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Ithaka der Peloponnes und Troja

Heinrich Schliemann: Ithaka der Peloponnes und Troja - Kapitel 14
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typereport
authorHeinrich Schliemann
titleIthaka der Peloponnes und Troja
publisherWissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
printrun2., unveränderte Auflage
editorErnst Meyer
year1963
firstpub1869
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090522
projectid27d10210
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Zwölftes Kapitel

Hoher Preis des Eisens im Alterthume. – Zwei andere Schatzkammern. – Der Boden ist mit alten Scherben bedeckt. – Ruinen des Heraion. – Argos. – Die Citadelle. – Geschichte von Argos. – Zweiundzwanzig Führer. – Ruinen der Altstadt. – Die Fustanella. – Der Retsino-Wein. – Tiryns und seine cyklopischen Mauern. – Geschichte von Tiryns. – Nauplia. – Sage von Palamedes. – Beweis, dass die Schreibkunst zur Zeit Homers nicht bekannt war. – Die Festung Palamedes. – Die Gefangenen.

Es unterliegt keinem Zweifel, dass Eisen und Stahl schon zu Homers Zeiten bekannt waren, weil dieser Dichter öfter σίδηρος (Eisen) und ϰύανος erwähnt, welches letztere Wort man nicht anders als durch Stahl übersetzen kann (Il. XXIII, 850–851; XI, 24–25; Od. IX, 391–393; VII, 87); aber beide Metalle waren damals so selten und so kostbar, dass man sie noch nicht zur Verfertigung von Waffen anwandte; und wirklich sind alle in Homers Gedichten erwähnten Waffen aus χαλϰός (Erz, worunter man Bronze oder Kupfer zu verstehen hat).

Dies bestätigt auch Pausanias (III, 3, §. 6):

»Dass im heroischen Zeitalter alle Waffen von Erz waren, bezeugt uns Homer durch seine Beschreibung der Axt des Peisandros und des Pfeiles des Meriones. Einen andern Beweis giebt uns die Lanze des Achilles, welche im Tempel der Minerva zu Phaselis aufbewahrt wird, und der Degen des Memnon, den man im Tempel des Aeskulap zu Nikomedia sieht; die Spitze und der Beschlag der Lanze, sowie der ganze Degen, sind von Erz; wir wissen, dass es sich so verhält.«

Selbst sieben Jahrhunderte nach dem trojanischen Kriege war das Eisen noch so kostbar und selten, dass in dem Friedensvertrage, den Porsenna nach Vertreibung der Könige mit dem römischen Volke schloss, sich die ausdrückliche Klausel befand, die Römer sollten das Eisen nur zum Ackerbau verwenden (Plinius XXXIV, 39).

In der Nähe der Citadelle sieht man die Ruinen zweier anderer Schatzkammern von geringeren Dimensionen, die aber in demselben Styl, wie die eben beschriebene, erbaut sind. In beiden sind die Gewölbe eingestürzt, die Mauern hingegen gut erhalten. Als ich die Steine dieser Bauwerke aufmerksam untersuchte, fand ich auch die Spuren bronzener Nägel, ein deutlicher Beweis, dass das Innere ebenfalls mit kupfernen Platten bekleidet gewesen ist.

Die ganze Baustelle der alten Stadt Mykenä ist mit Trümmern von Ziegeln und Töpferwaaren bedeckt, und selbst, wenn man von der Festung und den Schatzkammern absieht und nur den Erdboden betrachtet, so sieht man, dass hier eine grosse Stadt gestanden haben muss.

Als ich 4 Uhr Nachmittags nach Charvati zurückkehrte, fand ich meine Escorte und den Führer fest eingeschlafen, und ich konnte sie nicht anders wach machen, als indem ich ihnen Wasser ins Gesicht spritzte. Als sie munter geworden waren, wollten sie mich überreden, die Nacht über im Dorfe zu bleiben, weil es schon zu spät wäre, um Argos noch erreichen zu können. Ich hatte indess wenig Lust, die Nacht in diesem Dorfe zuzubringen, dem schmutzigsten und elendesten, das ich bis jetzt in Griechenland gesehen habe, wo sich keine Quelle, kein Brod, kein Obst, sondern nur wenig brackiges Regenwasser vorfand, und gab daher Befehl zur Abreise. Da aber meine Leute neue Einwendungen machten, entliess ich die beiden Soldaten mit einem Geschenk, und bestieg meine Rosinante. Mit Peitsche und Sporn gelang es mir endlich, sie fast in Galopp zu bringen, und so ging es vorwärts in der Richtung nach Argos. Unter solchen Umständen sah sich mein Führer, dem das Pferd gehörte, gezwungen, mir nachzukommen, und er musste sich dazuhalten, um mich einzuholen.

