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Jahre der Entscheidung

Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
authorOswald Spengler
titleJahre der Entscheidung
publisherdtv
year1961
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080312
projectid0f0ccb59
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Zu den ernsthaftesten Zeichen des Verfalls der Staatshoheit gehört die Tatsache, daß im Lauf des 19. Jahrhunderts der Eindruck herrschend geworden ist, die Wirtschaft sei wichtiger als die Politik. Unter den Leuten, die heute irgendwie den Entscheidungen nahe stehen, gibt es kaum einen, der das entschieden ablehnt. Man betrachtet die politische Macht nicht etwa nur als ein Element des öffentlichen Lebens, dessen erste, wenn nicht einzige Aufgabe es ist, der Wirtschaft zu dienen, sondern es wird erwartet, daß sie sich den Wünschen und Ansichten der Wirtschaft vollkommen füge, und zuletzt, daß sie von den Wirtschaftsführern kommandiert werde. Das ist denn auch in weitem Umfang geschehen, mit welchem Erfolg, lehrt die Geschichte dieser Zeit.

In Wirklichkeit lassen sich Politik und Wirtschaft im Leben der Völker nicht trennen. Sie sind, wie ich immer wiederholen muß, zwei Seiten desselben Lebens, aber sie verhalten sich wie die Führung eines Schiffes und die Bestimmung seiner Fracht. An Bord ist der Kapitän die erste Person, nicht der Kaufherr, dem die Ladung gehört. Wenn heute der Eindruck vorherrscht, daß die Wirtschaftsführung das mächtigere Element ist, so liegt das daran, daß die politische Führung der parteimäßigen Anarchie verfallen ist und die Bezeichnung einer wirklichen Führung kaum noch verdient, und daß deshalb die wirtschaftliche höher zu ragen scheint. Aber wenn nach einem Erdbeben ein Haus zwischen Trümmern stehen geblieben ist, so ist es deshalb nicht das wichtigste gewesen. In der Geschichte, solange sie »in Form« verläuft und nicht tumultuarisch und revolutionär, ist der Wirtschaftsführer niemals Herr der Entscheidungen gewesen. Er fügte sich den politischen Erwägungen ein, er diente ihnen mit den Mitteln, die er in Händen hatte. Ohne eine starke Politik hat es niemals und nirgends eine gesunde Wirtschaft gegeben, obwohl die materialistische Theorie das Gegenteil lehrt. Adam Smith, ihr Begründer, hatte das wirtschaftliche Leben als das eigentliche menschliche Leben behandelt, das Geldmachen als den Sinn der Geschichte, und er pflegte die Staatsmänner als schädliche Tiere zu bezeichnen. Aber gerade in England waren es nicht Kaufleute und Fabrikbesitzer, sondern echte Politiker wie die beiden Pitt, die durch eine großartige Außenpolitik, oft unter leidenschaftlichstem Widerspruch der kurzsichtigen Wirtschaftsleute, die englische Wirtschaft zur ersten der Welt gemacht haben. Reine Staatsmänner waren es, welche den Kampf gegen Napoleon bis an die Grenzen des finanziellen Zusammenbruchs führten, weil sie weiter sahen als bis zur Bilanz des nächsten Jahres, wie es jetzt üblich ist. Aber heute besteht die Tatsache, daß infolge der Belanglosigkeit der leitenden Staatsmänner, die zum großen Teil selbst an Privatgeschäften interessiert sind, die Wirtschaft maßgebend in die Entscheidungen hineinredet, aber nun auch die Wirtschaft in ihrem vollen Umfang: nicht nur die Banken und Konzerne, mit oder ohne parteimäßige Verkleidung, sondern auch die Konzerne für Lohnsteigerung und Arbeitsverkürzung, die sich Arbeiterparteien nennen. Das letzte ist die notwendige Folge des ersten. Darin liegt die Tragik jeder Wirtschaft, die sich selbst politisch sichern will. Auch das begann 1789, mit den Girondisten, welche die Geschäfte des wohlhabenden Bürgertums zum Sinn des Vorhandenseins staatlicher Gewalten machen wollten, was nachher unter Louis Philippe, dem Bürgerkönig, weitgehend zur Tatsache wurde. Die berüchtigte Parole: » Enrichissez-vous « wird zur politischen Moral. Sie wurde zu gut verstanden und befolgt, nämlich nicht nur von Handel und Gewerbe und von den Politikern selbst, sondern auch von der Klasse der Lohnarbeiter, welche nun – 1848 – die Vorteile des Verfalls der Staatshoheit auch für sich ausnützte. Damit gewinnt die schleichende Revolution des ganzen Jahrhunderts, die man Demokratie nennt und die in Revolten der Masse durch Wahlzettel oder Barrikaden, der »Volksvertreter« durch parlamentarische Ministerstürze und Budgetverweigerungen dem Staat gegenüber in periodische Erscheinung tritt, eine wirtschaftliche Tendenz. Auch in England, wo die Freihandelslehre des Manchestertums von den Trade Unions auch auf den Handel mit der Ware »Arbeit« angewendet wurde, was Marx und Engels dann im Kommunistischen Manifest theoretisch ausgestaltet haben. Damit vollendet sich die Absetzung der Politik durch die Wirtschaft, des Staates durch das Kontor, des Diplomaten durch den Gewerkschaftsführer: hier und nicht in den Folgen des Weltkrieges liegen die Keime für die Wirtschaftskatastrophe der Gegenwart. Sie ist in ihrer ganzen Schwere nichts als eine Folge des Verfalls der staatlichen Macht.

