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Ithaka der Peloponnes und Troja

Heinrich Schliemann: Ithaka der Peloponnes und Troja - Kapitel 5
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typereport
authorHeinrich Schliemann
titleIthaka der Peloponnes und Troja
publisherWissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
printrun2., unveränderte Auflage
editorErnst Meyer
year1963
firstpub1869
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090522
projectid27d10210
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Drittes Kapitel – Ithaka

Ankunft im Hafen St.-Spiridon. – Der gelehrte Müller Panagis Asproieraka. – Tradition über Odysseus. – Vathy, die Hauptstadt von Ithaka. – Die vorzüglichsten Werke über Ithaka. – Der Hafen Rheithron. – Topographie und Produkte Ithaka's. – Der Phorkys-Hafen. – Der Berg Neïon – Die Grotte der Nymphen. – Der Berg Aëtos. – Der Palast des Odysseus – Cyklopische Mauern.

Ich miethete für 11 Franken eine Barke, um mich nach Ithaka übersetzen zu lassen; aber unglücklicherweise war der Wind conträr, sodass wir fortwährend gezwungen waren zu laviren, und so brauchten wir 6 Stunden zu einer Fahrt, welche man bei günstigem Winde mit Leichtigkeit in einer Stunde zurücklegt.

Endlich stiegen wir, 11 Uhr Abends, in dem kleinen Hafen St.-Spiridon, auf der Südseite des Berges Aëtos, ans Land und betraten das alte Königreich des Odysseus.

Ich gestehe, dass ich trotz Ermüdung und Hunger eine unendliche Freude empfand, mich im Vaterlande des Helden zu befinden, dessen Abenteuer ich mit der lebhaftesten Begeisterung gelesen und wieder gelesen habe.

Ich war so glücklich, beim Aussteigen den Müller Panagis Asproieraka anzutreffen, welcher mir für 4 Franken einen Esel vermiethete, um mein Reisegepäck zu tragen, während er selbst mir als Führer und Cicerone bis zur Hauptstadt Vathy (Βαθύ) diente. Als er gehört hatte, dass ich nach Ithaka gekommen wäre, um archäologische Forschungen anzustellen, sprach er sich mit lebhaftem Beifall über mein Vorhaben aus und erzählte mir unterwegs alle Abenteuer des Odysseus von Anfang bis Ende. Die Geläufigkeit, mit welcher er sie hersagte, bewies mir deutlich, dass er dieselbe Geschichte schon tausend Mal erzählt hatte. Sein Eifer, mich über die glorreichen Thaten des Königs von Ithaka zu unterrichten, war so gross, dass er keine Unterbrechung duldete. Vergebens fragte ich ihn: Ist dies der Berg Aëtos? ist dies der Phorkys-Hafen? auf welcher Seite befindet sich die Grotte der Nymphen? wo ist das Feld des Laertes? ... alle meine Fragen blieben ohne Antwort. Der Weg war lang, aber des Müllers Geschichte war auch lang, und als wir endlich, halb ein Uhr Nachts, die Schwelle seiner Hausthür in Vathy überschritten, war er grade in der Unterwelt mit den Seelen der Freier unter dem Geleite des Merkur angelangt.

Ich beglückwünschte ihn lebhaft, dass er die Gedichte Homers gelesen und sie so gut im Gedächtniss behalten habe, dass er mit so grosser Leichtigkeit, in neugriechischer Sprache, die Hauptbegebenheiten der 24 Gesänge der Odyssee erzählen könne. Zu meinem grossen Erstaunen antwortete er mir, dass er nicht nur der alten Sprache unkundig sei, sondern auch das Neugriechische weder lesen noch schreiben könne: die Abenteuer des Odysseus wären ihm nur aus der Tradition bekannt. Auf meine Frage, ob diese Tradition unter der Bevölkerung von Ithaka allgemein verbreitet, oder ob sie seiner Familie eigentümlich wäre, erwiderte er, dass in der That seine Familie die Bewahrerin derselben sei, dass Niemand auf der Insel die Geschichte des grossen Königs so gut kenne, wie er, und alle andern nur eine unklare Vorstellung davon hätten.

