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Ithaka der Peloponnes und Troja

Heinrich Schliemann: Ithaka der Peloponnes und Troja - Kapitel 13
Quellenangabe
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typereport
authorHeinrich Schliemann
titleIthaka der Peloponnes und Troja
publisherWissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
printrun2., unveränderte Auflage
editorErnst Meyer
year1963
firstpub1869
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090522
projectid27d10210
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Elftes Kapitel

Nächtliche Entweichung. – Escorte. – Reise auf einem schlechten Pferde ohne Sattel, Steigbügel und Zaum. – Ein Σαγμάριον statt Sattel. – Ruinen von Kleonä. – Gefährliche Fieber. – Charvati. – Mykenä; seine Geschichte. – Die Citadelle des Agamemnon mit ihren ungeheuren cyklopischen Mauern und dem grossen Thor mit den beiden in Stein geschnittenen Löwen. – Schatzkammer des Agamemnon; ihre grosse Thür; ihre beiden Zimmer; die bronzenen Nägel in den Steinen, welche beweisen, dass alle Mauern mit Bronze-Platten bekleidet waren.

Da es in Neu-Korinth kein Hôtel giebt, so musste ich die Nacht auf einer hölzernen Bank in einem elenden Wirthshause zubringen. Obgleich ich von Anstrengung ermüdet war, so konnte ich doch kein Auge schliessen, weil die Mücken mich nicht einen Augenblick in Ruhe liessen. Vergebens suchte ich mich gegen sie zu schützen, indem ich das Gesicht mit einem Tuche bedeckte; sie stachen mich durch die Kleider hindurch. Voll Verzweiflung lief ich nach der Thür, aber sie war verschlossen. Der Wirth war ausgegangen und hatte die Schlüssel mitgenommen. Statt der Fenster hatte die Wohnung viereckige, durch eiserne Stangen verschlossene Oeffnungen. Nach langer und beschwerlicher Arbeit gelang es mir, zwei dieser Stangen herauszureissen, und auf die Gefahr hin, von den Nachtwächtern für einen Dieb gehalten zu werden, sprang ich auf die Strasse und bettete mich auf den Sand am Meeresufer, wo es glücklicher Weise keine Mücken gab. Ich schlief sofort ein und erfreute mich wenigstens drei Stunden lang der angenehmsten Ruhe.

Um vier Uhr Morgens stand ich auf, schwamm eine halbe Stunde im Meere und kehrte zur grossen Verwunderung des Wirthes in sein Haus zurück. Er war eben dabei, seine Sachen zu untersuchen; denn als er bemerkte, dass ich mich davon gemacht hatte, nahm er an, ich hätte ihn bestohlen. Alles klärte sich bald auf, und ich brauchte nicht, um meinen Wirth zu begütigen, ihm aus dem Homer vorzulesen. Er war zufrieden, als ich ihm ein Zwei-Frankenstück für den an den eisernen Stangen angerichteten Schaden gab.

Um 5 Uhr setzten wir unsere Reise fort, die beiden Soldaten und mein Führer zu Fuss, ich auf einem schlechten Pferde, einer wahren Rosinante. Trotz aller Bemühungen hatte ich weder Zügel, noch Sattel, noch Steigbügel bekommen können, denn dergleichen sind in Korinth als reine Luxusartikel gar nicht vorhanden. Der Zügel wurde durch einen um den Hals des Pferdes gebundenen Strick ersetzt, mit welchem ich nur mit grosser Mühe lenken konnte. In Ermangelung eines Sattels hatte man auf den Rücken des Thieres ein Σαγμάριον gelegt, eine Art viereckiges hölzernes Gerüst, welches an den vier Ecken mit Haken versehen ist. Diese Σαγμάρια sind für den Transport von Lasten sehr bequem; aber wegen der spitzen Ecken sind sie ein wahres Marterwerkzeug, wenn man sie als Sattel gebraucht. Wohl oder übel musste ich mich desselben bedienen, denn die Hitze war drückend, besonders in den Gebirgen, wo kein Lüftchen wehte. An einem Haken zur Linken hing mein Nachtsack, an einem andern zur Rechten ein Korb mit den sechs Vasen, die ich von den Bauern in Alt-Korinth gekauft hatte; am Haken hinter mir war auf der einen Seite eine grosse, vier Liter Wein enthaltende Flasche, auf der andern ein Sack mit zwei Broden für uns und Futter für das Pferd angebracht.

