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Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 16
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
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14.

Am 1. Juni 1902 zogen wir von der Wilhelmstraße 6, wo wir fünf Jahre gewohnt hatten, nach dem Hause Wilhelmstraße 2, in dem ich noch heute wohne und also einen großen Teil meines Lebens verbracht habe. Auch diesmal war mir der Entschluß zum Umzug nicht leicht gefallen. Ich hatte frohe und schaffensreiche Tage an der Stätte verlebt, die ich nun verließ. Was aber besonders ins Gewicht fiel: die neue Wohnung, geräumig zwar und sozusagen »hochherrschaftlich« nach damaligen Begriffen, war eben auch um soviel teurer, die Mehrbelastung für meinen Etat fühlbar genug. Schon vor fünf Jahren hatte mir die Vergrößerung und Verteuerung allerlei Sorgen gemacht. Schließlich war es ja gegangen. Aber würde es denn auch diesmal gehen? War der neue Aufbau überhaupt noch tragbar für den wirtschaftlichen Untergrund meiner zukünftigen Existenz? Nun, ich lebe ja, wie gesagt, noch bis zu dieser Stunde in der damals von mir – sogar als erstem Mieter – bezogenen Wohnung, obwohl das inzwischen verflossene Menschenalter angefüllt gewesen ist von geschichtlichen Umwälzungen politischer, sozialer, wirtschaftlicher Natur, wie sie kaum jemals vorher über ein Menschengeschlecht dahingefegt sind. Hätte ich dies alles auch nur im entferntesten vorausgeahnt, ich hätte mich wohl niemals getraut, meinen Fuß in die neue Wohnstätte zu setzen. Und doch ist es gegangen! Es zeigt sich also, daß der größte Teil unseres sogenannten Mutes, mit dem wir dem Leben die Stirne zeigen und uns mitten ins Schlachtgewühl stürzen, eigentlich sich nur auf die Unkenntnis gründet, die der siebenfache Schleier der Zukunft uns wohltätig vortäuscht.

Am 13. Oktober 1902 brachte das Königliche Schauspielhaus zu Dresden meine Komödie »Walpurgistag« zur Uraufführung. Es war eine schöne Vorstellung, durchaus im gepflegten Stil des vornehmen Hauses, mit Wiecke in der Hauptrolle des Dichters Ansgar und dem später tragisch geendeten Froböse als Theophrastus Spenser. Aber der Erfolg entsprach nicht den gehegten Erwartungen, war nur bedingt, war nur halb, vor allem im Nachhall bei der Presse, und ein solcher halber und bedingter Erfolg ist in der harten Wirklichkeit des Theaterlebens beinahe schlimmer als ein ganzer und unbedingter Durchfall. Denn dieser ruft oft auch entschiedene Abwehrkräfte für den davon betroffenen Autor auf den Plan (siehe meine »Eroberer«-Katastrophe), während jener es eben niemandem recht macht.

Diese schon früher gemachte Erfahrung sollte sich damals in besonders bitterer Form für mich wiederholen. Der deutsche Blätterwald hallte wider von anklagenden Betrachtungen über die Unzulänglichkeit und Fragwürdigkeit meines dichterischen, meines dramatischen Talents. Es war, als habe man geradezu auf eine solche Gelegenheit wie auf ein verabredetes Zeichen gewartet, so überraschend wirkte diese allseitige Übereinstimmung. Gewogen und zu leicht befunden! klang es mir hinter den Larven meiner Femerichter entgegen, von denen ich nur die wenigsten nach ihren Anfangsbuchstaben kannte oder erkannte. Ich konnte mir ja manches an dem kritischen Vernichtungsspruch erklären, denn in der fraglichen Komödie war manch spöttisches Wort über die kritische Gilde (allerdings in der Postkutschenzeit, aber man verstand mich schon) gefallen. Dennoch bekenne ich unumwunden, daß ich dieses Verdikt damals keineswegs mit der stillächelnden Gemütsruhe aufnahm, mit der ich etwa heute darauf zurückblicke. Ich lief vielmehr wochenlang mit recht wunder Seele umher und beschloß ernstlich, in mich zu gehen, soweit solches für einen ordnungsmäßig Hingerichteten überhaupt noch in Frage kam.

In diesem Zustand geschah es, daß ich beim Durchblättern früher Aufzeichnungen von allerlei bemerkenswürdigen Ideen, Einfällen, Motiven auf eine alte, halbvergilbte Notiz stieß und mich sofort im Innersten von ihr ergriffen fühlte. Sie lautete mit einem kurzen Stichwort: »Wahnsinniger, der einen Deich durchsticht.« Was mich hieran so packte und mitriß? Vielleicht eine verwandte Stimmung des Augenblicks, die sich mit der Wahnsinnstat der Notiz identifizierte. Das Aus-der-Haut-fahren-wollen eines vom Leben Geschundenen und Mißhandelten. Die Raserei des unheilbar Enttäuschten und Verratenen. Der Fluch des Gläubigen auf den Glauben, des Treuen auf die Treue, des Liebenden gegen die Liebe. Die rächende Tat des Enterbten, des Anarchisten, der den Schutzwall der menschlichen Gesellschaft zerstört und das alte Chaos hereinbrechen läßt, sich selbst und allen anderen zum Untergang. So wurde die Gestalt des Jakob geboren: der Nein-Sager aus Bejahung.

Und mit ihr und durch sie und aus ihr, wie Pallas aus dem Haupte des Zeus, der andere, der Gegensätzliche, der Verteidiger, Schützer dessen, was auferbaut ist, Staat und Gesellschaft zu verteidigen und zu schützen: der Ja-Sager und sei es durch Schuld und Verbrechen! Der Bejaher durch Verneinung. Der Deichhauptmann, der fallend Deich und Land rettet und so den eigenen persönlichen Frevel gegen das Gesetz sühnt.

Peter, der Jakob um sein Erbe bringt; Jakob, der nicht nur an Peter dafür Rache nimmt; Kain, der Abel erschlägt; Abel, der zum Kain wird: die Grundrisse einer Brudertragödie zeichneten sich wie mit Geisterschrift in dem Halbdunkel meiner frühesten Kindheitserinnerungen Siehe »Scholle und Schicksal« (Verlag »Das Bergland-Buch« Salzburg). ab, leuchteten geheimnisvoll aus der gleichsam vorgeschichtlichen Frühdämmerung meines Lebens herüber in das helle Mittagslicht dieser meiner Mannesjahre, und verschlangen sich mit den Linien eines anderen gleicherweise schicksalsmäßigen Kindheitsbildes, der gleichnishaft gewordenen Naturkraft des Stromes. (Worüber manches Ergänzende im ersten Bande dieser Erinnerungen zu finden ist.)

Nachdem so die Urstoffe des dramatischen Schöpfungsvorganges durch einen kurzen, jähen Akt gegenseitiger Anziehung und Befruchtung sich miteinander vermählt hatten, sozusagen die Basis des chemischen Prozesses hergestellt war, mußten – nur einen Schritt weiter – durch den Zwang der Wahlverwandtschaft auch die übrigen Elemente, die noch fehlenden Ingredienzen, mühelos und wie von selbst hinzutreten: Heinrich, dramatischer Mittler und Motor zugleich; die finstere Hintergrundgestalt der Großmutter; die lichtere des Ohms (vor vierzig Jahren »unter dem Birnbaum« hätte man es ihnen nicht so prophezeit!); endlich der Mittelpunkt dieser kämpfenden Welt, die Zentralsonne der kreisenden Atome: Renate.

