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Italienisches Bilderbuch

Fanny Lewald: Italienisches Bilderbuch - Kapitel 36
Quellenangabe
typereport
authorFanny Lewald
year1992
publisherUlrike Helmer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-927164-36-4
titleItalienisches Bilderbuch
pages3-334
created20000219
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1847
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La sentenza

Am 27. April 1846 ging ich mit Freunden den Corso entlang, um mich nach dem Vereinslokale der deutschen Künstler zu begeben, nach dem Palazzo Simonetti. Es waren dort neue Bilder ausgestellt, welche man als besonders anziehend geschildert hatte. Schon bei dem Heraustreten aus der Via Frattina in den Corso fiel mir ein ungewöhnlich bewegtes Leben in demselben auf. Vor allen Haustüren der Bürgerhäuser waren die weiblichen Bewohnerinnen mit den Kindern auf dem Trottoire. Die Portiers der Paläste hatten förmliche Auditorien um sich versammelt; Minenten, Carretieri, Landleute, Salat- und Erdbeerverkäufer standen umher, und die eigentlichen Pflastertreter Italiens, die Mönche und Abbaten, waren in großer Anzahl vorhanden.

Wir hofften immer, irgendeinem Bekannten zu begegnen und Aufschluß über die Bewegung zu erhalten. Ein öffentliches Fest konnte es nicht sein, denn man sah keine Karabiniere, die dabei niemals fehlen; ein Feiertag noch weniger, weil unsere Wirtsleute nichts davon gemeldet hatten, welche dies zu tun nie vergaßen. Ich machte mir die wunderlichsten Gedanken und gelangte mit den Freunden endlich bis an die Piazza Colonna, wo der Zeiger der Uhr an der Post die zwölfte Stunde wies und ein Kanonenschlag mezzogiorno verkündete.

Auf der Piazza Colonna ist es immer sehr lebhaft. Rund um die Antoninssäule halten die Mietskutschen. Schuh- und Bürstenverkäufer haben ihren beweglichen Kram am Palazzo Ruspoli aufgeschlagen. Überall stehen Leute, welche die von der Post geholten Briefe öffnen und lesen, und jetzt im Frühjahr hatte sich wieder der Limonadenverkäufer an der Fontana seine Boutique eingerichtet, aus der er die Vorübergehenden auf die billigste, reinlichste und angenehmste Weise erquickte.

Solche Limonadenbuden finden sich im Sommer auf allen größern Plätzen, auf denen Fontänen sind. Von schattigen Oleander- und Lorbeerzweigen werden drei Wände gebildet und ein kleines Zeltdach über den Tisch gespannt, auf dem man die Limonade bereitet. Aus der Fontäne leitet ein Schlauch das Wasser in eine Urne auf dem Tische, von der es mittelst zwei kleiner Röhren immer frisch in die Gläser gefüllt wird. Die aufgehäuften Zitronen und Apfelsinen mit den dunkelgrünen Blättern dazwischen, das frisch rieselnde Wasser unter dem kleinen, schattigen Zeltdache und die Sauberkeit und Schnelle der weißgekleideten Verkäufer geben ein gar heiteres Bild, von dem ich nicht begreife, warum es nicht häufiger von Genremalern benutzt wird. Die verschiedenen Physiognomien der durstig Trinkenden, an denen es niemals fehlt, sind belustigend genug.

Heute aber war es nicht allein der Durst, der die Leute hier versammelte, es war das bevorstehende Ereignis, welches sie länger als gewöhnlich festhielt. Ich bat meine Begleiter, mit mir ebenfalls heranzutreten, und von einer starken, schönen Römerin erfuhren wir endlich, daß heute la sentenza – das Urteil – an drei Dieben vollzogen werden würde, welche am giovedi grasso gestohlen hatten. Der giovedi grasso ist der Donnerstag im Karneval, an dem zum letzten Male Fleischspeisen gegessen werden vor den Fasten.