Wenn es schon unangenehm ist, auf einem schlechten, wenn auch gut gesattelten Pferde zu galoppiren, so ist dies noch weit unangenehmer auf einem elenden Thiere, das auf seinem Rücken statt des Sattels ein viereckiges hölzernes Gerüst ohne Steigbügel trägt, und statt eines Zaumes einen Strick um den Hals hat; man gewöhnt sich aber an alles Ungemach, besonders wenn man ein bestimmtes Ziel im Auge hat. Mein lebhaftes Verlangen, das Heraion, den berühmten Tempel der Juno, zu untersuchen und noch am Abend in Argos anzukommen, liess mich vergessen, dass ich ohne Sattel reiten musste.

Um 5 Uhr kam ich an diesem Tempel an, welcher im Jahre 423 v. Chr. durch einen unglücklichen Zufall abbrannte. Pausanias (II, 17) giebt uns die Beschreibung des neuen, neben dem alten errichteten Tempels.

Die Ruinen liegen auf einem Hügel, dessen unregelmässige Platform in drei sich übereinander erhebende Terrassen getheilt ist. Jetzt ist nur ein massiver, cyklopischer Unterbau des alten, und einige hellenische Mauern des neuen Tempels vorhanden.

Halb sieben Uhr Abends kam ich in Argos an, das auf den Ruinen der alten gleichnamigen Stadt erbaut ist. Die neue Stadt hat nur 8000 Einwohner, sie nimmt aber einen ungeheuren Raum ein, weil alle Häuser einstöckig und von Gärten umgeben sind. Sie ist eine der blühendsten Städte Griechenlands, deren Industrie und Landwirthschaft bedeutend ist.

Ein Hôtel giebt es nicht in der Stadt, und da ich mich nicht abermals der Gefahr aussetzen wollte, die Nacht in einem elenden Wirthshause zubringen zu müssen, so blieb mir nichts weiter übrig, als nach dem Abendbrode mein Nachtlager auf einem benachbarten Felde zu suchen.

Am Morgen des folgenden Tages stieg ich, nachdem ich in einem Wirthshause von Argos gefrühstückt hatte, zu der Festung hinauf, die auf einem kegelförmigen, 334 Meter hohen Felsen liegt. Zwei Strassenjungen boten mir, gegen eine Entschädigung von 10 Lepta (8 Centimes) für jeden, ihre Dienste als Führer an.

Diese Citadelle hiess im Alterthum auf pelasgisch Larissa oder auch wegen ihrer runden Form Aspis, d. h. Schild. Doch bemerkt man an ihren Mauern nur wenig Reste cyklopischer Bauart, und selbst von hellenischer Arbeit ist wenig mehr vorhanden; fast alle Mauern rühren von den Venetianern oder Türken her. Jetzt ist die Citadelle verlassen und verfällt mehr und mehr.

Die Fernsicht von oben ist prachtvoll; man sieht die Ebene von Argos, Tiryns, Nauplia, Mykenä, den halcyonischen See, den lernäischen Sumpf u. s. w.

Eine Stunde lang verweilte ich auf dem höchsten Puncte der Festung, überschaute die Ebene von Argos und vergegenwärtigte mir die Hauptereignisse, deren Schauplatz sie gewesen ist. Hier liess sich im Jahre 1856 v. Chr. Inachus, und 1500 v. Chr. Danaus mit ägyptischen Colonisten nieder. Hier herrschten Pelops, von dem die Halbinsel ihren Namen erhielt, und seine Nachkommen Atreus und Agamemnon, Adrastos, Eurystheus und Diomedes; hier wurde Herkules geboren, der den Löwen in der Höhle von Nemea und die Hydra im lernäischen Sumpfe tödtete. Schon im fernsten Alterthum war Argos in mehrere kleine Reiche getheilt: Argos, Tiryns, Epidaurus, Hermione, Trözen und Mykenä, welche in der Folge unabhängige Staaten bildeten.

Argos, eine der grössten und mächtigsten Städte Altgriechenlands, war durch die Liebe ihrer Einwohner für die schönen Künste, besonders für die Musik, berühmt. Nach Pausanias (II, 19 und 20) hatte die Stadt dreissig herrliche Tempel, prachtvolle Gräber, ein Stadion, ein Gymnasion, und manche andere prächtige Denkmäler; jetzt sind nur noch wenige Ruinen davon übrig.

