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Jahre der Entscheidung

Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung - Kapitel 9
Quellenangabe
typeessay
authorOswald Spengler
titleJahre der Entscheidung
publisherdtv
year1961
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der folgenreichste Ausdruck der »nationalen« Revolution seit 1789 sind die stehenden Heere des 19. Jahrhunderts gewesen. Die Berufsheere der dynastischen Staaten wurden durch Massenheere auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht ersetzt. Es war im tiefsten Grunde ein Jakobinerideal: die levée en masse von 1792 entsprach der Nation als Masse, die an Stelle der alten, gewachsenen, ständisch gegliederten Nation in vollkommener Gleichheit organisiert werden sollte. Daß dann in den Sturmangriffen dieser uniformierten Massen etwas ganz anderes zum Vorschein kam, eine prachtvolle, barbarische, gänzlich untheoretische Freude an Gefahr, Herrschaft und Sieg, der Rest von gesunder Rasse, das was noch von nordischem Heldentum in diesen Völkern lebte, war eine Erfahrung, welche die Schwärmer für »Menschenrechte« sehr bald machten. Das Blut war wieder einmal stärker als der Geist. Die theoretische Begeisterung für das Ideal des »Volkes in Waffen« hatte ein ganz anderes, bewußteres, rationalistischeres Ziel gehabt als die Entfesselung dieser elementaren Triebe, auch in Deutschland in und vor allem nach den Befreiungskriegen, wo sie zu den Revolutionen von 1830 und 1848 hinüberleitete. Diese Heere, »in denen es keinen Unterschied von hoch und niedrig, reich und arm gab«, sollten ein Abbild der künftigen Nation sein, in welcher alle Unterschiede des Ranges, Besitzes und der Begabung irgendwie aufgehoben waren. Das war der stille Gedanke vieler Freiwilligen von 1813, aber ebenso des literarischen Jungen Deutschland (Heine, Herwegh, Freiligrath) und vieler Männer der Paulskirche (wie Uhland). Das Prinzip der anorganischen Gleichheit war ihnen das Entscheidende. Die Leute vom Schlage der Jahn und Arndt ahnten nicht, daß es die Gleichheit war, die zum ersten Mal bei den Septembermorden von 1792 den Ruf Vive la nation ertönen ließ.

Man vergaß eine grundlegende Tatsache: In der Romantik der Volkslieder war nur vom Heldentum der gemeinen Soldaten die Rede, aber der innere Wert dieser im Kriegsberuf zunächst dilettantischen Heere, ihr Geist, ihre Zucht, ihre Durchbildung hingen von Eigenschaften des Offizierskorps ab, und dessen »In Form sein« beruhte ganz auf den Traditionen des 18. Jahrhunderts. Sittlich taugt auch bei den Jakobinern eine Truppe soviel wie der Offizier, der sie durch sein Vorbild erzogen hat. Napoleon bekannte auf St. Helena, daß er nicht besiegt worden wäre, wenn er zu dem prachtvollen Soldatenmaterial seiner Heere ein Offizierskorps wie das österreichische gehabt hätte, in dem die ritterlichen Überlieferungen von Treue, Ehre und schweigender selbstloser Disziplin noch lebendig waren. Wankt diese Führerschaft in ihrer Gesinnung und Haltung oder gibt sie sich selbst auf wie 1918, so ist aus einem tapferen Regiment im Augenblick eine feige und hilflose Herde geworden.