»Man wird die Diebe gleich vorüberführen«, sagte die Donna und ging lachend fort, lebhaft mit ihrer Begleiterin sprechend und gestikulierend, wobei die großen, schwarzen Augen und die gewaltigen, goldenen Ohrringe um die Wette im Sonnenschein funkelten.

Um als wahre Touristen nun auch einmal die Pflastertreter zu machen, schlenderten wir, die Diebe erwartend, auf und ab und blieben endlich vor dem Palazzo Doria stehen. Ein kleiner Franziskanermönch, der bald mit diesem, bald mit jenem Vorübergehenden ein Wörtchen schwatzte und gutmütig jedem seine Tabaksdose bot, blieb lange in unserer Nähe und fiel uns auf.

Er sah nicht wie ein Italiener aus, sein Gesicht hatte einen fast slawischen Typus: eine kurze, eingedrückte Nase und hellblaue Augen, aus denen die gutmütige Schlauheit zufriedener Einfalt hervorleuchtete. Da es warm war, trug er die braune Kapuze zurückgeschlagen. Am Arme hing, unter dem Kragen der Kutte verborgen, ein kleiner Korb, wie ihn die terminierenden Brüder haben; in der Hand hielt er die allen Geistlichen ganz unentbehrliche Tabaksdose.

»Fragen Sie den Mönch«, bat ich einen meiner Freunde, »wann die Verurteilten kommen. Er wird uns Antwort geben, denn die Lust zu sprechen blitzt ihm über das ganze Gesicht.«

»Signor! wann kommen die Verbrecher vorbei und wohin führt man sie?« fragte mein Freund.

Das Antlitz des kleinen Mönches strahlte in heller Freude. Er wurde von Fremden angeredet, er wurde zu einer wichtigen Person, er hatte Stoff für die Unterhaltung im Kloster während der Cena, der Abendmahlzeit. Auch verließ er sogleich den Fahrweg, auf dem er gestanden hatte, und stieg zu uns hinauf auf das Trottoir, sich in aller Form räuspernd und für den Vortrag einrichtend.

»Sehen Sie«, hob er an, »dies sind Diebe, die am giovedi grasso gestohlen haben, und Diebstahl während des Karnevals, der wird schärfer bestraft, denn die Diebe können Masken vorbinden, und die Häuser sind alle offen und schlecht bewacht.«

»Am giovedi grasso gestohlen und heute schon das Urteil!« bemerkte einer von uns, »das ist schnell gegangen. Das sind kaum neun Wochen.«

»Ja! die Justiz ist gut bei uns«, sagte der Mönch. »Sehen Sie, Signori, die Diebe sind eingedrungen in das Haus eines Advokaten, der mit seiner Frau auf dem Corso fuhr. Es waren ihrer drei. Sie waren alle drei maskiert. Wie sie in das Haus kamen, banden sie dem einzigen Diener, der zurückgelassen war, die Hände auf den Rücken und zwangen ihn, anzugeben, wo sein Herr die ›quattrinucci‹ – Gelderchen – verwahrt habe. Was wollte der tun? Er mußte es angeben. Darauf verlangten sie, er solle sagen, wo die Frau ihre Juwelen habe. ›Sie hat sie angelegt!‹ sagte der Diener. ›Nein!‹ sagten die Diebe ›sie hat sie nicht angelegt, wir haben sie auf dem Corso gesehen; zeige uns, wo die Juwelen sind.‹ Also mußte er sie zeigen, und nachdem sie sie genommen hatten, alles genommen hatten, da machten sich die Diebe davon. Aber nun lief der Diener ans Fenster, schrie: ›Diebe! Diebe!‹, und da kamen die Karabiniere gleich ins Haus und packten die Diebe noch auf der Treppe und nahmen ihnen alles ab.«

»Und auf wie lange sind sie verurteilt?«

»Sie sind verurteilt zu den Galeeren a vita e dieci anni dopo la morte!« – Auf lebenslang und zehn Jahre nach dem Tode.

