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Jahre der Entscheidung

Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
authorOswald Spengler
titleJahre der Entscheidung
publisherdtv
year1961
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080312
projectid0f0ccb59
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Dazu kommt die allgemeine Angst vor der Wirklichkeit. Wir »Bleichgesichter« haben sie alle, obwohl wir ihrer sehr selten, die meisten nie bewußt werden. Es ist die seelische Schwäche des späten Menschen hoher Kulturen, der in seinen Städten vom Bauerntum der mütterlichen Erde und damit vom natürlichen Erleben von Schicksal, Zeit und Tod abgeschnitten ist. Er ist allzu wach geworden, an das ewige Nachdenken über das Gestern und Morgen gewohnt und erträgt das nicht, was er sieht und sehen muß: den unerbittlichen Gang der Dinge, den sinnlosen Zufall, die wirkliche Geschichte mit ihrem mitleidlosen Schritt durch die Jahrhunderte, in die der einzelne mit seinem winzigen Privatleben an bestimmter Stelle unwiderruflich hineingeboren ist. Das ist es, was er vergessen, widerlegen, abstreiten möchte. Er flieht aus der Geschichte in die Einsamkeit, in erdachte und weltfremde Systeme, in irgendeinen Glauben, in den Selbstmord. Er steckt, als ein grotesker Vogel Strauß, seinen Kopf in Hoffnungen, Ideale, in feigen Optimismus: es ist so, aber es soll nicht so sein, also ist es anders. Wer nachts im Walde singt, tut es aus Angst. Aus derselben Angst schreit heute die Feigheit der Städte ihren angeblichen Optimismus in die Welt hinaus. Sie vertragen die Wirklichkeit nicht mehr. Sie setzen ihr Wunschbild der Zukunft an die Stelle der Tatsachen – obwohl die Geschichte sich noch nie um Wünsche der Menschen gekümmert hat –, vom Schlaraffenland der kleinen Kinder bis zum Weltfrieden und Arbeiterparadies der großen.

So wenig man von den Ereignissen der Zukunft weiß – nur die allgemeine Form künftiger Tatsachen und deren Schritt durch die Zeiten läßt sich aus dem Vergleich mit anderen Kulturen erschließen –, so sicher ist es, daß die bewegenden Mächte der Zukunft keine anderen sind als die der Vergangenheit: der Wille des Stärkeren, die gesunden Instinkte, die Rasse, der Wille zu Besitz und Macht: und darüber hin schwanken wirkungslos die Träume, die immer Träume bleiben werden: Gerechtigkeit, Glück und Friede.

Dazu kommt aber für unsere Kultur seit dem 16. Jahrhundert die rasch wachsende Unmöglichkeit für die meisten, die immer verwickelter und undurchsichtiger werdenden Ereignisse und Lagen der großen Politik und Wirtschaft noch zu übersehen und die in ihnen wirkenden Mächte und Tendenzen zu begreifen, geschweige denn zu beherrschen. Die echten Staatsmänner werden immer seltener. Das meiste, was in der Geschichte dieser Jahrhunderte gemacht und nicht geschehen ist, ist von Halbkennern und Dilettanten gemacht worden, die Glück hatten. Aber sie konnten sich immerhin auf die Völker verlassen, deren Instinkt sie gewähren ließ. Erst heute ist dieser Instinkt so schwach und die redselige Kritik aus fröhlicher Ungewißheit so stark geworden, daß die wachsende Gefahr besteht, ein wirklicher Staatsmann und Kenner der Dinge werde nicht etwa instinktiv gebilligt oder auch nur murrend ertragen, sondern durch den Widerstand aller Besserwisser gehindert, das zu tun, was getan werden muß. Das erste konnte Friedrich der Große erfahren, das letzte wurde beinahe das Schicksal Bismarcks. Die Größe und die Schöpfungen solcher Führer würdigen können erst späte Geschlechter und nicht einmal die. Aber es kommt darauf an, daß die Gegenwart sich auf Undank und Unverständnis beschränkt und nicht zu Gegenwirkungen übergeht. Besonders die Deutschen sind groß darin, schöpferische Taten zu beargwöhnen, zu bekritteln, zu vereiteln. Die historische Erfahrung und die Stärke der Tradition, wie sie im englischen Leben zu Hause sind, gehen ihnen ab. Das Volk der Dichter und Denker, das im Begriff ist, ein Volk der Schwätzer und Hetzer zu werden! Jeder wirkliche Staatslenker ist unpopulär, die Folge der Angst, Feigheit und Unkenntnis der Zeitgenossen, aber selbst um das zu verstehen, muß man mehr sein als ein »Idealist«.