Die Zeitungsblätter, die meinen literarischen Tod unwiderleglich nachgewiesen hatten, waren noch längst nicht sämtlich dem Lose alles Irdischen, der Vergänglichkeit im allgemeinen und dem häuslichen Verbrauch im besonderen anheimgefallen, als ich, inzwischen wieder auferstanden und genesen, bereits über der Niederschrift des ersten Aktes saß. Es war im Dezember 1902. Rasch ging es vorwärts. Ende Januar 1903 war der zweite Akt fertig. Eine mehrwöchige Vorfrühlingsreise nach Köln, Brüssel, Amsterdam mit abschließenden Faschingstagen in Paris brachte die erwünschte Entspannung. Anfang März 1903 begann ich mit dem dritten Akt. Um die Mitte des Monats war er beendigt. In der Villa Halkyone Otto Erich Hartlebens zu Salò habe ich noch eine letzte Verdichtung des Werkes vorgenommen und es dann am Karfreitag 1903 einem kleinen Kreise vorgelesen, während draußen ein wilder Nordsturm den Gardasee zu donnernder Brandung aufpeitschte und so eine erschütternd echte Begleitmusik dazu schuf.

Paul Schlenther, dessen aus diesem Anlaß mit besonders dankbarem Herzen gedacht sei, nahm schon nach wenigen Wochen das Werk im Manuskript für das Burgtheater an. Brahm, dem ich es gleichfalls im Manuskript hatte zugehen lassen, schwieg sich erst längere Zeit aus. Als dann die Annahme am Burgtheater bekannt wurde, sandte er es mir mit einem nahezu beleidigenden Briefe zurück. Ich habe hierüber schon früher berichtet. Kein Zweifel! »Dieses Bannes Kraft war aus« für immer. »Ein neues Glück mußte mir fortan beginnen.« War es nicht wie ein Zeichen vom Schicksal, daß in eben den Tagen, da ich Brahms Absagebrief erhielt, eine telegraphische Anfrage Max Reinhardts wegen meines neuen Dramas eintraf? Das Telegramm kam aus Budapest, wo Reinhardt mit seiner Truppe gerade ein Gastspiel gab. Ich selbst befand mich in Wien, um mit Schlenther Besetzungsfragen des »Stroms« zu besprechen und den Aufführungstermin des Stückes festzusetzen, der dann auch für den kommenden Oktober vereinbart wurde. Was lag darum näher, als daß ich den kleinen Sprung von Wien nach Budapest machte und Reinhardt mein Stück persönlich überbrachte? Vielleicht war Gelegenheit, es ihm selbst vorzulesen und so mit einem Schlage ins Reine mit ihm zu kommen.

Ich bin bis heute ein Freund von raschen Entschlüssen geblieben und war es erst recht in jungen Tagen. An einem schönen Maienmorgen 1903 fuhr ich durch das blühende Donauland nach Budapest. Die majestätische Stadt, damals der Inbegriff westöstlichen Lebensgenusses, auf der Grenze zweier Kulturen, präsentierte sich im üppigsten Schmucke des Frühlings. Ich fand Max Reinhardt, umgeben von seinen Dramaturgen und Regisseuren, etwa einem halben Dutzend an der Zahl. Was waren dagegen Brahm, Berger, Schlenther oder Stollberg! Sie entschieden fast alles allein, hatten, wenn es hoch kam, einen einzigen Dramaturgen, der als stumme Person neben ihnen saß und auf einen Hauch seines Herrn wie ein Schatten verschwand. Hier waren es ihrer sechs oder sieben! Soviel Köpfe, soviel Sinne! Und da man es ja mit lauter »Individualitäten« zu tun hatte, sozusagen mit Hamlets in der Westentasche, die immer mindestens zwei Ansichten zugleich zu haben pflegten, so war darauf zu rechnen, daß etwa ein gutes Dutzend Meinungen dabei herauskommen werde. Ich gestehe, es war keine sehr behagliche Aussicht, vor dieser vielköpfigen Hydra mein Stück vorzulesen. Aber was half's! Dies war offenbar die neue Zeit, dies mit den sechs oder sieben Dramaturgen und Regisseuren! (Sie war es ja auch in der Tat, wie die Folgezeit bewiesen hat. Denn Reinhardts Beispiel hat Schule gemacht, sogar bis zum heutigen Tage, wo wir es erleben, daß jeder Theaterdirektor einen kleinen Kometenschweif von Dramaturgen und Regisseuren hinter sich hat.)

Ich nahm also meine ganze Courage zusammen und stürzte mich in die Vorlesung, mochte es kommen wie es wolle. Und siehe da! Es gelang. Die anfangs etwas kühle und abwartende Stimmung erwärmte sich von Szene zu Szene, von Akt zu Akt. Zwischen den einzelnen Akten finden lange interne Beratungen des Sechsmännerkollegiums statt, deren Inhalt ich nicht erraten, nur nach dem Ausdruck der Mienen ahnen konnte. Reinhardt selbst beteiligte sich nicht daran. Er saß meist stumm und in sich gekehrt da, aber ich sah ihm an, daß ihm das Stück gefiel. Und so war es auch. Als ich geendigt hatte, erklärte er mir kurz und bündig, daß er sich etwas von dem Stück verspreche und es wahrscheinlich annehmen werde, allerdings erst noch mit seinen Mitarbeitern zu Rate gehen wolle. Aber dies war offenbar nur eine Formalität; das Ergebnis schien für ihn bereits festzustehen. Eine Stunde später war das Stück für Berlin angenommen.

Das Charakterbild Max Reinhardts, wie es mir damals und schon bei früheren Begegnungen, aber auch oftmals später entgegentrat, erschien mir und erscheint mir noch heute, gerade auch auf dem Hintergrund jener beflissenen Doppel- oder Halbnaturen, jener ewig gestikulierenden Silhouettenfiguren seiner Umgebung, als das eines einfachen und natürlichen, eines (auf die Gefahr eines scheinbaren Widerspruchs zwischen Beiwort und Hauptwort sei es gesagt!) geradlinigen Künstlermenschen, der sich am liebsten seinen Visionen, seinen Gesichten hingab und in dem ewigen Fluß dieser Bilder, dieser Träume um stets neuen Ausdruck für sie in der Welt der Realität rang. Wie könnte man es sonst erklären, daß er während seiner dreißigjährigen Laufbahn als Bühnenzauberer, wie man ihn wohl nennen kann, als Magier der Szene, beispielsweise für den »Sommernachtstraum« zum wenigsten drei oder vier grundverschiedene, ja einander geradezu entgegengesetzte Inszenierungen, also doch Verdolmetschungen des Werkes seinem innersten Sinne nach, geschaffen hat? Sicher nicht aus bloßer Veränderungs-, modischer Neuerungssucht, soviel sie auch mitgespielt haben mag, in der Hauptsache vielmehr aus jenem vorhin skizzierten künstlerischen Spieltrieb, aus jener Schöpferfreude am immer neuen Formen und Gestalten, die den Schöpfer fernher – und doch von allen Sterblichen wohl am nächsten – etwas von dem Geheimnis der Gottheit ahnen läßt.

Wenn ich Reinhardts künstlerische und menschliche Erscheinung unter dem Sehwinkel und in dieser Beleuchtung erblicke, so weiß ich wohl, daß ich sie damit in gewissem Sinne idealisiere, aber doch wohl nicht mehr, als es auch dem Porträtmaler erlaubt ist, der in seine Köpfe das hineinlegt oder aus ihnen dasjenige herausdeutet, was sie seinem tiefsten Gefühl nach an Geist und Charakter auch wirklich enthalten, nur daß es durch die Unvollkommenheit der Materie bei der Skizze, bei der Andeutung geblieben ist, aus der nun eben der Abschilderer eine höhere Wirklichkeit zu machen hat. Reinhardts spätere Entwicklung, vor allem auch der äußere Rahmen, mit dem er schließlich sein Leben und seine Person geradezu barock umgeben hatte, haben viele seiner einstigen Freunde und Verehrer enttäuscht und zu Skeptikern ihm gegenüber, ja zu erbitterten Feinden gemacht. Auch dieser Bühnen-Napoleon ist dem typischen Napoleon-Schicksal nicht entgangen, von einer eigensüchtigen Umgebung, von einem Klüngel blinder Anbeter einerseits, zielbewußter Geschäftemacher andererseits aus seiner ursprünglichen Bahn gedrängt, seinem eigentlichen und tiefsten Wesen entfremdet und auf den Weg einer Selbstverherrlichung und Vergottung geführt zu werden, der immer der Anfang vom Ende ist. Wobei freilich nicht zu verkennen ist, daß jeweils auch im Wesen solcher mehr oder minder tragischen Figuren gewisse Anlagen vorhanden sein müssen, die dem Treiben jener unbewußten oder bewußten Minierer entgegenkommen und es verhängnisvoll befördern helfen. Ist es nicht wie eine Bestätigung früher Ahnungen, längst getaner Voraussagen, wenn man gerade in diesen Tagen las, daß das Große Schauspielhaus in Berlin, jene letzte Schöpfung Reinhardts, die er sich selbst gleichsam als einen mammutesken Vergrößerungsspiegel schuf, unter den Hammer gekommen ist und gleichzeitig Schloß Leopoldskron bei Salzburg, die mehr als fürstliche Residenz des einstigen kleinen Schauspielers bei Brahm, zur Tilgung ungeheurer Steuerschulden vom österreichischen Staat beschlagnahmt ist und verkauft werden soll, aber selbst für den Bruchteil des einstigen Kaufpreises keinen Abnehmer findet?

