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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V.

Als sie sich zum zweiten Male sahen, war es bei einer Hochzeit. Dieser Sohn Gaos sollte ihr den Arm geben. Zuerst hatte sie sich eingebildet, es müsse ihr unangenehm sein: durch die Straße daherzuziehen mit dem großen Burschen, den Jedermann seiner hohen Gestalt wegen ansehen würde, und der wahrscheinlich auf dem Wege nichts würde zu reden wissen! Und dann schüchterte er sie ganz entschieden ein mit seiner wilden und vornehmen Miene.

Zur festgesetzten Stunde, als schon Alles zum Zuge versammelt, war Yann nicht erschienen. Die Zeit verging, er kam nicht, und schon sprach man davon, nicht mehr auf ihn zu warten. Da wurde es ihr klar, daß sie sich nur für ihn so hübsch gekleidet; mit jedem der andern jungen Männer würde das Fest, der Tanz, verfehlt und ohne Freude sein.

Zuletzt war er doch gekommen, auch in Festkleidern, und hatte sich ohne Verlegenheit bei den Eltern der Braut entschuldigt. Das war's: Große Züge Fische, die man gar nicht erwartete, waren von England aus angezeigt worden; sie sollten am Abend vorbeikommen, seewärts von Aurigny; da war Alles, was es in Ploubazlanec von Schiffen gab, eilig bemannt worden. Große Aufregung in den Dörfern, die Frauen, die ihre Männer in den Schenken suchten und sie zur Eile antrieben, sich selbst bemühend, die Segel zu hissen, beim Abfahren zu helfen – ein wahres Sturmlaufen in der ganzen Gegend ... Mitten unter all den ihn umgebenden Leuten erzählte er mit größter Leichtigkeit mit den ihm eigenen Bewegungen, rollenden Augen und dem schönen Lächeln, das seine glänzenden Zähne zeigte. Um die Eile der Vorbereitungen zu erläutern, warf er manchmal ein kleines, sehr komisches langgezogenes »Hu« mitten in seine Sätze, – ein Matrosenruf, der die Geschwindigkeit bezeichnen soll und an das Pfeifen des Windes erinnert. Der Erzähler hatte sich schnell einen Ersatzmann suchen und ihn dann noch dem Schiffspatron aufdrängen müssen, dem er sich für den Winter verdungen. Daher seine Verspätung, und um bei der Hochzeit nicht zu fehlen, ging er seines Antheils am Fischfang verlustig.

Seine Gründe waren von den Fischern, die ihm zuhörten, vollkommen verstanden worden; keinem fiel es ein, ihm die Sache übel zu nehmen; – man weiß ja wohl, daß Alles im Leben von unvorhergesehenen Ereignissen der See abhängt, mehr oder weniger vom wechselnden Wetter, von den geheimnißvollen Wanderungen der Fische. Die andern anwesenden Isländer bedauerten nur, nicht zeitig benachrichtigt worden zu sein, um wie die von Ploubazlanec etwas von dem Reichthum zu gewinnen, der auf hohem Meere vorüberzog.

Nun war's zu spät, nicht zu ändern; man konnte nichts weiter thun, als den Mädchen den Arm reichen. Draußen setzten die Violinen ein, und lustig machte man sich auf den Weg.

Zuerst hatte er ihr nur allgemeine Artigkeiten gesagt, wie man es bei einer Hochzeit mit Mädchen thut, die man wenig kennt. Von allen den Paaren waren sie allein Fremde für einander; sonst waren im ganzen Hochzeitszuge nur Vettern und Brautleute. Es gab auch einige Liebespaare darunter; denn in der Gegend von Paimpol geht man ziemlich weit in der Liebe zur Zeit der Heimkehr aus Island. (Nur ist man ehrlich und heirathet sich hernach.)

