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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI

Etwa einen Monat später – im Juni. Um Island war die Art Wetter, die die Matrosen »Weiße Stille« nennen; d. h. nichts rührte sich in der Luft, als wären alle Brisen erschöpft, zu Ende. Der Himmel hatte sich mit einem großen weißlichen Schleier bedeckt, der nach unten hin düsterer wurde und nach dem Horizont in Bleigrau überging, in matte Zinnfarbe.

Darunter hatten die regungslosen Wasser einen bleichen Glanz, der die Augen ermüdete und der ein Gefühl von Kälte gab.

Diesmal war es nur der wechselvolle Moiréeglanz, der über die See spielte, in ganz leisen Ringen, wie wenn man über einen Spiegel haucht. Die ganze schimmernde Weite schien von einem Netz unbestimmter flüchtiger Zeichnungen bedeckt, die sich verschlangen und wieder zergingen, rasch verlöscht. Ewiger Abend oder ewiger Morgen, es war unmöglich, es zu bestimmen: Eine Sonne, die keine Stunde mehr zeigte, stand ewig da ob dem Glanze der todten Welt und war selbst nichts weiter als auch ein Ring, fast ohne Umrisse, in's Unendliche vergrößert durch einen trüben Hof.

Yann und Sylvester fischten miteinander und sangen: » Jean-François de Nantes«, das Lied, das kein Ende hat, sich an seiner Einförmigkeit belustigend und sich von der Seite anblickend, um über die kindliche Komik zu lachen, mit der sie unablässig die Verse wieder aufnahmen, jedesmal mit neuem Schwung. Ihre Wangen waren rosig bei der salzigen Frische der Luft, die sie einathmeten und die belebend und jungfräulich war; sie sogen die Brust voll an der Quelle aller Kraft und allen Seins.

Und dennoch war um sie her ein Nichtleben, eine vergangene oder noch nicht erschaffene Welt; das Licht hatte gar keine Wärme: die Dinge standen unbeweglich, wie für ewig erstarrt, unter dem großen, gespenstischen Auge, das die Sonne war. Die Marie warf über die Fläche einen langen Schatten hin, wie am Abend, der auf dem glattgeschliffenen Spiegel grünlich erschien und des Himmels Weiße widerstrahlte. Und in dieser schattigen Stelle, die nicht zitterte, konnte man in der Durchsichtigkeit des Wassers sehen, was darunter vor sich ging: unzählige Fische, Myriaden – Myriaden, alle gleich, glitten leise in der nämlichen Richtung dahin, als hätten sie ein Ziel ihrer ewigen Reise. Es waren die Stockfische, die gemeinschaftlich ihre Bewegungen ausführten, alle in langen Streifen wie graue Einschnitte, und die fortwährend von leichtem Zittern bewegt waren, was dieser Masse schweigender Lebewesen etwas Flüssiges verlieh. Manchmal, mit einem raschen Schlage des Schwanzes, drehten sie sich alle zugleich um und zeigten ihren glänzend silbernen Leib, und dann, mit demselben Schwanzschlag, wieder eine gleichzeitige Umdrehung, die sich durch die ganze Masse wie eine langsame Wellenbewegung fortsetzte, als wenn Tausende von Metallklingen zwischen den Wassern aufblitzten.

Die Sonne, die schon sehr tief stand, senkte sich noch mehr, also war es wirklich Abend. Je mehr sie sich der bleigrauen Zone näherte, je gelber wurde sie, und ihr Kreis wurde schärfer, wirklicher. Man konnte hineinstarren wie in den Mond. Doch leuchtete sie; nur meinte man, sie sei gar nicht fern im Raume, als brauchte man nur mit seinem Schiff bis an den Horizont zu fahren, um den großen trüben Ball zu erreichen, der nur einige Meter über dem Wasser schwebte. Der Fischfang ging ziemlich schnell; wenn man in's stille Wasser schaute, konnte man dem Dinge ganz gut zusehen: die Stockfische bissen mit einer gierigen Bewegung an; dann schüttelten sie sich ein wenig beim Stich, als wenn sie sich das Mäulchen besser einhaken wollten. Und schnell, von Minute zu Minute, zogen die Fischer mit beiden Händen ihre Leine heraus, das Thier dem zuwerfend, der es ausnehmen und flach schlagen sollte. . . . . . . . . . . . . . .

Die Paimpoleser Flotille war auf dem stillen Spiegel zerstreut, diese Wüste belebend. Hie und da erschienen kleine ferne Segel, die nur zum Scheine ausgebreitet waren, da nichts wehte, und die sich sehr weiß auf dem Grau in Grau des Horizontes abhoben.

An dem Tage schien das Handwerk der Islandfischer so ruhig, so leicht; – ein Geschäft für junge Damen . . . . .

Jean-François de Nantes,
Jean-François
Jean-François!

So sangen sie, die beiden großen Kinder!

