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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Theil

I.

Sie hatte auch ihre Gestalt und Farbe geändert, die isländische Sonne, und eröffnete den neuen Tag mit einem düstern Morgen. Ganz von ihrem Schleier befreit, sandte sie große Strahlen aus, die den Himmel in Garben durchstrichen, das nahe schlechte Wetter verkündend.

Es war zu schön seit einigen Tagen, das mußte eine Ende nehmen. Die Brise wehte über diese Versammlung von Schiffen, als fühlte sie die Nothwendigkeit sie auseinander zu jagen, das Meer von ihnen zu befreien, und schon begannen sie sich zu zerstreuen, wie ein aufgeriebenes Heer zu fliehen – vor dieser in die Luft geschriebenen Drohung, über die man sich nicht mehr täuschen konnte.

Es blies immer stärker und machte Menschen und Schiffe erschauern. Die noch kleinen Wellen begannen einander nachzulaufen, sich zu sammeln; zuerst hatten sie sich mit weißem Schaum marmorirt, der sich wie Geifer über sie hin breitete; mit leisem Brodeln stiegen dann Dämpfe auf, als ob es drinnen koche oder brenne, und der zirpende Lärm von dem allen stieg von Minute zu Minute. Man dachte nicht mehr an's Fischen, nur an die Handhabung der Schiffe. Die Leinen waren längst eingezogen. Sie eilten alle fort, die Einen, um in den Fjords Schutz zu suchen und bei Zeiten dort anzulangen; die Anderen wollten lieber die Südspitze von Island umschiffen; sie fanden die hohe See sicherer, um vor sich freien Raum zu haben und vor den: Winde hin zu segeln. Sie konnten sich gegenseitig noch ein wenig sehen; hie und da tauchten aus den Wogenhöhlungen Segel auf, kleine nasse, müde, fliehende Dinger – aber sich dennoch aufrecht haltend, wie Spielsachen aus Hollundermark, die man blasend niederlegt und die immer wieder aufstehen.

Die große Wolkenbank, die sich am westlichen Horizont wie eine Insel geballt hatte, ging jetzt von oben auseinander, und ihre Fetzen jagten am Himmel dahin. Sie schien unerschöpflich, diese Wolkenbank; der Wind dehnte sie aus, verlängerte sie, zog sie auseinander, zog endlos dunkle Vorhänge heraus, sie auf dem hellgelben Himmel ausbreitend, der eine tiefe, eisige Blässe angenommen.

Immer stärker blies der große Hauch, der Alles bewegte. Der Kreuzer hatte Islands Schutzhäfen aufgesucht; die Fischer blieben allein auf dem unruhigen Meer, das ein böses Gesicht und eine häßliche Färbung annahm. Sie eilten sich mit ihren Vorbereitungen für das schlechte Wetter. Die Entfernungen zwischen ihnen wurden größer, bald sollten sie sich aus den Augen verlieren.

Die spiralförmig gekräuselten Wellen fuhren fort, einander nachzulaufen, sich zu vereinigen, in einander zu greifen, um immer höher zu werden, und zwischen ihnen höhlte sich's aus. In wenig Stunden war Alles zerpflügt, umgewälzt in dieser Region, die am Vorabend so ruhig war, und statt der vorherigen Stille war man vor Lärm betäubt. Wie ein plötzlicher Scenenwechsel erschien dies unbewußte und unnöthige Aufbrausen, das so schnell vor sich ging. Zu welchem Zweck dies alles? Welch' Geheimniß blinder Zerstörungswuth. – Die Wolken entfalteten sich vollends in der Luft, immer von Westen kommend, sich über einander thürmend, eilig, hastig, Alles verdunkelnd. Einige gelbe Risse blieben allein übrig, durch welche die Sonne von unten ihre letzten Strahlengarben sandte, und das Wasser, das ganz grün war, wurde immer fleckiger vom weißen Gischt. Mittags hatte die Marie bereits ganz ihr Schlechtwetteraussehen. Mit geschlossenen Luken und eingezogenen Segeln tanzte sie leicht und elastisch dahin; – mitten unter der beginnenden Verwirrung sah sie aus, als spiele sie, wie die großen Delphine, die der Sturm belustigt. Sie hatte nur noch ihren Fockmast und »floh vor dem Wetter«, wie die Seeleute die Gangart nennen.

Droben war es vollkommen dunkel geworden, ein geschlossenes, erdrückendes Gewölbe mit einigen kohlschwarzen Tiefen darin, die sich darauf zu unförmlichen Flecken ausdehnten. Es schien fast ein unbeweglicher Dom, und man mußte scharf hinsehen, um zu begreifen, daß es im Gegentheil eine schwindelnde Bewegung war: große graue Tücher, die vorübereilten, immer durch neue ersetzt, die aus des Horizontes Gründen aufstiegen, Draperien aus Dunkelheiten gewoben, die sich von einem endlosen Gewinde abrollten.

