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Jahre der Entscheidung

Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung - Kapitel 6
Quellenangabe
typeessay
authorOswald Spengler
titleJahre der Entscheidung
publisherdtv
year1961
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080312
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Die Weltkriege und Weltmächte

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Die »Weltkrise« dieser Jahre wird, wie schon das Wort beweist, viel zu flach, zu leicht und zu einfach aufgefaßt, je nach dem Standort, den Interessen, dem Horizont des Beurteilers: als Krise der Produktion, der Arbeitslosigkeit, der Währung, der Kriegsschulden und Reparationen, der Außen- oder der Innenpolitik, vor allem als Folge des Weltkrieges, der sich nach Meinung der Leute bei größerer diplomatischer Ehrlichkeit und Geschicklichkeit hätte vermeiden lassen. Man redet, vor allem mit dem Seitenblick auf Deutschland, von Kriegswillen und Kriegsschuld. Natürlich hätten Iswolski, Poincaré und Grey die Absicht aufgegeben, die vollzogene Einkreisung Deutschlands durch einen Krieg, dessen einleitende strategische Operationen 1911 in Tripolis und 1912 auf dem Balkan begannen, dem gewünschten politischen Ergebnis zuzuführen, wenn sie den heutigen Zustand ihrer Länder hätten ahnen können. Aber wäre damit die gewaltsame Entladung der nicht nur politischen Spannung, vielleicht mit einer etwas anderen und weniger grotesken Verteilung der Mächte, auch nur um ein weiteres Jahrzehnt aufzuhalten gewesen? Die Tatsachen sind immer stärker als die Menschen, und der Umkreis des Möglichen ist selbst für einen großen Staatsmann viel enger, als es der Laie sich denkt. Und was wäre geschichtlich damit geändert worden? Die Form, das Tempo der Katastrophe, nicht diese selbst. Sie war der notwendige Abschluß eines Jahrhunderts abendländischer Entwicklung, das sich seit Napoleon in wachsender Erregung auf sie zu bewegte.

Wir sind in das Zeitalter der Weltkriege eingetreten. Es beginnt im 19. Jahrhundert und wird das gegenwärtige, wahrscheinlich auch das nächste überdauern. Es bedeutet den Übergang von der Staatenwelt des 18. Jahrhunderts zum Imperium mundi . Es entspricht den zwei furchtbaren Jahrhunderten zwischen Cannä und Aktium, die von der Form der hellenistischen Staatenwelt einschließlich Roms und Karthagos zum Imperium Romanum hinüberleiteten. Wie dieses den Bereich der antiken Zivilisation und ihrer Ausstrahlungen, die Mittelmeerwelt also, umfaßte, so wird jenes für eine unbekannte Zeitdauer das Schicksal des Erdballs sein. Der Imperialismus ist eine Idee, ob sie nun den Trägern und Vollstreckern zum Bewußtsein kommt oder nicht. Sie wird in unserem Falle vielleicht nie volle Wirklichkeit werden, vielleicht von anderen Ideen durchkreuzt werden, die außerhalb der Welt der weißen Völker Leben gewinnen, aber sie liegt als Tendenz einer großen geschichtlichen Form in allem, was jetzt vor sich geht.

Wir leben heute »zwischen den Zeiten«. Die Staatenwelt des Abendlandes war im 18. Jahrhundert ein Gebilde strengen Stils wie die gleichzeitigen Schöpfungen der hohen Musik und Mathematik. Sie war vornehme Form, nicht nur in ihrem Dasein, sondern auch in ihren Handlungen und Gesinnungen. Es herrschte überall eine alte und mächtige Tradition. Es gab vornehme Konventionen des Regierens, der Opposition, der diplomatischen und kriegerischen Beziehungen der Staaten untereinander, des Eingestehens der Niederlage und der Forderungen und Zugeständnisse bei Friedensschlüssen. Die Ehre spielte noch eine unangefochtene Rolle. Alles ging zeremoniös und höflich vor sich wie bei einem Duell.