»Zehn Jahre nach dem Tode? zur Hölle? oder was heißt das?« fragte ich verwundert.

»Zehn Jahre nach dem Tode! Das heißt, daß nie bei einer allgemeinen Amnestie für diese drei Diebe Begnadigung eintritt, daß sie ganz und für immer von der Gnade ausgeschlossen bleiben. Sehen Sie, Signora, das muß sein! Diebstahl im Karneval muß härter bestraft werden. Haben Sie nicht die sentenza an den Straßenecken gesehen, da steht's: A vita e dieci anni dopo la morte – tutti e tre.«

»Zehn Jahre nach dem Tode!« wiederholte mein Freund. »Das ist die christliche Milde eines Staates, den das Oberhaupt der Christenheit beherrscht und dessen sämtliche Beamte Theologie, den Geist des Christentums, studiert haben. Ach! wer befreit uns von diesem Christentum!«

Der Mönch hatte die deutsch gesprochenen Worte natürlich nicht verstanden und fuhr ruhig in seiner Erzählung fort. »Nun werden sie hier vorbeigeführt werden. Sie fahren, ehe man sie an das Tor nach Civitavecchia bringt, durch die ganze Stadt. Der eine ist ein Schuhmacher, ein schöner Jüngling; ich habe sie schon gesehen dort oben, als sie fuhren . Er ist erst fünfundzwanzig Jahre, groß, gesund und rot. Mit blondem Haare und rotem Bart. Ein schöner Jüngling!«

»Fünfundzwanzig Jahre und gesund und lebenslängliche Galeerenstrafe?« rief ich schaudernd.

Der Mönch hörte die Worte und ihren Sinn, aber er begriff nicht unser Entsetzen. Die Diebe hatten gestohlen, das Urteil war gefällt, er nahm die Tatsachen ruhig hin, ohne weiter darüber zu denken.

»Ein schöner Jüngling«, fing er wieder an, »der eine, der Schuhmacher! Der andre ist wohl vierzig Jahre, er ist ein fortgejagter Kutscher, aus vornehmem Hause fortgejagt. Der dritte war ein Lohndiener. Er ist noch älter. Er hat schlechte, abgetragene Kleider gehabt. Der Jüngling war wie ein Païno gekleidet.« – So nennen die Minenten, welche die kurze Jacke beibehalten haben, den nach der Mode Gekleideten. »Er war wie ein Païno angezogen, als man ihn arretierte. Schöne Weste! schönen Frack! langes Haar! Ein schöner Jüngling! mit rotem Barte! Sehen Sie, Signor, sie wollen alle die Païni machen hier in Rom. Hüten Sie sich vor den Römern!«

»Aber warum denn?«

»Sehen Sie! der eine Dieb, der Lohndiener, der hat die Fremden solange betrogen, bis es ruchbar wurde und niemand ihn nahm; er hat schon früher im Gefängnis gesessen. Ich sage Ihnen, Signori, hüten Sie sich vor den Römern, sie taugen alle nichts.«

Dabei sah er sich vorsichtig um, und da wir ihn gar nicht unterbrachen, sondern ihm zustimmend Beifall nickten, um ihn zutraulich zu erhalten, fuhr er, immerfort ängstlich umherblickend, leise fort: »Hier in Rom sind drei edle Gewerbe: Spione, Diebe und Kuppler (spie, ladri e ruffiani). Die Prinzen, die Kardinäle, die Monsignori sind gut, sind wohlerzogen. Die andern taugen alle nichts. Hüten Sie sich, ich nehme niemand aus.«

Es hat etwas Schaudererregendes, einen Menschen in dieser Weise von seiner Nation sprechen zu hören, und der Mönch, der höchst gemütlich schwatzte, mochte uns wohl das Entsetzen ansehen, deshalb sagte er begütigend: »Was wollen Sie, Signori, das Volk ist hier so schlecht erzogen.«

