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Jahrhundertwende

Max Halbe: Jahrhundertwende - Kapitel 14
Quellenangabe
typeautobiography
authorMax Halbe
titleJahrhundertwende
publisherDas Bergland-Buch
year1945
firstpub1935
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12.

Es ist hier der Ort, auf die Hauptpersönlichkeiten meines engeren und engsten Münchner Lebenskreises um diese Zeit der Jahrhundertwende und während des nun folgenden Abschnitts bis zum Weltkriege hin des Näheren einzugehen, soweit es nicht schon an früheren Stellen dieses Buches oder im ersten Teil meiner »Erinnerungen« geschehen ist. Der Sommer 1901 vereinigte gerade diesen engsten Kreis in Tutzing am Starnberger See mit mir und den Meinigen. Es waren in der Reihenfolge, wie ich von ihnen erzählen will, Frank Wedekind, Hans Richard Weinhöppel (Hannes Ruch), Graf Eduard Keyserling und Lovis Corinth.

Frank Wedekind gehörte bereits seit 1890 der Münchner Atmosphäre an, wenn auch nur in einem weiteren Sinne, indem er auf seiner damaligen Kometenlaufbahn öfters unversehens auftauchte, allerlei Unruhe und Verwirrung um sich verbreitete, wie es nun einmal Kometenart, und ebenso plötzlich wieder auf geraume Zeit verschwand. Bei einem dieser periodisch wiederkehrenden Aufenthalte lernte ich ihn kennen. Es war im Münchner Regensommer 1890. Wedekind zählte sechsundzwanzig, ich etwa fünfundzwanzig. Fast achtundzwanzig Jahre später, am 12. März 1918, stand ich im Münchner Waldfriedhof an seiner Bahre, ihm die Abschiedsgrüße seiner Freunde zuzurufen und in kurzen Umrissen das Fazit seines Lebens zu ziehen. Unsere Beziehungen – das seltsamste Gemisch von Freundschaft, Feindschaft und abermaliger Freundschaft – haben also nahezu ein Menschenalter überdauert und erst mit Wedekinds Tode geendigt. Man sollte meinen, daß man sich in dreißig Jahren einigermaßen kennenlernt, und wird mir daher die Befugnis zu einem abschließenden Urteil über den dahingegangenen Freund und Feind kaum absprechen wollen, zumal ja nun schon wieder ein halbes Menschenalter verstrichen ist, seitdem der Hügel sich über ihm schloß.

Noch zu Wedekinds Lebzeiten und erst recht natürlich nach seinem Tode ist ein ganzer Anekdotenschatz aus den Beziehungen zwischen uns beiden gehoben und von literarisch-journalistischen Goldgräbern courant ausgenützt worden. Das Schema, nach dem dabei verfahren wurde, pflegte mit rührender Übereinstimmung das folgende zu sein: Wedekind regelmäßig der schlagfertige, überlegene, großzügige Spötter – ich ebenso regelmäßig das dumme Luder, das zwar nicht ganz einer gewissen Gutmütigkeit entbehrt, aber immer wieder auf Wedekinds Schliche hereinfällt. Wedekind und ich befinden uns also, wie man sieht, auf dem besten Wege zur Legende, zum Mythos, die ja bekanntlich erst die wahre Unsterblichkeit verleihen sollen.

Die historische Wahrheit sieht ein wenig anders aus als jene allzu populäre Legende. Das Freundschaftsverhältnis zwischen Wedekind und mir ist zwar durch verschiedene längere Konflikte wiederholt unterbrochen gewesen, aber stets von neuem aufgenommen worden, um schließlich – ich sagte es schon – bis zu dessen Tode zu dauern. Als wir uns kennenlernten, standen wir beide noch mitten im Sturm und Drang der Jugend. Es gibt ja nicht nur eine Liebe auf den ersten Blick, den sogenannten coup de foudre, den Blitzstrahl, der die Seelen zur Rotglut entzündet. Es gibt ebenso auch eine Freundschaft auf den ersten Blick. Aber wie zum elektrischen Funken nicht nur der positive Pol gehört, sondern auch der negative, so wird mit jeder Liebe auch schon ihr Haß, mit jeder Freundschaft auch ihre Feindschaft geboren. Es sind Zwillingskinder, die zur gleichen Stunde das Licht der Welt erblicken. Auch Wedekind und ich haben uns im Zwange dieses Gesetzes geliebt und bekämpft, geschlagen und vertragen. Und als ein tückisches Geschick den Vierundfünfzigjährigen mitten aus der Leidenschaft seines Ringens und Schaffens herausriß, konnte der Überlebende dem Dahingegangenen mit Fug und Recht und mit allerbestem Gewissen die Grabrede halten.

Als ich im Sommer 1890 – wie gesagt, es regnete wochenlang in Strömen – einen kürzeren Besuch in München machte, war fast das erste, was mir meine dortigen Freunde berichteten, daß ein höchst origineller junger Literat dort aufgetaucht sei, den ich unbedingt kennenlernen müsse. Er stamme aus der Schweiz, ohne aber geborener Schweizer zu sein, komme augenblicklich aus Paris oder London, sei der Typus eines echten Bohémiens, der bis morgens um vier im Café Luitpold sitze und die merkwürdigsten Ansichten über Literatur, Kunst, Menschen und Welt zum Besten gebe: zweifellos ein Sonderling und ein Talent, nebenbei recht schwierig im Umgang. Sein Name noch unbekannt: Frank Wedekind. Schon sein Äußeres werde mich verblüffen. Diese auf der Perusastraße unter dem Regenschirm gemachten Eröffnungen waren noch kaum vor meinen Ohren verklungen, als der in dieser Weise Beschriebene auch schon urplötzlich vor uns stand, wie der Wolf in der Fabel. Mein Gewährsmann hatte recht. Das Äußere des Fremdlings war in der Tat verblüffend. Ja, seine Erscheinung hatte in dem damals noch sehr kleinbürgerlichem Münchner Straßenbild geradezu etwas Aufreizendes und Herausforderndes, nur daß man sich nicht recht klar wurde, ob sie mehr zum Lachen oder zum Widerspruch reizte.

Schon mein Berichterstatter hatte mir von den sechs oder sieben Bärten des Bohémiens erzählt. Ich fand die Mitteilung angesichts der Wirklichkeit nicht besonders übertrieben. Wenn es auch tatsächlich vielleicht nur drei oder vier oder fünf waren – zwei lang ausgewachsene, wieder in je zwei Spitzen endigende Bartkoteletten, ein Schnurrbart und ein beinahe bis auf die Brust hinunterreichender Bocks- oder Ziegenbart –, so wirkte das Ganze doch wie ein Heerhaufen von schwarzen Bärten, die beim Beschauer den Eindruck eines Magiers, Gauklers, Zauberers oder auch Zirkusmenschen hervorriefen. Dieser Eindruck wurde noch durch die geradezu penetrante äußere Eleganz des Fremdlings verstärkt, denn er trug zur gelbkarierten Pepitahose einen grauen Gehrock und einen glänzend neuen Zylinder und hatte die Hände in gelben Glacéhandschuhen stecken.