Der Weg, den man nur einen Fusssteig nennen kann, geht durch eine sehr gebirgige Gegend. Nachdem wir vier Stunden lang unaufhörlich bald bergan, bald bergab gestiegen waren, kamen wir an die Ruinen der alten Stadt Kleonä, und liessen uns an einer reichlich fliessenden Quelle nieder, um ein frugales Frühstück zu uns zu nehmen, welches aus trocknem Brod, Wasser und Wein bestand. Mein Führer und die Escorte ruhten eine Stunde lang aus, während ich die Ruinen von Kleonä durchforschte. Leider aber ist nichts zu sehen, als einige Säulen und Fundamente alter Gebäude. Neben diesen Ruinen ist ein Sumpf, dessen Ausdünstungen die Luft verpesten und gefährliche Fieber erzeugen, mit denen fast alle Einwohner der Umgegend behaftet waren.

Halb 1 Uhr kamen wir in dem schmutzigen und elenden Dorfe Charvati an, das auf einem Theile der Baustelle der alten Stadt Mykenä liegt, welche früher die Hauptstadt des Königs Agamemnon und wegen ihrer ungeheuren Reichthümer berühmt war. Mein Führer und die beiden Soldaten, welche den ganzen Weg von Korinth zu Fuss gemacht hatten, waren so ermüdet, dass sie mir nicht bis zu der Citadelle, welche sich 3 Kilometer von Charvati befindet, folgen konnten. Ich erlaubte ihnen, bis zu meiner Rückkehr im Dorfe auszuruhen, umsomehr als wir über die Gebirge hinaus waren und ich von Räubern nichts mehr zu fürchten hatte. Ausserdem kannten sie Mykenä nicht einmal dem Namen nach, wussten nichts von den Helden, denen diese Stadt ihren Ruhm verdankt, und hätten mir also auch nichts nützen können, weder um mir Monumente zu zeigen, noch um meine Begeisterung für die Archäologie anzuspornen. Ich nahm daher nur einen Bauerburschen mit mir, welcher die Citadelle unter dem Namen »Κάστρον Ἀγαμέμνονος« (Festung Agamemnons) und die Schatzkammer als »Τάφος Ἀγαμέμνονος« (Grabmal des Agamemnon) kannte.

Mykenä wird von Homer nur einmal »Μυϰήνη« (Il. IV, 52), sonst immer »Μυϰῆναι« genannt. Wenn man die weite Ausdehnung der Festung bedenkt, so gewinnt es an Wahrscheinlichkeit, dass in vorhomerischer Zeit die Stadt in der Festung eingeschlossen war und im Singular »Μυϰήνη«, später aber, als sie sich auf dem Plateau ausserhalb der Festungsmauern ausbreitete, im Plural »Μυϰῆναι« genannt wurde. Da Homer sie nur einmal im Singular »Μυϰήνη« nennt, so scheint es, dass die Vergrösserung der Stadt in der Zeit Homers, oder kurze Zeit vor ihm stattgefunden hat, sodass bei seinen Lebzeiten der Singular Μυϰήνη schon fast ausser Gebrauch gekommen war. Er nennt sie (Il. VII, 180 und XI, 46): »πολύχρυσος« (goldreich); (Il. IV, 52) »εὐρυάγυια« (mit breiten Strassen); (Il. II, 569) »ὐϰτίμενον πτολίεθρον« (die wohlgebaute Stadt).

