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Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3.

Was wäre eine Theaterpremiere ohne nachfolgende Siegesfeier! Eine Speise ohne Salz. Ein Wein ohne Becher. So hielt man es vor vierzig Jahren. So hält man es noch heute. So wird man es auch in Zukunft halten, solange noch die alten Sterne leuchten. Es fehlt ja in Literatur- und Theaterkreisen wahrlich nicht an Anekdoten über dieses Thema. Eine der beliebtesten ist die von dem Theaterdichter, der mit seinen Freunden eine Verabredung einging, wonach im Falle eines Erfolges der gemeinschaftliche Treffpunkt bei Dressel (dem feinsten Restaurant des damaligen Berlins), im Falle eines Mißerfolges das Stelldichein bei Kempinski sein sollte. Als um zehn oder elf die Komödie aus war, saß der Autor allein bei Dressel, während alle übrigen ihn bei Kempinski erwarteten. Abgesehen vom Witz ist die Anekdote auch nicht ohne einigen Tiefsinn, da sie die tragikomische Selbsttäuschung aufzeigt, der sich so viele Autoren über ihr Werk und dessen Erfolg hingeben.

Als am 23. April 1893 nachmittags um halb drei die letzten Besucher des Theaters in der Berliner Blumenstraße sich verlaufen hatten und ich mit meiner Frau und meinen Freunden vor dem Bühnenpförtchen stand, umringt, beglückwünscht, umarmend, händeschüttelnd, hätte ich wohl ohne Bedenken die Parole ausgeben können: Zu Dressel! Niemand hätte es mir in diesem Augenblick als Überhebung, als Hybris ausgelegt. Aber weder ich noch die andern kamen auf Dressel. Allerdings auch nicht auf Kempinski. Wir beschlossen vielmehr einmütig, nach Friedrichshagen zu fahren und den Tag dort bis zur Neige festlich auszukosten. Es war der schönste, lindeste, beglückendste Frühlingstag. Der Himmel lachte in wolkenloser Bläue über Berlin, das mir in diesem Augenblick als die bezauberndste aller Städte erschien. Es sollte ein größerer Spaziergang im Wald und am Müggelsee gemacht werden. Dann sollte in einer Wirtschaft am Wasser eine Waldmeisterbowle in dem größten Gefäß, das zu finden war, angesetzt und »bis zur Bewußtlosigkeit« nachgefüllt werden. Das Weitere stand in Gottes Hand, wenn man in diesem Kreise den Namen auch nicht oft aussprach.

Und so geschah's. Der ganze nicht allzu kleine Schwarm setzte sich nach dem Bahnhof Jannowitzbrücke unter Geschrei, Hallo, Gelächter in Bewegung, von wo es mit der Vorortbahn nach Friedrichshagen ging. Von den Namen derer, die mitfuhren, erinnere ich mich an Wille, Bölsche, Hartleben und seine Frau, einen der Gebrüder Hart, Hegeler, Beling (eine merkwürdige Gestalt meines engeren Kreises) sowie an Grete Marschalk. Sie heißt heute Frau Margarete Hauptmann. Aber damals sagte man noch etwas weniger zeremoniell und auf gut berlinisch Grete. Daß auch meine glückstrahlende junge Frau mit von der Partie war, versteht sich ja von selbst.

In Friedrichshagen gesellten sich noch der und jener, diese oder jene dazu, die als Außenseiter zu dem Kreise gehörten und deren Namen, ja deren Persönlichkeiten längst von der Tafel meiner Erinnerung weggewischt sind. Wie viele von ihnen werden schon ins Grab gesunken sein, wie wenige noch im Lichte wandeln von allen denen, die an jenem Frühlingssonntag Seite an Seite mit mir durch den Kiefernwald, durch den märkischen Sand dahinzogen, die roten Stämme im Abendschein der sinkenden Sonne aufglühen und auf der blanken Wasserfläche des Sees nah und fern weiße Segel leuchten sahen! Und als dann der purpurne Sonnenball hinter den waldigen Sandhügeln jenseits des Sees hinuntergetaucht war und der ganze reisige Clan von Himmelsstürmern und Weltverbesserern mit ihren meist sehr irdischen Frauen und Mädchen sich in der Wirtschaft am Wasser niedergelassen hatte, welch ein Duft von Maikräutern entstieg dem Riesengefäß, in dem ungezählte Flaschen verschwanden! Hat jemals wieder Waldmeister so bezaubernd geduftet wie damals? Haben noch jemals nachher Moselblümchen und Bowlensekt so übermütig geprickelt, so berauschend gemundet? Ich glaube es nicht. Es war ein Tag, ein Frühlingssonntag dazu, wie man ihn nur einmal auf seinem Wege erlebt. »Ihr werdet nimmer seinesgleichen sehen.«