Der quälende Hunger verhinderte mich, mehr Fragen an ihn zu richten; seit 6 Uhr Morgens hatte ich nichts gegessen, indem die unbeschreibliche Unsauberkeit der Herberge zu Samos mir nicht erlaubt hatte, dort eine Mahlzeit zu halten. Mein Wirth hatte mir nichts als Gerstenbrod zu bieten und Regenwasser, dessen Temperatur nicht geringer als 30 Grad war; aber diese Mahlzeit erschien mir köstlich, da sie durch Hunger gewürzt wurde.

Der brave Müller hatte nur ein Bett; aber mit der edlen Gastfreundschaft, welche den Nachkommen der Unterthanen des Odysseus eigenthümlich ist, beeiferte er sich, mir dasselbe zur Verfügung zu stellen, und bestand darauf, dass ich es annähme; ich hatte alle Mühe, seinen dringenden Anerbietungen zu widerstehen, und erreichte meinen Willen nur dadurch, dass ich mich getrost auf einen grossen, mit eisernen Bändern beschlagenen Kasten, welcher sich im Zimmer befand, zur Ruhe legte. Gewöhnt an Reisestrapazen, schlief ich auf dem Kasten so sanft wie in dem weichsten Flaumenbette und erwachte erst am folgenden Morgen.

In der Hauptstadt Ithaka's giebt es keinen Gasthof; ich fand aber ohne Mühe ein gutes Zimmer im Hause der jungen und liebenswürdigen Fräulein Helene und Aspasia Triantafyllides, deren Vater, ein Gelehrter, vor einigen Jahren gestorben ist. –

Die Stadt, welche ungefähr 2,500 Einwohner zählt, umgiebt mit einer Reihe weisser Häuser das Südende des langen und engen, Vathy (Βαθύ – tief) genannten Hafens, von welchem sie den Namen führt, und der selbst nur ein Theil des Meerbusens von Molo ist. Der Hafen ist einer der besten der Welt, weil er von Gebirgen umgeben und sein Wasser, selbst schon 1 Meter vom Ufer, so tief ist, dass die Schiffe vor den Häusern der Rheder Anker werfen können.

Fast alle Archäologen, welche die Insel bereist haben, erkennen die Identität derselben mit dem Homerischen Ithaka an. So E. Gandar, de Ulyssis Ithaca, Paris 1854; Dr. Wordsworth, Greece, 1853; Rühle von Lilienstern, über das homerische Ithaka; Gr.-F. Bowen, Ithaca in 1850, London 1851; Leake, Travels in Northern Greece, 1835; Schreiber, Ithaca, 1829; Constantin Koliades, Ulysse-Homère; Sir W. Gell, Ithaca, Argolis and Itineraries, 1813–1819; Strabo, VIII, X; Ptolemäus, III. – Dagegen erklärt Spohn Ithaka für ein reines Phantasiegebilde des Dichters, während Völcker auf geistreiche Weise durch Gründe zu beweisen sucht, dass die Topographie Ithaka's mit den Angaben Homers in Widerspruch stehe, und das Vaterland des Odysseus westlich von Kephalonia liegen müsse.

Da der Hafen von Vathy sich im südlichen Theile der Insel befindet, und zwar am Fusse des Berges Ἅγιος Στέφανος (St.-Stephan), in welchem man das Νήϊον ὑλῆεν (das waldbedeckte Neïon) (Od. I, 186) wieder erkennt, so ist er ohne Zweifel der Λιμὴν Ρεῖθρον (der Hafen von Rheithron), welcher in demselben Verse genannt wird.

Ithaka, gewöhnlich Θεάϰη (Theake) genannt, leitet seinen Namen ohne Zweifel von dem Heros Ithakus her, den Homer (Od. XVII, 207) erwähnt.