Am 19. Oktober 1903, einem heiterbunten Herbsttage, dessen Sonne das welkende Laub der Kastanien rot erglühen ließ, ging im K. u. K. Hofburgtheater zu Wien der »Strom« zum erstenmal über die Bretter. Ich war mit meiner Frau dazu nach Wien gekommen. Natürlich! Es war doch ein großes Ereignis in meinem Leben, eines der größten, das einem Dramatiker damals passieren konnte: Der Schritt auf die vornehmste Bühne (trotz Berlin und Brahm!) des deutschen Kulturkreises jener Tage. Wie lange hatte ich darauf gehofft, darum gerungen, und immer, immer wieder war es mir versagt geblieben! Selbst meinem bis dahin erfolgreichsten Stück, der »Jugend«, aus konfessionellen oder, wie man fälschlich sagte, aus religiösen Gründen! Aber hätte es mir nicht schon mit »Mutter Erde«, mit dem 1934. »Tausendjährigen Reich«, mit »Haus Rosenhagen« zugestanden? Was waren da für Gründe, was für Einflüsse maßgebend, welche geheimen Feinde waren am Werk gewesen? Ja, Feinde! Konnte es denn anders sein? Einerlei! Ich hatte es bis zu diesem Tage nicht erreicht, und nun sollte es doch geschehen! Endlich! Endlich! Endlich! Und wenn es mißlang? Wenn wieder einmal die Dämonen sich ins Spiel mischten? Unausdenkbar! Hinter diesem Abend lag die Zukunft wie hinter einem tiefschwarzen Vorhang. Wenn er sich geöffnet hatte, war die Entscheidung über meine Zukunft, über mein Leben gefallen, die Frage, ob Tag oder Nacht, beantwortet.

Wir wohnten im Residenzhotel, ganz nahe der Ringstraße und nur ein paar Schritte vom Burgtheater. Gleich daneben war auch das Löwenbräu, in dessen Schwemme sich der Burgtheaterkreis – berühmte oder auf dem Wege zur Berühmtheit befindliche Namen wie Baumeister, Sonnenthal, Hartmann, Thimig, die großen Kanonen des damaligen Wiens, Reimers, Treßler, Devrient, an ihrer Spitze der Burgtheaterdirektor Paul Schlenther aus Preußisch-Insterburg – allabendlich mehr oder minder vollzählig zum »Nachtmahlen« und anschließenden Trunk einfand: eine Stätte oft ungehemmter Fidelität, wo aber auch oft genug über Existenzen entschieden wurde, und eine unerschöpfliche Fundgrube des Anekdotenschatzes für alle nachkommenden Geschlechter der theaterfreudigen einstigen Kaiserstadt.

Ich hatte nur die letzten Proben mitgemacht. Dramatische Autoren gehören im allgemeinen nicht zu den beliebten Probengästen; am allerwenigsten im damaligen Burgtheater. (Wie es heute ist, weiß ich nicht. Es wird sich schwerlich sehr geändert haben.) In diesen heiligen Hallen hat von je die erste Rolle der Mime gespielt; natürlich vor allem der große. Aber wo so etwas einmal in der Luft liegt, pflegt es ansteckend zu wirken. Im Grunde war mit den Kleineren beinahe schwerer umzugehen als mit den Großen. Auch mir sollte diese Erfahrung nicht erspart bleiben. Die Rolle meines Jakob war Herrn Frank zugeteilt. Man konnte ihn nur eine mittelmäßige Begabung nennen, und jeder wußte, daß er seine Stellung am Burgtheater nur seiner Frau verdankte, der berühmten Lotte Medelski, einem der großen Sterne nicht nur des Burgtheaters, von der es aber hieß, daß sie anspruchslos und bescheiden geblieben sei wie damals, als sie noch ein kleines Wiener Laufmädel gewesen war. Um so anspruchsvoller gebärdete sich der Prinzgemahl, Herr Frank, der jede Probenkorrektur, namentlich wenn sie gar der Autor in aller Bescheidenheit vorzubringen wagte, als persönliche Beleidigung aufzufassen schien. So kam es, daß diese Rolle in der Ausarbeitung am weitesten zurückgeblieben war, was in der Generalprobe zu einer Art von Debakel führte und mich das Schlimmste für den Premierenabend befürchten ließ.

Die Regie meines Stückes führte Thimig, also einer von den Großen. Aber auch er war mit der widerstrebenden Künstlerseele Franks nicht so recht fertig geworden. Die Folgen zeigten sich in erschreckender Weise auf der Generalprobe. Es war üblich, daß zu diesen Generalproben das gesamte Chorpersonal der Hofoper und des Burgtheaters sowie das kaiserliche Ballettkorps nebst ihren Angehörigen Zulaß hatte und meist auch vollzählig erschien. Dies hatte natürlich zur Folge, daß aus der Generalprobe fast eine regelrechte Premiere wurde, denn das hier versammelte Publikum besaß nicht nur die ganze Theaterfreudigkeit, den aufs höchste entwickelten Bühneninstinkt des Wieners im allgemeinen, sondern war überdies noch mehr oder minder vom Bau und verfolgte demgemäß auch die Vorgänge auf der Bühne mit verdoppelter Anteilnahme und Kritik zugleich. Ich erinnere mich noch heute, daß ich bis in die Zehenspitzen hinab erschrak, als ich das bis auf den letzten Galerieplatz gefüllte Haus erblickte.

Es kam wie es mußte. Bei den wilden Leidenschaftsausbrüchen des Jakob im zweiten Akt, Heinrich und später Renate gegenüber, übernahm sich Frank derart im Ausdruck und begleitete, was das Schlimmste war, seine wutschäumenden Reden mit so übertriebenen Gesten und Grimassen, daß auf den oberen Galerien des Hauses ein gar nicht sehr heimliches Geflüster, Gekicher, Gelächter sich erhob und es nur noch eines Funkens bedurft hätte, um einen allgemeinen Brand zu entfachen. Mir standen die Haare zu Berge. Ich sah bereits mein ganzes Werk vernichtet, alle meine Hoffnungen in Grund und Boden gestampft. Schlenther saß neben mir. Auch er war bleich geworden. Mir kamen harte Worte über den Stümper auf der Bühne. Er suchte mich vergebens zu beruhigen. Das Spiel wurde unterbrochen. Es war ein kritischer Augenblick erster Ordnung.