Sie floh vor dem Wetter, die Marie, floh immer schneller, – und das Wetter war auch auf der Flucht, vor etwas Geheinmißvollem und Furchtbarem. Die Brise, die See, die Marie, die Wolken, Alles war von wahnsinniger Flucht und Geschwindigkeit erfaßt, Alles in nämlicher Richtung. Was am schnellsten ausgriff, das war der Wind; dann das mächtige Heben der hohlen See, die schwerer, langsamer ihm nachlief, und dann die Marie, die von der allgemeinen Bewegung fortgerissen war. Die Wellen verfolgten sie, mit ihren bleichen Kämmen in unablässigem Stürzen dahinrollend, und sie – obgleich immer erreicht und immer überholt – entschlüpfte ihnen dennoch, durch ein geschicktes Furchen, hinter sich einen Wirbel, an dem der Wellen Wuth sich brach.

Und was man bei dieser Sturmschnelle am meisten empfand, das war ein Scheingefühl von Leichtigkeit. Ohne Mühe und Anstrengung hüpfte man dahin. Wenn die Marie auf die Woge stieg, war es ohne Erschütterung, als hatte der Wind sie emporgehoben; wenn sie sank, war es ein Gleiten, wobei man das Kribbeln im Leibe empfand, wie beim scheinbaren Fallen in der russischen Schaukel oder im Traum. Es war, als glitte sie zurück, indem der fliehende Berg unter ihr versank um weiterzurasen, und dann stürzte sie in eine der gewaltigen Höhlungen, die ebenfalls liefen; ohne sich zu beschädigen, berührte sie ihren schauerlichen Schlund, in hochaufschäumendem Gischt, der sie nicht einmal benetzte, sondern floh, wie alles Uebrige, floh und vorne zerging, wie Rauch, wie Nichts ... Im Grunde dieser Höhlungen war es schwärzer, und nach jeder zergangenen Woge sah man hinter sich die andere ankommen, die andere, die noch größer war und sich, grün, durchsichtig, aufbäumte; sie eilte zu nahen mit wüthendem Winden, mit Ueberhängen, die sich zu schließen drohten, als wollte sie sagen: »Wart', daß ich dich erwische, dann verschlinge ich dich!« Doch nein, sie hob nur, wie man mit einem Achselzucken eine Feder hebt, und beinahe sanft fühlte man sie unter sich weggleiten, mit ihrem brausenden Schaum, mit ihrem wassersturzartigen Lärm.

Und so fort unaufhörlich. Aber es wurde immer stärker. Die Wogen folgten einander gewaltiger in langen Gebirgsketten, deren Thäler einem grausen machten. Und all' dieses wahnsinnige Regen beschleunigte sich, unter einem düsterer und düsterer werdenden Himmel, mit gewaltigem Getöse.

Das war wirklich Sturm, und es hieß Wachen. Aber so lange man nur freien Raum vor sich hat, Raum um zu rasen! – Und dann befand sich die Marie gerade in diesem Jahr in dem westlichsten Theil von Islands Fischereien, so war diese Flucht nach Osten ebensoviel guter Weg, der Rückkehr vorweggenommen.

Yann und Sylvester standen am Steuer festgebunden. Sie sangen immer noch das Lied Jean-François de Nantes. Von der Schnelle der Bewegung berauscht, sangen sie aus voller Kehle, und lachten, daß sie sich nicht mehr hören konnten in der Entfesselung der Getöse, und drehten singend den Kopf dem Wind entgegen, bis sie den Athem verloren.

»He Kinder, habt ihr Stubenluft da droben?« fragte Guermeur, indem er den bärtigen Kopf durch die halbgeöffnete Luke steckte, wie ein Teufel aus der Schachtel. O nein! nach Stubenluft roch es hier nicht, gewiß nicht. Sie hatten keine Angst, da sie genau wußten, was zu lenken ist, und der Festigkeit des Fahrzeuges, sowie der Kraft ihrer Arme vertrauten, und auch dem Schutz der thönernen Jungfrau, die schon seit den vierzig Jahren ihrer Islandreisen so oft diesen schlimmen Tanz getanzt und immer lächelte, zwischen ihren gemachten Blumensträußen.

Jean-François de Nantes,
Jean-François,
Jean-François!

Im Ganzen sah man nicht weit um sich her; auf ein paar hundert Schritt schien Alles in unbestimmtem Graus zu enden, in bleichen Wogenkämmen, die sich sträubten, die Aussicht verschließend. Man konnte sich inmitten einer engen Bühne wähnen, die nur ewig wechselte, und außerdem war Alles in diesem Wasserkunst verschwommen, der wie eine Wolke mit äußerster Schnelligkeit über die See hinjagte.

Aber von Zeit zu Zeit entstand eine Lichtung gegen Nordosten, von wo ein Windumsprung kommen konnte: dann kam ein Streiflicht vom Horizonte, ein Widerschein über die weißen, wogenden Kämme geschlichen, der das Himmelsgewölbe noch finsterer erscheinen ließ. Und diese Lichtung war traurig anzuschauen: diese geahnten Fernen, diese plötzlichen Durchsichten zogen das Herz zusammen; denn sie zeigten nur, daß dasselbe Chaos allenthalben sei, dieselbe Wuth, – bis in den großen öden Horizont hinein und unendlich weit darüber hinaus: der Graus hatte keine Grenzen, man war mitten darin allein!

