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Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 7
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
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5.

Am 23. April 1894 zogen wir in unser neues Heim auf dem Geisberg bei Kreuzlingen ein. Ich sehe noch den weichen silbrigen Ton des verschleierten Frühlingstages und das weiße, vom zartesten Rosa und Lila überhauchte Blütenmeer, in das unsere Augen hinabtauchten, als wir zum erstenmal an den offenen Fenstern unseres Hauses standen und des zu unsern Füßen sich breitenden Gestades ansichtig wurden. Welch ein Gefühl unendlichen Glücks und unstillbarer Sehnsucht zugleich! Konnten wir ahnen, daß in weniger als Jahresfrist unseres Bleibens hier ein Ende sein werde? Und vor einem Jahr? War es nicht ein merkwürdiger und sinnreicher Zufall, daß grade an diesem Tage sich das Datum meiner Berliner »Jugend«-Premiere jährte, die mich ans Licht gehoben hatte? Auch schon in früheren Jahren hatte dieser Tag – der 23. April – mehrmals eine Rolle in meinem Leben gespielt: das tiefe, bis in Urgründe hinabreichende Geheimnis der Zahl! Auch der Kalenderzahl! ...

Unser Haus, in mäßiger Höhe des am schweizerischen Ufer des Bodensees südlich ansteigenden Waldrückens gelegen, hatte auf seiner Stirnseite einen umfassenden Rundblick nach Norden, Osten und Westen. Gen Aufgang sah man über der jaspisfarbenen, fernhin in Dunst verschwimmenden Wasserfläche des Sees die weißen Riesen der Vorarlberger, der Appenzeller Alpen stehen, den Säntis und die andern Häupter. Dort war die Zelle des heiligen Gallus. Dort hatte Ekkehard gelebt und gerungen. Kehrte sich dann das Auge gen Untergang, so weilte es auf dem vulkanischen Hügelgelände des Hegaus, aus dem deutlich erkennbar die Kuppe des Hohentwils sich erhob. Dort rüstete sich jeden Abend das Gestirn zum Scheiden. Das letzte Sonnengelb wob schimmernde Fäden um die Gestalt der schönen und trotzigen Frau, die hier dem streitbaren Mönch am Ende ihre Hand gereicht hatte. Es war vor tausend Jahren geschehen und war doch wie heute.

Ich hatte mir für unsern Einzug mit gutem Bedacht diese Zeit der Baumblüte ausgesucht. Sie ist mir seit meinen Kindertagen im elterlichen Garten zu Güttland immer die schönste, die gleichsam jungfräuliche Zone des Frühlings gewesen. Aber nirgends schöner als am Bodensee, dessen weithingestreckte Uferhöhen landauf, landab sich um diese Zeit in feierliches Weiß und liebliches Rosa kleiden. Die Kirschblüte war, als wir kamen, bereits halbwegs vorüber. Dafür hatten gerade die Apfelbäume zu blühen begonnen. Ihre Blüte ist die eigentlich tonangebende hierzulande, zumal auf der Schweizer Seite. Apfelmost wird in der deutschen Schweiz in riesigen Mengen gekeltert und getrunken. Jeder Bauer, jeder Ackerbürger, jeder, der nur das kleinste Stückchen Garten besitzt, hat sein Faß »Most« im Keller liegen, wovon er sich Tag für Tag seinen Haustrunk abzapft. Daß daneben auch des handfesten Landweins nicht vergessen wird, hat mir, außer der eigenen gründlichen Erfahrung, auch mancher ausgewachsene Rausch bewiesen, dessen ich Zeuge wurde. Aber das war ja in weit zurückliegenden Tagen. Vielleicht ist es heute anders geworden ...

Der Umschau im Hause und in der Landschaft folgte, wie natürlich, die in der Nachbarschaft. Schon von meinem ersten Besuch, als ich aus Zürich herübergekommen war, wußte ich ja, daß hierin gerade keine große Auswahl war. Es waren nur zwei Nachbarn da. Der eine war ein Mühlenbesitzer, eben der, dem auch unser Grundstück gehörte, ein braver, unkomplizierter, noch jüngerer Mann mit einer ebensolchen Frau. Sie schienen tüchtige und verträgliche Leute zu sein, mit denen man gut auskommen würde; auf ergiebigeren Verkehr war schwerlich zu rechnen. Wesentlich andere Aspekten bot schon der erste Besuch bei unserm andern Nachbarn, der ein paar Schritte unterhalb das sogenannte Schlößli Geisberg bewohnte. Dies war ein ansehnliches, winkliges, burgartiges Gebäude; vielleicht hatte es wirklich einmal hier an der bergwärts führenden Straße nach Weinfelden als Kastell gedient. Der da hauste, war ein schon in den Sechzigern stehender, leidlich ergrauter, im übrigen aber noch recht rüstiger und mitteilsamer Schwyzer mit einem karmoisin- oder weinroten Gesicht und lustig zwinkernden, von vielen Fältchen umwitterten Augen.

Ich erfuhr bald seine ganze Lebensgeschichte. Sie war kraus, und bunt genug. Er war in jungen Jahren nach dem Orient gegangen, hatte es als Kaufmann mit diesem und jenem versucht und schließlich in Persien als Teppichhändler sein Glück gemacht. Siebenundzwanzig Jahre war er, wenn man ihn hörte, zwischen dem Elbrus und Belutschistan, zwischen Täbris, Teheran, Kirman und Isfahan »auf dem Kamel geritten«, war in allen Palästen der persischen Großen zu Hause gewesen, so mancher Harem hatte sich ihm geöffnet; er wußte Bescheid mit dem ganzen persischen Klatsch eines Menschenalters. Aber das Heimweh hatte ihm keine Ruhe gelassen. Als vermögender Mann war er vor einigen Jahren zurückgekehrt, um hier seinen Weinberg zu pflegen und in Frieden seine Tage zu beschließen. Daß er im übrigen noch lange nicht ans Ende dachte, bewies der Umstand, daß er vor nicht allzulanger Zeit noch zum drittenmal geheiratet hatte. Das Haus war voll Nachwuchses verschiedenen Alters. Es waren sozusagen drei Kindergarnituren da, die sich gut miteinander vertrugen und von der gemeinsamen Mutter und Stiefmutter, einer stattlichen und wirtschaftlichen jüngeren Frau, auf die gleiche mütterliche Weise gehalten wurden: ein angenehmes Bild guter schweizerischer Familienzucht.

Eine merkwürdige Umrahmung lieh diesem schwyzerischen Familienidyll das exotische Innere des Schlößchens. Es war nämlich bis unter das Dach vollgepfropft mit Teppichen, Decken, Geweben persischer oder sonstwie orientalischer Herkunft. Unser Nachbar hatte sie von seinen Reisen mitgebracht und alle Wände, Fußböden, Sofas damit ausstaffiert. Man konnte sich in einen persischen Bazar oder Harem versetzt glauben, wozu denn auch die recht saftigen Erzählungen des Alten vortrefflich paßten. Wäre es nicht zu despektierlich gegenüber dem würdigen Schloßherrn gewesen, so hätte einem manchmal die Idee kommen können, daß nicht nur die erlesensten Bucharas und Dhagistans, sondern auch die schönsten Cirkassierinnen und Tscherkessinnen durch seine vielerfahrenen Hände gegangen und kein schlechter Handelsartikel gewesen waren. Aber ich will seinem Andenken nicht zu nahe treten. Seine Phantasie ging ihm, zumal beim fünften, sechsten Schoppen Wein oder Most, leicht durch. Sicher ist, daß diese Atmosphäre von Perserteppichen und Haremsgeschichten, wie aus Tausend und einer Nacht, merkwürdig abstach von dem mittelalterlichen Schwyzer Schlößli und von der urdeutschen Frühlingslandschaft, mit denen zusammen ich sie erlebte. Begreiflich genug, daß nachher in meiner Erinnerung alles zu einem gemeinsamen Hintergrund verschmolz, so unvereinbar es eigentlich schien, und auf solche Weise dann auch in meinem spätem Schaffen wiedererstand. Manche Motive und Handlungszüge in der Komödie »Die Insel der Seligen« und in den »Traumgesichten des Adam Thor« finden so ihre tiefere Begründung.

Zwischen Kreuzlingen und Konstanz liegt bekanntlich die deutsch-schweizerische Grenze. Aber dieser Trennungsstrich trat damals doch mehr auf der Karte als in der Wirklichkeit zutage. Man lebte in Europa noch nicht in der Zeit der politischen und wirtschaftlichen Schlagbäume. Freizügigkeit galt im westlichen und mittleren europäischen Kulturkreis noch als eine selbstverständliche Voraussetzung des Lebens. Natürlich gab es auch schon damals die beiden Zollhäuser mit mehr oder minder willfähriger Besatzung. Der kleine Grenzschmuggel mit Kaffee, Tee und Seide von hüben, mit Zigarren und billigen Bedarfsstücken von drüben, wurde besonders von weiblicher Seite voll Eifer betrieben; die hohe Zollobrigkeit war sicher nicht die letzte, die es genau wußte. Zuweilen wurde wohl auch ein Exempel statuiert; aber im ganzen ging es doch jedesmal beim Grenzübertritt recht lässig und gemütlich zu. Dies war schon darum unabweislich, weil ja Konstanz und Kreuzlingen mit ihren benachbarten Stadtteilen bereits ineinander verflossen. Man besuchte von Kreuzlingen aus die Konstanzer Gaststätten und Kaffeehäuser, tat sich in den Weinschenken am süffigen Markgräfler, am würzigen Affenthaler oder Meersburger gütlich und lud sich, wenn man einmal den großen Herrn spielen wollte, unter den Gewölben des vornehmen »Inselhotels« höchstselbst zu Gast. Hier, im ehemaligen Dominikanerkloster, hatte während des Konzils Johann Hus gefangengesessen und seines Urteils geharrt, das ihn auf den Scheiterhaufen führen sollte. Jetzt beherbergt es während der Reisezeit verliebte Hochzeitspärchen und steinreiche amerikanische Dollarkönige. Wie hatte in den lumpigen fünfhundert Jahren die Welt sich doch zivilisiert!

Konstanz und das Konstanzer Konzil mit seinen achtzehntausend geistlichen Herren. Hus und Hieronymus. Kaiser Sigismund und die Verleihung der brandenburgischen Kurwürde an den Burggrafen Friedrich von Nürnberg, den Begründer der Hohenzollerndynastie. Welch ein Bündel historischer Erinnerungen auch für eine weniger geschichtskundige Nachwelt! Hier hatte sich für eine kurze Zeitspanne das ganze politische, religiöse, gesellschaftliche Geschehen des späten Mittelalters zusammengedrängt und sich schließlich zu einer Gewitterwolke geballt, deren Wetterleuchten und dumpfes Donnergrollen bereits das Jahrhundert der Reformation ankündigte. Die alten winkligen Gassen der einstigen freien Reichs- und Bischofsstadt mit ihrer bis in die Römerzeit zurückreichenden Geschichte und dem düsterragenden bald tausendjährigen Münsterbau waren voll von unzähligen, längst begrabenen menschlichen Geheimnissen, die im nächtlichen Dunkel, wenn der eigene Schritt von den Häusern widerhallte, zu kurzem gespenstischem Treiben erwachten.

