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Ithaka der Peloponnes und Troja

Heinrich Schliemann: Ithaka der Peloponnes und Troja - Kapitel 2
Quellenangabe
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typereport
authorHeinrich Schliemann
titleIthaka der Peloponnes und Troja
publisherWissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
printrun2., unveränderte Auflage
editorErnst Meyer
year1963
firstpub1869
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090522
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Vorrede

Als ich im Jahre 1832 zu Kalkhorst, einem Dorfe in Mecklenburg-Schwerin, im Alter von zehn Jahren, meinem Vater als Weihnachtsgabe einen in schlechtem Latein geschriebenen Aufsatz über die Hauptbegebenheiten des trojanischen Krieges und die Abenteuer des Odysseus und Agamemnon überreichte, ahnte ich nicht, dass ich sechsunddreissig Jahre später dem Publikum eine Schrift über denselben Gegenstand vorlegen würde, nachdem ich das Glück gehabt hatte, mit eignen Augen den Schauplatz dieses Krieges und das Vaterland der Helden zu sehen, deren Namen durch Homer unsterblich geworden sind.

Sobald ich sprechen gelernt, hatte mir mein Vater die grossen Thaten der Homerischen Helden erzählt. Ich liebte diese Erzählungen; sie entzückten mich, sie versetzten mich in hohe Begeisterung. Die ersten Eindrücke, welche ein Kind empfängt, bleiben ihm während seines ganzen Lebens, und obgleich es mir bestimmt war, im Alter von vierzehn Jahren in das Materialwaarengeschäft des Herrn E. Lud. Holtz, in der kleinen mecklenburgischen Stadt Fürstenberg, als Lehrling einzutreten, anstatt die wissenschaftliche Laufbahn zu verfolgen, für welche ich eine ausserordentliche Neigung in mir verspürte; so bewahrte ich doch immer für die berühmten Männer des Alterthums dieselbe Liebe, welche ich für sie in meiner ersten Kindheit gehegt hatte.

In dem kleinen Laden, in welchem ich fünf und ein halb Jahr thätig war, zuerst bei dem genannten Hrn. Holtz, dann bei seinem Nachfolger, dem vortrefflichen Hrn. Th. Hückstädt, bestand meine Beschäftigung darin, Heringe, Butter, Branntwein, Milch, Salz im Detail zu verkaufen, die Kartoffeln zum Destilliren zu mahlen, den Laden zu fegen u. s. w.; ich kam immer nur mit der niedern Klasse der Gesellschaft in Berührung.

Von fünf Uhr Morgens bis elf Uhr Abends war ich im Geschäft und hatte keinen freien Augenblick zum Studiren. Auch vergass ich schnell das Wenige, was ich in meiner Kindheit gelernt hatte, verlor aber trotzdem nicht die Lust zum Lernen; ja, ich verlor sie nicht, und werde mein Lebelang daran denken, wie eines Abends ein betrunkener Müllergesell in den Laden kam. Er war der Sohn eines protestantischen Pfarrers in einem Dorfe bei Teterow und hatte seine Studien auf dem Gymnasium beinahe beendigt, als er wegen schlechter Aufführung relegirt wurde. Um ihn dafür zu bestrafen, hatte der Vater ihn das Müllerhandwerk ergreifen lassen. Mit seinem Loose unzufrieden, hatte sich der junge Mann dem Trunke ergeben, der ihn indess nicht den Homer hatte vergessen lassen; denn er sagte uns aus ihm ungefähr hundert Verse mit Beobachtung des Rhythmus her. Obwohl ich kein Wort davon verstand, so machte doch diese klangvolle Sprache einen tiefen Eindruck auf mich, und ich weinte bittere Thränen über mein unglückliches Schicksal. Dreimal liess ich mir diese göttlichen Verse wiederholen, indem ich ihm drei Gläser Branntwein mit den wenigen Pfennigen, die mein ganzes Vermögen ausmachten, bezahlte. Von diesem Augenblick an habe ich nie aufgehört Gott zu bitten, es möchte mir durch seine Gnade gelingen, noch griechisch zu lernen.

