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Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 15
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
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13.

Die Zeichen am literarischen Himmel, die schon seit langem einen kommenden Umschwung verkündigt hatten, begannen sich zu erfüllen. Die Zeit des eigentlichen, des Hochnaturalismus war abgelaufen. Symbolismus und Neuromantik drängten zur Herrschaft. Wie bald sollten die ersten Kindertrompeten des Dadaismus, die frühesten Schreie des Expressionismus erschallen! In dem hochsommerlichen, halbtropischen Geistesklima dieser Epoche reifte alles früher, um ebenso rasch wieder dahinzuwelken. Die Toten ritten schnell. In Berlin begründete Wolzogen sein »Überbrettl«. Max Reinhardt rief »Schall und Rauch« ins Leben. In München betraten die »Elf Scharfrichter« zum erstenmal das Brettl im »Goldenen Hirschen«. Es war im Frühjahr 1901.

Man könnte den Einwand erheben, daß es diesen Gründungen allzuviel Ehre antun heiße, wenn man sie mit den verwandten Strömungen in der hohen Literatur in Beziehung bringe oder womöglich gleichsetze. Aber wer diese Zeit miterlebt hat, für den kann kein Zweifel sein, daß der eigentliche Umschwung zuerst weniger von oben, von der hohen Literatur, als von unten, von der Kleinkunst, vom Brettl, vom Kabarett herkam. Die auf diesem Boden erfolgende Auflockerung, ja Auflösung aller bisher gültigen literarischen und ethischen Normen war es, die dann erst die Atmosphäre für den Umschwung auch in der hohen Literatur schuf. War es hierfür nicht kennzeichnend, daß aus Max Reinhardts buntem Brettl »Schall und Rauch« mit seinen kurzatmigen Sketschen und Grotesken binnen ein paar Jahren die neue triumphierende Reinhardtbühne und ihre berühmteste Regietat, der »Sommernachtstraum«, erwuchs?

Hier liegen die Zusammenhänge für jeden Einsichtigen klar auf der Hand.

Nicht überall verlief die Entwicklung so greifbar und sinnfällig. Aber das Berliner und Münchner Beispiel wirkten am Ende doch so maßgebend, daß schon nach wenigen Jahren die umstürzende Wandlung im geistigen und künstlerischen Habitus des damaligen deutschen Menschen vollständig war. Man hatte es satt, die Welt nur immer im Miniaturformat bürgerlicher oder proletarischer Stuben zu sehen, und sehnte sich nach Buntheit, Regellosigkeit, Entfesselung aller Künste des Theaters. Wen kümmerte es damals, daß dieser Weg notwendig einmal zu allgemeiner Verwahrlosung führen, in einer literarischen und ethischen Dschungel enden mußte, aus der nur entschlossene Rückkehr auf den gesunden Boden formgebundener Wirklichkeit und Natur uns noch retten konnte!

Als das intellektuelle Elternpaar der Münchner Elf Scharfrichter kann man Marc Henry und Marya Delvard bezeichnen. Henry war Pariser, die Delvard Elsässerin, die zwar sehr gut Deutsch konnte, es aber der Wirkung auf ihre deutschen Zuhörer zuliebe in bewußt komischer Weise radebrechte, gerade so wie ihr Partner Henry auch. Hier war also die französische Keimzelle, die Abstammung vom Chat noir des Montmartre und allen dessen Ablegern sofort offenbar. Und mußte nicht jedem Kenner von selbst der Name der Yvette Guilbert über die Lippen kommen, wenn er die hieratische Erscheinung der Delvard in ihrem tiefvioletten, röhrenartigen Kleid bei den Scharfrichtern auftreten sah und sie sentimental-schaurig-groteske Balladen halb singen, halb deklamieren hörte? Aber man hätte ihr doch unrecht getan, sie etwa nur eine Nachbeterin und Nachtreterin der Guilbert zu nennen. Gewiß! Sie war aus dieser Schule hervorgegangen, entstammte ihrer Vorstellungswelt, aber sie war doch eine ganz auf sich selbst gestellte Natur, ein tragisch-kapriziöses Talent mit einer eigenen Empfindungssprache, die vielleicht von keiner der unzähligen Nachfolgerinnen auf dem Brettl und Überbrettl erreicht worden ist.

Diese Empfindungswelt war ihrem tiefsten Wesen nach eben doch deutsch, mochte sie auch noch so verballhornt und auf den Kopf gestellt scheinen. Hier war der Unterschied zwischen Paris und München, zwischen der Delvard und der Guilbert, zwischen den Chansons eines Aristid Briand und den Liedern, den Strophen, den Balladen eines Liliencron, eines Bierbaum, eines Dehmel und selbst denen Frank Wedekinds. Ein spezifisch deutsches Montmartre und Chat noir war im Goldenen Hirschen in der Türkenstraße zu München entstanden. Sehr schnell hatte es seinen eigenen Stil gefunden, hatte ihn eigentlich schon in seiner Geburtsstunde mitgebracht, so daß bereits jener erste Abend, jener unvergeßliche Frühlingsabend seiner Eröffnung wie ein Blitz in das dicht versammelte Feinschmeckerpublikum einschlug.

Die Münchner Scharfrichter hatten das besondere Glück, daß sie ihre gesamte künstlerische Produktion selbst bewerkstelligten, daß wie von einer guten Hausschneiderin alles »im eigenen Hause« gearbeitet werden konnte. Malerei, Bildhauerei, Architektur (Bühnendekoration), Musik waren ebenso bei ihnen vertreten wie natürlich die redende, schreibende und dichtende Kunst. Das berühmte Kollektiv einer viel späteren Nachkriegszeit, auf das sich ihre jungen Erfinder nicht wenig zugute hielten, ist von den »Elf Scharfrichtern« bereits vor mehr als einem Menschenalter verwirklicht worden. Und schon damals zeigte sich, daß diese Art von künstlerischer Gemeinschaftsarbeit unter jungen Menschen eine Zeitlang durchaus glücklich und erfolgreich vor sich gehen kann, wenn auch Brüche, Sprünge, Risse im Gefüge meist schon früh sichtbar werden und die Lebensfrist dieser Gebilde keine allzu lange zu sein pflegt. Die Blütezeit der »Elf Scharfrichter« hat sich etwa durch drei Jahre erstreckt, während welcher gerade Frank Wedekind – nach der landläufigen Meinung die eigentliche Verkörperung der Scharfrichter und des Überbrettls – jenen offiziell nicht angehörte, wenn er auch gelegentliche Gastspiele gab. Er trat erst 1904, nach langem innerem Widerstreben, den Scharfrichtern bei, als schon der Niedergang der ganzen Bewegung begann.

Ich sagte, daß ihn das einen schweren Kampf gekostet habe. Denn so sehr dies vielleicht heutige Leser überraschen mag: Wedekind hat nichts so sehr gehaßt wie den Begriff der Brettlkunst und die ihm selbst schon früh beigelegte Bezeichnung als Brettldichter oder Brettlsänger. Er empfand es als eine unerträgliche Herabwürdigung seines Dichtertums, mit der bebänderten Laute vor den »zahlenden Pöbel« hintreten zu sollen, und konnte schon in dieser Scharfrichterzeit, geschweige denn später, höchst unangenehm werden, wenn ihn etwa fernstehende Bewunderer im Privatkreise oder gar in der Kneipe aufforderten, etwas von seinen Liedern zum besten zu geben. Eines der vielen Beispiele aus der Kunst- und Literaturgeschichte, daß der künstlerische, der dichterische Schöpfer sich selbst und sein Schaffen nur wie durch einen Schleier erblickt und dessen Schwerpunkt ganz woanders sucht, als es tatsächlich der Fall ist und als es die Nachwelt sieht. Denn es kann für den unbefangenen Betrachter von heute keinem Zweifel unterliegen, daß Wedekinds Lyrik – diese Balladen und Romanzen in ihrer höchst persönlichen Mischung von Moritat und Didaktik – die eigentliche Quintessenz seines Wesens darstellt und seine dramatische Produktion lange überleben wird, wenn man »Frühlings Erwachen« und »Erdgeist« ausnimmt.

Unter den literarischen Mitarbeitern und Begründern der Elf Scharfrichter ist als die bedeutendste Persönlichkeit neben Wedekind Hanns von Gumppenberg zu nennen. Dieser merkwürdige Mensch hat weder im Leben noch bisher nach seinem Tode diejenige Beachtung gefunden, die ihm vielleicht zukommt und die er jedenfalls selbst für sich in Anspruch nahm. Eine große neuere Literaturgeschichte nennt nicht einmal seinen Namen. Gumppenberg, aus freiherrlichem Geschlecht stammend, stellt den beispielhaften Fall des armen Adligen dar, der gerade in Bayern nicht selten ist, nur daß die meisten Schicksalsgenossen in irgendeinem kleinen Amt unterzuschlüpfen pflegen (wenn sie nicht wie früher die Soldatenlaufbahn einschlagen) und sich mit einem bescheidenen, aber gesicherten bürgerlichen Lose abfinden. Gumppenberg hatte den Stand dichterischer Vogelfreiheit vorgezogen. Er hat zeitlebens von seiner Feder leben müssen, manchmal besser, manchmal schlechter, manchmal auch dann, wenn es gar nicht mehr weiterzugehen schien. Man könnte ihn in der Vielseitigkeit seiner Bildung, seiner Interessen wie seines Talentes am ehesten mit jenen Humanisten der italienischen und der deutschen Renaissance vergleichen, die ihre Sache auf nichts als auf ihren Kopf, ihr Wissen, ihren Witz, ihr Talent gestellt hatten und in einem unsteten Leben bald an Fürstenhöfen landeten, bald auch wieder auf der Straße saßen.