Wir befinden uns heute noch im Zeitalter des Rationalismus, das im 18. Jahrhundert begann und im 20. rasch zu Ende geht. Wir sind alle seine Geschöpfe, ob wir es wissen und wollen oder nicht. Das Wort ist jedem geläufig, aber wer weiß, was alles dazu gehört? Es ist der Hochmut des städtischen, entwurzelten, von keinem starken Instinkt mehr geleiteten Geistes, der auf das blutvolle Denken der Vergangenheit und die Weisheit alter Bauerngeschlechter mit Verachtung herabsieht. Es ist die Zeit, in der jeder lesen und schreiben kann und deshalb mitreden will und alles besser versteht. Dieser Geist ist von Begriffen besessen, den neuen Göttern dieser Zeit, und er übt Kritik an der Welt: sie taugt nichts, wir können das besser machen, wohlan, stellen wir ein Programm der besseren Welt auf! Nichts ist leichter als das, wenn man Geist hat. Verwirklichen wird es sich dann wohl von selbst. Wir nennen das einstweilen den »Fortschritt der Menschheit«. Da es einen Namen hat, ist es da. Wer daran zweifelt, ist beschränkt, ein Reaktionär, ein Ketzer, vor allem ein Mensch ohne demokratische Tugend: aus dem Wege mit ihm! So ist die Angst vor der Wirklichkeit vom geistigen Hochmut überwunden worden, dem Dünkel aus Ungewißheit in allen Dingen des Lebens, aus seelischer Armut, aus Mangel an Ehrfurcht, zuletzt aus weltfremder Dummheit, denn nichts ist dümmer als die wurzellose städtische Intelligenz. In englischen Kontoren und Klubs nannte man sie common sense , in französischen Salons esprit , in deutschen Gelehrtenstuben die reine Vernunft. Der flache Optimismus des Bildungsphilisters beginnt die elementaren Tatsachen der Geschichte nicht mehr zu fürchten, sondern zu verachten. Jeder Besserwisser will sie in sein erfahrungsfremdes System einordnen, sie begrifflich vollkommener machen als sie wirklich sind, sie sich im Geiste Untertan wissen, weil er sie nicht mehr erlebt, sondern nur noch erkennt. Dieser doktrinäre Hang zur Theorie aus Mangel an Erfahrung, besser: aus mangelnder Begabung Erfahrungen zu machen, äußert sich literarisch im unermüdlichen Entwerfen von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen und Utopien, praktisch in der Wut des Organisierens, die zum abstrakten Selbstzweck wird und Bürokratien zur Folge hat, die an ihrem eigenen Leerlauf zugrunde gehen oder lebendige Ordnungen zugrunde richten. Der Rationalismus ist im Grunde nichts als Kritik, und der Kritiker ist das Gegenteil des Schöpfers: er zerlegt und fügt zusammen: Empfängnis und Geburt sind ihm fremd. Deshalb ist sein Werk künstlich und leblos und tötet, wenn es mit wirklichem Leben zusammentrifft. All diese Systeme und Organisationen sind auf dem Papier entstanden, methodisch und absurd, und leben nur auf dem Papier. Das beginnt zur Zeit Rousseaus und Kants mit philosophischen, sich im Allgemeinen verlierenden Ideologien, geht im 19. Jahrhundert zu wissenschaftlichen Konstruktionen über mit naturwissenschaftlicher, physikalischer, darwinistischer Methode – Soziologie, Nationalökonomie, materialistische Geschichtsschreibung – und verliert sich im 20. im Literatentum der Tendenzromane und Parteiprogramme.