Die grösste Länge der Insel von Norden nach Süden beträgt 29 Kilometer; die grösste Breite von Osten nach Westen 7 Kilometer. Die Bevölkerung beläuft sich im Ganzen auf 13,000 Einwohner.

Die Insel besteht aus einer Kette von Kalksteinfelsen. Der Golf von Molo theilt sie in zwei fast gleiche Theile, welche durch einen engen, 800 Meter breiten Isthmus verbunden werden. Auf diesem Isthmus befinden sich umfangreiche Ruinen mit dem Namen Παλαιόϰαστρον (Altes Schloss), welche die Tradition als Reste vom Schlosse des Odysseus bezeichnet.

Ueberall sieht man steile Felsen. Der höchste unter ihnen ist im nördlichen Theile der Insel der Berg Anoge, Homers waldbedeckter Neritos (Od. XIII, 351; IX, 21); aber von ihm wie vom Berge Neïon und dem übrigen Theile der Insel sind die Wälder verschwunden, und in Folge dessen Regen und Thau, einst so reichlich in Ithaka (Od. XIII, 245), jetzt viel seltener. Die ungeheure (ἀθέσφατος) Getreideernte (Od. XIII, 244) beschränkt sich gegenwärtig auf den vierten Theil des für die Einwohner nothwendigen Bedarfs. Schweine (Od. XIII, 404–410), Rinder (Od. XIII, 246), Ziegen (Od. IV, 606; XIII, 246), Schafe (Od. XIII, 222) mangeln vollständig und müssen eingeführt werden.

Die Hauptprodukte Ithaka's sind gegenwärtig die kleinen, unter dem Namen Korinthen bekannten Weintrauben, (jährliche Ausfuhr ungefähr 150,000 Kilos) und Olivenöl (ungefähr 2,300 Fässer). Der Wein ist ausgezeichnet, aber dreimal stärker als Bordeaux-Wein und wird nicht exportirt.

Ungeachtet der drückenden Sommerhitze ist das Klima der Insel sehr gesund und verdient das Lob Homer's (Od. IX, 27) »ἀγαθὴ ϰουροτρόφος« (ausgezeichnet für die Erziehung und Pflege tüchtiger Männer).

Hr. Bowen behauptet mit Recht, dass an keinem Orte auf der Welt die Erinnerung an das klassische Alterthum so lebendig und rein erhalten ist, als auf der Insel Ithaka. Unmittelbar nach dem Zeitalter ihres grossen mythologischen Helden verliert sie sich aus der Erinnerung für einen Zeitraum von fast dreitausend Jahren. Im Gegensatz zu vielen andern einst berühmten Ländern knüpft sich unser Interesse für sie keineswegs an neuere Nachrichten, welche in hervorhebenderer Weise ihrer gedacht hätten. Sie wird bei den nachhomerischen Schriftstellern in der That nur deshalb genannt, um auf ihre wichtige Stellung in den Gedichten des Heldenalters hinzuweisen. Im Jahre 1504 n. Chr. war Ithaka durch die Einfälle der Seeräuber und die Wuth, mit welcher die Kriege zwischen Türken und Christen geführt wurden, fast entvölkert, und es werden noch die Privilegien aufbewahrt, welche die venetianische Regierung den Colonisten aus den benachbarten Inseln und vom griechischen Festlande gab, welche die Insel wieder bevölkert haben. Alle unsere Erinnerungen knüpfen sich hier also an das heroische Zeitalter: jeder Hügel, jeder Felsen, jede Quelle, jedes Olivenwäldchen mahnt uns an Homer und die Odyssee, und mit einem einzigen Sprunge fühlen wir uns über hundert Generationen hinweg in die glänzendste Epoche griechischen Ritterthums und griechischer Dichtkunst versetzt.