Hierin lag freilich ein äußerlicher Unterschied zwischen jenen damaligen und unseren heutigen Intellektuellen vom Schlage Gumppenbergs und anderer: in der Seßhaftigkeit. Gumppenberg hat im Gegensatz zu Leuten wie Bembo, Strozzi, Aretino oder dem Deutschen Konrad Celthes kaum je seinen Wohnsitz geändert, er ist an das Münchner Weichbild und an die Frauentürme gebannt geblieben, während jene ihr Leben lang von Stadt zu Stadt, von einem Fürstenhof zum anderen zogen und nirgendwo Ruhe fanden. Und doch ist die Wesensverwandtschaft klar ersichtlich. Sie liegt in der Orientierung des Lebens rein vom Gehirn aus: im Intellektualismus als beherrschendem Lebenszentrum. Ich möchte aber Gumppenberg nicht zu nahe treten, indem ich ihn mit dem landläufigen Typus der heutigen oder gestrigen Intellektuellen gleichsetze, den wir schaudernd so viele Jahre erlebt haben. Dafür besaß er zu viel Substanz, nicht nur geistige durch seinen Reichtum an Bildung und Wissen, sondern auch Substanz des Charakters, also gerade jene menschlichen und seelischen Werte, die so vielen Intellektuellen von gestern fehlten.

Gumppenbergs großer Lebensirrtum, der ihm denn auch zum tragischen Schicksal wurde, scheint mir darin bestanden zu haben, daß er sich mit einem blinden Fanatismus für einen der größten Dichter seiner Zeit, wenn nicht für den größten überhaupt gehalten hat. Der Vergleich mit Shakespeare, mit dessen uns erhaltenem Bilde er Ähnlichkeit zu haben glaubte, kam ihm nicht übertrieben vor. Er hat mir darüber einmal, allerdings in jungen Jahren, Eröffnungen und Geständnisse gemacht, die mir wie ein Sakrileg, ja wie beginnender Irrsinn klangen. Der von hier drohenden Gefahr ist dieses außerordentliche Gehirn ja schließlich entgangen, wie sein Lebensverlauf erweist. Aber der Mensch Gumppenberg ist am Ende doch das Opfer jener Selbsttäuschung geworden, die ihn dazu verführte, mit allen seinen Kräften immer wieder dem trügerischen Lorbeer des Dichters nachzujagen, während der Einsatz seiner weitverzweigten enzyklopädischen Kenntnisse auf kulturpolitischem Gebiet ihn vielleicht zu einem der ersten deutschen Schriftsteller gemacht hätte. Er besaß zum Beispiel auch auf dem mathematischen Felde Einsichten und Erkenntnisse, die mich staunen machten. Aber auch hier hat seine, intellektuelle Phantasie, wie man sie nennen könnte, sich auf allerlei halbokkulten Seitenwegen verloren, die in dieser streng exakten (allerdings dennoch transzendent anmutenden) Wissenschaft nie zum Ziele führen konnten.

Eine der stärksten Seiten dieser reichen, vielfältigen Begabung war ihr parodistisch-satirisches Element. (Auch hier zeigt sich wieder die Blickrichtung vom Gehirn aus und nicht von der Phantasie oder vom Gefühl.) Gumppenberg hatte seine parodistische Treffsicherheit eben damals in einer Sammlung »Das teutsche Dichterroß« erwiesen. Konnte sich ein geeigneterer Mann für die Zwecke der Scharfrichter finden? Sehr bald sehen wir ihn dann auch in diesem Kreise erscheinen und mit seinen witzigen »Überdramen«, richtigen Fünfminutenbrennern, ebenso das breite Lachen des Publikums wie die lächelnde Nachdenklichkeit der Kenner hervorrufen. Ich habe angesichts dieser dramatischen Raketen, von denen er längere Zeit eine ganze Menge folgen ließ, nie das Gefühl loswerden können, als ob Gumppenberg sich im Grunde damit selbst parodiert habe, und das nicht einmal unbewußt, sondern in wiederholten Anfällen plötzlicher Hellsichtigkeit und eines selbstzerfressenden Galgenhumors.

Vielleicht war es auch nichts anderes, als dieser Mann dann Theaterkritiker wurde und als hochmögender literarischer Radamanthys über seine manchmal glücklicheren dramatischen Mitbewerber zu Gericht saß. Mußte nicht alles abgestandene Ressentiment des seit so vielen Jahren Verkannten sich nun in die Spalten der großen Tageszeitung ergießen und das Publikum von den Stücken jener aufgeführten Kollegen fortekeln? Wozu noch die entfesselte parodistische Laune des sein Richtschwert schwingenden Scharfrichters sich gesellte! Eine unglücklichere Kritikerwahl ist wohl selten von einer Zeitung getroffen worden. Sie hat sich an dem dazu Erkorenen selbst am bittersten gerächt. Denn sie entfernte ihn von allen seinen früheren Freunden und trieb ihn mehr und mehr in eine finstere Abseitigkeit. Die innere Tragik dieses halb verunglückten Dichterlebens war in ihrem unerbittlichen Gang nicht mehr aufzuhalten.

Ich habe an dem Werden, Wachsen, Blühen und langsamen Vergehen der »Elf Scharfrichter« und der in ihnen sich verkörpernden Überbrettl-Bewegung, schon durch meine freundschaftlichen Beziehungen zu Wedekind und Weinhöppel, den nächsten persönlichen und menschlichen Anteil genommen, ohne freilich jemals eine Zeile dafür zu schreiben. Aber konnte das alles ohne Einfluß auf mich bleiben? Hätten diese Strömungen spurlos an meinem eigenen literarischen Schaffen vorüberziehen sollen? Gewiß nicht! Ich suchte nur auf meine eigene Weise damit fertig zu werden. Der dramatische Niederschlag aus dieser Übergangszeit ist mein »Walpurgistag«. Ich habe ihm den Untertitel »Dichterkomödie« gegeben. Dies kennzeichnet bereits seine Ausnahmestellung innerhalb meines übrigen zu jener Zeit vorliegenden Schaffens. Schon durch die Stoffwahl entfernt sich diese Komödie von den anderen zeit-, erd- und heimatgebundenen Stücken meiner Frühzeit. Der »Walpurgistag« ist ein Ich-Drama in komödienhafter Form: die Auseinandersetzung mit den Problemen der Dreißigerjahre, mit der inneren Umwälzung und Neugestaltung, der Ernüchterung und Wiederverzauberung an dieser kritischen und windigen Lebensecke. Meinem Helden Ansgar, dem an sich selbst verzagenden Dichter auf der Paßhöhe der Dreißigerjahre, ruft sein vielerfahrener väterlicher Freund, der Philosoph Theophrastus Spenser, der Zyniker, die Worte zu: »Drei Menschenalter sind den Sterblichen zugemessen, mein Heros! Das erste liegt hinter dir. Nun finde den Mut zum zweiten! Finde den Mut zur Wiedergeburt!«

Die ersten Keime des »Walpurgistags« datieren bis in das Jahr 1896 zurück, also in nächste zeitliche Nähe mit der damals gerade vollendeten Komödie »Lebenswende«, die denn auch als einziges Werk meiner Frühzeit in geistiger Verwandtschaft zu ihr steht. Aber man beachte den Gegensatz der menschlichen Atmosphäre und der künstlerischen Formgebung, der thematischen Fragestellung und der stilistischen Mittel ihrer Lösung zwischen den beiden einander ursprünglich so naheliegenden Stücken! Es ist – ich deutete es schon an – die soeben überschrittene Paßhöhe des dreißigsten Jahres, die sie beide trennt. Drüben das Land des Naturalismus mit seinen wohlbebauten Äckern, umfriedeten Dörfern, überqualmten Städten. Hüben die dämmertiefen Märchenwälder und mondbeschienenen Großvaterstädtchen einer neu erblühen wollenden Romantik. Wie spürbar hier, von heute aus gesehen, jene Werdezeit der Jahrhundertwende mit ihrem Suchen nach anderen Stoffgebieten, nach neuen sprachlichen Ausdrucksmitteln, nach einer gewandelten Formgebung, sei es auch um den Preis einer völligen Lockerung oder Auflösung der dramatischen Form überhaupt!

