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Ithaka der Peloponnes und Troja

Heinrich Schliemann: Ithaka der Peloponnes und Troja - Kapitel 10
Quellenangabe
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typereport
authorHeinrich Schliemann
titleIthaka der Peloponnes und Troja
publisherWissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
printrun2., unveränderte Auflage
editorErnst Meyer
year1963
firstpub1869
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090522
projectid27d10210
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Achtes Kapitel

Der Mercurshügel. – Die Golfe von Aëtos und St.-Spiridon waren die Häfen der Homerischen Hauptstadt. – Schlagender Beweis, dass die Insel Daskalion nicht das Homerische Asteris sein kann. – Herzlicher Empfang in Leuke. – Abreise nach Daskalion. – Vorlesung des Frosch- und Mäuse-Krieges. – Falsche Uebersetzung des Wortes μῦς von französischen Philologen. – Apollodor's Irrthum in Bezug auf Asteris. – Topographie der Insel Daskalion. – Wahrscheinliche Lage des Homerischen Asteris. – Steinbett mit Homer als Kopfkissen.

Als ich an dem Fusse des Berges Paläa-Moschata ankam, konnte ich dem Verlangen nicht widerstehen, ihn noch einmal zu ersteigen, um den »μῦς Ἑρμαῖος λόφος« (Mercurshügel) aufzusuchen. Ohne Mühe fand ich ihn in einem kleinen 17 Meter hohen Felsen, welcher jetzt Chordakia heisst. Nur von hier aus konnte Eumaios, nachdem er aus der Stadt gekommen war, sehen, dass das Schiff der Freier in den Hafen einlief und mit Männern, Schilden und zweischneidigen Lanzen angefüllt war (Od. XVI, 472, 474). Er musste es von hier aus sehen, sowohl wenn das Schiff in den Golf Aëtos einlief, welcher sich auf der Ostküste der Insel am Fusse des Aëtos und des Paläa-Moschata befindet und der Haupthafen der Homerischen Stadt gewesen sein muss, als auch wenn es in den kleinen Golf St.-Spiridon kam, an der Westküste von Ithaka am Fusse des Aëtos der alten Stadt Samos auf Kephalonia grade gegenüber.

Bei meiner Ankunft auf Ithaka bin auch ich im Golf St.-Spiridon gelandet, welcher noch heute als Hafen für die Boote dient. Die Landenge zwischen diesem Hafen und dem von Aëtos ist, wie ich schon angegeben habe, nur 800 Meter breit, und da man vom Golf St.-Spiridon nach Samos, bei günstigem Winde, in einer Stunde fährt, während man vom Golf Aëtos aus um den südlichen Theil der Insel herum einen ganzen Tag braucht, unterliegt es keinem Zweifel, dass die beiden Golfe den Einwohnern der alten Hauptstadt als Meereshäfen gedient haben.

Der Golf St.-Spiridon hat wohl auch den Bewohnern von Odysseus' Palaste jederzeit als Hafen gedient, denn der westliche Abhang des Aëtos ist, wie ich schon oben gesagt habe, weniger steil als die andern, und ein bequemer Weg, dessen Spuren man noch hie und da entdeckt, führte in Schlangenwindungen über diesen Abhang von dem genannten Golf auf den Gipfel des Berges. Auch die Freier setzten voraus, dass Telemach bei seiner Rückkehr von Pylos und Lakedämon in diesem Hafen Kephalonia gegenüber landen würde; sonst würden sie sich nicht auf dieser Seite der Insel in Hinterhalt gelegt haben, um ihn bei seiner Ankunft zu tödten (Od. IV, 669–671).

Ἀλλ᾽ ἄγε μοι δότε νῆα θοὴν ϰαὶ εἴϰοσ᾽ ἑταίρους,
Ὄφρα μιν αὐτὸν ἰόντα λοχήσομαι ἠδὲ φυλάξω
Ἐν πορθμῷ Ἰθάϰης τε Σάμοιό τε παιπαλοέσσης.

»Wohlan! gebt mir ein schnelles Schiff und zwanzig Gefährten, dass ich ihm auflaure, wenn er kommt, und ihn in der Meerenge zwischen Ithaka und dem felsigen Samos erspähe.«

Ferner sagt Homer (Od. IV, 842–847):

Μνηστῆρες δ᾽ ἀναβάντες ἐπέπλεον ὑγρὰ ϰέλευθα,
Τηλεμάχῳ φόνον αἰπὺν ἐνὶ φρεσὶν ὁρμαίνοντες.
Ἔστι δέ τις νῆσος μέσσῃ ἁλὶ πετρήεσσα,
Μεσσηγὺς Ἰθάϰης τε Σάμοιό τε παιπαλοέσσης,
Ἀστερίς, οὐ μεγάλη · λιμένες δ᾽ ἔνι ναύλοχοι αὐτῇ,
Ἀμφίδυμοι · τῇ τόνγε μένον λοχόωντες Ἀχαιοί.

