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Jahre der Entscheidung

Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung - Kapitel 20
Quellenangabe
typeessay
authorOswald Spengler
titleJahre der Entscheidung
publisherdtv
year1961
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
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18

Diese Weltrevolution ist nicht zu Ende. Sie wird die Mitte, vielleicht das Ende dieses Jahrhunderts überdauern. Sie schreitet unaufhaltsam fort, ihren letzten Entscheidungen entgegen, mit der geschichtlichen Unerbittlichkeit eines großen Schicksals, dem keine Zivilisation der Vergangenheit ausweichen konnte und das alle weißen Völker der Gegenwart seiner Notwendigkeit unterwirft. Wer ihr Ende predigt oder sie besiegt zu haben glaubt, der hat sie gar nicht verstanden. Ihre gewaltigsten Jahrzehnte brechen erst an. Jede führende Persönlichkeit im Zeitalter der gracchischen Revolution, Scipio so gut wie sein Gegner Hannibal, Sulla nicht weniger als Marius, jedes große Ereignis, der Untergang Karthagos, die spanischen Kriege, der Aufstand der italischen Bundesgenossen, Sklavenrevolten von Sizilien bis Kleinasien sind nur Formen, in denen diese tief innerliche Krise der Gesellschaft, das heißt des organischen Baues der Kulturnationen, ihrer Vollendung entgegengeht. Es war im Ägypten der Hyksoszeit, im China der »Kämpfenden Staaten« und überall sonst in den »gleichzeitigen« Abschnitten der Geschichte ebenso, wie wenig wir auch davon wissen mögen. Hier sind wir alle ohne Ausnahme Sklaven des »Willens« der Geschichte, mitwirkende, ausführende Organe eines organischen Geschehens:

Und wer sich vermißt, es klüglich zu wenden,
Der muß es selber erbauend vollenden. (Schiller)

In diesem ungeheuren Zweikampf großer Tendenzen, der sich über die weiße Welt hin in Kriegen, Umstürzen, starken Persönlichkeiten voller Glück und Tragik, gewaltigen Schöpfungen von dennoch flüchtigem Bestande abspielt, erfolgt heute noch die Offensive von unten, von der städtischen Masse her, die Defensive von oben, noch schwächlich und ohne das gute Gewissen ihrer Notwendigkeit. Das Ende wird erst sichtbar werden, wenn das Verhältnis sich umkehrt, und das steht nahe bevor.

Es gibt in solchen Zeiten zwei natürliche Parteien, zwei Fronten des Klassenkampfes, zwei innerliche Mächte und Richtungen, mögen sie sich nennen, wie sie wollen, und nur zwei, gleichviel in welcher Zahl Parteiorganisationen vorhanden sind und ob sie da sind. Die fortschreitende Bolschewisierung der Massen in den Vereinigten Staaten beweist es, der russische Stil in ihrem Denken, Hoffen und Wünschen. Das ist eine »Partei«. Noch gibt es kein Zentrum des Widerstandes dagegen in diesem Lande, das kein Gestern und vielleicht kein Morgen hat. Die glänzende Episode der Dollarherrschaft und ihrer sozialen Struktur, mit dem Sezessionskrieg 1865 beginnend, scheint vor dem Ende zu stehen. Wird Chikago das Moskau der Neuen Welt sein? In England hat die Oxford Union Society, der größte Studentenklub der vornehmsten Universität des Landes, mit erdrückender Mehrheit den Beschluß gefaßt: Dies Haus wird unter keinen Umständen für König und Vaterland kämpfen. Das bedeutet das Ende der Gesinnung, die alle Parteibildungen bis dahin beherrscht hatte. Es ist nicht unmöglich, daß die angelsächsischen Mächte im Begriff sind zu vergehen. Und das westeuropäische Festland? Am freiesten von diesem weißen Bolschewismus ist – Rußland, in dem es keine »Partei« mehr gibt, sondern unter diesem Namen eine regierende Horde altasiatischer Art. Hier gibt es auch keinen Glauben mehr an ein Programm, sondern nur noch die Furcht vor dem Tode – durch Entziehung der Lebensmittelkarte, des Passes, durch Verschickung in ein Arbeitslager, durch eine Kugel oder den Strang.