In diesem Moment, da mir bereits alles verloren zu sein schien, ereignete sich ein Zufall – wenn man es so nennen will –, dem ich es noch heute zuschreibe, daß wieder alles sich zum Besten wendete. Ich sagte schon, daß Thimig die Regie führte. Er war auch an diesem Vormittag erschienen, hatte mir aber schon bei Beginn der Generalprobe erklärt, daß er zu einem Gastspiel nach auswärts müsse und daher nur bis zur Mitte des Stücks dableiben könne. Für den Schluß der Generalprobe werde ihn sein Freund Hartmann vertreten. Dies wurde mein Glück. Denn Thimig benutzte die Unterbrechung, um sich zu verabschieden, da er ohnehin gleich fortmüsse. Man sah ihm an, daß er froh war, aus der Geschichte herauszukommen. Hartmann trat an seine Stelle. Er hatte die Probe schon bis dahin mitgemacht und wußte Bescheid. Würde es ihm gelingen, den Karren herauszuziehen? Ich fieberte. Hartmann sprach mir mit der ganzen Überlegenheit des alten Theatermannes zu. Dann machte er sich ans Werk. Er nahm den bockig dastehenden Frank beiseite und redete etwa eine halbe Stunde auf ihn ein. Ich hielt mich in der Nähe und fing die Hauptstichworte des lebhaften Geflüsters auf. Wahrhaftig! So konnte es gelingen! Er packte Frank bei der Eitelkeit, stellte ihm vor, seine Mienen, seine Augen, seine ganze Physiognomie besäßen eine derartige Ausdruckskraft, daß das Publikum leicht zu sehr davon erschüttert werden könne. Aber dem sei abzuhelfen, wenn er diese explosiven Szenen möglichst mit abgewandtem Gesicht spiele. Dann sei keine Gefahr mehr, und der stürmische Atem seiner Leidenschaft werde auch von rückwärts seine Wirkung tun.

Siehe da! Es half! Frank, wenn auch zuerst noch bockbeinig, begann allmählich zugänglich zu werden. Die Komplimente Hartmanns flossen wie Öl in ihn hinein. Die Wogen dieser Künstlerseele glätteten sich. Nach einer halben Stunde war sie biegsames Wachs in den Händen Hartmanns, der bei alledem keinen Augenblick seinen überzeugenden Ernst verloren hatte. Ich habe viel aus jener Szene gelernt. Die Generalprobe wurde wieder aufgenommen, der zweite Akt noch einmal wiederholt. Als die ominösen Jakob-Szenen kamen, spielte Frank sie mit abgewandtem Gesicht, nach den hinteren Kulissen zu. Im Hause blieb alles ruhig. Der stürmische Atem seiner Leidenschaft tat auch von rückwärts seine Wirkung. Hartmann hatte recht gehabt, die Gefahr war abgewendet. Mein Glück hatte gewollt, daß dies sich schon bei der Generalprobe, nicht erst am Premierenabend herausgestellt hatte und durch das unvermutete Auftreten Hartmanns noch in Ordnung gebracht werden konnte. Am Premierenabend selbst wäre alles verloren gewesen.

Drei Tage später, an einem Montag, war die Premiere. Die anderen Männerrollen, außer der des Jakob, lagen in den Händen von Nissen, der den Peter, Reimers, der den Heinrich, und Gimmig, einem gebürtigen Ostpreußen, der sehr echt den alten Ohm spielte. Die finstere Großmutter spielte erdhaft-gespenstig Frau Schmittlein. Renate war Lotte Witt, eine der schönsten und talentvollsten Schauspielerinnen des damaligen Burgtheaters, ihrer Natur nach eigentlich Salondame, was in ihrer Darstellung der Renate natürlich zurücktreten mußte, aber doch noch soweit durchschimmerte, wie es für den auf das Salonhafte und Elegante gerichteten Wiener Geschmack als pikante Würze noch eben wünschenswert war.

Ich hatte mich während des ersten Aktes noch in meinem Hotel aufgehalten; in einem wenig beneidenswerten Zustand, denn ich sah und hörte noch immer das Gekicher der kaiserlichen Ballettratten bei meinen Jakob-Szenen. Dann kam Bericht, daß nach dem ersten Akt guter, wenn auch abwartender Beifall gewesen war. Hartmann hatte, wie es im Burgtheater nach dem ersten Akt üblich, als Regisseur für den Autor gedankt. Ich faßte Mut und ging ins Theater. Spazierte hinter den Kulissen wie ein gereizter Panther auf und ab. Nahm das kein Ende mit diesem zweiten Akt? Endlich kam es. Die Bombe hatte eingeschlagen. Ein Beifallssturm durchbrauste nach dem Aktschluß das Haus. Kein Zweifel! Die Schlacht war gewonnen! Sie war es in der Tat. Der dritte Akt brachte den glücklichen und entscheidenden Endsieg. Auch hier war des Beifalls kein Ende. Auch der Abend danach, die Siegesfeier, wollte kein Ende nehmen und klang erst in der Morgenfrühe des neuen Tages aus. Meine Frau, die treue Gefährtin in so vielen Kämpfen aller dieser Jahre und auch bei so mancher Niederlage, hatte den ihr gebührenden Anteil an meinem Triumph. Sie wurde in der für ihre Galanterie berühmten Stadt sehr gefeiert.

Es war ein Erfolg, ähnlich wie vor zehn Jahren der der »Jugend«. Aber bei ihr hatte es lange genug gedauert, um ihr zum völligen Durchbruch auf den deutschen Bühnen zu verhelfen. Ja, es gab auch jetzt noch so manches vornehme Hof- und Stadttheater, das ihr aus diesem oder jenem Grunde seine Pforten verschloß. Wie überraschend schnell sollte dagegen der »Strom« seinen Weg machen! Bereits nach wenigen Wochen hatten fünfzig bis sechzig Bühnen das Stück angenommen. In einigen großen Theatern kam es schon Ende Oktober, also nur wenige Tage nach der Wiener Premiere, heraus. So in Köln und in München. Es zeigte sich nun doch, was es für das Werk eines deutschen Dramatikers bedeutete, vom Burgtheater aus der Taufe gehoben zu werden. Zehn Jahre früher hatte meine Entdeckung im Berliner Residenztheater bei nicht wenigen Direktoren eher gegen mich und mein Stück gesprochen als dafür.

Ein Entscheidungsjahr wie nicht viele zuvor in meinem Leben, dieses Jahr 1903. Noch ehe es Abschied nahm, in den letzten Adventstagen vor Weihnachten, brachte Reinhardt den »Strom« in Berlin heraus. Er hatte während des ganzen Sommers mit keiner Silbe mehr von sich hören lassen. Ich hatte mir manchmal schon zweifelnd an den Kopf gegriffen, ob ich das alles nicht bloß geträumt hätte, den Besuch in Budapest und was dann gekommen war. Selbst der Wiener Erfolg schien dieses verzauberte Schweigen nicht brechen zu können. Ich schüttelte den Kopf und schwieg nach ein paar vergeblichen Anfragen ebenfalls. Schließlich konnte ich es erwarten, nachdem das übrige Deutschland so laut und vernehmlich für mich sprach. Eines Tages im November ließ sich ein Besuch aus Berlin bei mir melden. Ich war aufs höchste überrascht. Es war Max Reinhardt. Er erzählte mir mit jener schönen Unbefangenheit, die man immer wieder an Theatermenschen bewundern kann, daß er sich selbstverständlich während der ganzen verflossenen Zeit sozusagen mit nichts anderem als meinem Stück beschäftigt und es nun als Weihnachtspremiere bestimmt habe, womit ich ja wohl zufrieden sein werde. Ich war es natürlich, und wir schieden als die besten Freunde. Beim Theater geht so etwas schnell. Allerdings auch das Gegenteil.

Im Mittelpunkt der Berliner Aufführung stand Agnes Sorma als Renate. Diese wundervolle Schauspielerin (und Frau) war mir in meiner bisherigen Bühnenlaufbahn noch vorenthalten geblieben. Sie hatte seit langen Jahren dem Deutschen Theater, zuerst unter L'Arronge, dann unter Brahm angehört, war von diesem wie sein Augapfel gehütet und nur für seine besonderen Lieblinge eingesetzt worden, zu denen ich nun einmal nicht gehörte. Es war einer der schwersten Schläge für Brahm, als die Sorma, sie der Getreuesten eine, von ihm zu dem jüngeren Nebenbuhler hinüberwechselte. Konnte sich der Vorsprung des anderen und sein eigenes Zurückbleiben in dem mit äußerster Anspannung aller Kräfte vollführten Wettlauf um die Siegespalme des Berliner Theaterlebens deutlicher aussprechen als in diesem Entschluß der Sorma? Und nun kam diese in ihrer Art einzige Schauspielerin gar noch mir und meinem »Strom« zugute, diesem Stück, über das er in jenem Brief die ganze Schale seines kritischen Giftes ergossen hatte!