»Die Freier schifften sich ein und segelten auf dem nassen Pfade, im Geiste auf den grausamen Mord des Telemachos sinnend. Es liegt eine felsige Insel mitten im Meere, zwischen Ithaka und dem rauhen Samos, Asteris, welche nicht gross ist; sie hat Häfen mit zwei Eingängen, welche zum Hinterhalt der Schiffe sich eignen; dort erwarteten ihn die lauernden Achäer.«

Die Lage dieser Insel Asteris anzugeben macht mir Schwierigkeiten. Man hält sie für die Insel Daskalion, weil dies die einzige Insel in der ganzen Meerenge zwischen Ithaka und Kephalonia ist, und schliesst daraus, dass die Homerische Hauptstadt sich nothwendiger Weise im Thale von Polis befunden haben müsse.

Ich glaube indess hinlänglich bewiesen zu haben, dass dies unmöglich ist und dass die Hauptstadt nothwendiger Weise auf dem Abhange des Paläa-Moschata gelegen haben muss. Jetzt bleibt mir noch darzulegen, dass Asteris auf keinen Fall Daskalion sein kann.

Diese Insel liegt in einer Entfernung von 20 Kilometern nordnordwestlich vom Aëtos und ist so klein, dass man sie von diesem Berge aus gar nicht sieht. Also konnten auch die Freier von dort her das Schiff des Telemachos nicht erspähen, welcher, von Süden kommend, nach dem Golf St.-Spiridon segelte. Ebensowenig konnten sie sich dort in Hinterhalt legen, um das Schiff des jungen Fürsten zu überfallen, selbst wenn er nach Polis gesegelt wäre, denn Daskalion ist 10 Kilometer west-nord-westlich von diesem Hafen und nur 3 Kilometer von Kephalonia entfernt. Wenn Telemach von Pylos (heute Navarino) kam, so konnte er die Meerenge zwischen Ithaka und Kephalonia nur bei Süd-, Süd-Süd-Ost-, oder Süd-Süd-Westwind befahren, denn die Schifffahrt lag damals noch in der Kindheit und man verstand nicht zu laviren.

Nun wehten die Winde, mit welchen Telemach in Polis ankommen konnte, den Freiern grade entgegen, da diese ihn nur bei West-, Nord-West- oder Nord-West-Nordwind hätten erreichen können. Ausserdem sagt Homer, dass Asteris » Μεσσηγύς« (in der Mitte) der Meerenge zwischen Ithaka und Kephalonia liege, was mit den oben angegebenen Entfernungsverhältnissen von Daskalion in Widerspruch steht. In der Hoffnung, weitere Beweise gegen die Identität von Asteris und Daskalion zu finden, beschloss ich, diese letztere Insel selbst zu besuchen.

Ich eilte daher Leuke zu erreichen, wo ich abermals mit lebhaftem Enthusiasmus empfangen wurde und alle sich beeiferten, mir gastliche Aufnahme anzubieten. Obgleich ich sofort nach Daskalion weiter zu reisen beabsichtigte, so wollte man mich doch nicht eher gehen lassen, bis ich von meinen Reisen erzählt und ein Stück aus der Odyssee vorgelesen und übersetzt hatte.

Endlich 2 Uhr Nachmittags liess man mich weiter reisen. Man gab mir das beste Boot des Dorfes, und als ich nach den Kosten der Ueberfahrt fragte, lehnte man jede Bezahlung ab. Da ich indess in diesem Falle das Boot anzunehmen mich weigerte, sagte man endlich: Πλήρωσε τί θέλεις (zahle nach Belieben). Es wehte ein ziemlich starker Westwind und wir wurden gezwungen, fortwährend zu laviren, sodass wir erst um Mitternacht an der kleinen Insel ankamen. Aber die Zeit dauerte uns nicht zu lange, denn ich bemühte mich, meine Begleiter zu unterhalten, und fand darin auch für mich Unterhaltung. Zuerst las ich ihnen Homers Βατραχομυομαχίαμῦς (Krieg der Frösche und MäuseIch sehe mit Verwunderung, dass in allen französischen Uebersetzungen μῦς durch: Kampf der Frösche und Ratten wiedergegeben ist, während μῦς nichts anderes als Maus bedeutet. ) vor und übersetzte sie in ihren Dialekt. Sie hatten daran die herzlichste Freude. Dann erzählte ich ihnen von meinen Reisen um die Welt.