Vergebens bemüht sich die Feigheit ganzer Schichten, für eine versöhnliche »Mitte« gegen »rechts-« und »links«radikale Tendenzen einzutreten. Die Zeit selbst ist radikal. Sie duldet keine Kompromisse. Die Tatsache der bestehenden Übermacht der Linken, der erwachende Wille zu einer Rechtsbewegung, die einstweilen nur in engen Kreisen, in einigen Heeren, unter anderm auch im englischen Oberhaus einen Stützpunkt hat, lassen sich nicht aus der Welt schaffen oder verleugnen. Deshalb ist die liberale Partei Englands verschwunden, und wird ihre Erbin, die Labour Party, in der heutigen Gestalt verschwinden. Deshalb verschwanden die Mittelparteien Deutschlands ohne Widerstand. Der Wille zur Mitte ist der greisenhafte Wunsch nach Ruhe um jeden Preis, nach Verschweizerung der Nationen, nach geschichtlicher Abdankung, mit der man sich einbildet, den Schlägen der Geschichte entronnen zu sein. Der Gegensatz zwischen gesellschaftlicher Rangordnung und städtischer Masse, zwischen Tradition und Bolschewismus, zwischen dem überlegenen Dasein weniger und der niederen, massenhaften Handarbeit oder wie man es nennen will, ist da. Es gibt nichts Drittes. Aber ebenso ist es ein Irrtum, an die Möglichkeit einer einzigen Partei zu glauben. Parteien sind liberal-demokratische Formen der Opposition. Sie setzen eine Gegenpartei voraus. Eine Partei ist im Staate so unmöglich, wie ein Staat in einer staatenlosen Welt. Die politische Grenze – des Landes oder der Gesinnung – trennt immer zwei Mächte voneinander. Es ist die Kinderkrankheit aller Revolutionen, an eine siegreiche Einheit zu glauben, während das Problem der Zeit, aus dem sie selbst hervorgegangen sind, den Zwiespalt fordert. So werden die großen Krisen der Geschichte nicht gelöst. Sie wollen reifen, um in neue, in neue Kämpfe überzugehen. Der »totale Staat«, ein italienisches Schlagwort, das ein internationales Modewort geworden ist, war schon von den Jakobinern verwirklicht – für die zwei Jahre des Terrors nämlich. Aber sobald sie die verfallenen Mächte des ancien régime vernichtet und die Diktatur begründet hatten, spalteten sie sich selbst in Girondisten und Montagnards, und die ersten nahmen den verlassenen Platz ein. Ihre Führer fielen der Linken zum Opfer, aber deren Nachfolger machten es mit der Linken ebenso. Dann, mit dem Thermidor, begann das Warten auf den siegreichen General. Man kann eine Partei als Organisation und Bürokratie von Gehaltsempfängern zerstören, als Bewegung, als seelisch-geistige Macht aber nicht. Der naturnotwendige Kampf wird damit in die übriggebliebene Partei verlegt. Dort bilden sich neue Fronten, um ihn fortzusetzen. Er läßt sich bestreiten und verdecken, aber er ist da.

Das gilt vom Faschismus und von jeder der zahlreichen nach seinem Muster entstandenen oder noch, etwa in Amerika, entstehenden Bewegungen. Hier ist jede einzelne vor eine unvermeidliche Wahl gestellt. Man muß wissen, ob man »rechts« oder »links« steht, mit Entschiedenheit, sonst entscheidet der Gang der Geschichte darüber, der stärker ist als alle Theorie und ideologische Träumerei. Eine Versöhnung ist heute so unmöglich wie im Zeitalter der Gracchen.

Der abendländische Bolschewismus ist nirgends tot außer in Rußland. Wenn man seine Kampforganisationen vernichtet, lebt er in neuen Formen weiter, als linker Flügel der Partei, die ihn besiegt zu haben glaubt, als Gesinnung, über deren Vorhandensein im eigenen Denken einzelne und ganze Massen sich gründlich täuschen können, als Bewegung, die eines Tages plötzlich in organisierten Formen hervorbricht.

Was heißt denn »links«? Schlagworte des vorigen Jahrhunderts wie Sozialismus, Marxismus, Kommunismus sind veraltet; sie sagen nichts mehr. Man gebraucht sie, um sich nicht Rechenschaft darüber ablegen zu müssen, wo man wirklich steht. Aber die Zeit verlangt Klarheit. »Links« ist, was Partei ist, was an Parteien glaubt, denn das ist eine liberale Form des Kampfes gegen die höhere Gesellschaft, des Klassenkampfes seit 1770, der Sehnsucht nach Mehrheiten, nach dem Mitlaufen »aller«, Quantität statt Qualität, die Herde statt des Herrn. Aber der echte Cäsarismus aller endenden Kulturen stützt sich auf kleine, starke Minderheiten. Links ist, was ein Programm hat, denn das ist der intellektuelle, rationalistisch-romantische Glaube, die Wirklichkeit durch Abstraktionen bezwingen zu können. Links ist die lärmende Agitation auf dem Straßenpflaster und in Volksversammlungen, die Kunst, die städtische Masse durch starke Worte und mittelmäßige Gründe umzuwerfen: In der Gracchenzeit hat sich die lateinische Prosa zu jenem rhetorischen Stil entwickelt, der zu nichts taugt als zu spitzfindiger Rhetorik und den wir bei Cicero finden. Links ist die Schwärmerei für Massen überhaupt als Grundlage der eigenen Macht, der Wille, das Ausgezeichnete einzuebnen, den Handarbeiter mit dem Volk gleichzusetzen unter verächtlichen Seitenblicken auf Bauern- und Bürgertum.

Eine Partei ist nicht nur eine veraltende Form, sie ruht auch auf der schon veralteten Massenideologie, sie sieht die Dinge von unten, sie läuft dem Denken der meisten nach. »Links« ist zuletzt und vor allem der Mangel an Achtung vor dem Eigentum, obwohl keine Rasse einen so starken Instinkt für Besitz hat wie die germanische, und zwar deshalb, weil sie die willensstärkste aller historischen Rassen gewesen ist. Der Wille zum Eigentum ist der nordische Sinn des Lebens. Er beherrscht und gestaltet unsere gesamte Geschichte von den Eroberungszügen halbmythischer Könige bis in die Form der Familie der Gegenwart hinein, die stirbt, wenn die Idee des Eigentums erlischt. Wer den Instinkt dafür nicht hat, der ist nicht »von Rasse«.