Wegen ihrer einsamen Lage am Fusse der Gebirge, am Ende der argolischen Ebene, heisst es (Od. III, 263), sie habe gelegen: »μυχῷ Ἄργεος ἱπποβότοιο« (in einem Winkel des rosseernährenden Argos).

Mykenä's Berühmtheit gehört ausschliesslich dem heroischen Zeitalter an, denn die Stadt verlor ihre Bedeutung nach der Rückkehr der Herakliden und der Besitznahme von Argos durch die Dorier; aber sie behauptete ihre Unabhängigkeit und nahm an dem Nationalkriege gegen die Perser Theil. Achtzig Mykenier kämpften und fielen mit der kleinen Schaar Spartaner in den Thermopylen (Herodot VII, 202), und vierhundert Mykenier und Tirynthier betheiligten sich an der Schlacht bei Platää (Herodot IX, 28). Die Argiver, welche neutral geblieben waren, beneideten die Mykenier um die Ehre der Theilnahme an diesen Schlachten, und fürchteten ausserdem, die Mykenier möchten im Hinblick auf den alten Ruhm ihrer Stadt sich wieder der Hegemonie über Argolis bemächtigen. Aus diesen Gründen belagerten sie Mykenä, nahmen es ein und zerstörten es 466 v. Chr. (Diod. Sic. XI, 65; Strabo VIII, 6; Pausanias II, 16).

Als ein halbes Jahrhundert später Thucydides die Stadt besuchte, fand er sie in Trümmern. Strabo sagt: »Αἱ μὲν οὖν Μυϰῆναι νῦν οὐϰέτι εἰσίν« (Mykenä ist jetzt nicht mehr vorhanden); aber er scheint nicht dort gewesen zu sein, denn sonst würde er ihre Ruinen und die Citadelle erwähnt haben. Als fast fünf und ein halb Jahrhundert nach Thucydides, Pausanias Mykenä besuchte, sah er einen Theil der Citadelle, das Thor mit den beiden Löwen, die Schatzkammern des Atreus und seiner Söhne, die Gräber des Atreus, der von Aegisthus ermordeten Gefährten Agamemnons, der Kassandra, des Agamemnon, des Wagenlenkers Eurymedon, der Söhne der Kassandra, der Elektra, des Aegisthus und der Klytämnestra (Pausanias II, 16).

Da diese beiden letzteren Gräber »ὀλίγον ἀπωτέρω τοῦ τείχους« lagen, »ἐντὸς δὲ ἀπηξιώθησαν, ἔνθα Ἀγαμέμνων τε αὐτὸς ἔϰειτο ϰαὶ οἱ σὺν ἐϰείνῳ φονευθέντες« (ein wenig entfernt von der Mauer, denn sie [Aegisthus und Klytämnestra] wurden für unwürdig gehalten, im Innern begraben zu werden, wo Agamemnon und die mit ihm Ermordeten ruhten), so darf man daraus schliessen, dass Pausanias alle Mausoleen in der Festung selbst gesehen hat, und dass die des Aegisthus und der Klytämnestra ausserhalb der Umfangsmauern der Citadelle lagen.

Von allen diesen Grabdenkmälern ist jetzt keine Spur mehr vorhanden; aber man würde sie durch Nachgrabungen ohne Zweifel wieder auffinden können. Die Festung dagegen ist gut erhalten, und jedenfalls noch heute in einem weit bessern Zustande, als man nach der Aeusserung des Pausanias schliessen dürfte: » λείπεται δὲ ὅμως ἔτι ϰαὶ ἄλλα τοῦ περιβόλου, ϰαὶ ἡ πύλη, λέοντεσ δὲ ἐφεστήϰασιν αὐτῇ« (es sind indess noch Reste der Citadelle vorhanden, unter andern das Thor, über welchem sich die Löwen befinden).

