Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Halbe >

Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141030
projectid1bac9578
Schließen

Navigation:

2.

 

Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen, ach! der erste Widerklang.

(Faust, Zueignung)

 

Wenn ich heute in Ansehung meines eigenen Lebens, meines rein persönlichen Zustands, auf die Zeit vor vierzig Jahren zurückblicke, so fällt mir, neben so manchem anderen, was erwünscht oder unerwünscht das Jetzt vom Damals unterscheidet, meine gegen einst so ganz verschiedene Stellung zum Freundschaftserlebnis besonders ins Auge. Mir ist Freundschaft, solange ich denken kann, ein inhaltsschwerer, ja heiliger Begriff gewesen, trotz vieler Enttäuschungen, die ich gerade hierin erfahren habe. An dieser seelischen Grundstimmung, also an den eigenen inneren Voraussetzungen hat sich ja auch bis heutigen Tags kaum etwas geändert. Und doch sind die Ergebnisse, die Folgerungen hieraus, die verbleibenden Resultate der Freundschaftsbilanz im Laufe meines Lebens immer kleiner und bescheidener geworden.

Mit andern Worten: Der Abstand zwischen meinem eingeborenen Begriff von Freundschaft (ihrer platonischen Idee) und meinem Erlebnis, meiner Erfahrung von ihr hat sich mit den Jahren immer mehr vergrößert und stellt heute in pessimistischen Stunden beinahe eine Polweite für mich dar. Aber etwas Ähnliches wird ja wohl jeder zu Jahren gekommene Mann (ich spreche hier nur von Männerfreundschaften) von sich zu berichten haben; nur mit dem Unterschied, daß für den einen das Maß von Enttäuschung nur klein ist, weil schon von vorneherein seine Idee sich nahe bei der Wirklichkeit hielt, während für den andern die Schmerzen der Enttäuschung um so tiefer und nachhaltiger sind, je höher sein Freundschaftsideal über dem gemeinen Alltag stand.

Was mich selbst betrifft, so muß ich mich leider zu dieser zweiten Gruppe rechnen, ohne darum als ein Timon von Athen aufzutreten, der dieserhalb in die Wüste ging und sich selbst zerfleischte. Ihm war das Heiligtum plötzlich zum Götzenbild geworden; darum zertrümmerte er es. Mir dagegen ist die Idee nach wie vor heilig geblieben; nur weiß ich eben, daß ihre Verwirklichung immer wieder unzulänglich bleiben muß, wie alles Sterbliche und Irdische. Nicht in Shakespearisch-Timonischen Untergangs-Disharmonien klingt daher dieses Gefühl bei mir aus; vielmehr in den unsterblichen Akkorden der Goethischen Elegie, deren Verse als Motto über diesem Abschnitt stehen.

Zwei große Freundeskreise konnte ich zu der Zeit, als meine »Jugend« zum erstenmal auf der Bühne erschien, mein Eigen nennen, wenn dieser Besitztitel nicht schon als zu kann erscheint. Der eine war der Münchner Kreis. Er wird bald in den Mittelpunkt der Erzählung treten. Der andere, der Berliner Kreis, hatte während dieser letzten Berliner Jahre sich weiter vergrößert, hatte eine immer wichtigere Rolle in meinem Leben gespielt. Man könnte ihn nach seinen Hauptvertretern richtiger noch den Friedrichshagener Kreis nennen und würde damit auch eine ihnen allen gemeinsame Grundstimmung, Lebensführung und Geistesverfassung am besten kennzeichnen.

Es waren hauptsächlich zwei Faktoren, aus denen sich dieser gemeinschaftliche Nenner der Friedrichshagener zusammensetzte: Sozialismus und Boheme. Bruno Wille und die Brüder Kampffmeyer hatten schon früh in der Sozialdemokratischen Partei als sozialpolitische Schriftsteller und Redner mitgetan, waren dann auf deren revisionistischem, stark akademisch beeinflußten und als antimarxistisch geltenden Flügel mehr und mehr in eine Oppositionsstellung geraten und schließlich aus der Partei hinausgedrängt worden. Sie huldigten weniger einem klassenkämpferischen als einem individuell-gefärbten, akademischen, intellektuellen Sozialismus, der in geistigen, kulturellen Fragen oft weit über die offiziellen Parteiziele hinausging, in anderen sich wieder mehr der bürgerlichen Gesellschaft näherte und jedenfalls mit der Sozialdemokratie als Partei nicht mehr viel gemein hatte. Man gebärdete sich in diesem Kreis weltanschaulich oft viel radikaler als Bebel und die Seinen. Der junge Most oder Wein rumorte gar gewaltig in allen diesen Geistern, aus deren leidenschaftlichen Diskussionen tagtäglich neue Lösungen sämtlicher die Welt bewegenden Probleme wie die Blasen aus dem Schmelztiegel emportauchten.