Das ist die große Gefahr der Mitte dieses Jahrhunderts, daß man fortsetzt, was man bekämpfen möchte. Es ist das Zeitalter der Zwischenlösungen und Übergänge. Aber solange das möglich ist, ist die Revolution nicht zu Ende. Der Cäsarismus der Zukunft wird nicht überreden, sondern mit der Waffe siegen. Erst wenn das selbstverständlich geworden ist, wenn man die Mehrheit als Einwand empfindet, sie verachtet, wenn jemand die Masse, die Partei in jedem Sinne, alle Programme und Ideologien unter sich sieht, ist die Revolution überwunden. Auch im Faschismus besteht die gracchische Tatsache zweier Fronten – die linke der unteren städtischen Masse und die rechte der gegliederten Nation vom Bauern bis zu den führenden Schichten der Gesellschaft –, aber sie ist durch die napoleonische Energie eines Einzelnen unterdrückt. Aufgehoben ist der Gegensatz nicht und kann es nicht sein, und er wird in schweren Diadochenkämpfen in dem Augenblick wieder zutage treten, wo diese eiserne Hand das Steuer verläßt. Auch der Faschismus ist ein Übergang. Er hat sich von der städtischen Masse her entwickelt, als Massenpartei mit lärmender Agitation und Massenreden. Tendenzen des Arbeitersozialismus sind ihm nicht fremd. Aber solange eine Diktatur »sozialen« Ehrgeiz hat, um des »Arbeiters« willen da zu sein behauptet, auf den Gassen wirbt und populär ist, so lange ist sie Zwischenform. Der Cäsarismus der Zukunft kämpft nur um Macht, für ein Reich und gegen jede Art von Partei.

Jede ideologische Bewegung glaubt an das Endgültige ihrer Leistungen. Sie lehnt den Gedanken ab, daß »nach ihr« die Geschichte weitergehe. Noch fehlt ihr die cäsarische Skepsis und Menschenverachtung, das tiefe Wissen um die Flüchtigkeit aller Erscheinungen. Der schöpferische Gedanke Mussolinis war groß, und er hat eine internationale Wirkung gehabt: Man sah eine mögliche Form, den Bolschewismus zu bekämpfen. Aber diese Form ist in der Nachahmung des Feindes entstanden und deshalb voller Gefahren: Die Revolution von unten, zum Teil von Untermenschen gemacht und mitgemacht, die bewaffnete Parteimiliz – im Rom Cäsars durch die Banden von Clodius und Milo vertreten –, die Neigung, die geistige und wirtschaftliche Führerarbeit der ausführenden Arbeit unterzuordnen, weil man sie nicht versteht, das Eigentum der anderen gering zu achten, Nation und Masse zu verwechseln, mit einem Wort: die sozialistische Ideologie des vorigen Jahrhunderts.

Das alles gehört zur Vergangenheit. Was die Zukunft vorwegnimmt, ist nicht das Dasein des Faschismus als Partei, sondern einzig und allein die Gestalt ihres Schöpfers. Mussolini ist nicht Parteiführer, obwohl er Arbeiterführer war, sondern der Herr seines Landes. Wahrscheinlich wäre sein Vorbild Lenin das auch geworden, wenn er länger gelebt hätte. Die überlegene Rücksichtslosigkeit seiner Partei gegenüber und den Mut, den Rückzug aus aller Ideologie anzutreten, besaß er, Mussolini ist vor allem Staatsmann, eiskalt und skeptisch, Realist, Diplomat. Er regiert wirklich allein. Er sieht alles – die seltenste Fähigkeit bei einem absoluten Herrscher. Selbst Napoleon wurde von seiner Umgebung isoliert. Die schwersten Siege und die notwendigsten, die ein Herrscher erficht, sind nicht die über Feinde, sondern über die eigene Anhängerschaft, die Prätorianer, die »Ras«, wie sie in Italien hießen. Damit beweist sich der geborene Herr. Wer das nicht weiß und kann und wagt, schwimmt wie ein Flaschenkork auf der Welle, oben und doch ohne Macht. Der vollendete Cäsarismus ist Diktatur, aber nicht die Diktatur einer Partei, sondern die eines Mannes gegen alle Parteien, vor allem die eigene. Jede revolutionäre Bewegung kommt mit einer Avantgarde von Prätorianern zum Sieg, die dann nicht mehr brauchbar und nur noch gefährlich sind. Der wirkliche Herr zeigt sich in der Art, wie er sie verabschiedet, rücksichtslos, undankbar, nur auf sein Ziel blickend, für das er die richtigen Männer erst zu finden hat und zu finden weiß. Das Gegenteil zeigt die Französische Revolution am Anfang: Niemand hat die Macht, alle wollen sie haben. Jeder befiehlt, und niemand gehorcht.

Mussolini ist ein Herrenmensch wie die Kondottieri der Renaissance, der die südliche Schlauheit der Rasse in sich hat und deshalb das Theater seiner Bewegung vollkommen richtig für den Charakter Italiens – die Heimat der Oper berechnet, ohne je selbst davon berauscht zu sein, wovon Napoleon nicht ganz frei war und woran zum Beispiel Rienzi zugrunde ging. Wenn Mussolini sich auf das preußische Vorbild beruft, so hatte er recht: er ist Friedrich dem Großen näher verwandt, selbst dessen Vater, als Napoleon, um von geringeren Beispielen zu schweigen.