Ein riesiges Geheul stieg aus dem Allen empor wie das Vorspiel zur Apokalypse, das Grausen vor dem Weltuntergang verbreitend. Man konnte Tausende von Stimmen unterscheiden: Oben waren sie pfeifend oder dröhnend, so ungeheuerlich, daß sie beinahe entfernt schienen; das war der Wind, die große Seele dieser Empörung, die unsichtbare Macht, die Alles lenkte. Das war furchterweckend, aber dann waren noch andere Laute, näher, greifbarer, zerstörungsdrohender, welche im Wasser wühlten und zischten, als wäre eine Kohlengluth darunter...

Immer noch war es im Wachsen. Und trotz ihrer raschen Flucht fing das Meer an sie zu bedecken, sie zu fressen, wie sie sagten: zuerst peitschte von rückwärts die Brandung, dann kamen Sturzwellen mit einer Kraft, als sollte Alles zerbrechen. Die Wogen wurden immer höher, immer toller, und doch wurden sie fortwährend zersplittert, so daß große grünliche Fetzen in der Luft schwebten, lauter niederfallendes Wasser, das der Wind rings umher schleuderte. Schwere Massen davon fielen klatschend auf's Verdeck der Marie, die dann ganz in sich erzitterte, wie im Schmerze. Jetzt unterschied man nichts mehr im umhersprühenden weißen Gischt; wenn die Windstöße heftiger heulten, lief er in Wirbeln vor ihnen her, wie im Sommer der Staub der Straßen. Ein starker Regen, der hinzugekommen war, kam seitwärts, beinahe horizontal, und das Alles pfiff, peitschte, verwundete wie Geißelriemen.

Sie blieben Beide am Steuer, angebunden und sich festhaltend, in Wachsleinen gekleidet, das steif und glänzend war wie Haifischhaut. Sie hatten es am Halse mit getheerter Schnur zugezogen, ebenso an den Handgelenken und Knöcheln, um kein Wasser durchzulassen; Alles triefte an ihnen, und wenn es dichter prasselte, machten sie runde Rücken, um nicht umgeworfen zu werden. Die Haut ihrer Wangen biß und brannte, und jeden Augenblick schnitt es ihnen den Athem ab. Nach jeder niederstürzenden Wassermasse sahen sie sich an und lächelten wegen all dem Salz, das sich in ihren Barten gesammelt.

Auf die Länge brachte sie doch eine ungeheuere Ermüdung, diese Wuth, die nicht nachließ und die immer im rasendsten Toben andauerte. Bei Mensch und Thier ist die Wuth bald erschöpft und sinkt; bei den leblosen Dingen muß man sie lange, lange ertragen, weil sie ohne Grund und ohne Ziel ist, geheimnißvoll wie Leben und Tod.

Jean-François de Nantes,
Jean-François,
Jean-François.

Durch ihre Lippen, die weiß geworden waren, drängte sich noch immer der Schlußreim des alten Liedes hindurch, aber wie tonlos, von Zeit zu Zeit wurde er unbewußt immer wieder aufgenommen. Das Uebermaß von Bewegung und Lärm hatte sie trunken gemacht, und obwohl sie so jung waren, ihr Lächeln war ein Grinsen über den vor Kälte klappernden Zähnen. Ihre Augen, die unter brennenden, zuckenden Lidern halb geschlossen waren, erstarrten in wilder Bewußtlosigkeit. An das Steuer geschmiedet, wie marmorne Säulen, machten sie mit ihren blauen zusammengekrampften Händen, fast ohne zu denken, die nöthigen Bewegungen, einfach durch die Gewohnheit der Muskeln. Mit triefenden Haaren, verzerrtem Munde, sahen sie unheimlich aus, und es erschien in ihnen ein Zug eingefleischter Urwildheit.

Sie sahen sich auch nicht mehr; sie hatten nur noch das Bewußtsein da zu sein, Einer neben dem Andern. In den gefährlicheren Momenten, jedesmal wenn sich hinter ihnen ein neuer Wasserberg erhob, überhängend, brausend, gräßlich, ihr Schiff mit dumpfen Krach treffend, bewegte sich eine ihrer Hände, um unbewußt das Zeichen des Kreuzes zu machen. Sie dachten an gar nichts mehr, weder an Gaud, noch an irgend eine Frau, noch an irgend eine Hochzeit. Es dauerte schon zu lange; sie hatten keine Gedanken mehr. Der Rausch von Lärm, Müdigkeit und Kälte verdunkelte Alles in ihrem Kopfe. Sie waren weiter nichts mehr als erstarrte lebendige Pfeiler, die das Steuer festhielten, zwei kraftvolle Thiere, willenlos dort festgekrampft, um nicht zu sterben.

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