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Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 2
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141030
projectid1bac9578
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Als ich am 23. April 1893, jenem wunderschönen Frühlingssonntag, in dessen Mittagsstunden mein Liebesdrama »Jugend« zum erstenmal über die Bretter ging, das Theater in der Berliner Blumenstraße verließ, hätte mir der Himmel wohl voller Geigen hängen können. Der Erfolg des Stückes – um so schlagender je überraschender er für alle Welt kam – ließ füglich keine Umdeutungen oder Falschmeldungen durch Übelgesinnte zu. Durfte ich nicht hoffen, am Ziel aller meiner Wünsche zu sein? Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich wirklich so empfunden habe, möchte es jedoch im Hinblick auf meine damals entschieden düstergefärbte Grundstimmung verneinen. Jedenfalls weiß ich heute, da ich dieses niederschreibe – genau vierzig Jahre später –, daß ich mich in jener überwältigenden Stunde nicht am Ende, sondern erst am Anfang meines eigentlichen Lebenskampfes befunden habe.

Man vergegenwärtige sich die Umstände. Ich stand im achtundzwanzigsten Jahr. Es war meine vierte dramatische Arbeit, mit der ich mir die Bühne nunmehr endgültig erobert hatte. Die beiden ersten Stücke waren überhaupt nicht ans Rampenlicht gelangt, waren Buchdramen geblieben. Mit dem dritten, dem »Eisgang«, hatte ich es zu einigen geschlossenen Aufführungen in der »Freien Volksbühne«, einer doch parteimäßig gebundenen Vereinigung, gebracht. Jetzt stand ich als Träger eines unbestrittenen Sieges im Licht der breitesten Öffentlichkeit. War es nicht im Grunde ein ganz normaler Weg, den ich zurückgelegt hatte? Ein Aufstieg aus kleinen unbeachteten Anfängen, durch eine mittlere Zone, zur vollen Aussichtshöhe des Erfolges? Was war dabei so besonders Auffälliges und Überraschendes? Mir selbst erschien dieser ganze Verlauf als die natürlichste und selbstverständlichste Sache von der Welt. Hatte ich nicht seit je den unverbrüchlichen Glauben daran in mir getragen? War ich nicht mit einer nachtwandlerisch zu nennenden Sicherheit eben diesen steilen und steinigen Pfad gegangen, von dem ich es mir nie anders gedacht hatte, als daß er – und nur er – mich zum Ziel führen müsse? Worüber wunderten sich die Leute eigentlich?

Und doch taten sie es! Was mir selbstverständlich erschien, war für die Welt ein Gipfel der Überraschung. Ich hatte in meinem jugendlichen Selbstgefühl meine eigene Meinung von mir den andern unterschoben und bei ihnen – so töricht sind wir mit siebenundzwanzig Jahren! – eine Kenntnis meiner verschiedenen Entwicklungsphasen vorausgesetzt, die nicht im geringsten bestand.

Mit andern Worten: Ich selbst hatte von mir natürlich längst allerlei gewußt. Umgekehrt hatte die Welt noch kaum eine Ahnung von mir gehabt. Um so größer mußte die Überraschung, die Verblüffung sein, in die sie durch den unvorhergesehenen Erfolg versetzt wurde. Dies ist aber eine der gefährlichsten Lagen, in die man der Welt gegenüber geraten kann: daß man sie überrascht, verblüfft, überrumpelt. Nichts wird uns schwerer verziehen und länger nachgetragen. Es ist wie eine stille Abwehrfront aller übrigen, die sich sofort zu bilden scheint, mit der geheimen Parole: Einmal hat er uns täuschen können! Ein zweites Mal nicht! ... Der, gegen den sich dies unausgesprochene Interdikt richtet, mag sich in der Tiefe seines Herzens noch so schuldlos fühlen (und wie sollte er anders?), es hilft ihm nichts. Seine Mitmenschen, insbesondere die seiner engeren Lebensklasse oder Berufsgruppe, stehen als die »kompakte Majorität« Ibsens wider ihn auf und verhängen insgeheim die Acht über ihn. Er hat die öffentliche Meinung düpiert, an der Nase herumgeführt! Dafür muß er fallen! Vom Kapitol zum Tarpejischen Felsen ist nur ein Schritt. In der gleichen Stunde, in der uns der Kranz gereicht wird, ist auch schon das Urteil über uns gesprochen, das Stäbchen, ohne daß wir es wissen, über unserm Haupt zerbrochen.

