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Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 6
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
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4.

Aus dem Güttländer Elternhause waren Nachrichten eingetroffen: Glückwünsche zum Erfolg, herzlicher und freudiger in der Tonart, als ein Jahr vorher nach dem »Eisgang«, aber noch immer nicht ohne ein leises Mißtrauen, ohne eine stille Zurückhaltung. Sie galt diesmal weniger meinem Beruf selbst, dem Weg, den ich nun einmal eingeschlagen hatte und der ja durch den Erfolg gerechtfertigt erschien, als dem von mir gewählten Stoff, dem Thema und dem Milieu meines Werkes. Man hatte natürlich zu Hause, wo man auch seine Danziger, seine Berliner Zeitung las, den ganzen Verlauf der Dinge verfolgt, wußte genau Bescheid, was in dem Stück vorging und auf wen sich das alles bezog. War es nicht schon peinlich genug, daß Familienangelegenheiten, wenn auch weiter abliegende, darin vorkamen? Aber das fast noch Schlimmere war, daß den Schauplatz des Ganzen ein katholisches Pfarrhaus abgab, das man nicht nur selbst sehr gut kannte, von dem auch Fernerstehende wußten. Dies war eigentlich fast unverzeihlich, da es die eigene Religion und ihre Vertreter in den Augen der Andersgläubigen herabzusetzen schien.

Ich las dies alles zwischen den Zeilen des mütterlichen Briefes, ohne daß es ausdrücklich gesagt war. Aber Sohn und Mutter verstanden sich, trotz allem, was seit Jahren zwischen ihnen lag, noch immer sehr gut in dem, was sie schrieben oder auch nur dachten. Sollte ich mich ärgern über dieses mir nur allzu bekannte bürgerlich-ehrsame Kopfschütteln, über dieses ewige Sich-peinlich-Berührtfühlen, dieses genierliche Gehabe und Getue? Sollte ich darüber lächeln? Oder sollte ich nicht lieber mit einem kurzen Entschluß das tun, was am nächsten lag? Denn noch etwas anderes stand zwischen den mütterlichen Zeilen zu lesen, es war die Sehnsucht, den plötzlich bekannt, berühmt gewordenen Jungen wiederzusehen und ans Herz zu drücken. Mutter und Heimat riefen nach mir. Lange genug hatte ich diesen Klang nicht vernommen. Das Geschrei der Märkte, das Getöse der Meinungen hatte ihn übertönt. Der Kampf um das Werk, um Stellung und Namen hatten jeden andern Gedanken ertötet. Noch zitterte jeder Nerv von der furchtbaren Überspannung dieser Wochen, dieser Monate. Oder waren es nicht eigentlich schon Jahre, daß das so ging? Und sollte es in alle Zukunft so weitergehen? Würde die große Stille, die dort in der Ferne die Arme nach mir ausbreitete, nicht wie ein lindernder Umschlag für das fiebernde Herz sein? Mutter und Heimat riefen. Ich packte meine Sachen und fuhr auf eine Woche ins Ostland.

Ich fand Vater und Mutter im ganzen unverändert. Sie standen ja auch beide in Wirklichkeit noch im besten Alter, der Vater war vierundfünfzig, die Mutter siebenundvierzig. Aber wenn man selbst erst siebenundzwanzig ist, so bildet man sich ja bekanntlich ein, daß jenseits Vierzig oder gar Fünfzig schon die Welt aufhört. Und man wundert sich im stillen ein bißchen, daß jene Vierzig- oder Fünfzigjährigen nicht schon vor Alter mit dem Kopf wackeln. Das konnte man von meinen Eltern nun wirklich nicht sagen. Mein Vater war in seiner stattlichen Größe und der aufrechten Haltung eines älteren Offiziers noch immer das Bild eines imponierenden Mannes. Mir schien, daß er sich in den letzten Jahren noch tiefer in sein Sonderlingstum verrannt hatte. Ein Abseitiger, ein Einzelgänger war er ja schon seit langem gewesen – er, der in seiner Jugend als der beste Tänzer weit und breit gegolten hatte. Meine Mutter machte einen gesünderen, frischeren Eindruck als früher; sie war seit ihren Mädchenjahren von einer ewigen Kränklichkeit begleitet gewesen, die ihr jede Lebensfreude benahm. Diese nicht endenwollende kritische Zone schien sie nun doch hinter sich zu haben. In den innern häuslichen Verhältnissen war noch alles so wie früher, nicht schlechter, aber auch leider nicht besser. Ich fühlte schon vom ersten Tage an, daß wieder dieser Alp sich auf meine Seele wälzte, vor dem mir schon von Kindheit an bangte und der mich als Gymnasiasten, als Studenten die Tage, die Stunden hatte zählen lassen, bis ich ihm wieder entronnen sein würde.

Der oder jener wird mir vielleicht den Vorwurf machen, daß es nicht recht von mir sei, derart von meinem Elternhaus zu sprechen. Wer den ersten Teil dieser Erinnerungen gelesen hat, worin ich gezeigt habe, wie und warum dies alles so kommen mußte, wird meine Offenheit verstehen und sie mir nicht als Pietätlosigkeit auslegen. Denn es geht klar aus jener Darstellung hervor, daß Vater und Mutter schon vor meinen Kinderaugen als die Opfer eines unglückseligen Schicksals dastanden, in das sie hoffnungslos verstrickt waren, und daß ich weder dem einen noch dem andern Teil in einem höheren Sinne je habe Schuld geben können.

Meine um zehn Jahre jüngere Schwester war zu einem achtzehnjährigen Mädchen herangewachsen. Sie hatte die höhere Töchterschule in Danzig besucht und war erst seit kurzem wieder ins Elternhaus zurückgekehrt. Wir hatten uns eigentlich nur in den Tagen ihrer frühen Kindheit noch öfter gesehen, wenn ich zu den Schulferien aus Marienburg nach Hause kam. Ich hatte ihr damals gelegentlich Unterrichtsstunden im Lesen, Schreiben oder Rechnen gegeben, zur Entlastung unserer Mutter oder des Hauslehrers. (Jener Kandidat Dargel, mein Lehrer, von dem in »Scholle und Schicksal« ausführlich die Rede gewesen ist, war später auch der meiner Schwester geworden.) Aber diese pädagogischen Versuche waren weder für meine Schwester noch für mich eine reine Freude gewesen. An wem dies lag? Wahrscheinlich an uns beiden. Ich war wohl zu heftig, verlangte zu viel, setzte allerlei voraus, was noch nicht da war. Meine Schwester wiederum war reizbar, überempfindlich, machte von der ultima ratio der weiblichen Psyche, dem Tränenausbruch, allzuhäufigen und reichlichen Gebrauch, worauf ebenso prompt von meiner Seite die ultima ratio des Mannes, die Handgreiflichkeit, erfolgte. Kleine Szenen eines vorgeahnten Strindbergschen Stils: der Major im »Vater«, der zur Petroleumlampe greift, weil er sich nicht mehr anders helfen kann, weil er dazu greifen muß, und der natürlich dafür in die Zwangsjacke kommt. Wenn auch unsere kleinen Tragödien nicht ganz so schlimm endigten, so fiel doch meist ein recht strenger mütterlicher Verweis für mich dabei ab und der »schwächere Teil« blieb Sieger.

Dies hörte von selbst auf, als meine Schwester in die Pension nach Danzig gekommen und ich während meiner späteren Universitäts- und ersten Schriftstellerjahre ein immer seltenerer Gast im Elternhaus geworden war. Unser Wiedersehen bei meinem diesmaligen Besuch war sehr herzlich und ohne Mißton. Die kleinen Strindbergiaden der Kinderzeit waren halbvergessen, wirkten im verschönenden Dämmerlicht der Erinnerung eher komisch und ergötzlich. Meine Schwester hatte natürlich Pensionsfreundinnen, mit denen sie noch im regsten Verkehr stand. Sie traf sich mit ihnen in Danzig oder jene kamen zu Besuch nach Güttland. Sie brachten mädchenhafte Heiterkeit und schicklich gedämpften Übermut mit. Dies war eine ganz neue und ungewohnte Note in der sonst so düsteren und schwerblütigen Atmosphäre unseres Elternhauses. Meine Mutter lachte viel mit dem jungen Volk. Selbst mein Vater ließ sich gelegentlich davon anstecken. Wie hätte ich also nicht mitmachen sollen? Es wurden Krocket und Pfänderspiele im Garten unter den blühenden Kirschbäumen gespielt. Auch hierzulande, wo die Natur immer um mehrere Wochen hinter Berlin zurück war, hatte der Frühling Einzug gehalten mit langen Tagen, hellen Nächten. Im Mottlauteich, im Bruch und im Außendeich, in Rohr und Schilf quakten alte und junge Froschgeschlechter zum Herzzerbrechen, sangen ferne Unken ihr nächtliches Lied.

Wie im Vaterhause, so schien auch in Güttland noch alles beim alten zu sein. Die Zeit, die ich eben noch im Siebenmeilenstiefelschritt hatte dahinstürmen sehen, schien sich hier das Großvaterkäppchen über die Ohren gezogen zu haben und vor sich hinzuträumen. Sonderlingstum und Spleen hatten schon von je den fruchtbarsten Boden in unserm Dorf gefunden; an Originalen war nie ein Mangel gewesen. Achtzigjährige und Neunzigjährige hausten in nicht geringer Zahl in der Dorfskate oder wo sonst immer und schlugen dem vergeblich anklopfenden Knochenmann ein Schnippchen. Manche von diesen Methusalemen kletterten im Herbst noch auf ihren Birnbaum, so hieß es, und holten sich eigenhändig ihre Birnen herunter, um sie sich nicht von den Dorfjungen wegstehlen zu lassen.

Aber dies alles geschah gleichfalls hinter verschlossenen Türen. Wer als Fremder im Dorf erschien, unbekannt mit seinen Menschen, seinen Gepflogenheiten, Besonderheiten, und etwa die Dorfstraße hinauf, hinunter pilgerte, der hätte, falls es nicht gerade Erntezeit war und die Weizenfuder mit Peitschengeknall dahinrollten, leicht auf den Gedanken kommen können, daß Dornröschens Zauberschlaf sich auf alle diese Höfe, Scheunen und Ställe, auf Häuschen und Katen herabgesenkt habe; so abgeschlossen und unzugänglich und ausgestorben und totenstill lag alles da. Mußten aus diesem trächtigen Erdreich nicht wie von selbst Menschen und Schicksale erwachsen, knorrig, absonderlich, kurios und bizarr, wie die alten zerborstenen Weidenstümpfe, die weit und breit die Äcker und Kuhtriften säumten und des Abends, wenn die Nebel ihr Leichentuch breiteten, als seltsam gespenstische und phantastische Märchengestalten am Wegrand lauerten?