Und Yann kümmerte es wenig, daß er so schön war und so vornehm aussah. Uebrigens wurde er nur für Sylvester zum Kinde und sang und spielte nur mit ihm; mit den Andern war er verschlossen und eher stolz und finster; – doch sehr sanft, wenn man ihn nöthig hatte; immer gut und dienstbereit, wenn man ihn nicht reizte.

Die Beiden sangen dieses Lied; die beiden Anderen, einige Schritte weiter, sangen etwas Anderes, eine andere Melodie, voll Schläfrigkeit und unbestimmter Melancholie.

Man langweilte sich nicht, und die Zeit verging. Unten in der Cajüte war immer Feuer, welches tief in einem eisernen Herde glomm; der Deckel der Schiffsluke war geschlossen, um Denen, die drunten schlafen wollten, das Gefühl zu geben, als wäre es Nacht. Sie brauchten nur sehr wenig Luft zum Schlafen; weniger kräftige Leute, in Städten erzogen, hätten mehr nöthig gehabt. Aber wenn sich die Brust bis in ihre tiefste Tiefe hinein den ganzen Tag mit unendlicher Luft gefüllt hat, dann schläft man ein und rührt sich nicht mehr; man kann sich in das kleinste Loch verkriechen wie die Thiere.

Nach seinem Viertel legte sich Jeder nach seiner Laune, zu irgend welchem Augenblick, da es auf die Stunde nicht ankam, in der fortwährenden Tageshelle. Und trefflich war immer der Schlaf, ohne Erregung, ohne Träume, in dem man von Allem ausruhte.

Wenn zufällig der Gedanke an die Frauen obenauf war, ja das beunruhigte die Schläfer: wenn's ihnen einfiel, daß in sechs Wochen der Fischfang zu Ende sein würde und daß sie bald neue Liebchen haben würden, oder die alten wiederfinden, dann gingen die Augen wieder groß auf.

Aber das kam selten; und dann dachte man ganz brav an die Frauen, die Bräute, die Schwestern, die Eltern . . . . mit der Gewohnheit der Enthaltsamkeit schlafen auch die Sinne ein, für lange Zeit.

Jean-François de Nantes,
Jean-François
Jean-François!

Jetzt bemerkten sie, am äußersten grauen Horizonte, etwas Unerkennbares. Ein ganz kleiner Rauch stieg aus den Wassern auf wie ein mikroskopischer Schweif von einem anderen Grau, ein ganz klein wenig dunkler als das Grau des Himmels. Ihre Augen, die gewohnt waren, die Tiefen zu ergründen, hatten es bald erschaut.

»Ein Dampfschiff dort drüben!«

»Mich dünkt,« sagte der Capitän scharf hinblickend; »mich dünkt, es ist ein Staatsdampfer – der Kreuzer, der die Runde macht . . . .«

Dieser schwache Rauch brachte den Fischern Nachricht von Frankreich und unter Anderm einen gewissen Brief von einer alten Großmutter, durch die Hand eines schönen jungen Mädchens geschrieben.

Er näherte sich langsam; bald sah man seine schwarze Schale, – es war wirklich der Kreuzer, der in den westlichen Fjorden die Runde machte.

Zugleich hatte sich eine leichte Brise erhoben, die scharf einzuathmen war; sie marmorirte an einigen Stellen die Oberfläche der todten Gewässer; auf dem glänzenden Spiegel zeichneten sich blaugrüne Striche, die sich in lange Streifen hinauszogen, sich wie Fächer ausbreiteten oder sich verzweigten wie Seesterne. Das alles ging sehr schnell, mit einem Rauschen; es war wie ein Signal des Erwachens, das Ende dieser ungeheuren Verschlafenheit ankündigend. Sich von seinem Schleier befreiend, wurde der Himmel klar; die Dünste sanken auf den Horizont hinab und thürmten sich dort wie Haufen grauer Watte auf, weiche Mauern rings um das Meer bildend. Die beiden endlosen Spiegel zwischen denen die Fischer waren – der oben und der unten – wurden wieder tief durchsichtig, als hätte man den Beschlag weggewischt, der sie getrübt. Das Wetter änderte sich, aber zu rasch, nichts Gutes bedeutend.

Und von verschiedenen Punkten der See von verschiedenen Seiten der Meeresfläche kamen die Fischerbarken an: alle aus Frankreich, die in diesen Gegenden schweiften, von der Bretagne, der Normandie, von Boulogne oder Dünkirchen. Wie Vögel, die sich bei einem Lockruf sammeln, so fuhren sie auf den Kreuzer zu; sie kamen sogar aus den fernsten Ecken des Horizontes, und ihre kleinen grauen Segel erschienen überall. Sie bevölkerten die bleiche Wüste.