Seitdem Peter der Große in Petersburg einen Staat von westlichen Formen begründet hatte, beginnt das Wort »Europa« in den allgemeinen Sprachgebrauch der westlichen Völker einzudringen und infolgedessen, wie es üblich ist, unvermerkt auch in das praktische politische Denken und die geschichtliche Tendenz. Bis dahin war es ein gelehrter Ausdruck der geographischen Wissenschaft gewesen, die sich seit der Entdeckung Amerikas am Entwerfen von Landkarten entwickelt hatte. Es ist bezeichnend, daß das türkische Reich, damals noch eine wirkliche Großmacht, welche die ganze Balkanhalbinsel und Teile des südlichen Rußlands besaß, instinktiv nicht dazugerechnet wurde. Und Rußland selbst zählte im Grunde nur als Petersburger Regierung. Wie viele der westlichen Diplomaten kannten denn Astrachan, Nishnij Nowgorod, selbst Moskau, und rechneten sie gefühlsmäßig zu »Europa«? Die Grenze der abendländischen Kultur lag immer dort, wo die deutsche Kolonisation zum Stillstand gekommen war.

In diesem »Europa« bildete Deutschland die Mitte, kein Staat, sondern das Schlachtfeld für wirkliche Staaten. Hier wurde, zum großen Teil mit deutschem Blute, entschieden, wem Vorderindien, Südafrika und Nordamerika gehören sollten. Im Osten lagen Rußland, Österreich und die Türkei, im Westen Spanien und Frankreich, die sinkenden Kolonialreiche, denen die Insel England den Vorrang abgewann, den Spaniern endgültig 1713, den Franzosen seit 1763. England wurde die führende Macht in diesem System, nicht nur als Staat, sondern auch als Stil. Es wurde sehr reich im Verhältnis zum »Kontinent« – England hat sich nie ganz als Bestandteil »Europas« aufgefaßt – und setzt diesen Reichtum in Gestalt gemieteter Soldaten, Matrosen und ganzer Staaten an, die gegen Subsidien für die Interessen der Insel marschierten.

Am Ende des Jahrhunderts hatte Spanien längst aufgehört, eine Großmacht zu sein, und Frankreich war dazu bestimmt, ihm zu folgen: beides altgewordene, verbrauchte Völker, stolz aber müde, der Vergangenheit zugewendet, ohne den wirklichen Ehrgeiz, der von Eitelkeit streng zu scheiden ist, eine schöpferische Rolle auch in der Zukunft zu spielen. Wären Mirabeaus Pläne 1789 gelungen, so wäre eine leidlich beständige konstitutionelle Monarchie entstanden, die sich im wesentlichen mit der Aufgabe begnügt hätte, den Rentnergeschmack der Bourgeoisie und der Bauern zu befriedigen. Unter dem Direktorium lag die Wahrscheinlichkeit vor, daß das Land, resigniert und aller Ideale satt, sich mit jeder Art von Regierung zufrieden gegeben hätte, welche die Ruhe nach außen und innen gewährleistete. Da kam Napoleon, ein Italiener, der Paris zur Basis seiner Machtziele gewählt hatte, und schuf in seinen Heeren den Typus des letzten Franzosen, der noch ein volles Jahrhundert lang Frankreich als Großmacht aufrechterhalten hat: tapfer, elegant, prahlerisch, roh, voller Freude am Töten, Plündern, Zerstören, mit dem Elan ohne Ziel, nur um seiner selbst willen, so daß alle Siege trotz unerhörten Blutvergießens Frankreich nicht den geringsten bleibenden Vorteil gebracht haben. Nur der Ruhm gewann dabei, nicht einmal die Ehre. Im Grunde war es ein Jakobinerideal, das gegenüber dem girondistischen der kleinen Rentner und Spießbürger nie die Mehrheit hinter sich hatte, aber stets die Macht. Mit ihr ziehen statt der vornehmen Formen des ancien régime ausgesprochen plebejische in die Politik ein: die Nation als ungegliederte Masse, der Krieg als Aufgebot von Massen, die Schlacht als Verschwendung von Menschenleben, die brutalen Friedensschlüsse, die Diplomatie der Advokatenkniffe ohne Manieren. Aber England hatte ganz Europa und seinen ganzen Reichtum nötig, um diese Schöpfung eines einzelnen Mannes zu vernichten, die dennoch als Gedanke weiterlebte. Auf dem Wiener Kongreß siegte noch einmal das 18. Jahrhundert über die neue Zeit. Das hieß seitdem »konservativ«.