Im Vordergrund aller Erörterungen stand immer die neue Sittlichkeit, die Umgestaltung des Verhältnisses der Geschlechter zueinander, freie Liebe und Gewissensehe. Und hier war der zweite Koeffizient jenes Gemeinschaftsnenners, in dem sich diese ganze Friedrichshagener Welt begegnete. Wie sie sämtlich mehr oder weniger aus dem Sozialismus herkamen, so wurzelten sie wiederum alle in dem gemeinsamen Boden einer bürgerlich angehauchten Boheme. Alle redeten und schrieben von freier Liebe und doch waren fast alle diese Paare ganz brav nach der Rechtsordnung miteinander verheiratet oder hatten es wenigstens ernstlich für die Zukunft vor. Wenn aber wirklich einmal der eine mit der andern danebenging, wie es ja auch hier vorkam, so wurde dies keineswegs als eine Bagatelle genommen – so hätte man rein theoretisch eigentlich meinen sollen –, sondern es gab gleich ein großes Geschrei, vor allem auch unter den Unbeteiligten, weil sofort deduziert wurde, hiermit sei nun eben die höhere Sittlichkeit verletzt, nicht wie in der gemeinen bürgerlichen Ehe die niedere und alltägliche. Dies aber sei etwas, wobei die Sache der ganzen Gemeinde auf dem Spiel stehe. Was lag also näher, als daß auch die ganze Gemeinde darüber zu Gericht saß? So konnte es kommen, daß einmal wegen eines besonders aufregenden Falles eine Art von Volksversammlung in einem der Säle des Berliner Ostens einberufen wurde, mit einem richtigen Vorsitzenden (ich glaube, es war Bruno Wille, will es aber nicht beschwören), unter dessen Leitung die Angelegenheit nach allen Richtungen hin durchgesprochen wurde und schließlich auch ein Mehrheitsbeschluß zustandekam. Währenddessen aber hatte das neue Paar Deutschlands Boden längst hinter sich gelassen und ergab sich, jenes Mehrheitsbeschlusses ganz uneingedenk, in einem günstigeren Klima gärtnerischen Versuchen.

Neben Wille waren Wilhelm Bölsche und die Gebrüder Hart die anerkannten Führer dieses Kreises. Von den beiden letzteren wohnte, wenn ich mich recht entsinne, damals nur der eine in Friedrichshagen. Trotzdem galten sie beide als hierhin gehörig, denn Friedrichshagen war ja kaum noch eine Ortsbezeichnung: Friedrichshagen war ein Zustand, eine Geistesverfassung. Im Sinne dieser geistigen Zuständigkeit gab es ja eine ganze Anzahl solcher »Friedrichshagener«, die in Berlin oder in dessen anderen Vororten wohnten (so ich in Friedenau) und alle um den Friedrichshagener Kern kreisten.

Heinrich und Julius Hart werden die Ältesten von uns gewesen sein. Sie standen bereits in den Vierzigern und hatten schon eine reiche und bewegte literarische Vergangenheit. Wenn ich mir das Bild der beiden westfälischen Feuerköpfe aus dem Nebel der Vergangenheit zurückrufe, so finde ich einen gemeinsamen Zug von Schwarmgeisterei in ihnen, der ja so vielen Söhnen der Roten Erde eignet. Nicht umsonst ist eine der wildesten Schwarmgeistereien, von denen die Geschichte weiß – die der Wiedertäufer –, gerade auf diesem Boden erwachsen. Auch die Harts haben etwas Wiedertäuferisches für mich gehabt: eine sonderbare Mischung von phantastischem Spintisierertum und seherischem, prophetenhaftem Fanatismus. Jene Note war mehr in Heinrich, dem älteren Bruder, die andere stärker in Julius, dem jüngeren, entwickelt. Beides zusammen hatte sie schon von Anfang an, seit der Mitte der Siebzigerjahre, zu Vorkämpfern der damals grade erst sich andeutenden jungen Bewegung prädestiniert. Es war ihr Schicksal gewesen, Bahnbrecher, Wegbereiter des kommenden Neuen zu sein, und sollte es bleiben. Sie haben denn auch das Los so vieler Wegbereiter und Bahnbrecher geteilt, mit ihrem eigenen Schaffen (Julius mit Lyrik, Heinrich mit Epik) in einer Art von Halbdunkel zu leben und bald der Vergessenheit anheimzufallen.