In der That sind alle Umfangsmauern der Citadelle noch heute zu sehen. Sie haben an vielen Stellen eine Dicke von 5 bis 7 Metern, und je nach den Hebungen und Senkungen des Bodens eine Höhe von 5 bis 12 Metern. An mehreren Stellen sind diese Mauern aus ungeheuren Steinblöcken von unregelmässiger Form erbaut, zwischen welchen sich Lücken befinden, die mit kleinen Steinen ausgefüllt sind. Meist aber bestehen sie aus vieleckigen an einander gefügten Steinen, die so sorgfältig bearbeitet sind, dass die Aussenseite des Mauerwerks eine glatte Fläche bildet. An einigen Stellen, namentlich in der Nähe des grossen Thores, findet sich eine dritte Art Mauern aus fast viereckigen Steinen von 1 Meter 34 Centimeter bis 3 Meter 33 Centimeter Länge, 1 Meter bis 1 Meter 67 Centimeter Höhe und 1 bis 2 Meter Breite.

Die Citadelle hat 333 Meter Länge und bildet ein unregelmässiges Dreieck; sie liegt auf dem Gipfel eines steilen Hügels, zwischen zwei Bächen, am Fusse zweier 350 Meter hohen Berge. Im Innern der Festung erhebt sich der Boden von allen Seiten gegen den Mittelpunct und bildet Terrassen, welche durch cyklopische Mauern gleichmässig gestützt werden. Ich fand hier drei Cisternen und stieg in die grösste derselben hinunter, kam aber eilig wieder herauf, weil sie von giftigen Schlangen wimmelte.

Das grosse Thor, welches ich schon erwähnt habe, liegt auf der nordwestlichen Seite und bildet mit der anstossenden Mauer einen rechten Winkel. Man gelangt zu ihm auf einem 16 Meter 67 Centimeter langen und 10 Meter breiten Wege, der durch diese und eine andere äussere, mit ihr parallel laufende Mauer gebildet wird, welche letztere nur zur Vertheidigung des Weges gedient zu haben scheint. Das Thor hat eine Höhe von 3 Meter 34 Centimeter und eine Breite von 3 Meter und 17 Centimeter; es wird von zwei aufrecht stehenden Steinen gebildet, von 1 Meter Breite und 2 Meter Tiefe, die mit einem dritten von 5 Meter Länge und 1 Meter 33 Centimeter Tiefe bedeckt sind. Auf diesem letzteren Steine, der in der Mitte 2 Meter 24 Centimeter hoch ist und nach beiden Enden zu etwas abnimmt, steht ein dreieckiger, 4 Meter langer, 3 Meter 34 Centimeter hoher und 67 Centimeter tiefer Stein, auf welchem sich zwei Löwen in Bas-relief befinden, die auf den Hintertatzen stehen und mit den Vordertatzen einen runden Altar halten, der sich zwischen ihnen befindet und eine Säule mit einem aus vier, in zwei parallelen Rosenkränzen eingeschlossenen Kreisen gebildeten Kapitäl trägt.

Nach Müller (Dor. II, 6 §. 5) ist diese Säule das gewöhnliche Symbol des Apollo Agyieus, des Beschützers der Thore.

Einen Beweis für diese Ansicht haben wir in der Elektra des Sophokles, wo die Handlung vor dieses grosse Festungsthor von Mykenä verlegt ist. Vers 1376–1383 (ed. Tauchnitz) fleht Elektra zu Apollo:

Ἄναξ Ἄπολλον, ἵλεως αὐτοῖν ϰλύε,
Ἐμοῦ τε πρὸς τούτοισιν, ἥ σε πολλὰ δὴ,
Ἀφ᾽ ὧν ἔχοιμι, λιπαρεῖ προὔστην χερί.
Νῦν δ᾽, Λύϰει᾽ Ἄπολλον, ἐξ οἵων ἔχω,
Αἰτῶ, προπιτνῶ, λίσσομαι, γενοῦ πρόφρων
Ἡμῖν ἀρωγὸς τῶνδε τῶν βουλευμάτων,
Καὶ δεῖξον ἀνθρώποισιν τἀπιτίμια
Τῆς δυσσεβείας οἷα δωροῦνται θεοί.