Aber der »Walpurgistag« stammt nicht nur aus einer Übergangszeit. Er ist auch in meiner eigenen Entwicklung ein Übergangsstück. Seine Entstehung erstreckt sich von 1896 bis 1902, also über einen sechsjährigen Zeitraum. Welch eine geistige Wandlung, welch ein Kampf mit den zwiespältigen Mächten der eigenen Seele war das doch auf dieser weiten Wegstrecke gewesen! Und diese zwiespältigen Mächte da innen, was waren sie, wie hießen sie? Die Not durch die Welt und die Not durch mich selbst. Wieviel gab es da nicht auszusprechen und abzurechnen! War es nicht schon fast ein Jahrzehnt seit jenem unvergeßlichen Tage, der mir den Siegeskranz der Jugend gebracht hatte? Aber wie hatte sich die Welt, wie hatten sich Publikum und Kritik dafür gerächt, daß sie sich damals hatten »überrumpeln« lassen! So manches liebe Mal hatten sie mich niedergeschrien und niedergezischt und in Grund und Boden kritisiert! Und bitter genug – es mußte wohl zugestanden werden! – hatte ich Publikum und Kritik, hatte ich der Welt darum gegrollt!

Jedoch schlimmer als dies das andere: die Not durch mich selbst, das Leiden am eigenen, am unabänderlichen Ich! Hatte ich nicht mit mir selbst gegrollt, gehadert, weil ich nun einmal der und nur der war, der ich doch schicksalsmäßig sein mußte, aber oft genug nicht sein wollte, nämlich der Geist-Mensch, der Kunst-Mensch, der Phantasie-Mensch, während es mir doch in meinen Wunschträumen immer wieder vorschwebte, ein Tat-Mensch zu sein oder wenigstens dereinst zu werden. Und dies sollte der Dichtung zweiter und dritter Teil werden, denn der Plan des Ganzen war auf eine Trilogie angelegt, und auf Ansgar den Dichter sollte ein Ansgar der Weltverbesserer und auf diesen ein Ansgar der Menschenfeind folgen. Theophrastus der Zyniker sollte ihn zwischen Morgen und Abend als getreuer Gegen-Spieler durch seine Welt begleiten. Erika aber, die Bürgerin von Heliopolis, die liebendste und heiterste Gefährtin, sollte in eben jenem Heliopolis des zweiten Teils ein tragisches Ende finden. Wunschträume, die sich nicht haben erfüllen sollen und können, nachdem dem Ältergewordenen die Erkenntnis gekommen war, daß auch der aus der Phantasie, aus dem Geist Schöpfende und Schaffende Wirklichkeit bereiten, daß es auch am Schreibtisch ein Leben der Tat geben kann.

Frau Luise Halbe 1902

Die eigentliche, aus der Leidenschaft augenblicklicher Eingebung geborene Niederschrift der Dichterkomödie fand im Winter und Frühling 1902 in München und am geliebten Gestade des Gardasees statt. In den letzten Jahren war es mir zur Gewohnheit geworden, die bösen Münchner Übergangswochen des März und April in Gardone-Riviera zu verbringen. Es gab dort zu jener Zeit (ich weiß nicht, ob er heute noch steht) einen Aussichtsturm hart am Strande. Ein reicher norddeutscher Fabrikant hatte den Turm und auf der ansteigenden Höhe dahinter ein palastähnliches Haus für sich erbaut. Der Turm war vielen ein Ärgernis, mir sollte er zum Vorteil gedeihen. Ich war mit dem Besitzer bekannt geworden. Er war nicht geradezu ein Sonderling, aber doch einer, der gern seine eigene Straße ging und sich nicht viel um das Urteil seiner Nebenmenschen kümmerte. Er bot mir den Turm als Arbeitsstätte an, und ich schlug mit Vergnügen ein. Im oberen Stockwerk befand sich ein atelierartiger Raum, mit Fenstern fast nach allen Seiten. Sein Besitzer hatte dort in seinen Mußestunden der Malerei obgelegen. Eine Anzahl von fertigen oder angefangenen Bildern lehnte an den Wänden. Man konnte nicht eben behaupten, daß Rubens sie gemalt hatte, aber sie entsprachen ungefähr seiner Stoffwelt. Was tat es! Jeder muß auf seine Fasson selig zu werden suchen. Warum nicht auch jener reiche Mann, mein Bekannter, indem er schlecht und recht Aktbilder malte?

Es war wunderschön, da oben im »Lombardenturm« zu arbeiten, wie ich ihn frei nach Conrad Ferdinand Meyer benannte. Lichte Helligkeit war ringsum. Durch die hohen Fenster schweifte der Blick hinaus ins Weite. Fern im Süden sah man die Landzunge von Sirmione, in deren Grotten einst Catull geliebt und gedichtet hatte. Es war vor bald zweitausend Jahren. Waren sie nicht wie ein Hauch über den blauen Wasserspiegel dahingeglitten, ohne eine Spur auf ihm zu hinterlassen? ... Die Seele versank in ihrer eigenen Zeitlosigkeit.

Ich habe da oben in meinem Turm während des nun folgenden Jahrzehnts bis zum Weltkriege hin viel Schaffensglück und Schaffensqual, die ja eins und dasselbe sind, erfahren. Fast von allen meinen Arbeiten aus dieser Zeit sind größere oder kleinere Abschnitte, Kapitel oder Szenen, in jener Abgeschiedenheit und Weltentrücktheit entstanden. Um so geselliger ging es während der übrigen Zeit im Fremdengetriebe des Grand-Hotel zu, dessen geschäftstüchtiger Besitzer, mein guter Freund Lützelschwab, ein geborener Schweizer, aus einer ursprünglich kleineren Anlage durch immer neue Anbauten allmählich eine riesige Hotelkarawanserei mit einer imponierenden Seefront geschaffen hatte. Jedem, der einmal dort vorübergefahren ist, wird die gewaltige Hotelanlage mit der langgestreckten Terrasse und ihrem Palmenflor in Erinnerung geblieben sein.

Man hätte meinen sollen, ein solches Riesenhotel wäre steif, frostig, ungemütlich, also jedenfalls nicht nach deutschem Geschmack gewesen. Dies war aber durchaus nicht der Fall. Der wackere Züricher verstand es, sein Haus trotz dessen Größe mit warmer Behaglichkeit zu erfüllen und, was im damaligen Italien besonders ins Gewicht fiel, jede Beutelschneiderei fernzuhalten. Er war sehr darauf bedacht, sich sein gutes deutsches Stammpublikum zu bewahren, das durchaus nicht nur aus Millionären bestand, sich vielmehr aus den höheren Beamten- und Akademikerkreisen und natürlich aus dem vermögenden Bürgertum zusammensetzte. Ich habe dort im Laufe der Jahre eine Anzahl von Bekanntschaften gemacht, von denen manche den flüchtigen Augenblick überdauern und im einen oder anderen Falle sogar zu wirklichen Lebensfreundschaften werden sollten. Ich erwähne hier als einziges Beispiel nur die Beziehung zu meinem Freunde, dem Geheimrat Carlo Göring in Leipzig, und dessen frühverstorbener Gattin Martha Göring. Ich habe die beiden hochgebildeten und allem Schönen erschlossenen Menschen damals, im Frühjahr 1900, in Gardone kennengelernt und bin mit dem überlebenden Teil; der hochbetagt noch jetzt in Leipzig seinem Anwaltsberuf obliegt (sicher ein Unikum!), bis heute 1934. in engster menschlicher Verbindung geblieben.

Die Nähe Münchens – die Möglichkeit, binnen eines Tages oder einer Nacht aus einem rauhen, winterlichen Klima in ein soviel milderes, südliches zu gelangen – brachte es mit sich, daß man besonders viele Besucher aus der Münchner Gesellschaft in Gardone antraf. Zu den regelmäßigen Gästen des Grand Hotel gehörte während dieser Jahre der Professor an der Technischen Hochschule in München, Dr. von Soxhlet, der berühmte Erfinder des nach ihm benannten Milchsterilisierungsapparates, dessen Einführung seinerzeit eine grundlegende Änderung in der Säuglingsernährung bewirkt und damit unzählige Kinder am Leben erhalten hatte. Soxhlet war damals ein angehender Sechziger, eine große elegante Erscheinung, die nichts mit dem landesüblichen Bilde des zerstreuten Professors gemein hatte, mit den beiden silbrig-schwarzen Bartkoteletten eher an einen österreichischen Feldmarschallleutnant oder Sektionschef erinnerte. Er tanzte noch, wenn sich im Hotel Gelegenheit dazu ergab, was damals nicht entfernt so selbstverständlich war wie heute, und machte den anwesenden jungen und älteren Damen mit der Grandezza eines Kavaliers des ancien régime den Hof, ohne dabei doch je die gebotenen Grenzen zu überschreiten.