Agnes Sormas Gestirn stand eben damals auf der Scheitelhöhe seiner Bahn. Skeptiker mochten behaupten, daß es sie bereits überschritten habe und sich dem Abend zuneige. (Vielleicht hatten sie recht, wie sich schon bald nachher zeigen sollte.) Aber genug, daß das Publikum es noch glaubte. Ja, dieses wegen seiner Veränderlichkeit, seiner Neuerungssucht so verschriene Berliner Publikum, das ebenso schnell vergaß wie es entflammt war: es glaubte noch immer an seine Sorma, schwor noch heute auf sie, wie damals (mein Gott! wie lange war das doch her!), als sie mit ihrem Gretchen, ihrem Klärchen, ihren beiden so verschiedenen Käthchen, dem widerspenstigen von Padua und dem demütigen von Heilbronn, die Berliner entzückt und hingerissen hatte. Nun war es die reife schöne Frau, die auf der Bühne stand, die man liebte, bewunderte, an der man sich berauschte.

Wie war der Sorma das Wunder gelungen, die ewig fließende Menge so viele Jahre mit ihrem Zauber zu bannen? Worin lag das Geheimnis dieser schier unzerstörbaren Wirkung? Ohne Zweifel in nichts anderem als dem einen: Die Sorma war eine Vollnatur. Diese Künstlerin schöpfte aus der unversieglichen Fülle ihrer Menschlichkeit, ihrer Fraulichkeit. Wie elementar der Ausbruch ihres Gefühls! Welche Grazie wiederum in ihren Bewegungen! Wie sie zu lachen, zu weinen, und nun gar, wie sie im Schmerz zu lächeln wußte! Berühmt war dieses Lächeln der Sorma, wie aus der Verlorenheit des Abschiednehmens, aus dem geheimen Wissen um die Vergänglichkeit alles Schönen auf dieser flüchtigen Erde. War nicht eben damals ein Ausdruck in diesem Lächeln, wie man ihn an schönen Augusttagen in der Natur wahrzunehmen glaubt, wenn die Sonne bereits tiefer auf ihrer Bahn dahinzieht und erste Herbstfäden sich dem schon etwas müden sommerlichen Glanz vermählen? Konnte ich mir in Spiel und Erscheinung, in dieser bezaubernden Menschlichkeit und Natürlichkeit eine vollendetere Renate denken als Agnes Sorma? Ich glaube nicht, daß eine andere vor ihr oder nach ihr sie in dieser Rolle übertroffen oder auch nur erreicht hat. So lebt sie fort in meiner Erinnerung und wird darin bleiben bis ans Ende.

Es gehört nun einmal zum Wesen jedes Erfolges, nicht zuletzt auch in der Literatur, im schriftstellerischen und dichterischen Beruf, daß er uns ebensoviele Feinde wie Freunde, ja vielleicht jene noch mehr als diese schafft. Ich sehe es noch heute als eine wenigstens indirekte Wirkung des mir mit dem »Strom« zugefallenen Erfolges an, daß es zum Bruch zwischen Wedekind und mir kam: einem Bruch, der jahrelang dauern und, wenn auch äußerlich vernarbt, verharscht, im tiefsten Grunde nie mehr so ganz heilen sollte. Ich habe schon an einer früheren Stelle dieser Erzählung gesagt und will es hier nur kurz wiederholen: Wedekind vertrug es nun einmal nicht, daß ich »Glück hatte«, während es ihm – seiner Meinung nach und wenigstens damals noch – versagt blieb. Er bedachte nicht, wollte auch gar nicht bedenken, daß es mir ja auch schwer genug geworden war und Nackenschläge in Menge auf mich gehagelt hatte. Ich entsinne mich wie heute, daß unsere Entfremdung eben damals anfing, als Schlenther den »Strom« für das Burgtheater angenommen hatte, und viele Äußerungen Wedekinds aus jener Zeit sind mir noch gegenwärtig, die mir keinen Zweifel daran lassen, daß es eben jene Tatsache war, die er mir nicht verzieh. Wie es seine Art war, rückte er nicht offen damit heraus, beließ es vielmehr bei spöttischen Bemerkungen, anzüglichen Witzen, deren Spitze gegen mich, artig verkleidet, auch der Blinde mit dem Stock fühlen konnte. Dies schleppte sich über ein Jahr hin. Immer mehr Zündstoff häufte sich an. Endlich, im brennendheißen Frühsommer 1904, flog die sorglich angelegte Mine in die Luft.

Die Explosion geschah in der »Unterströmung«, meiner langjährigen Kegelgesellschaft, die auch noch heute besteht. Der Name »Unterströmung« klingt, als ob es sich um einen gefährlichen, verschwörerischen Geheimbund handeln würde. Derartige Ziele und Pläne haben der harmlosen Gesellschaft stets meilenweit ferngelegen. Mit dem Namen hat es vielmehr folgende Bewandtnis. Als seinerzeit Joseph Ruederers »Nebenregierung«, von der schon früher die Rede war, den Weg aller Vereine ging, indem sie sich nämlich auflöste, gründeten einige ihrer früheren Mitglieder, zu denen auch ich gehörte, gewissermaßen als Fortsetzung dieser »Nebenregierung« und nicht ohne persiflierenden Beigeschmack unsere brave »Unterströmung«, aber nicht mehr als literarischen Verein, sondern als einfache Kegelgesellschaft. Und das ist sie bis heute geblieben, also nichts weniger als eine heimliche Verschwörergruppe, sondern ein tüchtiger, hemdärmeliger, ganz seinem Sport ergebener Männerverein, der über das Kegeln hinaus nur noch das eine Ziel hat, die gegenseitige Freundschaft und Kameradschaft zu pflegen.

Die Vorgeschichte unserer »Unterströmung« führt bis zur Gründung der »Gesellschaft für modernes Leben« in den Jahren 1889/90 zurück. Schon damals hatten deren Gründungsmitglieder Michael Georg Conrad, Otto Julius Bierbaum, Ludwig Scharf, Georg Schaumberg, Julius Schaumberger, Hanns von Gumppenberg, das Bedürfnis nach einer rein kameradschaftlichen und sportlichen Entspannung neben ihren literarischen Abenden gehabt und ebenfalls einen wöchentlichen Kegelabend eingerichtet, der in den ersten Jahren auch gut gedieh, wie das meistens der Fall ist, dann aber langsam einschlief und erst wieder erwachte, als unsere »Unterströmung« auf den Plan trat und um Kameraden des wackeren Männersports warb. Was lag näher, als daß man sich zu gemeinsamem Tun verband, da wir ja alle miteinander gute Freunde und Bekannte waren und meist auch schon der »Gesellschaft für modernes Leben« angehört hatten? So gelangte die »Unterströmung« zu einer respektablen Stammutter und zu einem ansehnlichen Stamm tüchtiger Kegler, deren Namen aber auch darüber hinaus auf dem literarischen Felde wie auf anderen Lebensgebieten einen guten, vielfach sogar einen weithin hallenden Klang hatten.