Merkwürdig zwiespältiges Doppelgesicht des Lebens! Wissen wir nicht, daß das Dasein eines jeden von uns nur eine einzige fortlaufende Kette von Nichtigkeiten, Unbedeutendheiten, Überflüssigkeiten, von Plattheiten, Torheiten, Täuschungen, ein Sammelsurium von untermenschlichen und allzumenschlichen Kleinigkeiten ist, die wir unsern Alltag nennen und von denen wir oft schon am Tage darauf – auch er wieder ein Alltag! – gemeinhin nicht begreifen können, daß sie uns auch nur einen Seufzer, eine Träne gekostet haben? Aber wenn schließlich die Nacht sinkt und wir in totenstillen Gassen alter Städte zu erstorbenen Fenstern hinaufblicken, erfüllt sich dann das hinter jenen Fenstern einst vorübergezogene Leben, das doch zu seiner Zeit auch wieder nur ein Alltag war wie dieses unser eigenes auch – erfüllt es sich uns nicht plötzlich mit dem heißen Blutstrom einer höheren, schöneren, größeren Wirklichkeit? Verkleidet es sich nicht in hellere, buntere, duftigere Gewänder, als wir je mit Augen sahen, und weckt unendliche Sehnsucht in uns nach etwas, das gewesen ist und doch niemals war?

Wenn ich heute auf jene fernen Konstanzer und Kreuzlinger Tage zurückblicke, so scheint es mir gewiß zu sein, daß durch sie die mir eingeborene Art der Lebensbetrachtung – ich möchte sie die geschichtliche nennen – besonders befruchtet und bereichert worden ist. Es war nach dem letzten mit Gegenwartsideen geradezu überheizten und darum notwendigerweise geschichtsfremden Lebensjahrzehnt wieder eine Anknüpfung an die geschichtlichen Eindrücke und Stimmungen meiner Marienburger Schulzeit: nur mit dem Unterschied, daß die altersgraue Stadt im Osten mit ihrer weithin über die Lande ragenden Ordensburg sehr viel mehr eine einheitlich gestraffte politisch-historische Idee verkörperte – die der brandenburgisch-preußischen Staatsbildung –, während umgekehrt in der lebensfrohen, wenn auch um so viel älteren Reichs- und Bischofsstadt an des Reiches Südwestecke gerade die Vielheit des noch erhaltenen mittelalterlichen Lebens im Gewinkel und Gemäuer der Gassen und Plätze, der Kirchen und Häuser und Tore meine Geschichtsphantasie anzog und beschäftigte. Auf eine kurze vergleichende Formel gebracht: droben im Nordosten nach vorwärts gewandte, hier im Süden nach rückwärts gekehrte Vergangenheit. Dort die Idee von des Reiches Einheit und von der Allgewalt des Staates, im Gesicht des Gewesenen freilich erst eine ferne Ahnung, dennoch dem Wissenden schon deutlich erkennbar hier die Idee des Individualismus, aber auch der von ihm drohenden Zersplitterung, der Nachglanz einer reichen, lebensvollen, vielfältigen Kultur, doch ach! ein Nachglanz nur. Dort um die Zinnen der Marienburg wie ein Morgenrot, hier um den Münsterturm gleichsam ein Abendrot.

Aber sind nicht am Ende alle diese historischen Abstraktionen und Antithesen nur blutlose Schemen angesichts der lebendigen Wirklichkeit, die auf dem Platz, wohin sie nun einmal gestellt ist, das ihr zugemessene Tagewerk abspinnt und wenig danach fragt, ob in der Hand kommender Geschlechter der Faden einmal abreißen wird oder nicht? Was ist Vorwelt, was ist Nachwelt für den, der im Bann der gegenwärtigen Stunde wirkt und schafft? Ist nicht vielleicht jeder historische Maßstab ein Unrecht an der Gegenwart, die man nach ihm bemißt? Was ging mich, wenn ich am Hafen von Konstanz die schon damals sehr stattlichen Bodenseedampfer anlegen und die Schar der deutschen und fremdländischen Reisenden eilfertig den Sehenswürdigkeiten der Stadt zustreben sah – was ging mich die vielleicht nur scheinbar pessimistische Tatsache an, daß auf diesem uralten Boden einst Geschichte gemacht worden war, während jetzt Menschen weit hergereist kamen, um die toten Denkmäler jener Geschichte zu betrachten und mit dem nächsten Schiff wieder abzufahren? Lebten denn nicht die Bewohner dieser emsigen und betriebsamen Stadt – fernste Enkel jener größeren Ahnen, die einst der Münsterbau und all das andere geschaffen hatten: lebten sie nicht ebenso zufrieden und glücklich wie jene Ahnen – ja vielleicht glücklicher als sie – im Schatten eben des Münsterbaues, den jene ihnen hinterlassen hatten und der heute ein Objekt der Fremdenindustrie war?

Soviele Fragen, soviele Zweifel eines um- und umgewühlten Geistes- und Gemütszustandes! Denn in einem solchen befand ich mich. Wenn ich ihn mir heute zurückzurufen versuche, so begreife ich fast nicht, wie ich ihn habe überstehen können, nachdem er einmal Gewalt über mich gewonnen hatte. Kein Zweifel, daß diese Umwälzung an Geist und Seele sich schon seit Jahren in mir vorbereitet hatte, wie wir ja oft auch einen Krankheitskeim lange mit uns herumtragen. Ich war in meinen ersten Zwanzigerjahren Naturalist, Rationalist, Materialist – wenn auch auf meine besondere Weise – gewesen. Dies lag zum nicht geringen Teil in der Zeit. Auch die Berliner Luft, jene Luft der letzten Achtziger- und ersten Neunzigerjahre, hatte gewiß das Ihrige dazu beigetragen. Auf dem Tor eines der Berliner Friedhöfe – vielleicht war es der der freireligiösen Gemeinde gewesen – hatte ich damals die Inschrift gelesen: »Macht hier das Leben gut und schön. Kein Jenseits gibt's, kein Wiedersehn.« Dies war ein Spruch nach meinem Herzen gewesen. Begriff ich es in diesem Augenblick noch? Befand ich mich auf der elliptischen, in sich selbst ansteigenden Kreisbahn, die wir ein paarmal im Leben zu durchlaufen haben, nicht beinahe schon an der jenem einstigen Standpunkt entgegengesetzten Lebenskurve?

Aber nicht nur was Denken, Fühlen, Glauben anging, war meine Wegrichtung, Zielsetzung ins Schwanken geraten, ja völlig verlorengegangen wie einem im Nebel verirrten Schiff. Auch mein ganzes bisheriges Schaffen erschien mir plötzlich von der zweifelhaftesten Seite, meine »Jugend« nicht ausgenommen. Es half nichts, daß ich mir vorstellte, wie ich doch diesem Erfolg mein Glück verdankte und was ohne ihn wohl aus mir geworden wäre. Dies waren allzu billige Trostgründe, die ich sofort wieder verwarf, denn war das Ziel meines Ehrgeizes nicht so viel höher und weiter gesteckt gewesen? Aber selbst, wenn es sich so verhielt, daß dieser Erfolg ein so ganz einmaliger und nicht, mehr zu überbietender sein sollte, wie die Leute sagten und die Zeitungen schrieben: lag nicht eben hierin zugleich das Todesurteil über mein ganzes kommendes Sein und Schaffen? Lohnte es sich dann überhaupt noch, weiter zu leben, weiter zu schreiben? Taedium vitae! Weltekel! Lebensüberdruß! Schon in jungen Jahren hatte sich dieses Gespenst zuweilen in grauen Stunden zu mir gesellt. Ich kannte und fürchtete es. Fürchtete, daß es wiederkommen könne. Und sah ich es nicht schon im Dämmerlicht der Seele von neuem auftauchen? Erkannte ich nicht diese toten Augenhöhlen, die mich anstierten, sich an meine Schritte hefteten? War das nicht bereits der Wahnsinn, der mich angrinste? Packte mein Verstand schon seine Koffer, um abzureisen?

Ich besitze ein lebensgroßes Porträt von mir aus jener Kreuzlinger Zeit. Es ist in einer dunkeln Holbeinischen Manier gemalt. Nur der Kopf hebt sich hellbeleuchtet aus dem schwarzbraunen Hintergrund. Das Auffallendste darin sind die Augen. Es ist ein Widerschein in ihnen wie von einer furchtbaren inneren Angst, wie von einem geheimen Grauen aus der Tiefe. Jedesmal, wenn mein Blick darauf fällt, ruft mir das Bild, ruft mir besonders der Ausdruck der Augen die schwere Lebenskrise zurück, in der ich mich damals befand. Der Maler hat sie mit sicherer Hand auf die Leinwand gebracht. Ich stehe nicht an, seine Arbeit als meisterlich zu bezeichnen. Niemand kann das so gut beurteilen wie ich selbst. Denn keiner weiß besser Bescheid als ich, wie es damals um mich stand.

Der Maler des Bildes hieß Ernst Würtenberger. Er ist, wenn ich recht berichtet bin, vor einiger Zeit als Professor an der Karlsruher Akademie gestorben. Er war Schweizer, geborener Kreuzlinger, und stand ungefähr im gleichen Alter wie ich. Ich weiß nicht mehr, wie er in unser Haus kam, vermutlich durch gemeinsame Züricher Bekannte. Da er, aus einer angesehenen Bürgerfamilie stammend, wiederum seinerseits ganz Kreuzlingen und halb Konstanz kannte, so zog die Verbindung mit ihm gleich einen ganzen Schwarm von andern jungen Leuten nach sich. Es war größtenteils junges Künstlervolk, das in München oder Zürich studiert hatte oder noch studierte und mit dem Pinsel, mit dem Spachtel oder mit der Feder umging. Ich fand diese Fülle von Kunst und Literatur nicht wenig überraschend, denn ich hatte alles andere eher in diesem äußersten deutschen Winkel anzutreffen erwartet als eine Kolonie von jungen Malern und Dichtern.

Unser während der ersten Wochen recht stilles und einsames Haus auf dem Geisberg war mit einem Male von Leben und Bewegung erfüllt. Unsere neuen Freunde fanden sich bald Tag für Tag bei uns ein. Es war von Konstanz, nun gar von Kreuzlingen, ja nur ein Spaziergang bis zu uns herauf, an dessen Ziel eine wunderschöne Aussicht auf eine blühende Frühlingslandschaft und überdies ein gastliches Haus winkten. Daß es eine schöne junge Frau – die meinige – war, die in diesem Hause schaltete und ihre Gäste mit der ganzen sprudelnden Frische ihres Temperaments empfing und bewirtete, konnte seine Anziehungskraft nur erhöhen. Es war außer meiner Frau auch noch deren damals sechzehnjährige Schwester Bertha, ein hübsches und anmutiges Mädchen, im Hause, so daß es diesem nur aus männlicher Jugend bestehenden Besucherkreis auch nicht an einem zweiten weiblichen Mittelpunkt fehlte. Im übrigen ging es, wie ausdrücklich bemerkt sei, unter allen diesen jungen Leuten, zu denen ja schließlich auch ich selbst noch gehörte, bei aller Lustigkeit und Ausgelassenheit doch gleichzeitig sehr harmlos zu; es war nichts von großstädtischer Boheme und Dekadenz dabei, trug eher gewisse biedermeierliche Züge im Stile Gottfried Kellers, in dessen Landschaft, unter dessen Himmel wir uns ja auch befanden.