Merkwürdig auch, daß beide – trotz so mancher innern und äußern Verschiedenheit – uns andern immer als eine untrennbare Einheit erschienen. Erst als diese durch den verhältnismäßig frühen Tod des Älteren zerrissen wurde, gewöhnte man sich allmählich daran, den Überlebenden in seiner eigenen Totalität zu sehen und in ihm immer deutlicher den glühenden, leidenschaftlichen Verfechter eines deutschen Dichtungsideals, etwa im Herderschen Sinne, zu erkennen. In diesem Licht steht Julius Hart doch wohl als der Bedeutendere der beiden vor der Nachwelt, die freilich ihrer beider Namen nur noch in der Literaturgeschichte liest und nichts mehr von ihrem dichterischen Schaffen, höchstens noch von ihrer bahnbrecherischen Wirksamkeit weiß: hierin an die wesens- und schicksalsverwandte Gestalt von Michael Georg Conrad, des großen Münchner Vorkämpfers, tragisch gemahnend.

In Bruno Wille fiel schon bei flüchtigem Verkehr eine starke pädagogische und populär-philosophische Ader auf. Er war nicht ohne Grund jahrelang sozialistischer Wanderredner, freidenkerischer Lehrer und Prediger gewesen und ging auch damals noch viel auf Vortragsreisen, in denen er seinen Hörern den materialistischen Wissensstoff der Zeit im Lichte einer höheren Ethik zu vermitteln suchte. Der große schwere Mann mit dem strähnigen dunkelblonden Haar und dem bärtigen Kinn hatte schon in seiner äußeren Erscheinung viel vom Schulmeister oder vom Predigtamtskandidaten. Man hätte ihn nach seiner ganzen Art auch den ewigen Studenten mit der angemessenen Zahl von Semestern nennen können. Er war bei den Reden der andern nie ganz anwesend, mit nach innen gekehrtem Auge immer nur dem eigenen Gedankenkreislauf folgend. Solche Menschen können einen leicht zur Verzweiflung bringen, besonders in der Debatte, da sie nie die Gründe der andern hören, nur sich selbst Raum geben. Wille, in dem sicher auch viel von diesem meist unerträglichen Dünkel des geborenen Präzeptors, des Aufklärers, des Weltverbesserers steckte, versöhnte doch wieder durch echt menschliche Güte und durch einen jungenhaften, oft mit sich selbst spielenden Humor.

Etwas Rührendes hatte auch sein Verhältnis zu seiner Frau. Man sprach im ganzen Kreise von ihr nur als von »Lieschen«. Und einfach wie dieser Name war auch Lieschens Natur. Es haftete ihr, solange ich sie kannte, immer etwas von seelischem Küchengeruch an. Man hätte meinen sollen, daß die pädagogische, die erzieherische Atmosphäre ihres Mannes, in die sie doch eigentlich unausgesetzt unterzutauchen hatte, wie ein laues geistiges Bad auf sie gewirkt und ihr mit der Zeit etwas von jenem Parfüm genommen hätte. Weit gefehlt! Lieschen blieb die Wirtschafterin und Haushälterin, als die sie der Philosoph gleichsam in der Zerstreutheit mit sich ins Haus genommen hatte. Die höchsten Probleme schwirrten ihr tagtäglich um die Ohren, aber sie konnten an der Wesenheit dieser einfachen Seele nichts ändern. Gott der Herr hatte sie nun einmal als Köchinnennatur geschaffen, jeder wußte es, fand sich damit ab und schätzte sie, wie es ihr zukam. An dieser braven Haut war alles echt, auch der unverfälschte Dialekt. Wille selbst nahm alle Äußerungen ihres Temperaments mit unveränderlichem Gleichmut auf.