Kaum war ich mit meinen zwei kleinen Führern von der Citadelle herabgestiegen, als ungefähr zwanzig andere Jungen sich mir anschlossen, und so viele Mühe ich mir auch gab, diesen lärmenden Haufen loszuwerden, es wollte mir nicht gelingen. Unter solcher Begleitung besichtigte ich die Reste der alten Stadtmauern, dann das alte Theater, in welchem ich 71 in drei Abtheilungen getheilte Stufen zählte, die in den Felsen gehauen sind, der von Natur eine Krümmung bildet. Das Theater hat 150 Meter, und die Orchestra 67 Meter im Durchmesser; man hat berechnet, dass es 20,000 Zuschauer fassen konnte.

Neben dem Theater sind die Ruinen mehrerer Tempel; in einem derselben kaufte ich von einem Bauern für 30 Drachmen oder ungefähr 2 Francs 60 Centimes eine kleine marmorne Büste des Jupiter, welche er angeblich beim Pflügen gefunden hatte.

Da keine Alterthümer mehr vorhanden waren, so kehrte ich in die Stadt zurück, als die zwanzig Jungen, die mich gegen meinen Willen begleitet hatten, mit lautem Geschrei Bezahlung verlangten, weil jeder behauptete, mein Führer gewesen zu sein. Um sie loszuwerden, gab ich jedem 10 Lepta (8 Centimes), womit sie sich zufrieden gaben.

In Argos, wie überall im Peloponnes, trägt jedermann das griechische Nationalcostüm, welches für die Reichen in zwei sammtnen, goldgestickten Jacken, und für die Bauern in einer oder zwei Jacken aus einfachem Stoffe besteht; ausserdem die Fustanella, die über dem Bauche durch einen Shawl oder einen Gürtel befestigt wird, in welchem eine oder zwei Pistolen und ein Dolch stecken. Die Tracht der Frauen besteht in einem enganschliessenden gestickten Mieder und einem hellfarbigen Rocke; sie tragen auf dem Kopfe einen rothen türkischen Fez mit einer langen Eichel von Seide oder Goldfäden.

Die Hitze war an diesem Tage drückend, und um so unerträglicher, da kein Lüftchen wehte. Da ich fortwährend dem Sonnenscheine ausgesetzt war, so hatte ich viel zu leiden, und meine Kleider waren von Schweiss ganz durchnässt. Ein brennender Durst quälte mich den ganzen Tag, und ich war nicht im Stande ihn zu löschen, obwohl ich eine solche Menge Wein und Wasser trank, als unter andern Umständen für eine ganze Woche hingereicht hätte. Wie überall in Griechenland ist der Wein in Argos ausgezeichnet, besonders der weisse, Retsino genannt, der durch die Beimischung von einer Art Harz einen sehr bittern Geschmack bekommt.

Gegen 2 Uhr Nachmittags bestieg ich einen der nach Nauplia fahrenden öffentlichen Wagen. Sieben Kilometer von Argos und 3½ Kilometer von Nauplia, stieg ich bei der Citadelle von Tiryns ab, welche auf dem Plateau eines kleinen Hügels liegt und von 8 bis 12 Meter hohen und 8 bis 9 Meter dicken Mauern umgeben ist. Diese Mauern sind aus grob behauenen, 2 bis 4 Meter langen, 1 Meter 33 Centimeter breiten und ebenso hohen Steinen erbaut. Pausanias berichtet, dass der Heros Tiryns, von dem die Stadt ihren Namen hat, ein Sohn des Argus und Enkel des Jupiter war; dass von den Ruinen nichts weiter übrig ist, als eine von den Cyklopen erbaute Mauer, deren Steine eine so enorme Grösse haben, dass ein Gespann von zwei Maulthieren nicht einmal den kleinsten von der Stelle bewegen könnte. Auch sagt er, dass die Zwischenräume der grossen Steine mit kleinen ausgefüllt sind (Pausanias II, 25).

Natürlich versteht Pausanias unter dem Worte τεῖχος die grosse Mauer der Citadelle, denn von der Stadtmauer ist keine Spur zu finden. Wäre diese aber zur Zeit des Pausanias noch vorhanden gewesen, so würde sie wahrscheinlich noch jetzt ebenso wohl, wie die der Citadelle, zu sehen sein.