Gottfried Keller. Es war noch nicht allzulange – erst einige Jahre – her, seitdem dieser Name gleichsam in goldenen Buchstaben am deutschen Literaturhimmel glänzte. Noch in meiner Heidelberger, Münchner, Berliner Studentenzeit war er nur ganz von weitem an mein Ohr gedrungen; und dies auch nur, weil ich damals auf Storm gekommen war, die süße Schwermut seiner Verse, die herbstliche Reife seiner Erzählungskunst in mich aufgenommen und dabei natürlich mich auch mit seinem Leben beschäftigt hatte, in dem ja die literarische Freundschaft mit Keller und der Briefwechsel mit ihm keine geringe Rolle gespielt hatten. Die eigentliche Entdeckung Kellers als eines Sterns erster Ordnung war im Zuge der naturalistischen Revolution erfolgt. Brahm, Schlenther, Erich Schmidt: alles was von Scherer herkam und auf ihn schwor, hatte plötzlich das Losungswort für den Schweizer Dichter ausgegeben, um den sich bisher nur ein kleiner Kreis gekümmert hatte. Die Berliner Auguren – das Wort ohne üblen Beigeschmack genommen – hatten den so lange vor der Tür Stehenden in das Allerheiligste aufgenommen und ihm die großen Literaturweihen erteilt. Beinahe über Nacht, und nicht lange vor seinem siebzigsten Geburtstag und baldigen Tode, war Gottfried Keller für die deutsche Allgemeinheit »entdeckt« worden und konnte ja nun in Ruhe sterben. Was Wunder, daß auch wir Jungen vom Sturmtrupp der naturalistischen Revolution, die doch noch immer dem Wort jener Autoritäten, jener Auguren folgten, uns dem neuentdeckten Gestirn zuwandten!

Es traf sich in diesem Zusammenhang aufs beste, daß ich eben um diese Zeit nach der Schweiz übersiedelte und daher den Dichter in Dichters Landen aufsuchen und mir zu eigen machen konnte. Welch ein Ereignis war das in meinem Leben! Ich mußte bis in meine Knabentage, bis in meine Gymnasiastenzeit zurückdenken, mußte bis auf die Eindrücke des Heranwachsenden vom »Wilhelm Meister«, von »Wahrheit und Dichtung«, von Immermanns »Münchhausen« zurückgehen, um einen Vergleich mit der jetzigen Begeisterung des Dreißigjährigen zu finden. Mir war zumute, wie wenn ich auf einer Art von Weltumsegelung einen neuen dichterischen Kontinent entdeckt hätte. Leute von Seldwyla; Züricher Novellen; Grüner Heinrich; ebensoviele Landstriche darin, gesegnet von Fruchtbarkeit und beglänzt von einer heiteren frühlingshaften Schönheit ohnegleichen. War das nicht diese ganz einzige, ganz persönliche, ganz unnachahmliche Mischung von Wirklichkeit und Märchen, von Traum und Leben, von Schalkheit und Tiefsinn, von Weisheit und Kindlichkeit, die mir in meinen Visionen als fernes Ziel vorgeschwebt hatte, ohne daß ich es zu greifen, zu fassen, zu formen vermocht hätte? Hier war Bild, Anschauung, Gestalt geworden, wonach ich solange im Dunkeln getastet und worum ich zähneknirschend mit mir gerungen, gehadert hatte. Ich mußte an die auf Goldgrund gemalten Bilder der frühzeitlichen Meister denken. So ähnlich schienen mir auch die Kellerschen Menschen und Landschaften auf eine Art von Goldhintergrund hingesetzt. Dies war das eigentlich Märchenhafte daran. Aber dann war der Vordergrund – eben diese Landschaften, diese Menschen, besonders auch die Frauen und Mädchen – wiederum ganz nahe, ganz greifbar, ganz wirklich, so daß man ihn gleichsam abtasten konnte und seinen heißen Pulsschlag fühlte.

Storm und Keller. Dort ungestillt und unstillbar die schweifende Sehnsucht unendlicher Heiden, verschwimmender Moore und das Brüllen des nordischen Meeres. Sterben und Blätterfall und herbstlicher Verzicht. Hier des Frühlings und Sommers blühende Pracht und reifender Segen. Ringender Jugend Trotz und die Sachlichkeit beharrender Mannheit. Festumrissene, engumschlossene Menschen- und Seelenbezirke, deren Tore sich doch dem Träumer, dem Dichter öffneten, um ihm wundersame Fernsichten jenseits lieblicher Hügel und Waldhöhen zu zeigen und ihm den Weg zu erschließen, durch eine zaubervolle Mondnacht, der schon am Horizont sich malenden Morgenröte entgegen. Keller und Storm. Es war noch nicht so gar lange, daß ich den verklingenden, erlöschenden Akkorden Stormscher Melodien erlegen war. Welch ein rascher Wandel seitdem! Ich war in ein anderes Zeichen eingetreten, war dem Zauberbann einer neuen, beschwingten, tänzerischen Sprachmusik verfallen. Der Stern Gottfried Kellers sollte auf Jahre hinaus alle andern an meinem Literaturhimmel überstrahlen.

Mit dem großen dichterischen Erlebnis scheint es mir ähnlich wie mit dem großen Liebeserlebnis zu gehen; es wiederholt sich nicht allzuoft im Leben. Man kann den Vergleich schon darin finden, daß von vorneherein eine nicht geringe Anzahl von Menschen wegen Unempfänglichkeit, sei es für das Fluidum der Liebe, sei es für das der Dichtung, ausscheidet. Von den übrigen werden viele sich mit einem einzigen Lieblingsdichter zufrieden geben, sowie sie ja auch im Leben der Monogamie huldigen und ihre Liebe dauernd nur einer Person widmen, wiewohl hierüber die Meinungen auseinandergehen dürften. Die dann noch übrige Zahl von Liebenden müßte man also, um im Bilde zu bleiben, als polygam bezeichnen. Es wären diejenigen, deren Herz und Einbildungskraft entzündlich genug sind, um mehrmals im Leben durch eine große Passion, sei es nun für einen wahlverwandten Menschen, sei es für einen ebensolchen Dichter, in Flammen gesetzt zu werden. Aber hier wird es manche Leser und noch mehr Leserinnen geben, die kopfschüttelnd fragen werden, wie man denn zweierlei so ganz verschiedene Passionen in den einen Topf tun könne, nur einem zweifelhaften Vergleich zuliebe?? Ich setze daher hinter das Ganze zwei Fragezeichen, deren man sich bekanntlich nur dann zu bedienen pflegt, wenn man den Leser in einer unentschiedenen Sache zu einem eigenen Urteil oder wenigstens zum Nachdenken zwingen will.

Was ich eigentlich sagen wollte, ist dies. Ich habe, alles in allem genommen, etwa zwölf Lieblingsdichter und -Schriftsteller im Leben gehabt und habe sie größtenteils noch jetzt, und nur diese, die mir geblieben sind, will ich her nennen, habe ein paar davon schon vorher genannt. Es sind in der zeitlichen Reihenfolge, wie ich sie für mich entdeckte: Goethe, Schiller, Shakespeare, Cervantes, Hoffmann, Dickens, Hebbel, Schopenhauer, Nietzsche, Ibsen, Keller, Burckhardt und Stendhal. Es ist also ein gutes Dutzend solcher dichterischen oder schriftstellerischen Elementarereignisse – nur von ihnen ist hier die Rede –, die mich im Leben auf diese oder jene Weise überwältigt haben; und in dem runden Dutzend ist Keller zeitlich der drittletzte in der Reihe. Es sollte ihm bald darauf noch ein anderer Schweizer, der große Jakob Burckhardt, mit dem unauslöschlichen Eindruck seiner »Kulturgeschichte der Renaissance« und lange Jahre später als bisheriges letztes das hinreißende »Erlebnis Stendhal« folgen. Ziehe daraus, wer sich die Mühe nehmen will oder wen es reizt, Schlüsse auf meinen Geschmack oder auf meinen Charakter oder auf beides. Ich selbst fühle mich nicht imstande dazu. Nur noch soviel, was auffallen mag, wenigstens mir selbst zu denken gibt: In der Liste sind die Dramatiker durchaus in der Minderzahl, und da ich ja selbst zuvörderst als Dramatiker gelte, so mag sich jeder, wie er will, seinen Vers darauf machen.

Ich kehre zu dem jungen Künstlervolk zurück, das während dieses Kreuzlinger Frühlings und Sommers unser Haus auf dem Geisberg mit Leben erfüllte und mich wie in einer Sammellinse sehr verschiedenartig gebrochene Strahlen eines dennoch einheitlichen Grundcharakters erblicken ließ. Als solcher erschien mir eine fast allen Angehörigen dieses jugendlichen Kreises gemeinsame Versonnenheit und Versponnenheit; eine bewußte und gewollte Abseitigkeit, Querköpfigkeit, Schrulligkeit; ein Hang zum Grübler-, zum Sektierertum, zum Andersseinwollen, zur Abkehr vom Zeitüblichen, vom »Modernen«, das schon als das Gestrige galt, demgegenüber man sich selbst als das Morgige empfand: lauter Wesenszüge, die man als sehr deutsch und im besonderen als alemannisch ansprechen kann. Sind denn Erscheinungen großen Formats wie Gottfried Keller, wie Conrad Ferdinand Meyer, wie Jeremias Gotthelf, wie Jakob Burckhardt, nicht aus dem Humusboden einer ähnlichen, ja gleichgearteten Denkart und Geistesverfassung erwachsen und nur aus ihm bis in ihre Wurzeln hinab zu verstehen?

Der führende Kopf in diesem Kreise war Ernst Würtenberger, der bereits erwähnte Maler jenes Porträts von mir, dessen altmeisterliche Malweise sich mit der sehr modernen Art seiner Charakteristik zu einem merkwürdigen Ganzen verband. Würtenberger, ein schlanker, beweglicher, mittelgroßer junger Mann, wußte mit seinem schnell fertigen Wort und seinem behenden Witz die ganze Runde zu unterhalten und manchmal auch durcheinander zu bringen. Es gab den und jenen, der ihm nicht recht trauen wollte. Würtenberger war aber grade hierauf nicht wenig stolz, man sagte ihm durchaus nichts Neues damit. Er selbst nannte sich, auch mit Anspielung auf seine fuchsblonden Haare, den »Judas« unseres Kreises und konnte auf das herzlichste lachen, wenn sich niemand die Mühe gab, ihm hierin zu widersprechen.