Mich wundert noch heute, daß unsere kleine Gruppe damals auf der Perusastraße nicht der Mittelpunkt einer Menschenansammlung wurde, aber erstens regnete es ja – ich sagte es schon –, regnete in Strömen, so daß die Leute unter ihrem Schirmdach nur gerade vor ihre Füße sahen, und zweitens muß man es schon dem damaligen Münchner, erst recht natürlich dem heutigen, nachsagen, daß auffällige Straßenerscheinungen ihn nicht so leicht in Erstaunen versetzten oder versetzen. Dies spricht für eine offenbar von jeher im Münchner vorhanden gewesene Anlage zum Großstädtertum, denn zu jener Zeit war ja München noch kaum als eine wirkliche Großstadt zu bezeichnen. Ich nehme an, daß die schon früh eingetretene Gewöhnung an extravagante Künstlererscheinungen im Münchner Straßenbild, zumal solcher von balkanischer und »schlawinerischer« Herkunft, nicht wenig dazu beigetragen haben wird, die Anschauungswelt des Münchner Bürgers in derartige Bahnen zu lenken.

Es scheint, daß die gegenseitige Anziehungskraft zwischen uns beiden – also das, was ich vorhin den coup de foudre genannt habe – sehr schnell wirksam geworden ist. Denn es wurde sofort eine Zusammenkunft verabredet, die noch am selben Abend (wie gesagt, es regnete) im Café Luitpold, Wedekinds damaligem Hauptquartier, stattfand. Sie dauerte bis zum nächsten Morgen, ganz wie es jener Münchner Freund vorausgesagt hatte, und endigte, nachdem wir über Mensch, Gott und Teufel uns die Köpfe heißgeredet und uns unserer unverbrüchlichen Freundschaft versichert hatten, in der Frühe mit einem mächtigen Krach. Die Polizeistunde war damals in München noch eine sehr zeitige. Um Mitternacht wurden die Lokale geschlossen. Das einzige Café Luitpold hielt noch etwas länger offen, höchstens jedoch bis eins. Da hatte es nun Wedekind durchgesetzt, daß für ihn und seine Spießgesellen eine verschwiegene Nische des bekanntlich sehr tiefen und geräumigen Lokals bereitgehalten wurde, wo er die Sitzung fortsetzen konnte. Die allgemeine Beleuchtung war abgestellt, und nur ein paar in leere Bierflaschen gesteckte Kerzen flackerten auf dem Tisch, die wild disputierende Corona matt beleuchtend.

Es ging hoch her. Wedekind trank eine Flasche Bier nach der anderen. Die Flaschen häuften sich auf dem Tisch. Nachher kam Wein an die Reihe. Er hatte noch den Pariser Burgundergeschmack auf der Zunge und probierte jetzt alle Münchner Sorten durch, ohne recht zum Ziel zu kommen. Aber auch schon die Bemühung war ehrenvoll. Was um ihn saß, hing gespannt an seinen Lippen: Er hatte schon damals die Gabe, Menschen in seinen Bann zu ziehen und sie nicht mehr loszulassen wie die Flamme die Motten. Unter den ihm Verfallenen war auch Donald, sein jüngerer Bruder. Er war, wenn ich nicht irre, auch an jenem ersten Abend mit dabei. Er wirkte mit seinem schauspielerischen Tonfall und dem schnarrenden, rollenden R wie eine schwächere Dublette des Älteren; war sich dessen wohl auch in tiefster Seele bewußt und haßte den älteren Bruder mit dem ganzen Groll der Ohnmacht, wie ja immer die Kopie sich auflehnt gegen das Original, ohne doch je von ihm loszukommen. Dieser ohnmächtige Bruderhaß ist später denn auch das eigentliche Leitmotiv von Donald Wedekinds Leben und sein tragisches Verhängnis geworden.

Was mein eigenes Verhältnis zu Wedekind anbetrifft, so trug es eigentlich schon in jener Geburtsnacht unserer Beziehungen alle jene charakteristischen Merkmale von Anziehung und Abstoßung, die dann ein Menschenalter lang und bis zum Ende sich wiederholen und miteinander im Streit liegen sollten. Es scheint, daß nicht nur dem Menschen selbst, sondern auch den Beziehungen von Menschen untereinander, der Liebe, der Freundschaft zweier Menschen, gewisse Grundzüge schon eingeboren, – daß sie bereits im Schöpfungsakt der Urzelle mitenthalten sind und unverwischbar durchs Leben fortbestehen.

Ohne Zweifel wurde uns schon damals, mitten im Schwarm lemurischer Halbnaturen, unsere gegenseitige Affinität ebenso bewußt wie unsere gegenseitige Polarität. Jene äußerte sich in einer stürmischen Freundschaftsexplosion, diese in dem erwähnten, nicht minder lebhaften Krach am Schluß. Wo lag das Gemeinsame? Wo war das Trennende? Wenn ich heute, nach mehr als vierzig Jahren, jenen Komplex von damals betrachte, so will mir scheinen, daß der Einklang mehr im Seelischen lag, der Widerspruch mehr vom Geistigen, von der Doktrin herkam. Was uns verband, war ein gleichfliegender jugendlicher Idealismus im allgemein Künstlerischen und Ethischen. Was uns schied, war eine literarische Schulauffassung, war die Stellung zum Naturalismus, so wie er und ich ihn dazumal noch sahen. (Wir haben uns nachmals gerade in dieser Richtung sehr einander genähert.) Darüber hinaus freilich klafften tiefe Gegensätze unser beider Charaktere, die uns immer wieder voneinander entfernen mußten und die zu überbrücken doch immer wieder gelang.

Frank Wedekind, der Mann der fünf bis sechs Bärte, ist auch später, als er sie längst nicht mehr trug, und bis an die Schwelle des Todes immer der Mann des »Epatez le bourgeois«, der Bürger- und Philisterschreck geblieben, als den ich ihn im flackernden Kerzenlicht jener Jugendnacht kennenlernte. Wir entdeckten gerade hier sehr bald manches Gemeinsame in unseren Ideen. Denn auch ich befand mich damals in einer sehr entschiedenen und mir durchaus bewußten Opposition gegen eine gewisse im Fett schwimmende Oberschicht des Bürgertums, von deren Emporkommen schon früher die Rede war, und ich habe in allen Wandlungen der kommenden Jahre gerade hierüber meine Ansichten kaum geändert. Daß wir mit unserer Ablehnung jener eben zum Zuge gelangenden durch und durch verfetteten, schmierigen Lebensmoral, der man zuviel Ehre antut, wenn man sie etwa als bürgerliche Weltanschauung bezeichnet, vollständig im Recht waren, hat ja die Folgezeit bis zum heutigen Tage bewiesen; Wedekind hat es freilich nicht mehr erlebt.

Im übrigen war die Art und Weise, wie er seine Theorie gegen das Bürgertum (und gegen hunderterlei anderes) verfocht, natürlich grundverschieden von der meinigen. Hier gab es, trotz vieler Berührungspunkte, Anlaß genug, sich zu erhitzen. Wedekind bediente sich für sein Leben gern des Paradoxons. Es war ihm Bedürfnis, zu verblüffen. Ich empfand Wedekinds Weise sehr bald als Manier. Er liebte es, die Dinge auf den Kopf zu stellen und ihnen gewissermaßen von der Kehrseite her ein neues Gesicht zu geben. Seine Umgebung, seine Anhänger, seine Jünger entzückte, berückte, begeisterte das. Es war eines seiner stärksten Lockmittel den Menschen gegenüber. Aber mir wollte scheinen, daß das alte, das von Gott geschaffene Gesicht der Dinge in jedem Fall noch manches voraus hatte vor dem neuen, das Wedekind ihnen gab. Es war gewiß für eine Weile recht unterhaltsam und ergötzlich, die Dinge wie im Hohlspiegel oder im Lachkabinett auf dem Kopf spazieren zu sehen. Auf die Dauer ermüdete es und stieß mich ab. Der Gegensatz der Herkunft, der Abstammung meldete sich. Der Bauernsprößling, der Erdverbundene, der der Scholle Entstiegene wehrte sich gegen die sezierende, analytische, zersetzende Methode, mit der ihm der Sohn des Arztes, des Naturwissenschaftlers, des Flüchtlings und Demokraten von 48 entgegentrat. Blutleere Schemen waren es, die er da vor meinen Augen erstehen ließ! In die er alle Dinge der Welt, auch die größten, schönsten, erhabensten mit seinem mephistophelischen Zauberstab verwandelte! So kam es zu jenem ersten Krach in jener ersten Nacht. Wie manche sollten ihm noch folgen!