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, so enthüllt sich mir klar und deutlich das Geheimnis meines Schaffens, das ich vor vierzig Jahren erst wie durch Schleier sah: daß es diese Scholle, aus der ich ans Licht stieg, ja diese Scholle war, in der die Urgründe von allem dem wurzeln, was ich selbst wiederum ans Licht gebracht habe, einerlei, ob es sich um reinblütige Heimatstoffe und Heimatwerke wie »Frau Meseck«, »Haus Rosenhagen«, »Strom«, »Mutter Erde« oder um scheinbar ganz zeit- und heimatferne Werke handelt, wie etwa »Die Traumgesichte des Adam Thor«, »Schloß Zeitvorbei«, »Der Frühlingsgarten« und selbst der im Frankenland des Dreißigjährigen Krieges spielende »Ring des Gauklers«. Denn das entscheidende Merkmal alles dichterischen Schaffens ist nicht die äußerliche Stoffwahl, nicht das zufällige Gewand von Zeit und Umwelt; worin sich die dichterische Vision präsentiert; es ist vielmehr der heiße Blutstrom, der aus Urtiefen der Scholle, des Bodens, der Abstammung emporsteigend das dichterische Gebilde durchpulst und ihm seinen ganz einmaligen, unnachahmlichen und geheimnisvollen Rhythmus verleiht.

Hierin zeigt sich das wahre Merkmal, das tiefste Kennzeichen aller Heimatkunst, ja jeder echten Kunst überhaupt: daß sie nämlich auch dort die unverkennbaren Heimatzüge trägt, wo sie sich auf fremdem Boden und in fremdem Gewande bewegt. Denn – um ein Beispiel aus der ganz großen Literatur zu wählen – ist der Shakespeare, der seine verkleideten englischen Lords, seine nicht minder englischen Kaufleute, Diener, Spaßmacher, in den Gassen Veronas, auf den Plätzen Venedigs oder am illyrischen Gestade lieben, schwärmen, leiden und sterben läßt, nicht der gleiche Shakespeare, wie jener andere scheinbar urheimatliche, urenglische, dessen Gestalten über die schottischen Heiden der Vorwelt dahingeistern?

Von heute aus gesehen will es mir scheinen, als hätten jene Güttländer Tage, im Mai 1893, so kurz nach dem »Jugend«-Erfolg, mir das erste Wiedererwachen aus dem vorhergegangenen Siegesrausch gebracht und mir gezeigt, welchen Weg ich fortan zu beschreiten hätte, um zu dem eigentlichen und tiefsten Urquell meines Schaffens zu gelangen. In diesem Lichte betrachtet, kommt gerade jenem Heimatbesuch, in Verbindung mit einem andern, den ich zweieinhalb Jahre später unternehmen sollte, eine für meine ganze Zukunft entscheidende Bedeutung zu.

Von Güttland nach Rottach. Von der Ostsee zum Tegernsee. War nicht diese Diagonale von Nordost nach Südwest und Süd über ganz Deutschland hinweg schon seit einem Jahrzehnt der vorgezeichnete Weg meines Schicksals gewesen? Auch diesmal war es nicht anders. Berlin war auf dieser gleichsam gebundenen Marschroute eigentlich immer nur eine Etappe gewesen, wenn auch eine durch Jahre hin währende. In allem dortigen Bleiben und Verweilen war immer, so oft ich ihm auf den Grund ging, ein Gefühl des Vorübergehenden, des Provisorischen, des Nomadischen gewesen, als sei des Bleibens doch eben nur eine kurze Weile, so lange Jahre auch schließlich daraus wurden. Es war, als habe mein Körperliches sich sein Zelt dort gebaut, aber meine Seele nicht Wurzel geschlagen. Meine ostdeutsche Romantik – womit ein ganz bestimmter, vielleicht nur uns dort oben Geborenen vollauf verständlicher Begriff gemeint ist: diese spezifische, mir eingeborene Seelenstimmung ostdeutscher Romantik verlangte nach einem leuchtenderen Himmel, nach einer pralleren Sonne, nach plastischeren Konturen der Landschaft, nach einer gesünderen, wenn auch derberen Sinnenhaftigkeit der Menschen, als Land und Leute in und um Berlin sie in meinen Augen besaßen.

Ganz anders und typisch norddeutsch empfand meine junge Frau, der es in Berlin ausgezeichnet gefiel, denn hier hatte sie ihre Schulzeit und den größten Teil ihrer Mädchenjahre verlebt, hatte sie schließlich auch ihren Mann gefunden. Ihr erschien der Gedanke, Berlin dauernd mit München zu vertauschen, bei weitem nicht so verlockend wie mir, so viel Freundschaft und Verständnis für ihre temperamentvolle Eigenart ihr dort auch während unseres vorjährigen langen Aufenthalts entgegengebracht worden war. Auch ich selbst war noch nicht mit mir im reinen. Es war ja zuvörderst auch noch an keine dauernde Übersiedlung, nur an einige Frühlingswochen am Tegernsee gedacht. Dort weilte zur Zeit gerade Oskar Panizza, mit dem mich schon seit dem vorigen Jahr eine engere Beziehung verband, so fern sich unser beider Charaktere auch standen – oder vielleicht gerade darum.

Auch wollte ich meinen Knittelreim-Schwank »Der Amerikafahrer«, an dem ich während der letzten Monate vor der Jugendpremiere gebosselt hatte, in dem damals noch sehr stillen und ländlichen Rottach endlich zum gedeihlichen Abschluß bringen. Es gab also Gründe genug für das Vorhaben, ohne daß schon das verhängnisvolle Wort Übersiedlung zu fallen brauchte. Nur im geheimen Herzenskämmerchen hörte ich es wieder und wieder erklingen. Meine Frau merkte es, fühlte, daß etwas im Werden war, und fügte sich tapfer, nach ihrer Art, in das wahrscheinlich Unvermeidliche, das ja zunächst in Gestalt einer Frühlingsreise auch nur seine angenehmste Seite zeigte.

Wir fanden hübsches, wenn auch einfaches Quartier in einem Fischerhaus dicht am See, der hier zwischen Rottach, Egern und der »Parapluie« genannten Landspitze eine schmale Zunge in das südöstlich sich öffnende Bergtal erstreckt. Es war Ende Mai oder Anfang Juni. Der Frühling war wie gewöhnlich erst später Gast am Fuße des Hirschbergs und Wallbergs. Um so verschwenderischer pflegt er seine Gaben zu streuen. Es ist, als wehe ein warmer, befruchtender Hauch aus jenseitigen südlichen Tälern über die Berge hierher in den Schoß der uralten bajuwarischen Klostersiedlung. Üppiger als anderswo im bayerischen Gebirge breiten hier uralte Kastanienbäume ihr noch jugendgrünes Laubdach, steigen mächtige Nußbäume auf den blühenden Wiesenmatten bergan; tiefer verwachsen laden die Parke der alten Landhäuser in ihr verschwiegenes Halbdunkel am blauglitzernden See und die rosaweiße Pracht der blühenden Apfelbäume verheißt reicheren Obstsegen als anderswo. Im Jahre 719 gründeten Benediktinermönche das Kloster Tegrinsee und pflanzten den Keim einer höheren Gesittung in das jungfräuliche Erdreich. Es ist weit mehr als ein Jahrtausend seitdem vergangen. Man spürt die alte bäuerliche Kultur dieses begnadeten Tals bis in die Bauerngärtchen und bis hinter die schmucken weißen Fenstergardinen der buntbemalten Häuserfronten.

Oskar Panizza wohnte im Gasthaus »Zur Überfahrt« in Egern. Dies war schon seit einigen Jahren sein sommerliches Hauptquartier. Es war erst zehn Monate her, seit ich hier, im September 1892, zum letztenmal mit ihm zusammengesessen hatte, im Begriff, eine vierzehntägige Fußwanderung nach dem Gardasee anzutreten. Damals war meine »Jugend« noch unaufgeführt, die Aussicht auf literarischen Ruhm und Erfolg noch in weiter Ferne gewesen. Fast über Nacht hatte sich das geändert; der unbekannte Autor hatte sich einen Namen gemacht. Es war nicht so ganz sicher, wie Panizza sich dazu stellen würde. Nicht daß Neid in einem niedrigen und gewöhnlichen Sinne für den merkwürdig kantigen, ja schroffen Mann kennzeichnend gewesen wäre; aber es war doch im tiefsten Untergrund seines Wesens ein brennender literarischer Ehrgeiz, ein von innen her immer von neuem sich selbst schürendes Feuer, das ihm keine Ruhe ließ und ihn langsam zerfraß.

Er konnte in solchen Stunden – es waren ihrer nicht wenige und sie nahmen zu – sehr ungerecht werden; ungerecht auch gegen sich selbst, indem er plötzlich und unvermutet sein eigenes Schaffen wie mit einem allzu scharfen Messer zerlegte und sezierte, ungerechter noch gegen andere, denn warum hätte er diese schonen sollen, da er doch sich selbst nicht schonte? Er hatte mir (merkwürdig genug für ihn!) schon von Anbeginn unserer Bekanntschaft vorausgesagt, daß ich berufen sei, meinen Weg zu machen. Trotzdem waren mir vor dieser ersten Wiederbegegnung Zweifel gekommen, ob ihm seine Prophetengabe so recht Freude gemacht hatte. Aber ich hatte mich getäuscht. Der fränkische Querkopf und Dickschädel, der er war, blieb mit der ihm eigenen Konsequenz auf der einmal eingeschlagenen Linie und beglückwünschte mich mit einem bemerkenswerten Grad von Wärme zu dem errungenen Erfolg. Hatte er es mir nicht immer vorausgesagt? Solche Leute wie ich kamen zu etwas! Solche Leute wie er blieben im Dunkel und gingen zugrunde! Ich verstand sehr wohl, daß er dies von der Höhe seines Selbstbewußtseins zu mir herunter sagte: daß in der Anerkennung auch schon eine Verurteilung lag; aber ich nahm es ihm nicht weiter übel. Denn ich glaubte ihn gut genug zu kennen, um mir eine Vorstellung davon zu machen, wie hart seine ehrgeizige Seele schon das bloße Zugeständnis ankommen mußte, daß ein anderer Erfolg hatte.