Dies war aber nur die eine Seite seines Wesens: wenn man will, die skeptische, die zersetzende, die negative. In diesem jungen Maler lebte daneben ein brennender künstlerischer Ehrgeiz, der ihn auf die Suche nach ganz eigenen und persönlichen Ausdrucksmitteln, abseits von der allgemeinen Heerstraße, trieb. In der Malerei war damals die Zeit des zu herrschen beginnenden Pleinairismus und Impressionismus. Würtenberger wollte von dieser ganz modernen Malweise nichts wissen, ging vielmehr bei Holbein und bei Böcklin, den beiden durch Jahrhunderte und auch sonst durch Welten getrennten, aber dennoch landsmannschaftlich verbundenen Schweizer Meistern, in die Schule. Er vergrübelte sich in die Maltechnik des einen wie des andern, ohne damals noch mit diesen Problemen fertig zu werden. Bald nach meinem Weggang von Kreuzlingen trieb ihn die Sehnsucht denn auch nach Florenz an die Seite von Arnold Böcklin, als dessen Schüler und »Eckermann«, wenn man so sagen soll, er die letzten Jahre des Meisters mitgelebt hat. Ich möchte Würtenberger, frei nach jenem einst vielgelesenen Roman von Spielhagen, zu den »problematischen Naturen« zählen, die Freund und Feind und schließlich auch sich selbst manche vielleicht niemals ganz zu lösende Rätsel aufzugeben pflegen. Seine Persönlichkeit hat mich auch später im Leben noch manchmal beschäftigt, obwohl ich ihn niemals wiedergesehen habe, und ist besonders in den »Traumgesichten des Adam Thor« an dem ihm zukommenden Platz aus dem Zwielicht der Vergangenheit wieder erstanden.

Böcklins Stern befand sich gerade zu dieser Zeit auf der Scheitelhöhe seiner Bahn. Dies scheint der vorhin erwähnten Tatsache, daß eben damals Pleinairismus und Impressionismus ihre Herrschaft in der Malerei antraten, innerlich zu widersprechen. Und doch scheint es nur so. Gewiß sind die Kunst Böcklins und die des Impressionismus in zwei so verschiedenen Weltgegenden angesiedelt, daß man sie sich schwer als gleichzeitig herrschende Mächte vorstellen kann. Die einfache Erklärung ist die, daß der Böcklinismus – wenn diese Wortbildung erlaubt ist – sich bereits vor seinem Abstieg befand und überdies eine eminent deutsche Angelegenheit war, indem sein Geltungsbereich eigentlich an unsern Grenzen aufhörte, während der Impressionismus als eine von Anfang an französische Sache, die eben darum bereits Weltgeltung hatte, bei uns erst aufzusteigen begann, um sich dann allerdings verhältnismäßig rasch durchzusetzen. Als seine Vorkämpfer waren die Namen von Uhde, Trübner, Liebermann, Leistikow, Habermann, L. von Hofmann, Kalkreuth damals bereits allen Kunstfreunden geläufig. Slevogt und Corinth kannte man in weiteren Kreisen noch nicht. Auch Leibl, der Einsiedler von Kutterling, wurde nur von Kennern, sehr viel weniger in der breiten Öffentlichkeit genannt, obwohl der größte Teil seiner Meisterwerke bereits geschaffen war und seine Laufbahn sich schon ihrem Ende näherte.

Ich war schon in meiner Berliner Zeit, als älterer Student und angehender Schriftsteller, durch meinen Verkehr mit Walter Leistikow in ein engeres Verhältnis zur Malerei getreten, worüber in »Scholle und Schicksal« das Nähere zu lesen steht. Leistikow als einer der Führer und Begründer des Berliner »Salons der Elf«, der gleichzeitig mit der »Münchner Sezession« entscheidend zu der großen Geschmacksrevolution in der deutschen Malerei beitragen sollte, war ein leidenschaftlicher Verfechter der pleinairistischen Ideen gewesen, ehe er seine Wandlung vollzog und den Weg zu seinen stark stilisierten Grunewaldlandschaften fand. In seinem Atelier hatte ich schon ein Frühwerk von Corinth und bald darauf auch diesen selbst kennengelernt, der damals seinen Vornamen noch schlicht Louis und nicht Lovis schrieb. Wir hatten uns nur flüchtig landsmannschaftlich »berochen«, ohne schon das rechte Wort für einander zu finden. Dies war erst einer kommenden Zeit vorbehalten, die freilich nicht mehr fern war. Auch mit Edward Munch, dem heutigen Altmeister des nordischen Impressionismus von europäischer, ja von Weltgeltung – damals noch eine auf das heftigste bekämpfte und verlachte Malererscheinung – und mit Axel Gallén, dem nachmals berühmt gewordenen Finnländer, war ich in diesem revolutionären Berliner Malerkreise zusammengetroffen und hatte mich mit ihrer Art, die Dinge zu sehen und zu malen, vertraut gemacht.

Was Wunder, daß mein aus Berlin mitgebrachter Impressionismus nun hier bei diesem jungen Malervolk schweizerisch-alemannischer Färbung auf schroffen Widerspruch stieß und in den dadurch entfachten Diskussionen nur so die Funken gegeneinander stoben! Es half auch nichts, daß ich den Impressionismus als den gegenwärtig modernsten Ausdruck eines revolutionären Kunstempfindens ins Feld führte. (Bekanntlich genügt in Kunstfragen das Wort »Revolution« im Munde junger Leute als vollwertiger Ersatz für sachliche Argumente.) Meine Kreuzlinger Freunde nahmen für ihre Böcklin- und Holbeinverehrung wie überhaupt für den Rückgriff auf das Altmeisterliche genau das gleiche Monopol »echt revolutionärer« Kunstgesinnung in Anspruch. Es dauerte nicht allzulange, so hatten sie mich halb und halb für ihre Anschauungen gewonnen. Böcklin hatte mir auch schon seit jeher gelegen. Meine Neigung zum Phantastischen und Märchenhaften hatte sich durch seine vorweltlichen und übermenschlichen Gestalten, durch seine düster heroischen Landschaften, durch den geheimnisvollen Zauber seiner Farben und seines Lichts mächtig angezogen gefühlt. Jetzt wurde dieser Bann immer stärker, und meine im Grunde doch wieder naturalistische Seele empfand merkwürdigerweise nicht einmal Gewissensbisse deshalb. Landschaft und Klima taten wohl auch das Ihrige dazu. So war ich aus einem Extrem ins andere geraten. Heute, bei soviel reiferer Kunsterfahrung, weiß ich, daß es der uralte Wesensgegensatz zwischen der Malerei als Farbe und der Malerei als Kontur, zwischen dem betont Malerischen und dem betont Zeichnerischen war, den ich, von dem Berliner nach dem Schweizer Boden hinüberwechselnd, in jähem Umschlag damals durchlebte.

Auch ein jüngerer Münchner Maler war für einige Zeit nach Kreuzlingen gekommen und spielte eine gewisse Rolle in diesem Kreise. Er hieß Fritz Haß, war geborener Ostpreuße und verleugnete seine Herkunft schon in seinem waschechten ostpreußischen Tonfall nicht. Auch er hatte nicht lange zuvor in seinem Münchner Atelier ein lebensgroßes Brustbild von mir gemalt, das in seiner modernen Freilichtmanier einen merkwürdigen Gegensatz zu dem Bild von Würtenberger darstellte. Dieser hatte allen Nachdruck auf die Herausarbeitung des Gesichts und der Augen und damit auf die innere Charakteristik gelegt. Jener hatte mich vor allem als farbige Erscheinung mit einer ganz aufgelichteten Palette gemalt und mir zur Erhöhung des farbigen Reizes auch noch eine rote Rose ins Knopfloch gesteckt. Wer die beiden Bilder nebeneinander sah, konnte im Zweifel sein, ob das überhaupt derselbe Mensch sei, der da gemalt worden war. Wenn auf dem einen Bild ein finsterer Grübler ins Weite zu starren scheint, so sitzt auf dem andern, dem Brustbild von Haß, ein etwas nachdenklich gestimmter Dandy mit einer roten Rose am hellen Sommeranzug da. Hier äußerer Eindruck, farbige Erscheinung: Impressionismus. Dort innerer Ausdruck, seelische Charakteristik: wenn man will, Expressionismus. Noch heute geben mir die zwei Bilder, die beide in meinem Besitz sind, manchmal Anlaß zu vergleichenden Betrachtungen über mich selbst, und ich frage mich, welcher von den beiden Menschen ich nun eigentlich in Wirklichkeit bin? Womöglich gar beide und dann freilich in einer nur in mir selbst, nicht auf den beiden Bildern vorhandenen Mischung? Oder am Ende keiner von ihnen? Denn es besteht eine – nicht ganz von der Hand zu weisende – Theorie, daß die Maler – gradeso wie die Dichter – schließlich nur sich selbst in ihrem Modell malen und es daher immer nur eine Porträtähnlichkeit in Einzelzügen, niemals im Gesamtbild gebe.

Mußte – nach dem Gesagten – nicht Haß in dieser sommerlichen Kreuzlinger Gemeinde der eigentliche künstlerische Gegenspieler von Würtenberger sein? Der Ostpreuße, der bei den modernen Franzosen in die Schule gegangen war, und der Schweizer, der sich als Schüler von Holbein und Böcklin bekannte, sprachen in künstlerischen Dingen zwei so verschiedene Sprachen, daß kaum noch eine Verständigung zwischen ihnen möglich war. Aber grade dies brachte Feuer in die Diskussion und trug nicht wenig zur allgemeinen Anregung, Belebung und Ergötzung bei. Im übrigen standen sich die beiden Maler menschlich nicht einmal so fern, denn auch Haß spintisierte und theoretisierte – ähnlich wie Würtenberger – außer über Kunstfragen auch noch über hunderterlei andere Dinge und hatte eine gewisse mephistophelische Freude daran, wenn sich im Leben wie in der Unterhaltung die Fäden verwirrten. Der grüblerische, mit sich selbst hadernde Ostpreuße ist später seinem ursprünglichen künstlerischen Pfade untreu geworden und unter die okkultistischen Maler gegangen. Unsere Wege trennten sich bereits in der Kreuzlinger Zeit für immer.

Ich habe dieser Beziehung mit den beiden so gegensätzlichen und doch auch verwandten Malern einen breiteren Raum gewidmet, weil ich ihnen mancherlei Anregungen und Erkenntnisse in malerischen und allgemein künstlerischen Fragen zu verdanken gehabt habe. In dem äußerst problematischen, selbstquälerischen und schließlich geradezu verzweifelten Geistes- und Gemütszustand, dem ich im Laufe dieser Kreuzlinger Zeit anheimfallen sollte, war die Beschäftigung mit den Dingen der bildenden Kunst, also immerhin mit der äußern Erscheinungswelt, fast wie eine Rettung vor den gewaltsamen geistigen und seelischen Spannungen, jedenfalls eine Ablenkung, ein bedeutsames Gegengewicht gegen die Überlastung in der andern Waagschale. Kein Zweifel, daß mein anschauliches, mein bildnerisches Vermögen grade damals und in dieser Umgebung, auf diesem Boden, einen sehr fühlbaren Zuwachs erfahren hat.