Ich habe mich bei diesem Eheverhältnis etwas länger aufgehalten, weil es charakteristisch war für den allgemeinen Zuschnitt unserer damaligen literarischen und künstlerischen Boheme, in Berlin und auch in München. Es gab in unsern Kreisen eine ganze Reihe so ähnlicher Bindungen, wenn auch der Willesche Fall besonders typisch war. Man begriff oft nicht, wie sie eigentlich zustandegekommen waren. Vielleicht waren sie nur aus der Laune des Augenblicks entsprungen, der dann Dauer gewonnen hatte. Und hier ist wieder der Punkt, wo das Grundsätzliche jener Epoche anknüpft. Wir jungen Leute von 1890, soviel wir auch über Liebe, Ehe, freien Sinnengenuß redeten und schrieben, und so laut wir aller äußern Fessel spotteten, fühlten uns doch vor unserm Gewissen durch einmal eingegangene, vielleicht nur im Augenblicksrausch übernommene Verpflichtungen so stark gebunden, daß in sehr vielen, ja in den meisten Fällen nachher eine Ehe daraus geworden ist. Gewiß oft genug nicht zum Glück beider Teile, weshalb Ehescheidungen später beinahe die Regel wurden. Auch die Willesche Verbindung ist schließlich diesen Weg gegangen, wenn sie auch noch lange Jahre dauerte. Überhaupt ist Willes nachmalige Laufbahn, als aus dem einstigen Revolutionär ein Schloßherr und aus dem Freidenker und Aufklärer schließlich so etwas wie ein Mystiker geworden war, mit ihrer ersten Hälfte nur schwer auf den gleichen Nenner zu bringen.

Wie in Wille die populär-philosophische, so war in Wilhelm Bölsche eine populär-naturwissenschaftliche Ader lebendig und sollte bald der Hauptantrieb seines ganzen Schaffens werden. Damals wußten wir freilich noch nicht viel von dieser besonderen und schließlich entscheidenden Begabung des jovialen und genießerischen Rheinländers. Vielleicht war sie ihm selbst noch nicht voll zum Bewußtsein gekommen. Er glaubte wohl noch mehr an seine dichterische Berufung, von der ja auch sein nicht lange vorher erschienener Roman »Die Mittagsgöttin« Zeugnis ablegte. Ich entsinne mich aber doch noch deutlich, daß mir zu verschiedenen Malen die erstaunlichen naturwissenschaftlichen Kenntnisse Bölsches aufgefallen sind. Er erteilte uns andern, uns vollkommenen Ignoranten Belehrungen etwa über die Fortpflanzung der Spulwürmer oder über den Knochenbau des vorweltlichen Megatheriums, daß wir bis in unsere innerste Seele über unsere Unwissenheit erröteten. Ich kam oft in sein gastfreies Haus, wo bei belegten Stullen und Lagerbier immer eine gehobene Stimmung und ein äußerst lebendiges Wesen herrschte, habe auch manche Nacht auf Bölsches Sofa kampiert, wenn ich im Eifer der Debatte den letzten Zug nach Berlin und Friedenau versäumt hatte, was nicht grade selten geschah. Auch meine junge Frau beteiligte sich dann und wann an diesen Exkursionen nach Friedrichshagen, an den »Symposien« bei Wille oder Bölsche, und wurde als die Schönheit dieses Kreises von dessen galanteren Mitgliedern sehr gefeiert.

Zu diesen gehörte unter anderen auch der vor nicht langem – im Frühjahr 1933 – gestorbene John Henry Mackay. Die Lebenstragödie dieses vornehmen und bedeutenden Menschen hatte damals, wenigstens im äußerlichen Sinne, noch nicht begonnen. In seinem inneren Wesen war freilich schon alles auf die tragische Grundstimmung und den düstern Ablauf vorbereitet und angelegt. Er stammte aus einer ursprünglich schottischen Familie, hatte aber sicher ebensoviel deutsches Blut und war im Rheinland, wenn ich nicht irre, in Saarbrücken, aufgewachsen. Sein eigentliches und stärkstes Wesen war meines Erachtens sein lyrisches Dichtertum. Daß er darüber hinaus oder daneben den Weg des philosophischen, des sozialpolitischen, schließlich des anarchistischen Forschers oder Träumers gegangen ist, der ihn zum Wiederentdecker Stirners machen und schließlich in die Regionen einer kalten, lebensfremden Abstraktion führen sollte: hierin erblicke ich den Ausgangspunkt und das entscheidende Charakteristikum seiner Lebenstragödie.