Soxhlet war ein höchst amüsanter Gesellschafter. Er neigte dazu, seine Umgebung zu ironisieren und aufs Glatteis zu führen, verschonte aber auch sich selbst nicht dabei. So war es seine ständige komische Klage, daß niemand so recht an seinen Namen glauben wollte, sondern ihn immer mit seiner gleichnamigen Erfindung verwechselte. Sogar Paul Heyse, wie er erzählte, sollte einmal anläßlich seiner Erwähnung ausgerufen haben: »Soxhlet? Soxhlet? Das ist doch kein Mensch! Das ist ja ein Apparat!« Ich gestand ihm leicht errötend, daß es mir zuerst nicht anders ergangen war. Wir hatten uns schnell miteinander angefreundet. Vielleicht spielte irgendeine kleine Wahlverwandtschaft mit. Auch diese Beziehungen sollten bis zu Soxhlets Tode, lange Jahre später, andauern.

Im Gefolge des witzigen und unterhaltenden Mannes befand sich immer viel Jugend, besonders weibliche, die sich offenbar durch seine Lebenslust angezogen fühlte. Seine geselligen Talente hatten ihn in München zum Mittelpunkt verschiedener künstlerischer und gesellschaftlicher Kreise gemacht, in denen immer ein sehr angeregter, geistig freier Ton herrschte. Dazu gehörte auch ein kleiner Zirkel von höheren Regierungsbeamten damals noch jüngeren Alters mit ihren meist hübschen und temperamentvollen Frauen. Die Angehörigen dieser Sphäre schließen sich gern gegen Außenstehende ab, soweit sie überhaupt gesellschaftlichen Verkehr pflegen und nicht ganz in Berufspflichten aufgehen. Das ist in München so wie in Berlin und anderswo in Deutschland. Dieser Soxhletsche Kreis machte hierin auch keine Ausnahme. Es war wie eine stumme, aber ganz unverbrüchliche Parole, die man kennen mußte, um Zutritt zu erhalten.

Wenn man dann aber darin war und mit dazugehörte, so herrschte völlige Vorurteilslosigkeit und ein angenehmes gesellschaftliches Sichgehenlassen. Man begegnete sogar nicht selten äußerst verwegenen und ketzerischen Ansichten in geistigen, künstlerischen, ja selbst politischen Fragen. Die so redeten, waren höhere und hohe bayrische Regierungsbeamte. Man hätte es nicht glauben mögen. Nur eine gewisse nasale Tongebung und bewußt nachlässige, ganz leicht einfließende Dialektfärbung – das charakteristische Merkmal gewisser exklusiver Münchner Gesellschaftskreise – erinnerte dann wieder daran, mit wem man sprach. Bei den Hochmögenden vom Landtag, die in der Prannerstraße das große Wort führten, wäre ob so mancher Äußerung dieser hohen Regierungsvertreter bestimmt ein großes Schütteln des Kopfes geschehen. Glücklicherweise drang nichts aus diesem Kreise heraus, man hielt gegenseitig sehr dicht, und der eine und andere von diesen Herren, deren Gesellschaft ich damals mit vielem Vergnügen und nicht geringem Gewinn an Lebenserfahrung genoß, ist nachmals bis in die höchsten Staatsstellungen vorgerückt und befindet sich nach einer glänzenden Laufbahn nunmehr bereits im Ruhestande oder ist für immer von dieser Erde abgetreten.

Die äußere Lebenshaltung dieser höheren Münchner Beamtenkreise blieb auch in der nun immer sichtlicher sich entwickelnden Üppigkeit der wilhelminischen Epoche verhältnismäßig einfach und bescheiden. Ich habe darauf schon im Einleitungskapitel hingewiesen. Wie hätte es auch anders sein können, wenn man in Betracht zieht, daß damals ein bayrisches Ministergehalt nicht viel über zwölftausend Mark betrug und dementsprechend die Besoldung der anderen Beamtengrade sich nach unten abstufte. An dem Berliner Beispiel gemessen waren es im Grunde nur Subalterngehälter. Aber allen noch so beweglichen Klagen hierüber verschloß sich der harte Sinn des bayrischen Finanzministers, der seine Hand fest auf dem Staatssäckel hielt. Erst die gegen 1910 und gegen den Krieg hin immer fühlbarer werdende Erhöhung der Lebenskosten – der Indexziffer, wie man heute sagen würde –, zwang auch dem rücksichtslosen bayrischen Sparmeister gewisse unumgängliche Gehaltsaufbesserungen ab, die doch stets hinter Berlin zurückblieben. So war es verständlich, daß der im Norden getriebene gesellschaftliche Aufwand dem Münchner Beamtentum bis zuletzt fremd blieb; ganz abgesehen davon, daß dieser auch dem Charakter des eigentlichen Münchnertums nicht lag.

Entschiedenere Ansätze in der von Berlin gewiesenen Richtung zu schrankenlosem Lebensgenuß zeigten sich auch in München hier und da im reichen Bürgertum, besonders soweit es vom Norden gekommen war. Aber es blieb doch auch da noch immer taktvoll und innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks. Die Münchner Atmosphäre erzwang von selbst, auch von etwa Widerwilligen, die Rücksichtnahme auf die örtliche Überlieferung und auf die in dieser Hinsicht sehr scharf urteilende öffentliche Meinung. Es war ja kaum erst ein Menschenalter her, seitdem man in München einen gehobenen Verkehr von Haus zu Haus, im Sinne größerer gesellschaftlicher Einladungen, pflegte. Dieser Begriff war norddeutsche Importware, wurde von den Alteingesessenen dementsprechend bewertet und setzte sich daher nur langsam durch, um dann endgültig das Feld zu behaupten, wenn er auch nie richtig ins Volk gedrungen ist. Noch in meiner Studentenzeit, gegen Mitte der Achtzigerjahre, war es in München gang und gäbe gewesen, wovon schon vor mehr als einem halben Jahrhundert die damals frisch zugezogenen norddeutschen Fremdlinge staunend berichtet hatten, daß man, in einer Münchner Familie eingeladen, gefragt wurde, ob man eine Maß oder eine Halbe trinken wolle, und dann seinen Obolus dafür hinzulegen hatte, worauf der dienstbare Geist das benötigte Quantum für sämtliche Anwesenden von der nächsten Gassenschenke herbeiholte.

Es war ein weiter Weg von solchen altväterlichen Bräuchen, denen man auch noch in den Neunzigerjahren, wenn auch immer seltener, begegnete, zu den glänzenden Gastmählern etwa im Hause meines Freundes Fritz Schwartz, des damaligen Generaldirektors des bekannten Bruckmannschen Kunst- und Buchverlages. Fritz Schwartz ist vor mehr als zwanzig Jahren, kurz vor dem Kriege, siebenundfünfzigjährig, gestorben, also nicht hoch zu Jahren gekommen. Sein Einfluß auf das gesellschaftliche Leben Münchens, zumal auf den damals in seiner Hochblüte stehenden Münchner Karneval, ist so groß gewesen, daß man an seiner Persönlichkeit als an einem typischen Fall nicht vorbeigehen kann.

Fritz Schwartz stammte aus kleinen Verhältnissen. Er war ein Müllerssohn aus dem Elb-Havel-Land, der gleichen Landschaft, in der auch meine Frau aufgewachsen war, wenn sie auch bei Torgau geboren war. Er war erst als Buchhändler, dann als Redakteur an kleinen Zeitungen tätig gewesen, hatte sich durch seine Tüchtigkeit langsam emporgearbeitet und war schließlich nach München in den Bruckmannschen Kunstverlag gekommen, dessen damaliger Inhaber sich viel auf Reisen befand und wenig Zeit für die eigentlichen Geschäfte seines Unternehmens hatte. So war eine gewisse geschäftliche Rückläufigkeit eingetreten. Der neue Mann wirkte als belebender Sauerteig. Er war voll von neuen Plänen und Ideen, die dem Geschäft einen ungeahnten Auftrieb brachten. Es war die Zeit, da die photographische Technik, ihren Kinderschuhen entwachsen, ihre ersten großen Triumphe auf dem Gebiet der künstlerischen Bildvervielfältigung feierte. Der Name Böcklins strahlte als Gestirn erster Ordnung am Himmel der deutschen Kunst, nachdem das Gewölk jahrelanger Verkennung sich verzogen hatte. Neben ihm hatte bereits Hans Thoma die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Fritz Schwartz erkannte den Ruf der Stunde und schloß mit den beiden Meistern, in der Folge auch noch mit einer Reihe anderer, Verträge ab, die der Bruckmannschen Firma das alleinige Vervielfältigungsrecht ihrer Bilder sicherten. Zwischen 1885 und 1900 durften in keinem guten deutschen Bürgerhause diese Reproduktionen Böcklinscher Bilder, die Toteninsel, das Schloß am Meer, der Frühlingstag und andere fehlen. Sie kamen alle aus den Pressen des Bruckmannschen Verlags, waren dessen Monopol und machten die Firma zur führenden in diesem Bereich.