»Herrscher Apollo, höre sie gnädig an, sowie auch mich, die ich dir oft mit meinen flehenden Händen Gaben darbrachte von dem, was ich hatte. Jetzt, Lykischer Apollo, bringe ich dir alles dar, was ich habe, ich flehe dich an, ich werfe mich vor dir nieder, ich beschwöre dich, steh uns in dieser Unternehmung bei, und zeige den Menschen, welche Strafe die Götter der Gottlosigkeit vorbehalten.«

Die bereits erwähnten Löwen sind in Bas-reliefs mit vieler Anmuth und Feinheit ausgeführt, und da sie die einzigen Ueberreste der plastischen Kunst des heroischen Zeitalters in Griechenland sind, so haben sie für die Archäologie ein unermesslich hohes Interesse.

An Ober- und Unterschwelle des grossen Thores sieht man deutlich die Löcher für Riegel und Angeln, und in den grossen Steinen des Pflasters die Geleise der Wagenräder.

An der nordöstlichen Seite ist eine Ausfallthür von 2 Meter 34 Centimeter Höhe und 1 Meter 66 Centimeter Breite; sie wird ebenfalls von drei Steinen gebildet, zeigt aber keine Bildhauerarbeit.

Die ganze Bodenfläche innerhalb der Citadelle ist mit Stücken von Ziegeln und Töpferwaaren bedeckt. Wie ich in einer von einem Bauern zu einem mir unbekannten Zwecke gegrabenen Grube sah, findet man dergleichen Bruchstücke bis zu einer Tiefe von sechs Metern. Mit Recht schliesst man wohl daraus, dass die ganze Festung im Alterthume bewohnt gewesen ist, und darf mit Rücksicht auf ihre imponirende Lage und grosse Ausdehnung annehmen, dass sie die Paläste der Familie des Atreus enthalten hat. Dass Sophokles derselben Ansicht war, ergiebt sich aus seiner Elektra.

Von hier begab ich mich nach der Schatzkammer Agamemnons, gewöhnlich »Τάφος Ἀγαμέμνονος« (Grab des Agamemnon) genannt, welche sich 1 Kilometer weit von der Festung befindet. Sie ist einer Schlucht gegenüber in den Abhang eines Hügels gegraben. Ein Gang von 50 Meter Länge und 9 Meter Breite, den zwei parallele Mauern von 10 Meter Höhe aus künstlich behauenen Steinen von 1 Meter 34 Centimeter bis 1 Meter 67 Centimeter Länge und 67 Centimeter bis 1 Meter Breite bilden, führt zu dem grossen Eingangsthore, welches 4 Meter 30 Centimeter hoch und am oberen Theile 2 Meter 83 Centimeter breit ist; seine Breite nimmt allmählich zu und beträgt unten 3 Meter.

Dieses Thor ist von einem einzigen prachtvoll behauenen Steinblocke von 9 Meter Länge und 1 Meter 50 Centimeter Höhe verdeckt, über welchem sich eine dreieckige Oeffnung befindet, welche 4 Meter hoch und unten ebenso breit ist. Neugierig kletterte ich hinauf und fand in der dreieckigen Oeffnung Spuren, welche es nicht zweifelhaft lassen, dass hier Statuen oder kleine Säulen gestanden haben mögen. Zu jeder Seite des grossen Thores befand sich früher eine Säule mit Piedestal und Kapitäl und zierlichen Sculpturen, die nach Leake (Morea Bd. 2, S. 374) keine Aehnlichkeit mit andern erhaltenen Bildwerken Altgriechenlands haben, sondern sich dem Stile derjenigen von Persepolis nähern.