Es wäre bei der raschen Zersetzung der Machtformen in Europa ein Wunder gewesen, wenn dieses Machtmittel ihr standgehalten hätte. Und trotzdem war es so. Die großen Heere sind das konservativste Element des 19. Jahrhunderts gewesen. Sie und nicht die schwachgewordene Monarchie, der Adel oder gar die Kirche hielten die Form der staatlichen Autorität aufrecht und lebensfähig gegen die anarchischen Tendenzen des Liberalismus. »Was aus dem Schutte sich herausbilden wird, dies kann heute niemand wissen. Ein Element der Kraft hat sich nicht allein in Österreich, sondern im gesamten so hart bedrängten Europa erhoben, dieses Element heißt: die stehenden Heere. Leider ist dieses Element nur ein erhaltendes und kein schaffendes, und auf das Schaffen kommt es eben an«, schrieb Metternich 1849. Und zwar beruhte das ausschließlich auf den strengen Anschauungen des Offizierskorps, zu welchen die Mannschaft herangebildet worden war. Wo es 1848 und später zu örtlichen Meutereien und Aufständen kam, lag die Schuld an der sittlichen Minderwertigkeit der Offiziere. Politisierende Generale, die aus ihrem militärischen Rang die Befähigung und das Recht zu staatsmännischen Urteilen ableiteten und danach zu handeln versuchten, hat es immer gegeben, in Spanien und Frankreich wie in Preußen und Österreich, aber das Offizierkorps als Ganzes verbot sich überall eine eigene politische Meinung. Nur die Heere, nicht die Kronen hielten 1830, 1848, 1870 stand.

Sie haben seit 1870 auch den Krieg verhindert, weil niemand mehr diese ungeheure Macht in Bewegung zu setzen wagte aus Furcht vor der unberechenbaren Wirkung, und damit haben sie den anomalen Friedenszustand von 1870 bis 1914 heraufgeführt, der es uns heute fast unmöglich macht, die Lage der Dinge richtig zu beurteilen. An die Stelle unmittelbarer Kriege trat nun der mittelbare in Gestalt einer ständigen Erhöhung der Kriegsbereitschaft, des Tempos der Rüstungen und technischen Erfindungen, ein Krieg, in dem es ebenfalls Siege, Niederlagen und kurzlebende Friedensschlüsse gab. Diese Art von verschleierter Kriegführung setzt aber einen nationalen Reichtum voraus, wie ihn nur die Länder mit großer Industrie entwickelt haben – er bestand zum großen Teil aus dieser Industrie selbst, sofern sie ein Kapital darstellte –, und diese hatte zur Voraussetzung das Vorhandensein von Kohle, auf deren Vorkommen die Industrien aufgebaut wurden. Zum Kriegführen gehört Geld, zur Vorbereitung des Krieges gehört noch mehr. So wurde die industrielle Großwirtschaft selbst zur Waffe; je leistungsfähiger sie war, desto entschiedener sicherte sie von vornherein den Erfolg. Jeder Hochofen, jede Maschinenfabrik verstärkte die Kriegsbereitschaft. Die Aussicht auf erfolgreiche Operationen wurde mehr und mehr abhängig von der Möglichkeit unumschränkten Materialverbrauchs, vor allem an Munition. Man wurde sich dieser Tatsache nur sehr langsam bewußt. Bismarck legte bei den Friedensverhandlungen von 1871 noch allein Wert auf strategische Punkte wie Metz und Belfort und gar keinen auf das lothringische Erzrevier. Als man dann aber das ganze Verhältnis zwischen Wirtschaft und Krieg, zwischen Kohle und Kanonen erkannt hatte, wie es nun bestand, kehrte es sich um: Die starke Wirtschaft war die entscheidende Voraussetzung der Kriegführung geworden; sie forderte dafür die erste Beachtung, und nun begannen in steigendem Maße die Kanonen der Kohle zu dienen. Der Verfall des Staatsgedankens infolge des um sich greifenden Parlamentarismus trat hinzu. Die Wirtschaft – vom Trust bis zur Gewerkschaft – begann mitzuregieren und durch ihr Nein und Ja die Ziele und Methoden der Außenpolitik mitzubestimmen. Die Kolonial- und Überseepolitik wird zum Kampf um Absatzgebiete und Rohstoffquellen der Industrie, darunter in steigendem Maße um die Ölvorkommen. Denn das Erdöl begann die Kohle zu bekämpfen, zu verdrängen. Ohne die Ölmotoren wären Automobile, Flugzeuge und Unterseeboote unmöglich gewesen.