Ich greife aus der langen Reihe nur einige wenige heraus, die für die Vielseitigkeit unserer »Unterströmung«, was die darin vertretenen Berufe und Interessen angeht, Zeugnis ablegen mögen. Da waren, außer den schon genannten Münchner Dichtern und Schriftstellern, der Arzt und Dichter Oskar Panizza, über den an früherer Stelle dieses Buches verschiedenes zu lesen steht; Dr. Eugen Albert, der berühmte Erfinder des Vierfarbendrucks und zahlreicher anderer epochemachender Neuerungen auf typographischem Gebiet; der Musiker und Tondichter Hans Richard Weinhöppel; der Literarhistoriker Edgar Steiger; der Wirtschaftsberater des Dritten Reichs Bernhard Köhler; der Theaterforscher und Literaturprofessor Artur Kutscher, mein langjähriger Freund; der Maler und Zeichner Albert Weisgerber, der im Weltkrieg 1915 fiel und in französischer Erde ruht; die Dramatiker Bernhard Rehse und Walter Ziersch; die Romandichter Kurt Aram, Hans von Hülsen und Korfiz Holm; die Theaterdirektoren Meßthaler und Stollberg; der Hoffmannforscher C. G. von Maaßen, er selbst eine Hoffmannfigur; der Radierer Hubert Wilm; der Architekt Max Langheinrich, dem in der Baugeschichte jenes Schwabings von 1900 ein eigenes Blatt gebührt; die Schauspieler August Weigert, Friedrich Carl Peppler und Bernhard v. Jacobi, auch er bereits 1914 in Frankreich gefallen; die Dichter Emanuel von Bodman, Graf Eduard Keyserling und Frank Wedekind.

Mit der Nennung Wedekinds bin ich an meinem Ausgangspunkt angelangt. Er gehörte der »Unterströmung« nicht lange an. Das Kegeln machte ihm sichtlich keinen Spaß; er kegelte miserabel. Ich bin schon damals nie den Verdacht losgeworden, daß er aus ganz anderen Gründen zu uns gekommen war, und hatte alle Ursache, dies bestätigt zu finden, als dann jene erwähnte Mine aufflog. So sorgfältig sie vorbereitet war: die Wirkung war ganz anders, als ihre Urheber sie gewollt hatten. Mein Freundeskreis sollte zersprengt, ich selbst isoliert und gesellschaftlich geächtet werden. Das Gegenteil davon trat ein. Der Kreis meiner Freunde, darunter Männer wie Keyserling, Aram und andere, schloß sich nur um so enger mit mir zusammen. Jene kleine feindliche Gruppe aber trat beiseite und ward fürder nicht mehr bei uns gesehen. Es war wie eine Erleichterung von einem seit Jahren auf uns lastenden Alpdruck.

Ich hätte diese widrige Geschichte, diesen Stunk und Klatsch, hier in meinem Lebensbericht gern mit Stillschweigen übergangen, wäre dies alles nur von rein persönlicher Natur gewesen. Es ist aber damals und auch noch später soviel hierüber zusammengelogen worden, daß Schweigen Zugeständnis bedeuten würde. Hieran lag es auch, daß ich nicht so schnell darüber hinwegkam und mir alles immer wieder und wieder durch den Kopf gehen ließ, bis schließlich aus dem Erlebnis Dichtung, aus der menschlichen Farce eine Tragikomödie wurde. Ich schrieb sie in den Jahren 1904-1905 in Tegernsee, München, Gardone und Marienbad und nannte sie »Die Insel der Seligen«. Sie war meine erste dramatische Lebensäußerung nach dem großen, für Freund und Feind gleich überraschenden Erfolge meines »Strom«-Dramas. Was ich schon lange dunkel geahnt hatte, sollte mir nun klar bewußt werden: die Vollendung jenes Stückes – des »Stroms« – war für mich zugleich das Ende eines ganzen Lebens- und Schaffensabschnittes und damit der Beginn einer neuen Epoche gewesen. Die Sterne der Jugend versanken in den Nebeln der Vergangenheit. Neue Gestirne zogen am Himmel der Zukunft empor. Zu neuen Ufern lockte ein neuer Tag. Es waren die Gefilde, auf denen im Laufe des nächsten Jahrzehnts bis zum Weltkriege hin die beiden Komödien »Die Insel der Seligen« und »Blaue Berge«, die drei historischen Dramen »Das wahre Gesicht«, »Der Ring des Gauklers« und »Freiheit«, sowie schließlich von erzählenden Arbeiten »Der Frühlingsgarten« und »Die Tat des Dietrich Stobäus« erwachsen sollten.

Wie oft war mir vordem in Zeitungen und Zeitschriften die kritische Weise vom »Mascagni-Erfolg« der »Jugend« eingehämmert worden! Bis schließlich zwar nicht ich selbst, aber fast alle anderen daran wie an ein Evangelium glaubten. Und nun hatte ich gegen alle von der Kritik beliebten Spielregeln eine völlig unvermutete Karte ausgespielt und dem Erfolge der »Jugend« den gleich großen (und – wie die Zeit lehrt – gleich dauerhaften) Erfolg meines »Stroms« zur Seite gestellt. Ich wußte, was mir bevorstand, wenn ich wieder einmal wagen würde, mit einem neuen Stück mich auf den Brettern zu zeigen. Wußte es aus so mancher lehrreichen Erfahrung, aus manchem geräuschvollen Durchfall. War es da nicht am Ende ratsam, den neuen Stoff seinem glücklichen Vorgänger anzuähnlichen und ihn etwa wieder aus der gleichen heimatlichen Erde zu holen, mochte es auch nur ein abgeschnittenes Reis und kein eigengewachsener Stamm sein? Aber wer nun einmal ein geborener Querkopf ist, den reizt es immer wieder, mit dem Feuer zu spielen, mag er sich auch noch so oft die Finger verbrannt haben. Es muß auch solche Käuze geben. Jeder hat seinem eingeborenen Gesetz zu folgen, Trapezkünstler und Seiltänzer auf dem hochgespannten Draht, der dramatische Dichter auf den Brettern.

Welcher Art aber war dieses innere Gesetz, das mich zwang, mit etwas so ganz anderem vor Publikum und Kritik zu treten, obgleich mir im voraus wohl bewußt war, in welche Gefahr ich mich damit begab? Der Mann von vierzig Jahren! Ich war gerade im Begriff, es zu werden. Was konnte mich also wohl um jene Zeit meines Lebens dringender angehen, zwingender beschäftigen, als eben dieses Problem? Das Problem abermals einer Lebenswende. Zehn Jahre vorher hatte sie in meiner gleichnamigen Komödie deren Held, der Bildhauer Weyland, als ein »kämpfender Mann« durchlebt, indem er den Meridian des dreißigsten Jahres überschritt. Nun war es an dem Helden der neuen Komödie, war es an Bruno Wiegand, dem einstigen Pfarrer, Prinzenerzieher, Missionar, Weltverbesserer, Verschwörer und schließlichen Minister von Teklenburg, den Wendekreis des vierzigsten Lebensjahres zu passieren, so wie es mir selbst eben damals bevorstand. Und anders als jenen kämpfenden Weyland, der keinen anderen Gedanken dachte als allein sein Werk, wandelt den Ältergewordenen, den Vielerfahrenen und Umgetriebenen, jene Mittagsmüdigkeit an, die das bisher getane Werk des Lebens, alles schon Erreichte und noch zu Erreichende, wie einen lässigen, kaum bewußten Traum erscheinen läßt und so das Leben selbst gleich einem fernen, flüchtigen Wölkchen im unendlichen Blau dahin- und davonziehen sieht.

