespannt?

Die Welt hatte eine halbe Achsendrehung vollführt. Aus Tag war Nacht, aus Abend Morgen geworden. Der Dreißigjährige, zum Mann Erwachsene, fuhr nun doch diese Straße zurück, den verbotenen Weg seiner Jugend. Warum schäumte sein Blut nicht wie ehedem von Kampf, Haß, Trotz, Auflehnung? Was war das für ein unerklärliches Weh, das ihn die Brust zuschnürte? Am Ende gar Heimweh? Enttäuschung? Resignation? Gestorbene oder totgeborene Hoffnungen? Ein Gestrandeter, den die Woge an den Strand rollte? Nach den Städten, den Ländern, nach der Vielheit der Menschen und Schicksale die Einsamkeit und die große Stille ... Nach den tausend Gesichtern das eine urewige Angesicht: Mutter Erde!

Es sollte noch ein volles Jahr verstreichen, ehe der in den Schoß jener Herbstfrühe gebettete Keim sich zu Form und Bild entfaltete. An einem Morgen im November 1896 präsentierte sich mir in einer unmittelbaren jähen Intuition die fast fertige Handlung des Dramas »Mutter Erde«. Der szenische Entwurf wurde sofort wie nach einem inneren Diktat zu Papier gebracht. Anfangs Dezember konnte ich an die Ausarbeitung gehen. Die erste Szene rundete sich in Tutzing, während gerade der Föhn Himmel, See und Gebirge mit seinem flammenden Malerpinsel verzauberte. Den Hauptteil schrieb ich zu Weihnachten und um die Jahreswende in München, die beiden letzten Akte im tiefsten Inntaler Winter Kufsteins. Ende Januar 1897 war das Drama fertig. Am 18. September 1897 hat es Otto Brahm im Deutschen Theater zum erstenmal aufgeführt.

Der Theaterzettel dieses Abends ist merkwürdig, weil nicht nur die Hauptrollen von den ersten Namen der naturalistischen Bühnenkunst getragen wurden (Else Lehmann, Rudolf Rittner, Hermann Müller, Paul Biensfeld), sondern auch die kleineren und kleinsten Partien Darstellern anvertraut waren, die bald die Führer einer neuen Schauspielergeneration werden sollten. Der nachmals berühmteste von ihnen war Max Reinhardt, der den Fabrikdirektor Mertens verkörperte. Der Abend wurde zu einem der reinsten und schönsten Erfolge meiner Laufbahn.

Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich »Mutter Erde« als einen Mittelpunkt meines frühzeitigen Schaffens ansehe. Heimatkunst! Das Schlagwort war eben damals geprägt worden. In seiner Einseitigkeit glaube ich es für mich ablehnen zu müssen. Auch für »Mutter Erde«. Dieses Drama wurzelt nicht so sehr in einem einheitlichen Heimatsgefühl wie in einem von Gegensätzen, von Konflikten durchwühlten Boden. Großstadt und Land. Erdgebundenheit und Entwurzeltsein. Dekadenz und Ungeschlachtheit. Frauenrecht und Weibtum. Deutsches und polnisches Wesen. Warum sollte in diesem Chor gegeneinanderringender Stimmen nicht auch das Kinderlied der Heimat gleich einer alten Geige mitklingen? Vielleicht war es hierfür nicht ohne Bedeutung, daß die Schauplätze des Werkes selbst und der Arbeit an dem Werk so weit voneinander getrennt waren. Je ferner dem in der Schneeinsamkeit des tirolischen Winters Schaffenden das nordische Heimatland entrückt war, desto luftiger und kühner wölbte sich die Sehnsuchtsbrücke der Phantasie zwischen dort und hier.

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