Die nächstliegende und greifbarste Handhabe dazu pflegt das Werk selbst zu bieten, womit es uns in einem plötzlichen Anlauf gelungen ist, die Öffentlichkeit auf eine unvorhergesehene Weise mitfortzureißen. Man macht eben dieses Werk zum entscheidenden Maßstab aller von seinem Urheber noch zu erwartenden späteren Werke, vergrößert ihn womöglich noch durch reichliches, oft ungemessenes Lob und bemißt hieran jedes nochmalige Unterfangen, das nach dieser Methode fast mit Notwendigkeit hinter jenem Glanzwerk zurückbleiben und verschwinden muß. So wächst sich das Geschöpf – eben jenes Kind des Glücks, jenes Überraschungswerk – allmählich zu einer Anklage gegen seinen Schöpfer aus. Es wird zu einer Art von Golem, der sich gegen seinen eigenen Urheber wendet und ihn zu erschlagen droht. Aus dem einstigen Siegerglück einer umjubelten Erfolgspremiere wird am Ende eine Lebenstragödie. Und jene Unheilspropheten, die »schon damals« voraussagten, daß der Dichter nie wieder über seinen ersten Glückswurf hinauskommen werde, haben am Ende recht behalten.

Soll man deshalb über die Schlechtigkeit und Bosheit der Welt jammern, die uns sogar aus unsern Verdiensten einen Strick zu drehen sucht, nur weil wir sie nachher nicht mehr zu überbieten vermochten? Es wäre ein unbilliges und oberflächliches Urteil. Denn was jene Phalanx der andern gegen uns aufruft, das ist in Wirklichkeit weniger ein Gefühl bewußten Neides und absichtlicher Mißgunst als eine einfache Reflexhandlung des menschlichen Beharrungs- und Selbsterhaltungstriebes, der sich urbewußt gegen jede mögliche Verlagerung des Kräftegleichgewichts zur Wehr setzt.

Um es auf eine bildhafte, wenn auch etwas handgreifliche Weise auszudrücken: Es scheint in der Welt immer nur eine bestimmte Menge, nur eine abgemessene Portion von Ruhm vorhanden zu sein, die sich – je nach den Zeitverhältnissen wechselnd – auf die einzelnen Lebensgebiete verteilt und in entsprechend verkleinerten Rationen wiederum für die jeweiligen Einzelträger und Nutznießer bereitsteht. Wie bei einem Gastmahl kann es dann geschehen, daß je nach Appetit, Aufnahmefähigkeit und Unbekümmertheit der eine sehr viel und der andere wenig bekommt; womit als mit einer nun einmal anerkannten Tatsache alle Eingeladenen sich abzufinden pflegen. Es ist ein gewisser erzwungener Ausgleich aller Kräfte, ein Ruhezustand des Gleichgewichts, den eben jeder hinnimmt. Ereignet es sich aber dann, daß ein Ungerufener und Uneingeladener plötzlich in den Kreis tritt und sich zwischen die andern hinein an die Tafel zwängt, was in einer gesitteten heutigen Gesellschaft freilich nur ausnahmsweise, im ideellen geistigen Raum aber gar nicht selten vorkommt, so ist ein Widerspruch aller schon bei Tische Anwesenden gegen den Eindringling ein sehr begreiflicher Vorgang menschlichen Abwehrtriebes und kann den daran sich Beteiligenden gerechterweise nicht als ein Akt des Neides und der Mißgunst, sondern nur als einer natürlichen Selbsthilfe ausgelegt werden.

Man sieht, ich bin mit dem heute erreichten Stande meiner Einsicht in das hauchartige Gewebe des menschlichen Unterbewußtseins durchaus fähig und auch gewillt, allen den Stimmungen und Gefühlen gerecht zu werden, die mein ungerufenes und unerwartetes Auftreten vor vier Jahrzehnten und noch viele Jahre später bei Publikum und Kritik, bei Freund und Feind hervorrief. Ich gestehe aber offen ein, daß mir diese Frucht der Erkenntnis erst aus einem langen kampferfüllten Leben erwachsen ist und es vielen sauren Schweißes und mühevoller Selbstüberwindung bedurft hat, um den Acker meiner Seele so zu düngen, daß etwas Ersprießliches ohne jede giftige Beimischung darauf entstand. In jener Zeit, von der ich hier erzählen will und in der dies alles mir noch neu war, erst Erfahrung für mich werden sollte, habe ich aufs schwerste darunter zu leiden und oft mit Anfällen bitterer Menschenfeindschaft zu ringen gehabt. Aber vielleicht geht es mit allen diesen von der Gottheit uns auferlegten Prüfungen und Leiden nicht anders, als es die Priesterregel in den altägyptischen Tempeln gebot, nach welcher die Neueintretenden, die Neophyten, sich erst durch ein Labyrinth von finsteren Gängen und Schreckenskammern hindurchzuarbeiten hatten, um schließlich des strahlenden göttlichen Lichtes teilhaftig zu werden.