Dazu kam, daß ich ihn als Dichter, als Lyriker wie als Erzähler barock-phantastischer Novellen, hoch schätzte. Und er fühlte, daß dies nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern eine von Herzen kommende Anerkennung seiner dichterischen Eigenart war. Dies stolze, verschlossene Herz dürstete nach Lob, nach Beifall, Ruhm, wie der Verschmachtende nach dem rettenden Trunk. Und noch immer und immer wollten sie sich nicht einstellen, Beifall und Ruhm. Der vierzigjährige Mann sah das mit verbissener Leidenschaft erstrebte Ziel seines Lebens ferner und ferner entweichen. Er mußte hinter ihm her, sei es auf dichterischem Pfade, sei es auf dem des Streiters, des Bekenners entgegen den feindlichen Gewalten der Zeit. Er mußte es einzuholen suchen, koste es, was es wolle; koste es ihn auch sein Leben oder seinen Verstand. Er hat mir schon damals in vertrauten Augenblicken bekannt, daß es da oben bei ihm nicht ganz richtig sei und einmal ein schlimmes Ende nehmen werde. Aber das waren dazumal erst Momente. In den andern, den stärkeren, den sieges- und selbstgewissen Stunden besaß ihn sein Dämon ganz und zwang ihn, hetzte ihn zu dem großen, dem unerhörten Werk, mit dem er alle andern bezwingen wollte. Eben um diese Zeit und auf eben diesem Tegernseer Boden entstand sein »Liebeskonzil«, das ihm zwei Jahre später eine Gefängnisstrafe eintragen und der Anfang von seinem Ende werden sollte.

Oskar Panizza stammte aus einer vermögenden Kissinger Hotelierfamilie. Materielle Sorgen waren ihm erspart gewesen. Frei und ledig aller Fesseln, auch der ehelichen – er war Junggeselle geblieben –, hatte er die ärztliche Laufbahn eingeschlagen, war Schüler aller damaligen medizinischen Kapazitäten in München und anderswo geworden, wenn ich nicht irre, auch in Oxford oder Cambridge, hatte lange Jahre als Assistent in der Münchner psychiatrischen Klinik gearbeitet und sich schließlich als Irrenarzt niedergelassen. Es scheint mir nach allem, was er mir selbst gesagt hat und was ich als Beobachter über ihn weiß, keinem Zweifel zu unterliegen, daß gerade diese irrenärztliche Tätigkeit verhängnisvoll für Panizza gewesen ist und nicht wenig zu seinem späteren Sturz ins Geistig-Bodenlose beigetragen hat. Es war einer von den nicht seltenen Fällen geistiger Ansteckung durch die behandelte Materie, vielleicht auch nur von Übertragung pathologischer Keime durch die Patienten auf den Arzt, was ja nicht ganz das Gleiche ist, indem jene mehr eine Infektion auf theoretischem Wege, diese eine solche durch die Praxis darstellt.

Panizza war Mediziner, war Irrenarzt mit Lust und Liebe und nicht nur im Nebenberuf. Sein ganzes Wesen war davon durchdrungen, wie ja auch sein Dichtertum – fast alles, was er geschaffen hat – Zeugnis dafür ablegt. Aber die eigentlich treibende und richtunggebende Pulsader dieses wirren und irren Lebens war doch eben sein Dichtertum, dem er seine Seele verschrieben hatte, wie Faust dem Teufel die seinige. Denn in Panizzas Schaffen und Dichten war nichts von dem göttlichen Licht, das dem Schöpfungsprozeß innewohnt, nichts Befreiendes, Erhebendes, Erleuchtendes, Erlösendes. Es war vielmehr ein Ringen mit allen Dämonen der Besessenheit, mit den Fratzen und Gespenstern der Unterwelt – seiner eigenen Unterwelt –, mit Hölle und Teufel in der eigenen Brust. Es war kein Zufall, daß ihm Goethe in tiefster Seele zuwider war wie dem Urian das Vaterunser. In diesem fränkischen Gastwirtssohn und Abkömmling eines alten aus Frankreich oder Italien vertriebenen hugenottischen Geschlechts rumorte etwas vom Tier der Apokalypse, vom Antichrist, den er auch im persönlichen Verkehr oft im Munde zu führen pflegte, aber bezeichnenderweise nicht in Verbindung mit sich selbst, sondern immer nur mit den andern, mit den Gegnern: vor allem mit den Päpsten und der katholischen Kirche.

Wir haben über dieses Thema oft miteinander gestritten, damals im Bannkreis der Tegernseer Klostertürme, in der Schattenkühle des Bräustübels, und nachmals noch oft in München. Denn so wie Panizza auf seinem Standpunkt eines fanatischen Hugenottentums beharrte, ebenso vertrat ich ihm gegenüber einen mir durch Blut und Erziehung überkommenen, wenn auch im Glauben nicht sehr taktfesten Katholizismus. Papstgeschichte war ja schon seit langem mein Sondergebiet; ich hatte meine Doktorarbeit daraus entnommen. Die großen Gestalten auf Petri Stuhl hatten von Jugend an meine Phantasie beschäftigt; nicht dem Glaubensdogma zuliebe oder weil ich ihrem weltlichen Machtanspruch angehangen hätte (ich wäre im Mittelalter Ghibelline, nicht Welfe gewesen), sondern weil diese schier unendliche Folge von greisen oder noch jugendlichen Charakterköpfen unter der päpstlichen Tiara mich durch den gleichbleibenden Stempel einer ungeheuren Tradition dichterisch-ästhetisch anzog.

Ich hatte aus diesem Gefühl heraus schon früh sogar ein Verständnis für solche vor dem Richterstuhl der Geschichte abgeurteilte Erscheinungen gehabt, wie Rodrigo Borgia – Papst Alexander VI. – es war. Und hier stieß ich nun aufs heftigste mit Panizza zusammen. Denn eben diesen Alexander VI. hatte er sich als »Helden« seines neuen dramatischen Entwurfs, des »Liebeskonzils«, erwählt, nicht etwa um einen dramatischen Helden im üblichen Sinne daraus zu machen, sondern weil er in ihm die Verkörperung seiner schreckhaften Alpdruckträume: weil er den leibhaftigen Antichrist in ihm erblickte. Und vielleicht lag gerade hier – wer ermißt die Abgründe der Seele? – das eigentliche tertium comparationis zwischen Alexander VI. und Panizza, so paradox der Vergleich klingen mag, nämlich, daß in ihnen beiden ein Stück Antichrist im biblischen Sinne Fleisch geworden war; und der springende Punkt, an dem sich der Zeugungsfunke der Dichtung entzündete, war eben der, daß den beiden Naturen, dem blutig-grandiosen Borgia aus der Renaissancezeit und dem barock-überheizten Dichter des fin de siècle, eine Art von Wesensverwandtschaft eignete, die den Späteren unwiderstehlich zu dem Früheren hinzog, wenn auch nur umein Zerrbild aus ihm zu machen und ein abschreckendes Beispiel für die Nachwelt aufzustellen.

Schon in jenen Rottacher Frühlingstagen des Jahres 1893 gewann ich den Eindruck, daß Panizza entschlossen war, für die Verwirklichung seiner ehrgeizigen dichterischen Träume jeden menschlichen Preis zu zahlen – sei es auch den der Märtyrerkrone. Ich schloß aus seinen Andeutungen, daß er es mehr und mehr aufgab, auf einem normalen, üblichen Wege das Ziel seiner Wünsche, den erträumten Dichterruhm, zu erreichen. Sein klarer, eiskalter Verstand – eine merkwürdige Zugabe dieses barocken Gehirns – sagte ihm wohl mit Recht, daß seine natürlichen dichterischen Mittel schwerlich ausreichen würden, die Aufmerksamkeit, geschweige denn die Bewunderung eines künstlerisch, dichterisch so ganz anders gerichteten, eines naturalistischen Zeitalters auf sich zu lenken. Aber wenn es so nicht ging, wenn dichterische Mittel versagten, warum sollte es nicht mit außerdichterischen gelingen? Wenn der Verfasser die Schranken des Dichterischen durchbrach und mit seiner Lanze gegen die religiösen Gefühle einer großen Glaubensgemeinschaft anrannte, sie verwundete, sie tödlich verletzte und dann dem Gegenstoß einer feindlichen Übermacht erlag: wenn also der Dichter zum Märtyrer seiner Überzeugung wurde, mußte da nicht diesem die Krone des Lebens zufallen, die jenem vielleicht versagt blieb? Der Dichter als Märtyrer. Der Märtyrer als Dichter. Wo war da noch ein Unterschied? Warum hätte die Rechnung nicht stimmen sollen? Zwei Jahre später, an einem schwermütig düsteren Frühlingstage, sollte Panizza im Münchner Justizpalast die Antwort auf diese Frage erhalten, sollte die Probe auf sein Lebensexempel gemacht werden. Sie ist tragisch ausgegangen. Tragischer noch als die vielen andern tragischen Lebensläufe, die meinen Weg gekreuzt haben. Denn sie sollte im Gefängnis und viele Jahre nachher im Irrenhaus endigen.

Von all dem zeichneten sich in jenen Rottacher und Tegernseer Frühlingstagen erst schwache früheste Umrisse im Dämmerlicht des Morgigen ab. Ich erinnere mich, daß das menschliche und dichterische Problem Oskar Panizzas mir schon früh allerlei zu denken gegeben hat. Seine Zukunft ist mir bereits damals nicht ganz geheuer erschienen. Im übrigen empfand ich derlei natürlich nur, wie man fliegende Wolkenschatten an einem sonst heiteren Himmel und über einer sommerlichen Landschaft empfindet: als schnell vorübergehende Verdüsterungen, die dem wiedererscheinenden Licht doppelten Glanz verliehen. Ich hatte überdies auch genug mit mir selbst zu tun. Mein Versschwank – ich weiß nicht, ob er schon damals seinen Titel »Der Amerikafahrer« trug – näherte sich jetzt mit raschen Schritten dem Abschluß. Ich hatte zwei fertige Akte im Koffer. Vor sechs Monaten, zu Weihnachten 1892, hatte ich sie in Friedenau in Angriff genommen und gerade noch kurz vor der »Jugend«-Premiere unter Dach und Fach gebracht. In eben diese Zeit war die Annahme der »Jugend« am Residenztheater, war das Fieber des Wartens gefallen, das Hangen und Bangen, ob der Verheißung auch die Tat folgen werde. Welch ein leidenschaftliches Auf und Ab in Hoffen und Fürchten, in Überschwang, Verzweiflung, jäher Erfüllung, zaghaft tastender Siegesfreude und flackernder Nervenzerrüttung war das gewesen! Was hatte ich nicht an wilden Gefühlskontrasten und an einem unerhörten Schicksalswechsel in diesen Monaten erlebt, während ich – wie um das Kunterbunt der Kontraste vollständig zu machen – immer weiter an meinen Knittelreimen gehämmert und gebosselt hatte! Aber war es nicht vielleicht gerade jenes ganz handwerkliche, ganz artistische Hingegebensein an die dichterische Kleinarbeit, was diese gesamte berstenwollende Gefühlswelt wie ein unsichtbarer Reifen zusammengehalten und vor der Explosion bewahrt hatte? Wenn ich heute auf jenes seelische und geistige Chaos zurückblicke, so wird es mir zur Gewißheit, daß »Der Amerikafahrer«, mag das kritische Urteil über ihn lauten wie es wolle, mir in einem beinahe wörtlich zu nehmenden Sinne das Leben gerettet hat.