Hier muß endlich das entscheidende Wort über »Preußentum« und »Sozialismus «gesagt werden. Ich hatte 1919 beide verglichen, eine lebendige Idee und das herrschende Schlagwort eines vollen Jahrhunderts, und bin – ich möchte sagen: selbstverständlich – nicht verstanden worden. Man versteht heute nicht mehr zu lesen. Diese große Kunst noch der Goethezeit ist ausgestorben. Man überfliegt Gedrucktes »in Masse«, und in der Regel demoralisiert der Leser das Buch. Ich hatte gezeigt, daß in der von Bebel zu einer gewaltigen Armee geschmiedeten Arbeiterschaft, ihrer Disziplin und Gefolgstreue, ihrer Kameradschaft, ihrer Bereitschaft zu den äußersten Opfern jener altpreußische Stil fortlebte, der sich zuerst in den Schlachten des Siebenjährigen Krieges bewiesen hatte. Auf den einzelnen »Sozialisten« als Charakter, auf seine sittlichen Imperative kam es an, nicht auf den in seinen Kopf gehämmerten Sozialismus, dies nichts weniger als preußische Gemisch von dummer Ideologie und gemeiner Begehrlichkeit. Und ich zeigte, daß dieser Typus des In-Form-Seins für eine Aufgabe seine Tradition bis zum Deutschritterorden zurückführt, der in gotischen Jahrhunderten – wie heute wieder – die Grenzwacht der faustischen Kultur gegen Asien hielt. Diese ethische Haltung, unbewußt wie jeder echte Lebensstil und deshalb nur durch lebendiges Vorbild, nicht durch Reden und Schreiben zu wecken und heranzubilden, trat im August 1914 prachtvoll hervor – das Heer hatte Deutschland erzogen – und wurde 1918 von den Parteien verraten, als der Staat erlosch. Seitdem richtete sich das disziplinierte Wollen in der nationalen Bewegung wieder auf, nicht in ihren Programmen und Parteien, sondern in der sittlichen Haltung der besten Einzelnen, und es ist möglich, daß von dieser Grundlage aus das deutsche Volk für die Aufgaben seiner schweren Zukunft langsam und beharrlich erzogen wird, und es ist notwendig, wenn wir nicht in den kommenden Kämpfen zugrunde gehen sollen.

Aber die Flachköpfe kommen nicht aus dem marxistischen Denken des vorigen Jahrhunderts heraus. Sie verstehen überall in der Welt den Sozialismus nicht als sittliche Lebensform, sondern als Wirtschaftssozialismus, als Arbeitersozialismus, als Massenideologie mit materialistischen Zielen. Der Programmsozialismus jeder Art ist Denken von unten, auf gemeinen Instinkten ruhend, Apotheose des Herdengefühls, das sich heute allenthalben hinter dem Schlagwort »Überwindung des Individualismus« versteckt, und das Gegenteil von preußischem Empfinden, das an vorbildlichen Führern die Notwendigkeit einer disziplinierten Hingabe erlebt hat und damit die innere Freiheit der Pflichterfüllung besitzt, das Sich-selbst-Befehlen, Sich-selbst-Beherrschen im Hinblick auf ein großes Ziel.

Der Arbeitersozialismus in jeder Form dagegen ist – ich habe das schon gezeigt – durchaus englischer Herkunft und zugleich mit der Herrschaft der Aktie als der siegreichen Form des heimatlosen Finanzkapitals um 1840 entstanden. Beides ist Ausdruck des freihändlerischen Manchestertums: Dieser »weiße« Bolschewismus ist Kapitalismus von unten, Lohnkapitalismus, wie das spekulierende Finanzkapital seiner Methode nach Sozialismus von oben, von der Börse her ist. Beide entstammen derselben geistigen Wurzel, dem Denken in Geld, dem Handel mit Geld auf dem Pflaster der Weltstädte – ob als Lohnhöhe oder Kursgewinn, ist eine Nebenfrage. Zwischen wirtschaftlichem Liberalismus und Sozialismus besteht kein Gegensatz. Der Arbeitsmarkt ist die Börse des organisierten Proletariats. Die Gewerkschaften sind Trusts für Lohnerpressung von derselben Tendenz und Methode wie die Öl-, Stahl- und Banktrusts nach angloamerikanischem Muster, deren Finanzsozialismus die persönlich und fachmännisch geleiteten Einzelunternehmen durchdringt, unterwirft, aussaugt und bis zur planwirtschaftlichen Enteignung beherrscht. Die verheerende, enteignende Eigenschaft der Aktienpakete und Beteiligungen, die Trennung des bloßen »Habens« von der verantwortlichen Führerarbeit des Unternehmers, der gar nicht mehr weiß, wem eigentlich sein Werk gehört, ist noch lange nicht genug beachtet worden. Die produktive Wirtschaft ist zuletzt nichts als das willenlose Objekt für Börsenmanöver. Erst mit der Herrschaft der Aktie hat die Börse, bis dahin ein bloßes Hilfsmittel der Wirtschaft, die Entscheidung über das Wirtschaftsleben an sich genommen. Diese Finanzsozialisten und Trustmagnaten wie Morgan und Kreuger entsprechen durchaus den Masseführern der Arbeiterparteien und den russischen Wirtschaftskommissaren: Händlernaturen mit dem gleichen Parvenügeschmack. Von beiden Seiten her werden, heute wie zur Gracchenzeit, die konservativen Mächte des Staates, des Heeres, des Eigentums, der Bauer wie der Unternehmer bekämpft.