Wenn ich heute auf meine Laufbahn, auf den langen und beschwerlichen Zickzackweg dieser hinter mir liegenden vier Jahrzehnte meines schriftstellerischen Schaffens zurückblicke, so erscheint es mir als Gewißheit, daß eben jene aus der vielfachen Verkennung und Herabsetzung herrührenden Prüfungen und Leiden es waren, die meine allzuweiche Seele mit bildnerischer Hand geformt, meinen jugendlich schwankenden Charakter gefestigt und gestählt und meine Persönlichkeit, mein immanentes Ich solange zurechtgehämmert haben, bis schließlich eine starke, nicht gerade leicht zu bezwingende Festung daraus wurde. Auf eine kurze, knappe, sachliche Formel gebracht: Jener erste und größte Erfolg meines Lebens – jener Jugendsieg – ist eben dadurch, daß er die Ursache vieler Verkleinerung und auch mancher Niederlagen in meinem nachherigen Leben und Schaffen wurde, gleichzeitig zum nimmermüden Ansporn, zur unaufhörlich geschwungenen Peitsche für meine ganze literarische, dichterische Zukunft geworden und es bis zum heutigen Tage geblieben, indem er mich immer von neuem zwang, Kritik an mir selbst zu üben, nach immer anderen Seiten meines Wesens zu schürfen, wieder und wieder neuartige Fassungen meiner Thematik zu suchen, mir gewissermaßen niemals selbst Pardon zu geben.

»Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen ...« Gerade diese Gefahr – die des Faulbetts – ist, wie ich bekennen muß, keine geringe für mich gewesen, so daß ich ihr unter bequemeren Umständen des Schaffens vielleicht hätte erliegen können. Jenem ewigen Stachel im Fleisch, vielmehr in der Seele, den Freund und Feind, Publikum und Kritik, und oft gerade manche von den Nächsten in mich hineinsenkten, als ob ich ja doch nicht mehr über meine »Jugend« hinauskommen könne: ihm, diesem Stachel, diesem Sporn, dieser Peitsche habe ich es zu verdanken, daß ich alles, was in mir war – mag es nun viel oder wenig gewesen sein –, aus der Tiefe ans Licht gefördert habe und daß ich, dem oberflächlichen Blick als ein unstet sich Wandelnder und immer Anderer erscheinend, doch immerdar derselbe geblieben bin. Dies erfüllt mich mit dem ruhigen und sicheren Bewußtsein, daß der Lebenskampf, an dessen Beginn ich jetzt vor vierzig Jahren stand und dessen Ende vielleicht erst mit meinem eigenen Ende zusammenfallen wird, weder nach seinem Wesen noch nach seinem Ergebnis fruchtlos gewesen ist.

Und im Zusammenhang mit dem eben Gesagten noch eines, das vielleicht zur Abrundung des Bildes dienen mag. Ich habe niemals den Versuch gemacht, jenes Erfolgsstück meiner Frühzeit, das Liebesdrama »Jugend«, gewissermaßen noch einmal oder gar noch mehrmals zu schreiben. Wer sich die Mühe nimmt, sei es als Literarhistoriker, sei es als naiver Leser, sich mit der immerhin recht vielgestaltigen Erscheinungswelt meiner Dramen und Romane näher zu befassen, ja wer deren Stoffkreis auch nur eine oberflächliche Betrachtung widmet, der wird mir bestätigen müssen, daß ich, so sehr auch mein übriges Schaffen vielleicht als eine in sich selbst aufsteigende Kreisspirale erscheinen mag, jedenfalls in Hinsicht auf meine »Jugend« mich weder stofflich noch formal zu wiederholen versucht habe; vielleicht ein Beweis, daß mir die Einmaligkeit jenes Themas sowie jenes Erfolges von allem Anfang an bewußt gewesen ist.

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