In dem grossen Eingange sieht man die Löcher für die Riegel und Thürangeln. In gleicher Linie mit diesen befindet sich eine Reihe kleiner runder Löcher von etwa 5 Centimeter im Durchmesser und ungefähr 2 Centimeter Tiefe, auf deren Gründe man zwei ganz kleine Löcher erkennt, in denen jedenfalls bronzene Nägel gesteckt haben, von denen noch Reste vorhanden sind. Ohne Zweifel hielten diese Nägel die bronzenen, in den runden Löchern befestigten Verzierungen. Die Schatzkammer besteht aus zwei Zimmern, von denen das erste kegelförmig ist und 16 Meter im Durchmesser und 16 Meter 67 Centimeter Höhe hat; es steht durch eine Thür mit einem weiter hinein befindlichen, nur 7 Meter 66 Centimeter langen und breiten Zimmer in Verbindung, welches plump in den Felsen gehauen ist.

Dieses letztere war vollkommen dunkel, und zum Unglück hatte ich keine Streichhölzer mitgenommen. Ich sagte dem Jungen, der mich von Charvati begleitet hatte, er solle welche holen; aber er versicherte mir, es gäbe im ganzen Dorfe keine. Da ich indess vom Gegentheil überzeugt war, so versprach ich ihm für drei Streichhölzer eine halbe Drachme (ungefähr 40 Centimes). Der Junge war ganz verblüfft über meine Freigebigkeit und wollte es nicht glauben. Dreimal fragte er mich, ob ich ihm wirklich 50 Lepta geben würde, wenn er Streichhölzer brächte. Zweimal sagte ich Ja, das dritte Mal schwur ich bei Agamemnon's und Klytämnestra's Asche. Kaum hatte ich diesen Schwur gethan, so lief der Junge eilends nach Charvati, das über zwei Kilometer von der Schatzkammer des Agamemnon entfernt ist, und kam bald wieder, in einer Hand ein Bündel Strauchwerk, in der andern zehn Streichhölzer. Als ich ihn fragte, warum er dreimal mehr Streichhölzer gebracht hätte, als ich verlangte, gab er anfänglich ausweichende Antworten; aber durch wiederholte Fragen gedrängt, gestand er endlich, er hätte gefürchtet, ein oder das andere Streichhölzchen möchte nicht fangen, und um ganz sicher zu gehen und den versprochenen Lohn auf jeden Fall zu erhalten, habe er zehn statt drei gebracht. Nun zündete er in dem inneren Zimmer ein grosses Feuer an, bei dessen Schein die unzähligen Fledermäuse, welche hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten, mit schwirrendem Flügelschlag aufflogen und zu entkommen suchten. Aber geblendet von dem Scheine des Feuers konnten sie den Ausweg nicht finden, flatterten von einer Seite des Zimmers zur andern und belästigten uns sehr, da sie uns ins Gesicht flogen und sich an unsere Kleider anklammerten.

Diese Scene erinnerte mich lebhaft an die schönen Verse Homers (Od. XXIV, 6–10), in welchen er schildert, wie Mercur die Seelen der Freier der Penelope in die Unterwelt führt und sie ihm schwirrend folgen:

Ὡς δ᾽ ὅτε νυϰτερίδες μυχῷ ἄντρου θεσπεσίοιο
Τρίζουσαι ποτέονται, ἐπεί ϰέ τις ἀποπέσῃσιν
Ὁρμαθοῦ ἐϰ πέτρης, ἀνά τ᾽ ἀλλήλῃσιν ἔχονται ·
Ὣς αἱ τετριγυῖαι ἅμ᾽ ἤϊσαν · ἦρχε δ᾽ ἄρα σφιν
Ἑρμείας ἀϰάϰητα ϰατ᾽ εὐρώεντα ϰέλευθα.