Nur noch einen Schritt weiter, und ein anderes Leitmotiv des Stückes wird sichtbar: Abrechnung mit sich selbst! Mit der eigenen Vergangenheit! Mit den revolutionären Ideen der Jugend, der Frühzeit des Lebens! Man hatte, ähnlich vielleicht wie der Held des Stückes, zwar nicht in Ansehung des äußeren Schicksals, jedoch auf der inneren Entwicklungslinie, so manche Punkte, Fragezeichen, Gedankenstriche des Lebens nicht ohne Gefahr des Absturzes traversiert; war auf allerlei nur für Schwindelfreie gangbaren Pfaden und Steigen hinauf und hinab, die kreuz und die quer geklettert; hatte in manchen Farben geschillert; hatte so manche zu eng oder zu weit gewordene Schlangenhaut von sich abgeworfen. Wo waren die Freunde, mit denen man sich Arm in Arm zum gemeinsamen Marsch in das Tausendjährige Reich des Sozialismus und der Menschheitsbeglückung eingehängt hatte? Wo waren die Gegner, die man mit spitzem Wort und spitzer Feder befehdet hatte, als wären sie der Antichrist in Person? Rechts und Links, Links und Rechts, alles vertauscht. Aus den Freunden von einst waren grimmige Feinde, aus den Widersachern beinahe Mitstreiter geworden. Doch nein! hier versagte die Antithese. Wohl war so mancher von den alten Freunden – die meisten vielleicht – auf dem Wege zurückgeblieben, abgeschwenkt, so oder so verlorengegangen. Aber wo war der Zuwachs an neuen? Wo war ein Weg, der zur Tat führte, fort von all dem Papier, heraus aus all der Tinte, die man mit Schaudern rings um sich erblickte? Erwies es sich nicht mit jedem zurückgelegten Lebensjahr immer deutlicher als mein vorbestimmtes Schicksal, Einzelgänger zu sein? Meinen eigenen höchst persönlichen und tiefsteinsamen Weg gehen zu müssen? »Gehirne! Gehirne! Nichts als Gehirne! Von Menschentum noch immer keine Spur! Die Natur selbst ist ohnmächtig gegen dies Geschlecht von Schreiberseelen!« So ruft Bruno Wiegand, der einstige Verschwörer, und wird Minister von Teklenburg. Fünfzehn Jahre später ist manch einer, der vormaleinst ein sozialistischer Verschwörer und Umstürzler gewesen war, den gleichen Weg gegangen.

Schließlich ein drittes Leitmotiv: Abrechnung und Auseinandersetzung mit den Menschen der nächsten Umgebung. Mit Weib und Kind. Mit Liebe, Ehe, Freundschaft. Ja! Vornehmlich auch mit der Freundschaft! Hatten nicht eben die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit mich gerade vor dieses Problem gestellt und Antwort erheischt? Man hat nicht mit Unrecht in der Figur des Pamphletisten Dubski, der in der »Insel der Seligen« den feindlichen Gegenpol Bruno Wiegands verkörpert, so manche Wesenszüge von Wedekind entdecken wollen und hat mir dies sogar sehr lange und sehr ernstlich nachgetragen, indem man behauptete, daß eine solche öffentliche Auseinandersetzung mit einem ehemaligen Freunde gegen den ungeschriebenen Freundschaftskodex verstoße. Dabei wurde aber ganz übersehen, daß unser Fall nicht der erste seiner Art war, sondern gar manche Vorgänger im Verlauf der Literaturgeschichte gehabt hatte. Besonders der Renaissancehumanismus ist reich an derartigen öffentlichen literarischen Abrechnungen gewesen; niemand nahm damals Anstoß an solchen Dingen.

Ich muß auch sagen, daß der Groll hierüber bei Wedekinds unbedingten Verehrern und Anbetern viel größer war als bei ihm selbst. Wedekind besaß zuviel Humor und skeptische Selbstironie, um in der von mir durch den Hohlspiegel gezeigten Figur des Dubski nicht gerade auch das komödische und burleske Element zu entdecken, in dem eben die Verwandtschaft mit ihm selbst bestand. Ich bin überzeugt, er wird im stillen über diese karikaturistische Ähnlichkeit des Dubski mit sich herzlich gelacht haben, wenn er es auch nach außen für angemessen fand, böse Miene zum komischen Spiel zu machen, und mich durch Mittelsmänner wissen ließ, er werde mit einer Komödie »Männerstolz vor Schweinebraten« blutige Rache an mir nehmen. Es ist aber leider nur bei diesem amüsanten Titel geblieben. Schade darum! Vielleicht wäre es Wedekinds beste Komödie geworden. Statt dessen hat er kaum zwei Jahre später eine in ihrer Art ebenfalls durchaus burleske Situation – wir befanden uns im Münchner Ungererbad und standen im Zeichen der Badehose – dazu benützt, um mit einer feixenden Gebärde auf mich zuzutreten und mir die Hand zur Versöhnung zu bieten, in die ich denn auch angesichts einer großen Korona einschlug. Über diese groteske Aussöhnung ist damals viel gelacht worden, womit es denn dieser Geschichte genug sei.

Am 11. Februar 1905 starb in Salò am Gardasee mein alter Freund und literarischer Weggenosse Otto Erich Hartleben. Es waren ihm nur wenig mehr als vierzig Lebensjahre zugemessen gewesen. Man muß ihn also zu den jung gestorbenen Dichtern zählen, bei welchen man gewöhnlich hinzuzusetzen pflegt, daß so manche unerfüllte Hoffnung mit ihnen ins Grab sank. Aber so gewiß dies über viele mit Recht geschrieben wird, für Hartleben trifft es keineswegs zu. Er hatte im großen und ganzen gesagt, was er zu sagen gehabt hatte, und fühlte das wohl auch selbst. Der Dichter des »Rosenmontags« litt, wie alle wußten, die ihn kannten, an der ihn in tiefster Seele beschämenden Tatsache, daß sein größter Publikumserfolg, eben der »Rosenmontag«, in seinen Augen seine schwächste dichterische Arbeit, ja in finsteren Stunden nicht mehr als ein Machwerk für ihn war.

Zu diesem tragischen inneren Bruch hatte sich längst körperliches Leiden gesellt. Hartleben war seit Jahren ein kranker Mann und fühlte ohne Zweifel, daß er den Keim des Todes in sich trug. Als ich Ostern 1903 in seiner Villa Halkyone zu Salò bei ihm zu Besuch war, traf ich ihn eines Abends, es wollte dämmern, in seinem Garten am See, wie er, in tiefes Nachdenken versunken, vor ein paar kleinen Bäumchen stand. Ich fragte ihn, was er da gerade mache, und in der milchigen, schwermütigen Dämmerung kam seine Antwort, die ich noch heute höre: »Ich pflanze Zypressen für mein Grab.« Auf meine scherzhaft sein sollende Wendung, daß ihm dann ja bei der Kleinheit der Bäume noch Zeit genug bleibe, schüttelte er den Kopf und wandte sich ab. Er wußte so gut wie ich, daß ich selbst nicht glaubte, was ich sagte, und daß die Schere der Parze schon erhoben war.

Und doch war mir, wenn ich mich fragte, die Nachricht von seinem Tode überraschend gekommen. Seit jener ahnungsschweren Dämmerstunde in dem Zypressengarten am Gardasee waren wieder zwei Jahre vergangen. Ich hatte wenig mehr von ihm gehört, hatte nur durch unseren gemeinschaftlichen ärztlichen Freund Dr. Lehmann aus München, der gerade in der Halkyone bei ihm weilte, eine ganz zuversichtliche Karte erhalten, daß Hartleben eine akute Erkrankung an Rose soeben glücklich überstanden habe, was erstaunlich genug klang und neue Hoffnungen weckte. Und jetzt doch dieses schnelle Ende!

Die Nachricht vom Tode war verspätet eingetroffen. Ich hatte Eile, um noch rechtzeitig nach Brescia zu gelangen, wo die Einäscherung stattfinden sollte, und nahm den Nordsüdexpreß, die damalige schnellste Verbindung von München nach Italien. In dem nicht übermäßig besetzten Zuge hatte ich Zeit und Muße genug, dieses nun erloschene Leben noch einmal wieder heraufzubeschwören. Der revolutionäre Student, dessen frühe Lyrik in einem Schweizer Verlag erscheint und zu den verbotenen Früchten der jungen Generation gehört. Der Dichter mit dem klassisch geschnittenen Cäsarenkopf. Der Götter- und Frauenliebling in den Mädchenkneipen und Spelunken Berlins. Der Bohémien und Assessor mit dem märchenhaften Pilsenerbierverbrauch. Das Geselligkeits- und Kneipengenie. Der Platenjünger und Hasser Heines. Der Parodist und Gesellschaftsdramatiker. Der Erzähler des abgerissenen Knopfes, des gastfreien Pastors und anderer in kristallklarer Prosa geschriebenen Anzüglichkeiten und Schnurrpfeifereien. Der erfolggekrönte, vielhundertmal gespielte Autor des »Rosenmontags«. Der glückliche und beneidete Bewohner der Villa am Gardasee. Der vielberedete Mann zwischen den zwei Frauen.