Zur Zeit, als ich Fritz Schwartz kennenlernte, war diese Periode bereits halb und halb vorbei, die geschäftliche Ernte der Firma hereingebracht. Aber die zugreifende Tatkraft und Entschlossenheit von Fritz Schwartz, der inzwischen das oberste Haupt, Generaldirektor des Unternehmens geworden war, ruhte und rastete nicht. Vornehme Kunstzeitschriften waren von dem Verlag gegründet oder ihm angegliedert, der Buchverlag erweitert und ausgebaut (Houston Stuart Chamberlain), eine große Zeitung erworben und mit allen Mitteln der Propaganda herausgestellt worden: in diesem Hause rosteten die Maschinen ebensowenig wie die Hirne. Aber der unermüdliche Mann wollte nicht nur vom Morgen bis zum Abend arbeiten. Er wollte auch etwas von seinem Dasein haben. Er wußte, daß man nur einmal lebt. So mußte denn die Nacht für das Vergnügen herhalten, da der Tag ja schon besetzt war. Ich bin selten einem Menschen begegnet, der von einem so unbändigen Lebensdurst erfüllt gewesen wäre wie dieser Selfmademan Fritz Schwartz, genannt »Nero«. Den Spitznamen hatten ihm seine Freunde gegeben, und er hatte ihn höchst zutreffend gefunden und bediente sich seiner wie selbstverständlich.

Damals hatte das »Deutsche Theater«, das Meßthaler einst für die Pflege des modernen Schauspiels ins Leben gerufen hatte, die seiner ganzen räumlichen Anlage erst wahrhaft entsprechende Bestimmung gefunden. Es war der glänzende Mittelpunkt des Münchner Karnevals geworden. Jeden Mittwoch fanden hier die berühmten Bal parés für ein mehr erlesenes Publikum, jeden Samstag die nicht minder berühmten Redouten für breitere Schichten statt. Über dem Gewoge von Spitzenkrausen und Straußenfedern, von weißen Frauenschultern und schwarzen Herrenfräcken sah man immer wieder einen einsamen, kühn in den Nacken geschobenen Zylinder schwimmen. Der Zylinderträger war »Nero«. Er war der einzige, der dieses Recht im Ballsaal für sich in Anspruch nahm, und niemand bestritt es ihm, nicht einmal die Ballordner, die in all der Ausgelassenheit und Fessellosigkeit doch ein scharfes Auge für etwaige Entgleisungen hatten. Ein paar jüngere Lebemänner versuchten, Nero die Zylindermode nachzumachen, drangen aber nicht recht damit durch. Fritz Schwartz blieb der ungekrönte König der Redouten und Bal parés jener hierin unerreichten Vorkriegszeit und trug des zum Zeichen seinen Redoutenzylinder bis an sein Ende. Er starb (fast sinnbildlich!) zu Beginn des letzten Vorkriegsfaschings, an dessen ersten Walzern er noch teilgenommen hatte, und starb in den Sielen als der unerhörte Arbeitsmensch, der er mitten in allem Vergnügen sein Lebtag gewesen war.

Wenn ich mir sein Leben und seine Persönlichkeit zurückrufe, so glaube ich, zwei der hervorstechendsten Merkmale jener wilhelminischen Generation darin verkörpert zu sehen: Auf die Spitze getriebene Arbeitsleistung und auf die Spitze getriebenen Genuß.

Ich habe bereits im Einleitungskapitel einiges über den Münchner Fasching gesagt. Er unterscheidet sich und unterschied sich von je sehr wesentlich von seinem berühmten Bruder, dem Kölner Karneval, den ich 1903 mitzumachen Gelegenheit hatte. Wenn auch die Herkunft beider auf die gleiche Ursache im Kirchenkalender, auf den durch die bevorstehende Fastenzeit bis zum Überströmen aufgestauten Quell der menschlichen Lebensfreude zurückführt, so liegt doch ein großer Unterschied in der Art ihrer Betätigung und Ausübung, der sich auf den Gegensatz des Volkscharakters, der Stammeseigenart gründet. Der Rheinländer ist lebhaft, beweglich, temperamentvoll, witzig, sanguinisch, gibt seinen Gefühlen gern lauten, manchmal lärmenden Ausdruck. Der Bajuware, der Münchner ist in seiner Sprechweise, seiner ganzen Art, das Leben zu nehmen, eher schwer als leicht, läßt sich gern Zeit zu allem (nichts ist ihm so unleidlich wie übertriebene Hast), lebt mehr in sich hinein als nach außen, versteht und übt weniger den Witz als den Humor (»Hamur«), neigt im ganzen zu einer sinnenhaften, beschaulichen, um nicht zu sagen phlegmatischen Lebensauffassung: ist also in allem und jedem eigentlich der polare Gegensatz zum Kölner.

So kommt es, um es in eine kurze, aber wohl im allgemeinen zutreffende Formel zu bringen, daß der Kölner Karneval zuvörderst das Fest des entfesselten Wortes und Witzes, der Münchner Karneval das Fest der entfesselten Sinne und Farben ist. Etwas wie jene taumelnden Françaisen des Münchner Vorkriegsfaschings hat es um die gleiche Zeit in Köln schwerlich gegeben. Sie sind unnachahmlich geblieben, allerdings auch in München selbst, für ein heutiges jüngeres Geschlecht, das nichts mehr damit anzufangen weiß und »Français« zu tanzen glaubt, indem es greulich durcheinanderhoppst und -stolpert. Andererseits ist der große Kölnische Karnevalsfestzug des Rosenmontags ebenfalls durchaus unnachahmlich und autochthon und wird in München wohl immer fremder Import bleiben. Denn es gehört nicht nur dazu, daß man einen schönen und möglichst langen Aufzug macht, woran es ja in München gewiß nicht fehlt – wofür sogar alle künstlerischen Voraussetzungen da sind –, sondern daß der »Mann auf der Straße« die gute Laune und den sprudelnden Witz dazu mitbringt und: dies die Hauptsache, ihr auch hemmungslos und öffentlich Ausdruck gibt. Erst wenn dieser Kontakt zwischen Zug und Zuschauern geschaffen ist und jeder der Hunderttausende seine Rolle dabei mitspielt, ist das Ideal einer solchen Veranstaltung erfüllt. Man rühmt Köln nach, es immer wieder zu erreichen. Von München kann dies auch der begeistertste Lokalpatriot noch nicht berichten. Dafür sind Feste wie die Gaukler, wie Schwabylon, wie die Venezianische Nacht, ja selbst wie die Schwabingerischen Nachtwandler wohl ebenso unerreicht in Köln.

An den Fasching schloß sich und schließt sich noch heute fast unmittelbar die Starkbierzeit, die in die Fastenwochen fällt und dem Münchner über deren jetzt eigentlich nur noch auf dem Papier stehende Fleischlosigkeit hinweghilft. Einige Spezialbiere verschönen das Osterfest, worauf als holdester Frühlingsbote der dunkle Maibock des »Königlichen« Hofbräuhauses und mit ihm noch ein paar andere, helle Maiböcke auf der Tagesordnung erscheinen und einige Wochen das öffentliche Interesse beherrschen. Der Hofbräuhausmaibock wurde und wird – an allen diesen schönen Einrichtungen hat keine der wechselnden Staatsformen in München etwas geändert – durch einen offiziellen Frühschoppen im Großen Hofbräuhaussaal eingeleitet, zu dem ein paar tausend Einladungen an die Beamtenschaft aller Grade sowie an eine Anzahl von Honoratioren und anderen »Gewappelten« und »Großkopfeten« ergehen.

An dem schon lange mit Ungeduld erwarteten Vormittag gegen Ende April füllt eine festliche Menge bereits zu früher Stunde den mit Tannenreisig geschmückten Saal. Standesunterschiede scheint es kaum zu geben. Hoch und Nieder mischt sich zwanglos durcheinander. Hier war schon immer jene Volksgemeinschaft und Volksverbundenheit vorhanden, die das Dritte Reich zum Gemeingut der Nation zu machen sucht und auf vielen Gebieten mit Glück auch schon verwirklicht hat. Nicht umsonst ist ja die nationalsozialistische Bewegung gerade von München ausgegangen, wo solche Stimmungen und Gefühle schon von je ihren Boden hatten und in der Luft lagen. Was heute gedankenmäßig einen der wichtigsten und schönsten Programmpunkte des Dritten Reiches ausmacht, ist rein gefühlsmäßig oder richtiger noch rein triebmäßig schon seit einem Jahrhundert und vielleicht noch weiter zurück an jenen langen Tafeln vorbereitet worden, an denen der Offizier und der Registrator, der Staatsrat und der Offiziant fröhlich beieinandersaßen und den schäumenden Maßkrügen, den zu Bergen gehäuften Brezeln und den jungen Frühjahrsradieschen und Rettichen zusprachen.

Den festlichen Jahreszeitenreigen der trotz aller Schwerblütigkeit so sinnenfrohen Münchner Stadt schließt im Herbst harmonisch das sechzehntägige Oktoberfest ab. Nach altem Brauch soll der Mittelpunkt des Festes auf den ersten Sonntag im Oktober fallen. Daher auch sein Name. Neuerdings hat sich dessen Lage mehr in den September verschoben, wohl aus der Sorge vor Witterungsunbilden. Damals, vor einem Menschenalter, wurde noch an der alten Übung festgehalten, und es ging auch. Das Münchner Klima ist so sprunghaft und unberechenbar, daß alle Voraussagen in dieser Hinsicht fehlgehen. Es kann im September schneien und kann im Oktober 25 Grad Wärme geben. Aber freilich auch umgekehrt. Wer München kennt, hat beides schon erlebt.