Und jetzt schien es, als hätten die Wellen begonnen, sich zu glätten. Die Arbeit am dritten Akt vollzog sich gleichsam in einer ruhigeren Zone, in einer stilleren See. In rascher Fahrt ging es vorwärts, dem Hafen entgegen. Sehr förderlich war es, daß ich nun auch die Technik des Verses, des Knittelreims ganz in meine Gewalt bekommen hatte, souverän darüber kommandierte. Dies war nicht von Anfang an so gewesen. Ich hatte mich ehrlich mit dieser mir doch ganz neuen und ungewohnten Technik abzuraufen gehabt. Die volle Herrschaft darüber war mir erst jetzt, war mir erst durch die Arbeit selbst geworden. Denn es ist nicht etwa so, daß der Knittelreim, als eine äußerlich primitiv erscheinende Kunstgattung, deshalb zu seiner Handhabung auch wieder nur primitiver Kunstmittel bedürfte; daß er – wiederum primitiv ausgedrückt – eigentlich nur ein Vers für Dilettanten sei, wie vielfach angenommen wird. Hans Sachs und Goethe, die Jobsiade und Busch' Verse beweisen das Gegenteil. Trotzdem trifft man immer wieder auf das alte Vorurteil. Was meinen eigenen Fall angeht, so glaube ich, daß jedem, der ein feines Ohr für Rhythmus besitzt, die wesentlich reifere Versbehandlung im dritten Akt meines Schwankes bewußt werden wird, wenn er sich die Mühe nimmt, sie mit derjenigen der beiden ersten Akte zu vergleichen.

Im übrigen liegt es mir durchaus fern, hier eine kritische Würdigung oder Rettung jenes Jugendwerkes zu versuchen. Ich war siebenundzwanzig Jahre alt, als ich dieses ausgelassenste »Kind meiner Laune«, meines Spieltriebs, jenes niederdeutschen Hanges zu Scherz und Fopperei und Eulenspiegelei aus dem Übermut und dem Überschuß der Jugend erzeugte. Hieße es nicht eine strotzende Bauerndirne in einen Reifrock zwängen, wenn ich in meinem heutigen Alter unternehmen wollte, jenes urwüchsige und ungehobelte Geschöpf einem geneigten Leser mit dem ästhetischen Lineal vorzumessen und es literarisch-kritisch aufzuzäumen. Genug, daß es mein erster Versuch war, dem herrschenden Naturalismus auf möglichst ungezogene Weise eine Nase zu drehen, und daß eben aus diesem Grunde der Durchfall des Schwankes beim Publikum und bei der Kritik nachher ein vollständiger war.

Am Johannistage 1893 schrieb ich den Schluß der Posse nieder. Es stand gerade ein schweres Gewitter über Rottach und Egern. Dies war nun freilich an sich nichts Besonderes, vielmehr ein fast tägliches Vorkommnis in jenen Juniwochen, so daß man es schon hätte gewöhnt sein können. Trotzdem wurden wir in unserer niedrigen Fischerstube hart am Wasser stets recht nervös, wenn wieder einmal das wohlbekannte Gewölk sich über dem Hirschberg zusammenballte und der Donner erst noch fernher und dumpf zu murren begann. Wir wußten dann schon, daß in wenigen Minuten der soeben noch grünblau schillernde See sich tintenschwarz färben und der Gewittersturm weißgischtende Schaumkronen über die aufgewühlte Tiefe hinwegpeitschen werde.

Aber an jenem Nachmittag trieben die Elemente ihr schaurig großartiges Spiel doch über alles bisher Gesehene hinaus. Nach einer vorhergegangenen beklemmenden, bleiernen Schwüle und Stille brach das Unwetter mit einer solchen Gewalt los, daß im Nu Wassersäulen aus dem See aufstiegen und einen wilden Tanz miteinander aufführten. Die Donnerschläge krachten und rollten in verzehnfachtem Echo über die Berge und durch das Tal hin. Die Wände unserer Stube zitterten. Es war abwechselnd stockdunkle Nacht und blendende Blitzeshelle im Zimmer. Ich war gerade im Begriff gewesen, die letzten Verse hinzuschreiben, hatte aber die Feder niederlegen müssen, weil ich nichts mehr sah. Plötzlich gab es in unserer nächsten Nähe einen betäubenden Knall, ein langhinschepperndes Krachen und Donnern ... Es mußte unmittelbar neben uns eingeschlagen haben. Vielleicht in den See, in den fast ununterbrochen Blitze niederzuckten. Wir meinten, unser letztes Stündlein sei gekommen, und wußten uns keinen anderen Ausweg mehr, als den einzigen Tisch, der im Zimmer stand – meinen Arbeitstisch mit dem Tintenfaß und dem Manuskript –, genau in die Zimmermitte zu rücken und uns eng aneinandergelehnt darauf zu setzen, indem wir die Füße möglichst in die Höhe zogen und solcherweise, umgeben von den Sinnbildern meines Berufs, von Manuskript und Tintenfaß, unser Ende erwarteten. Es wäre eine prächtige Momentaufnahme für die illustrierten Blätter gewesen, nur daß es damals weder jene noch diese in ihrer heutigen Erscheinungsform gab.

Eine halbe Stunde später stand ein wunderschöner, bunter Regenbogen über dem Riederstein und sah durch das geöffnete Fenster ein gerettetes Dichterpaar engumschlungen auf dem Tisch sitzen.

*

Dem Münchner Kreis, dessen hier bereits Erwähnung geschah, gehörten zu jener Zeit außer Panizza vor allem Hans von Gumppenberg, Otto Julius Bierbaum, Wilhelm Weigand, Julius Schaumberger, Georg Schaumberg, Ludwig Scharf an. Sein Begründer und anerkannter Führer war Michael Georg Conrad. Auch er war fränkischen Geblüts wie Panizza, von dem er im übrigen durch eine Welt der Gegensätze getrennt war. Der hünenhafte Mann mit dem hocherhobenen Löwenhaupt, dem weichgelockten Bart- und Haupthaar und dem breitausladenden Brustkasten, im enggeschlossenen Jägerrock, war ein verspäteter Nachfahr jener Achtundvierziger-Demokraten, jener tönenden Verkünder und Propheten, die von der erträumten Herrlichkeit eines neuen Deutschen Reichs in Zungen vor allem Volk geredet und, als sie dann durch Bismarck Wirklichkeit geworden war, enttäuscht ihr den Rücken gekehrt hatten.

Diese Vätergeneration von Mißvergnügten, von desillusionierten echt deutschen Schwärmern und ideologischen Phrasenmachern ging eben damals allmählich zu Grabe. Der um ein Menschenalter jüngere Michael Georg Conrad – er war 1846 geboren, repräsentierte also uns gegenüber bereits wieder ein älteres Geschlecht – hatte vor jenen Achtundvierzigern, mit denen ihn manche äußeren und inneren Merkmale verbanden, doch den entscheidenden Vorteil voraus, daß ihm alles das, wofür die Älteren gekämpft hatten, woran sie gescheitert waren, bereits als Erbe, als Erfüllung zugefallen war. Er hatte in der flammenden Jugend seiner Zwanzigerjahre des Reiches Wachsen und Werden erlebt, hatte die Sonne Richard Wagners in ihrer Mittagshöhe gesehen und bewundert, war dem aufsteigenden Gestirn Nietzsches und seiner rätselvollen Lichtbahn bis zum jähen Erlöschen mit leidenschaftlicher Anteilnahme gefolgt. Sein Weg hatte ihn auch schon früh von dem zuerst ergriffenen Lehrerberuf fort und ins Ausland, nach Paris und Italien, geführt und ihn mit den Schöpfern des französischen Naturalismus, mit Zola und den Goncourts, in eine lange nachwirkende Verbindung gebracht.

Die auch ihm eigene Gabe altdemokratischen Schönrednertums, die er mit jener Vormärz-Generation teilte, war durch alle diese verschiedenartigen, ja im Grundwesen einander widersprechenden Einflüsse und Lebensinhalte – Wagner, Nietzsche, Zola, Bismarck – doch auf eine besondere Weise befruchtet, bereichert, vertieft und unterbaut worden, so daß in seinem Munde Bedeutung und Charakter gewann, was gerade uns Jüngeren sonst leicht als Phrase und billiges Pathos erschienen wäre. So war er wie kaum ein anderer zum Führer und Fahnenträger eines neuen Geschlechts berufen, das die alten Tafeln und Handhaben fortgeworfen hatte und doch irgendwo in der Vergangenheit auch wieder einen Halt suchte, um das Seil seiner Zukunft daran anzuknüpfen. Der Gnodstadter Bauernsohn vertrat in unsern Augen beides: Vergangenheit und Zukunft. Er war der Träger und Übermittler einer glänzenden Tradition, eines blendenden Gestrigen, das für uns das Morgige war und den Stempel der Zukunft trug. Das Werdende, das Kommende in Politik, Musik, Theater, Literatur, Philosophie: hatten nicht Bismarck, Wagner, Zola und Ibsen, Nietzsches Zarathustra es vorausgeahnt und vorausgelebt? Waren es nicht die Geister großer Ahnen, in deren Zeichen wir kämpften und selbst das Unterliegen noch ehrenvoll war? Wenn der heldenhafte, das Mittelmaß weit überragende Mann in den literarischen Volksversammlungen jener Tage auf die Rednerbühne trat und hocherhobenen Hauptes mit feurigen, hymnischen Sätzen jene geweihten Geister als Zeugen der Zukunft herbeibeschwor, so erschauerten alle Gemüter. Zumal die Herzen der Frauen flogen ihm zu.