Aber man täusche sich nicht: Idealismus und Materialismus gehören gleichmäßig dazu. Sie sind beide rationalistisch durch und durch, Kant nicht weniger als Voltaire und Holbach, Novalis ebenso wie Proudhon, die Ideologen der Befreiungskriege ebenso wie Marx, die materialistische Auffassung der Geschichte in demselben Grade wie die idealistische: Ob man als deren »Sinn« und »Zweck« den Fortschritt, die Technik, die »Freiheit«, das »Glück der meisten« ansieht, oder die Blüte von Kunst, Dichtung und Denken, das macht wenig aus. In beiden Fällen hat man nicht bemerkt, das das Schicksal in der Geschichte von ganz anderen, robusteren Mächten abhängt. Menschengeschichte ist Kriegsgeschichte. Von den wenigen echten Historikern von Rang ist keiner populär geworden, und von den Staatsmännern wurde Bismarck es erst, als es ihm nichts mehr half.

Aber ebenso wie Idealismus und Materialismus ist die Romantik ein Ausdruck rationalistischer Überhebung aus Mangel an Sinn für die Wirklichkeit. Sie sind im tiefsten Grunde verwandt und es wird schwer sein, bei irgendeinem politischen oder sozialen Romantiker die Grenze zwischen diesen Richtungen des Denkens zu finden. In jedem bedeutenden Materialisten steckt ein heimlicher Romantiker. Gewiß, man verachtet den kalten, flachen, methodischen Geist der andern, aber man besitzt selbst genug davon, um es mit den gleichen Mitteln, dem gleichen Dünkel zu tun. Romantik ist kein Zeichen starker Instinkte, sondern schwachen, sich selbst hassenden Intellekts. Sie sind alle infantil, diese Romantiker, Männer, die zu lange oder immer Kinder geblieben sind, ohne die Kraft zur Selbstkritik, aber mit ewigen Hemmungen aus dem dumpfen Bewußtsein persönlicher Schwäche und von dem kranken Gedanken getrieben, die Gesellschaft abzuändern, die ihnen zu männlich, zu gesund, zu nüchtern ist, nicht mit dem Messer und Revolver wie in Rußland, beileibe nicht, sondern mit edlem Gerede und poetischen Theorien. Wehe ihnen, wenn sie nicht künstlerische Begabung genug besitzen, um sich die fehlende Gestaltungskraft wenigstens einzureden! Aber auch da sind sie weibisch und schwächlich: sie können keinen großen Roman, keine strenge Tragödie auf die Beine stellen, noch weniger eine geschlossene starke Philosophie; nur innerlich formlose Lyrik, blutleere Schemata und fragmentarische Gedanken kommen zum Vorschein, weltfremd und weltfeindlich bis zur Absurdität. Aber so waren auch die ewigen »Jünglinge« nach 1815 mit ihren altteutschen Röcken und Tabakspfeifen, auch Jahn und Arndt; selbst Stein konnte seinen romantischen Geschmack an altertümlichen Staatsordnungen nicht so weit bändigen, um von seiner großen praktischen Erfahrung den diplomatisch erfolgreichen Gebrauch zu machen. Gewiß, sie waren heldenhaft, edel und jeden Augenblick bereit Märtyrer zu sein, aber sie sprachen zu viel von deutschem Wesen und zu wenig von Eisenbahnen und Zollverein, und deshalb sind sie für die wirkliche Zukunft Deutschlands nur ein Hindernis gewesen. Haben sie je den Namen des großen Friedrich List gehört, der 1846 Selbstmord beging, weil niemand seine vorausschauenden realpolitischen Ziele – den Aufbau einer deutschen Nationalwirtschaft – begriff und unterstützte? Aber die Namen Arminius und Thusnelda kannten sie alle.

Und genau dieselben ewigen Jünglinge sind heute wieder da, unausgereift, ohne irgend eine Erfahrung oder den guten Willen dazu, aber frischweg über Politik schreibend und mitredend, von Uniformen und Abzeichen begeistert und mit dem fanatischen Glauben an irgend eine Theorie. Es gibt eine Sozialromantik des schwärmerischen Kommunismus, eine politische Romantik, die Wahlziffern und den Rausch von Massenreden für Taten hält, und eine Wirtschaftsromantik, die ohne alle Kenntnis der inneren Formen realer Wirtschaft hinter den Geldtheorien kranker Gehirne herläuft. Sie fühlen sich nur in Masse, weil sie da das dunkle Gefühl ihrer Schwäche betäuben können, indem sie sich multiplizieren. Und das nennen sie Überwindung des Individualismus.