Aber der preußische Stil fordert nicht nur den Vorrang der großen Politik vor der Wirtschaft, deren Disziplinierung durch einen starken Staat, was die freie Initiative des privaten Unternehmergeistes voraussetzt und nichts weniger ist als parteimäßige, programmatische Organisation und Überorganisation bis zur Aufhebung der Idee des Eigentums, welche gerade unter germanischen Völkern Freiheit des wirtschaftlichen Willens und Herrschaft über das Eigene bedeutet. »Disziplinierung« ist die Schulung eines Rassepferdes durch einen erfahrenen Reiter und nicht die Pressung des lebendigen Wirtschaftskörpers in ein planwirtschaftliches Korsett oder seine Verwandlung in eine taktmäßig klappernde Maschine. Preußisch ist die aristokratische Ordnung des Lebens nach dem Rang der Leistung. Preußisch ist vor allem der unbedingte Vorrang der Außenpolitik, der erfolgreichen Leitung des Staates in einer Welt von Staaten, über die Politik im Innern, die lediglich die Nation für diese Aufgabe in Form zu halten hat und zum Unfug und zum Verbrechen wird, wenn sie unabhängig davon eigene, ideologische Zwecke verfolgt. Hierin liegt die Schwäche der meisten Revolutionen, deren Führer durch Demagogie emporgekommen sind, nichts anderes gelernt haben und deshalb den Weg vom parteimäßigen zum staatsmännischen Denken nicht zu finden wissen – wie Danton und Robespierre. Mirabeau und Lenin starben zu früh, Mussolini ist es geglückt. Aber die Zukunft gehört den großen Tatsachenmenschen, nachdem seit Rousseau Weltverbesserer sich auf der Bühne der Weltgeschichte gespreizt haben und ohne bleibende Spur verschwunden sind.

Preußisch ist endlich ein Charakter, der sich selbst diszipliniert, wie ihn Friedrich der Große besaß und in dem Wort vom ersten Diener seines Staates umschrieben hat. Ein solcher Diener ist kein Bedienter, aber wenn Bebel meinte, daß das deutsche Volk eine Bedientenseele besitze, so hatte er für die meisten recht. Seine eigene Partei bewies es 1918. Die Lakaien des Erfolges sind bei uns zahlreicher als anderswo, obwohl sie zu allen Zeiten und in allen Völkern die menschliche Herde gefüllt haben. Es ist gleichgültig, ob der Byzantinismus seine Orgien vor dem Geldsack, dem politischen Glück, einem Titel oder nur vor Geßlers Hut vollzieht. Als Karl II. in England landete, gab es plötzlich keine Republikaner mehr. Diener des Staates sein ist eine aristokratische Tugend, deren nur wenige fähig sind. Wenn das »sozialistisch« ist, so ist es ein stolzer und exklusiver Sozialismus für Menschen von Rasse, für die Auserwählten des Lebens. Preußentum ist etwas sehr Vornehmes und gegen jede Art von Mehrheit und Pöbelherrschaft gerichtet, vor allem auch gegen die der Masseeigenschaften. Moltke, der große Erzieher des deutschen Offiziers, das größte Beispiel für echtes Preußentum im 19. Jahrhundert, war so. Graf Schlieffen hat seine Persönlichkeit in dem Wahlspruch zusammengefaßt: Wenig reden, viel leisten, mehr sein als scheinen.