Aber am Abend, beim Tanze, war das Gespräch zwischen ihnen wieder auf den großen Strom der Fische gekommen, und er hatte plötzlich, fast barsch, ihr voll in die Augen sehend, das für sie Unerwartete gesagt: »Sie allein in Paimpol – und selbst in der Welt – konnten mich diese Fahrt versäumen machen. Nein, sicherlich hätte ich mich durch keine Andere in meinem Fischfang stören lassen, Fräulein Gaud ...« Zuerst war sie erstaunt, daß der Fischer so zu ihr zu reden wagte, zu ihr, die zu diesem Ball fast wie eine Königin gekommen war. Und dann hatte sie, innig entzückt, endlich geantwortet: »Ich danke Ihnen, Herr Yann, ich bin auch lieber mit Ihnen als mit irgend einem Anderen.«

Das war Alles gewesen, aber von diesem Augenblick an bis zu Ende des Tanzes hatten sie in einer anderen Weise mit einander gesprochen, mit leiserer und sanfterer Stimme. Man tanzte zu Leier und Violine, fast immer die nämlichen Paare zusammen. Wenn er wieder kam, sie zu holen, nachdem er der Sitte halber mit einer Anderen getanzt hatte, lächelten sie sich an wie Freunde, die sich wiederfinden, und setzten ihr vorheriges Gespräch in ganz vertraulicher Weise fort. Ganz offen erzählte Yann von seinem Fischerleben, seinen Anstrengungen, seinem Lohn, wie schwer es seinen Eltern geworden, vierzehn kleine Gaos zu erziehen, von denen er der älteste Bruder war. Jetzt waren sie aus aller Noth, besonders durch ein Wrack, welches ihr Vater in der Manche gefunden und dessen Verkauf ihm 10,000 Franken eingetragen, nach Abzug des Staatsantheils; da hatte er können einen ersten Stock auf sein Haus aufsetzen, welches gerade auf der Spitze von Ploubazlanec stand, ganz am Ende aller Grundstücke, im Dörfchen Pors-Even; es thronte über der Manche mit einer sehr schönen Aussicht.

»Hart ist es,« sagte er, »das Islandhandwerk, so abfahren im Monat Februar nach solch einem Lande, wo es so kalt ist und so düster und das Meer so schlimm.«

Das ganze Ballgespräch, dessen sich Gaud erinnerte, als sei es gestern gewesen, ließ sie langsam durch ihr Gedächtnis ziehen und sah dabei die Mainacht über Paimpol hereinsinken.

Wenn er nicht Heiratsgedanken gehabt, warum hatte er ihr alle diese Einzelheiten seines Lebens erzählt, die sie fast wie eine Braut vernommen hatte. Er sah doch nicht aus wie ein flacher Kerl, der gern seine Angelegenheiten Jedem mittheilt.

»Trotzdem ist das Handwerk ziemlich gut,« hatte er gesagt, »und was mich betrifft, möchte ich nicht tauschen. Manche Jahre sind's 800 Fr., andre Male 1200, die man mir bei der Rückkehr gibt, und die ich der Mutter bringe.«

»Die Sie Ihrer Mutter bringen, Herr Yann?«

»Ja, freilich, immer Alles. Bei uns Isländern ist es so Sitte, Fräulein Gaud.« (Er sagte das wie eine ganz einfache Sache, die sich von selbst versteht.) »So z. B. ich, Sie würden es nicht glauben, ich habe fast nie Geld. Den Sonntag gibt mir nur Mutter etwas, wenn ich nach Paimpol geh', das geht in Allem so. Z. B. dies Jahr hat mir mein Vater die neuen Kleider machen lassen, die ich trage, ohne die ich niemals zur Hochzeit hätte kommen mögen. O nein, gewiß, ich wäre nicht gekommen, Ihnen den Arm reichen in den Kleidern vom vorigen Jahre.«