Es war damals etwa sechs Jahre her, seit ich mit Conrad in persönliche Berührung gekommen war. Ich habe darüber im ersten Teil »Scholle und Schicksal« berichtet. Er hatte in seiner »Gesellschaft«, der lange Jahre hindurch führenden Zeitschrift der jungen literarischen Generation, die Einleitungsszene meines Erstlingsdramas »Ein Emporkömmling«, eine Totengräberphantasie, veröffentlicht und mich damit literarisch aus der Taufe gehoben. Ich hatte mich dem berühmten Manne nur schüchtern und zögernd genähert, wie es nun einmal meine Art war gegenüber Älteren und so viel Bekannteren. Seither waren wir uns immer näher gekommen und hatten schließlich Freundschaft geschlossen.

In diesem Verkehr von Mensch zu Mensch, beim Glase würzigen Frankenweins – er liebte den Trunk der heimatlichen Rebe –, erschloß sich das Herz des prächtigen Mannes ganz. Wer ihn so kennenlernte, mußte ihn schätzen, mußte ihn lieben lernen, auch wenn manchmal die Köpfe sich erhitzten und die Meinungen aufeinanderstießen. Er näherte sich zu jener Zeit bereits den Fünfzig. Sein Name war durch die literarischen Kämpfe des letzten Jahrzehnts weithin bekanntgeworden. So mancher andere hätte sich in einen sakralen Weihemantel gehüllt, wäre einem literarischen Bonzentum verfallen. (Wer wüßte nicht genug Beispiele hierfür!) Nichts von alledem in Conrads Gehaben. Er war der gute Freund, der wohlmeinende Kamerad von uns allen, die ihm vertrauten, auch des Jüngsten unter uns. Man konnte dem feurigen Manne auch nicht böse sein, wenn er in der Erhitzung des Augenblicks, im Überschwang seines sanguinischen Temperaments, dem oder jenem etwas versprochen hatte, was er nachher nicht zu halten vermochte. Es wurde – wie manches andere an ihm – als eine liebenswürdige und verzeihliche Schwäche belächelt und übersehen.

Er war in zweiter Ehe mit Marie Conrad-Ramlo verheiratet, der hinreißenden und genialsten Nora, die ich je auf der Bühne gesehen habe. Die merkwürdige und bedeutende Frau – sie war auch Schriftstellerin von Rang – hatte sich in den seitdem vergangenen Jahren zu einer ersten Charakterdarstellerin entwickelt und war eine Hauptstütze des unter Possarts Leitung stehenden Hoftheaterschauspiels. Schroffe, einseitige oder auch komisch-bizarre Frauengestalten, wie sie gerade das neuere Drama in zunehmendem Maße auf die Bühne stellte, lagen ihrer Eigenart am besten und wurden schließlich ihr ganz besonderes Gebiet. Unvergeßlich wird mir in ihrer Mischung von Bosheit und Grauen ihre Großmutter Doorn in meinem Drama »Der Strom« bleiben, eine der reifsten und erschütterndsten Verkörperungen ihrer Spätzeit. Aber dieselbe Frau, die am Ende ihres Lebens dieser Nachtgestalt die starken Farben ihrer Kunst lieh, war doch in ihren jungen Tagen auch die entzückendste Darstellerin jener koketten, schelmischen und dreisten Kammerkätzchen Molières gewesen.

Eine einzige klare und gerade Entwicklungslinie führte von diesen leichtbeschwingten spitzbübischen Jugendgebilden über das in allen Farben schillernde Vollreife Frauentum Noras bis zu den verhutzelten Thomaschen Bauernweiblein und den Spukgestalten ihres Alters. Welch eine Spannweite eines Schauspielerinnenlebens! Denn es scheint doch eine nicht wegzuleugnende Erfahrungstatsache zu sein, daß es den Schauspielerinnen seltener als den Schauspielern beschieden ist, alle Altersstufen mit der gleichen Eindringlichkeit und Lebensnähe auf den Brettern zu durchschreiten. Aus dem jugendlichen Liebhaber wird später oft genug ein tüchtiger Charakterspieler, aus dem jugendlichen Helden dermaleinst ein würdiger Heldenvater. Aber wieviel seltener beobachten wir, daß eine Naive oder eine jugendliche Liebhaberin in ihren späteren Tagen eine bedeutende Charakterspielerin wird! Dies hängt im tiefsten Grunde mit einem Naturgesetz zusammen, wonach die Wirkungsmöglichkeiten der Frau in viel höherem Maße auf Jugend angewiesen sind, sich auf Jugend beschränken, sich in Jugend erschöpfen, als dies beim Mann der Fall ist. Aber wenn dies schon im Leben sich so verhält, um wieviel stärker wird es auf den Brettern zum Ausdruck kommen, die uns das gesteigerte und konzentrierte Spiegelbild des Lebens wiedergeben.

Ich kam während jener Frühlingswochen 1893 einige Male auch nach München und erneuerte die alten Beziehungen mit den dortigen Freunden, mit Schaumberger, Scharf und natürlich auch mit Conrad. Er verkehrte viel in der Fränkischen Weinstube in der Landschaftsgasse, die längst vom Erdboden verschwunden ist. Man konnte ihn dort in der Dämmerstunde treffen, wie er seinen Gedanken hingegeben vor einem Glase seines geliebten Frankenweins saß. Bei einer solchen Gelegenheit war es, wo er mir in Hinsicht auf die Berliner naturalistische Bewegung sein Herz ausschüttete. Sie hatte ja schon seit Jahren, bereits seit der Begründung der »Freien Bühne« 1889 durch Brahm, vollends durch den Siegeslauf Hauptmanns, ihren eigenen Weg eingeschlagen, sich immer weiter von der Münchner Bewegung entfernt, die sich doch eigentlich als die naturalistische »Urkirche« ansah, und war im besten Zuge, sich selbst als die Hochkirche eines orthodoxen Naturalismus auszurufen.

Conrad litt schwer unter dieser Sezession, unter dieser »Glaubensspaltung«, wie man es ja nennen konnte. Besonders tief traf es ihn, daß die Führer der Berliner »Freien Bühne«, Brahm und Schlenther, in denen vor allem ja jene naturalistische Hochkirche sich verkörperte, aber auch Männer, wie der einflußreiche Berliner Literaturpapst Erich Schmidt, nur mit Achselzucken von seinem poetischen wie von seinem publizistisch-agitatorischen Wirken sprachen und diese ganze während eines Jahrzehnts von ihm in München geleistete Vorbereitungsarbeit mit einer vornehmen Handbewegung abtaten. War das nicht ein grober Undank gegen ihn – Conrad –, der doch in seiner »Gesellschaft« sie alle zuerst entdeckt und ans Licht gebracht hatte, so Hauptmann wie Holz und Schlaf und wie ja auch mich? Und nun geschah gar das Unerhörte, daß Brahm und Erich Schmidt sich plötzlich Paul Heyses erinnerten und ihn auf den Schild erhoben – eben diesen gehaßten Paul Heyse, dessen Allmacht in München zu bekämpfen eine von Conrads Hauptaufgaben gewesen war.

Dies war fast das Bitterste für Conrad, da er sich dadurch um den Erfolg jahrelangen Kampfes gebracht sah. Er hoffte in mir so etwas wie einen Vermittler mit den Berlinern zu finden, da ich ja durch mein häufiges Herüber und Hinüber gewissermaßen in beiden Lagern stand, jedenfalls in beiden Freunde hatte und vielleicht eine Brücke schlagen konnte. Ich suchte ihn nach Möglichkeit zu trösten und ihm die Dinge in einem helleren Licht erscheinen zu lassen. Aber ich wußte, daß ich dies eigentlich gegen meine bessere Überzeugung sagte, denn die Gesinnung besonders von Brahm gegenüber Conrad und der Münchner Schule überhaupt war mir nur zu wohl bekannt. War nicht auch ich selbst aus dem Münchner Kreis gekommen und hatte es nicht langer Jahre, vieler Anstrengung bedurft, um das Vorurteil des »Berliners« Brahm gegen den »Münchner« in mir zum Schweigen zu bringen, wenn auch nicht aus der Welt zu schaffen?

Ich habe schon einmal an einer andern Stelle Brahm den »Cromwell des Naturalismus« genannt. Er kannte in seiner fanatischen Unbedingtheit, die man auch Unduldsamkeit nennen konnte, keine Rücksichten, keine Konzessionen, keine Kompromisse. Wenigstens noch nicht zu jener Zeit (1893), von der ich hier berichte. Als er nachher Theaterdirektor wurde und gar, als er es schon einige Jahre gewesen war, wurde das freilich anders. Auch er mußte die ihn gewiß bitter genug ankommende Erfahrung machen, daß niemand ungestraft zur Gilde der Theatergewaltigen gehört. Brahm selbst hat mir dies später einmal, bei einem Zusammensein zu zweien, eingestanden, indem er es in die bezeichnende Formel faßte: »Das ist ein Geschäft« (nämlich das des Theaterdirektors), »bei dem man unmöglich selig werden kann!« Dabei schenkte er aus einer vor uns stehenden Flasche sehr alten, sehr vornehmen »Chateau d'Yquem« unsere beiden Gläser voll und trank mir mit einer Miene so voll Ironie, Satire und tieferer Bedeutung zu, daß ich den Ausdruck mein Lebtag nicht vergessen werde.

Es kam, wie ich mir gedacht hatte. Von Brahm zu Conrad hat kein Weg geführt. Berlin und München strebten auch auf literarischem Gebiet, wie auf so vielen andern, immer mehr auseinander, bis schließlich auf ein Menschenalter hin eine unsere ganze literarische und künstlerische Kultur bestimmende Tatsache daraus werden sollte.

Es wurde Zeit, an die Rückkehr in die norddeutsche Heimat zu denken. Mitte Juli 1893 verließen wir den Tegernsee und München. Ich hoffte, wenn meine Pläne sich erfüllten, auf ein baldiges Wiedersehen mit den altvertrauten Frauentürmen. Wir besuchten in Rudolstadt Wilhelm Hegeler, der sich dort seine Braut geholt hatte, verbrachten einen schönen Sommertag im Schwarzatal und fuhren, ohne uns in Berlin lange aufzuhalten, nach Derben an der Elbe zu meinem Schwiegervater, dem Schmiedemeister und Wundermann. Denn hierzu hatte er sich in den letzten Jahren immer mehr entwickelt.