Denn als ich ihm am nächsten Nachmittag – es regnete gerade mal nicht – zufällig wieder auf der Straße begegnete, geschah etwas ganz Unerwartetes und Merkwürdiges. Ich hatte ihn schon von weitem daherkommen sehen und war gespannt, wie er sich mir gegenüber verhalten werde. Je nachdem wollte ich auch mein eigenes Verhalten einrichten. Wedekind kam langsam näher, den Zylinder im Nacken, den Kopf tief auf der Brust, scheinbar ganz in seine Gedankenwelt versunken, ein Sinnender, ein Spekulierender, der nichts von dieser Erde wußte. Aber das waren Flausen, mit denen er mich nicht täuschen konnte. Ich hatte ganz genau gemerkt, daß er mich ebenso gut erkannte wie ich ihn. Schon war er nahe, schon schien es, daß er fremd vorübergehen wolle, als er plötzlich aufsah, dicht vor mir stehenblieb und mit einer höchst charakteristischen Grimasse in die vorgehaltene Hand hinein prustete, daß es nur so knarzte. Dann zog er gravitätisch seinen Zylinder, hielt mir die andere Hand entgegen und sagte mit seinem rollendsten R und mit seinen dunkelsten Gutturaltönen: »Ah! Sie sind es, Herr Doktor! Wie geht es Ihnen? Ist es Ihnen gut bekommen? Es war eine höchst interessante Sitzung! Ich hoffe, wir werden sie heute nacht fortsetzen, Sie kommen doch wieder ins Luitpold?« Sprach's, zog abermals seinen Zylinder und verschwand, wieder ganz seiner Gedankenwelt hingegeben. Brauche ich noch zu sagen, daß ich abends wieder pünktlich im Luitpold war, wo ich ihn bereits mit Donald und den anderen vorfand, und daß sich ungefähr alles so wiederholte wie tags zuvor, auch der Krach? Aber der gehörte nun schon dazu wie das Amen in der Kirche, und es wurde ein stillschweigender Komment, daß jeder von uns beim nächstenmal darüber hinwegging, als sei nichts gewesen. So trieben wir es vierzehn Tage, bis ich abfahren mußte. In München regnete es noch immer.

Seit jener ersten Begegnung war ein Jahrzehnt reichsten äußeren und inneren Erlebens, wenn auch sehr verschiedenartigen Schicksals, für uns beide verflossen. Ich hatte mich, wie man wohl sagen konnte, im großen und ganzen durchgesetzt, so schwere Rückschläge auch gekommen waren. Wedekind stand noch mitten in einem erbitterten Kampf um Anerkennung und Existenz. Seine Frühwerke »Frühlings Erwachen«, »Erdgeist« und »Büchse der Pandora« entfesselten, wo immer in literarischen Zirkeln die Rede auf sie kam, den heftigsten Meinungskampf. Noch am meisten Zustimmung fand von vornherein »Frühlings Erwachen«. Ich hatte die »Kindertragödie« im Sommer 1892 gelesen, als wir für eine Reihe von Monaten von Berlin nach Ammerland gegangen waren. Ein junger Musiker, Komponist und Lautenspieler, Hans Richard Weinhöppel, hatte sie mir eines schönen Tages aus Paris mitgebracht. Er kam im Auftrage von Wedekind, den ich ja damals schon kannte, aber seit 1890 noch nicht wiedergesehen hatte. Ich las das Stück mit dem höchsten Interesse und war entzückt von seiner genialen Frische und Ursprünglichkeit. Wie es freilich unter den obwaltenden Zeitverhältnissen hätte auf die Bühne gelangen sollen, war ganz unvorstellbar. Es lag für mich nahe genug, an mein eigenes Frühlingsdrama des ersten Erwachens der Sinne zwischen zwei jungen Menschen, an meine vor ein paar Monaten beendigte »Jugend« zu denken, deren Manuskript ich gerade um diese Zeit von überallher als unaufführbar zurückbekam; und indem ich meine Arbeit mit der von mir aufrichtig bewunderten Wedekinds verglich, sagte ich mir, daß es glücklicherweise in unseres Herrgotts Hause viele Wohnungen gebe, wo jeder auf seine eigene Weise selig werden könne.

Auch Wedekind selbst konnte damals in seinen verwegensten Träumen schwerlich hoffen, daß »Frühlings Erwachen« jemals werde aufgeführt werden können. Ganz anders lag der Fall mit dem einige Jahre später geschriebenen »Erdgeist«. Wedekind hatte ihn ohne Zweifel von allem Anfang an für die Bühne erdacht und geschrieben. Um so größer war seine Enttäuschung und Erbitterung, als das Werk dann auf fast unbedingte Ablehnung bei Bühnenpotentaten und literarischen Kapazitäten stieß. Was mich selbst betrifft, so darf ich für mich in Anspruch nehmen, daß ich schon bei der ersten Vorlesung einen sehr starken Eindruck davon hatte und in all seiner grellen Bilderbogenhaftigkeit, in seinem aufreizenden Moritatenstil eine außergewöhnliche dramatische Schlagkraft erkannte. Ich hielt es daher für meine Pflicht, für das Werk und für Wedekind selbst einzutreten, wo immer ich hinkam, und bin dabei selbstverständlich noch bis in spätere Zeiten schärfstem Widerspruch begegnet. So unter anderem auch bei Otto Brahm, der Wedekind, seine Art und sein Werk, auf den Tod nicht leiden konnte, schon weil er ihm nicht verzieh, daß er sich in seiner »Jungen Welt« über Hauptmann lustig gemacht hatte.

Wedekind wußte natürlich ganz genau, wie ich zu seinem Schaffen, besonders auch zum »Erdgeist« stand, den ich noch heute neben »Frühlings Erwachen« für seine beste, von ihm selbst nie wieder erreichte Arbeit halte, und hat das auch offen anerkannt, ja es in Zeiten späterer Entfremdung sogar nachdrücklich betont, wie wenn er damit ausdrücken wollte, daß das Trennende zwischen uns nur von vorübergehender Art, die innere Verbundenheit aber das Bleibende sei. Dieser an sich sehr schönen und löblichen Theorie stellten sich in der Praxis nur leider erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Denn es ist im Kriege nun einmal so, daß der andere Teil zurückschießt, wenn der eine Teil hinüberzuschießen anfängt. Auch zwischen Wedekind und mir konnte es nicht anders sein. Um es mit einem nackten und dürren Satz zu sagen: Er ertrug es auf die Dauer nicht, daß ich Erfolge hatte, während er selbst noch vergebens darum rang. Ich hoffe, man mißversteht mich nicht. Ich habe in meinem Leben neben viel Erfolg auch Mißerfolg genug gehabt, um über beides recht skeptisch zu denken. Wer dieses Buch liest, wird überall Beweise dafür finden. Aber gerade im Falle Wedekind, über den soviel Falsches in die Welt gesetzt worden ist, muß das Kind einmal beim rechten Namen genannt werden. Wedekind ärgerte sich über mich und mein Glück, als ob mir etwa die gebratenen Tauben nur so in den Mund geflogen wären. Und selbstverständlich erfuhr ich das und ärgerte mich nun wieder über ihn. So kam es wie es mußte. Aber dies führt schon zu einem etwas späteren Zeitpunkt, zu dem ich bald gelangen werde.