Für sie, die gewohnt war, Pariser zu sehen, waren sie vielleicht nicht sehr elegant, diese neuen Kleider Yanns, dieser sehr kurze Rock, der sich über einer Weste von etwas altmodischer Form öffnete; aber die Gestalt, die sich darunter entwickelte, war tadellos schön, und darum sah ihr Tänzer dennoch vornehm aus. Er sah ihr lächelnd voll in die Augen, so oft er etwas gesagt, um zu sehen, was sie dachte. Und wie sein Blick gut und ehrlich geblieben war, wahrend er ihr das alles erzählte, damit sie wohl verstände, daß er nicht reich wäre. Und sie lächelte ihm auch zu, ihm immer gerade in die Augen blickend. Sie antwortete nicht viel, aber sie hörte mit ganzer Seele zu, immer erstaunter und immer mehr zu ihm hingezogen. Welches Gemisch war er von wilder Rauhheit und anschmiegender Kindlichkeit. Seine tiefe Stimme, welche mit Anderen barsch und bestimmt war, wurde, wenn er mit ihr sprach, immer frischer und einschmeichelnder. Nur für sie bebte diese Stimme mit unendlicher Sanftmuth, wie eine verschleierte Musik von Saiteninstrumenten. Und wie eigenthümlich und unerwartet war es, daß der große Mensch mit seiner zwanglosen Art, seinem erschreckenden Aussehen, der immer noch zu Hause als kleines Kind behandelt wurde und das natürlich fand, und der die Welt durchschweift hatte mit allen ihren Abenteuern und Gefahren, für seine Eltern diesen völligen, ehrfurchtsvollen Gehorsam bewahrte. Sie verglich ihn mit Anderen, mit verschiedenen Pariser Stutzern, Commis, Scribenten, was weiß ich noch, die sie ihres Geldes halber mit ihrer Anbetung verfolgt hatten, und dieser schien ihr der Beste von denen, die sie gekannt, und zugleich der Schönste.

Um sich ihm gleicher zu stellen, hatte sie ihm erzählt, daß man es bei ihr zu Hause auch nicht immer so gut gehabt habe wie jetzt; daß ihr Vater damit angefangen, Islandfischer zu sein, und daß er die Isländer immer werth schätzte; daß sie sich erinnerte, ganz klein mit bloßen Füßen auf dem Strande umhergelaufen zu sein nach dem Tode ihrer armen Mutter ...

O, diese Ballnacht! Diese süße entscheidende, einzige Nacht in ihrem Leben, – sie schien schon weit entfernt, da sie im December gewesen war, und jetzt war es Mai. All' die schönen Tänzer von damals fischten jetzt dort, über das Isländische Meer zerstreut. Für sie war es eben hell unter der bleichen Sonne in ihrer ungeheueren Einsamkeit, während die Dunkelheit sich still herabsenkte über das Bretonische Land.

Gaud blieb an ihrem Fenster; der Platz von Paimpol, den von allen Seiten altertümliche Häuser einschlossen, wurde trauriger und trauriger, bei der einbrechenden Nacht. Man hörte kaum mehr einen Laut. Ueber den Häusern schien die noch leuchtende Leere des Himmels sich auszuhöhlen, sich zu erheben, sich noch mehr von den irdischen Dingen loszulösen, die sich jetzt, in der Dämmerstunde, nur noch als ein einziger schwarzer Ausschnitt von alten Dächern und Dachreitern zusammenschlossen. Von Zeit zu Zeit schloß sich eine Thüre oder ein Fenster; irgend ein alter Seemann mit rollendem Gang kam aus einer Schenke und ging durch die dunkeln Gäßchen dahin; oder einige verspätete Mädchen kamen vom Spaziergang mit Maiblüthensträußen heim. Eine derselben, welche Gaud kannte, sagte ihr »Guten Abend« und hob ihr mit ausgestrecktem Arm eine Garbe Weißdorn entgegen, als wollte sie sie daran riechen lassen. Man sah noch in der durchsichtigen Dunkelheit die leichten Tüpfchen der kleinen weißen Blüthen; es stieg übrigens noch ein anderer süßer Duft aus den Gärten und Höfen empor, derjenige des blühenden Geisblatts auf den Granitmauern, und auch ein unbestimmter Geruch von Seegras aus dem Hafen. Die letzten Fledermäuse glitten mit lautlosem Fluge durch die Luft wie Traumgebilde.

Gaud hatte manchen Abend an diesem Fenster zugebracht, den melancholischen Platz betrachtend, an die Isländer denkend, die fortgefahren waren, und immer an den nämlichen Ball.

