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Ithaka der Peloponnes und Troja

Heinrich Schliemann: Ithaka der Peloponnes und Troja - Kapitel 17
Quellenangabe
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typereport
authorHeinrich Schliemann
titleIthaka der Peloponnes und Troja
publisherWissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
printrun2., unveränderte Auflage
editorErnst Meyer
year1963
firstpub1869
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090522
projectid27d10210
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Fünfzehntes Kapitel

Inschrift in unbekannten Schriftzügen, welche lesbar werden, wenn man den Stein umkehrt. – Forschungen an der angeblichen Stelle Troja's. – Lauf des Skamander. – Der Kimar-Su. – Der Dumbrek-Su oder Simoïs. – Keine Spur von Troja auf den Anhöhen von Bunarbaschi. – Ballidagh. – Ruinen einer kleinen Citadelle. – Alter Steinbruch.

In mehreren Werken über die trojanische Ebene wird eine Inschrift von fünf unbekannten Schriftzeichen erwähnt, die sich auf dem Hügel von Dede, zwischen dem Skamander und Bunarbaschi, befindet. Man scheint derselben eine besondere Bedeutung beizulegen, da sie sich sogar auf der Spratt'schen Karte von Troja als Vignette befindet. Mein Verlangen, das Original zu sehen, erregte mir den Wunsch, sie noch an demselben Abend aufzusuchen; aber bei meiner Rückkehr von den Quellen war es Nacht und ich musste mein Vorhaben auf den folgenden Tag verschieben.

Am Abend schlug ich mein Nachtlager auf einem kleinen Hügel jenseits Bunarbaschi auf. Bei Tagesanbruch eilte ich zu meinem Wirth, dem Albanesen, um mich von ihm nach dem Orte der Inschrift begleiten zu lassen. – Lass mich noch eine Stunde schlafen, antwortete er mir mit heiserer Stimme. – Aber meine Ungeduld wollte sich nicht beschwichtigen lassen. Ich gebe Dir zwei Franken, wenn Du mir die Inschrift sogleich zeigst, sagte ich zu ihm. Diese Worte wirkten wie ein Zauber. Sofort war er reisefertig, und nach einer Viertelstunde langten wir am Hügel von Dede, auf dem linken Ufer des Skamander an. In der Einschliessungsmauer eines Denkmals, das dem Anscheine nach sicherlich nicht alt ist, zeigte mir mein Wirth einen Stein von 67 Centimeter Länge und 50 Centimeter Breite mit folgender Inschrift:

Ich betrachtete den Stein einige Minuten lang mit Aufmerksamkeit und erkannte bald, dass er verkehrt eingemauert sei und die Inschrift lesbar werden würde, wenn man sie umkehrte. Ich schrieb sie nun sorgfältig ab, kehrte das Blatt herum und es ergab sich folgende Gestalt:

So angesehen ist nur der erste Buchstabe der rechten Seite unbekannt. Von der Rechten zur Linken gelesen ergiebt sich, dass die drei folgenden Schriftzeichen die türkischen, arabischen und persischen Zahlen 255 sind. Das letzte Zeichen ist die Verbindung der beiden Buchstaben und , die türkisch-persische Conjunction , unser dass. So ist nur noch das Zeichen übrig. Ich vermuthe, dass es ein Versehen des Steinmetzen ist und die Zahl (sieben) bezeichnen soll.

Ist meine Deutung richtig, so ist die Inschrift folgendermassen zu lesen: »2557 dass«. Unerklärt bleibt dabei, warum die erste 5 von einem Viereck eingeschlossen ist.

Ohne Zweifel hat dieser Stein einem alten türkischen Gebäude oder Denkmale mit einer längeren Inschrift angehört; die übrigen Steine, welche die Fortsetzung der Inschrift enthielten, sind verloren gegangenMein gelehrter Freund Ernst Renan ist der Ansicht, dass das Wort nur schlecht ausgehauen ist, und (Jahr) bedeuten soll. Ferner hält er das Zeichen nicht für 2, sondern 3 oder 4, wogegen gar keine Bedeutung habe. In diesem Falle würde die Inschrift besagen: »Jahr 355 oder 455«, nämlich der Hedschra. Da dreiunddreissig muhamedanische Mondjahre zweiunddreissig christlichen Jahren gleich sind, so würde die Inschrift aus dem Jahre 966 unserer Zeitrechnung datiren, wenn der Schriftzug eine 3, und aus dem Jahre 1063, wenn er eine 4 ist..