Hans Richard Weinhöppel war 1867 geboren, also drei Jahre jünger als Wedekind. Man kann ihn wohl als dessen getreuesten Jünger und Schildknappen bezeichnen, wenn auch sein eigenes Schaffen auf musikalischem Gebiet lag und sich mit dem der Literatur nur auf dem Felde der Textdichtung begegnete. Weinhöppel war geborener Münchner, aus dem bodenständigen Bürgertum hervorgegangen, und hat in all seiner Urwüchsigkeit das Wesen seiner Heimatstadt niemals verleugnet. Es war die tiefste Wunde seines Lebens, daß Beruf und Schicksal ihn zwanzig Jahre lang fern von München in Köln festhielten, einen so glücklichen Lebenskreis er sich dort auch geschaffen hatte, und erst den Sterbenden die Heimat wieder in ihre Arme nahm. Auch der Liedermund, den er als Geschenk der Himmlischen in diese Welt mitbrachte, hatte sein Eigenstes wohl aus dem bajuwarischen Stamm: die quellende Frische, das Zugreifende und Volkstümliche, das Sangliche und Klangliche, die unbekümmerte Art des Musizierens, wie ihm nun einmal der Schnabel gewachsen war. Kein Zufall, daß Weinhöppel, der sich seit der 1901 beginnenden Scharfrichterzeit Hannes Ruch nannte, von der Zupfgeige, von der Laute oder Gitarre herkam und sich erst ganz in seinem Element fühlte, wenn er mit dem bunt bebänderten Instrument vor seinen elektrisierten Zuhörern stand und dazu mit immer etwas rauher, aber wohlklingender Landsknechtsstimme Bierbaumsche, Wedekindsche oder Liliencronsche Lieder sang.

Weinhöppel hatte auf der Münchner Akademie Musik studiert und sich auf den Kapellmeisterberuf vorbereitet, war dann nach Paris gegangen und hier mit Wedekind bekannt geworden. Dies sollte ihm zum Schicksal werden. Für eine Zeitlang unterlag er ganz der überragenden Persönlichkeit des Älteren. Eben damals war es, als er mir von Paris Wedekinds »Frühlings Erwachen« brachte und sich in der überschwenglichen Erzählung aller Bizarrereien des Dichters und der mit ihm gehabten phantastischen Abenteuer nicht genugtun konnte. Vielleicht war es ein Glück für ihn und seine Eigenwüchsigkeit, daß ein Kapellmeister-Engagement, das ihm in Paris der Zufall in die Hand gab, ihn für eine Reihe von Jahren nach New Orleans verschlug. Als er Ende 1896 wieder in München auftauchte, hatte er in dem hitzigen halbtropischen Klima von Louisiana, unter französischen Kreolen und Kreolinnen, Mulatten, Mestizen, Quarteronen und Terzeronen, in diesem von Sinnlichkeit und Verruchtheit dampfenden Hexenkessel, soviel persönlichen und künstlerischen Lebensstoff aufgenommen, daß er fortan als ein Eigener dastand, in der Kunst wie im Leben. Die Rhythmik der Negermusik, der Niggersongs, deren Zeit erst zwanzig Jahre später in Deutschland anbrechen sollte, hat in Hannes Ruch ihren frühesten Vorläufer, sozusagen ihren musikalischen Ahnherrn gefunden: nicht in dem Sinne, daß Hannes Ruch nun etwa Negermusik geschrieben hätte, sondern daß er seine eigene naturhafte Melodik durch die urtümliche Rhythmik dieser nach Amerika verpflanzten afrikanischen Kindheitsmenschen bereicherte. Kam ihm nicht seine eigene Natur dabei aufs nächste entgegen? Wer den breitschulterigen, stämmigen Mann mit dem mächtigen, rotlockigen, spitzbärtigen Schädel und dem schwankenden Seemannsgang noch gekannt hat, weiß, daß in ihm selbst, in diesem der Münchner Bürgersphäre entsprossenen Musikanten, gleichfalls solch ein Kindheitsmensch, solch ein märchenerzählender, rodomontierender Gascogner, solch ein Rabelaisischer Mensch steckte. Ich habe oft an Gargantua und Pantagruel denken müssen, wenn ich Hans Richard Weinhöppel von seinen Abenteuern im Leben und in der Liebe erzählen hörte.

Mußte nicht, als nun die Zeit des Wolzogenschen Überbrettls in Berlin und der Münchner Elf Scharfrichter anbrach, eine Natur wie die seinige notwendig in den Strudel des neuen Geschehens hineingerissen und mit ihrem unbekümmerten Musikantentum sofort die Seele des Ganzen, sein musikalischer Mittelpunkt werden? Es ist nicht zuviel behauptet, wenn man sagt, daß Hannes Ruch für die Elf Scharfrichter geradezu der Mann des Schicksals gewesen ist und ohne sein leidenschaftliches Künstlerblut, ohne den Reichtum seiner melodischen Erfindung, ohne die Drolligkeit und Bizarrerie seiner Instrumentation die Elf Scharfrichter bei allem literarischen Witz ihrer anderen Begründer nur ein totgeborenes Kind geblieben wären. Ich hatte schon bei unserer ersten Begegnung, damals in Ammerland, viel Gefallen an dem jungen stürmischen Musikanten gefunden, der mit seinen tolpatschigen Bewegungen und seiner zurückgeworfenen Mähne lebhaft an einen jungen Neufundländer oder Bernhardiner erinnerte. Die mehrjährige Pause hatte nichts von der Frische und Wärme jenes ersten Eindrucks verblassen oder erkalten lassen. Gelegentliche Lebenszeichen hatten auch äußerlich die Fühlung erhalten. Als er zurückkam, brachte er sich von drüben eine Frau mit, die in unserem Münchner Kreise sehr bald als der Typus der Amerikanerin, auch mit ihren weniger erwünschten Eigenschaften, galt. Sie konnte mit all ihren Toiletten und Brillanten keinen festen Fuß bei uns fassen; die Ehe wurde denn auch später geschieden. Hannes Ruchs Herzensabenteuer sollten noch lange kein Ende finden. Es war ein unerschöpflicher Stoff für seine Erzählungen. Erst in Köln, gegen Ende dieses Jahrzehnts, winkte auch ihm der Hafen, in dem sein Lebensschiff nach soviel stürmischen Fahrten endlich zur Ruhe kam.