Für jedermann bedeutet es ja einen tragischen Bruch in seinem Leben, wenn er seiner eigensten Natur untreu wird und ein fremdes Gesetz in sich aufnimmt, dem er dann folgt. Aber die meisten Menschen kommen über solche geheimen Brüche und Sprünge im seelischen Räderwerk hinweg, ohne besonderen Schaden zu nehmen. Das Leben ist für sie nicht viel mehr als eine gröbliche Farce, als ein sehr handgreifliches Possenspiel, mit dessen Püffen und Stößen sie sich abfinden wie der dumme August mit den seinigen. Eine Tragödie wird erst daraus, wenn es dem vornehmen, dem feinnervigen, dem zartbesaiteten Menschen widerfährt. Dies war der Fall John Henry Mackays. Er ist, wenn ich sein Schicksal richtig deute, an der Aufnahme eines ihm gänzlich wesensfremden Elements, nämlich der Stirnerschen Philosophie, gescheitert. In dem Augenblick, wo die weiche, lyrische, balladeske Mackaysche Welt sich der so ganz anders gearteten, so viel härteren, nüchternen und blutleeren Ideenwelt Stirners anvermählte, war die Tragödie entschieden, der Ausgang nicht mehr zweifelhaft. Der deutschschottische Dichter und Kavalier (denn er war es), von dessen Harfe in jungen Tagen Klänge einer geheimnisvoll ergreifenden Schwermut und einziger sprachlicher Schönheit ertönten, blieb fortan dem vampirischen Dämon des fränkischen Gymnasiallehrers verfallen, als habe dessen verstandesbleiche Seele noch posthum sich an dem warmen Lebensblut des hörig gewordenen Dichters ersättigen wollen.

Zu jener Zeit freilich, von der ich hier berichte, lag das alles noch im Schoß einer näheren oder ferneren Zukunft. Mackay kam öfters von Berlin, wo er damals in der Köpenicker Straße wohnte, nach Friedrichshagen und zeigte sich in der gemeinsamen Runde, wenn ihn die Laune anwandelte, von der fidelsten Seite. Er hatte genug, um ohne Sorgen leben und sich seiner dichterischen und auch manchen andern Passionen widmen zu können. Einer von ihnen – einer sehr entscheidenden seines Lebens –, in ihrer bis in die rätselvollen Untergründe hinabreichenden Verzweigung, hat er in seinem Roman »Der Schwimmer« dichterischen Ausdruck verliehen.

In Mackays Behausung, bei einer seiner kleinen, feierlichen Schmausereien und Trinkereien, hatte ich damals einen jungen Musiker kennengelernt, der eben von München gekommen war und einige von Mackays Liedern in Töne gesetzt hatte. Sie wurden an jenem Abend gesungen. Ihr Wohllaut schmeichelte den Sinnen und griff in die Seele. Der junge Musikus, von dem damals noch kaum jemand sprach, hieß Richard Strauß. Im Juni 1934 hat die ganze gebildete Welt den siebzigjährigen Meister als den größten musikalischen Schöpfer und Herzenskünder des ganzen Zeitalters gefeiert. Gewiß mit Recht. Vielleicht sind dem alten Meister damals in einer abseitigen Stunde jene Gesänge aus seiner Jugendzeit eingefallen, zu denen ihm ein Halbvergessener, ein zu Unrecht Vergessener einst den süßen Klang seiner Verse lieh. Des Musikus Name hallt durch die Welt. Der Dichter, in Bitternis und Elend gestorben, ein Beiseitegeschobener, Übergangener, Unzeitgemäßer ruht in irgendeinem Winkel irgendeines Berliner Friedhofs, und wenige kennen noch seinen Namen, geschweige sein Werk. So verschieden sind uns Sterblichen die Lose hiernieden zugeteilt.