»Sind Sie ein Römer?«

»Nein! Milanese!« entgegnete er freundlich, »aber bei uns ist es auch nicht viel besser. In Frankreich –«

»Waren Sie in Frankreich?«

»Nein! ich nicht; aber ich war in einem Kloster, in dem ein Mönch lebte, der lange in Frankreich gewesen ist. Ich kenne das, als ob ich selbst dort gewesen wäre. In Frankreich ist es anders, da sind sie besser, gut erzogen. Hier nicht. Hier feiern sie die Ostern, nicht weil sie's glauben, sondern aus Angst vor dem Gefängnis. Sie gehen in die Kirche aus Angst vor dem Gefängnis. Sie verspotten unsern Heiland Jesus Christus, sie machen ihn zum Hanswurst. Wer in Frankreich fromm ist, der ist's aus eignem gutem Herzen; hier alles aus Angst vor Strafe. Sie sind schlecht erzogen«, sagte er, eine Prise nehmend; »ich warne Sie vor dem gemeinen Volke, sie taugen alle nichts.«

Uns kam ein wahres Grauen an vor der Ruhe, mit der jener erzählte. Sein Bericht mochte nur zu wahr sein. Er hatte das vollkommene Bewußtsein der elenden geistigen Lage des Volkes, das klarste Bewußtsein davon, aber es fiel ihm nicht ein, weiter über die Ursache nachzudenken. Er hielt das Faktum für unantastbar. Er hatte den Begriff der Unwürdigkeit, aber sein von Jugend auf durch »Glaubenmüssen« geknechteter Geist nahm auch die Verwilderung des reich und schön begabten Volkes als notwendige und unabänderliche Tatsache hin. Es lag etwas ganz Entsetzliches in der ruhigen, frommen Einfalt, mit der er die Schlechtigkeit, die Verworfenheit seines eigenen Volkes erkannte und hoffnungslos beklagte.

Keiner von uns wagte eine Einwendung zu machen, den Mönch in seiner geistigen Behaglichkeit zu stören. Wie er an den lieben Gott mit der Königskrone glaubt und an den bocksfüßigen Teufel mit Hörnern, der durch Priesterwort vertrieben werden kann, so glaubt er auch gewiß ganz ruhig an zwei Menschenrassen: an die Guten und an die Bösen. Er wird ohne allen pharisäischen Hochmut mit der gutmütigsten christlichen Demut Gott dafür danken, daß er ihn als einen der Guten geschaffen hat, und vielleicht die armen Diebe, Spione und Kuppler herzlich bedauern, die der gekrönte Gott des Himmels in wunderlicher Laune als Bösewichter erschuf, für welche sein Stellvertreter auf Erden eben nichts tun kann, als sie »a vita e dieci anni dopo la morte« – per sentenza zu verdammen.

Wir dankten dem Mönche für seine Mitteilungen, und er ging freundlich davon, über uns mit der Hand das Kreuz schlagend. Es war das vollendetste Original von Lessings Klosterbruder. Dieselbe innere Gutmütigkeit und Kindeseinfalt, dasselbe Gefühl für das Rechte und die tiefe Verdumpfung des Geistes in hierarchischer Tyrannei. Es fehlte nur das sich immer wiederholende »sagt der Patriarch«, um das Bild und die Täuschung vollkommen zu machen.

Allmählich war es ein Uhr geworden; die Menschenmenge nahm zu, und alle Blicke wendeten sich nach dem Venezianischen Platze hin. Von dort sprengten einzelne Karabiniere den Corso herab, grade, als gälte es, im Karneval den Rennpferden die Bahn zu bereiten. Die Karabiniere fehlen nirgend, ihren antiken Helm gewahrt man überall, sei es, daß der Papst unter Bedeckung der Nobelgarde ausfährt, sei es, daß Lord Ward einen Ball gibt, eine vornehme Leiche begraben, ein Heiliger kanonisiert oder ein Dieb zur Galeere geführt wird. Karabiniere verkünden so sicher ein interessantes Ereignis für die Schaulust des Publikums wie die Ankunft der Schwalben den Frühling.