Ich erinnere mich, als wäre es heute, an ein Gespräch, das ich im Jahre 1898 mit Otto Brahm in Berlin hatte. Brahm war damals bereits seit einigen Jahren Direktor des Deutschen Theaters und als solcher auf der Suche nach neuen dramatischen Talenten, wenn er sich auch nicht gerade damit überstürzte. Da fragte er mich eines Tages, ob ich etwas von einem Grafen Eduard Keyserling wüßte. Ich gestand, daß ich noch nie von ihm gehört hätte. Brahm selbst war besser unterrichtet. Vielleicht hatte er mir mit seiner Frage auch nur auf den Zahn fühlen wollen. Ich erfuhr also, daß der genannte Eduard Keyserling ein Dichter sei, der augenblicklich in Rom lebe und ein Schauspiel von nicht alltäglichem Reiz geschrieben habe. Er stamme im übrigen aus dem bekannten kurländischen Grafengeschlecht. Bei einem seiner Vorfahren sei Immanuel Kant Hauslehrer gewesen. Ein anderer wiederum sei der bevorzugte Freund Friedrichs des Großen gewesen. Es müsse immerhin eine recht kultivierte Familie sein. (Dies war im Munde des Skeptikers Brahm schon ein hohes Maß von Anerkennung.) Der Autor selbst sei nicht mehr der Allerjüngste und scheine aus Gesundheitsgründen in Rom zu leben. Man merke das auch an seiner Art zu schreiben. Es sei etwas Kränkliches und Fragiles in seiner Kunst. Übrigens zeige sein Stück eine gewisse Verwandtschaft mit meiner »Jugend«. Er werde vielleicht einen Versuch damit machen, obgleich er sich geschäftlich nicht viel davon verspreche. Aber man müsse doch gelegentlich auch etwas für die Literatur tun. Ich sehe noch in seinen Augen, um seine Mundwinkel, als er dies sagte, jenen nicht wiederzugebenden Zug von Selbstironie und Sarkasmus, der so bezeichnend für ihn war.

Das Stück, das Brahm gemeint hatte, hieß »Ein Frühlingsopfer«. Brahms Diagnose über seine Vorzüge wie über seine Schwächen war ohne Zweifel zutreffend. Schon bei der Berliner Erstaufführung wurden seine dichterischen Schönheiten, der echte Herzenston seiner Lyrik von einer engeren Gemeinde sehr gewürdigt, aber eine gewisse Theaterfremdheit der dramatischen Technik ließ es zu keinem weithinhallenden Erfolg kommen. Dies ist auch nachher die Regel geblieben, wo immer es auf der Bühne erschien. Auch einigen noch folgenden Bühnenstücken Keyserlings ist es nicht anders ergangen. Er war nicht zum Dramatiker berufen und ist sich dessen auch mit der ihm eigenen Schärfe der Selbstkritik bald bewußt geworden; denn er gab diese Versuche nachher entschlossen auf, um sich ganz seinem eigensten dichterischen Wesen zuzuwenden, der Novelle, der Erzählung, dem kleinen Roman. Hier hat er sich meines Erachtens ebenbürtig neben Storm und Fontane gestellt, die er für unser modernes Gefühl durch die impressionistische Leuchtkraft seiner Farben noch übertrifft, ohne allerdings Storms schwermütige Süße oder Fontanes weitausgreifende Epik zu erreichen.

Es vergingen noch zwei Jahre, ehe ich Keyserling persönlich kennenlernen sollte. Inzwischen hatte ich gehört, daß er von Rom nach München übergesiedelt sei und dauernd hierbleiben wolle. Sein Hauptquartier war das Café Stefanie, das damals in der Münchner Kunst und Literatur eine ähnliche Rolle spielte wie in Berlin das Café des Westens. Gemeinsame Bekannte erzählten von einem gewissen Grandseigneurtum des kurländischen Grafen, von seiner »phantastischen Häßlichkeit«, auch von einem tückischen Leiden, das langsam Fortschritte mache und über das er sich keinen Illusionen hingebe. Mein Interesse, meine Anteilnahme waren gereizt, aber die Gelegenheit zu einer Begegnung blieb aus.

Ernst von Wolzogen war es, der uns an einem Augustabend des Jahres 1900 miteinander bekannt machte. Wir saßen im Keller der »Vier Jahreszeiten« an zwei Nachbartischen, so daß die gegenseitige Vorstellung sich beinahe von selbst ergab. Ich hätte mich ihr sonst vielleicht noch entzogen, denn ich bekenne offen, daß Keyserlings äußere Erscheinung im ersten Augenblick geradezu etwas Erschreckendes für mich hatte. Das Wort von der »phantastischen Häßlichkeit«, das über ihn umging, schien mir nicht übertrieben zu sein. Das Meisterbild von Corinth, das bald nachher entstand und jetzt in der Münchner Staatsgalerie hängt, vermittelt uns ja heute mit seiner bleichen, durchsichtigen Tongebung und seiner unbarmherzigen Sachlichkeit den wahrheitsgetreuen Eindruck von Keyserlings dekadenter und hoffmannesker Erscheinung.

Aus jenem Abend eines ersten Widerstrebens sollte eine allen äußeren Anfechtungen trotzende, unzerreißbare Lebensfreundschaft werden. Ich empfand bald, daß die geistige Spannweite dieses Mannes weit über alles sonst gewohnte Maß hinausging. Nicht bloß seine philosophische Bildung war eine erstaunliche. Er war überall zu Hause, fand sich auf allen Gebieten des Wissens zurecht. Seine Unterhaltung legte Zeugnis dafür ab, sie funkelte von Geist und Witz, wenigstens noch in den Jahren seiner seelischen Vollkraft, in denen ich ihn kennenlernte. Aber auch noch den Alternden, den wie Faust Erblindeten erfüllte eine Art von Heißhunger selbst nach den entlegensten Früchten im Garten der menschlichen Erkenntnis. Solche Naturen sind, wenn sie vor den Problemen des dichterischen Schaffens stehen, nur zu leicht in Gefahr, sich im Abstrakten zu verlieren. Ihn rettete davor die Ursprünglichkeit seiner Instinkte, die mitbedingt war durch seine ländliche Abstammung und Erziehung. Dieser baltische Grafensohn hatte doch von frühester Jugend an nicht nur mit Plato und Aristoteles, sondern auch mit Pferden, Kühen und Schweinen, mit Wald und Acker, mit Knechten und Mägden Verkehr gepflogen. Eines durchtränkte so das andere. Die Gefahr des Allzuländlichen, des Rustikalen, ward gebannt durch die Kultur eines alten Herrengeschlechtes.

Man kann Keyserling unter den erzählenden Dichtern der vorigen Generation vielleicht einen der größten Gelegenheitsdichter nennen, das Wort im höchsten, im Goethischen Sinne genommen. Denn Dichten ist ihm nicht so sehr ein leidenschaftliches Ringen mit sich selbst und mit den inneren Gewalten gewesen, als vielleicht ein allerfeinstes, zartestes Rauschmittel, um sich von sich selbst und jenen inneren Gewalten abzulenken; oft und öfter wohl auch, in späteren Jahren, um körperlicher Leiden, schwerer Bedrückungen Herr zu werden. So entstanden jene in der Feinheit der Stimmung, in der Köstlichkeit der Bilder, in der Erlesenheit des Vortrags ganz einzigen dichterischen Gebilde: jene Erzählungen, in denen die inbrünstige Erdenliebe des Alternden und Leidenden, des immer tiefer in die Schatten der Nacht Versinkenden stets neue, berückende, ergreifende Ausdrucksformen und Symbole sucht und findet.

Beate und Mareile. Schwüle Tage. Dumala. Bunte Herzen. Wellen. Abendliche Häuser. Fürstinnen. Ebensoviele Stationen auf dem Wege zur Vollendung; manchmal fast zu einer Art von Übervollendung, die die Gestalten nur noch als blumenhafte Arabesken, als silbrige Nebelphantome erscheinen läßt. Aber dies sind Züge, die vielleicht dem Erblindeten gehören, und sie beginnen denn auch erst gegen Ende des Weges sich zu zeigen. Die leidenschaftliche Liebe für diese wunderliche und wundervolle Erde, für dieses wahngepeitschte, blutig irrende, qualvoll büßende, nur einmal zu lebende Leben steigt wie ein feuriger Springbrunnen aus allen diesen Meisterwerken seiner Spätzeit. Sie hat auch den Menschen Keyserling bis zu den letzten Minuten seines bewußten Lebens nicht verlassen wollen. Dichter und Mensch sind einander auch hierin bis ans Ende treu geblieben.