Zu den jüngsten Hospitanten der Friedrichshagener Runde gehörte auch Wilhelm Hegeler, der Oldenburger. Der schlanke und elegante junge Mann, in diesem nicht gerade sehr prachtliebenden Kreise eine auffallende Erscheinung, war erst seit kurzem in Berlin aufgetaucht, wurde aber bald überall gern gesehen. Er verdankte dieses sonst nicht leicht zu erwerbende Wohlwollen der Gemeinde seinem gemessenen, zurückhaltenden, korrekten Wesen der Wasserkante, über dem doch nicht selten auch humoristische und ironische Lichter blitzten. Gerade weil er sich nirgend und niemand aufdrängte, fand er überall Eingang und durch seine Erscheinung besondere Gnade bei der ein gewichtiges Wort mitsprechenden Weiblichkeit. In literarischer Beziehung galt er als eine Hoffnung, als einer von den Kommenden. Dies erfüllte sich denn auch, als er bald nachher seinen Roman »Mutter Berta« erscheinen ließ. Hegeler hatte viel von den Franzosen gelernt. Sein Meister und Vorbild war Maupassant, dessen zur höchsten Höhe gelangte Laufbahn eben damals in tragischem Absturz endigte. Hegelers Name hat niemals zu denen in der ersten Reihe gehört, aber es steckte doch ein feiner, ehrlich mit sich ringender Künstler in diesem schwerblütigen Menschen von der Wasserkante, der zudem in dem wilden Literaturgetriebe des Zeitalters sich immer die Lauterkeit der Seele bewahrt hat. Ich habe mich hier mit ihm beschäftigt, weil er eben damals auch zu mir und meinem Hause in freundschaftliche Beziehungen trat, die noch heute – trotz vieljähriger räumlicher Trennung – nicht erstorben sind. Ich sollte ihm bald auch in München wiederbegegnen.

Auch ein damals noch mehr Schrecken als Bewunderung erregendes nordisches Meteor erschien eine Zeitlang auf seiner Bahn am Friedrichshagener Himmel: August Strindberg. Er hatte für eine Weile seine Pariser Alchimistenküche zugeschlossen und wollte einmal die dünne rationalistische Luft Berlins, dieser jüngsten und unternehmendsten Weltstadt, atmen. Vielleicht zog ihn auch der Umstand hin, daß in der allem Neueren und Neuesten heftig zugetanen Stadt bereits eine Strindberg-Gemeinde sich gebildet hatte, die mit echt jüngerhafter Unduldsamkeit nichts als Strindberg kannte, keine andern Götter neben ihm duldete. Lautenburg hatte in den Matineen seines Residenztheaters, denen ja auch ich meine Entdeckung verdankte, das Berliner literarische Publikum mit dem »Vater«, mit »Fräulein Julie«, den »Gläubigern« bekanntgemacht und damit, wie nicht anders zu erwarten, ein hitziges Für und Wider der Meinungen entzündet.

In den esoterischen Tees des damaligen alten Berliner Westens (der neue war erst im Entstehen) traten Parteien an, die sich unter dem Schlachtruf »Hie Ibsen – hie Strindberg!« aufs heftigste bekämpften. Es war ja erst wenige Jahre, daß Ibsen sich in Deutschland, auch in Berlin, durchgesetzt hatte. Otto Brahm hatte durch sein publizistisches und kritisches Wirken, bald auch als Begründer und Diktator der »Freien Bühne«, das Entscheidende für den Sieg der Ibsenschen Ideen- und Gestaltenwelt getan. Er war der anerkannte Verkünder, Apostel und Prophet des noch halb unenträtselten Magus aus dem Norden. Er hatte die Augen des Zeitalters erst sehend gemacht für die Bahn des aufsteigenden Gestirns. Eben jetzt stand es in seinem vollen Glanze nahe seiner Zenithöhe. Und schon fahndete ein neuerungssüchtiger Geschmack nach einem zweiten »Magus des Nordens«, der womöglich noch rätselhafter, noch vieldeutiger, noch »nordischer« war als der erste. Schon wollte der Vortrab der literarischen Sterndeuter ein neues Gestirn der allerersten Klasse und womöglich noch größeren Ausmaßes als jenes im fahlen Nordlicht der äußersten Thule entdeckt haben. Konnte dies geduldet werden? Mußte nicht der ganze Heerbann der maßgebenden literarischen und Theaterkritik gegen das Häuflein der Aufrührer und Empörer eingesetzt werden? Kaum einem kam es in den Sinn, daß es in unseres Vaters Hause viele Wohnungen gibt und daß man eigentlich hätte stolz sein müssen, in einem Zeitalter zu leben, wo gleich zwei solche »Kerle« (nach dem Goethischen Wort) auf einmal auftraten.