Wer als eifriger Leser von Zeitungen auch deren belehrenden Teil zu verfolgen pflegt, wird gelegentlich auch auf Berichte über die Arbeiter in den sizilianischen Schwefelminen gestoßen sein. Im letzten Jahrzehnt sind diese Berichte abgelöst worden durch solche über die Arbeit in den radiumhaltigen Pechblendegruben von Joachimstal und deren verheerende Wirkung auf alle darin Beschäftigten. In beiden Fällen handelt es sich um ausgesprochene Berufskrankheiten, das eine Mal durch den täglichen Umgang mit Schwefel, das andere Mal mit Radium; man könnte diese Liste noch beliebig erweitern, wie man ja auch von Bleivergiftungen, von einem Röntgenkrebs und vielen andern durch den Beruf herbeigeführten Schädigungen spricht.

Auch der schriftstellerisch, der dichterisch Schaffende, zumal der letztere, ist – außer so vielen andern ihn bedrohenden Fährnissen – einer ganz besonderen Berufskrankheit ausgesetzt. Ich möchte sie die Phantasie-Hypertrophie nennen (Phantasia hypertrophica). Jeder, der in dieser allerfeinsten und allersublimsten Materie lange Zeit gearbeitet hat, wird wissen, was ich damit meine. Die Natur des Leidens erwächst so notwendig aus der Natur der Tätigkeit selbst, beide stehen in so innigem Zusammenhang miteinander, daß man es fast ein Wunder nennen kam, wenn ein hierin Tätiger von jenen Folgen verschont bleibt. Doch gibt es natürlich leichtere und schwerere Fälle. Von unerheblichen Störungen wie Nervenüberreizung, Schlaflosigkeit und ähnlichen »Lappalien« sei hier nicht weiter die Rede, wiewohl auch sie sehr treue und anhängliche Begleiter durchs Leben sein und es zur Hölle machen können.

Schlimme Symptome der Phantasia hypertrophica sind schon jene immer mehr sich steigernden Angstzustände und die oft jahrelang dauernden und periodisch wiederkehrenden Zwangsvorstellungen, die den davon Gefolterten in einen fortwährenden Streit mit der subjektiven Vorstellung des eigenen Irreseins verstricken. Es sind Kämpfe, nicht unähnlich denen des Ritters Don Quichotte mit den Windmühlenflügeln, die er für Riesen hielt; nur mit dem Unterschied, daß der »irrende Ritter« fest an die Wirklichkeit seiner Vorstellungen glaubte, während die eigentliche Qual des von jenen Dämonen (man kann sie nicht anders nennen) Besessenen grade darauf sich gründet, daß er ihre Sinnwidrigkeit mehr oder minder klar erkennt und sich dagegen zur Wehr setzt, ohne jedoch damit fertig zu werden.

Die dritte, die schlimmste Phase – soweit meine eigenen Erfahrungen sich erstrecken – erreicht die Phantasie-Hypertrophie mit jener eigentümlichen, zwielichthaft sich vollziehenden Spaltung des eigenen Ichs, die den davon Befallenen dem Wahnsinn nahebringt und zur unmittelbaren Lebensgefahr durch selbstmörderische Handlungen werden kann. Ich will mich hierüber nicht in Einzelheiten verlieren, obgleich es keinem schaden kann, davon zu wissen und dabei zugleich zu erfahren, daß jemand, der diesen Blick in einen der Vorhöfe der Danteschen Hölle getan hat, trotzdem noch mit leidlich gesunden Sinnen in diese Welt des Lichts zurückgekehrt ist und sogar ganz sachlich darüber berichten kann, als handle es sich um einen hübschen Nachmittagsausflug.

Das Wesen dieser schriftstellerischen oder dichterischen Berufskrankheit – ich sagte es schon – erklärt sich auf das einfachste aus dem Wesen des Berufes selbst. Denn welches Hilfsmittels, das sie doch wieder nur allein aus sich selbst schöpfen kann, bedient sich die dichterische Phantasie, um jenen ganz besonderen Zustand (Trancezustand) herbeizuführen, der an die Stelle unseres irdischen, unseres Alltags-Ichs ein anderes unergründetes und unergründliches, gleichsam jenseitiges Ich setzt: jenen »Andern«, der an unser Statt am Schreibtisch sitzt und die Feder für uns zu führen scheint? Sie bedient sich für diesen sehr geheimnisvollen Vorgang eines Hilfsmittels, das unerläßlich dafür zu sein scheint: nämlich der Suggestion, richtiger noch der Selbstsuggestion.

Der hierbei stattfindende seelisch-körperliche Prozeß gleicht in vieler Hinsicht dem an den Medien in den spiritistischen Sitzungen vorgenommenen, nur daß der dichterische Trancezustand eben durch Selbst- und außerdem in Wachhypnose sich vollzieht, im Gegensatz zum hypnotischen Schlaf des Mediums. Begreiflich genug, daß in dieser Fähigkeit der dichterischen Phantasie, den schöpferischen Vorgang beliebig oft durch Selbstsuggestion oder Selbsthypnose hervorzurufen, zugleich die Gefahr einer Überspannung dieses Vermögens enthalten ist, wie wir sie aus dem Gleichnis des Zauberlehrlings kennen: die von ihrem Urheber übersteigerte und mißbrauchte Kraft kehrt sich gegen ihn selbst, das Geschöpf gegen den Schöpfer, und vernichtet ihn. Oder um auf das frühere Bild zurückzukommen: wie jene Arbeiter der Vergiftung durch Radium oder Schwefel erliegen, so wird der Dichter nur zu leicht das Opfer einer Phantasie-Vergiftung, die oft weniger aus einem Zuviel an Phantasie, als aus einer Fehlleitung, einer Funktionsstörung der Phantasie herrührt. Und hier, grade hier eröffnet sich dem in diesem scheinbar undurchdringlichen Dornengestrüpp Verstrickten ein wenn auch noch so ferner Blick ins Lichte. Man kann ihn mit einem Satz umschreiben. Er lautet: Wie durch falsche Selbstsuggestion zur Krankheit, so durch richtige Selbstsuggestion zur Genesung.

Jeder Arzt weiß, daß es eine der wichtigsten Aufgaben der Heilkunde ist, das Vertrauen des Kranken in sich selbst, in seine eigene Widerstandskraft zu stärken. Aber was ist richtig geleitete oder – um ein Wort aus der Atomlehre zu gebrauchen – positiv geladene Selbstsuggestion anderes als rationell entwickeltes und richtig angewandtes Selbstvertrauen? Wie der Leidende sich immer tiefer in sein Übel hineinphantasieren kann (negative Selbstsuggestion), so gibt es bei richtiger Anwendung auch eine positive Selbstsuggestion, eine Art von Emanation seelischer Kräfte, mit deren Hilfe man – ähnlich wie mit den Radiumstrahlen bei rein körperlichen Krankheiten – des oft scheinbar unzugänglichen Übels Herr werden kann.

Für den an der Phantasia hypertrophica Leidenden, also für den Geistes- und Phantasiemenschen, wird es kaum ein sichereres Mittel geben, sein Selbstvertrauen zu heben, seiner Fähigkeit zu positiver Selbstsuggestion neue Energien zuzuführen, als körperliche Übungen, seien sie nun turnerischer oder gymnastischer oder sportlicher Art. Von diesen drei Gebieten körperlicher Kultur war zu jener Zeit, von der ich hier erzähle, oder gar noch früher, in den Jahren meiner eigentlichen körperlichen Entwicklung, nur das erste, die Turnerei, bereits bis zu einem beachtenswerten Grade ausgebildet gewesen. Sport steckte noch in den Kinderschuhen (den Rennsport ausgenommen), und viele blickten, wenn nicht mit verdrießlichem Stirnrunzeln, so doch mit überlegenem Lächeln auf England, das klassische Land des Sports.

Von der Gymnastik, also von den körperlichen Freiübungen im Zimmer oder in der Natur, wußte man in der Allgemeinheit überhaupt noch nichts. Und doch war bereits um 1890 das Schrebersche Buch über »Zimmergymnastik« in einer Auflage von 50.000 verbreitet. Es ist der Vorläufer des gegen Ende des Jahrhunderts erschienenen und zu einem Welterfolg gelangten Buches von Müller, auf Grund dessen plötzlich alle Welt zu »müllern« begann. Nach meinem Gefühl steht der Schreberschen Gymnastik, nicht nur zeitlich, sondern auch was den innern Wert der darin entwickelten Übungen anbetrifft, unbedingt der Vorrang vor der äußerlich ungleich erfolgreicheren Müllerschen Gymnastik zu. Man muß aber zugeben, daß die sensationelle Aufnahme und Verbreitung, die das Müllern überall fand, der Sache der Zimmergymnastik als solcher unzählige Anhänger zugeführt hat und ihr erst ihre heutige Stellung hat schaffen helfen, obwohl durch die im Müllerschen System liegende Übertreibung sicher auch viel Schaden gestiftet wurde.

Mir war das Buch von Schreber schon 1890 zu Gesicht gekommen. Ich weiß nicht, welchem Zufall ich es verdanke, aber ich betrachte es als einen besonderen Glücksumstand, der mir vielleicht (es scheint mir nicht zuviel gesagt) das Leben gerettet hat. Mit einem Male erkannte ich, was mir bis dahin gefehlt hatte: die körperliche Ertüchtigung, das Gleichgewicht zwischen Leib und Seele, zwischen Körper und Geist. Es war wie eine plötzliche Erleuchtung, in der ich alle die Fehler und Unterlassungen meiner Erziehung, meines ganzen bisherigen Lebens auf körperlichem Gebiet erkannte und mir zu Herzen nahm. Ich stellte mir aus dem Schreberschen Buch ein streng durchzuführendes tägliches Programm der wichtigsten Übungen zusammen, denn ich war mir von vornherein bewußt, daß es ein sehr weiter und mühsamer Weg war, auf dem nur zähe Ausdauer und Konsequenz wirklich zum Ziel führen konnten. Jedes Ermatten, jedes Stehenbleiben auf dem Wege, jedes Rasten und selbst nur zeitweiliges Unterlassen, jede beschönigende Ausrede, man könne es sich auch einmal bequem machen und morgen das Versäumte nachholen, waren von Übel und mußten alles bis dahin etwa Erreichte und Geleistete sofort wieder in Frage stellen, wie ein Kartenhaus umfällt, wenn man auch nur eine Karte herausnimmt.

Auf diesem Felde hängt alles von dem Maß persönlicher Energie ab, womit man es in unermüdlicher täglicher Arbeit beackert. Der Erfolg eines jeden dieser gymnastischen Systeme beruht im Grunde auf der richtigen Ausnützung des menschlichen Beharrungsvermögens oder Trägheitsgesetzes, die darin besteht, daß man heute dasselbe tut, was man schon gestern und vorgestern tat, und daß man morgen wieder dasselbe tun wird, was man heute getan hat. Unterbricht man den gleichmäßigen Ablauf dieser Kette auch nur einmal oder gar ein paarmal, so ist es gleich um alles geschehen und dasselbe Beharrungsgesetz, das uns bis dahin vorwärts trug, kehrt sich sofort gegen uns und wird zum Riesen, dem wir unterliegen müssen.