»Wie drinnen in einer göttlichen Höhle die Fledermäuse flattern und ein schwirrendes Geräusch machen, wenn eine von ihnen vom Felsen fällt, an dem sie alle aneinander geklammert sitzen: so bewegten sich die Seelen schwirrend. An ihrer Spitze ging Mercur, der sie zu den dunklen Pfaden führte.«

Der grosse Saal oder Dom ist aus künstlich behauenen, 33 bis 70 Centimeter langen und 30 bis 60 Centimeter breiten, ohne Cement übereinander geschichteten Steinen erbaut. In jedem dieser Steine sind zwei kleine Löcher mit den Resten von darin eingeschlagen gewesenen Nägeln. Man findet selbst noch vollständig erhaltene Nägel in den Steinen des oberen Theils des Domes. Diese können wohl kaum einen andern Zweck gehabt haben, als die Zimmerbekleidung zu befestigen, und, wenn wir auch zugeben, dass die Nägel im untern Raume, bis zu einer Höhe von vier Metern, zum Aufhängen der Waffen und anderer Gegenstände gedient haben, so können doch unmöglich die oben am Gewölbe des Domes befindlichen zu gleichem Zwecke verwandt worden sein. Uebrigens zeigt die Bauart dieses Gebäudes bis in seine kleinsten Einzelnheiten eine wunderbare Kunst und Sorgfalt. Nachdem es einunddreissig Jahrhunderte lang den Verheerungen der Zeit getrotzt hat, ist es noch jetzt so vollkommen erhalten, als wenn es erst kürzlich erbaut wäre. Ohne Zweifel ist es früher auf die glänzendste Weise ausgeschmückt gewesen. Meiner Ueberzeugung nach waren alle inneren Wände des grossen Saales mit bronzenen oder kupfernen polirten Platten bekleidet, umsomehr, da wir aus den Schriften des Alterthums wissen, dass die Griechen in frühester Zeit ihre Gebäude auf diese Weise ausstatteten; denn anders können wir uns die ehernen Häuser und Zimmer, welche die alten Dichter und Historiker erwähnen, nicht erklären.

So lesen wir z. B. bei Homer (Od. VII, 84–87):

Ὥστε γὰρ ἠελίου αἴγλη πέλεν ἠὲ σελήνης,
Δῶμα ϰάθ᾽ ὑψερεφὲς μεγαλήτορος Ἀλϰινόοιο,
Χάλϰεοι μὲν γὰρ τοῖχοι ἐρηρέδατ᾽ ἔνθα ϰαὶ ἔνθα,
Ἐς μυχὸν ἐξ οὐδοῦ · περὶ δὲ θριγϰὸς ϰυάνοιο.

»Wie die Sonne oder der Mond im hellen Glanze strahlen, so erglänzte der hohe Palast des hochherzigen Alkinoos; denn die ehernen Wände erstreckten sich von der Schwelle des Thores bis auf den Grund des Gebäudes; ihr Simswerk war von blauem Stahl.«

Und bei Pausanias (II, 23):

Ἄλλα δέ ἐστιν Ἀργείοις θέας ἄξια · ϰατάγαιον οἰϰοδόμημα, ἐπ᾽ αὐτὸ δὲ ἦν ὁ χαλϰοῦς θάλαμος, ὃν Ἀϰρίσιός ποτε φρουρὰν τῆς θυγατρὸς ἐποίησεν. Περίλαος δὲ ϰαθεῖλεν αὐτὸν τυραννήσας ·τοῦτό τε οὖν τὸ οἰϰοδόμημά ἐστι.

»In Argos gibt es noch andere sehenswerthe Merkwürdigkeiten: ein unterirdisches Gewölbe, über welchem sich das kupferne Zimmer befand, das Akrisius seiner Tochter (Danaë) als Gefängniss anwies; unter Perilaos Regierung wurde es zerstört; das Gebäude aber ist noch jetzt vorhanden.«

Ferner bei Horaz (Od. III, 16):

Inclusam Danaën turris ahenea
Robustaeque fores et vigilum canum
Tristes excubiae munierant satis

Nocturnis ab adulteris .....

»Ein eherner Thurm, feste Thüren und die strenge Wache unheimlicher Hunde waren für die eingeschlossene Danaë eine hinreichend starke Schutzwehr gegen nächtliche Buhler.«

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