Ich begreife nicht, wie die Zeichen dieser Inschrift jemals die Gelehrten haben in Verlegenheit setzen können, und dass Niemand auf den Gedanken gekommen ist, der Stein könne verkehrt eingemauert sein.

Wir kehrten nach Bunarbaschi zurück. Mein Wirth gab mir das ausbedungene Brod, und da mein Führer mit dem Pferde zur Hand war, machte ich mich sogleich auf, um in ihrer ganzen Ausdehnung die Gegend zu durchforschen, welche man mit Unrecht für die Stelle des alten Troja hält. Ich glaubte meinen Zweck nicht besser erreichen zu können, als wenn ich denselben Weg einschlüge, auf welchem Achilleus und Hektor nach Homers Angabe dreimal um die Stadt gelaufen sind (Il. XXII, 143–148 und 157–166).

Wenn die Quellen am Fusse des Hügels von Bunarbaschi wirklich diejenigen wären, von welchen Homer spricht (XXII, 147–155), was ich indess nicht zugeben kann, so wäre es sehr leicht, den Umfang Troja's und den Weg, den beide Helden nahmen, zu finden.

Homers Angaben sind folgende:

Apollo hatte die Gestalt des Agenor angenommen und den Achilleus an das Ufer des Skamander gelockt (XXI, 600 – 605), zwei Kilometer von den beiden Quellen. Hektor blieb vor dem skäischen Thore (XXII, 5–6):

Ἕϰτορα δ᾽ αὐτοῦ μεῖναι ὀλοὴ Μοῖρ᾽ ἐπέδησεν,
Ἰλίου προπάροιθε, πυλάων τε Σϰαιάων.

»Die todbringende Parze fesselt den Hektor und hält ihn vor Ilion und dem skäischen Thore fest.«

Achilleus geht vom Skamander nach der Stadt (XXII, 21–24):

Ὣς εἰπών, προτὶ ἄστυ μέγα φρονέων ἐβεβήϰει,
Σευάμενος ὥσθ᾽ ἵππος ἀεθλοφόρος σὺν ὄχεσφιν,
Ὅς ῥά τε ῥεῖα θέῃσι τιταινόμενοσ πεδίοιο.
Ὣς Ἀχιλεὺς λαιψηρὰ πόδας ϰαὶ γούνατ᾽ ἐνώμα.

»Sprach's und eilte zur Stadt hin, voll edlen Stolzes, mit der Schnelligkeit eines Renners, der den Wagen in den Kampfspielen zieht und leicht den Schritt in der Ebene verlängert; so bewegte Achilleus schnell die Füsse und Kniee.«

Vor dem skäischen Thore trifft er Hektor, der von Furcht ergriffen flieht (XXII, 136–137):

Ἕϰτορα δ᾽ ὥς ἐνόησεν, ἕλε τρόμος· οὐδ ἄρ᾿ ἔτ᾿ ἔτλη
Αὖθι μένειν, ὀπίσω δὲ πύλας λίπε, βῆ δὲ φοβηθείς.

»Als Hektor ihn sah, wurde er von Furcht ergriffen; er wagte es nicht länger stehen zu bleiben; er liess das Thor hinter sich und entfloh.«

Hektor flieht von Achilleus verfolgt; sie kommen an der Warte und dem Feigenhügel vorbei, und indem sie immer auf dem Fahrwege längs der Mauer laufen, erreichen sie die beiden Quellen (XXII, 145–148):

Οἱ δὲ παρὰ σϰοπιὴν ϰαὶ ἐρινεὸν ἠνεμόεντα
Τείχεος αἰὲν ὑπὲϰ ϰατ᾽ ἀμαξιτὸν ἐσσεύοντο ·
Κρουνὼ δ᾿ ἵϰανον ϰαλλιῤῥόω, ἔνθα δὲ πηγαὶ
Δοιαὶ ἀναΐσσουσι Σϰαμάνδρου δινήεντος.