Von dieser Idee des preußischen Daseins wird die endliche Überwindung der Weltrevolution ausgehen. Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich hatte schon 1919 gesagt: Nicht jeder ist Preuße, der in Preußen geboren ist; dieser Typus ist überall in der weißen Welt möglich, und wirklich, wenn auch noch so selten, vorhanden. Er liegt der vorläufigen Form der nationalen Bewegungen – sie sind nichts Endgültiges – überall zugrunde, und es fragt sich, in welchem Grade es gelingt, ihn von den rasch veraltenden, populären parteimäßig-demokratischen Elementen des liberalen und sozialistischen Nationalismus zu lösen, die ihn einstweilen beherrschen. Das schweigende Nationalgefühl der Engländer um 1900, das heute unsicher geworden ist, der prahlerisch gehaltlose Chauvinismus der Franzosen, der in der Dreyfusaffäre lärmend zutage trat, gehörten dazu, dort am Kultus der Flotte, hier an dem der Armee hängend. Amerika besitzt dergleichen nicht – der hundertprozentige Amerikanismus ist eine Phrase – und es braucht ihn, wenn es die kommende Katastrophe zwischen dem lauernden Kommunismus und der schon untergrabenen Hochfinanz als Nation überhaupt überdauern soll. Die preußische Idee richtet sich gegen den Finanzliberalismus wie gegen den Arbeitersozialismus. Jede Art von Masse und Mehrheit, alles was »links« ist, ist ihr verdächtig. Vor allem richtet sie sich gegen die Schwächung des Staates und seinen herabwürdigenden Mißbrauch für Wirtschaftsinteressen. Sie ist konservativ und »rechts« und wächst aus den Urmächten des Lebens hervor, soweit sie in nordischen Völkern hoch vorhanden sind: dem Instinkt für Macht und Eigentum, für Eigentum als Macht, für Erbe, Fruchtbarkeit und Familie – denn das gehört zusammen –, für Rangunterschiede und gesellschaftliche Gliederung, deren Todfeind der Nationalismus von 1750 bis 1950 war oder ist. Der Nationalismus der Gegenwart ist mit der in ihm verborgen liegenden monarchischen Gesinnung ein Übergang. Er ist eine Vorstufe des kommenden Cäsarismus, mag der auch in noch so weiter Ferne zu liegen scheinen. Hier regt sich der Ekel an allem liberalen und sozialistischen Parteiwesen, an jeder Art von Volkstümlichkeit, die stets ihr Objekt kompromittiert, an allem, was in Masse auftritt und mitreden will. Dieser Zug, mag er noch so tief unter »zeitgemäßeren« Tendenzen verborgen sein, hat die Zukunft für sich – und die Führer der Zukunft. Alle wirklich großen Führer in der Geschichte gehen nach rechts, mögen sie aus noch so großer Tiefe emporgekommen sein: daran erkennt man den geborenen Herrn und Herrscher. Das gilt von Cromwell und Mirabeau wie von Napoleon. Je reifer die Zeit wird, desto aussichtsvoller ist dieser Weg. Der ältere Scipio ging an dem Konflikt zwischen den Traditionen seiner Herkunft, welche ihm die gesetzlose Diktatur verboten, und der geschichtlichen Stellung, die er durch die Rettung Roms vor der karthagischen Gefahr erhalten hatte, ohne es zu wollen, zugrunde und starb in der Fremde. Damals begann die revolutionäre Bewegung erst die traditionsgesättigten Formen zu untergraben, so daß der jüngere Scipio gegen die Gracchen noch eine schwache, Sulla gegen Marius bereits eine sehr starke Stellung hatte, bis endlich Cäsar, der als Catilinarier begann, keinen parteimäßigen Widerstand mehr fand. Denn die Pompejaner waren keine Partei, sondern der Anhang eines Einzelnen. Die Weltrevolution, so stark sie beginnt, endet nicht in Sieg oder Niederlage, sondern in Resignation der vorwärtsgetriebenen Massen. Ihre Ideale werden nicht widerlegt; sie werden langweilig. Sie bringen zuletzt niemand mehr dazu, sich für sie aufzuregen. Wer vom Ende des »Bürgertums« redet, kennzeichnet sich damit noch als Proletarier. Er hat mit der Zukunft nichts zu schaffen. Eine »nichtbürgerliche« Gesellschaft läßt sich nur durch Terror und nur für ein paar Jahre halten – dann hat man sie satt, abgesehen davon, daß inzwischen die Arbeiterführer zu neuen Bürgern geworden sind. Und das ist nicht der Geschmack von echten Führernaturen.

Der Sozialismus jeder Art ist heute so veraltet wie seine liberalen Ausgangsformen, wie alles, was mit Partei und Programm zusammenhängt. Das Jahrhundert des Arbeiterkultus – 1840 bis 1940 – ist unwiderruflich zu Ende. Wer heute »den Arbeiter« besingt, hat die Zeit nicht verstanden. Der Handarbeiter tritt in das Ganze der Nation zurück, nicht mehr als ihr verwöhntes Schoßkind, sondern als die unterste Stufe der städtischen Gesellschaft. Die vom Klassenkampf herausgearbeiteten Gegensätze werden wieder zu bleibenden Unterschieden von Hoch und Niedrig, und man gibt sich damit zufrieden. Es ist die Resignation der römischen Kaiserzeit, in der es keine wirtschaftlichen Probleme dieser Art mehr gab. Aber was kann in den letzten Zeiten der sozialistischen Weltanarchie noch zerstört und eingeebnet werden! So viel, daß in manchen weißen Völkern kein Stoff mehr vorhanden sein wird, mit dem ein Cäsar seine Schöpfung aufbauen könnte, sein Heer – denn Heere werden in Zukunft die Parteien ablösen – und seinen Staat. Ist in dem, was sich heute in allen weißen Ländern, die am Kriege beteiligt waren, unklar genug die »Jugend«, die »Frontgeneration« nennt, überhaupt schon ein tragfähiges Fundament für solche Männer und Aufgaben der Zukunft vorhanden? Die tiefe Erschütterung durch den großen Krieg, die alle Welt aus den trägen Illusionen von Sicherheit und Fortschritt als dem Sinn der Geschichte herausriß, zeigt sich nirgends deutlicher als in dem seelischen Chaos, das er hinterließ. Daß man sich dessen nicht im geringsten bewußt ist und eine neue Ordnung in sich zu tragen glaubt, beweist sein Vorhandensein mehr als irgend etwas anderes. Den Menschen, die um 1890 geboren sind, hat der Anblick eines wirklich großen Führers gefehlt. Die Gestalten Bismarcks und Moltkes, um von andern Ländern zu schweigen, waren bereits im Nebel einer historischen Literatur verschwunden. Sie hätten ein Maßstab für echte Größe sein können, aber nicht ohne lebendige Gegenwart, und der Krieg hat nicht einen bedeutenden Monarchen, keinen überragenden Staatsmann, keinen siegreichen Schlachtendenker an entscheidender Stelle gezeigt. Alle Denkmäler und Straßennamen helfen darüber nicht hinweg. Die Folge davon war ein völliger Mangel an Autoritätsgefühl, mit dem die Millionen beider Seiten aus den Schützengräben nach Hause kamen. Er zeigte sich in der hemmungslosen jungenhaften Kritik an allem Vorhandenen, Menschen und Dingen, ohne daß vor allem einmal eine Spur von Selbstkritik dagewesen wäre. Man lachte über das Gestern, ohne seine fortbestehende Macht zu ahnen. Er zeigte sich vor allem in der Art, mit der man allenthalben nach Diktaturen eigenen Geschmacks schrie, ohne einen Diktator zu kennen oder anzuerkennen, mit der man Führer heute wählte und anbetete und morgen verwarf – Primo de Rivera, d'Annunzio, Ludendorff –, das Führertum als ein Problem diskutierte, statt bereit zu sein, es als Tatsache hinzunehmen, wenn es einmal da sein sollte. Der politische Dilettantismus führte das große Wort. Jeder schrieb seinem künftigen Diktator vor, was er zu wollen hatte. Jeder forderte Disziplin von den andern, weil er der Selbstdisziplin nicht fähig war. Weil man vergessen hatte, was ein Staatenlenker ist, verfiel man in eine Hysterie der Programme und Ideale, und erging sich redend und schreibend in wüsten Träumen von dem, was bedingungslos umgestaltet werden sollte – denn daß das möglich war, setzte man als selbstverständlich voraus. Der Mangel an Respekt vor der Geschichte war in keiner Zeit größer als in diesen Jahren. Daß die Geschichte ihre eigene Logik hat, an der alle Programme scheitern, wußte man nicht und wollte man nicht wahrhaben. Aber Bismarck kam zum Ziel, weil er den Gang der Geschichte seines Jahrhunderts begriffen hatte und sich in sie einfügte. Das war große Politik als die Kunst des Möglichen.