Keyserling war am 15. Mai 1855 geboren, also um ein volles Jahrzehnt älter als ich. Dies macht in jungen Jahren einen bedeutenden Unterschied aus, der sich nicht leicht überbrücken läßt. In meinem damaligen Alter – ich zählte fünfunddreißig, Keyserling fünfundvierzig – fiel es nicht mehr so schwer ins Gewicht; die erste Jugend war ja auch für mich schon vorüber. Trotzdem erscheint es mir auch heute noch, so viele Jahre später, als eine Art von Wunder, wie schnell wir beide, Keyserling und ich, nach dem ersten Widerstreben, nach der ersten Fremdheit uns fanden. Denn die mittlere Altersklasse, der wir beide angehörten, ist ja dem Aufkommen von neuen Freundschaften vielleicht am ungünstigsten; manchmal ungünstiger noch als eine spätere oder ganz späte Alterslage, in der wir uns nach einem natürlichen Gesetz des Ausgleichs oft zu viel jüngeren Menschen hingezogen fühlen können, und diese schließlich sogar zu uns.

Keyserling wohnte in der Ainmillerstraße, ich in der Wilhelmstraße. Es war also nur ein paar Schritte um die Ecke zwischen uns beiden. Dies hat besonders später in unserem Verkehr eine gewisse Rolle gespielt, als das Rückenmarksleiden des Freundes Fortschritte machte und seine Bewegungsfreiheit immer mehr einzuengen begann. Denn es ermöglichte, daß Keyserling bis zu den letzten Jahren seiner »Sofagruft«, wie man es frei nach Heine nennen könnte, immer noch, gestützt auf seinen Diener, die Treppen zu mir hinaufsteigen und so manchen langen Abend, nicht selten bis tief in die Nacht hinein, mit mir verplaudern konnte, wenn man diese Unterhaltungen, oft über die letzten Dinge, so bezeichnen will. Ein geräumiger Lehnstuhl, wir hatten ihn den Grafenstuhl getauft, wurde für ihn in das Zimmer gerollt. Er streckte sich seiner ganzen beträchtlichen Länge nach darin aus, den unzertrennlichen Krückstock an der Seite, und das Symposion fing an, erst zu dreien mit meiner Frau, der er bis an sein Ende die ritterlichste Verehrung und Freundschaft entgegenbrachte, dann, wenn sie gegangen war, zu zweien, bei ein paar Flaschen guten alten Weins, und es endete in Frühlingsnächten manchmal erst, wann schon die »Amselväter« (ein stehendes Wort von ihm) in den grauenden Morgen zu schmettern begannen.

Keyserling war Junggeselle geblieben, vielleicht nach einem ungeschriebenen Gesetz des alten Hauses, dem er entstammte, wonach dessen jüngere Söhne und Töchter nicht zu heiraten pflegten, weil die beiden Majorate den älteren Söhnen vorbehalten blieben und das übrige nicht allzu große Vermögen des Hauses möglichst zusammengehalten und nicht durch Erbteilungen zersplittert werden sollte. Zwei damals schon alte Schwestern lebten mit ihm zusammen; es war ein kinderreiches Geschlecht. In Paddern, dem Stammsitz der Keyserlings, hatte es Nachkommenschaft jedweden Alters gegeben, wie Keyserling selbst erzählte. Er berichtete gern aus diesen Kindertagen und von seinem Elternhause, von dem patriarchalischen Verhältnis zwischen der baltischen Herrenschicht und der lettischen Diener- und Bauernschicht, die damals noch kaum über eine halb und halbe Leibeigenschaft hinausgewesen war. Vieles von dem, was sich nun im Baltikum vorbereitete, glücklicherweise aber erst nach Keyserlings Tode grausame Wirklichkeit werden sollte, ist mir durch seine Erzählungen verständlich, wenn auch nicht entschuldbar geworden.

So gern Keyserling von seiner Kindheit erzählte, so wenig mitteilsam war er, was seine Entwicklungs- und seine junge Manneszeit anging. Manchmal ließ es sich geradezu an, als liege da ein Geheimnis seines Lebens verborgen, das er nicht gern enthüllt sehen wollte. Gewisse Andeutungen meiner Frau gegenüber, die sein ganzes Vertrauen genoß, mochten so ausgelegt werden. Zu mir hat er sich nie darüber geäußert. Ich hörte nur, daß er eine Reihe von Jahren, als Student und auch noch später, in Wien gelebt und im Kreise Anzengrubers verkehrt hatte. Aus dieser Zeit stammten auch zwei frühe Romane von ihm, »Rosa Herz« und »Die dritte Stiege«, über die er ebenfalls nicht gern sprach, fast so, als ob er sie am liebsten verleugnet hätte.

Ich fand Keyserling in den Anfangsjahren unserer Freundschaft noch sehr unternehmungslustig, wenn man sein schon unverkennbares Leiden in Betracht zog. Vielleicht täusche ich mich nicht, wenn ich den neuerwachten Betätigungsdrang Keyserlings, nicht nur in seinem persönlichen Leben und Umgang, auffallender noch in seinem dichterischen Schaffen dieser Jahre, wenigstens zum Teil auf das neue Erlebnis unserer Freundschaft zurückführe. Es verhält sich ja zwischen Menschenseelen nicht anders als in der Welt der physikalischen Elemente und der radialen Strahlungen oder zwischen den großen kosmischen Gewalten und Weltkörpern selbst. Die gleichen Gesetze herrschen hier wie dort. Wenn zwei Kraftquellen, die bisher getrennt waren, aufeinanderstoßen, in welcher Weise auch immer, und sich vereinigen, so werden bisher gebundene Energien frei, entfalten eine vordem nicht gekannte Explosionskraft. Chaotisches Dunkel beginnt zu leuchten, zu phosphoreszieren. Ein neuer Zeugungsakt der Schöpfung hat sich vollzogen. Als Goethe und Schiller sich in Jena zum erstenmal Auge in Auge gegenübersaßen, war eine neue Dynamik in die Welt der deutschen Dichtung eingetreten. Ich wage den Vergleich, da es immer erlaubt sein muß, Großes auch mit viel Kleinerem in Beziehung zu bringen, wenn es sich darum handelt, Schlußfolgerungen aus denselben Gesetzen zu ziehen.

Keyserling begann gern und viel in Gesellschaft zu gehen. Bis dahin hatte er sich auf seine Nachmittagsstunden im Café Stefanie beschränkt, von allem übrigen meist sich ferngehalten. Wir trafen uns im damaligen Hoftheaterrestaurant, wo schon ein großer Tisch bestand, in der Torggelstube, wo es einen zweiten solchen Tisch gab, und nicht selten auch bei der Kathi Kobus, dem berühmten Original von einer Münchner Bohemewirtin. Sie war nicht lange vorher aus der »Dichtelei«, in der zu Anfang der Neunzigerjahre Liliencron, Conrad, Bierbaum und so manche andere von der jungen Moderne beim Tiroler gesessen hatten, nach dem »Simplicissimus«, ein paar Häuser weiter stadteinwärts, hinübergewechselt. Man erzählte von ihr, daß sie einmal Georg Hirths Liebe gewesen sei. Ich weiß nicht, ob es wirklich so war. Als ich sie kennenlernte, konnte man es ihr nicht mehr ansehen. Ihr geschichtliches Zeitalter war vorüber. Ruinen sind bekanntlich zeitlos. Man konnte sie mit ihrem tiefschwarz gefärbten Haar und dem tadellos blitzenden künstlichen Gebiß ebensogut für Mitte Siebzig wie für Mitte Vierzig halten. Aber läuft das in der erotischen Sphäre der Frau nicht fast auf das gleiche hinaus?