Den einzelnen Karabinieren folgte ein ganzer Trupp in voller Rüstung. Mitten in demselben fuhren drei Karretten, wie sie hier üblich sind, um die Lebensmittel, Wein, Öl und dergleichen aus der Campagna zur Stadt zu bringen. Es sind kleine, sesselartige Wagengestelle auf zwei sehr hohen Rädern mit einer Bedeckung von Fellen und Tuchstücken, welche sie von einer Seite und von oben gegen Sonne und Regen schützt. In den sehr schmalen Stangen geht das Pferd, das der hoch sitzende Führer unablässig mit einem »Arrrr« antreibt.

Bei der Ursprünglichkeit aller hiesigen Zustände findet man auch diese Wagen für den Transport von Verbrechern angemessen. Jeder der Diebe befand sich auf einem besondern Karren. Sie hatten die hell- und dunkelbraun gestreifte Tracht der Züchtlinge, die ebenfalls braune Zipfelmütze, schwere Kette an Händen und Füßen und noch eine andere Kette, welche sie an dem Karren festhielt. Ich konnte den Ausdruck ihrer Züge nicht sehen, ich mochte es auch nicht. Was kann dieses Elend uns lehren, das wir nicht schon wüßten?

Den ganzen Winter hindurch habe ich morgens und abends die Züchtlinge, gewöhnlich zwischen vierzig und sechzig an der Zahl, unter meinen Fenstern vorüberziehen sehen. Sie wurden durch Aufseher unter Militärbegleitung nach und von dem Monte Pincio geführt, dessen Bearbeitung sie besorgen. Sie halten die Wege rein, jäten, pflanzen und bauen auch an der kleinen, neuen Fontaine, welche man dort graben läßt. Nicht ein mildes, gutes Gesicht habe ich unter ihnen bemerkt. Alle sahen starr, kalt, gleichgültig, oft entsetzlich hart und verdüstert aus, und doch gab es eine weiche Seele auch unter ihnen.

Ich erinnere mich oft eines Tages, an dem das Kettengerassel mich an das Fenster zog. Ich kannte schon viele der Züchtlinge von Ansehen, denn sie interessierten mich. An jenem Tage, es war im Winter und ein heller, frischer Nachmittag, kauften mehrere der Galeotti von einem Manne jene gekochten gelben Bohnen, die in kleinen Holzgefäßen feilgeboten werden. Der Wärter stand dabei, den Handel zu beaufsichtigen und jeden andere Verkehr unmöglich zu machen. Ein Bettelknabe trat hinzu und mit ihm ein garstiger schwarzer Pudel, der dicht an einem der Gefangenen stehenblieb, welche nicht bei dem Bohnenkaufe beteiligt waren. Der Gefangene sah den Hund eine Weile an, dann streichelte er ihn. Der Pudel sprang an ihm in die Höhe. Das ganze Gesicht des sehr häßlichen Burschen nahm plötzlich einen heitern Ausdruck an; er liebkoste das Tier, und als in dem Augenblicke der Gefangenwärter zum Aufbruche trieb, zog der Züchtling schnell sein Brot aus der Tasche, brach es in zwei Stücke, gab das kleinere dem Hunde, das große dem Bettelknaben und ging, ohne sich umzublicken, davon.