Man hat diese Mauern im ganzen Alterthume für ein Wunderwerk angesehen; Pausanias (II, 16; VII, 25) und Strabo (VIII, 6) bestätigen, dass sie von den Cyklopen für den König Proitos erbaut worden sind. Pindar (fragmenta ed. Boeckh) spricht auch von »Κυϰλώπια πρόθυρα Τίρυνθος« und Pausanias (IX, 36) stellt sie als Wunderwerke den ägyptischen Pyramiden gleich. Auf jeden Fall reicht ihr Bau in die älteste Sagenzeit Griechenlands hinauf, und die Tradition erzählt, Proitos habe Tiryns an Perseus abgetreten und dieser es dem Elektryon überlassen, dessen Tochter Alkmene, die Mutter des Hercules, den Amphitryon heirathete, welcher von Sthenelus, dem Könige von Argos, vertrieben wurde. Herkules eroberte Tiryns und hatte lange Zeit hier seinen Wohnsitz, weshalb er häufig der Tirynthier genannt wird. (Pindar Ol. XI, 40; Ovid Met. VII, 410; Virgil Aen. VII, 662).

Selbst nach der Rückkehr der Herakliden und nach der Eroberung des Peloponnes durch die Dorier blieb die Stadt in der Gewalt der Achäer. Herodot (VI, 81–83) erzählt, dass nach der gänzlichen Niederlage der Argiver durch Kleomenes ihre Stadt (Argos) von Männern so entblösst war, dass die Sklaven sich der Herrschaft bemächtigten; als aber die Söhne der getödteten Einwohner herangewachsen waren, hätten sie die Sklaven vertrieben, welche alsdann Tiryns eroberten und sich dort behaupteten.

Wie ich schon früher bemerkte, haben vierhundert Mykenier und Tirynthier an der Schlacht bei Platää Theil genommen (Herodot IX, 28). Im Jahre 466 v. Chr. wurde Tiryns von den Argivern zerstört (Strabo VIII, 6).

Im Innern der Citadelle sind zwei durch eine cyklopische Mauer getrennte Plateaus, das eine 4 Meter höher als das andere. Das höhere ist 135 Meter lang und 70 bis 80 Meter breit; das niedrigere ist nur 115 Meter lang und 40 Meter breit. Auf dem höheren Plateau sieht man viele durch cyklopische Mauern gestützte Terrassen.

Die Mauern im Süden und Osten enthalten bedeckte Galerien von eigenthümlicher Bauart. In der östlichen Mauer sind zwei parallele Corridore, deren einer mit sechs Nischen in der äussern Wand versehen ist. In der südlichen Mauer ist eine 4 Meter breite Galerie, in deren Mitte sich ein ungeheurer Thürpfosten befindet, mit einem grossen Loch für den Riegel, woraus sich ergiebt, dass man, wenn es nöthig war, den Durchgang verschliessen konnte. Ohne Zweifel haben diese Galerien dazu gedient, zwischen den beiden Thürmen oder Waffenplätzen an den äussersten Enden die Communication zu unterhalten.

Homer nennt Tiryns (Il. II, 559): Τίρυνς τειχόεσσα (das mit Mauern umgebene Tiryns). Da er das Adjectiv »τειχόεσσα« von andern Städten nicht gebraucht, so hat er ohne Zweifel damit sagen wollen, dass die Mauern von Tiryns mit ganz besonderm Rechte diesen Namen verdienten.

Auf der Südwestseite der Citadelle ist Raum genug für eine Stadt, und wirklich ist hier der Boden mit Trümmern von Ziegeln und Töpferwaaren bedeckt, woraus sich ohne Zweifel ergiebt, dass hier eine Stadt gestanden hat; diese kann aber keine cyklopischen Mauern gehabt haben, da sich keine Spuren davon mehr vorfinden. Ueberhaupt habe ich in der Umgegend auch nicht einen einzigen Stein gesehen, der von einem cyklopischen Bau herrühren könnte, weshalb ich vermuthe, dass zu Homers Zeiten die ganze Stadt oder wenigstens der grösste Theil derselben sich in der Festung selbst befand, dass die Erbauung der ausserhalb derselben liegenden Stadt in spätere Zeit fällt. Das von Homer gebrauchte Wort τειχόεσσα kann sich also meiner Meinung nach nur auf die ungeheuren cyklopischen Mauern der Festung von Tiryns beziehen.