Indess war keine Hoffnung für mich vorhanden, aus der traurigen und niedrigen Lage, in welcher ich mich befand, herauszukommen. Und doch wurde ich wie durch ein Wunder daraus gerettet. Beim Aufheben eines zu schweren Fasses beschädigte ich mir die Brust; ich spuckte Blut und war nicht mehr fähig zu arbeiten. In meiner Verzweiflung ging ich nach Hamburg, wo es mir gelang, mich als Schiffsjunge an Bord eines nach Laguayra in Venezuela bestimmten Schiffes anwerben zu lassen.

Am 28. November 1841 verliessen wir Hamburg, litten aber am 12. December bei einem furchtbaren Sturme an der Küste der Insel Texel Schiffbruch. Nach tausend Gefahren wurde die Mannschaft gerettet. Ich sah es als meine Bestimmung an, in Holland zu bleiben und beschloss, nach Amsterdam zu gehen und Soldat zu werden. Aber dies ging nicht so rasch, als ich gedacht hatte. Einige Gulden, welche ich auf der Insel Texel und zu Enkhuyzen als Almosen zusammengebracht hatte, waren in Amsterdam in zwei Tagen verthan. Da meine Hülfsquellen erschöpft waren, so stellte ich mich schwer krank und wurde ins Hospital aufgenommen. Aus dieser schrecklichen Lage befreite mich der brave Schiffsmakler J. F. Wendt aus Hamburg, welcher, als er von meinem Unglück gehört hatte, mir den Ertrag einer kleinen für mich veranstalteten Collecte übersandte. Er empfahl mich zugleich dem vortrefflichen Generalconsul der Nord-Conföderation in Amsterdam, Herrn W. Hepner, der mir eine Stelle als Büreaudiener bei Hrn. F. C. Quien verschaffte.

In meiner neuen Stellung war meine Beschäftigung, Wechsel stempeln zu lassen und sie in der Stadt einzucassiren, Briefe nach der Post zu tragen und von dort zu holen. Diese maschinenmässige Beschäftigung gefiel mir, weil sie mir Zeit liess, an meine vernachlässigte Erziehung zu denken.

Zuerst bemühte ich mich, leserlich schreiben zu lernen, und machte mich sofort, um meine Lage zu verbessern, an das Studium der neuern Sprachen. Mein Gehalt belief sich jährlich nur auf 800 Franken, von welcher Summe ich die Hälfte für meine Studien verausgabte; von der andern Hälfte lebte ich, aber freilich kümmerlich. Meine Wohnung, welche monatlich 8 Franken kostete, war eine elende Dachstube ohne Ofen, in welcher ich im Winter vor Kälte zitterte und im Sommer von der Hitze gesengt wurde; mein Frühstück bestand aus einem Brei von Roggenmehl, meine Mittagsmahlzeit kostete niemals mehr als vier Dreier. Aber nichts spornt mehr zum Studium an, als das Elend und die gewisse Aussicht, durch angestrengtes Arbeiten sich aus demselben befreien zu können. Mit ausserordentlichem Eifer ging ich an das Studium der englischen Sprache. Die Nothwendigkeit wies mich auf eine Methode hin, welche das Sprachstudium ungemein erleichtert. Diese Methode besteht darin, viel mit lauter Stimme zu lesen, keine Uebersetzungen zu machen, alle Tage eine Stunde zu nehmen, immer Ausarbeitungen über uns interessante Gegenstände niederzuschreiben, diese unter der Aufsicht des Lehrers zu verbessern, auswendig zu lernen und in der nächsten Stunde aufzusagen, was man am Tage vorher verbessert hat. Mein Gedächtniss war schlecht, weil es von Kindheit an nicht geübt worden war; aber ich benutzte jeden Augenblick und stahl sogar Zeit zum Lernen. Niemals machte ich meine Gänge, selbst bei Regen, ohne mein Heft in der Hand zu haben und auswendig zu lernen; niemals wartete ich an der Post, ohne zu lesen. Auf diese Weise stärkte ich allmälig mein Gedächtniss, und es gelang mir, in Zeit von einem halben Jahre die englische Sprache gründlich zu lernen. Nun wandte ich dieselbe Methode auf das Studium des Französischen an, dessen Schwierigkeiten ich ebenfalls in einem andern halben Jahre bewältigte. Diese angestrengten und übermässigen Studien hatten mein Gedächtniss innerhalb eines Jahres in einem solchen Grade gestärkt, dass mir das Studium des Holländischen, Spanischen, Italienischen und Portugiesischen sehr leicht erschien, und ich hatte nicht nöthig, mehr als sechs Wochen auf jede dieser Sprachen zu verwenden, um sie geläufig zu sprechen und zu schreiben. Aber meine Leidenschaft für das Studiren liess mich meine maschinenmässige Beschäftigung als Büreaudiener vernachlässigen, besonders als ich anfing sie als meiner unwürdig anzusehen. Doch wollten meine Vorgesetzten mich nicht befördern; sie glaubten wahrscheinlich, dass ein Mensch, der seine Unfähigkeit für die Beschäftigung eines Büreaudieners beweise, ebendeshalb zu einer höheren Leistung ganz untauglich sei.