Den Blättern dieses kurzen Lebensbuches fehlte es wahrlich nicht an Buntheit, Absonderlichkeit und Mannigfaltigkeit. Schön ziselierte Verse standen überall mit auf diesen Blättern, gleich Arabesken in die Handlung verstreut, sie anmutig oder spöttisch illustrierend. »Franzensfeste! Du Tor des Frühlings!« ... So hatte er einmal gedichtet, auf der Pilgerfahrt nach dem österlichen Bozen. Wie es mir plötzlich vor den Ohren klang! Und siehe, da ich meine Augen zum Fenster des abwärts dahinjagenden Zuges erhob, tauchten gerade die steinernen Mauern und Wälle der wegbeherrschenden Bergfeste vor mir auf, verschwanden ebenso schnell, und südwärts schweifte bereits der Blick in das blauende Tal von Brixen. »Franzensfeste! Du Tor des Frühlings!« ...

Wie die Wolkenfetzen droben an den Schneehäuptern der Brennerberge, die mein Auge vom Zuge aus streifte, zogen die Szenen mit dem stillgewordenen Poeten der Halkyone an meiner Seele vorüber. Jener erste Abend unserer Freundschaft im Kreise der Volksbühne in Berlin. Ich habe meinen »Eisgang« mit vielem Erfolg vorgelesen. Otto Erich schwärmt wie ein dionysisch-antikisch-heidnischer Jüngling. Wer hätte das dem äußerlich so gemessenen Hannoveraner zugetraut! Einige Jahre später in München. Hartleben beim Anstich des Salvators. Der Schüler Platens, der Sänger der Mondsonette, wird für eine Weile der populärste Mann auf dem Nockherberg. Ein anderes Bild. Hartleben und Peter Altenberg aus Wien, die beiden ungekrönten Könige der Boheme, in meinem Hause in München. Eine mächtige Ananasbowle das Sinnbild ihrer Verbrüderung. Die Jahre eilen dahin. Da ist jene Szene im Zypressengarten, in die schon die Schatten des Todes fallen. Und jetzt das große Schweigen.

Ich war des Abends in Brescia angekommen. Am nächsten Morgen erschien die Trauergemeinde in meinem Gasthof. Norddeutsche Verwandte des Verstorbenen. Italienische und deutsche Freunde von ihm, darunter auch mein Dr. Lehmann aus München, der Hartleben die Augen zugedrückt hatte. Er erzählte mir, was sich nach des Dichters Tode zugetragen. Es war eine Folge von grotesken Geschehnissen, wie sie Hartleben selbst nicht toller hätten einfallen können.

Im Erdgeschoß der Halkyone befand sich ein großer kellerähnlicher Raum, den der Dichter sich im Stil einer italienischen Osteria eingerichtet hatte. Den Fußboden deckten mosaikartige Steinfliesen. Rings an den Wänden waren hölzerne Regale und Gestelle, angefüllt mit einer Unzahl von Weinflaschen. Überall in den Ecken häuften sich die bekannten Riesenkorbflaschen, in denen Chianti aufbewahrt wird. Die meisten davon waren leer und lagen auf dem Boden herum. Aber noch so mancher volle Fiasco streckte lebensfroh und siegesbewußt seinen schlanken dünnen Hals empor. Auf den Mosaikfliesen, inmitten des sonst kahlen und leeren Raumes, nur umgeben von allen diesen Flaschen, den stummen Zeugen so vieler vergangener froher Stunden, stand der Sarg, in dem der tote Dichter und Zecher ruhte. Angelo, sein Faktotum, ein ehemaliger Brigant, hielt mit ein paar Spießgesellen treue Wacht bei dem Entschlafenen. Aber die Stunden der Nacht dehnten sich, wurden lang. Und ein Toter ist keine sehr unterhaltende Gesellschaft. Was nützte es, daß alle diese vollen Fiaschi da herumstanden! Über diese stillgewordenen Lippen würde ja doch nie mehr ein Tropfen davon kommen. Welchem Zweck sollten sie fürder noch dienen? Hatten nicht die Lebenden recht? Sollte man diese ganze endlose Nacht mit trockener Kehle durchwachen? Würde nicht der tote Signore da – oh, man kannte ja seine Gentilezza! – als erster das Zeichen geben, wenn er noch könnte? Angelo und seine Gesellen machten sich über die vollen Korbflaschen her. Am Morgen waren den meisten die Hälse gebrochen. Es war ein richtiges Bacchanal geworden, da unten in der weindunstigen Osteria der Halkyone, angesichts des toten Dichters im offenen Sarge.

Aber der Morgen kam und Pflichten riefen. Am Landeplalz des Zypressengartens schaukelte bereits die schwarze Totenbarke, um den Sarg nach dem jenseits der Bucht gelegenen Cimetero, dem Friedhof, zu bringen. Es war ein stürmischer Tag. Der See grollte, röhrte, warf hohe schwarze Wellen mit Schaumkronen darauf. Es war, als habe auch er für den toten Dichter Trauer angelegt. Trauer nach seiner Art. Heraus schwankten aus der Osteria vier unsichere Banditengestalten; auf ihren Schultern trugen sie den heftig schwankenden Sarg. Es waren Angelo und seine Gesellen. Mit ein paar kräftigen Schlucken hatten sie sich noch Mut und Kraft für diesen letzten Weg ihres toten Herrn angetrunken. So taumelten sie zur Landestelle und zur schwankenden Todesgondel. Aber hier war es, als hätten plötzlich die befeuernden Geister des Weines sie verlassen; durch eine unvorsichtige Bewegung des einen oder ihrer aller oder woran es nun lag, entglitt auf dem Schiffssteg der Sarg mit dem toten Dichter ihren Händen und wäre um ein Haar in den Gardasee gestürzt. Erst im letzten Augenblick und nur mit Aufbietung aller Kräfte gelang es, die schon halb über der Tiefe schwebende Truhe wieder heraufzuwinden und auf der schaukelnden Gondel einzuschiffen.

Aber noch nicht genug des Spiels der Dämonen um die tote Hülle. Hartleben hatte letztwillig angeordnet, daß sein Kopf vom Körper abzutrennen und nach Deutschland zu bringen, der übrige Leichnam in Brescia einzuäschern sei. Meinem braven Dr. Lehmann war die finstere Aufgabe zugefallen, die Operation zu vollziehen. Wohl oder übel hatte er sie vorgenommen und war mit dem Kopf des Dichters durch die Straßen von Salò nach Hause gewandert. Er hatte ihn sorglich in Zeitungspapier eingeschlagen (das Format des »Corriere della Sera« ist ja groß genug) und hatte daraufhin unterwegs Durst bekommen, was sehr begreiflich erschien. Schon winkte eine bekannte Osteria, wo er oft mit Otto Erich gesessen. Der Arzt trat ein, legte das Zeitungspaket neben sich auf den Tisch und bestellte einen Fiasco vom feurigen Roten. Schnell war eine lebhafte Diskussion im Gange mit anderen Gästen vom Tisch, die Gemüter erhitzten sich, markige Italienerfäuste dröhnten auf die Holzplatte, das geheimnisvolle Paket hüpfte ein paarmal hin und her, sprang mit einem Satz unter die Bank. Hilfsbereit machten die Gäste der Osteria sich ans Suchen, und siehe da! das Einschlagpapier hatte sich gelöst, und Otto Erichs Kopf starrte die fröhliche Zecherrunde mit einem letzten verständnisvoll-satirischen Lächeln an. So glaubte wenigstens Dr. Lehmann (auch er ruht nun schon lange!) den Ausdruck des dahingeschiedenen Freundes deuten zu sollen. Vielleicht hat er recht gehabt.

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