Aus dieser »Jugend« aller weißen Länder, welche eine Weltrevolution von zwei Jahrhunderten von unten her »beenden« wollte, weil sie sie nicht begriff, und zwar in der Gestalt des Bolschewismus, von dem sie selbst so viel in sich hatte, erhob sich das typisch revolutionäre Geschrei gegen den »Individualismus«, in Deutschland, in England, in Spanien, überall. Sie waren alle selbst kleine Individualisten – sehr kleine, ohne Talent, ohne Tiefe, aber eben deshalb von dem krampfhaften Bedürfnis besessen, recht zu haben – und haßten deshalb die Überlegenheit der größeren, denen wenigstens ein Hauch von Skepsis sich selbst gegenüber nicht fremd war. Alle Revolutionäre sind humorlos – daran scheitern sie alle. Kleiner Eigensinn und Mangel an Humor – das ist die Definition des Fanatismus. Daß Führertum, Autorität, Respekt und »Sozialismus« sich ausschließen, kam ihnen gar nicht zu Bewußtsein. Dieser Antiindividualismus ist die theoretische Mode des Augenblicks, unter den Intellektuellen wider Willen aller weißen Länder, wie es gestern ein Individualismus war, der sich nicht sehr davon unterschied. So kümmerlich diese Art von Geist ist, sie ist das einzige, was sie haben. Es ist Literatentum der großen Städte, nichts anderes, und nichts weniger als neu, denn schon die Jakobiner hatten sich daran müde geredet. Mangel an Intelligenz ist noch keine Überwindung des Rationalismus.

Worin besteht denn der »Sozialismus« dieser Helden, die gegen die Freiheit der Persönlichkeit zu Felde ziehen? Es ist der unpersönliche asiatische Kollektivismus des Ostens, der Geist der großen Ebene, in Verbindung mit der westlichen levée en masse von 1792: Was erhebt sich da eigentlich? Die Belanglosen, deren Zahl ihre einzige Macht ist. Es steckt sehr viel unterirdisch Slawisches darin, Reste vorgeschichtlicher Rassen und ihres primitiven Denkens, auch Neid auf das Russentum, dessen unentwickelter Wille es von der Qual der Minderwertigen befreit, etwas zu wollen und nicht zu wissen was, wollen zu müssen und es nicht zu wagen. Wer den Mut nicht hat, Hammer zu sein, findet sich mit der Rolle des Ambosses ab. Sie ist nicht ohne Behagen. Der Drang danach, vom eigenen Wollen erlöst zu sein, in der trägen Mehrheit unterzutauchen, das Glück einer Bedientenseele, die Sorgen des Herrn nicht zu haben – alles das verkleidet sich hier in große Worte. Die Romantik der Belanglosen! Die Apotheose des Herdengefühls! Das letzte Mittel, die eigene Furcht vor Verantwortung zu idealisieren! Dieser Haß gegen den Individualismus aus Feigheit und Scham ist die Karikatur der großen Mystiker des 14. und 15. Jahrhunderts und ihres »Lassens der Ichheit«, wie es in der »Theologie deutsch« heißt. Es waren starke Seelen, welche damals die ungeheure, echt germanische Einsamkeit des Ichs in der Welt durchlebten und aus ihrer Qual heraus die glühende Sehnsucht empfanden, in dem aufzugehen, was sie Gott oder All oder anders nannten und das sie doch wieder selbst waren. Das starke, unbeugsame Ich war ihr Verhängnis. Jeder Versuch, seine Grenze zu überschreiten, lehrte nur, daß es keine Grenze hatte. Heute kennt man es einfacher: Man wird »Sozialist« und redet gegen das Ich der andern.