Es war sehr heiß gegen Ende der Hochzeit, und in den Köpfen mancher Tänzer begann es sich zu drehen. Und sie erinnerte sich, wie er mit Anderen tanzte, mit Mädchen oder Frauen, deren Liebhaber er mehr oder weniger gewesen sein mußte; sie erinnerte sich seiner geringschätzigen Herablassung, wenn er ihre Herausforderungen beantwortete – wie anders war er mit denen. Er war ein vortrefflicher Tänzer, gerade wie die Hochwaldeiche und sich mit Leichtigkeit und Anstand drehend, mit zurückgeworfenem Kopfe. Seine braunen lockigen Haare fielen ein wenig auf die Stirn und bewegten sich beim Wehen der Tänze. Gaud, welche ziemlich groß war, fühlte ihre Berührung auf ihrer Haube, wenn er sich zu ihr neigte, um sie beim schnellen Walzer besser zu halten. Von Zeit zu Zeit machte er ihr ein Zeichen, seine kleine Schwester Marie mit Sylvester anzusehen, die beiden Verlobten, die zusammen tanzten. Er lachte so gutmüthig über die Beiden, die so jung waren, so zurückhaltend miteinander, sich Diener machten und sehr verlegene Gesichter, wenn sie sich ganz leise jedenfalls sehr liebenswürdige Sachen sagten. Er hatte sicher nie erlaubt, daß es anders gewesen wäre, aber ganz gleich, es amüsirte ihn doch, ihn, der so unbeständig und unternehmend geworden war, sie so naiv zu sehen; dann wechselte er mit Gaud ein verständnißvolles Lächeln, welches sagen wollte: »Wie sie niedlich und komisch anzuschauen sind, unsere zwei kleinen Geschwister!«

Man umarmte sich viel gegen Ende der Nacht: man küßte die Vettern, man küßte die Bräute, man küßte die Geliebten, aber das alles hatte einen ehrlichen offenen Anstrich, recht herzhaft und vor aller Welt. Er hatte sie, wohl verstanden, nicht geküßt, so etwas erlaubte man sich nicht mit der Tochter des Herrn Mevel; vielleicht drückte er sie höchstens ein wenig fester an die Brust bei den Schlußwalzern: vertrauensvoll leistete sie keinen Widerstand, im Gegentheil schmiegte sie sich eher ein wenig an ihn, dem sie sich mit ganzer Seele gegeben. An diesem plötzlichen, tiefen, köstlichen Taumel, der sie willenlos zu ihm hinzog, hatten ihre zwanzigjährigen Sinne wohl auch etwas Schuld, aber das Herz hatte die Bewegung begonnen.

»Habt ihr das dreiste Mädchen gesehen, wie sie ihn anblickt?« sagten zwei oder drei schöne Mädchen mit keusch niedergeschlagenen Augen unter blonden oder schwarzen Wimpern, und die unter den Tänzern mindestens einen, wenn nicht zwei Liebhaber hatten. Es war wahr, sie sah ihn viel an, aber sie hatte die Entschuldigung, daß er der erste, der einzige junge Mann war, auf den sie je in ihrem Leben geachtet.

Als sie sich am Morgen verließen, wie Alles auseinander gegangen war, beim ersten eisigen Tagesgrauen, hatten sie sich auf besondere Weise Lebewohl gesagt, wie zwei Verlobte, die sich den nächsten Tag wiederfinden sollten. Und beim Heimgehen war sie mit ihrem Vater über denselben Platz geschritten, gar nicht müde, sondern leicht und fröhlich, glückselig zu athmen; ja, sie liebte sogar den Rauhreif draußen und das traurige Tagesgrauen und fand Alles köstlich und Alles lieblich.