Der Abend wurde lang. An den »letzten Zug« nach Berlin war natürlich nicht zu denken. Wir übernachteten bei Bölsche und kamen erst am nächsten Mittag nach Berlin, wo ich bei einem mir befreundeter Rechtsanwalt zu tun hatte. Er hatte eine Anzahl von Montagsblättern auf seinem Tisch liegen, die alle schon über meine Premiere berichteten. Ich bekam ein furchtbares Herzklopfen, als ich den Stapel Zeitungen sah, und hätte mich am liebsten wieder fortgemacht. Denn vor dem Lesen von Kritiken habe ich mein Lebtag eine heilige Scheu gehabt und bin sie auch bis zu dieser Stunde nicht los geworden, obwohl ich ja eigentlich abgehärtet genug dagegen sein sollte, wie die Arbeiter in den Schwefelminen Siziliens es auf ihre Weise ebenfalls sind. Es war aber schon zu spät zur Flucht. Mein Freund hatte die Blätter aufgeschlagen und las aus den Kritiken die wichtigsten Stellen vor.

Natürlich fehlte es nicht an kritischen Einwendungen im einzelnen. Die unentwegten Naturalisten, die schon damals einige der führenden Posten in der Theaterkritik besetzt hielten, beanstandeten besonders den tödlichen Schuß des Amandus, dem Annchen zum Opfer fällt. Sie sprachen von »Zufall« und vom »Deus ex machina«, dessen ich mich bedient hätte. Das Gleiche hatte ja seinerzeit auch schon Schlenther gesagt, als er mit mir über die Möglichkeit einer Aufführung in der »Freien Bühne« verhandelte. Es war, wie im ersten Teil berichtet, nichts daraus geworden; eben wegen dieses Schusses, gegen den Schlenthers Rationalismus sich auflehnte, und den ich mit aller Kraft verteidigte.

Hatte mir jetzt nicht der Erfolg rechtgegeben? Und hat er es nicht bis zum heutigen Tage getan? Denn der Gegenbeweis, daß ohne den tragischen Schluß der Erfolg noch größer gewesen wäre, kann ja niemals erbracht werden. Trotzdem beharrte natürlich Schlenther auch weiter auf seinem Standpunkt – er war ja auch nicht umsonst ein Ostpreuße und Landsmann von mir – und gab dem auch in seiner übrigens glänzend geschriebenen Kritik Ausdruck; jedoch auf eine so gemäßigte und gelinde Weise, daß es in dem erfreulichen Glanz und Licht, womit das Werk als Ganzes bedacht war, nur als eine pikante Schattierung wirkte, etwa wie ein kleiner Leberfleck in dem Gesicht einer anmutigen und reizvollen Frau. (Ich war Schlenther dankbar für das stille Zugeständnis, das darin lag, und unsere Freundschaft begann eben zu dieser Zeit, um erst mit dem Tode des vielbewährten und unersetzt gebliebenen Mannes – 1916 – zu enden.)

Wie das Schlenthersche Urteil, so der Widerhall fast der gesamten Presse. Es war ein Ton von ehrlicher Überraschung, von Herzlichkeit, von Entdeckerfreude darin, wie ihn die Kritik nur selten anzuschlagen pflegt. Ein gut Teil des allgemeinen, einmütigen Lobes fiel auch für die Schauspieler, für Meery, den Regisseur, und ganz besonders natürlich für den Direktor ab, der das Hauptverdienst dieser unerwarteten literarischen Entdeckung mit gewohntem Selbstbewußtsein für sich einstrich. Es liegt mir durchaus fern, die Rolle, die der originelle Theatermann dabei gespielt hat, verkleinern zu wollen; ich zolle ihm über das Grab hinaus hier meinen Dank dafür als demjenigen, von dem nach außen hin die Initiative zu dem scheinbar so gewagten Experiment ausgegangen ist, und bin mir zugleich bewußt, daß überhaupt eine besonders glückliche Konstellation, ein seltenes Zusammenwirken günstiger Gestirne dabei stattgehabt hat.