»Sie kamen bei ihrem Laufe auf der Fahrstrasse an der Warte und dem wehenden Feigenhügel vorbei, und erreichten die beiden klaren Brunnen, aus welchen die beiden Quellen des wirbelreichen Skamander hervorsprudeln.«

An diesen beiden Quellen eilten sie vorüber (XXII, 157):

Τῇ ῥα παραδραμέτην, φεύγων, ὁ δ᾿ ὄπισθε διώϰων.

»Sie eilten an ihnen vorüber, der eine fliehend, der andere verfolgend.«

So laufen sie dreimal um die Stadt Troja (155–156):

Ὣς τὼ τρὶς Πριάμοιο πόλιν περὶ δινηθήτην
Καρπαλίμοισι πόδεσσι · θεοὶ δέ τε πάντες ὁρῶντο.

»So laufen sie mit ihren schnellen Füssen dreimal um die Stadt des Priamus; alle Götter schauen zu.«

Mehrere Erklärer Homers nehmen die Präposition »περί« (um) an dieser Stelle in der Bedeutung von »παρά« (bei), und sprechen die Ansicht aus, der Lauf der beiden Helden habe dreimal längs der Mauer von Troja, zwischen den beiden Quellen und dem Skamander, stattgefunden. Diese Erklärung ist jedoch hier ganz unzulässig, denn Homer sagt ausdrücklich, dass sie über die beiden Quellen hinaus gelaufen sind.

Auch Strabo hat die angeführten Verse in demselben Sinne aufgefasst. Wo er von Neu-Ilium spricht (XIII, 1 S. 9 der Tauchnitzer Ausgabe), finden sich folgende Worte: »Οὐδ᾽ ἡ τοῦ Ἕϰτορος δὲ περιδρομὴ ἡ περὶ τὴν πόλιν ἔχει τι εὔλογον, οὐ γάρ ἐστι περίδρομος ἡ νῦν, διὰ τὴν συνεχῆ ῥάχιν ἡ δὲ παλαιὰ ἔχει περιδρομήν.« »Der Lauf Hektors um die Stadt Neu-Ilium ist durchaus nicht wahrscheinlich, weil man wegen des fortlaufenden Höhenzuges nicht um die Stadt laufen kann, während man um die alte Stadt allerdings herum laufen konnte.«

Zuerst begab ich mich an den Skamander, als den Hauptfluss, von wo ich, längs des Bunarbaschi-Hügels, in gerader Richtung bis zu den Quellen ging, indem ich immer in westlicher Richtung denselben Weg verfolgte, den Achilleus notwendiger Weise durchlaufen musste, um Hektor vor dem skäischen Thore zu treffen. An den Quellen angekommen, wandte ich mich nach Südosten, indem ich einer Erdspalte folgte, die sich zwischen Bunarbaschi und dem anstossenden Felsen hinzieht. Wenn nämlich Troja überhaupt auf diesen Höhen gestanden hat, so scheint die Lage seiner Mauern durch die Localität genau bestimmt zu sein.

Nach einem einstündigen sehr beschwerlichen Marsche kam ich auf der Südwestseite des Hügels, auf welchem man Pergamus wiedergefunden zu haben glaubt, an einen jähen Abhang von ungefähr 150 Meter Höhe, welchen die beiden Helden hinabsteigen mussten, um zum Skamander zu gelangen und die Runde um die Stadt zu machen. Ich liess meinen Führer und das Pferd auf der Höhe und stieg den Abgrund hinunter, welcher anfangs unter einem Winkel von ungefähr 45° und weiterhin 65° abfällt, sodass ich gezwungen war, auf allen Vieren rückwärts zu kriechen. Ich gebrauchte fast eine Viertelstunde, um hinunterzukommen, und habe dadurch die Ueberzeugung gewonnen, dass kein sterbliches Wesen, nicht einmal eine Ziege, in eilendem Laufe einen Abhang hat hinunterkommen können, der unter einem Winkel von 65° abfällt, und dass Homer, der in seiner Ortsbestimmung so genau ist, gar nicht daran gedacht hat, dass Hektor und Achilleus bei ihrem Rundlaufe um die Stadt dreimal diesen Abhang hinuntergelaufen seien, was absolut unmöglich ist.