Das eigene Ich macht ihnen keine Beschwerde. Die Einebnung der Gehirne hat sich vollzogen: Man versammelt sich »in Masse«, man will »in Masse«, man denkt »in Masse«. Wer nicht mitdenkt, wer selbst denkt, wird als Gegner empfunden. Die Masse statt der Gottheit ist nun das, worin sich das träge, dumme, an allerlei Hemmungen kranke Ich »versenkt«: Auch das ist »Erlösung«. Es ist beinahe mystisch. Das wußte man schon 1792. Es ist das Bedürfnis des Pöbels, mitzulaufen und mitzutun. Aber der preußische Stil ist ein Entsagen aus freiem Entschluß, das Sichbeugen eines starken Ichs vor einer großen Pflicht und Aufgabe, ein Akt der Selbstbeherrschung und insofern das Höchste an Individualismus, was der Gegenwart möglich ist.

Die keltisch-germanische »Rasse« ist die willensstärkste, welche die Welt gesehen hat. Aber dies »Ich will« – Ich will! –, das die faustische Seele bis an den Rand erfüllt, den letzten Sinn ihres Daseins ausmacht und jeden Ausdruck der faustischen Kultur in Denken, Tun, Bilden und Sichverhalten beherrscht, weckte das Bewußtsein der vollkommenen Einsamkeit des Ichs im unendlichen Raum. Wille und Einsamkeit sind im letzten Grunde dasselbe. Daher das Schweigen Moltkes und auf der anderen Seite das Bedürfnis des weicheren, weiblicheren Goethe nach immer wiederholten Bekenntnissen vor einer selbstgewählten Mitwelt, das alle seine Werke durchdringt. Es war die Sehnsucht nach einem Echo aus dem Weltraum, das Leiden einer zarten Seele an dem Monologischen ihres Daseins. Man kann auf die Einsamkeit stolz sein oder an ihr leiden, aber man läuft nicht davon. Der religiöse Mensch der »ewigen Wahrheiten« – wie Luther – sehnt sich nach Gnade und Erlösung von diesem Geschick, will sie erkämpfen, selbst ertrotzen. Der politische Mensch des Nordens aber entwickelt daraus einen gigantischen Trotz der Wirklichkeit gegenüber: »Du vertraust mehr auf dein Schwert als auf Thor« heißt es in einer isländischen Saga. Wenn etwas in der Welt Individualismus ist, so ist es dieser Trotz des Einzelnen gegen die ganze Welt, das Wissen um den eigenen unbeugsamen Willen, die Freude an letzten Entscheidungen und die Liebe zum Schicksal selbst in dem Augenblick, wo man an ihm zerbricht. Und preußisch ist das Sichbeugen aus freiem Willen. Der Wert des Opfers liegt darin, daß es schwer ist. Wer kein Ich zu opfern hat, sollte nicht von Gefolgstreue reden. Er läuft nur hinter jemand her, dem er die Verantwortung aufgeladen hat. Wenn etwas heute in Erstaunen setzen sollte, so ist es die Kümmerlichkeit des sozialistischen Ideals, mit dem man die Welt erlösen möchte. Das ist keine Befreiung von den Mächten der Vergangenheit; es ist die Fortsetzung ihrer schlechtesten Neigungen. Es ist Feigheit dem Leben gegenüber.

Die echte – echt preußische – Gefolgstreue ist das, was die Welt in diesem Zeitalter der großen Katastrophen am nötigsten hat. Man stützt sich nur auf etwas, das Widerstand leistet. An dieser Einsicht bewährt sich der wirkliche Führer. Wer aus der Masse stammt, muß um so besser wissen, daß Masse, Mehrheiten, Parteien keine Gefolgschaft sind. Sie wollen nur Vorteile. Sie lassen den Vorangehenden im Stich, sobald er Opfer verlangt. Wer von der Masse aus denkt und fühlt, wird in der Geschichte nie etwas anderes hinterlassen als den Ruf eines Demagogen. Hier scheiden sich die Wege nach links und rechts: Der Demagoge lebt unter der Masse stets unter seinesgleichen. Der zum Herrschen Geborene kann sie benützen, aber er verachtet sie. Er führt den schwersten Kampf nicht gegen den Feind, sondern gegen den Schwarm seiner allzu ergebenen Freunde.

Deshalb sind Heere und nicht Parteien die künftige Form der Macht, Heere von selbstloser Ergebenheit, wie Napoleon seit Wagram keines mehr besaß: Seine alten Soldaten waren zuverlässig, die höheren Offiziere nicht, und der Wert jedes Heeres bemißt sich zuerst nach diesen. Man sah in ihm nicht den Führenden, sondern den ewig Gebenden. Sobald die geforderten Opfer die Vorteile überwogen, war es mit der Großen Armee zu Ende.

Es wird Zeit, daß die »weiße« Welt und Deutschland zuerst sich auf solche Tatsachen besinnen. Denn hinter den Weltkriegen und der noch unbeendeten proletarischen Weltrevolution taucht die größte aller Gefahren auf, die farbige, und alles, was in den weißen Völkern noch an »Rasse « vorhanden ist, wird nötig sein, um ihr zu begegnen. Deutschland vor allem ist keine Insel, wie die politischen Ideologen meinen, die an ihm als Objekt ihre Programme verwirklichen möchten. Es ist nur ein kleiner Fleck in einer großen und gärenden Welt, allerdings in entscheidender Lage. Aber es hat allein das Preußentum als Tatsache in sich. Mit diesem Schatz von vorbildlichem Sein kann es der Erzieher der »weißen« Welt, vielleicht ihr Retter werden.

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