Ich darf mir wohl herausnehmen, in diesen Fragen ein Wort mitzureden, denn es sind jetzt fünfundvierzig Jahre, daß ich diese gymnastischen Freiübungen ununterbrochen betreibe. Ich habe während dieses langen Zeitraums ein paarmal das System geändert, aber in der Sache selbst bin ich fest geblieben und habe durchgehalten bis heute, so hart es mich manchmal angekommen ist. Ich glaube es dieser Tatsache wohl mit Recht und Fug zuschreiben zu dürfen, wenn ich allgemein als rüstig, ausdauernd und widerstandsfähig über meine Jahre hinaus gelte.

Das war durchaus nicht immer so. Eben zu der Zeit, von der ich hier erzähle, also etwa mit dreißig Jahren, war meine allgemeine körperliche Konstitution – auch abgesehen von dem total zerrütteten Nervensystem – noch ziemlich schwächlich und anfällig, und ich erinnere mich, in den Mienen mancher meiner Bekannten gelesen zu haben, daß mir wahrscheinlich kein allzulanges Leben beschieden sein werde. Ich habe das keinem verdacht, denn ich war im Grunde derselben Ansicht. Hiermit hing es denn auch zusammen, daß ich bei der militärischen Musterung endgültig für dienstuntauglich erklärt und zum Landsturm abgeschoben worden war.

Damals – 1894 in Kreuzlingen – war es ja erst wenige Jahre her, seit ich dies betrieb: seit ich mein körperliches Ich gewissermaßen selbst in die Hand genommen hatte. Begreiflich genug, daß die Wirkung noch nicht vollständig, noch nicht durchgreifend genug sein konnte, der Aufbau und Ausbau meiner körperlichen Widerstandsfähigkeit nur langsam vonstatten ging. Trotzdem reichte doch das bisher Getane schon aus, um wenigstens die schlimmsten Folgen jenes Nervenzusammenbruchs zu verhüten und den aufsteigenden bösen Gedanken Trotz zu bieten. Und das Glück wollte, daß ich gerade in diesem Übeln Zustand mit dem eben damals aufkommenden und schnell die Welt erobernden Radfahrsport bekannt werden sollte. Jahreszeit und Landschaft trugen noch das Ihrige dazu bei, mir die herrschende Mode nahezubringen und mich nach den ersten Wehen und Mühseligkeiten rasch zum begeisterten Radfahrer zu machen.

Radfahren von 1894 und Radfahren von 1934. Welch ein Unterschied! Welch eine Wegspanne! Damals ein Sport. Heute ein Beförderungsmittel. Damals das Ärgernis von Mann und Weib, von Bürger und Bauer, von Pferd und Hund, von Huhn und Gans; der Schrecken der Straße, ob Stadt, ob Land. Heute das landläufige und selbstverständliche Gefährt von jedermann, sei es Briefträger, Geheimrat oder Pfarrersköchin, und statt eines Schreckens der Landstraße oft genug deren Opfer, seitdem der soviel größere Halbbruder, der Kraftfahrer, sich der alleinigen Gewalt in Stadt und Land bemächtigt hat. Welch ein Unterschied schon im Äußern der beiden Typen von 1934 und 1894! Heute das kleine, niedrige, wendige, schlanke, geschwinde »Rad« mit Luft- oder Ballonreifen und Rücktrittbremse. Damals das hohe, massive, schwerfällige »Veloziped« mit Eisen- oder Kissenreifen, nur mit einer schwachen, oft genug versagenden Vorderbremse: ein Vehikel, das seine Abkunft von dem eben verschwindenden Hochrad nicht verleugnen konnte und mich immer, wenn ich glücklich droben im Sattel saß und die meterlange Lenkstange handhabte, irgendwie an die hochräderige, ebenfalls im Verschwinden begriffene Postkutsche erinnerte. Dieser Gedanke oder dieser Vergleich entbehrte ja auch in der Tat nicht eines tieferen Sinnes, denn das Fahrrad hat auf der Landstraße die Erbschaft der Postkutsche angetreten, wenn auch zwischen dem Verschwinden der einen und dem Auftreten des andern ungefähr ein Menschenalter gelegen hat, währenddessen die Chausseen und Landstraßen überall in Europa verödeten und die einst blühenden Posthaltereien in Schlaf versanken.

Ich erinnere mich sehr gut, daß mir ähnliche Betrachtungen und Gedanken schon damals oft genug aufgestiegen sind, wenn ich auf meinem »Omnibus« am Bodensee entlang nach Romanshorn und Rorschach oder am Rheinufer hinab, hinauf nach Ermatingen und Stein am Rhein fuhr. Es war auf der schweren Maschine oft ein sehr mühsames, schweißtreibendes Strampeln und Treten, so daß einem die bösen Gedanken schon vergehen konnten, zumal wenn es die unzähligen Straßenbuckel zu nehmen galt. Dafür entschädigte dann die sausende Abfahrt auf der andern Seite, wobei man die Füße auf zwei Eisenstifte am Vorderrad stellte, denn auf den wild um sich schlagenden Pedalen war natürlich kein Halt mehr und die schwache Bremse versagte bei einer solchen rasenden Talfahrt ebenfalls.

Man befand sich dabei immer ein bißchen »in Gottes Hand«, aber er war in den meisten Fällen gnädig und langmütig, und es geschah gewöhnlich nicht mehr, als daß man sich, wenn es zu arg wurde, im richtigen Augenblick an irgendeiner sanft geneigten Böschung vom Sitz herunterfallen ließ und ein paar Beulen davontrug. Derartiges ist für den heutigen Radfahrer unvorstellbar. Er bedient sich seiner Maschine von Kindesbeinen, man könnte sagen, vom Mutterleibe an, als wär's ein Stück von ihm«. Aber dafür sitzt ihm auch immer ein Feind im Nacken, von dem wir Damaligen noch nichts wußten, nämlich jener so viel größere und stärkere Halbbruder, der Automobilist. Seine Herrschaft auf der Landstraße ist heute noch viel vollständiger als vor einem Menschenalter die des einst vielgescholtenen Radfahrers. Hätten wir Pioniere der Frühzeit, wenn wir unser »Stahlroß« bestiegen und unbekümmert in die blaue Ferne hinausfuhren, uns wohl träumen lassen, daß wir noch eine Epoche erleben würden, wo das Radfahren sich allmählich als eine der probatesten Methoden für Selbstmordkandidaten erweist? So hat eben alles seine zwei Seiten in dieser Welt, wie sich auch hier wieder zeigt. Der technische Fortschritt auf der einen Seite wird mehr oder minder aufgewogen durch die Einengung der Bewegungsfreiheit und die ständige Unsicherheit auf der andern Seite. Wenn ich dem »Lob der guten alten Zeit« dann freilich noch hinzufüge, daß wir Damaligen auch eine hochnotpeinliche Prüfung im Radfahren – ähnlich der heutigen Kraftfahrprüfung – abzulegen hatten und zum Zeichen unserer Gemeingefährlichkeit Nummernschilder an den Rädern führen mußten, so wird in den Augen der meisten die Waagschale sich doch zugunsten des heutigen Zustandes senken.

Ein beliebtes Ziel meiner Wanderfahrten war während dieses Sommers Zürich. Es war von Kreuzlingen eine etwa fünf- bis sechsstündige Fahrt, viel bergauf und über sehr hügeliges Gelände. Die körperliche Anstrengung war nicht gering. In Schweiß gebadet und durstig wie ein Steinträger traf ich am Ziel ein und ließ mir's nach den Strapazen in der »Äpfelkammer«, wo schon Gottfried Keller auch ohne vorheriges Radfahren seinen wahrhaft altmeisterlichen Durst gestillt hatte, oder in einer der andern bürgerlichen Weinschenken doppelt gut munden. Ich habe noch heute eine stille Schwäche für Zürich und hatte sie schon damals. Aber sie galt nicht so sehr den offenkundigen Vorzügen der wunderschönen Stadt, die der Allerweltsreisende zu preisen pflegt, ihrer unvergleichlichen amphitheatralischen Lage auf beiden Ufern des Sees und dem großartigen landschaftlichen Hintergrund; auch nicht dem schon damals hochentwickelten Hotelkomfort und der modernen Eleganz der Fremdenviertel; ja nicht einmal so sehr dem regen geistigen Leben der Stadt als der bedeutendsten Pflanzstätte schweizerischer Bildung und Kunst. Ich war herzlich gern bereit, alle diese Reize anzuerkennen. Und doch war ein innerer Vorbehalt dabei, der sich freilich nicht leicht in Worte kleiden läßt, wie ja überhaupt die Atmosphäre einer Stadt begrifflich schwer zu erfassen ist. Und grade aus der Züricher Atmosphäre erwuchs jener Vorbehalt.

Ich habe an einer früheren Stelle gesagt, daß Zürich als Wohnort mich nicht besonders anzog. Wenn ich nun soeben von meiner stillen Liebe für Zürich gesprochen habe, so scheint dies ein innerer Widerspruch zu sein. Er ist es aber nicht. Man kann einen Ort aus vielen Gründen sehr gern haben und braucht darum noch nicht eine Verbindung mit ihm zu wünschen, so gern man ihn auch gelegentlich wiedersieht, wie dies ja auch unter Menschen vorkommt. Was mich von der Züricher Atmosphäre trennt, ist ein gewisser Puritanismus, eine gewisse verstandesmäßige Kühle, eine für mein Gefühl etwas zu dünne geistige Luft, die sich ja aus der ganzen Schweizer Geschichte der letzten Jahrhunderte, zumal aus der besonderen Schattierung der Schweizer Reformation, von selbst erklärt, vielmehr mit ihr identisch ist, meiner Natur aber einigermaßen fern liegt: so daß dies meinem Lebensatem und Lebensrhythmus auf die Dauer kaum sehr zuträglich wäre.

Ich darf mich nach diesem offenen Geständnis und ihm zum Trotz um so freudiger und herzlicher zu all dem bekennen, was ich an Zürich besonders liebe. Es ist das alte Zürich mit seinen Urväterbräuchen, die Stadt der Zunftstuben, der verschwiegenen Winkel und Gäßchen um das Groß- und Fraumünster herum. Es ist die Wasserstadt an der Limmat mit ihren malerischen Durchblicken und Überschneidungen. Sie zaubert mir jenes echte bodenständige Schweizer Bürgertum, jene Fischer und Handwerker und Landsknechte aus der Vergangenheit empor, die noch in den großen Kellerschen Zunftgedichten ihr gespenstisch festliches Wesen treiben und Zeugnis dafür ablegen, daß selbst die Schweiz einmal ein Land ohne Hotelportiers und Empfangschefs gewesen ist. Über diesem Gemäuer und Gewinkel der alten wehrhaften Wasserstadt vergesse ich gern, daß nur wenige Straßen weiter die internationale Welt sich ein Stelldichein in den prunkvollen Hotelhallen gibt, wiewohl ich natürlich nicht bestreite, daß jene Häuschen und Gäßchen für den heutigen Menschen nur etwas zum Anschauen sind, während man in diesen Hotelräumen um ein Erkleckliches besser wohnt und lebt. Aber da ich mir aus dem Hotelleben nichts mache, so ziehe ich doch die Erker und Giebel an der Limmat für das Auge vor. Und dies ist meine stille Schwäche für Zürich.