In derselben Richtung verwandelte sich die Bereitschaft für den Seekrieg. Noch zu Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges waren armierte Handelsschiffe den gleichzeitigen Kriegsschiffen nahezu ebenbürtig. Drei Jahre später waren Panzerschiffe der seebeherrschende Typ. Aus diesen Schlachtschiffen wurden in rasendem Tempo der Konstruktion immer größerer und stärkerer Typen, von denen jeder nach ein paar Jahren veraltet war, die schwimmenden Festungen der Jahrhundertwende, ungeheure Maschinen, die infolge ihres Kohlebedarfs von Stützpunkten an der Küste immer abhängiger wurden. Der alte Wettkampf um den Vorrang von Meer oder Land begann sich in bestimmtem Sinne wieder dem Lande zuzuneigen: Wer die Flottenstützpunkte mit ihren Docks und Materialreserven hatte, beherrschte das Meer, ohne Rücksicht auf die Stärke der Flotte. Das Rule Britannia beruhte zuletzt auf dem Reichtum Englands an Kolonien, die um der Schiffe willen da waren, nicht umgekehrt. Das war nunmehr die Bedeutung von Gibraltar, Malta, Aden, Singapore, den Bermudas und zahlreichen ähnlichen strategischen Stützpunkten. Man verlor den Sinn des Krieges, die Entscheidungsschlacht zur See, aus den Augen. Man suchte die feindliche Flotte wirkungslos zu machen, indem man sie von den Küsten ausschloß. Es hat zur See nie etwas gegeben, das den Operationsplänen der Generalstäbe entsprach, und es ist nie eine Entscheidung mit diesen Schlachtschiffgeschwadern wirklich durchgekämpft worden. Der theoretische Streit über den Wert der Dreadnoughts nach dem Russisch-Japanischen Kriege beruhte gerade darauf, daß Japan den Typ gebaut, aber nicht erprobt hatte. Auch im Weltkrieg lagen die Schlachtschiffe still in den Häfen. Sie hätten gar nicht zu existieren brauchen. Auch die Schlacht am Skagerrak war nur ein Überfall, das Angebot einer Schlacht, der sich die englische Flotte so gut wie möglich entzog. Fast alle großen Schiffe, die in den letzten fünfzig Jahren als veraltet außer Dienst gestellt worden sind, haben nie einen Schuß auf einen ebenbürtigen Gegner abgegeben. Und heute macht die Entwicklung der Luftwaffe es fraglich, ob die Zeit der Panzerschiffe nicht überhaupt zu Ende ist. Vielleicht bleibt nur der Kaperkrieg übrig.

Im Verlauf des Weltkrieges tritt auf dem festen Lande eine vollkommene Wandlung ein. Die nationalen Massenheere, bis an die äußerste Grenze ihrer Möglichkeiten entwickelt, eine Waffe, die im Gegensatz zur Schlachtflotte wirklich »erschöpft« wurde, endeten im Schützengraben, in dem die Belagerung Deutschlands mit Stürmen und Ausfällen bis zur Kapitulation durchgeführt wurde. Die Quantität siegte über die Qualität, die Mechanik über das Leben. Die große Zahl machte der Geschwindigkeit derjenigen Art ein Ende, die Napoleon in die Taktik eingeführt hatte, am deutlichsten im Feldzug von 1805, der in ein paar Wochen über Ulm nach Austerlitz führte, und die von den Amerikanern 1861-65 durch die Verwendung der Eisenbahnen noch weiter gesteigert wurde. Ohne die Bahnen, welche Deutschland die Verschiebung ganzer Heere zwischen Ost und West möglich machten, wäre auch dieser Krieg seiner Form und Dauer nach unmöglich gewesen.