Es war nur ein scheinbarer Sieg, dessen Erfolg das ganze Jahrhundert hindurch beständig in Frage gestellt war. Metternich, dessen politischer Blick – was man auch gegen seine Person sagen mag – tiefer in die Zukunft drang als der irgendeines Staatsmannes nach Bismarck, sah das mit unerbittlicher Klarheit: »Mein geheimster Gedanke ist, daß das alte Europa am Anfang seines Endes ist. Ich werde, entschlossen mit ihm unterzugehen, meine Pflicht zu tun wissen. Das neue Europa ist anderseits noch im Werden; zwischen Ende und Anfang wird es ein Chaos geben.« Nur um dieses Chaos solange als möglich zu verhindern, entstand das System des Gleichgewichts der großen Mächte, beginnend mit der Heiligen Allianz zwischen Österreich, Preußen und Rußland. Verträge wurden geschlossen, Bündnisse gesucht, Kongresse abgehalten, um nach Möglichkeit jede Erschütterung des politischen »Europa« zu verhindern, das sie nicht ertragen hätte; und wenn trotzdem ein Krieg zwischen einzelnen Mächten ausbrach, rüsteten sofort die Neutralen, um beim Friedensschluß trotz geringer Grenzverschiebungen das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten: der Krimkrieg ist ein klassisches Beispiel. Nur eine Neubildung ist erfolgt: Deutschland, die persönliche Schöpfung Bismarcks, wurde eine Großmacht, und zwar in der Mitte des Systems der älteren. In dieser schlichten Tatsache liegt der Keim einer Tragik, die durch nichts zu umgehen war. Aber solange Bismarck herrschte – und er hat in Europa geherrscht, mehr als einst Metternich –, änderte sich nichts in dessen politischem Gesamtbild. Europa war unter sich; niemand mischte sich in seine Angelegenheiten. Die Weltmächte waren ohne Ausnahme europäische Mächte. Und die Angst vor dem Ende dieses Zustandes – das, was Bismarck le cauchemar des coalitions nannte, gehört dazu – leitete die Diplomatie aller zugehörigen Staaten.

Aber trotzdem war die Zeit schon 1878 für den ersten Weltkrieg reif. Die Russen standen vor Konstantinopel, England wollte eingreifen, Frankreich und Österreich auch; der Krieg wäre sofort nach Asien und Afrika und vielleicht Amerika ausgedehnt worden, denn die Bedrohung Indiens von Turkestan her, die Frage der Herrschaft über Ägypten und den Suezkanal, chinesische Probleme traten hervor, und dahinter lag der beginnende Wettstreit Londons und Newyorks, das die englischen Sympathien für die Südstaaten im Sezessionskrieg nicht vergessen hatte. Nur die persönliche Überlegenheit Bismarcks schob die Entscheidung der großen Machtfragen, die auf friedlichem Wege unmöglich war, der Zukunft zu, aber um den Preis, daß nun an die Stelle von wirklichen Kriegen ein Wettrüsten für mögliche trat, eine neue Form des Krieges im gegenseitigen Übertreffen an Zahl der Soldaten, der Geschütze, der Erfindungen, der zur Verfügung stehenden Geldsummen, die die Spannung seitdem längst ins Unerträgliche wachsen ließ. Und eben damals begann, vom Europa der Bismarckzeit gänzlich unbeachtet, Japan unter Mutsuhito (1869) sich zu einer Großmacht europäischen Stils zu entwickeln mit Heer, Taktik und Rüstungsindustrie, und die Vereinigten Staaten zogen die Folgerung aus dem Bürgerkrieg von 1861-65, in welchem das Element der Siedler und Plantagenbesitzer dem der Kohle, der Industrie, der Banken und Börsen erlegen war: der Dollar begann eine Rolle in der Welt zu spielen.