Ein wachsender Kreis von Anhängern, von Gläubigen eines kommenden tausendjährigen Reiches, hielt zu ihm und schwor auf seine Worte. Und nicht nur auf diese. Man fing an, ihm übernatürliche Kräfte zuzuschreiben; auch er selbst begann daran zu glauben, hatte wohl schon von je daran geglaubt, wie ich den Kindheitserinnerungen meiner Frau, seiner Tochter, entnehmen konnte. Schon ihre inzwischen verstorbene Mutter hatte vergebens dagegen angekämpft und schwer darunter gelitten, da der frühere Wohlstand des Hauses langsam dadurch dahinschwand. Nun, da sie nicht mehr war, hatte sich das Prophetentum des fünfzigjährigen Mannes schnell und hemmungslos auswachsen können. Alle diese Gläubigen – Handwerker, Knechte, Fischer, Elbschiffer – vertrauten fest auf die Wunderkraft wie auf die Verheißungen ihres Herrn und Meisters. Ein neues Jerusalem sollte erstehen, und wem es gegeben sein würde, es mit seinen leibhaftigen Augen zu sehen, über den würde der Tod keine Macht besitzen. Alle Schauer des Geheimnisses und der Mystik überliefen die andächtig horchende Gemeinde, wenn der Meister ihnen aus den Worten der Schrift auf eine nicht zu widerlegende, triftige Weise eine beinahe unfaßbare Zukunft erschloß. Die Klugen und Gewitzten im Dorf und weit herum in der Gegend – denn es hatte sich immer mehr herumgesprochen – redeten von offenbarem religiösen Wahn und riefen nach der Behörde. Indessen verfielen Haus und Hof, die Arbeit am Amboß ruhte mehr und mehr, das Handwerk hatte längst keinen goldenen Boden mehr, wie in den Tagen des Glücks, die noch meine Frau als Mädchen erlebt hatte.

Es schien mir der typische Fall einer Prophetenlaufbahn, vielleicht auch (wer wollte hier prophezeien?) eines Prophetenschicksals zu sein. Und ich sah es ja nicht als außenstehender Beobachter. Ich war vielmehr unmittelbar daran beteiligt; es ging ein mir teueres Menschenwesen aufs nächste an. Ich war seit zwei Jahren ein häufiger Besucher im Hause meines Schwiegervaters gewesen, hatte hier in Derben meine »Jugend«, wenigstens den größten Teil davon, geschrieben und beendigt. Starke Erinnerungen verbanden mich mit der wohlvertrauten Stätte, so einfach ländlich sie war. Auch das Dorf selbst, eines der größeren, hart am Elbedeich gelegen, gemahnte mich in vielem, in der Bauart der Häuser, in der Natur der Landschaft, im Charakter der Menschen an mein heimatliches Güttland, so verschieden auch manches wiederum anmutete.

Und nun erlebte ich hier etwas, was man wahrlich nicht alle Tage erleben konnte, nämlich wie jemand Prophet wurde, wie über jemanden die Erleuchtung kam, daß er alles andere hinter sich warf und nur Gott suchen ging auf seine Weise! Erlebte einen solchen unerhörten und typischen Fall aus allernächster Nähe, gewissermaßen am eigenen Leibe! Erlebte ihn zwei Stunden von Berlin und in einem durch und durch materialistischen Zeitalter, das solche Katze belächelte und nur ein Achselzucken für sie hatte! Lag hier nicht ein dichterischer Fund, nach dem ich nur die Hand auszustrecken brauchte, und er war mein? Wußte ich das nicht schon seit zwei Jahren und hatte doch immer nicht die Kraft gehabt, ihn zu meistern? Wie kam das nur? Ansätze, Versuche dazu lagen unter meinen Papieren. Ich hatte sie von dieser, von jener Seite her angepackt: stets entglitt die widerstrebende Materie meiner formenwollenden Hand. War vielleicht der Stoff doch spröder, tückischer als ich aufs erste ahnte? Lag es an der Formgebung, am Stil, an der Diktion? Schwankte das nicht alles noch zwischen einem bisherigen Naturalismus und einem kommenden Neuen, über das ich mir selbst noch keine Rechenschaft zu geben vermochte?

So viele Fragen, so viele Zweifel! Und doch ließ mich das Thema nicht los, meldete sich immer wieder und wieder! Nun vollends hier an Ort und Stelle, wo es mir auf den Nägeln brannte, alles mich mit Gewalt darauf stieß. Geheimnisvoller Vorgang des dichterischen Geborenwerdens, der dichterischen Fleischwerdung! Mögen nicht ähnlich so in jenem unbekannten und doch geahnten Zwischenreich, das von keinem Sterblichen betreten, dicht vor den Toren unserer Erscheinungswelt liegt, die Seelen der Ungeborenen sich um jeden Lichtschein aus dieser Erdenwelt drängen, um Einlaß in sie zu finden und Menschengestalt zu gewinnen?

Wie gesagt, das Thema begann mir auf den Nägeln zu brennen. Aber nicht nur auf eine äußerliche Weise, durch seine greifbare persönliche Nähe. Auch von innen her war der Boden dafür aufgelockert wie nie vorher. Ich durchlebte um eben diese Zeit, Schritt für Schritt, die ersten Anfänge einer Rückwandlung aus dem Materialismus meiner ersten Zwanzigerjahre in einen – wie sollte man es damals nennen? – einen geläuterten Spiritualismus, der noch nichts von religiösen, geschweige denn von konfessionellen Formen und Formeln wissen wollte, die Frage von Gott und Unsterblichkeit offen ließ, aber doch wieder einer übersinnlichen Sphäre, wenn auch noch zweifelnd, Raum gab.

Schwere Nervenanfälle, wie ich sie besonders in den letzten Monaten erlebt hatte, mögen das Ihrige zu jener Selbstreinigung und Selbstbesinnung beigetragen haben. Schon seit 1888, wo sie zum erstenmal aufgetreten waren, hatten mich schlimmste, zu Tode erschöpfende Angstzustände immer wieder in gewissen Pausen gequält und meine Stimmung verdüstert. In der letzten Zeit waren sie eine fast tägliche Erscheinung geworden und hatten mir das Leben beinahe zur Last gemacht, so jung ich ja schließlich noch war. Und der bitterste Stachel, daß dies gerade in einem Augenblick geschah, wo meine äußere Lebensbahn mir Glück und Erfolg verhieß und alle Welt glaubte, ich müßte in einem Meer von Seligkeit schwimmen! Geschah es da nicht beinahe mit Notwendigkeit, daß sich der Sinn des Leidenden, des Kranken über seine Jahre hinaus nach innen kehrte und die Lebensrätsel tiefer ergriff? Und mußte darum nicht auch ein Stoff wie der vom Propheten eines kommenden Gottesreiches, der schließlich mit sich selbst und mit der Welt zerfiel und daran scheiterte, ein besonders fruchtbares Erdreich finden? Dessenungeachtet sollte noch ein Zeitraum von sechs Jahren, fast der Rest des zu Ende gehenden Jahrhunderts, verstreichen, ehe der damals gestreute Samen aufging.

Es waren doch nicht nur Schwermut, Verdüsterung und tragische Vorahnung über diesen Derbener Sommertagen 1893. Die menschliche Seele hat in der engsten Zeitspanne Raum für die stärksten Gegensätze und Kontraste. Außer meiner Frau und mir war ja noch ein ganzer Schwarm von jungen Schwägerinnen im Hause. Meiner Frau als der Ältesten waren im Abstand von je einem Jahr zahlreiche Schwestern gefolgt, wovon die jüngsten noch die Schule besuchten, die an der Spitze marschierenden schon voll erwachsen, aber noch unverheiratet waren. Begreiflich genug, daß es nicht an Leben und Bewegung fehlte, vielmehr ein äußerst lustiges und übermütiges Treiben herrschte, das auch vor mir als der anerkannten Respektsperson nicht immer haltmachte. Von der grüblerischen, weltabgewandten Art des Vaters war auf dieses Bataillon junger lebenslustiger Töchter so gut wie nichts übergegangen, und ich war dem Himmel dankbar dafür. Sie bemächtigten sich des Widerstrebenden und die Einsamkeit Suchenden, so oft sie nur konnten, und trieben mädchenhaften Schabernack. Er mußte lachen, ob er wollte oder nicht.

Auf den weiten Wiesen am Elbstrom wurde Ball gespielt, jede Partei suchte die andere aus dem Felde zu schlagen; es war eine Vorübung der heutigen Rasen- und Bewegungsspiele, die man damals noch nicht kannte; die ganze Dorfjugend sah uns vom Elbdeich verwundert zu. Oder wir saßen auf der Uferböschung des großen Stroms im heißen Sand, ließen die Füße auf das Wasser hinunterbaumeln und sahen die großen Elbkähne auf den kurzen strudelnden Wellen stromabwärts gleiten.

Aus dem silbergrauen Dunst des Hochsommermittags tauchten am nördlichen Horizont die Türme der alten Kaiserpfalz Tangermünde, die einmal nahe daran gewesen war, des Reiches Hauptstadt zu werden. Es war die Erdenstunde der Könige aus dem Hause der Luxemburger. So war es wiederum alter geschichtlicher Boden, auf dem wir großen Kinder jenes nun auch längst vergangenen Heute uns balgten und neckten und uns des Lebens freuten, als könne es kein Ende nehmen.

Ja, ich war dem Leben wiedergeschenkt. War ein Genesender. (Es mußte mir wenigstens damals so erscheinen. Wie anders es war, wieviel schlimmer es in Wahrheit um mich stand, sollte erst eine nahe Zukunft erweisen.) Erfrischt, erheitert, zu neuem Lebensmut erhoben, verließ ich die ländlich-sommerliche Stätte mit dem tragischen Prophetenhintergrund, um sie niemals wiederzusehen. Wochen, Monate bunten Szenenwechsels folgten und ließen mich kaum zur Besinnung kommen. (Vielleicht, wie es um mich bestellt war, nicht einmal zu meinem Schaden.) Das Bellevuetheater in Stettin brachte als erste Provinzbühne nach Berlin meine »Jugend« heraus. Vilma von Mayburg spielte als Gast das Annchen. Konnte ich fehlen? Wann hätte man es erlebt, daß ein junger Dichter, der die Welt soeben mit einem erfolgreichen Liebesdrama beglückt hat, gegenüber der schönen, reizvollen Darstellerin seiner Heldin die Kälte eines Gletschers bewahrt hätte? Mir jedenfalls war es nicht gegeben! Berufskrankheiten! Ich gestehe offen ein, es war das erste, aber gewiß nicht das letzte Mal, daß ich ihnen verfallen bin. Wer von euch andern immun gegen sie war, der werfe den ersten Stein auf mich! ...