Nur Ludwig Scharf, dem Dichter der »Lieder eines Menschen« und des »Proleta sum« (»Ick bin ein Prolet! Was kann ick dafor?«), war es vorbehalten, die Triebe der resoluten Simplicissimus-Wirtin noch einmal zum Sprießen zu bringen. Sie verlobte sich am Johannistage 1905 regelrecht mit dem schwarzlockigen Dichter und Stammgast, der fast ihr Sohn hätte sein können. Aber wie hatte einst Liliencron gesungen? »Kurz ist der Frühling!« Auch dieser welkte schnell. Kaum ein Jahr später hatte mein alter stürmischer Freund aus Studententagen sich eine andere Lebensgefährtin erkoren, die besser zu ihm paßte und es noch heute ist. Ich grüße ihn und sie in ihrem ungarischen Grafenschloß Pátosfa am Plattensee.

Im roten Dämmerlicht der engen höhlenartigen Räume der Kathi Kobus war es lauschig und mollig zu sein; manchmal ein bißchen allzu mollig, wenn einer dem anderen auf die Füße trat oder halb auf dem Schoß saß. Die Wände der Kabinen waren mit Bildern, Zeichnungen, Radierungen, Skizzen, gerahmten und ungerahmten, jedweden Themas und jeglichen Formats behängt, besät, bepflastert. Die Kathi war eine gute Seele und brave Haut und hatte ein weiches Herz. Alle diese jungen Künstler waren einmal gekommen, hatten tüchtig Hunger und Durst, aber kein Geld im Beutel gehabt, wie das bei angehenden jungen Genies nun einmal die Regel. So hatte die Kathi wohl oder übel ihre mäzenatische Ader entdeckt; es gibt eben sehr verschiedene Arten, Mäzen zu werden. Von einem jeden der jungen Genies war dies und das als »Andenken« an den Wänden hängengeblieben. Das hatte sich, man sah es, lawinenartig zusammengeballt. Nun war schon ein kleines Museum daraus geworden, und mancher jener früheren Kostgänger war auf dem besten Wege, wirklich berühmt zu werden. Kannte man nicht selbst den einen oder anderen?

Die Kathi konnte sich gratulieren, das Geschäft blühte. Wie hatte sie doch das alles gedreht und gedeichselt, auch das mit der Polizeistunde, die man ihr lange nicht hatte bewilligen wollen, und die sie dann doch durchgesetzt hatte, gleich bis um drei in der Frühe! Ja, es war wirklich keine Kleinigkeit gewesen! Aber sie bildete sich nichts darauf ein, blieb sich in ihrer feschen oberlandlerischen Derbheit immer gleich, schnauzte ihre Stammgäste an, daß es nur so eine Art war, falls sie es gar zu arg trieben, und stampfte, wenn nach ihr gerufen wurde, auch selbst aufs Podium, um mit ihrer rostigen Stimme anzügliche Gstanzln zu singen, was immer ungeheuren Jubel hervorrief. Der ganze von Rauchschwaden und Weindunst geschwängerte Menschenpferch johlte, gurgelte und gluckste selig den Kehrreim mit. Die Kathi aber im faßrunden Reifrock, starren Mieder und bunten Brusttuch nickte gnädig wie eine Göttin auf ihr Volk herab. Ja, es tat sich noch was bei der Kathi Kobus im Simpl, anno dazumal um die Jahrhundertwende!

Als dritter im Bunde gesellte sich zu Keyserling und mir bald wie von selbst Wedekind und blieb es die nächsten zwei, drei Jahre. Meine langjährige, damals noch verhältnismäßig ungetrübte Beziehung zu Wedekind brachte es ja so mit sich. Wie hätte ich ihn aus der neuen Kombination ausschalten dürfen! Aber Wedekind selbst, der ja in der Freundschaft ein ewiger Gymnasiast blieb, empfand das neue Dreieck als eine Verminderung seiner eigenen Anziehungskraft und fühlte sich, wenn auch vorerst nur insgeheim, in seiner Position geschwächt und zurückgesetzt. Dies um so mehr, als es ihm trotz alles heißen Bemühens nicht gelingen wollte, Keyserling mir abspenstig zu machen und zu sich herüberzuziehen. Er wußte nicht, daß Keyserling mich von allen diesen Schlichen unterrichtete, wenigstens soweit Ernsteres dahintersteckte. Sie waren manchmal auch von gar zu naiver Art, indem er auf gewisse menschliche Schwächen, wie Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, bei Keyserling spekulierte, die er ebenso bei ihm voraussetzte, wie er selbst sich ihrer im stillen bewußt war.

Keyserling und ich haben oft über das naive Gebaren Wedekinds in allen solchen Freundschaftsfragen gelacht. Er verstand es, mit der tragischsten Miene von der Welt aus der Mücke einen Elefanten zu machen. Nur daß das meiste, was er sich ausdachte, zu sekundanerhaft war, um es ernst zu nehmen. Keyserling hatte seine eigene Art, mit Wedekind umzugehen. Er ironisierte ihn, wo er nur konnte, ganz besonders, wenn Wedekind mit seinen Paradoxen um sich warf, und behandelte ihn dabei gleichzeitig mit so ausgesuchter, entwaffnender Höflichkeit, daß Wedekind aus seinem beliebten Zähnefletschen – einer Verlegenheitsgeste bei ihm – oft nicht herauskam.

Es war ein Schauspiel von eigenem Reiz, die beiden miteinander florettieren zu sehen: Wedekind in immer wiederholten Finten, Ausfällen und Zurückziehern; Keyserling ebenso treffsicher im Angriff wie elegant in der Parade. In jenem Sommer 1901, den ich gemeinsam mit Keyserling, Weinhöppel und Corinth in Tutzing verbrachte, während Wedekind ab und zu auf Besuch erschien, befand sich Keyserlings geistige Leuchtkraft in ihrem Zenit. Wir saßen fast allabendlich in der Wirtschaft zum »Tutzinger Hof«, allwo sie damals einen Surius ausschenkten, daß einem das Wasser aus den Augen lief. Wir hatten ihn offiziell »Essig« getauft, aber das war noch fast zu viel Ehre für ihn. Was half's? Man mußte ihn herunterwürgen. Es gab ja nichts Besseres, und ohne den gewohnten Trunk zur Nacht hätten weder Keyserling noch Wedekind oder ich schlafen können, von Corinth schon gar nicht zu reden. Aber das alte Wort »Sauer macht lustig« bewährte sich auch hier. Es waren Abende von einer Fröhlichkeit, Unbeschwertheit, Ausgelassenheit, die kaum wieder ihresgleichen haben sollten.