Ich setzte meine Reise allein und zu Fuss in der Richtung von Nauplia fort, griechisch Ναυπλία, auf italienisch Napoli di Romagna genannt, und kam in einer Stunde vor dem Stadtthore an, über welchem man noch jetzt den Löwen von St. Marcus sieht. Auf meinem Wege nach dem Gasthofe kam ich an mehreren Springbrunnen mit türkischen Inschriften vorbei, aus welchen sich ergiebt, dass die Brunnen im zwölften Jahrhundert der Hedschra angelegt sind.

Das Dampfboot war eben nach dem Piräeus abgefahren, und ich musste eine Woche lang auf die nächste Fahrt warten.

Nauplia wurde von Ναύπλιος, dem Sohne des Neptun und der Amymone (Strabo VIII, 6 und Pausanias II, 38), gegründet.

Nach der Tradition war Palamedes, der Sohn des Nauplios, nach Ithaka gegangen, um die List des Odysseus zu enthüllen, welcher, um dem Zuge nach Troja zu entgehen, den Wahnsinnigen spielte. Als Palamedes sah, wie Odysseus am sandigen Meeresstrande mit einem Pferde und einem Ochsen pflügte und Salz in die Furchen streute: so nahm er den neugebornen Telemach aus den Armen der Penelope und legte ihn vor den Pflug. Odysseus aber gab der Pflugschar eine andere Richtung, um sein Kind nicht zu tödten. Da erkannte Palamedes seine List und zwang ihn, dem Zuge nach Troja zu folgen. Um sich zu rächen, ahmte Odysseus die Namensunterschrift des Palamedes nach und schrieb unter seinem Namen Briefe an Priamus, in denen er Verrath an den Griechen übte. Wirklich wusste er es auch so anzustellen, dass die Correspondenz in die Hände der Griechen fiel, welche den Palamedes zum Tode verurteilten und steinigten. Indes Strabo (VIII, 6) erklärt diese Erklärung für eine Fabel; denn Homer würde, wenn die Sache sich so verhalten hätte, gewiss nicht unterlassen haben, einen Mann wie Palamedes zu erwähnen, der nach so vielen Beweisen von Scharfsinn und Klugheit auf ungerechte Weise ermordet worden war.

Wir erklären aus noch zwei andern gewichtigen Gründen diese Erzählung für eine Fabel. Erstens ist nirgends auf Ithaka ein sandiges Ufer, da die ganze Küste mit Felsen bedeckt ist, welche schroff ins Meer abfallen und die Aufhäufung des Sandes unmöglich machen. Zweitens darf man wohl mit Sicherheit annehmen, dass zur Zeit des trojanischen Krieges die Schreibkunst noch gar nicht erfunden war, weil man noch niemals eine Inschrift aus dem heroischen Zeitalter gefunden hat; und selbst im Sprachgebrauche des Homer, von dem man annimmt, dass er zwei Jahrhunderte nach diesem Kriege gelebt hat, hat das Wort γράφειν nicht die Bedeutung von schreiben, sondern ritzen, kratzen, einschneiden. Z. B. Il. VI, 167–170:

Κτεῖναι μέν ῥ᾽ ἀλέεινε, σεβάσσατο γὰρ τόγε θυμῷ,
Πέμπε δέ μιν Λυϰίηνδε, πόρεν δ᾽ ὅγε σήματα λυγρὰ
Γράψας ἐν πίναϰι πτυϰτῷ θυμοφθόρα πολλά
Δεῖξαι δ᾽ ἠνώγειν ᾧ πενθερῷ, ὄφρ᾽ ἀπόλοιτο.

»Er stand davon ab, ihn zu tödten, denn eine heilige Scheu hielt ihn zurück; aber er schickte ihn nach Lycien und gab ihm verderbenbringende Zeichen mit, indem er in eine gefaltete Tafel viele todbringende Merkmale einschnitt; diese sollte er seinem Schwiegervater zeigen, damit er auf diese Weise umkäme.«

Nach Apollodors Ansicht (II, 3), der die nämliche Geschichte erzählt, soll Homer mit σήματα geschriebene Buchstaben, und mit γράφειν schreiben meinen, denn er sagt: »Ἔδυϰεν ἐπιστολὰς αυτῷ πρὸς Ἰοβάτην ϰομἰσειν ἐν αἷς ἐνεγέγραπτο Βελλεροφόντην ἀποϰτεῖναι.« (Er gab ihm Briefe an den Jobates, in welchen geschrieben war, er solle den Bellerophon tödten.)