Ich ging nun am Ufer des Skamander, des jetzigen Mendere, weiter, indem ich immer demselben Wege folgte, welchen die Helden dreimal hätten durchlaufen müssen.

Die Höhen von Bunarbaschi, auf welche man das alte Troja verlegt, fallen fast senkrecht in den Fluss ab, und das linke Ufer hat eine so geringe Breite, dass der Raum durch den schmalen Fusssteig oft ganz angefüllt ist. Die Breite des Flussbettes beträgt je nach den örtlichen Verhältnissen 70 bis 100 Meter. Der Fluss hat im August eine nur schwache Strömung von 10 bis 16 Meter Breite und 30 bis 80 Centimeter Tiefe; aber seine steilen Ufer von 3 bis 4 Meter Höhe und die zahlreichen entwurzelten Bäume, welche an den Krümmungen der Ufer und an kleinen im Flussbette befindlichen Inseln das Wasser stauen, bezeugen den grossen Ungestüm seines Laufes im Winter und Frühling und die häufigen Ueberschwemmungen.

Der Skamander kommt vom Ida herab, wie Homer richtig bemerkt (Il. XII, 19–22); sein sehr gewundener Lauf würde in gerader Linie 64 Kilometer lang sein.

Er fliesst zuerst durch eine landeinwärts liegende grosse Ebene, dann durchbricht er in einem engen Thale die niedrigeren Höhen des Ida-Gebirges und durchströmt die Ebene von Troja; sein Wasser setzt nie aus in Folge der zahlreichen Bäche und Quellen, welche sich in ihn ergiessen.

Früher floss der Skamander mehr östlich in der Ebene und vereinigte sich mit dem Simoïs, der jetzt Dumbrek-Su genannt wird, 1700 Meter nordwestlich von Hissarlik (Neu-Ilium). Das alte Bett und die ehemalige Verbindung mit dem andern Flusse ist noch deutlich zu sehen. Während des Winters fliesst durch das alte Bett das überschüssige Wasser ab.

Bei seinem Eintritt in die Ebene von Troja nimmt der Skamander den Kimar-Su auf. Kimar ist eine Verdrehung des griechischen Wortes » Καμάρα« (Gewölbe). Er hat diesen Namen von einer grossen, 18 Meter breiten, auf Bogen ruhenden Wasserleitung, welche 10 Kilometer oberhalb seiner Vereinigung mit dem Skamander in einer Höhe von 30 Meter über ihn hinwegführt.

Zu meinem Erstaunen ersehe ich aus einem Werke über die Ebene von Troja, welches im vorigen Jahre in Paris erschienen ist, dass der Verfasser desselben, Nicolaïdes, diesen Fluss für den Simoïs hält. Ich hoffe klare Beweise dafür liefern zu können, dass der Simoïs kein andrer Fluss als der Dumbrek-Su sein kann, den ich auf mehreren Karten unter dem Namen Thymbrius verzeichnet finde. Er entspringt in den östlichen Hügeln, in der Nähe des Dorfes Rinkoï, durchfliesst die Ebene und nimmt bei Hissarlik (Neu-Ilium) plötzlich eine andere Richtung nach dem Vorgebirge Rhöteum, wo er sich ins Meer ergiesst. Von dem Puncte an, wo er sich nach Norden wendet, wird er In-Tepe-Asmak genannt. Den Namen Dumbrek-Su hat er von dem Dorfe Dumbrek, welches an seinem Ufer am Ende des schönen Thaies liegt, das sich von Westen nach Osten zwischen zwei Gebirgsketten ausdehnt, von denen die eine im Norden In-Tepe, die andere im Süden Chiblak genannt wird.