Es war schon früher davon die Rede, daß es damals in Zürich eine literarische Kolonie gab, die vornehmlich aus dem Friedrichshagener Kreise stammte. Bölsche und Julius Hart waren ihre führenden Geister. In diesem Kreise begegnete ich eines Tages auch Karl Henckell, dem Lyriker. Wir hatten uns bis dahin nicht persönlich gekannt. Nur eine gewisse negative Beziehung bestand, die davon herrührte, daß ich am Anfang meiner literarischen Laufbahn – 1888 in der »Gesellschaft« – ein paar ironische Sätze über gewisse Naivitäten der Henckellschen Lyrik zum besten gegeben hatte. Dichter vergessen so etwas einander nicht: nicht der Rezensierte, aber auch nicht der Rezensent. Dieser vielleicht aus einer Art von schlechtem Gewissen nicht, das doch auch wieder keines ist, sondern nur auf der meistens gerechtfertigten Annahme beruht, daß der andere es bei ihm vermutet. Auch in meinem Fall mit Henckell verhielt es sich so. Jeder von uns beiden wußte noch ganz genau davon und auch, daß der andere noch davon wisse. So verlief die erste halbe Stunde unseres Zusammenseins in einer recht frostigen Atmosphäre. Aber nicht lange, so wurde die Stimmung wärmer, wir fanden aneinander Gefallen, und es endigte – befördert durch einen guten Tropfen – mit einem herzlichen Einklang der Geister. Die so entstandene gute Kameradschaft ist später niemals getrübt worden und sollte bis zu Henckells Tode vor einigen Jahren dauern.

Karl Henckell war Niedersachse, geborener Hannoveraner aber er schien schon damals mehr in der Schweiz als in seiner Heimat zu wurzeln. Mit Lenzburg, dem mittelalterlichen Städtchen unweit Aarau, verbanden ihn verwandtschaftliche Beziehungen. Dort hatte auch Frank Wedekind, der andere allerdings reichlich aus der Art geschlagene Niedersachse, seine Jugend verlebt; die beiden kannten sich von daher gut. Wir waren im Gespräch natürlich auch auf den merkwürdigen Zigeuner gekommen, der ja in Zürich öfters Gastrollen gab, aber mir wollte scheinen, daß Henckell nicht besonders auf ihn zu sprechen war. Welch eine Welt von Gegensätzen auch zwischen den beiden! Henckell der typische Hannoveraner, sogar bis auf das gelispelte s-t, das ihm bis an sein Lebensende blieb. Wedekind wurzellos, international und exterritorial, im tiefsten Sinne staaten- und stammeslos, herumzigeunernd im Leben wie im Dichten. Henckell gut bürgerlich, auf festen Grundsätzen fußend, zuverlässig, gesetzt und behäbig, auch in seinem rundlichen, behaglichen Äußern, das so gar nicht an die Vorstellung von einem Lyriker erinnerte, ja fast wie eine Ironie wirkte, wenn man an die zarte Liebeslyrik dieses wohlgenährten Bürgers dachte. Wedekind war bei all seinem Zigeunertum pariserischer Färbung nach Gesinnung und Gehaben Aristokrat, Patrizier zum mindesten, und einer der schroffsten Individualisten und Egoisten, die mir jemals begegnet sind. Henckell, äußerlich in großbürgerlichen Lebensverhältnissen und Ideen beheimatet, war Demokrat, Sozialist und galt schon damals als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Arbeiterbewegung. Es waren wohl auch vornehmlich Gründe politischer Art, die den Dichter damals noch in der Schweiz festhielten. Die drakonische Zeit des Sozialistengesetzes war noch nicht lange vorbei, und politisches Märtyrertum wäre gar nicht nach Henckells Geschmack und schließlich auch nicht seine Sache gewesen.

In dieser Kolonie deutscher Intellektuellen und Literaten hörte ich zum ersten Male auch den Namen eines Mannes, der später eine wenigstens in engeren Zirkeln vielbesprochene, wenn auch nicht immer zweifelsfreie Rolle spielen sollte. Es war der Wiener Franz Blei. Man erzählte sich Wunderdinge von seinem leichten, gefälligen, erotisierenden Talent, womit auch seine Lebensmethode durchaus harmonisiere. Den Wundermann selbst bekam ich erst längere Zeit nicht zu Gesicht, es wurde mir nur immer über ihn berichtet, da er sich meistens gar nicht in Zürich, sondern studienhalber in Bern aufhielt. Es war wie in einem Drama mit einer sehr ausführlichen, immerhin spannenden Exposition, nach der dann leider die weitere Entwicklung enttäuscht. Denn als ich des Vielberedeten schließlich doch in Zürich ansichtig wurde, entdeckte ich bald, daß er gewiß ein amüsanter, witziger, gewandter und medisanter, auf seinem erotischen Gebiet auch kenntnisreicher Gesellschafter, aber im übrigen doch nur eine sekundäre geistige Erscheinung war.

Franz Blei war seiner ganzen Natur nach der geborene Zwischenträger zwischen Menschen wie zwischen Literaturen, fixer Übersetzer und Ausdeuter, Allerweltsvermittler und Allerweltsfreund, typischer Vertreter jener damaligen Epoche des zu Ende gehenden Jahrhunderts, des fin de siècle, das in vielen Zügen wie ein noch einmal die Augen aufschlagendes, herbstlich verblühendes Rokoko anmutet. Man denke an solche Erscheinungen wie Otto Julius Bierbaum, wie Beardsley, den genialen Zeichner des englischen fin de siècle, wie Oscar Wilde, wie Schnitzler und Hofmannsthal in Wien und noch so manche andere. In diesem Kreise Blei zu nennen, mag fast ein Unrecht gegen die andern scheinen. Aber es charakterisiert doch eine gewisse Lebenslinie dieses Spätlings einer müde gewordenen und zu Grabe gehenden Kultur.

Auch ein Freund aus meiner früheren Berliner Zeit tauchte unversehens am Bodensee wieder auf: Emil Strauß. Er kam gradeswegs aus Brasilien zurück, aus dem Staat Sao Paolo, wohin es ihn vor ein paar Jahren getrieben hatte. Wir waren uns zuletzt im Hause Marschalk begegnet. Er hatte sich damals, ehe er ging, im stillen mit Lisbeth Marschalk verlobt, womit auch eine bedeutsame Phase meines eigenen Lebens ihren endgültigen Abschluß fand. Ich habe dieses Hin und Her und Kreuz und Quer von allerhand Stimmungen und Herzensnöten in meinem dramatischen Frühwerk »Freie Liebe« mit meinen damaligen naturalistischen Ausdrucksmitteln abzuschildern versucht, ohne sie schon zu meistern. Auch Emil Strauß kommt in diesen »Szenen junger Leute von 1890« So der heutige Titel des Werkchens in meinen »Gesammelten Werken« bei Alb. Langen, München, erschienen 1917–1923. vor, wenn er auch einen andern Namen trägt. Strauß war damals hitziger Vegetarier; obwohl dies eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Denn es heißt ja, daß die reine Pflanzenkost die Leidenschaften und die Begierden, also eben die innere Hitze, dämpft und niederhält und alles in uns zu einer schönen Harmonie verklärt. Wenigstens behaupten es die Vegetarier selbst. Ich habe aber bei so manchen von ihnen eher das Gegenteil beobachtet, denn sie nehmen es im Punkte Fanatismus, den man ja auch eine Leidenschaft – und noch dazu eine der gefährlichsten – nennen muß, mit jedem spanischen Großinquisitor oder russischen Terroristen auf. Auch Strauß kannte damals in dieser Hinsicht noch keine Gnade. Seine Freunde behaupteten von ihm, er sei nur mit einem Sack Äpfel nach Brasilien hinübergefahren. Diese seien aber nur als Sonntagsessen bestimmt gewesen. Im übrigen habe er sich auf Körnerkost beschränkt. Ich weiß nicht, was daran war, möchte aber glauben, daß der Scherz sich nicht sehr von der Wahrheit entfernt hat.

Als ich ihn jetzt wiedersah, schien doch eine merkliche innere Wandlung in ihm vorgegangen zu sein. Brasilien und das Tropenerlebnis hatten ihn gereift und duldsamer gemacht. Wir besuchten uns ein paarmal über den See hinweg, er mich in Kreuzlingen, ich ihn in Meersburg, wo er sich mit seiner aus Brasilien mitgebrachten Habe niedergelassen hatte. In dem alten, noch heute vielfach ummauerten Städtchen wächst bekanntlich ein vorzüglicher roter Wein, eben der Meersburger, um den sich eine Reise dorthin schon lohnt. Ich konnte es mir nicht versagen, ihn mit seinen Äpfeln und seinen Körnern und natürlich auch mit dem Meersburger zu necken, da ich ihn ja nicht nur als Vegetarier, sondern auch als Temperenzler oder gar als Abstinenzler in Erinnerung hatte. Früher hätte er das mit der ihm eigenen leidenschaftlichen Intellektualität abgewehrt. Jetzt nahm er es ganz gelassen hin, lachte mit uns andern und – o Wunder! – ließ sich ein Schöppchen vom Meersburger zuerst probeweise, bald wie von selbst einlaufen. So geht es, wenn man sich in Brasilien oder anderswo in der Welt gehörig den Wind um die Nase wehen läßt. Aus einem eifernden Vegetarier und Abstinenzler kann dann schließlich ein Mensch werden, der mit nachsichtigem Lächeln auf das Tun der Andersgläubigen herabsieht und sogar manchmal dabei mitmacht.

Die Monde zogen hin. Am sommerlichen Gestade reiften Birnen und Äpfel, die in der Blüte gewesen waren, als wir kamen. Besucher aus Zürich, aus München, aus Berlin, sogar aus der Heimat, erschienen und verschwanden. Ich hatte Sammlung und Einsamkeit erträumt und befand mich am Ende wie in einem Taubenschlag. In einem Berliner Theater spielten sie damals »Zwei glückliche Tage«. Es war ein Lustspiel von einem Ehepaar, das plötzlich seinen Traum von einem eigenen Landhaus erfüllt sieht. Die Pointe lief darauf hinaus, daß der eine von den beiden glücklichen Tagen der des Einzugs, der andere der des Auszugs war. Öfter und öfter wollte es mir vorkommen, als ob es uns mit unserm Haus in Kreuzlingen ähnlich erginge. Alle Welt schien zu glauben, daß ich nur dazu da sei, Zureisende am Dampfschiff in Konstanz abzuholen und ihnen die Sehenswürdigkeiten von Stadt und Umgegend zu zeigen. Denn wozu setzt man sich wohl in ein Landhaus am Bodensee, als um dort seine Freunde aus Hamburg und Berlin, aus Crimmitschau und Schwientochlowitz zu empfangen?