Ibsen und Strindberg. Der Frauenlob und der Frauenfeind. Der Symbolist und der Naturalist. Der Kritiker und Analytiker der Gesellschaftsseele und der Bekenner der Ich-Seele. Der Objektivierer und der Subjektivist. Der Aufklärer, der Rationalist, und der Reuige, der Bekehrte, der den Weg nach Damaskus findet. Welche weltweiten Gegensätze! Und doch! Scheint es nicht nur so? Ließe sich nicht fast alles, was hier von dem einen ausgesagt ist, in vielleicht paradoxer und doch begreiflicher Antithese auch von dem andern aussagen und umgekehrt? Steckt denn nicht in dem Frauensänger und Frauenlob, in dem Schöpfer der Hedda Gabler, der Nora, der Rebekka, der Regine Engstrand auch ein sehr scharfer Kritiker, der das bewunderte Geschlecht oft mit recht bitterböser Brille betrachtet, manchmal vielleicht sogar gegen seinen Willen zum Ankläger wird, wo er verteidigen will? Und ist umgekehrt der vielverlästerte Frauenfeind Strindberg nicht im Grunde ein Bewunderer des gehaßten Geschlechts, indem er uns fast in jeder Szene die Überlegenheit des Weibes gegenüber dem Mann geradezu mit Händen greifen läßt? Ist also nicht gekränkte Liebe sein ganzer Haß? Und wenn so der Feminist sich dem tieferen Blick als der eigentlich Maskuline enthüllt, verwandelt sich da der scheinbar so maskuline Strindberg nicht in eine durch und durch feminine Natur?

Man kann die Umkehrung, die Antithese auch noch weiter treiben und aus dem rationalistischen Ibsen den Mystiker Ibsen machen, wie ja auch schon Gabriel Borkmann beides zugleich ist, und dem mystischen Strindberg seiner Spätzeit den messerscharf sezierenden Naturwissenschaftler der früheren Jahre entgegenstellen. Rechts und Links, Vorne und Hinten, Oben und Unten scheint wie in einem Zauberkabinett plötzlich vertauscht zu sein. Und wir erkennen mit Ehrfurcht und Demut, daß die unerschöpfliche Schöpferhand des Ewigen mit spielender Leichtigkeit aus dem gleichen Ton unzählige Abarten und Varianten als Spiegelbilder seines göttlichen Ichs zu formen vermag.

Strindberg und Ibsen. Zwei Gegensätze. Zwei Polaritäten. Und doch nah verwandt durch Stamm und Blut derselben nordgermanischen Rasse, durch gleiches Klima, ähnliche Erziehung, ähnlichen Lebenskampf. Nahe verwandt in der rasanten dramatischen Wirkung trotz so verschiedener dramatischer Technik. Nahe verwandt auch als ausgesprochen intellektualistische Dichter, als Genies des Gehirns. Und am nächsten verwandt auch in ihrer Wirkung auf unser deutsches Volk, auf unsere deutsche Geistesverfassung in zwei aufeinanderfolgenden Zeitaltern, indem der Spätere den Früheren hierin, nämlich in seiner Wirkung auf das deutsche Geistesleben, geradezu abzulösen scheint. Denn läßt es sich heute nicht schon klar überblicken, daß Ibsens große Zeit mit der Vorkriegsepoche, also mit der Blütezeit des deutschen Großbürgertums, zusammenfällt, diejenige Strindbergs aber der Kriegs- und Nachkriegsepoche Natürlich sind hiermit in diesem Buch, dessen Entstehung, wie schon mehrmals erwähnt, in die Jahre 1933 und 1934 fällt, immer nur der erste Weltkrieg (1914-1918) und seine nächste Folgezeit gemeint, während der jetzt (seit 1939) sich abspielende zweite Weltkrieg, in dessen Verlauf diese neue Ausgabe des Buches fällt, völlig aus dem Gesichtskreis dieser Betrachtungen ausscheidet. angehört? Und so sehen wir zu guter Letzt auch das dichterische Werk der beiden großen Nordmänner sich mit dem geschichtlichen Bilde einer jeden der beiden Epochen vermählen als deren Prophezeiung und Erfüllung zugleich: Wetterleuchten und fernes Donnerrollen die Tonart und Färbung der Ibsenschen Gesellschaftsdramatik; die feurige Lohe des Weltbrandes wiederum versinnbildlicht durch den Strindbergschen Vernichtungskampf der beiden Geschlechter.