Der Skamander ist der einzige Abfluss für die von den Ida-Bergen herabkommenden Gewässer während der Regenzeit, und steigt sogleich beim Eintritt derselben. Da der anhaltende Regen schnell die unterirdischen Kanäle der Berge und die Quellen anfüllt, so schwillt der Fluss rasch an, überschwemmt die grosse Ebene zwischen den Bergen und stürzt sich mit solchem Ungestüm in das enge Thal zwischen Ene und Bunarbaschi, dass er vom Monat August an bis zu einer Höhe von 9 bis 12 Meter über sein Niveau steigt. Man sieht das deutlich an den Gräsern, welche an den Ufern und Bäumen hängen bleiben.

Die gelbliche Farbe seines Sandes wird wohl die Veranlassung gewesen sein, dass die Götter ihm den Namen Xanthos gaben (Il. XX, 40).

Ueberall wo es die natürliche Beschaffenheit des Bodens zulässt, sind seine Ufer in derselben Weise mit üppiger Vegetation von Weiden, Tamarisken, Lotos, Binsen und Cypergras bedeckt, wie zur Zeit des trojanischen Krieges (Il. XXI, 350–352):

Καίοντο πτελέαι τε ϰαὶ ἰτέαι ἠδὲ μυρῖϰαι,
Καίετο δὲ λωτός τ᾽ ἠδὲ θρύον ἠδὲ ϰύπειρον,
Τὰ περὶ ϰαλὰ ῥέεθρα ἅλις ποταμοῖο πεφύϰει.

»Da brannten die Ulmen, die Weiden, die Tamarisken, der Lotos, die Binsen, das Cypergras, welche reichlich an den Ufern des Flusses wuchsen.«

Man hält das Wasser des Skamander für der Gesundheit sehr zuträglich; deshalb ziehen es die Einwohner dem Brunnenwasser vor und kommen weit her, um es zu schöpfen.

Nach einem dreiviertelstündigen Marsche längs des Flusses kam ich wieder an die Stelle, von wo ich ausgegangen war und von wo nothwendiger Weise Achilleus ausgehen musste, wenn er geradeaus längs der Mauern von Troja nach dem skäischen Thore hin lief. Ich hatte im Ganzen zwei Stunden gebraucht, um den Platz im Kreise zu umgehen, den man dem alten Troja anweist.

Nun nahm ich meine Richtung wiederum nach Ballidagh hin (so wird der südöstliche Theil der Höhen von Bunarbaschi genannt), indem ich die Troja angewiesene Stelle von Norden nach Süden durchwanderte. Obwohl ich aufmerksam nach allen Seiten blickte, ob sich nicht ein behauener Stein, eine Scherbe oder irgend ein Anzeichen finde, das auf eine frühere Stadt hinweise, war doch alle meine Mühe umsonst – nicht die geringste Spur menschlicher Thätigkeit.

Mykenä und Tiryns sind bereits vor 2335 Jahren zerstört worden, und dennoch sind die vorhandenen Ruinen dieser Städte von solcher Beschaffenheit, dass sie wohl noch 10 000 Jahre dauern können und dann immer noch die allgemeine Bewunderung erregen werden. Man braucht an der Stelle von Mykenä und Tiryns gar nicht eigentlich zu graben, sondern nur die Oberfläche des Bodens zu untersuchen, so findet man Unmassen von Scherben, und nach Verlauf von 10 000 Jahren wird man ebensolche Scherben finden, weil dieselben in der Erde keine andere Gestalt annehmen.

Troja ist nur 722 Jahre früher als diese Städte zerstört worden; wenn es daher wirklich auf der Stelle, welche man ihm auf den Höhen von Bunarbaschi anweist, existirt hätte, so würde man dort gewiss noch heute in gleicher Weise Ruinen finden, wie in Mykenä und Tiryns; denn die cyklopischen Bauwerke verschwinden nicht spurlos, und Trümmer von Ziegeln und Töpferwaaren findet man überall, wo menschliche Wohnungen gestanden haben.