Die geschichtliche Erfahrung hätte das Jahrhundert warnen sollen. Niemals haben wirtschaftliche Unternehmungen ohne Deckung durch eine machtpolitisch denkende Staatsleitung ihr Ziel wirklich erreicht. Es ist falsch, wenn man die Raubfahrten der Wikinger, mit denen die Seeherrschaft der abendländischen Völkerwelt beginnt, so beurteilt. Ihr Ziel war selbstverständlich das Beutemachen – ob an Land und Leuten oder an Schätzen, das ist die zweite Frage. Aber das Schiff war ein Staat für sich, und der Plan der Fahrt, der Oberbefehl, die Taktik waren echte Politik. Wo aus dem Schiff eine Flotte wurde, kam es sofort zu Staatsgründungen, und zwar mit sehr ausgesprochenen Hoheitsregierungen wie in der Normandie, in England und Sizilien. Die deutsche Hansa wäre eine wirtschaftliche Großmacht geblieben, wenn Deutschland selbst es politisch geworden wäre. Seit dem Ende dieses mächtigen Städtebundes, den politisch zu sichern niemand als Aufgabe eines deutschen Staates empfand, schied Deutschland aus den großen weltwirtschaftlichen Kombinationen des Abendlandes aus. Es wuchs erst im 19. Jahrhundert wieder in sie hinein, nicht durch private Bestrebungen, sondern einzig und allein durch die politische Schöpfung Bismarcks, welche die Voraussetzung für den imperialistischen Aufstieg der deutschen Wirtschaft gewesen ist.

Der maritime Imperialismus, der Ausdruck für das faustische Streben ins Unendliche, begann große Formen anzunehmen, als mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 die Wirtschaftswege nach Asien politisch gesperrt wurden. Das ist der tiefere Anlaß für die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien durch die Portugiesen und die Entdeckung Amerikas durch die Spanier, hinter denen Großmächte der Zeit standen. Die treibenden Motive im einzelnen waren Ehrgeiz, Abenteurerlust, Freude an Kampf und Gefahr, Hunger nach Gold und nicht etwa »gute Geschäfte«. Die entdeckten Länder sollten erobert und beherrscht werden; sie sollten die Macht der Habsburger in den europäischen Kombinationen stärken. Das Reich, in dem die Sonne nicht unterging, war ein politisches Gebilde, das Ergebnis einer überlegenen Staatsleitung und erst insofern ein Feld für wirtschaftliche Erfolge. Es wurde nicht anders, als England den Vorrang gewann, nicht durch seine wirtschaftliche Stärke, die zunächst gar nicht vorhanden war, sondern durch das kluge Regiment des Adels, seien es nun Tories oder Whigs. Durch Schlachten ist England reich geworden, nicht durch Buchführung und Spekulation. Deshalb ist das englische Volk, so »liberal« es dachte und redete, doch in der Praxis das konservativste von Europa gewesen: konservativ im Sinne der Erhaltung aller Machtformen der Vergangenheit bis auf die geringsten zeremoniellen Einzelheiten, mochte man auch darüber lächeln, sie zuweilen verachten; solange keine stärkere neue Form zu sehen war, behielt man die alten alle: die beiden Parteien, die Art, wie die Regierung in ihren Entscheidungen sich vom Parlament unabhängig erhielt, Oberhaus und Königtum als retardierende Momente in kritischen Lagen. Dieser Instinkt hat England immer wieder gerettet, und wenn er heute erlischt, so bedeutet das nicht nur den Verlust der politischen, sondern auch den der wirtschaftlichen Weltstellung. Mirabeau, Talleyrand, Metternich, Wellington verstanden nichts von der Wirtschaft. Das war sicherlich ein Einwand. Aber es wäre schlimmer gewesen, wenn an ihrer Stelle ein wirtschaftlicher Fachmann versucht hätte, Politik zu machen. Erst als der Imperialismus in die Hände wirtschaftlicher, materialistischer Geschäftemacher gerät, als er aufhört, machtpolitisch zu sein, sinkt er von den Interessen der wirtschaftlichen Führerschicht sehr schnell in den Bereich des Klassenkampfes der ausführenden Arbeit herab, und so zersetzen sich die großen Nationalwirtschaften und ziehen die Großmächte mit sich in den Abgrund.

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