Endlich hatte ich das Glück, durch die Fürsprache meiner braven Freunde, L. Stoll aus Mannheim und Ballauff aus Bremen, eine Stelle als Correspondent und Buchführer im Büreau der Herren B. H. Schröder u. Comp. in Amsterdam zu erhalten, welche mich mit einem Gehalt von 1200 Franken engagirten; als sie aber meinen Eifer sahen, zahlten sie mir, um mich anzuspornen, 2000 Fr.– Diese Grossmuth, für welche ich denselben ewig dankbar sein werde, begründete in der That mein Glück. Da ich nämlich glaubte, dass ich mich vielleicht durch die Kenntniss der russischen Sprache noch nützlicher machen könnte, beeilte ich mich, auch diese zu lernen. Ich konnte mir aber von russischen Büchern nur eine alte Grammatik, ein Lexicon und eine schlechte Uebersetzung des Telemach verschaffen. Trotz aller meiner Nachfragen konnte ich keinen Lehrer des Russischen finden, denn Niemand in Amsterdam verstand ein Wort von dieser Sprache. Ich machte mich also daran, ohne Lehrer zu studiren, und mit Hülfe der Grammatik lernte ich in einigen Tagen die russischen Buchstaben und ihre Aussprache. Dann fing ich an, meiner alten Methode folgend, kleine Geschichten eigner Ausarbeitung russisch niederzuschreiben und auswendig zu lernen. Da ich Niemand hatte, der meine Arbeiten corrigirte, so waren sie jedenfalls herzlich schlecht; aber ich suchte zu gleicher Zeit mich durch praktische Uebung zu corrigiren, indem ich den Telemach auswendig lernte. Ich glaubte, dass ich mehr Fortschritte machen würde, wenn ich Jemand bei mir hätte, dem ich die Abenteuer des Telemach erzählen könnte. Zu diesem Zwecke miethete ich für wöchentlich vier Franken einen armen Juden, der jeden Abend kommen musste, um zwei Stunden hindurch meine russischen Vorträge anzuhören, von denen er nicht eine Sylbe verstand.

Da die Zimmerdecken in Holland aus einfachen Brettern bestehen, so hört man im Erdgeschoss, was im dritten Stock gesprochen wird. Meine mit lauter Stimme gehaltenen Vorträge belästigten daher die andern Miether sehr, welche sich beim Hausbesitzer beklagten; und zweimal während meines Studiums der russischen Sprache zwang man mich auszuziehen. Aber diese Unannehmlichkeiten schwächten meinen Eifer nicht, und nach Verlauf von sechs Wochen schrieb ich meinen ersten russischen Brief an einen Russen in London und war im Stande, mich mit den russischen Kaufleuten, welche nach Amsterdam zur öffentlichen Versteigerung des Indigo gekommen waren, in dieser Sprache geläufig zu unterhalten.

Nachdem ich das Studium der russischen Sprache beendet hatte, fing ich an, mich ernstlich mit den Literaturen der erlernten Sprachen zu beschäftigen.

Im Anfang des Jahres 1846 sandten mich meine braven Vorgesetzten als Agenten nach St.-Petersburg, wo ich ein Jahr später ein Handlungshaus für meine eigne Rechnung gründete; aber während der ersten acht oder neun Jahre, welche ich in Russland verlebte, war ich mit Arbeiten dermassen überladen, dass ich meine Sprachstudien nicht fortsetzen konnte, und erst im Jahre 1854 wurde es mir möglich, das Schwedische und Polnische zu erlernen.