Es wurde ein großer, ja stürmischer Erfolg auf der sommerlichen Gartenbühne, die unter den damaligen deutschen Provinztheatern eine sehr geachtete Stellung einnahm. Das Stück, die Darsteller, vor allem natürlich die liebende Heldin, und der Verfasser wurden sehr gefeiert. Es herrschte helle Begeisterung, an der auch Ludwig Malyoth, der alte Freund aus Münchner Studententagen, teilnahm. Das Leben hatte ihn von Danzig und Berlin hierher nach Stettin verschlagen, wo er als rechte Hand des Direktors nicht wenig zum Gedeihen seines Theaters beitrug. Gerade ein Jahr war es her, seit ich ihm hier in der Ecke einer verschwiegenen Weinstube mein eben entstandenes Liebesdrama vorgelesen hatte. Wer von uns beiden hätte damals etwas über das Schicksal des Stückes voraussagen wollen! Aber es war keine Zeit, über die Problematik des Lebens – im Guten wie im Bösen – viel nachzudenken. Wie im Traum verflogen diese glücklichen, heiteren Stettiner Tage mit ihren Ausflügen ins Grüne der Oderwiesen, mit der Hingerissenheit des abendlichen Spiels.

Ein mehrwöchiger Aufenthalt mit meiner Frau am Strand von Swinemünde. Blanker Dünensand, Wogenbrandung, Flundern und Spickaal. Und im Handumdrehen, wie in einem heutigen Film, Südtirol, Bozen, Meran, Stilfserjoch. (Hier fand ich an einer Kehre der zu den Eisgletschern sich hinaufwindenden Straße den Denkstein einer menschlichen Tragödie und empfing schauernd den Keim meines nachmaligen Ronans »Die Tat des Dietrich Stobäus«.) Veltlin. Comersee. Mailand. Venedig. Risotto. Chianti. Gondeln. Rotblonde Frauen. Der lombardisch-venezianische Typus, der noch bis heutigen Tages nicht seine germanische Blutmischung verleugnet. So hatte ihn Giorgione, hatte ihn Tizian gemalt. So sieht man ihn noch heute in Fleisch und Blut und blühendem Leben auf der Piazza San Marco oder auf jenem andern Platz lustwandeln, über dem der marmorne Traum des Mailänder Doms aufsteigt.

In Venedig traf ich einen nach Byronischem Muster auf ruheloser Pilgerfahrt begriffenen Münchner Freund und verbrachte mit ihm meinen achtundzwanzigsten Geburtstag (4. Oktober 1893). An diesem Abend fiel mir in einer venezianischen Osterie das Glasfenster eines Büfetts mit schwerem Holzrahmen, unter dem ich saß, geradewegs auf den unbedeckten Kopf und brachte mir eine stark blutende Wunde bei, ohne daß ich weiteren Schaden davontrug. Ich erwähne diesen an sich gleichgültigen Vorgang nur, weil er sich in den nächsten Jahren noch zweimal wiederholte und merkwürdigerweise beide Male wieder an meinem Geburtstag, indem mir in meiner Münchner Wohnung ähnliche schwere Gegenstände auf den Kopf fielen, die mir aber ebensowenig einen dauernden Schaden zufügten. Auch sonst haben es die Dämonen, die offenbar dabei im Spiel waren, noch verschiedene Male mit herabstürzenden Blumentöpfen, heruntersausenden Rolläden und schweren Kopfstürzen auf mein Schädeldach abgesehen gehabt. Es scheint aber, daß dieses einigermaßen solide konstruiert ist, denn ich bin bis jetzt noch immer leidlich davongekommen, was ich dem Leser gleichsam nur ins Ohr flüstere, um mir nicht neue Unannehmlichkeiten von jener Seite zuzuziehen.

Das Jahr 1893 ging zu Ende. Es war ein Schicksalsjahr ohnegleichen für mich gewesen. Der Spätherbst sah mich wieder in Berlin. Hier spielte seit 1. Oktober Lautenburg im eigens dafür gemieteten »Neuen Theater« Abend für Abend mein Stück, das Liebesdrama »Jugend«. Der vielgewandte Geschäftsmann hatte sich bei Beginn der neuen Spielzeit vor die Frage gestellt gesehen, wie es mit dem noch ganz unausgebeuteten Erfolg meines Stückes werden solle. Er hatte, soweit es das Residenztheater anging, nur die Wahl, entweder seine geliebten Franzosen weiter zu spielen und dafür auf die Ausnutzung meines Stückes zu verzichten, oder diese zu betreiben und damit jene fallen zu lassen. Aber was wäre dann aus seinem »Eselein, streck' dich!« geworden, das seit Jahren so tadellos funktionierte und ihn zum reichen Mann gemacht hatte? Konnte, durfte das sein? Wäre es nicht grober Undank gegen jenes geduldige Tier, gegen sein französisches Geschäft gewesen? In diesem Dilemma war der alte Praktikus auf die Idee verfallen, noch ein zweites Theater dazuzumieten, wo er mit kleinen Gagen und kleinen Preisen den deutschen Autor ein paar Monate durchhalten konnte, während das französische Geschäft im Residenztheater ungestört weiterblühte. Mir war von dieser Absicht vorher nichts bekannt geworden. Die Nachricht traf mich ganz überraschend, als ich in einem Mailänder Café deutsche Zeitungen las. Ich traute meinen Augen nicht, aber es war schon so. Man wird mir glauben, daß die Überraschung nicht gerade unangenehm war.

Und wiederum – er läßt sich nun einmal aus meiner Frühgeschichte nicht fortdenken – war es Lautenburg, der meinen in Rottach beendigten Versschwank »Der Amerikafahrer« zum erstenmal auf die Bretter stellte. Dies geschah am 3. Februar 1894 in demselben »Neuen Theater«, auf dessen Bühne sie seit Monaten allabendlich »Jugend« spielten. Schon vor Weihnachten war hier deren hundertste Aufführung mit vielen Blumen, Lorbeeren und festlichem Gepränge gewesen. Der ruhmgekrönte Direktor hatte es sich nicht nehmen lassen, den Autor des erfolgreichen Stückes, das ihm hundertmal sein Theater gefüllt hatte, mit einer riesengroßen Photographie von sich und höchst eigenhändiger Unterschrift zu beglücken.

Lautenburg – ich muß es ihm lassen – hatte die besten Spieler seines Residenztheaters für meinen »Amerikafahrer« herausgestellt. Komiker wie Alexander und Pansa, wie der zumal im Tragikomischen wurzelnde Pagay, die sichersten Stützen seines französischen Spielplans, waren für die so ganz anders gearteten, tiefinnerlich ihnen wesensfremden Rollen meiner Hans-Sachsiade aufgeboten und hatten sich, freilich nicht in allzu vielen Proben, um deren Bewältigung bemüht. Vergebens! Der Stil für das eigenwillige und eigensinnige »Kind meiner Laune« wurde nicht gefunden. Ist bis heutigentags nicht gefunden worden, was ja kein Beweis zu sein braucht, daß er nicht noch gefunden werden könnte, wenn nur der richtige Regieprinz einmal erschiene, der das Zauberwort dafür bei der Hand hätte.

Daß es in jenem Zeitalter eines schrankenlosen und noch sehr doktrinären Naturalismus nicht gefunden werden konnte, braucht jedenfalls nicht wunderzunehmen; ja, es versteht sich – von heute aus gesehen – eigentlich von selbst. Wie hätte in einer Periode der nur angefangenen, meist nicht zu Ende gesprochenen Sätze, der halbgestotterten Bühnenrede, der richtige Stil für meine Knittelreime gefunden werden sollen? Und vor allem, wie vertrug sich die sehr bäuerliche, sehr unsentimentale Auffassung meines Schwankhelden, des lahmen und tauben, vielfach gehörnten Schneiders und Dorftrottels Polzin mit der im Zuge der Zeit liegenden, alle Kreise beherrschenden Mitleidspsychose, die man vielfach eher als eine Psychose der Wehleidigkeit ansprechen konnte? Aber genug, daß sie bestand, daß sie zum guten Ton der Literatur gehörte und ein Verstoß dagegen beinahe einem literarischen Selbstmord gleichkam!

Am Vorabend jenes Premierentages erlebte ich während der Generalprobe meines Fastnachtschwankes, denn ein solcher war es ja, eine Überraschung von ganz eigener Art. In einer Spielpause nahm mich nämlich der Direktor höchstselbst, eben mein mehrfach erwähnter Gönner Siegmund Lautenburg, mit einer vielsagenden Geste bei der Hand und führte mich hinter eine entferntere Kulisse, um mir dort die folgende feierliche Eröffnung zu machen: »Sie wissen noch gar nicht, was Ihnen morgen abend bevorsteht. Wenn das Stück Erfolg hat, werde ich Ihnen Brüderschaft anbieten!« Sprach's, zwirbelte seinen berühmten Schnurrbart und entschwand im Halbdunkel der Kulissen.

Mußte ich dem Abend jetzt nicht mit verdoppelter Spannung entgegensehen? Denn es stand ja viel mehr als nur das Schicksal meines Stückes – es stand die Duzbrüderschaft mit meinem Direktor auf dem Spiel! ... Der Abend kam, wie ja alles kommt, was da kommen muß, und niemand seinem Schicksal entgeht. So auch ich nicht dem meinigen. Und man weiß ja, daß ein Unglück nie allein kommt. Es wurde eine verlorene Theaterschlacht. Die Leute lachten, schrien, zischten, pfiffen, brüllten, johlten, wieherten und klatschten dazwischen. Aber das wäre ja alles nicht so schlimm gewesen, wenn ich mir nicht hätte sagen müssen, daß es auf solche Weise wohl niemals zu jenem brüderlichen Du von Lautenburgs Lippen kommen werde. So war es denn auch. Es war mit keinem Ton mehr die Rede davon. Und so ist es geblieben bis zu Lautenburgs Ende.