Das Oktoberfest stammt aus der Zeit Max Josephs, des ersten bayrischen Königs, ist also jetzt mit einhundertfünfundzwanzig Jahren sozusagen aus dem ersten Schneider heraus. Es hat Notzeiten, Epidemien und Kriege, darunter die Napoleonischen und den Weltkrieg, glücklich überstanden und ist immer wieder zum Leben erwacht, selbst wenn es, wie während des letzten, jahrelang eingeschlafen war. Es war, dem damaligen rein ländlichen Charakter Altbayerns entsprechend, ursprünglich als Landwirtschaftsfest entstanden, als bäuerliche Jahresschau, womit natürlich – wie hätte es gerade in München anders sein sollen! – ein Volksfest verbunden war. Diese Beigabe ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr zur Hauptsache geworden, ohne daß sein Charakter als des großen Erntefestes des bayrischen Bauerntums darum verlorengegangen wäre.

München ist ja noch heute trotz seiner dreiviertel Million eine ausgesprochene Bauernstadt wie keine andere in Deutschland, selbst von viel kleinerer Einwohnerzahl. Durch die Straßenzeile vom Hauptbahnhof zum Tal, die eigentliche Schlagader des Münchner Verkehrs, ergießen sich tagaus tagein Scharen von bäuerlichen und kleinstädtischen Besuchern aus dem Oberland wie aus dem Unterland, aus Schwaben, Franken und der Oberpfalz. Man erkennt sie, wenn nicht schon an der Tracht, am teils besinnlichen, teils unbekümmerten Gang. Während des Oktoberfestes schwillt dieses ländliche Element in den Straßen, in den Wirtschaften und selbstverständlich auf der »Wies'n« für ein paar Tage zur Hochflut an. So war es zu der Zeit, von der ich hier berichte. So ist es noch heute. Wie könnte man sich Ähnliches in Köln oder Leipzig oder Hamburg oder Frankfurt denken!

Das Oktoberfest vor dreißig Jahren unterschied sich von dem heutigen nicht allzusehr, außer freilich in den Dimensionen, deren heutiges gigantisches Ausmaß man sich damals natürlich noch nicht träumen ließ. Aber es war doch auch schon die Zeit vorbei, da man noch, wie etwa zwanzig Jahre vorher, in luftigen, für Wind und Wetter durchlässigen Leinwandzelten seine Oktoberfest-Maß getrunken und dazu das Lied vom Alten Peter und von der Grünen Isar schunkelnd im Chor gesungen hatte. Man war schon zu festen Bauten für die Bierbuden übergegangen, mit deren Errichtung bereits im August begonnen wurde und deren pünktlichen Fortgang der richtige Münchner mit Kind und Kegel sonntags von der Theresienhöhe aus mit Argusaugen überwachte. Denn nun nahte sie ja wieder heran, die zweite Hoch-Zeit des Jahres, wo die schwerbeladenen Wagen der großen Brauereien – es war ja auch ihre Erntezeit! –, gezogen von vier mächtigen Gäulen im stolzen Festtagsgeschirr, durch die Straßen der Wiesenstadt schwanken und ihre Fracht von Fässern aller Größen abladen würden. Und bald genug würde der Augenblick da sein, wo aus dem ersten Faß – o holder Klang! – der Zapfen knallen und Böllerschüsse den Beginn des Oktoberfestes der aufhorchenden Isarstadt verkündigen würden! Sobald aber dies vorüber und kurze Wochen später das zweitägige Kirchweihfest in München wie im kleinsten oberbayrischen Dorf gefeiert worden war, wie lange war es dann schließlich noch bis zum vorfestlichen Advent und zur großfestlichen Weihnacht! Und dann war ja gleich nachher ohnehin wieder der Fasching da.

Von den Menschen, die mir während dieses Zeitraumes in München nahestanden, möchte ich hier besonders meines im Jahre 1915, in der blutigsten Zeit des Krieges, verstorbenen Freundes Georg Hirth gedenken. Man kann ihn wohl mit Recht eine genialische Natur nennen, deren Wirken in München, seiner zweiten Heimat, aber auch weit darüber hinaus, im gesamten deutschen Geistes- und Kunstleben bleibende Spuren hinterlassen hat. Schon als Begründer und langjähriger Herausgeber der humoristisch-satirischen Münchner Wochenschrift »Jugend« ist er aus dem geistigen und künstlerischen Haushalt des deutschen Lebens dieser Tage gar nicht wegzudenken. Denn diese Münchner »Jugend«, die im Jahre 1896, also etwa drei Jahre nach meiner eigenen »Jugend«, ins Leben trat, ist Ausgangspunkt und Sprungbrett für eine ganze Anzahl junger, lebensfrischer Talente in der Literatur, der Graphik und der Malerei geworden. Das Verdienst, sie entdeckt, gestützt, gefördert zu haben, fällt vor der Nachwelt ungeschmälert Georg Hirth zu, wenn er dabei natürlich auch von einem kleinen Stabe treuer und verantwortungsbewußter Helfer beraten war. Es ist hier nicht meine Aufgabe, alle die bekannten Namen aufzuzählen, die aus dem Mitarbeiterkreise der »Jugend« hervorgegangen sind. Es würde Seiten füllen. Diese wohlbewußte Vielseitigkeit, der Reichtum an künstlerischen und literarischen Physiognomien unterschied eben doch die »Jugend« sehr zu ihrem Vorteil von Albert Langens »Simplicissimus«, der sie durch die ebenso bewußte Pflege einer gewissen Einseitigkeit rein künstlerisch vielleicht übertraf.

Georg Hirth war wie so viele andere, die im geistigen und kulturellen Leben Münchens eine entscheidende Rolle gespielt haben, kein Bayer, sondern ein Landfremder, ein Eingewanderter, ein »Zugereister«, wie der Ausdruck bei den waschechten Münchnern lautet. (Es liegt keine besondere Vorliebe darin.) Er war aus Mitteldeutschland gekommen, aus Thüringen, stammte aus einem evangelischen Pfarrhause. Es muß eine begabte Familie gewesen sein. Denn auch sein älterer Bruder hatte sich einen weithin klingenden Namen als Orientalist, als Sinologe gemacht.

Georg Hirth hatte es frühzeitig in den Journalismus getrieben, für den er außer seiner angeborenen Rührigkeit, Helligkeit, Anpassungsfähigkeit – thüringisch-sächsischen Stammeseigenschaften – auch noch reiche Schätze erworbenen Wissens, allseitiger Bildung mitbrachte. Großdeutsche Einigungsideen hatten ihn von Jugend an erfüllt. Auch sie wurzelten wohl zutiefst in seiner thüringischen Heimat, deren politische Zersplitterung, gerade aus einem Gesetz der Reaktion heraus, mit am frühesten in Deutschland den Boden für die Ideen des rationalen Zusammenschlusses bereiten half. Man denke nur, um ein Beispiel zu nennen, an das Wartburgfest der deutschen Burschenschaft zur Zeit der Heiligen Allianz, jener Epoche gänzlicher deutschen Hoffnungslosigkeit und nationalen Ohnmacht.

Als mit Bismarck die kleindeutsche Lösung der deutschen Frage gesiegt hatte, war ihr in Georg Hirth auf dem heißen Münchner Boden der Siebzigerjahre ein leidenschaftlicher Verfechter entstanden. Mit der einflußreichsten Zeitung Münchens zuerst als Redakteur, dann durch Heirat und Verschwägerung verbunden, hatte er bereits seit langen Jahren eine ausschlaggebende Stellung in den politischen, mehr noch in den geistigen und kulturellen Bezirken des Münchner Lebens innegehabt. Sein schönes Haus gegenüber den Propyläen war der Sammelpunkt des künstlerischen und gesellschaftlichen Lebens – einer der wenigen dieser Art – in München gewesen. Georg Hirths Name bedeutete eine geistige Macht, die schwer ins Gewicht fiel, wo sie eingesetzt wurde.

Es verstand sich nach den Begriffen des Zeitalters von selbst, daß dieses geistige Gewicht nicht nur für die großen nationalen Ziele, sondern auch für die individualistischen Ideale der Zeit, für die ethische, künstlerische, kulturelle Freiheit der Einzelpersönlichkeit eingesetzt wurde. Man könnte Georg Hirth hierin, mit einem heute beliebten Ausdruck, als den echten Sprößling einer liberalistischen Epoche bezeichnen. Und auch er selbst würde dies, wie mir sein Bild vorschwebt, mit Stolz für sich in Anspruch nehmen. Was aber die in dem Beiwort liegende diminutio betrifft, jene gewisse Abminderung, die damit gemeint ist, so sollte man damit doch bei der Beurteilung geschichtlich gewordener Persönlichkeiten der Vergangenheit vorsichtig zu Werke gehen und nicht in Übertreibungen oder Einseitigkeiten verfallen, die vor dem strengen Auge eines nachfolgenden Geschlechts vielleicht nicht bestehen können. Jede Zeit trägt eben ihren Maßstab in sich selbst. Dies das unerschütterliche Gesetz der Geschichtsschreibung aller Zeiten. Urteile und Verdikte, die rein vom Standpunkt der eigenen, auch nur vergänglichen Gegenwart gefällt werden, sind nur zu sehr in Gefahr, vom nächsten Sturm der Weltgeschichte umgeworfen und ins Nichts verweht zu werden.