Hat ein Dichter überhaupt etwas zu tun? Fliegt ihm nicht alles von selber zu? Ist nicht sein ganzes Tun im Grunde Müßiggang? Er selbst der geborene Faulenzer? Sicher ist die Zahl derer, die so denken, nicht gering, wenigstens nach meinen Erfahrungen zu schließen. Auch mein Freund, der Schloßherr vom Geisberg, jener alte Perser, vielmehr Schweizer, der siebenundzwanzig Jahre zwischen dem Elbrus und dem Hindukusch »auf dem Kamel geritten war«, schien ähnlich zu denken. Jeden Vormittag, den Gott gab, wenn ich mich grade an den Schreibtisch gesetzt hatte, sah ich ihn die wenigen Schritte von seinem Schlößli heraufschlürfen, um sich bis zum Mittagessen häuslich bei mir niederzulassen. Kein Wunder! Er langweilte sich, brauchte Unterhaltung, und wo konnte er die besser finden als bei mir, der ich seiner Meinung nach ebensowenig zu tun hatte wie er? Es half auch nichts, wenn ich mich einmal entschuldigen oder verleugnen ließ. Er konnte warten, nahm seinen gewohnten Sitz in der Veranda ein und ließ sich seinen Schoppen Most oder Schiller gut schmecken, den ihm meine Frau aus dem Keller holte. Es war notabene sein eigenes Gewächs, das ich für gute Schweizer Franken von ihm bezogen hatte und das er mir austrinken half. Ich bin jedoch weit entfernt, dies als einen Akt des Eigennutzes seitens des würdigen Kamelreiters anzusehen. Es war vielmehr eine Selbstverständlichkeit, daß er am Vormittag meinen Wein trank, wie ich am Nachmittag beim Gegenbesuch den seinigen, nur daß es eben beide Male der gleiche war.

Konnte die Wohlfahrt – eigentlich die Arbeit – bei einem solchen Schlaraffenleben gedeihen? Aber war es nicht im Grunde gleichgültig, auf welche Weise ich meine Zeit totschlug? Kam denn am Schreibtisch etwas Richtiges, etwas Vernünftiges zustande? (Womit nicht gesagt sein soll, daß Vernunft und Dichtung immer sehr eins miteinander wären.) Ich hatte meine vorjährige Arbeit am »Tausendjährigen Reich« wieder aufgenommen. Ich rang um die dramatische Form, um Ausdruck, Stil, Rhythmus. Doch ach! ich rang vergebens. Die Arbeit gedieh mir nicht. Ich blieb an Kleinigkeiten haften; es war kein Fluß, kein Zug darin. Unbefriedigt Tag für Tag, legte ich meine Feder fort und war schließlich noch froh, wenn mein Perser pünktlich wie die Sonne erschien, um seinen Frühschoppen bei mir abzuhalten. Denn hatte ich damit nicht wenigstens eine Entschuldigung vor mir selbst, so fadenscheinig sie war?

Es mußte ein Ende haben! Die Tage begannen kürzer zu werden. Die Nebel brauten über dem See und woben ihre phantastischen Lichtreigen. Das jenseitige Ufer, dort, wo ich Freund Strauß in Meersburg wußte, entschwand oft tagelang unsern Blicken. Die Blätter fielen. Ich sagte mir schon lange, daß die Hoffnung trügerisch gewesen war, hier Wurzeln schlagen zu wollen. Aber wohin des Wegs? Wie mir selbst entrinnen? Trug ich nicht mein tiefstes Leiden, den inneren Zwiespalt, den Bruch mit mir selbst, überall mit mir, wohin ich auch ging? Ich dachte wieder an Berlin. Ich dachte ebenso an München. Hier hatte im Sommer eine reisende Truppe, das Fiala-Ensemble, meine »Jugend« im Gärtnertheater zum erstenmal öffentlich aufgeführt, nachdem bereits im Winter der »Akademisch-dramatische Verein« mit einer Aufführung im geschlossenen Kreise vorausgegangen war. Beide Male waren schauspielerische Entdeckungen gemacht worden: Friedrich Kayßler als Hans im »Akademisch-dramatischen Verein«, bei Fiala Hedwig Gasny als Annchen, die spätere berühmte Naive und Jugendliche am Dresdner Hoftheater. Hätte es mich nicht nach München ziehen müssen? Fühlte ich nicht, daß hier der Boden war, den ich brauchte? Und doch siegte noch einmal der Norden. Im November 1894 befand ich mich wieder auf dem heißen Boden Berlins.

Zu Weihnachten besuchte ich in Kreuzlingen meine dort zurückgebliebene Familie. Der Bodensee lag unter Eis und Schnee. Es war der härteste Winter seit langem. Von den Fenstern meines Hauses erblickte ich weit und breit die Welt in unendliches Weiß gebettet. Es waren grade damals die ersten Jahre der beginnenden Winterfreudigkeit. Vom Schneeschuhlauf wußte man zwar noch nicht viel. Um so eifriger huldigte alles dem Rodelschlitten. Wir tollten im Schnee wie die Kinder, rodelten zu Tale und kletterten wieder hinauf, einige Dutzend Male am Tag. Ich hatte eine stille Scheu gehabt vor dem Wiedersehen mit der Stätte, wo ich so viel gelitten, so schwer gerungen hatte. Das brausende Orchester der Weltstadt hatte das alles für eine Weile in mir übertönt: überwunden, vergessen war es noch nicht, ich wußte es wohl und fürchtete mich vor Rückfällen in der ländlichen Stille und Einsamkeit. Doch es kam anders. Grade dieses winterliche Schweigen in Schnee und Eis tat mir wohl, beruhigte mich wie ein kühler, lindernder Umschlag auf einer fiebernden Stirn. Augenblicke waren, wo mir hier wieder alles neu und anziehend erschien und ich am liebsten geblieben wäre in dieser verschneiten Welt. Umsonst! Immer war doch die innere Unrast da. Wo ich nicht war, da war das Glück. Was wollte ich? Was sollte ich? Fragen und keine Antwort. Schnell waren die paar schönen, stillen Weihnachtswochen vorbei. Der bitterkalte Januar des Jahres 1895 sah mich neuerdings in Berlin. Als ich es zwei Monate später, nach allerlei Stürmen und Exaltationen und einem Nervenzusammenbruch bedenklich nahe, verließ, war mein Entschluß gefaßt. Ich wollte mit meiner Familie nach München übersiedeln. Berlins war ich müde und satt bis zum Überdruß. Nach Kreuzlingen wollte ich nur noch zurückkehren, um dort meinen Hausstand aufzulösen und die Meinigen mit mir nach München zu nehmen. Hatten sie nicht schon allzulange den Mann und Vater entbehrt? Ein kleines Satyrspiel sollte das Kreuzlinger Idyll, das doch so hart ans Tragische grenzte, auf ergötzliche Weise abschließen. Schon bald nach meinem Einzug in Kreuzlingen war ich mit der hohen Obrigkeit, mit dem Gemeinde-Ammann, in eine Meinungsverschiedenheit wegen meiner Ausweispapiere geraten. Er verlangte, daß ich einen Heimatschein beibringen solle. Ich erklärte, ich hätte in meinem Leben keinen Heimatschein zu Gesicht bekommen. Ich sei geborener Preuße, und in Preußen gebe es keinen Heimatschein. Er wiederum behauptete, Preußen habe einen Niederlassungsvertrag mit der Schweiz geschlossen, worin ausdrücklich vereinbart sei, daß Preußen, die ihren Wohnsitz in der Schweiz nähmen, einen Heimatschein vorzulegen hätten. Also müsse es dergleichen doch bei uns geben. Ich bestritt dies entschieden, wir konnten uns nicht einigen. Jeder beharrte auf seinem Standpunkt. Er bestand auf seinem Schein, ich auf dem Gegenteil. Im Laufe des Sommers waren mehrfach Mahnungen gekommen, die ich ebenso oft ablehnend beantwortete. Die Auseinandersetzung, anfangs mehr spielerisch geführt, begann schroffere Formen anzunehmen. Aus einer scherzhaften Florettpartie wurde so etwas wie ein Gang auf schwere Säbel. In solch einem Fall hat immer die Obrigkeit die besseren Waffen. Das hatte ich nicht bedacht, wollte es vielleicht nicht einmal bedenken. (Wahrscheinlich lag mir schon damals nicht mehr viel an einem längeren Bleiben in der Schweiz.) Der Gemeinde-Ammann wollte keinen Spaß mehr verstehen und drohte mit drastischen Maßregeln. Nun wollte ich es erst recht darauf ankommen lassen.

Darüber war der Winter ins Land gezogen und ich nach Berlin. Längere Zeit war alles still gewesen, ich hielt die Sache für erledigt. Aber ich hatte mich, was die Beharrlichkeit schweizerischer Gemeinde-Ammänner anging, getäuscht. Hatte ich meinen Kopf, so hatte er ebensosehr den seinen. Und zu dem seinigen gehörte auch noch ein Arm, der weiter reichte als meiner. Dieses war der Gemeinde-Weibel, das ausführende Organ der hohen Kreuzlinger Obrigkeit, gleichsam ihre bewaffnete Macht, denn an seiner linken Seite baumelte ein mordsmäßiger Säbel in seiner Scheide, in der Hand aber schwenkte er ein amtliches Dokument, gestempelt und gesiegelt wie eine Kriegserklärung. Diese martialische Erscheinung erblickte ich schon von weitem im Anstieg zu unserem Geisberg, gerade in dem Augenblick, als wir auf den zur Abfahrt bereitstehenden Möbelwagen unseren letzten Stuhl luden. Näher und näher kam er, der Gemeinde-Weibel, und als er dann schnaufend vor mir stand, überreichte er mir feierlich das versiegelte Dokument, mit der andern Hand militärisch salutierend. Ich öffnete es und las es, ohne zu zittern. Es war meine Ausweisung aus Kreuzlingen, aus dem Kanton Thurgau und aus der Schweiz überhaupt. Denn ich hatte meinen Heimatschein nicht beigebracht. Wir schüttelten uns kräftig die Hand, der Gemeinde-Weibel und ich, wie es unter Parlamentären zweier feindlicher Heere guter Brauch, und ich glaube, ich drückte noch einen Franken in seine Hand, den er lautlos verschwinden ließ. Im stillen mußte ich an den Schluß meines Schauspiels »Freie Liebe« denken, wo ein Schutzmann das liebende, aber nicht standesamtlich getraute Paar gerade in dem Moment aus der Wohnung weist, da es sie ohnehin verläßt, um in die Fremde zu ziehen. Dies hatte ich vor Jahren geschrieben. Nun hatte ich es ähnlich so, wenn auch aus andern Gründen erlebt. Wie oft sollte ich später noch die Beobachtung machen, daß alles erst in der Phantasie bei mir geschah und nachher in Wirklichkeit! ...

Noch an demselben Tage verließen wir Kreuzlingen, den Kanton Thurgau und die Schweiz überhaupt. Es war der 14. März 1895. Ich habe das Datum dieser denkwürdigen Schlacht am Geisberg niemals vergessen. Sie endigte mit dem Siege der feindlichen Übermacht und mit meinem strategischen Rückzug.

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