Es darf nämlich in diesem Lebensbericht, der sich möglichster Wahrhaftigkeit zu befleißigen trachtet, nicht verschwiegen werden, daß die Zeit geradezu nach einem solchen Theatererfolg schrie, wie er soeben mir zugefallen war. Ich habe schon im ersten Teil erzählt, daß die drei ersten Monate dieses glücklichen Theaterwinters 1893 der deutschen Bühne drei außergewöhnliche Erfolge geschenkt hatten. Es waren Sudermanns »Heimat«, Fuldas »Talisman« und Hauptmanns »Weber«. Man hätte meinen sollen, daß damit der Bedarf des Berliner Publikums und der Berliner Kritik fürs erste hätte gedeckt sein können. Dem war aber nicht so, und es hatte seine eigene Bewandtnis damit, die aber dem heutigen Leser nicht so ganz leicht nahezubringen ist. Ich will es dennoch versuchen, weil es geeignet ist, die ganze damalige literarische Situation, die durchaus vom Theater und von der Dramatik beherrscht war, zu verdeutlichen und zu erhellen.

Die Dichter der drei genannten Werke waren, wie gesagt, Sudermann, Fulda und Hauptmann. Sudermann war durch den Riesenerfolg seiner »Ehre«, den »Sodoms Ende« zwar nicht erreichte, aber doch in gewissem Sinne ergänzte, der erklärte Liebling des Berliner Westens geworden, also jenes teils erst aufblühenden, teils schon recht wurmstichigen Großbürgertums, dessen Stunde auf der Weltbühne eben damals schlug und wovon am früheren Ort schon die Rede war. Die »Heimat« mit ihren überhitzten Effekten (überhitzt wie die Architektonik des Kurfürstendamms) vervollständigte den Triumph des in seiner Art unübertroffenen Theatralikers, machte ihn beinahe für ein Jahrzehnt zum unbeschränkten Beherrscher der Szene, zum deutschen Dumas und Sardou.

Aber in einem höheren, im literarischen Sinne, war doch die »Heimat« ein Pyrrhussieg für Sudermann, wie die Zukunft klar erweisen sollte, Einsichtige und Vorschauende schon damals erkannten. Dumas und Sardou! Gute, tüchtige Handwerker in ihrem Fach! So die Wohlwollenden. Gerissene Routiniers: das Urteil der andern, der Übelwollenden. Und dies wurde nun der Maßstab, wonach die literarische Kritik Sudermann bemaß. War das die Absicht des Dichters gewesen? Entsprach es auch nur im entferntesten der eigenen Meinung des über alle Maßen ehrgeizigen Mannes von sich selbst? Welch ein Abstieg in der literarischen Geltung gegen die Tage seines Antritts – es war erst vier bis fünf Jahre her –, als nach echtem deutschem Brauch zwei große Parteien gegeneinander aufgestanden waren, von denen die eine Sudermann, die andere Hauptmann auf den Schild erhob!

Dieses Feldgeschrei begann jetzt allmählich zu verstummen. Hauptmann war aus dem literarischen Kampf der beiden als der entschiedene Sieger hervorgegangen. Grade der grenzenlose Theatererfolg der »Heimat« – dieses durch viele Jahre bewährten, heute allerdings verblaßten Zugstücks – sollte Sudermann um den heißumstrittenen Lorbeer des führenden deutschen Dramatikers bringen. Schon begannen nicht wenige seiner bisherigen Anhänger den zeitweiligen Leerlauf der überheizten dramatischen Maschinerie, das Äußerliche seiner Gesellschaftskritik zu durchschauen. Es war eine der blutigen Ironien, wie sie in der politischen und Geistesgeschichte gar nicht selten vorkommen, daß Sudermann sein Scheitern im höheren Sinne, nämlich als Dichter, gerade seinem größten Theatererfolg verdanken sollte. (Seiner spätern Auferstehung als Dichter von »Frau Sorge«, des »Fritzchens«, der »Schmetterlingsschlacht«, der »Litauischen Novellen« und anderer Werke sei schon hier, aus Gründen der Gerechtigkeit, kurze Erwähnung getan.)