Zu der Zeit, als ich Hirth kennenlernte und ihm bald menschlich nähertrat, hatte er sich von der reinen Politik bereits zurückgezogen und stand auch in keiner unmittelbaren Verbindung mehr mit den »Neuesten Nachrichten«, dem großen Familienunternehmen, betonte das sogar geflissentlich in aller Öffentlichkeit, wiewohl dessenungeachtet sein dortiger Einfluß noch immer nicht unterschätzt werden durfte. War doch ein ganzes Geschlecht jüngerer Mitarbeiter der Zeitung durch die Schule des alten nationalen und liberalen Kämpfers gegangen, dessen Wesen man wohl am nächsten kommt, wenn man ihn – frei nach dem Vorbilde des verwandten achtzehnten Jahrhunderts – zu den bedeutendsten deutschen Aufklärern der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts rechnet.

Auch die Vielseitigkeit und Vielfältigkeit seiner literarischen, künstlerischen, wissenschaftlichen, publizistischen Betätigung gehört mit in dieses Bild und läßt ihn als einen Nachfahren jener enzyklopädistischen Ahnen aus dem achtzehnten Jahrhundert, eines Diderot und d'Alembert, erscheinen. So ist der Vorkämpfer Bismarcks, der eifrige Verfechter der deutschen Einheitsidee nicht nur der Begründer einer humoristisch-satirischen Zeitschrift geworden, die eben diese Bismarckische Schöpfung in ihrer wilhelminischen Folgeentwicklung unter eine scharfe, kritische Sonde nahm und gleichzeitig mit naiver Entdeckerfreude eine Fülle neuer zeichnerischer und malerischer Talente ans Licht brachte. Er ist daneben auch der Verfasser und Herausgeber eines in der Kunstwissenschaft vielbeachteten Buches »Der schöne Mensch« gewesen und hat mit der gleichen Leidenschaft, mit der er alles anfaßte, was in sein geistiges Blickfeld trat, auch die physiologische Frage nach dem Salzbedürfnis des menschlichen Organismus in Aufsätzen und Schriften behandelt und sogar ein darauf bezügliches praktisches Verfahren – er nannte es Elektrolyse – ins Leben gerufen.

Von Hirths Mit- und Gegenspieler in der damaligen Witzblattpublizistik Münchens und Deutschlands ist hier schon öfters die Rede gewesen. Auch Albert Langens Wiege hatte nicht an der Isar gestanden. Er war Rheinländer, Kölner, sogar im engeren Sinne das, was man einen echten »Köllsche Jung« zu nennen pflegt mit all seiner Wendigkeit, Fixigkeit, Durchtriebenheit, mit seinem angeborenen Mutterwitz und dem nicht totzukriegenden Mundwerk: der geborene Geschäftsmann und darüber hinaus Spekulant in der schwierigsten und unberechenbarsten Marktware, die es gibt, nämlich im Geist und dessen verschiedenen sichtbaren Erscheinungsformen, wie es Zeitschriften und Bücher sind. Manchem heutigen Betrachter mag sich ja jene damalige Gründung des »Simplicissimus« durch Albert Langen und seine Mitarbeiter als ein mühelos geglückter Lotteriegewinn darstellen, als eine Art von großem Los, das sich Langen mit kühnem Griff aus Fortunas Säckel herausgeholt habe. Wer den wirklichen Verlauf der Dinge kennt, der weiß, daß das nachmals berühmteste und gefürchtetste Witzblatt Deutschlands erst einen äußerst gefahrvollen und steinigen Weg zurückzulegen gehabt hat, einen Weg immer hart am Rande des Abgrunds, bis dann die Jahre des klingenden Erfolgs kamen. Wie mancher Konfiskationen, Geldbußen und schließlich auch Gefängnisstrafen hat es bedurft, um dem zähnefletschenden roten Mops auf der Titelseite des Blattes die Türen der deutschen Bürgerhäuser zu öffnen und ihn zum Wappentier der bittersten und giftigsten Opposition gegen das Deutschland des »Kaisers« zu machen!

Man würde Albert Langen gewiß Unrecht tun – Unrecht durch Überschätzung! –, wenn man ihn etwa zum bewußten Märtyrer seiner Überzeugung stempeln, sich ihn im Schmuck der Dornenkrone des stillen Dulders vorstellen wollte. Nichts lag dem genießerischen Rheinländer und echten Sohn seiner Zeit ferner. Aber er kannte die Menschen und im besonderen sein deutsches Publikum gut genug, um zu wissen, daß man ihm die Prise nicht stark genug geben kann, wenn man es zum Niesen bringen will, und daß erst gehörig etwas in das Geschäft hineingesteckt werden muß, wenn man desto mehr herauszuholen wünscht, sei es auch um den Preis persönlicher Opfer und Gefahren. Je höher das Risiko, um so größer der Gewinn. Als der gesiebte und gewiegte Geschäftsmann, der er war, bedachte sich Albert Langen nicht viel, welchen Weg er zu wählen hatte, wenn es hart auf hart gehen würde, und wählte den ins Exil. Aber dieses Exil hieß Zürich und Paris, wenn es auch für mehrere Jahre war. Währenddessen saßen Wedekind und andere ihre in Festungshaft verwandelte Gefängnisstrafe auf dem weniger mondänen als idyllischen Königsstein ab und konnten lehrreiche Vergleiche zwischen dem Los eines straffälligen Verlegers und dem seiner jedenfalls nicht straffälligeren, künstlerischen oder literarischen Mitarbeiter ziehen.

Albert Langen hatte eine Tochter von Björnson geheiratet, was nicht nur verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen mit dem ungekrönten König von Skandinavien zur Folge hatte, sondern ganz von selbst auch eine immer engere Verbindung des Langenschen Verlages mit der skandinavischen Literatur mit sich brachte. Bis dahin hatte S. Fischer, Ibsens (und Hauptmanns) Verleger, fast das Monopol auf den Norden gehabt. Jetzt trat der jüngere Albert Langen gleichberechtigt an seine Seite, so daß das nordische Element fortan durch zwei große und angesehene Verlagshäuser in Deutschland vertreten war, wie es ja auch seiner damaligen Vorherrschaft bei uns entsprach.

Langens persönliche und gesellschaftliche Stellung konnte natürlich durch die Verbindung mit dem Hause Björnson nur gewinnen. Man durfte ihn gewissermaßen den Münchner Botschafter seines diktatorischen Schwiegervaters nennen. Der äußerst temperamentvolle und streitbare alte Herr war oft in München und erteilte seinem Schwiegersohn, aber nicht nur ihm, sondern auch seinem ganzen Redaktionsstab, höchst kategorische Weisungen politischer, literarischer und allgemein weltanschaulicher Art. Björnson war damals bereits ein skandinavischer Mythos geworden. Er war gleichsam das verkörperte Erzbild der Demokratie in bäuerlich-nordischer Prägung. Mit ihm gab es kein Rechten, kein Feilschen, kein Abhandeln mehr. Dieses Standbild war wie es nun einmal war. Wie vieles in dem kaiserlichen Deutschland von damals mußte ihm nicht gegen den Strich gehen! Kein Zweifel, daß der nordische Donnerer so manchen Blitz geschleudert hat, der dann in den Spalten des »Simplicissimus« aufflammte und viel aufgehäuften Zündstoff in Brand setzte! Auch als einige Jahre später Langens Ehe geschieden wurde, lockerte sich wohl das persönliche Band mit dem Hause Björnson, ohne doch ganz zu zerreißen. Das geschäftliche und geistige Fluidum zwischen dem Langenschen Verlag und dem Norden aber blieb, verstärkte sich wohl noch. Man denke nur an Namen wie Knut Hamsun in der Literatur – seine eigentliche Zeit sollte freilich erst lange Jahre später anbrechen – und an Olaf Gulbransson, der Größten einen in der Karikatur des Zeitalters.

Ich habe mit Björnson, dem Alten von Aulestad, nur einige flüchtige Begegnungen gehabt. Eine davon ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war in der Osterzeit 1899 – die Jahreszahl dürfte stimmen – in Rom. Ein unabsehbarer Zug stand abfahrtbereit in der damals noch wenig ansehnlichen, verräucherten Bahnhofshalle. Ich wollte mit meiner Frau über Florenz nach Venedig reisen. Wir irrten, beladen mit dem üblichen nicht gerade wenigen Kleingepäck, schwitzend von Abteil zu Abteil. Umsonst! Alles war zum Bersten voll, jedes kleinste Plätzchen besetzt oder belegt. Da fiel mein Blick in ein Abteil erster Klasse, dessen offene Tür eine breite massive Gestalt vollständig ausfüllte, sozusagen verbarrikadierte. Das trotzig zurückgeworfene Löwenhaupt, die monumentale Haltung, die drohende Gewitterwolke auf der mächtigen Stirn: kein Zweifel. Er war es! Es war Björnson!