Strindbergs Gastrolle in Berlin, auf diesem heißen, vulkanischen Boden, in dem wildbewegten, lärmenden Literaturgetriebe, das charakteristisch für die Stadt ist und auch jene Tage schon kennzeichnet, ist nicht von langer Dauer gewesen. In Friedrichshagen bin ich selbst ihm nie begegnet, hörte nur, daß er gelegentlich dort auftauchte und jedesmal ein Chaos von Meinungen und Gefühlen zurückließ. Kein Wunder! Mußte nicht der starre Individualist, um nicht zu sagen Anarchist, der er war (damals und später trotz alles Christentums!), mit seinem Anspruch auf Unbedingtheit und Ausschließlichkeit seiner literarischen, wissenschaftlichen, religiösen Denkweise und Lehrmeinung wie ein bösartiger Raubfisch in dem biederen sozialistisch-doktrinären Geplätscher des Friedrichshagener Karpfenteiches wirken?

Ich gewann schon damals den Eindruck, daß hier für Strindberg, nachdem er sein erstes Mütchen an den Friedrichshagener Aufklärern gestillt und den erwünschten Schrecken verbreitet hatte, nicht mehr viel zu holen war, weshalb er denn auch nach seiner Art ohne weiteres verschwand. Vielleicht waren auch das Lagerbier und die Butterstullen nicht sehr nach seinem Geschmack. Sein schwedischer Magen verlangte nach kräftigerer Würze, stärkeren Reizmitteln. Berlin war auch schon damals nicht arm an solchen Gaststätten. Eine von ihnen war das »Schwarze Ferkel« in der Dorotheenstadt, das ja auch noch heute besteht, aber seine Ferkelnatur im Vergleich zu einst sehr verändert hat. Hier suchte und fand der rauhbeinige Nordländer den Schlupfwinkel, den seine Natur brauchte und wo er ganz er selbst sein konnte.

Das »Schwarze Ferkel« ist durch Strindberg und seine Gesellen in die Geschichte eingegangen, so wie zwei Menschenalter vorher der Luttersche Weinkeller durch Hoffmann und seine Runde und wie im alten lustigen England der »jungfräulichen« Königin der »Wilde Schweinskopf« durch Shakespeare. Auch ich habe im »Schwarzen Ferkel« am selben Tisch mit Strindberg gesessen, nur ein paarmal und in sehr vorgerückter Stunde, und ich sehe in dem Dunst von Zigarren, Zigaretten, Rotwein, Sekt, Schnäpsen und schwedischem Punsch zwei dämonische Augen sich auf mich heften; sehe in dem Rembrandtschen Helldunkel einen Kopf mit mächtiger Stirn und wirrem, ergrauendem Lockenhaar sich abzeichnen, der selbst wieder an den Kopf Rembrandts etwa in seiner mittleren Periode gemahnte; höre und sehe scharfakzentuierte Sätze, Behauptungen, Thesen gleich Brandbomben über den Tisch fliegen ... Mehr weiß ich davon nicht. Vor allem auch nichts von einem Gespräch etwa persönlichen Inhalts, das ich mit dem wie in den Nebeln der Sage, der Edda oder wie im Feuerschein des Hekla dasitzenden Magus geführt hätte. Denn es ist mir nie gegeben gewesen, am allerwenigsten in meinen jungen Jahren, mich bei großen und berühmten Männern mitteilsam anzubiedern und ihnen mit Fragen über ihre Schaffensweise kordial auf die Schulter zu klopfen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.