In dem Ringen zwischen Hauptmann und Sudermann um die dramatische Vorherrschaft war aber auch noch auf eine andere Weise die Entscheidung zugunsten des ersteren gefallen, nämlich durch seinen eigenen großen Erfolg mit den »Webern«, der selbst von einem Teil der politisch gegnerischen Presse mit respektvollem Degensenken anerkannt wurde. Es war eigentlich der erste durchschlagende Erfolg eines Hauptmannschen Werkes auf dem Theater.

Was vorhergegangen war, hatte sich, trotz aller Bemühungen der für Hauptmann schreibenden kritischen Federn, nicht lange auf den Brettern halten können. Es waren wurzellose Versuche eines doktrinären Schulnaturalismus geblieben, so viele blut- und lebensvolle Ansätze sie auch im einzelnen enthielten. Selbst der »Kollege Crampton«, den die Anhänger sofort als die größte deutsche Komödie abstempelten, verdankte seinen Erfolg in der Hauptsache dem großen Berliner Komiker Georg Engels und taucht heute meist nur bei Gastspielen außergewöhnlicher Menschendarsteller auf der Bühne auf. Diesen früheren Versuchen gegenüber bedeuteten die »Weber« einen Durchbruch des Hauptmannschen Genius auf der ganzen Linie. Die naturhafte Gestaltung der Menschen, die intime Zeichnung des Milieus, das satte, dunkle Kolorit der Stimmung, die mit den einfachsten Mitteln bewirkte dramatische Steigerung und Schlagkraft: alles verriet die Hand eines Meisters in seiner Kunst. Kein Zweifel schon damals: hier war das klassische Werk des Frühnaturalismus geschaffen.

Ich habe noch nicht von Fulda, dem dritten Erfolgsdichter jenes Theaterwinters, gesprochen. Fulda hatte sich bereits mit einigen gefälligen, witzigen Ein- und Mehraktern erfolgreich auf den Brettern eingeführt. Sie waren teils in Prosa, teils in Versform geschrieben, gepflegte Improvisationen eines skeptisch-ironischen Weltbetrachters. Weniger Anklang hatten dramatische Versuche auf dem Gebiete der sozialen Utopie gefunden. Der Ruf eines bedeutenden Übersetzers und Vermittlers fremden Literaturguts ging ihm schon damals voraus. Fulda ist, wie man weiß, für seine und auch für die nachfolgende Zeit der maßgebende Übersetzer Molières geworden. Er war, wie kein anderer von den Dramatikern dieser Epoche, durch sein Formtalent dafür vorbestimmt. Eben diesem Formtalent, das sich mit der Eingebung eines glücklichen Augenblicks vermählt hatte, war auch die Komödie »Der Talisman« entsprungen.

Der Abend der Erstaufführung brachte Fulda den größten Theatersieg seiner bisherigen Laufbahn, den er auch später wohl kaum überboten hat. Es war alles mit so leichter Hand hingeworfen, so witzig und sprudelnd, daß das Publikum sich ganz in seinem Element fühlte, wie der Fisch im Wasser, und quietschvergnügt mitmachte, ohne viel nach dem spezifischen Gewicht des Ganzen oder seiner Bestandteile zu fragen. Gewisse Anspielungen auf das kaiserliche Gottesgnadentum, die hörbar mitklangen und beinahe zu einem polizeilichen Verbot des im Grunde harmlosen Werkes geführt hätten, trugen nicht wenig dazu bei, die Beifallshitze noch um einige Grade zu steigern. Schon an jenem Abend zeigte es sich, daß das damalige Publikum neben der Hauptmannschen Armeleutemalerei, dieser schweren, für viele doch fast unverdaulichen Kost, auch noch andere theatralische, dramatische, literarische Reize für seinen Gaumen verlangte. Die Erfolge Sudermanns und Fuldas waren kennzeichnend hierfür gewesen, hatten aber doch noch nicht allen Wünschen, jeder bewußten und unbewußten Sehnsucht Genüge getan. Besonders auch nicht in literarischer Hinsicht, worin eben doch die führenden Geister der Zeit noch sehr streng urteilten, ganz im Gegensatz zu einer später folgenden Epoche oder etwa zu heute.