Wenn man selbst den unmöglichen Fall annimmt, dass die Trojaner weder Töpferwaaren noch Ziegel gehabt haben, dass sie hölzerne Häuser bewohnten und dass die Steine ihrer Mauern in Staub zerfallen sind, so würde man doch wenigstens Spuren der Strassen auf den Felsen finden, welche den grössten Theil des Terrains von Bunarbaschi bedecken, das man für Troja ausgiebt. Aber das wilde Aussehen dieser Felsen, ihre ausserordentlichen Unebenheiten und der gänzliche Mangel einer geebneten Oberfläche geben den deutlichen Beweis, dass sie niemals eine menschliche Wohnung getragen haben.

Da indess die Ansicht von der Lage Troja's auf den Höhen von Bunarbaschi neue und immer wieder neue Vertheidiger findet, welche blind daran wie an ein Dogma glauben und mit voller Zuversicht davon sprechen, so hielt ich es im Interesse der Wissenschaft für meine Pflicht, an einigen Stellen Ausgrabungen zu veranstalten. Indess der Tag war schon zu weit vorgerückt; es war bereits zwei Uhr Nachmittags, als ich meinen Führer wieder erreichte; ich verschob daher die Ausgrabungen auf den folgenden Tag und wandte die übrige Zeit des Tages dazu an, das Plateau von Ballidagh, 3 Kilometer südöstlich von Bunarbaschi, zu erforschen.

Dieses Plateau endigt in einer Anhöhe von zehn Metern, welche sich 157 Meter über dem Meeresspiegel befindet und ein anderes kleines, wenig unebenes Plateau von 190 Meter Länge bildet, dessen grösste Breite von Norden nach Süden kaum 100 Meter beträgt.

Der Consul Hahn hat mit dem Architecten Ziller im Jahre 1865 auf dieser Anhöhe Ausgrabungen veranstaltet, und fast den ganzen Umfang einer kleinen Citadelle zu Tage gefördert, deren Mauern das Gepräge eines sehr fernen Alterthums an sich tragen, aber von verschiedener Bauart sind. Die eine Mauer ist aus vieleckigen, leichtbehauenen Steinen errichtet, von derselben Art wie in Mykenä, aber viel kleiner; eine andere besteht aus prachtvoll behauenen und gut über einander geschichteten Steinen; eine dritte aus Steinen von unregelmässiger Form, die aber in bewundernswerther Weise aneinander gefügt sind; eine vierte aus Steinen, deren vier Seiten einen vollkommenen Würfel bilden, während ihre Aussenseite plump behauen ist; eine fünfte ist unter einem Winkel von 45° geneigt und aus Bruchsteinen erbaut; eine sechste hat eine ebensolche Neigung, besteht aber aus kleinen unbehauenen Steinen.

Man hat ein einziges kleines Eingangsthor auf der Nordseite von nur 1 Meter Breite entdeckt.

Das Plateau der Festung ist mit einer grossen Menge Fundamente kleiner Häuser bedeckt. Da diese Fundamente mit kleinen Steinen wie übersäet sind, so dürfen wir wohl annehmen, dass die Häuser aus diesen Steinen und Erde errichtet waren.

Nur auf der Westseite hat Consul Hahn einige alte Gebäude entdeckt, von denen das merkwürdigste von 7 Meter Länge bei gleicher Breite ist und augenscheinlich auf der Südseite mit einem andern Gebäude in Verbindung gestanden hat; zwei kleine, dort gefundene Säulen lassen vermuthen, dass es ein kleiner Tempel gewesen ist.

Unmittelbar unter der Citadelle, am Ende des kleinen Hügels, findet man im Felsen eine 7 Meter tiefe Höhlung von elliptischer Form, deren grösster Durchmesser 15 Meter beträgt. Diese Höhlung ist jedenfalls der Steinbruch, welcher das Material zum Bau der kleinen Festung geliefert hat.

Die Felsen von Ballidagh bestehen aus Basaltstein.

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