So gross auch mein Wunsch war, das Griechische zu lernen, so wagte ich doch das Studium desselben nicht eher zu beginnen, als bis ich einen gewissen Wohlstand erreicht hätte; denn ich fürchtete, dass diese Sprache einen zu grossen Reiz auf mich ausüben und mich dem Handel entfremden würde. Als ich indess meiner Lernbegierde nicht mehr widerstehen konnte, machte ich mich endlich im Januar 1856 rüstig daran, zuerst mit Herrn N. Pappadakes, und dann mit Herrn Th. Vimpos aus Athen, indem ich immer meiner alten Methode folgte. Ich gebrauchte nicht mehr als sechs Wochen, um die Schwierigkeiten des Neugriechischen zu bewältigen, und machte mich darauf an die alte Sprache, welche ich in drei Monaten hinreichend erlernte, um einige der alten Schriftsteller, und besonders Homer, zu verstehen, den ich mit dem lebendigsten Enthusiasmus las und wieder las.

Hierauf beschäftigte ich mich zwei Jahre hindurch ausschliesslich mit der altgriechischen Literatur und las während dieser Zeit fast alle alten Schriftsteller cursorisch, und mehrmals die Iliade und Odyssee.

Im Jahre 1858 bereiste ich Schweden, Dänemark, Deutschland, Italien und Aegypten, wo ich den Nil bis zum zweiten Katarakt in Nubien hinauffuhr. Ich benutzte diese Gelegenheit zur Erlernung des Arabischen und durchreiste darauf die Wüste von Cairo bis Jerusalem. Ich besuchte Petra, durchreiste ganz Syrien und hatte auf diese Weise hinlänglich Gelegenheit, die arabische Sprache praktisch zu erlernen, deren tieferes Studium ich in der Folge zu St.-Petersburg betrieb. Nächst Syrien besuchte ich im Sommer 1859 Athen, und war eben im Begriff, nach der Insel Ithaka abzureisen, als ich in eine Krankheit verfiel und gezwungen wurde, nach St.-Petersburg zurückzukehren.

Der Himmel hatte meine Handelsunternehmungen auf wunderbare Weise gesegnet, so dass ich am Ende d. J. 1863 mich im Besitz eines Vermögens befand, nach welchem zu streben mein Ehrgeiz niemals gewagt hatte. Ich zog mich daher vom Handel zurück, um mich ausschliesslich den Studien, welche den grössten Reiz für mich haben, zu widmen.

Im Jahre 1864 war ich auf dem Wege, das Vaterland des Odysseus und die Ebene von Troja zu besuchen, als ich mich veranlassen liess, Indien, China und Japan zu besuchen und die Reise um die Welt zu machen. Auf dieser Reise brachte ich zwei Jahre zu, und nach meiner Rückkehr im Jahre 1866 liess ich mich in Paris nieder, um meine übrige Lebenszeit den Wissenschaften zu widmen und mich vorzugsweise mit der Archäologie zu beschäftigen, welche Wissenschaft den grössten Reiz für mich hat.

Endlich konnte ich den Traum meines ganzen Lebens verwirklichen und mit Musse den Schauplatz der Begebenheiten, welche mir ein so grosses Interesse eingeflösst hatten, und das Vaterland der Helden besuchen, deren Abenteuer meine Kindheit entzückt und getröstet haben. Ich reiste also im verflossenen Sommer ab und besuchte nacheinander die Gegenden, in welchen noch so lebendige poetische Erinnerungen an das Alterthum vorhanden sind.

Doch hatte ich keineswegs den Ehrgeiz, eine Studie über diesen Gegenstand zu veröffentlichen: ich entschloss mich erst dann dazu, als ich fand, welche Irrthümer fast alle Archäologen über die einst von der Homerischen Hauptstadt Ithaka's eingenommene Stelle, über die Ställe des Eumäus, die Insel Asteris, das alte Troja, die Grabhügel der Batieia und des Aesyetes, das Grab des Hektor u. s. w. verbreitet haben.

Abgesehen von der Hoffnung, Meinungen, welche ich für irrthümlich halte, zu berichtigen, würde ich mich glücklich schätzen, dazu beitragen zu können, unter dem intelligenten Publicum Geschmack an den schönen und edlen Studien zu verbreiten, welche meinen Muth in den harten Prüfungen meines Lebens aufrecht erhalten haben und mir die Tage, welche ich noch zu leben habe, versüssen werden.

Paris, den 31. December 1868.

Heinrich Schliemann.
6 Place St.-Michel.

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