Sobald ich in meiner neuen Wohnung eingerichtet war, miethete ich einen Führer und ein Pferd und liess mich nach dem kleinen Hafen Dexia bringen, welcher sich ebenfalls am Fusse des Berges Neïon befindet und auch ein Theil des grossen Meerbusens von Molo ist. Das ist der »Φόρϰυνος λιμήν« (Phorkys-Hafen), in welchem die Phäaken den fest eingeschlafenen Odysseus ausschifften und mit seinen Schätzen zuerst am Ufer, darauf unter einem Oelbaum, abseits vom Wege niederlegten (Od. XIII, 96–124): »In Ithaka ist der Hafen des Phorkys, des Meergreises, in welchem zwei steile Felsen vorspringen, nach dem Eingang des Golfs geneigt, die ihn von aussen gegen die mächtigen Wogen und die brausenden Winde schützen. Drinnen liegen die wohlberuderten Schiffe ohne Taue vor Anker, nachdem sie in den Bereich des Hafens gelangt sind. Aber am Ende des Hafens erhebt sich ein dichtbelaubter Oelbaum, und gleich daneben befindet sich eine liebliche dunkle Grotte, welche den Nymphen, die Najaden heissen, geweiht ist. Dort sieht man Urnen und steinerne Krüge; dort legen die Bienen ihren Honig nieder. Auch erblickt man dort steinerne Webstühle, auf denen die Nymphen meerpurpurne Gewänder weben, wunderbar anzuschauen. Auch findet man dort eine nie versiegende Quelle. Die Grotte hat zwei Eingänge: der eine im Norden ist für den Gebrauch der Menschen; der andre im Süden gehört den Göttern; niemals überschreiten ihn die Menschen, denn das ist der Weg der Unsterblichen.

»Dorthin richteten die mit der Oertlichkeit Vertrauten ihre Fahrt; das Schiff stürzte bis zur Hälfte auf das flache Ufer; so stark war die Gewalt, welche die Ruderer anwandten.

»Nun stiegen sie aus dem wohlberuderten Schiffe ans Land; zuerst nahmen sie den Odysseus nebst der leinenen Decke und dem glänzenden Teppich vom gewölbten Verdecke des Schiffes und legten ihn, den tief Schlummernden, auf dem Sande nieder; darauf schifften sie die Schätze aus, welche die erlauchten Phäaken, auf die Eingebung der hehren Minerva, ihm geschenkt hatten, als er in sein Vaterland zurückkehrte, und häuften sie am Fusse des Oelbaums auf, abseits vom Wege, aus Furcht, dass ein Vorübergehender, ehe Odysseus erwachte, Hand daran legte.«

Die Oertlichkeit ist in der angeführten Stelle so genau beschrieben, dass man sich gar nicht irren kann; denn man sieht vor dem kleinen Golf zwei kleine steile Felsen, dem Eingange zugeneigt, und dicht daneben, auf dem Abhange des Berges Neïon, 50 Meter über dem Meeresspiegel, die Grotte der Nymphen. Wirklich befindet sich auch in derselben auf der nordwestlichen Seite eine Art natürlicher Eingang von zwei Meter Höhe und vierzig Centimeter Breite, durch welchen man bequem in die Grotte gelangen kann, und auf der Südseite eine runde Oeffnung von 82 Centimeter im Durchmesser, die den Eingang der Götter bildet; denn an dieser Stelle hat die Höhle eine Tiefe von 17 Meter, so dass der Mensch auf diesem Wege sie nicht wohl betreten kann.

Das Innere ist vollkommen dunkel; aber mein Führer machte mit Gesträuch ein grosses Feuer an, sodass ich die Grotte in ihren Einzelheiten untersuchen konnte. Sie ist fast rund und hat 17 Meter im Durchmesser. Vom Eingang bis auf den Grund steigt man 3 Meter 30 Centimeter hinab, und entdeckt dort Ueberreste von in den Felsen gehauenen Stufen; auf der entgegengesetzten Seite erblickt man einen sehr verstümmelten Altar. Von der Decke hängen Massen von Tropfsteinen in bizarren Formen herunter, und mit nur einiger Einbildungskraft erkennt man darin Urnen, Krüge und die Webstühle, auf welchen die Nymphen purpurfarbene Gewänder webten. In dieser Grotte verbarg Odysseus auf den Rath und mit dem Beistand der Minerva die von den Phäaken erhaltenen Schätze (Od. XIII, 361–371).