Wie ergreifend das war, wie tief erschütternd, das vermag ich wohl mit der Feder nicht wiederzugeben. Ich wollte, ein guter Maler hätte den Moment festgehalten und ihn der Mitwelt zugänglich gemacht. Es konnte nichts schlagender gegen das einsame Gefängnis sprechen. Kein Gedanke an Gott, kein Bereuen des begangenen Verbrechens wird der Seele je so förderlich sein, als wenn in ihr durch die frische Berührung mit dem Leben eine Blüte der Menschlichkeit hervorgezaubert wird. Ich habe in den nächsten Tagen manchmal, wenn ich die Ketten rasseln hörte und an das Fenster trat, nach dem Burschen gespäht. Ich habe ihn nicht gesehen. Ein paar Wochen darauf, es war an einem Sonntage, trugen vier Galeotti den Gefängnissarg zum Kirchhofe. Bewachende Soldaten und vier andere Sträflinge, zur Ablösung der Tragenden, gingen gleichgültig schwatzend hintennach. Es war während der Kirche und sehr still in den Straßen. Auch der Schritt der Galeotti verursachte kein Geräusch. Da sie einen zu Grabe trugen, hatte man ihnen die Fesseln abgenommen; denn der Tod macht frei. Ein tiefes Mitgefühl für die Unglücklichen zuckte durch meine Brust. Ich hoffte, sie brächten den Gefangenen zur Ruh, der so freundlich das harte Brot seines Kerkers mit den Geschöpfen teilte, denen er in seinem Elend noch ein Helfer sein konnte. Oh! die Menschheit blutet aus tausend Wunden! Wie vermag man sie zu heilen? Denn unheilbar können sie nicht sein, das wäre gegen die Weisheit der Schöpfung.

Aber ich darf über diese Gefangenen den Corso und die Diebe des giovedi grasso nicht vergessen. Das Volk betrachtete sie mit Neugier und mit Kälte. Nirgend ein Wort der Beurteilung, des Tadels. Schweigendes Anstaunen, nichts mehr. Nur hin und her sagte eine der Frauen: »Che bel giovine!«, als der Jüngere vorüberfuhr, der mit einer Art von Haltung dasaß. Es sah aus, als hätte er ähnliche Szenen dargestellt gesehen und strebe, würdig zu erscheinen.

Ich konnte den Anblick nicht ertragen. Macht den Verbrecher, der sich versündigt hat gegen die Gesellschaft, unschädlich für diese, da ihr noch nicht soweit seid, das Verbrechen unnötig oder unmöglich zu machen durch allgemeine Mangellosigkeit; aber brüstet euch nicht mit der Macht zu strafen! Führt den Elenden, den nur zu oft die Schlechtheit unserer Institutionen zur Missetat verleitete, nicht wie ein gefangenes wildes Tier triumphierend durch die Straßen. Es liegt keine Heldentat im Verdammen, auf die man stolz zu sein hat. Richtet öffentlich und laßt den Gerichteten still sein schamglühendes Antlitz in der Einsamkeit verbergen. Häuft nicht wie niedrige Seelen Spott auf den Unglücklichen, dem ihr vielleicht helfen konntet, wenn die Hand, die zur Strafe bereit war, zu rechter Zeit sich hilfreich genaht hätte. Betet nicht für die Seelen der Gestorbenen, rettet die Seelen der Lebenden; denn gewiß, die Feuerqual des Leidens, des Mangels auf Erden, wo dicht daneben der Reichtum schwelgt – die Feuerqualen des sündenbeladenen Gewissens sind härter als das Fegefeuer, aus dem ihr mit euren Almosen und euren plärrenden Gebetsformeln die Toten erlösen wollt.

Tot ist schon lange der wahre, milde, menschlich soziale Geist des Christentums, tot und begraben in der modernden Gruft des katholischen Papsttums, des kalten, starren, dogmatischen Protestantismus; und nur eine Auferstehung ist möglich, die Auferstehung des Geistes Christi in der heiligen, allumfassenden Freiheit der Menschenliebe.

Als die Unglücklichen vorübergeführt waren und wir uns entfernten, sahen wir uns an den Straßenecken nach den Anschlagzetteln um, auf denen unter der Überschrift sentenza das Urteil gedruckt war. Wir konnten keinen mehr finden. Möglich, daß das neugierige Volk sie heruntergerissen, möglich auch, daß die sehr schnelle Polizei des Papstes sie gleich nach Vollstreckung des Urteils entfernt hatte.

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