Es gibt in der Weltgeschichte zwei ganz große Umwälzungen in der Kriegführung durch plötzliche Steigerung der Beweglichkeit. Die eine fand in den ersten Jahrhunderten seit 1000 v. Chr. statt, als irgendwo in den weiten Ebenen zwischen Donau und Amur das Reitpferd aufkam. Die berittenen Heere waren dem Fußvolk weit überlegen. Sie konnten auftauchen und verschwinden, ohne daß ein Angriff auf sie und eine Verfolgung möglich waren. Vergebens stellten die Völker vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean neben ihrem Fußvolk eine Reiterei auf: sie war durch jenes an der freien Bewegung verhindert. Und ebenso vergebens wird das römische wie das chinesische Imperium mit Wall und Graben umgeben, von denen die Chinesische Mauer heute noch halb Asien durchquert und der Römische Limes in der syrisch-arabischen Wüste eben jetzt wieder aufgefunden worden ist. Es war nicht möglich, hinter diesen Wällen die Sammlung der Heere so schnell durchzuführen, wie es die überraschenden Angriffe forderten: den Parthern, Hunnen, Skythen, Mongolen, Türken sind die chinesische, indische, römische, arabische und abendländische Welt mit ihrer seßhaften Bauernbevölkerung immer wieder in ratlosem Entsetzen erlegen. Es scheint, daß Bauerntum und Reiterleben sich seelisch nicht vertragen. Noch die Scharen Dschingiskhans verdanken ihre Siege der überlegenen Geschwindigkeit.

Die zweite Wandlung erleben wir heute selbst: den Ersatz des Pferdes durch die »Pferdekraft« der faustischen Technik. Bis in den ersten Weltkrieg hinein waren gerade die alten berühmten Kavallerieregimenter Westeuropas von ritterlichem Stolz, Abenteurerlust und Heldentum umwittert, mehr als jede andere Waffe. Sie waren Jahrhunderte hindurch die eigentlichen Wikinger des Landes. Sie stellten mehr und mehr den echten innerlichen Soldatenberuf, das Soldatenleben dar, weit mehr als die Infanterie der allgemeinen Wehrpflicht. In Zukunft wird das anders sein. Die Flugzeuge und Tankgeschwader lösen sie ab. Die Beweglichkeit wird damit über die Grenzen organischer Möglichkeiten hinaus zu den anorganischen der Maschine gesteigert, aber sozusagen der individuellen Maschine, die im Gegensatz zum unpersönlichen Trommelfeuer der Schützengräben dem persönlichen Heldentum wieder große Aufgaben stellt.