Wir stiegen wieder zum Golf oder Phorkys-Hafen hinab und setzten unsern Weg bis an den Fuss des Berges Aëtos fort, welcher 150 Meter Höhe hat, und im Süden vom Berge Neïon durch ein sehr fruchtbares Thal getrennt wird, das ungefähr 100 Meter breit ist und den kleinen Isthmus durchschneidet. Im Osten bildet der Berg in einer Höhe von 50 Metern einen sanften Abhang mit guten Quellen und üppiger Cultur. Er wird von dem Golf Aëtos begrenzt. Später werde ich zu beweisen suchen, dass dies der Hafen der alten Hauptstadt von Ithaka ist.

Auf der Nordseite setzt sich der Berg Aëtos in einer ungefähr 50 Meter niedrigeren Felsenkette fort, welche die Namen Paläa-Moschata, Chordakia und Sella führt. Auf der Westseite fällt er schroff in's Meer ab, dessen dunkelblaue Farbe schon 1 Meter vom Felsen eine ungeheure Tiefe anzeigt.

Die Besteigung des Aëtos ist für einen Fremden, besonders während der grossen Sommerhitze, mit vielen Schwierigkeiten und Beschwerden verbunden, weil er, in Winkeln von 45 bis 50 Grad sich erhebend, mit Steinen wie besäet ist, und man in Ermangelung eines Weges sich oft auf allen Vieren weiterhelfen muss.

Aber die Eingebornen, welche an das Erklettern der Felsen gewöhnt sind, besteigen den Aëtos ohne die geringste Beschwerde und bebauen sogar den ganzen Berg bis zum Gipfel überall, wo sich nur Erde zwischen den Steinen zeigt. Das einzige Werkzeug, dessen sie sich zum Anbau des Gebirgslandes bedienen, ist eine spitzige Hacke (Δίϰελλα), mit welcher sie die Erde nur wenig umkehren, um Leinsaamen oder Weizenkörner zu säen.

Ich war sehr erstaunt, als ich nur wenig Oelbäume auf den Abhängen des Gebirges erblickte, weil dieser Baum auf den ionischen Inseln sehr fruchtbar ist, wo er einheimisch zu sein scheint und ein solches Grössenverhältniss erreicht, dass er nicht den Fruchtbäumen Frankreichs, wohl aber den dicksten und pittoreskesten Waldbäumen zu vergleichen ist.

Wir bestiegen den Aëtos von Westen, weil der Abhang hier sanfter ist, als auf den andern Seiten; man sieht hier zahlreiche Spuren eines alten Weges, welcher jedenfalls vom Palaste des Odysseus nach dem kleinen Hafen führte, der jetzt St.-Spiridon genannt wird und gleichfalls im Westen der Insel, zwischen Aëtos und Neïon liegt.

Ich gebrauchte eine halbe Stunde, um auf den südlichen Gipfel zu gelangen; hier befinden sich die Ruinen eines Thurmes aus plump behauenen Steinen von 1 Meter bis 1 Meter 66 Centimeter Länge bei 1 Meter bis 1 Meter 35 Centimeter Breite, die ohne Cement übereinander geschichtet sind. Dieser Thurm ist 6 Meter 66 Centimeter lang und breit. In der Mitte ist jedenfalls ein unterirdisches Behältniss, vielleicht eine Cisterne, weil alle Steine des Gebäudes nach dem Mittelpuncte geneigt sind und daselbst eine Art Wölbung bilden.

Zehn Meter niedriger ist eine dicke Umwallungsmauer von ähnlicher Bauart, während zwei andere, mit Vertheidigungsthürmen versehene cyklopische Mauern sich gegen Südwest und Südost herabziehen, deren grossartige Trümmer sich auf dem Abhange des Berges bis zu einer Entfernung von 60 Metern vom Gipfel ausdehnen.