Im übrigen verlief der Abend, nachdem der Vorhang über dem verunglückten Versuch gefallen war, noch auf eine höchst vergnügliche Weise. Es hätte nach dem größten Erfolg nicht lustiger zugehen können. Ein ansehnlicher Kreis von teilnehmenden Freunden und Trauergästen hatte sich in einer damals berühmten Pilsener Bierstube der Französischen Straße – sie hatte einen originellen Wiener Wirt – zusammengefunden, um die »schöne Leiche« würdig begraben zu helfen. Alle Geister des Witzes und des Humors, die sich auf der Bühne nicht hatten durchsetzen können, schienen sich in die verräucherte Hinterstube geflüchtet zu haben. Es sprühte und funkelte und prasselte nur so von Berliner Kalauern und Schnoddrigkeiten; natürlich auf meine Kosten. Der allgemeine Jubel endigte schließlich mit einer bis zum Morgen dauernden Tanzerei. Es war der fröhlichste Durchfall, den ich in meiner Laufbahn erlebt habe. Und es war noch dazu mein eigener! Als wir in der Frühe aufbrachen, waren bereits die Morgenzeitungen da, in denen zu lesen stand, daß der Dichter der »Jugend« sich unsäglich blamiert habe und sich von diesem Sturz schwerlich wieder erholen werde. Die Kehrseite der Medaille kam zum Vorschein.

Das Erwachen nach einer verlorenen Bühnenschlacht dürfte von allen vorkommenden Katzenjammern einer der unangenehmsten sein. Schlimm genug schon das Scheitern hochfliegender Hoffnungen und Pläne, die Zweifel an der eigenen Kraft, die Selbstvorwürfe, wie man es hätte besser machen können, die wirtschaftlichen Nachteile und was der auf uns einstürmenden Quälgeister mehr sind. Aber schlimmer noch die Folgen im Verhältnis zur Außenwelt, der Umschwung der öffentlichen Meinung von hochgespannter Erwartung zu tiefster Enttäuschung, der sich auch auf einem Hofparkett gegenüber einem gestürzten Günstling nicht grausamer äußern kann, als es der dramatische Schriftsteller am Tage nach einem Durchfall in seiner Theaterkanzlei erlebt. Niemand scheint plötzlich für ihn da zu sein, alle Türen – gestern noch weit offen – sind hermetisch verschlossen. Er tut gut, den Versuch einer Audienz beim Direktor, Intendanten, Dramaturgen, Spielleiter erst gar nicht zu wagen. Sie sind wie vom Erdboden verschwunden, keiner weiß auch nur das geringste über ihren Verbleib. Das Büropersonal ist merkwürdig fremd und einsilbig. Es ist, als habe sich plötzlich ein gespenstischer Nebel herabgesenkt, der wie eine Tarnkappe alles ringsumher unsichtbar macht, nur den unglücklichen Autor nicht.

Zwei Tage nach jenem Abend meines Mißvergnügens – die Zeitungen hallen noch in allen Tonarten davon wider – befand ich mich, wenn auch mit beträchtlichen Umwegen, auf der Reise nach Italien. In Deutschland wehten laue Vorfrühlingslüfte. In Mailand knirschten Schnee und Frost. Erst jenseits des Appenin, in Genua, in Nervi fand ich den geträumten, ersehnten Frühling mit Veilchen, Primeln und Narzissen. Hier in der schmeichlerischen Sonne der ligurischen Levante, gewiegt vom brausenden Wogenschlag der gegen den Felsenstrand anstürmenden Salzflut, genas ich für eine Weile von den Kämpfen, den Erschütterungen, Enttäuschungen, Erhebungen und Nackenschlägen des dahingegangenen Jahres. Als ich zwei Monate später nach Berlin zurückkehrte und meine daheimgebliebene Frau in meine Arme schloß, stand jener Entschluß fest, der schon lange im Reifen gewesen war, nur noch eines letzten Antriebs bedurft hatte: Abschied von Berlin. Übersiedlung nach der Schweiz.

Ich hatte auf der Rückreise von Italien einige Tage in Zürich Rast gemacht, hatte bei Bölsche gewohnt, der seit mehreren Monaten ebenfalls Berlin verlassen hatte. Ihm waren noch andere von den Friedrichshagener Freunden gefolgt. Es war wie eine Filiale des wohlbekannten Kreises, die ich zu meiner Überraschung hier auf Schweizer Boden vorfand. Ein Beispiel, das zur Nachahmung reizte. Zürich selbst zog mich, trotz seiner schönen Lage, als Wohnort nicht besonders an. Es war eine Sehnsucht nach Reben und Obstbäumen, nach Blumen und Kräutern, nach Garten und Feld und Wald in meinem Herzen, die sich nicht länger bändigen ließ. Fast vor den Toren Zürichs, nur durch einen nicht allzu breiten Rücken waldigen Hügellandes von ihm getrennt, lag zwischen Deutschland und der Schweiz der Bodensee, das uralte Sammelbecken nördlicher und südlicher Kulturen, deutscher und fremdländischer Einflüsse.

Schon dem Heranwachsenden, dem Sekundaner in der kleinen Stadt, fern im Nordosten des Reiches, war das Gestade des südlichen Sees, waren der Säntis und der Hohentwil, St. Gallen und die Reichenau vertraute Landschaftsbilder gewesen. Seine Phantasie hatte sie mit den kraftvollen Gestalten des schönen Scheffelschen Buches bevölkert und wußte Bescheid dort mit Weg und Steg, wie sie die dichterische Vision ihm erschlossen hatte. In Fleisch und Blut waren Frau Hedwig, die Herzogin, und Ekkehard der Mönch aus dem Moder der Grüfte auferstanden. Die Sonne eines fremden Jahrtausends hatte auf sie geschienen. Und doch! War es nicht dieselbe Sonne, die uns Heutigen schien? Die gleichen Berge in ihren Mänteln von Eis und Schnee? Der gleiche silbernglastende See? Dieselbe lieblich erhabene Landschaft und Natur heute wie vor einem Jahrtausend? So war die Brücke geschlagen zwischen hier und dort, zwischen einst und jetzt, lange Jahre, ehe die Wirklichkeit gekommen war und tapfer sich dem Traumbild zum Vergleich gestellt hatte. War sie eine Enttäuschung gewesen im hellen Mittagslicht des modernen Tages? Ich konnte es nicht glauben, wollte es nicht zugeben. Zäh wie Efeuranken um altes Gemäuer, klammerte sich meine Erinnerung, meine Sehnsucht an das liebgewordene, nahvertraute Phantasiebild. Und was auch der Verstand dagegen sagen mochte (er tat es nicht einmal!), ich mußte es wagen. Es galt die Probe auf das Exempel!

Ich wollte mich in der Nähe von Konstanz, jedoch auf dem Schweizer Ufer niederlassen. Auf wie lange? Es konnte vorübergehend, konnte auch auf immer sein. Ich wußte es selbst nicht. Machte mir auch schwerlich Gedanken darüber. Wer entwirft sich mit Achtundzwanzig einen Stundenplan bis zu Vierzig, geschweige bis zu Sechzig oder Siebzig? Das Leben ist am Ende keine Schulaufgabe! (Wie sehr es sie doch ist, enthüllt sich uns ja meist erst später.) Eine Anzeige in einem Züricher Blatt führte mich auf die gewünschte Spur. Es war ein hübsches, einstöckiges Landhaus auf dem Geisberg, unweit Kreuzlingen, einer waldumkränzten Anhöhe mit unvergleichlichem Rundblick auf See und Gebirge und auf das jenseitige terrassenförmig aufsteigende schwäbische Land. Hier hatte vor mir Eugen d'Albert mit seiner ersten Frau gewohnt ... Ich wurde handelseins mit dem Besitzer, dem nebenan noch ein Mühlengrundstück gehörte, und mietete das Haus auf ein Jahr.

Meine Frau war nicht sehr überrascht, als sie es hörte. Sie hatte es ja auf die eine oder die andere Weise schon lange kommen sehen. Wir packten unsere Habseligkeiten, es hatte sich in unserer jungen Ehe doch schon dies und das angesammelt, und nahmen Abschied von unseren Berliner Freunden; Abschied auch von der Stadt selbst, in der wir soviel Schönes und Schweres erlebt hatten. Es war nun doch nicht so ganz einfach, mit all dem fertig zu werden! Ich hatte es mir leichter vorgestellt. Man war ja schließlich nicht aus der Welt, so predigte ich mir. Es gingen von überall her Züge nach Berlin! Man konnte zurück, wann man wollte! Aber all das schöne Zureden half nichts. Ich wußte in meinem Innern ganz genau, fühlte es mit aller Bestimmtheit, daß der Schnitt und Schritt unwiderruflich – daß es eine Trennung für immer sein werde.

Und die Folgen? Hatte ich mir auch alles wohl überlegt? Würde man es mir in Berlin verzeihen, daß ich so brüsk und jäh die Stadt verließ, die mir erst vor kurzem in den Steigbügel geholfen hatte? Ich kannte ja den Berliner Lokalpatriotismus, den berlinischen Glauben an die eigene Selbstherrlichkeit. (An einer früheren Stelle ist schon die Rede davon gewesen.) Durfte man Berlin darum schelten? Gehörten sie nicht zum Wesen alles jungen Lebens, jeder jungen Kultur, dieser Glauben, dieses Selbstvertrauen? Und es war eine junge Stadt und eine junge Kultur! Kein Wunder, daß der Most sich manchmal absurd genug gebärdete! Wäre es nicht doch das Gescheiteste, zu bleiben?

Aber dann dachte ich an die Einladungen, die Gesellschaften, die sich während des letzten halben Jahres gejagt hatten: an diese kalte Pracht der Bälle und Diners; an die Stickluft der Literatencafés; an die eisige Großstadtatmosphäre des öffentlichen Verkehrs, in der jeder gegen jeden wie gegen seinen Todfeind auftrat. Hatte ich es nicht lange genug ertragen? Mein Entschluß stand fest!

Noch einmal ließ ich die vielen Stationen dieser neun Berliner Jahre an meiner Erinnerung vorüberziehen. Die einfache Studentenbude in der Rosenthaler Straße, die nachher Wertheim Platz gemacht hatte. Das schicksalreiche Quartier mit den grünen Plüschmöbeln in der Brunnenstraße, wo ich zwischen einer jungen Tante, einer jüngeren Nichte und einem dicken, alten Berliner Hauswirt allerlei Gefühlsverwirrung erlebt und von wo aus ich schließlich meine nachmalige Frau kennengelernt hatte. Die Übergangsstationen in der Nostizstraße, in der Sebastianstraße, in der Puttkammer- und Lützowstraße als älterer Student, junger Doktor, angehender Schriftsteller. Und endlich die ersten jungen Ehejahre in der Kulmstraße und in Friedenau, wo ich in der Niedstraße den letzten großen Schicksalswechsel erlebt hatte. Welch ein Bilderbogen voll grellfarbiger Gegensätze, voll bunter Menschenschicksale, voll Auf und Nieder, voll hohen Glücks und bitteren Leides!

Und dann stiegen wir am Anhalter Bahnhof in den Zug und fuhren über München an den Bodensee.

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