Aber viel tiefer als diese Entscheidung zwischen Masse und Beweglichkeit greift eine andere Tatsache in das Schicksal der stehenden Heere ein, und sie wird dem Grundsatz der allgemeinen nationalen Wehrpflicht des vorigen Jahrhunderts notwendig ein Ende bereiten. Der Verfall der Autorität, der Ersatz des Staates durch die Partei, die fortschreitende Anarchie also hatte bis 1914 vor dem Heere haltgemacht. Solange ein bleibendes Offizierskorps eine rasch wechselnde Mannschaft erzog, blieben die ethischen Werte der Waffenehre, Treue und des schweigenden Gehorsams, der Geist Friedrichs des Großen, Napoleons, Wellingtons, also des 18. Jahrhunderts, der ritterlichen Lebenshaltung gewahrt, ein großes Element der Stabilität. Erschüttert wurde es zuerst, als im Stellungskrieg rasch ausgebildete junge Offiziere älteren, jahrelang im Felde stehenden Mannschaften gegenüberstanden. Auch hier hatte der lange Friede von 1870 bis 1914 eine Entwicklung aufgehalten, die mit dem fortschreitenden Verfall des »In Form seins« der Nationen eintreten mußte. Die Mannschaft einschließlich der unteren Schichten des Offizierskorps, welche die Welt von unten sahen, weil sie Führer nicht aus innerem Beruf, sondern infolge vorübergehender Verwendung waren, bekamen eine eigene Meinung über politische Möglichkeiten, die, wie sich versteht, von außen, vom Feinde oder den radikalen Parteien des eigenen Landes durch Propaganda und Zersetzungszellen importiert wurde, einschließlich des Nachdenkens über die Durchsetzung dieser Meinung. Damit ist das Element der Anarchie in das Heer geraten, das sie bis dahin allein fernzuhalten wußte. Und das setzte sich nach dem Kriege überall in den Kasernen der stehenden Friedensheere fort. Dazu kommt, daß vierzig Jahre lang der einfache Mann aus dem Volke ebenso wie der Berufspolitiker und radikale Parteiführer die unbekannte Wirkung moderner Heere fürchtete und überschätzte, gegen fremde Heere wie gegen Aufstände, und den Widerstand gegen sie deshalb als praktische Möglichkeit kaum noch in Betracht zog. Die sozialdemokratischen Parteien hatten überall vor dem Kriege den Gedanken an eine Revolution längst aufgegeben und behielten nur die Phrase in ihren Programmen bei. Eine Kompanie genügte, um Tausende aufgeregter Zivilisten in Schach zu halten. Nun bewies aber der Krieg, wie gering die Wirkung selbst einer starken Truppe mit schwerer Artillerie gegenüber unseren steinernen Städten ist, wenn sie Haus für Haus verteidigt werden. Die reguläre Armee verlor den Nimbus der Unbesiegbarkeit in Revolutionen. Heute denkt jeder zwangsweise eingezogene Rekrut ganz anders darüber als vor dem Kriege. Und damit hat er das Bewußtsein verloren, bloßes Objekt der befehlshabenden Gewalt zu sein. Es ist mir sehr zweifelhaft, ob zum Beispiel in Frankreich eine allgemeine Mobilmachung gegen einen gefährlichen Feind überhaupt durchzuführen ist. Was soll geschehen, wenn sich die Massen der Gestellungspflicht entziehen? Und wie groß ist der Wert einer solchen Truppe, wenn man nicht weiß, wie weit in ihr die moralische Zersetzung fortgeschritten ist und auf welchen Bruchteil von Leuten man wirklich zählen darf? Das ist das Ende der allgemeinen Wehrpflicht, welche 1792 die nationale Begeisterung für den Krieg zum Ausgangspunkt hatte, und der Anfang freiwilliger Heere von Berufssoldaten, die sich um einen volkstümlichen Führer oder ein großes Ziel scharen. Das ist – in allen Kulturen; man denke an den Ersatz des ausgehobenen römischen Bauernheeres durch besoldete Berufsheere seit Marius und an die Folgen der Weg zum Cäsarismus und in der Tiefe der instinktive Aufstand des Blutes, der unverbrauchten Rasse, des primitiven Willens zur Macht gegen die materialistischen Mächte des Geldes und Geistes, der anarchistischen Theorien und der sie ausnützenden Spekulation, von der Demokratie bis zur Plutokratie.