Kein langsames Treibenlassen mehr, sie hatten ihre Segel der frischen Brise entgegen gespannt und suchten Schnelligkeit zu gewinnen, um sich zu nähern. Das ferne Island war auch erschienen, als wollte es herannahen wie sie; es zeigte gleichsam widerwillig immer klarer seine hohen nackten Felsgebirge, die noch nie anders als seitwärts und von unten beleuchtet worden sind. Es setzte sich sogar fort, in ein zweites Island hinein, von ähnlicher Farbe, das allmählich deutlicher wurde; – aber das war nur ein Fabelland, dessen riesigere Gebirge weiter nichts waren als Wolkenmassen. Und die Sonne, immer niedrig dahinschleichend, unfähig, sich über die Welt zu erheben, schien durch diese Scheininsel hindurch, daß es aussah, als ob sie davorstünde, und daß die Augen es nicht fassen konnten. Ihr Hof war verschwunden, und ihre runde Scheibe hatte ganz scharfe Umrisse angenommen; so erschien sie wie ein armer gelber sterbender Planet, der dort unschlüssig, inmitten des Chaos stehen geblieben.

Der Kreuzer hatte gestoppt und war nun von der Plejade der Isländer umringt. Von allen diesen Schiffen lösten sich Boote wie Nußschalen, die ihm rauhe Männer an Bord brachten, mit langen Bärten und ziemlich wildem Aufzuge. Sie hatten Alle um Etwas zu bitten, wie die Kinder, um Heilmittel für kleine Wunden, um Flickereien, Mundvorrath, Briefe. Andere kamen, von ihrem Capitän geschickt, um sich in die Eisen legen zu lassen für eine Meuterei, die zu sühnen war; da sie alle im Staatsdienst gewesen, fanden sie das ganz natürlich. Und als das schmale Hinterdeck des Kreuzers durch vier oder fünf der langen Burschen versperrt war, die alle mit der Kugel am Fuß dalagen, sagte der alte Schiffsherr, der sie in's Eisen geschlossen: »Legt euch doch quer, Jungens, daß man durchkann!« was sie folgsam, mit einem Lächeln thaten.

Diesmal gab es viele Briefe für die Isländer, unter anderen zwei für die Marie, Capitän Guermeur, einen an Herrn Gaos, Yann, den andern an Herrn Moan Sylvester (Letzterer über Dänemark und Reikawick, wo der Kreuzer ihn abgeholt). Der Wagenmeister schöpfte aus seinem Leinensack und vertheilte den Inhalt unter sie; oft hatte er etwas Mühe, die Aufschriften zu lesen, die nicht immer von sehr geschickten Händen gemacht waren.

Und der Commandant sagte: »Eilt euch! Eilt euch! Das Barometer sinkt!« –

Es war ihm fatal, alle diese winzigen Nußschalen noch auf der See, und so viele Fischer in so unsicherer Region beisammen zu sehen.

Yann und Sylvester hatten die Gewohnheit, ihre Briefe miteinander zu lesen.

Diesmal war es beim Schein der Mitternachtssonne, die ihnen vom Horizonte leuchtete, immer noch wie ein erloschenes Gestirn.

Abseits sitzend in einer Ecke des Verdecks, die Arme gegenseitig um die Schultern gelegt, lasen sie sehr langsam, als wollten sie sich besser durchdringen lassen von den heimischen Dingen, die ihnen erzählt wurden.

In Yann's Brief fand Sylvester Nachrichten von Marie Gaos, seiner kleinen Braut; in Sylvesters Brief las Yann die komischen Geschichten von der Großmutter Yvonne, die nicht ihres Gleichen hatte im Unterhalten der Abwesenden, und dann den letzten Satz, der ihn anging: »Einen schönen Gruß von mir dem Sohn Gaos.«

Und wie die Briefe fertig gelesen waren, zeigte Sylvester schüchtern den seinigen seinem großen Freunde; er wollte versuchen, ihn die Hand bewundern zu lassen, die ihn niedergeschrieben.

»Sieh mal, das ist eine sehr hübsche Handschrift, nicht wahr, Yann?«

Aber Yann, der sehr wohl wußte, wessen die junge Mädchenhand gewesen, drehte den Kopf weg und zuckte die Achseln, als wollte er sagen, man langweile ihn zuletzt mit dieser Gaud.

Da legte Sylvester das arme kleine verachtete Papier sorgfältig wieder zusammen, steckte es ins Couvert und unter seine Wollenjacke, auf seine Brust und dachte ganz traurig:

»Gewiß werden Die sich nie heirathen, – aber was kann er nur so gegen sie haben?« –

Die Glocke des Kreuzers hatte Mitternacht geschlagen, und sie saßen noch immer da und träumten von ihrem Lande, von den Abwesenden, von tausend Dingen...

In dem Augenblick begann die ewige Sonne, die ihren untersten Rand ein wenig in die Wasser getaucht hatte, langsam zu steigen.

Und da war es Morgen...

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