Ich begrüßte ihn respektvoll und suchte dabei, über seine Schulter hinweg, einen strategischen Einblick in das morgendlich dämmerige Abteil zu gewinnen. In der Tat! Der Alte hatte alle Ursache, hier wie der Drache seine Höhle zu hüten. Denn ich gewahrte im ganzen, ihn eingeschlossen, nur sechs Personen verschiedenen Geschlechts und Alters, aber offenbar alle zu seinem Clan gehörig. Daneben, dazwischen, darüber freilich häuften sich Taschen, Schachteln, Koffer jedes Formats, ein chaotisches Durcheinander, eine Welt erst im Werden oder bereits wieder in ihre Urstoffe zersprengt, man wußte es nicht.

Mein Blick, im Drang der Umstände sicher bedeutungsvoll genug, mochte den gewaltigen Mann nicht im Zweifel über das Geheimnis meiner Gedanken gelassen haben. Eine schwüle Pause entstand zwischen uns, kurz aber inhaltsreich. Dann hatte sein besseres, sein altruistisches Ich gesiegt. War nicht sein ganzes Dichten und Trachten, all sein Predigen – ach! vor schließlich doch tauben Ohren! – Menschenliebe gewesen? Er rückte, zupfte an seinem Halstuch und ... mit einer gebieterischen Geste der Einladung mehr an meine Frau als an mich! ... trat zur Seite. Wir könnten bei ihm Platz nehmen, so erklangen seine Worte, auf den zwei großen Koffern, die zwischen beiden Polsterbänken stünden. Die Sitze selbst wären alle besetzt, aber man werde sich schon einrichten, es sei in Italien nun einmal so. Dabei herrschte sein Blick – der eines gebietenden Bannerherrn – den sichtlichen Unmut des ihn umgebenden Clans in seine Schranken zurück.

Brauche ich noch zu erzählen, daß wir uns diese so überaus gütige »Einladung« nicht zweimal sagen ließen und dank ihrer eine wenn auch etwas rauhe, doch gesicherte fünfstündige Kofferfahrt bis Florenz genossen und daß es, nach anfänglich eisiger Kühle, schließlich noch ein ganz gemütlicher Aufenthalt in der Höhle des Löwen wurde, mit Chianti, Salami, Orangen und gelegentlichem Blitz und Donner des zornmütigen Alten über seine Heerschar hinweg? Schnell genug – schließlich noch! – war Florenz erreicht. Der Bannerherr verabschiedete sich mit einem gnädigen Händedruck von uns (bei weitem gnädiger als bei der Begrüßung!) und stieg aus, hinter ihm sein Clan, gefolgt von vier Facchini mit den aufgestauten Koffern, Taschen und Schachteln. Uns aber verblieben zwei wunderschöne Fensterplätze und die Erinnerung an einen zuerst unfreiwillig ergötzlichen Vormittag.

Mit Albert Langen sollte ich im Lauf dieser Jahre in geschäftliche, nicht so sehr in persönliche Verbindung treten. Er wurde 1905 mein Verleger und ist es nicht nur selbst bis zu seinem frühen Tode 1909 geblieben, sondern ich gehöre dem von ihm gegründeten, bekanntlich noch bestehenden Verlage mit dem größten Teil meines späteren Schaffens, darunter meinen »Gesammelten Werken«, auch noch heute an, während die Arbeiten meiner Frühzeit, vornehmlich »Jugend«, »Mutter Erde« und »Strom«, bei Georg Bondi, Berlin Heute Verlag Helmut Küpper., verblieben sind. Ich bewahre Albert Langen in seiner Eigenschaft als Verleger das beste Andenken. Er war bei aller seiner kaufmännischen Kühle und berechnenden Nüchternheit ein leicht zu entflammender Mensch, der schnell mitging und dann sogar in geldlicher Hinsicht der Großzügigkeit nicht entbehrte. Wir haben uns gut verstanden, und ich betrachte es in geschäftlicher, aber gewiß auch in ideeller Beziehung als einen der schwersten Schläge, die das deutsche Schrifttum und mich persönlich getroffen haben, daß Albert Langen so früh vom Schauplatz hat abtreten müssen.

Einem Mann aus seinem engeren und engsten Kreise war es vorbehalten, in dem München der beiden ersten Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts eine große, ja entscheidende Rolle zu spielen und durch sein Schaffen sowohl wie durch sein persönliches Leben und Wesen das dem altbayrischen wie jedem anderen deutschen Stamm innewohnende unbewußte Sehnen nach dichterischer Verkörperung seiner Eigenart zu verwirklichen. Schon Joseph Ruederer hatte diesen Weg mit der ganzen verbissenen und verkrampften Leidenschaft seines zerrissenen Willens gesucht, aber nicht zu finden vermocht. Das Herz seines Volkes, seines Stammes war ihm verschlossen geblieben, da das Zauberwort für die Herzen der anderen nur besitzt, wer selbst unmittelbar mit dem Herzen spricht und sich nicht erst des Filtrierapparats des Gehirns, des Intellekts dazu bedienen muß. Weder in der »Fahnenweihe«, noch in den »Tragikomödien« oder in der »Lola Montez«, selbst nicht im »Schmied von Kochel«, wie es der Stoff hätte vermuten lassen, ist jenes Zauberwort erklungen, vor dem sich mit einem Schlag die Herzen des Volkes öffnen; mit so heißem Bemühen und mit so starken literarischen Mitteln Joseph Ruederer auch darum gerungen hat.

Wie schlicht, wie mühelos, wie selbstverständlich – um nicht zu sagen primitiv – erscheinen dagegen die dichterischen Mittel, die literarischen Rezepte, deren der Verfasser der »Lausbubengeschichten«, der »Filser-Briefe«, des »Thomas Vöst«, der »Heiligen Nacht« sich bedient hat, und wie schnell, wie unmittelbar und fast bedingungslos sind dem Försterssohn Ludwig Thoma die Herzen des altbayrischen Volkes zugeflogen, an deren Sprödigkeit der Patriziererbe Joseph Ruederer gescheitert ist! Heute, kaum vierzehn Jahre nach seinem Tode, ist der Verfasser des derb hingehauenen Schwankes »Moral« bereits selbst zur Bühnenfigur in einem noch um vieles gröber zusammengezimmerten Volksstück geworden und wandelt Arm in Arm mit seinem populärsten Geschöpf, dem saftigpfiffigen Landtagsabgeordneten Filser, über die Bretter der deutschen Komödienhäuser: ein neuer Beweis, wenn es noch eines solchen bedürfte, daß das Gesamtbild einer dichterischen, einer literarischen Erscheinung im Auge der Nachwelt sich nicht nur aus ihrem poetischen und literarischen Nachlaß zusammensetzt, sondern seine volle Rundung erst durch mehr oder minder legendarisch gewordenes Wissen von seinem Leben und seinem Charakter gewinnt.

Thoma und ich haben uns persönlich nicht eigentlich nahegestanden, wenigstens nicht in dem hier behandelten Zeitraum, während allerdings die Kriegs- und Nachkriegsjahre eine gewisse Erwärmung in unseren Beziehungen herbeiführten. Im ganzen war es doch immer wie eine unsichtbare Scheidewand zwischen uns. Wenigstens empfand ich es so und bin überzeugt, daß es Thoma ähnlich gegangen ist. Nicht etwa, daß ich eine Abneigung gegen ihn gehabt hätte, so wenig wie ich sie bei ihm vermutet habe. Aber wir fanden nie so recht den Ton füreinander, sprachen beide wohl auch zu verschiedene Sprachen, nicht nur mundartlich – der Bayer und der Danziger –, sondern auch nach Temperament und Charakter; und was vielleicht das Entscheidende war, auch weltanschaulich. Denn in den Jahren seines Hauptwirkens, in den hier geschilderten zwei Jahrzehnten, stand Thoma, der Peter Schlemihl des »Simplicissimus«, mit in der vordersten Reihe der Verfechter einer ganz linksdemokratischen Betrachtungsweise unseres politischen, kulturellen und geistigen deutschen Lebens. Was aber mich betrifft, so befand ich mich, in eben dieser Zeit, gerade auf dem entgegengesetzten Wege, nicht nur aus tief eingewurzeltem Auflehnungsdrang gegen jede Art von geistigem Vergewaltigungsversuch, mochte er nun von da oder dort kommen – damals schien er mir aus der Thomaschen Weltrichtung herzukommen –, sondern vor allem auch aus dem nicht auszutilgenden instinktiven Gefühl, daß wir auf dem vom »Simplicissimus« eingeschlagenen Wege langsam, aber unentrinnbar unseren politischen, sozialen und am Ende auch künstlerisch-literarischen Auflösungsprozeß bewirkten und vollendeten.

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