Diese materialistischen und plebejischen Mächte haben seit dem Ende des 18. Jahrhunderts folgerichtig zu ganz anderen Kriegsmitteln gegriffen, die ihrem Denken und ihrer Erfahrung näher lagen. Neben den Heeren und Flotten, die in steigendem Maße für Zwecke angesetzt wurden, welche den Nationen selbst ganz fernlagen und lediglich den geschäftlichen Interessen einzelner Gruppen entsprachen – der Name Opiumkrieg illustriert das in drastischer Weise –, entwickelten sich Methoden der wirtschaftlichen Kriegführung, die oft genug »mitten im Frieden« zu rein wirtschaftlichen Schlachten, Siegen und Friedensschlüssen führten. Sie wurden von dem echten Soldaten, Moltke etwa, verachtet und in ihrer Wirksamkeit sicherlich unterschätzt. Um so besser wußten die »modernen« Staatsmänner sie zu schätzen, die ihrer Herkunft und Veranlagung nach zuerst wirtschaftlich und dann – vielleicht – politisch dachten. Die fortschreitende Auflösung der Staatshoheit durch den Parlamentarismus bot die Möglichkeit, die Organe der staatlichen Macht in dieser Richtung auszunützen. Vor allem geschah das in England, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus eine »Nation von shopkeepers « geworden war: die feindliche Macht sollte nicht militärisch unterworfen, sondern wirtschaftlich als Konkurrenz ruiniert, als Abnehmerin englischer Waren aber erhalten werden. Das war das Ziel des freihändlerischen »liberalen« Imperialismus seit Robert Peel. Napoleon hatte die Kontinentalsperre als rein militärisches Mittel gedacht, weil ihm England gegenüber kein anderes zur Verfügung stand. Auf dem Kontinent schuf er nur neue Dynastien, während Pitt in der Ferne Handels- und Plantagenkolonien gründete. Der Krieg von 1914 aber wurde von England nicht Frankreichs oder gar Belgiens wegen, sondern »um des weekend willen« geführt, um Deutschland als Wirtschaftskonkurrenz wenn möglich für immer auszuschalten. 1916 begann neben dem militärischen der planmäßige Wirtschaftskrieg, der fortgesetzt werden sollte, wenn der andere notwendig zum Ende kam. Die Kriegsziele wurden seitdem immer entschiedener in dieser Richtung gesucht. Der Vertrag von Versailles sollte gar keinen Friedenszustand begründen, sondern die Machtverhältnisse derart regeln, daß das Ziel jederzeit mit neuen Forderungen und Maßnahmen gesichert werden konnte. Daher die Auslieferung der Kolonien, der Handelsflotte, die Beschlagnahme der Bankguthaben, Besitzungen, Patente in allen Ländern, die Abtrennung von Industriegebieten wie Oberschlesien und das Saarland, die Einführung der Republik, von der man mit Recht eine Untergrabung der Industrie durch die allmächtig gewordenen Gewerkschaften erwartete, und endlich die Reparationen, die wenigstens im Sinne Englands keine Kriegsentschädigung sein sollten, sondern eine dauernde Belastung der deutschen Wirtschaft bis zu deren Erliegen.

Aber damit begann, sehr gegen die Erwartung der Mächte, die den Vertrag diktiert hatten, ein neuer Wirtschaftskrieg, in dem wir uns heute befinden und der einen sehr erheblichen Teil der gegenwärtigen »Weltwirtschaftskrise« bildet. Die Machtverteilung der Welt war durch die Stärkung der Vereinigten Staaten und deren Hochfinanz und die neue Gestalt des russischen Reiches völlig verlagert, die Gegner und Methoden waren andere geworden. Der augenblickliche Krieg mit wirtschaftlichen Mitteln, den man in einer späteren Zeit vielleicht als den zweiten Weltkrieg bezeichnen wird, brachte ganz neue Formen der bolschewistischen Wirtschaftsoffensive in Gestalt des Fünfjahrsplanes, den Angriff des Dollars und Franken auf das Pfund, die von fremden Börsen aus geleiteten Inflationen als Zerstörung ganzer Nationalvermögen und die Autarkie der Nationalwirtschaften, die vielleicht bis zur Vernichtung des gegnerischen Exports, also der Wirtschaft und damit der Existenzbedingungen großer Völker durchgeführt werden wird, den Dawes- und Youngplan als Versuche von Finanzgruppen, ganze Staaten zur Zwangsarbeit für Banken herabzudrücken. Es handelt sich in der Tiefe darum, die Lebensfähigkeit der eigenen Nation durch Vernichtung derjenigen fremder zu retten. Es ist der Kampf auf dem Bootskiel. Und hier werden, wenn alle anderen Mittel erschöpft sind, doch wieder die ältesten und ursprünglichsten, die militärischen, in ihre Rechte treten: die stärker gerüstete Macht wird die schwächere zwingen, ihre Wirtschaftsdefensive aufzugeben, zu kapitulieren, zu verschwinden. Die Kanonen sind letzten Endes doch stärker als die Kohle. Es läßt sich nicht absehen, wie dieser Wirtschaftskrieg ausgehen wird, aber sicher ist, daß er zuletzt den Staat als Autorität, gestützt auf freiwillige und deshalb zuverlässige, gut durchgebildete und sehr bewegliche Berufsheere, in seine geschichtlichen Rechte wieder einsetzen und die Wirtschaft in die zweite Linie verweisen wird, wohin sie gehört.

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