Seit dem Ende des Jahrhunderts wird der Verfall dieses Staatensystems sehr deutlich, allerdings nicht für die leitenden Staatsmänner, unter denen es keinen einzigen von irgendwelcher Bedeutung mehr gibt. Sie erschöpfen sich alle in den gewohnten Kombinationen, Bündnissen und Verständigungen, vertrauen alle für die Dauer ihrer Amtszeit auf die äußere Ruhe, welche durch die stehenden Heere repräsentiert wurde, und denken alle an die Zukunft wie an eine verlängerte Gegenwart. Und über alle Städte Europas und Nordamerikas hin hallt das Triumphgeschrei über den »Fortschritt der Menschheit«, der sich in der Länge der Eisenbahnen und Leitartikel, der Höhe der Fabrikschornsteine und radikalen Wahlziffern und der Dicke der Panzerplatten und der Aktienpakete in den Geldschränken täglich bewies; ein Triumphgeschrei, das den Donner amerikanischer Kanonen gegen die spanischen Schiffe in Manila und Havanna und selbst den der neuen japanischen Steilfeuergeschütze übertönte, mit denen die kleinen, vom dummen Europa verwöhnten und bewunderten gelben Männer bewiesen, auf wie schwachen Füßen dessen technische Überlegenheit stand, und mit denen sie das auf seine Westgrenze starrende Rußland sehr nachdrücklich wieder an Asien erinnerten.

Allerdings hatte Rußland gerade jetzt einen Anlaß, sich mit »Europa« zu beschäftigen: Es stand fest, daß Österreich-Ungarn den Tod des Kaisers Franz Joseph nicht oder kaum überleben werde, und es fragte sich, in welchen Formen die Neuordnung dieser weiten Gebiete sich vollziehen und ob das ohne Krieg möglich sein werde. Es gab außer verschiedenen, einander ausschließenden Plänen und Tendenzen im Innern des Donaureiches die Gedanken von hoffenden Nachbarn und darüber hinaus die Erwartungen fernerer Mächte, die hier einen Konflikt wünschten, um anderswo ihren eigenen Zielen näherzukommen. Das Staatensystem Europas als Einheit war nun zu Ende, und der 1878 aufgeschobene Weltkrieg drohte um derselben Probleme willen an derselben Stelle auszubrechen. Es geschah 1912.

Inzwischen begann dieses System in eine Form überzugehen, die heute noch fortdauert und die an den Orbis terrarum der späthellenistischen und römischen Jahrhunderte erinnert: in der Mitte lagen damals die alten Stadtstaaten der Griechen einschließlich Roms und Karthagos und ringsumher der »Kreis der Länder«, der für ihre Entscheidungen die Heere und das Geld lieferte. Aus der Erbschaft Alexanders des Großen stammten Makedonien, Syrien und Ägypten, aus derjenigen Karthagos Afrika und Spanien, Rom hatte Nord- und Süditalien erobert und Cäsar fügte Gallien hinzu. Der Kampf um die Frage, wer das kommende Imperium organisieren und beherrschen sollte, wurde von Hannibal und Scipio bis auf Antonius und Oktavian mit den Mitteln der großen Randgebiete geführt. Und ebenso entwickelten sich die Verhältnisse in den letzten Jahrzehnten vor 1914. Eine Großmacht europäischen Stils war ein Staat, der auf europäischem Boden einige hunderttausend Mann unter Waffen hielt und Geld und Material genug besaß, um sie im Ernstfall auf absehbare Zeit zu verzehnfachen, und der dahinter in fremden Erdteilen weite Randgebiete beherrschte, die mit ihren Flottenstützpunkten, Kolonialtruppen und einer Bevölkerung von Rohstofferzeugern und Produktionsabnehmern die Unterlage für den Reichtum und damit die militärische Stoßkraft des Kernlandes bildeten. Es war die gewissermaßen aktuelle Form des englischen Empire, des französischen Westafrika und des russischen Asien, während in Deutschland die Beschränktheit der Minister und Parteien die jahrzehntelange Gelegenheit versäumt hatte, in Mittelafrika ein großes Kolonialreich zu errichten, das im Kriegsfall auch ohne Verbindung mit der Heimat eine Macht gewesen wäre und jedenfalls die völlige Ausschließung von der See verhindert hätte. Aus dem hastigen Streben, die noch verfügbare Welt in Interessensphären aufzuteilen, ergaben sich die sehr ernsten Reibungen zwischen Rußland und England in Persien und im Golf von Tschili, zwischen England und Frankreich in Faschoda, zwischen Frankreich und Deutschland in Marokko, zwischen allen diesen Mächten in China.