Von dem obengenannten Thurme aus dehnt sich der Gipfel des Aëtos, dessen Breite von 8 bis 10 Meter wechselt, in einer Länge von 74 Meter aus, mit einer stufenweisen Erhebung von 13 Metern. – Dieser ganze Raum ist mit ungeheuren Steinen bedeckt, die wohl nie eines Menschen Hand berührte, und welche die Annahme zurückweisen, dass sich dort jemals ein Gebäude befunden habe.

Auf diese Steine folgen die Ruinen eines andern Thurmes von cyklopischer Bauart, 8 Meter lang und ebenso breit. Dann kommt eine runde, in den Felsen gehauene, 5 Meter tiefe Cisterne; ihr Durchmesser beträgt oben 4, und auf dem Grunde 6 Meter. Darauf erweitert sich der Gipfel zu einer vollkommen ebenen Fläche und dehnt sich bei einer Breite von 27 Meter und einer Länge von 37 Meter bis zum Nordrande aus.

Auf diesem Raume befand sich der Palast des Odysseus; leider sieht man nur noch die Ruinen von zwei parallelen Einschliessungsmauern, und eine kleine, runde, in den Felsen gehauene, 1 Meter 34 Centimeter tiefe Cisterne für den Hausgebrauch, deren Durchmesser oben 1 Meter 33 Centimeter, unten 1 Meter 67 Centimeter beträgt.

Am Nordrande sieht man die Ruinen von zwei grossen Mauern, von denen die eine sich nach Nordost, die andre nach Nordwest hinabzieht. Sechzehn Meter vom Gipfel, auf der Ostseite, ist eine grosse, runde, in den Felsen gehauene, 10 Meter tiefe Cisterne, deren Durchmesser oben 8, unten 12 Meter beträgt.

Der königliche Palast war gross, mehrere Stock hoch und hatte einen Hof, denn Odysseus sagt zu Eumaios (Od. XVII, 264-268):

Εὔμαι᾿, ἦ μάλα δὴ τάδε δώματα ϰάλ᾽ Ὀδυσῆος,
῾Ρεΐα δ᾽ ἀρίγνωτ᾽ ἐστὶ ϰαὶ ἐν πολλοῖσιν ἰδέσθαι.
Ἐξ ἑτέρων ἕτερ᾽ ἐστίν· ἐπήσϰηται δέ οἱ αὐλ
Τοίχῳ ϰαὶ θριγϰοῖσι, θύραι δ᾽ εὐερϰέες εἰσίν
Διϰλίδες · οὐϰ ἄν τίς μιν ἀνὴρ ὑπεροπλίσσαιτο.

»Eumaios, ohne Zweifel ist dies das prächtige Haus des Odysseus; es ist leicht zu erkennen selbst zwischen einer Menge von Häusern; es hat mehr als ein Stockwerk; der Hof ist geschützt durch eine Mauer mit Zinnen; die Thüren sind fest und haben zwei Flügel; Niemand würde es erstürmen können.«

Der Palast war mit hohen Säulen geschmückt (Od. XIX, 38); um die Tafel im grossen Saal sassen die 108 Freier; es waren ausserdem im Saale 8 Diener, ein Herold und ein Sänger (Od. XVI, 247–253); der Palast war ὑψηλός, »hoch« (I, 126); er hatte hohe Wölbungen, ὑψερεφής (IV, 757); er war ὑψόροφος, »grandios« (X, 474).

Wir lesen auch, dass Penelope die hohe Treppe im Palaste hinaufstieg, den Schlüssel nahm und sich mit ihren Dienerinnen in ein abgelegenes Gemach begab (Od. XXI, 5–9). Es ist also nicht zu bezweifeln, dass der Palast den ganzen geebneten Raum des Gipfels einnahm und der Hof zwischen den parallelen, 30 Meter von einander entfernten Umwallungsmauern lag. Auf diesem Hofe stand der Altar des Zeus (XXII, 334).

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