So war die literarische Konstellation, als ich – der Vierte in der Reihe – mit meinem Liebesdrama »Jugend« auf dem Plan erschien und damit den Reigen der Erfolgsstücke dieses ganz einmaligen Theaterwinters abschloß. Und es wird jetzt nicht mehr vieler Worte bedürfen, um den Leser zu dem eigentlichen Ziel dieser literarhistorischen Darlegung hinzuführen. Ich ging davon aus, daß es besonders günstige Voraussetzungen für mich gewesen seien, indem die damalige Zeit geradezu nach einem solchen Theatererfolg schrie, wie ich ihn dann mit »Jugend« davontrug. Es war nämlich eine – den meisten natürlich unbewußte – Sehnsucht da, die weder durch Sudermann oder Fulda noch durch Hauptmann, weder durch die brillante Theatertechnik der »Heimat«, noch durch das blendende Spiel von Vers und Reim und Witz im »Talisman«, noch schließlich durch die künstlerisch-meisterhafte Elendsmalerei der »Weber« befriedigt worden war und eine Erfüllung noch von anderer Art suchte. Mit jenen beiden Werken war vielleicht allzu ausschließlich dem Publikumsgeschmack, mit Hauptmanns Meisterwerk ebenso ausschließlich dem literarischen und programmatischen Geschmack eines doch begrenzten Kreises Genüge getan, der noch dazu mit einer mächtigen politischen Gegnerschaft zu rechnen hatte. Denn die »Weber« besaßen neben ihrer künstlerischen Qualität doch auch eine solche der Tendenz, die natürlich von radikaler Seite nach Kräften gegen die bestehende Gesellschaftsordnung ausgebeutet wurde.

Ich glaube mich, auch bei strengster Gewissenserforschung, von jeglicher Selbstüberschätzung und Überheblichkeit frei zu wissen, wenn ich hier die Behauptung wage, jene erwähnte glückliche Konstellation habe eben darin bestanden, daß das Liebesdrama »Jugend« im damaligen Augenblick gewissermaßen eine Synthese aller derjenigen Elemente bedeutete, die die vorhergegangenen drei Werke zum Erfolge geführt hatten, daneben aber noch eine persönliche Note trug, die es von den drei andern unterschied und die ihm eben zu seiner ganz besonderen Wirkung verhalf. Es hatte literarische Qualität, wie eigentlich von niemand bestritten wurde. Es besaß dramatische und theatermäßige Durchschlagskraft, wofür ja der Erfolg zeugte. Und was darüber hinaus entschied und sein Glück machte: es war im Stofflichen, im Thematischen, Motivischen, auch in der Nuancierung des Stimmungselements, für weiteste Kreise die Erfüllung alles dessen, was man sich solange gewünscht, aber noch immer nicht so recht bekommen hatte, nämlich Erde, Boden, Blut, Frühling, Liebe und Jugend, mit einem Wert: Lebensbejahung. Die glückliche Komposition aller dieser Elemente, auf dem ungewohnten und fremdartigen Hintergrund des katholischen Pfarrhauses und mit der hier zum erstenmal sich anmeldenden Wetterwolke der deutsch-polnischen Atmosphäre: sie erzeugten jene gewisse Trunkenheit, die zum Wesen aller großen Theatererfolge gehört.

Daß es ein solcher war, hatte ja schon das einmütige Urteil der Presse bezeugt. Man konnte aber noch im ungewissen sein, ob es sich dabei nicht bloß um die plötzliche Laune eines begrenzten Literaturkreises, eben jenes Matineepublikums und seiner ästhetischen Auguren handelte. Ähnliche Zweifel und Fragen wurden auch vielfach laut, indem man erklärte, der Eindruck einer solchen mehr oder minder günstig voreingenommenen Gemeinde von Anhängern und Parteigängern (als ob ich überhaupt schon eine Gemeinde gehabt hätte!) sei nicht maßgebend; entscheidend sei nur die Aufnahme bei dem normalen Durchschnittspublikum einer richtigen Abendvorstellung. Dann erst werde man sehen, was wirklich an der Sache sei. Vielleicht mag mancher im stillen gehofft haben, daß es gar nicht zu einer solchen Probe kommen und alles damit begraben sein werde.