Überall lagen die Anlässe zu einem großen Kriege, der immer wieder mit sehr verschiedener Verteilung der Gegner vor dem Ausbruch stand – im Faschodafalle und im russisch-japanischen Konflikt zwischen Rußland und Frankreich auf der einen, England und Japan auf der anderen Seite –, bis er in einer völlig sinnlosen Form 1914 zur Entwicklung kam. Es war eine Belagerung Deutschlands als des »Reichs der Mitte« durch die ganze Welt, der letzte Versuch, in alter Weise die großen fernen Fragen auf deutschem Boden auszukämpfen, sinnlos dem Ziel und dem Orte nach; er hätte sofort eine ganz andere Gestalt, andere Ziele und einen anderen Ausgang gewonnen, wenn es gelungen wäre, Rußland frühzeitig zu einem Sonderfrieden mit Deutschland zu bringen, was notwendig den Übergang Rußlands auf die Seite der Mittelmächte zur Folge gehabt haben würde. In dieser Gestalt war der Krieg ein notwendiger Mißerfolg, denn die großen Probleme sind heute so ungelöst wie je und konnten durch die Verbindung von natürlichen Feinden wie England und Rußland, Japan und Amerika gar nicht gelöst werden. Dieser Krieg bezeichnet das Ende aller Traditionen der großen Diplomatie, deren letzter Repräsentant Bismarck gewesen war. Keiner der jämmerlichen Staatsmänner begriff mehr die Aufgaben seines Amtes und die geschichtliche Stellung seines Landes. Mehr als einer hat es seitdem zugestanden, daß er ratlos und ohne sich zu wehren in den Gang der Ereignisse hineingetrieben wurde. So ging die Tatsache »Europa« dumm und würdelos zu Ende.

Wer war hier Sieger, wer der Besiegte? 1918 glaubte man es zu wissen, und Frankreich wenigstens hält krampfhaft an seiner Auffassung fest, weil es den letzten Gedanken seines politischen Daseins als Großmacht, die Revanche, seelisch nicht preisgeben darf. Aber England? Oder gar Rußland? Hat sich hier die Geschichte aus Kleists Novelle »Der Zweikampf« in welthistorischem Ausmaße abgespielt? War »Europa« der Besiegte? Oder die Mächte der Tradition? In Wirklichkeit ist eine neue Form der Welt entstanden als Voraussetzung künftiger Entscheidungen, die mit furchtbarer Wucht hereinbrechen werden. Rußland ist von Asien seelisch zurückerobert worden, und vom englischen Empire ist es fraglich, ob sein Schwerpunkt noch in Europa liegt. Der Rest »Europas« befindet sich zwischen Asien und Amerika – zwischen Rußland und Japan im Osten und Nordamerika und den englischen Dominions im Westen und besteht heute im Grunde nur noch aus Deutschland, das seinen alten Rang als Grenzmacht gegen »Asien« wieder einnimmt, aus Italien, das eine Macht ist, solange Mussolini lebt, und vielleicht im Mittelmeer die größere Basis einer wirklichen Weltmacht gewinnen wird, und Frankreich, das sich noch einmal als Herrn von Europa betrachtet und zu dessen politischen Einrichtungen der Genfer Völkerbund und die Gruppe der Südoststaaten gehören. Aber alles das sind vielleicht oder wahrscheinlich flüchtige Erscheinungen. Die Verwandlung der politischen Formen der Welt schreitet rasch vorwärts, und niemand kann ahnen, wie in einigen Jahrzehnten die Landkarte Asiens, Afrikas und selbst Amerikas aussehen wird.

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