Auch Lovis Corinth war in unserem Kreise kein Neuling. Der schwere, breitschulterige, massive Mann mit dem mächtigen, birnenförmigen Schädel und dem herunterhängenden Tatarenschnurrbart hatte in seiner bärenhaften Grazie etwas Drolliges und zugleich Imponierendes. Wer ihn einmal gesehen hatte, vergaß ihn nicht so leicht. Der gewisse Anflug von Komik, der ihm anhaftete, wurde noch durch seinen ausgesprochen ostpreußischen Tonfall unterstrichen. Aber das alles paßte doch wiederum zusammen und störte das Gesamtbild nicht, setzte ihm vielmehr erst die persönlichen Lichter auf. Ich war Corinth seinerzeit bereits in Berlin bei Walter Leistikow, dem Landschaftsmaler, begegnet. Die Berührung, flüchtig genug, war doch nicht ohne Eindruck auf mich geblieben. Leistikow hatte mir schon damals allerlei Merkwürdiges von dem ungeschlachten, bärenhaften Mann erzählt, von dessen Namen und Werk die Öffentlichkeit noch nichts wußte, während Leistikows Stern bereits im Aufgehen war. Leistikow hatte in seinem Atelier auch ein Bild von Corinth stehen, das mir aufgefallen war.

Nach Jahren hatte mich dann das Schicksal in München von neuem mit Corinth zusammengeführt. Diesmal war der Vermittler Josef Ruederer. Corinth – er war gerade im Begriff, aus einem Louis ein Lovis zu werden – hatte sein Atelier in dem Hause Giselastraße 7, in dessen zweitem Stock auch Ruederer wohnte. Ich selbst wohnte Giselastraße 16, also in nächster Nachbarschaft. Als ich eines Tages Ruederer besuchte, traf ich dort auch Corinth. Wir faßten eigentlich auf den ersten Blick Zuneigung zueinander und kamen uns schnell näher. Unsere abendlichen Zusammenkünfte fanden für gewöhnlich in der Osteria Bavaria in der Schraudolphstraße statt, dem damaligen Hauptquartier der Münchner Künstlerjugend. Meist nahm auch der Maler Otto Eckmann, einer der Begründer des nachmaligen Jugendstils und Erfinder der »dekorativen Linie« in der Malerei, daran teil. Zwischen Corinth und Eckmann bestand ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Corinth und Leistikow. Wie Leistikow in Berlin, so hatte auch Eckmanns Name schon Klang und Geltung in der Öffentlichkeit, während Corinths querköpfiges, schwerfälliges, versonnenes und versponnenes Genie sich noch nicht hatte durchsetzen können, künstlerisch noch völlig im Dunkeln stand und auch menschlich sich in der Rolle einer gewissen schmunzelnden und spöttelnden Passivität gefiel.

Corinth war überhaupt eine spröde, verschlossene Natur, zu der man im nüchternen Tageslicht nur schwer Zugang fand. Anders schon in den Rauchschwaden, beim Gläserklingen der Osteria Bavaria oder der Kurzschen Weinstube am Frauenplatz, wo er in der feuchtfröhlichen Malerrunde der »Deutschen Eiche« seine höchst rebellischen Ansichten über Kunst zum besten gab und unter den bemoosten Zechern pünktlich bis um Mitternacht – selten länger – seinen Mann stand. Und doch war dies im Grunde nur ein Treiben in der Art, wie es der junge Prinz Heinz mit Falstaff und seinen Spießgesellen in der Schenke »Zum wilden Schweinskopf« zu vollführen beliebte: bei dem der es Ausübende sich seiner inneren menschlichen Würde und seiner göttlichen Sendung stets bewußt bleibt.

Diese innere Verschlossenheit und Unzugänglichkeit mochte, abgesehen von Gründen der Veranlagung und Abstammung, auch auf seinen unregelmäßigen und sprunghaften Entwicklungsgang zurückzuführen sein. Corinth war in seiner allgemeinen Bildung Autodidakt. Er hatte sie niemandem als sich selbst zu verdanken, seinem eigenen Wissenstrieb und Erkenntnisdrang. Es liegt in der Natur der Sache, daß derartige Persönlichkeiten eigenwillig ihren höchst individuellen Weg verfolgen, der sie meist weitab führt von der üblichen Durchschnittsbildung. Feind jeder Uniformierung und Normalisierung steuern sie geradewegs au1 ihr eigenstes und letztes Ziel los: auf die Vollendung ihrer Persönlichkeit, auf die vollkommenste Gestaltung ihres Ichs.

Corinth war ein leidenschaftlicher Bücherleser, wie man das sehr oft gerade bei Malern findet. Es ist, als ob die rein bildhafte Phantasie einer Bereicherung und Ergänzung vom Wort, von der mehr geistigen Seite her bedürfe. Eines von Corinths Lieblingsbüchern war die Luthersche Bibel. Vielleicht war sie schon das Hausbuch in seinem gottesfürchtigen Elternhause gewesen und früh dem Knaben in die Hände gefallen. Aber noch der alternde Mann griff immer wieder auf sie zurück, durchtränkte sich mit der Glut ihrer Bilder, mit der leidenschaftlichen Kraft ihres Wortes. Biblische Motive finden sich auch überall in seiner Malerei wie in seiner Graphik. Das Bild, das ihn eben um diese Zeit (1899) zuerst in weiteren Kreisen bekannt, ja berühmt gemacht hatte, war seine Salome, den Kopf Johannes des Täufers betrachtend. Golgatha und Kreuzigung sind immer wiederkehrende Motive seines Schaffens.

So schwer Corinth sich im Verkehr erschloß, so unerschütterlich hielt er an einmal bestehenden Freundschaften fest. Auch die unsere hat alle Wechselfälle eines stürmischen Zeitalters überdauert, wenn wir uns auch in seinen letzten Jahren nur noch selten zu Gesicht bekamen. Aus der Blütezeit unserer Beziehungen sind mir so manche charakteristischen Züge seines Wesens haften geblieben. Er verkehrte gern und oft in meinem Hause und war von einer rührenden Dankbarkeit, wenn meine Frau ihm das eine oder andere seiner ostpreußischen Lieblingsgerichte vorsetzte. Besonders erpicht war er, wie sich von selbst versteht, auf Königsberger Klops, von denen er eine recht stattliche Anzahl vertilgen konnte, ohne Schaden zu nehmen. Es wurden einmal sechzehn von ihm selbst gezählt. Im Sommer 1896, als wir mehrere Wochen zusammen in Zoppot verbrachten, hatte er auch mein Elternhaus in Güttland besucht und sofort verschiedene Motive aus der charakteristischen Werderlandschaft mit ihren verschilften Gräben und ihren knorrigen Weidenstümpfen skizziert. Es war bei diesem engen Familienverkehr nur natürlich, daß er mich und meine Frau und deren Schwester, die mit in unserem Hause lebte, immer wieder gemalt und gezeichnet hat. Ich besitze, außer ein paar Ölbildern aus dieser Zeit, auch verschiedene farbige Karikaturen von mir, mit denen er mich mehrere Jahre regelmäßig zu meinem Geburtstag überraschte.

Ich hatte bei den häufigen und oft lang dauernden Sitzungen, in denen er mich oder meine Familie malte, Gelegenheit genug, seine Malweise zu studieren und daraus tiefe Einblicke in die malerische Technik und in das Wesen der Malerei selbst zu gewinnen. Corinth war ein leidenschaftlicher Vertreter der Prima-Malerei. Er malte ohne irgendwelche vorhergehende Zeichnung unmittelbar auf die Leinwand und in der nassen Farbe weiter, bis er fertig war. Bei Porträts fing er oft an, indem er etwa zuerst eine Nase oder ein Paar Augenbrauen oder einen Mund auf die Leinwand setzte und die übrigen Teile daraus hervorwachsen ließ, was mit einer sehr raschen Hand geschah. Ich werde diese Stunden in Corinths Atelier bis an mein Ende nicht vergessen. Haben sie mich doch erst sehend gemacht für das Wesentliche aller Flächenkunst, aller Malerei.

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