Es war herrliches Wetter; der Vollmond liess mich aus der Ferne alle Gebirge Ithaka's und Kephalonia's erkennen und nach Bequemlichkeit die kleine Insel Daskalion untersuchen. Diese hat nur 99 Meter Länge und 32 Meter in ihrer grössten Breite; sie besteht aus einem flachen Felsen und ragt nur zwei Meter über das Wasser. Nach Homer (Od. IV, 844–845) hatte die Insel Asteris einen doppelten Hafen; Daskalion hat nicht einmal eine Vertiefung von einem Meter, und, wenn man die grosse Tiefe des sie rings umgebenden Meeres bedenkt, so kann man unmöglich annehmen, dass solche Veränderungen in den örtlichen Verhältnissen der Insel haben eintreten können.

Da dies, wie ich schon gesagt habe, die einzige Insel zwischen Ithaka und Kephalonia ist, so hielt man sie schon im Alterthume für das Homerische Asteris und nannte sie in Folge dessen Asteria. Aber von allen Schriftstellern des Alterthums erwähnt sie nur Strabo, welcher sagt (X, 2): »Zwischen Ithaka und Kephalonia liegt die kleine Insel Asteria; sie wird vom Dichter Asteris genannt. Skepsios sagt, sie sei nicht so geblieben, wie der Dichter sie beschrieben hat, wenn er sagt: sie hat einen doppelten Hafen, der für den Hinterhalt geeignet ist. Apollodor erwähnt, dass sie zu seiner Zeit noch ebenso war, und dass auf ihr grade auf der Landenge zwischen beiden Häfen die Stadt Alalkomenas liege.«

Da Strabo nicht sein eigenes Urtheil über Asteris ausspricht, so kann er selbst die Insel nicht besucht haben.

Apollodor hat die Insel Asteris jedenfalls in seinem Commentar über den Homerischen Schiffskatalog erwähnt; dieses Werk ist leider verloren gegangen. In seinem Buche über die Götter, welches wir besitzen, ist von Asteris nicht die Rede. Er lebte in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts v. Chr., folglich hundert Jahre vor Demetrios von Skepsis und Strabo. War also in Wirklichkeit Asteris zu seiner Zeit so gross, dass eine Stadt Alalkomenas sich auf der Landenge zwischen seinen beiden Häfen befand, so hat diese Insel in so kurzer Zeit nicht ohne eine grosse Naturumwälzung, von der Demetrios von Skepsis und Strabo Kunde gehabt haben würden, zu einem unbedeutenden Felsen herabsinken können.

Alle geographischen Angaben Homers sind dermassen genau, dass ich nicht den geringsten Zweifel hege, dass es zu seiner Zeit eine kleine Insel Asteris mit doppeltem Hafen gegeben hat; aber die gewichtigen Gründe, welche ich angeführt habe, zwingen mich, sie in die Mitte der Meerenge, dem Südende Ithaka's gegenüber, zu verlegen. Diese Insel wird in Folge eines Erdbebens oder des Eindringens des Meeres, wie so viele andere kleine Inseln, verschwunden sein.

Meine Schiffer banden die Barke an einen Stein im Osten der Insel, an einer Stelle, wo sie vor dem Winde sowohl durch das Ufer selbst, als durch die hohen Gebirge von Kephalonia geschützt war. Da wir gegen 7 Uhr Abends wieder in Leuke sein wollten, so hatten wir weder Brod noch Wasser mitgenommen, und mussten, von Durst und Hunger gequält, die Nacht auf der wüsten Insel zubringen. Meine Schiffer ruhten im Boote, ich legte meine müden Glieder auf den Felsen, wobei mir Homer als Kopfkissen diente. Ist man so recht ermüdet, dann fühlt man gar nicht, welch hartes Lager der Stein ist. Ich schlief sofort ein und erwachte erst, als die Sonne mir heiss ins Gesicht schien.

Sogleich weckte ich die Schiffer; wir nahmen ein erquickendes Bad, indem wir zweimal um die Insel herumschwammen, und kehrten darauf mit gutem Winde nach Leuke zurück, wo wir 8 Uhr Morgens ankamen.

Man hatte unser Boot kommen sehen und war auf ein Frühstück bedacht gewesen, aber unglücklicher Weise war es Freitag, also Fasttag, und frisches Brod, Pellkartoffeln, Salz, Weintrauben und guter Wein war Alles, was man mir bieten konnte; aber man brachte es mir mit solcher Treuherzigkeit, Grazie und Freundlichkeit, dass dieses Frühstück mir als eins der besten erschien, die ich jemals genossen habe.

Man wollte mich für den übrigen Theil des Tages hier behalten; ich erklärte indess den biedern Leuten, dass ich das Dorf Exoge besuchen und von da nach Vathy zurückkehren müsste, um noch denselben Abend mit dem Dampfschiffe nach der Landenge von Korinth weiter zu reisen. Nach vielem Hin- und Herreden liess man mich fort, und da ich auf dem Rückwege nach Vathy Leuke nochmals passiren musste, so verschoben wir den Abschied bis auf meine Rückkehr.

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