Dem war aber nicht so. Der Direktor entschloß sich kurzerhand, das Stück schon für den nächstfolgenden Abend – es war ein Dienstag – auf den Spielplan zu setzen. Es fiel ihm gewiß nicht ganz leicht, seiner »Familie Pont-Biquet« oder wie der grade laufende französische Schlager nun eben hieß, abzusagen um eines noch immer gewagten Experimentes willen. Wer konnte denn wissen, ob die Leute überhaupt kommen und was sie – der französischen Schwanke gewöhnt – zu der fremdartigen menschlichen Sphäre des unbekannten jungen Autors sagen würden. Der Stolz auf seine neue literarische Entdeckung überwog aber doch alle Bedenken des alten Theaterpraktikers. Es blieb dabei. Der Abend kam, es war der 25. April 1893, und brachte dem Stück den gleichen, ja vielleicht einen noch stärkeren Erfolg als zwei Tage vorher die Matinee. Damit war das Eis gebrochen. Jene Zweifler mußten verstummen. Nach Schluß der Vorstellung umarmte mich Otto Erich Hartleben, der beide Male dabeigewesen war, mit der ihm eigenen Grandezza und erklärte, er schätze sich glücklich, daß es jetzt neben Hauptmann auch mich, neben den »Webern« auch noch die »Jugend« gebe. Denn ohne Konkurrenz sei es nichts und einer allein könne es auch nicht machen. Vielleicht kann man auch aus dieser Kundgebung des oft sehr eigenwilligen Dichters und Zechers etwas von dem heraushören, was ich vorhin über die damals waltende Stimmung gesagt habe.

Bereits nach einigen Tagen erfuhr man, daß Vilma von Mayburg, mein erstes und eines der holdesten »Annchen«, die ich jemals gesehen habe, an das Lessingtheater verpflichtet worden sei. Noch wenige Wochen zuvor hatte die schöne und begabte Schauspielerin vergebens bei allen Berliner Theatern angeklopft. Jetzt riß man sich um sie. Denn gleich darauf wurde sie dem Lessingtheater vom Königlichen Schauspielhaus wegengagiert. Hier hat ihr anmutiges Talent sich in einer ihm gemäßen Zone glücklich entfalten können, ohne daß sie freilich je wieder so hervorgetreten wäre wie einst als »Annchen«. Rudolf Rittner und Paul Biensfeld, »Hans« und »Amandus«, wurden auf den Erfolg hin von Brahm engagiert, der für das folgende Jahr, 1894, die Direktion des Deutschen Theaters übernehmen wollte und bereits eifrig in der Vorarbeit dafür war. Auch die Karriere von Joseph Jarno war seit jenem Tage gemacht. Er kam nicht lange darauf ans Lessingtheater, wenn ich nicht irre, noch unter Blumenthal, jedenfalls aber unter Neumann-Hofer, wo er an dem Unglücksabend meiner Tragödie »Der Eroberer« auf eine höchst eigenartige Weise mittat. Nur der treffliche Hermann Werner, mein erster »Pfarrer Hoppe« – eine prächtige Mischung von Kraft und Weisheit, von Weltfreude und geistlicher Milde – blieb dem Residenztheater treu bis ans Ende.

Und schon begann es, auch was mein Stück selbst betraf, sich da und dort im Reich zu rühren. Die erste Bühne, die es annahm, war das Lobe-Theater in Breslau; sein rühriger Direktor Witte-Wild war schon seit Jahren ein Vorkämpfer der jungen naturalistischen Bewegung gewesen. Die Premiere wurde dort für den Herbst angesetzt. Ihm folgte das Bellevue-Theater in Stettin, das Residenztheater in Weimar und das Kurtheater in Baden-Baden. Ließen nicht diese Annahmen Günstiges für das weitere Schicksal des Stückes erhoffen? Wie hätte ich ahnen können, welch eines langjährigen zähen Kampfes es noch bedürfen werde, ehe sich dem vielgelobten und vielangefeindeten Stück die Pforten der wichtigeren und bedeutenderen deutschen Theater auftun sollten?

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