Und sie sind, wie alle Rationalisten und Romantiker, sentimental wie ein Gassenhauer. Schon der Contrat social und die Menschenrechte stammen aus dem Zeitalter der Empfindsamkeit. Burke betonte als echter Staatsmann demgegenüber mit Recht, daß sie da drüben ihre Rechte nicht als Menschen, sondern als Engländer forderten. Das war praktisch und politisch gedacht, nicht rationalistisch aus Zuchtlosigkeit der Gefühle. Denn diese üble Sentimentalität, die über allen theoretischen Strömungen dieser zwei Jahrhunderte liegt, dem Liberalismus, Kommunismus, Pazifismus, über allen Büchern, Reden und Revolutionen, stammt aus seelischer Unbeherrschtheit, aus persönlicher Schwäche, aus Mangel an Zucht durch eine strenge alte Tradition. Sie ist »bürgerlich« oder »plebejisch«, soweit das Schimpfworte sind. Sie sieht die menschlichen Dinge, die Geschichte, das politische und wirtschaftliche Schicksal von unten, klein und kleinlich, aus dem Kellerfenster, von der Gasse, dem Literatencafé, der Volksversammlung her, nicht aus der Höhe und Ferne. Jede Art von Größe, alles was aufragt, herrscht, überlegen ist, ist ihr verhaßt, und Aufbau bedeutet ihr in Wirklichkeit den Abbau aller Schöpfungen der Kultur, des Staates, der Gesellschaft bis zum Niveau der kleinen Leute, über das ihr armseliges Gefühl nicht begreifend hinausragt. Das allein ist heute volkstümlich und volksfreundlich, denn »Volk« bedeutet im Munde jedes Rationalisten und Romantikers nicht die formvolle, vom Schicksal im Laufe langer Zeiten gestaltete, geschichtete Nation, sondern den Teil der flachen formlosen Masse, den jeder gerade als seinesgleichen empfindet, vom »Proletariat« bis zur »Menschheit«.

Diese Herrschaft des städtischen wurzellosen Geistes geht heute zu Ende. Als letzte Art des Verstehens der Dinge wie sie sind erscheint die Skepsis, der gründliche Zweifel an Sinn und Wert des theoretischen Nachdenkens, an dessen Fähigkeit, kritisch und begrifflich irgend etwas zu erschließen und praktisch irgend etwas zu leisten: die Skepsis in Form der großen historischen und physiognomischen Erfahrung, des unbestechlichen Blickes für Tatsachen, der wirklichen Menschenkenntnis, die lehrt, wie der Mensch war und ist und nicht wie er sein sollte, des echten Geschichtsdenkens, das unter anderem lehrt, wie oft solche Zeitalter der allmächtigen Kritik schon da waren und wie erfolglos sie vergangen sind; die Ehrfurcht vor den Tatsachen des Weltgeschehens, die innerlich Geheimnisse sind und bleiben, die wir nur beschreiben und nicht erklären können und die praktisch nur durch Menschen von starker Rasse, die selbst historische Tatsachen sind, gemeistert werden können und nicht durch sentimentale Programme und Systeme. Dieses harte historische Wissen um die Tatsachen, wie es in diesem Jahrhundert beginnt, ist den weichen, unbeherrschten Naturen unerträglich. Sie hassen den, der sie feststellt, und nennen ihn einen Pessimisten. Nun gut, aber dieser starke Pessimismus, zu dem die Menschenverachtung aller großen Tatmenschen gehört, die Menschenkenner sind, ist etwas ganz anders als der feige der kleinen müden Seelen, welche das Leben fürchten und den Blick auf die Wirklichkeit nicht ertragen. Das erhoffte Leben in Glück, Frieden, ohne Gefahr, in breitem Behagen ist langweilig, greisenhaft und ist außerdem nur denkbar, nicht möglich. An dieser Tatsache, an der Wirklichkeit der Geschichte, scheitert jede Ideologie.

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