Indess Apollodor irrt; denn in den Homerischen Gedichten findet sich nirgends die geringste Spur der Anwendung der Schreibkunst; man kann also nicht annehmen, dass den Homerischen Helden diese Kunst bekannt gewesen sei.

Im Zusammenhange mit der erzählten Fabel von Palamedes wird der hohe, steile und einsame Felsen vor Nauplia noch jetzt Palamedes genannt. Auf dem Gipfel desselben, der sich 240 Meter über den Meeresspiegel erhebt, ist eine grosse, von den Venetianern erbaute Festung. Sie ist von allen Seiten unnahbar, ausser an einem Puncte im Osten, wo sich der Felsen an eine Hügelkette anschliesst. Wegen ihrer scheinbar uneinnehmbaren Lage wird sie das griechische Gibraltar genannt. Sie wurde nach einer langen Belagerung durch die Griechen den Türken genommen und ergab sich erst, als fast die ganze Garnison vor Hunger umgekommen war. Die Festungswerke sind stark, aber in schlechtem Zustande. Die Garnison besteht jetzt nur aus etwa 30 Soldaten.

Auf einen Erlaubnissschein des Generalstabes von Nauplia zeigte man mir die Citadelle in allen ihren einzelnen Theilen. Man führte mich auch in den Gefängnisshof, wo man Verschläge hat anbringen lassen, damit die Gefangenen dort täglich einmal nach der Reihe frische Luft schöpfen können.

Es war eben 5 Uhr Nachmittags und alle Gefangenen hatten bereits ihren Spaziergang gemacht, mit Ausnahme von fünfen, welche ich noch in einem der Verschläge herumgehen sah. Sie konnten sich nur mühsam bewegen, da sie mit schweren Ketten an den Füssen belastet waren. Ihr wildes Aussehen erregte meine Aufmerksamkeit und ich trat an den Verschlag heran, um sie näher in Augenschein zu nehmen. Die fünf Männer kamen sogleich auf mich zu und fragten mich nach einer tiefen Verbeugung, ob ich ihnen nicht ein griechisches Buch oder wenigstens ein griechisches Journal geben könnte. Zufällig hatte ich einen Band der Gedichte von Alex Sutsos bei mir. Ich machte ihnen das Buch zum Geschenk und gab ihnen den guten Rath, es ganz auswendig zu lernen. Mit dem Ausdrucke der lebhaftesten Freude nahmen sie es an; aber wie war ich erstaunt, als ich sah, dass sie das Buch verkehrt hielten. Ich bekam eben keine hohe Meinung von ihren Kenntnissen und fragte, ob sie lesen könnten. Sie antworteten: Οὐδὲ Γράμμα (nicht einen Buchstaben). – Aber was wollt Ihr denn mit dem Buche anfangen? – Wir wollen lesen lernen, antworteten sie.

Obgleich ich nicht recht begriff, wie sie es anfangen wollten, aus einem gedruckten Buche lesen zu lernen, von dem sie nicht einen Buchstaben verstanden, so wollte ich doch keine weiteren Fragen deshalb an sie richten, aus Furcht, sie möchten glauben, ich wollte ihnen das Buch wieder abnehmen. Ich lenkte daher die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand und frug, warum sie im Gefängniss wären.

Sie antworteten: Wir schwören Ihnen, dass wir gegen unsern Willen hier sind; auch sind wir vollkommen unschuldig, denn wir sind friedliche Hirten und haben Niemandem etwas zu Leide gethan. – Aber man steckt ehrliche Leute nicht ein, sagte ich zu ihnen, Ihr müsst also die menschliche Gesellschaft schwer beleidigt haben, dass sie eine so schreckliche Rache an Euch nimmt. – Man hat sich in uns geirrt, sagten sie; man hat geglaubt, wir trieben das Räuberhandwerk in den Gebirgen, während wir nur unsere Heerden weideten.

Trotz ihrer Versicherung, dass sie immer einen musterhaften Lebenswandel geführt hätten, schenkte ich doch ihren Worten wenig Glauben und entfernte mich mit dem Rathe, das Buch tüchtig zu studiren. Von dem Officier, der mich herumführte, erfuhr ich, dass diese fünf Männer berüchtigte Räuber wären, die sich einer Menge Mordthaten schuldig gemacht hätten, weshalb sie alle zum Tode verurtheilt wären und in einigen Tagen ihrem Ende entgegen sähen.

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