Die Mainacht war schon längst hereingebrochen, alle Fenster hatten sich allmälig mit leisem Kreischen im Eisenwerk geschlossen. Gaud saß noch immer da und ließ das ihrige offen. Die wenigen letzten Vorübergehenden, die im Dunkeln die weiße Haube noch unterscheiden konnten, mußten sich sagen: »Dort träumt sicher ein Mädchen von ihrem Geliebten!« – Und es war wahr, sie träumte von ihm, und mit nicht wenig Lust zu weinen – ihre weißen Zähne bissen die Lippen und verdarben beständig das Grübchen, welches den Umriß ihres frischen Mundes auszeichnete. Ihre Augen starrten in die Finsterniß und sahen nichts von den wirklichen Dingen –

... Aber nach dem Ball, warum war er nicht wiedergekommen? Welche Veränderung in ihm! Als sie ihm zufällig begegnete, schien er sie zu fliehen, indem er die Augen abwandte, die sich immer so rasch bewegten. Oft hatte sie darüber mit Sylvester gesprochen, der es auch nicht begriff:

»Und gerade Den solltest Du doch heirathen, Gaud, wenn Dein Vater es erlaubte,« sagte er; »Du findest in der ganzen Gegend keinen von seinem Werthe. Zuerst muß ich Dir sagen, daß er sehr brav ist, obgleich er nicht so aussieht; furchtbar selten betrinkt er sich; er setzt wohl manchmal seinen Kopf auf, aber im Grunde ist er doch ganz sanft. Nein, Du kannst nicht wissen, wie gut er ist. Und ein Seemann! Für jede Fischzeit streiten sich die Capitäns um ihn –«

Ihres Vaters Erlaubniß war sie sicher; er hatte sich noch nie ihren Wünschen widersetzt. Daß er nicht reich war, das war ihr ganz gleichgültig. Erstens brauchte ein Seemann wie er nur ein wenig Vorschuß, um sechs Monate in die Steuermannsschule zu gehen, und er würde ein Capitän werden, dem jeder Rheder seine Schiffe anvertraute. Auch daß er fast ein Riese war, machte ihr nichts; zu stark zu sein, kann höchstens bei einer Frau zum Fehler werden, männlicher Schönheit thut das keinen Eintrag.

Anderwärts hatte sie sich, ohne sich den Anschein zu geben, bei den Mädchen der Gegend, die alle Liebesgeschichten kannten, nach ihm erkundigt: er war nirgends gebunden; an Keiner schien er mehr zu halten, als an der Andern; rechts und links, in Lizardieux wie in Paimpol ging er mit der Schönen, die ihn eben wollte.

An einem Sonntag Abend spät hatte sie ihn unter ihren Fenstern vorübergehen sehen, an seinem Arme und dicht an ihn geschmiegt eine gewisse Jeanie Caroff, die wohl sehr hübsch war, aber einen sehr schlechten Ruf hatte.

Das aber hatte ihr bitter weh gethan.

Man hatte sie auch versichert, er sei sehr heftig; an einem Abend in Paimpol, da er etwas angetrunken gewesen, in einem Kaffeehaus, in dem die Isländer ihre Feste abhalten, habe er einen großen Marmortisch durch eine Thüre geschleudert, die man ihm nicht öffnen wollte.

Das Alles verzieh sie ihm: man weiß ja, wie die Seeleute manchmal sind, wenn es sie packt. Aber wenn er ein gutes Herz hatte, warum war er gekommen, sie abzuholen, sie, die an nichts dachte, um sie hernach zu verlassen? Was brauchte er sie eine ganze Nacht mit dem schönen, scheinbar so offenen Lächeln anzuschauen; was brauchte er ihr mit sanfter Stimme Mittheilungen zu machen, wie einer Braut? Jetzt war sie nicht mehr im Stande, zu wechseln und einen Andern lieb zu haben. Als sie noch ganz klein war, hatte man die Gewohnheit, ihr scheltend zu sagen, sie sei ein böses Kind, eigensinnig in ihrem Köpfchen wie kein anderes; das war ihr geblieben. Nun war sie ein schönes Fräulein, ein wenig ernst und hochmüthig in ihrem Benehmen, das Niemand gemodelt hatte, im Grunde aber ganz dieselbe.

Nach dem Ball war der ganze Winter in der Erwartung, ihn wiederzusehen, hingegangen, und nun war er nicht einmal gekommen, von ihr vor der Abfahrt nach Island Abschied nehmen. Jetzt, wo er nicht mehr da war, gab es nichts mehr für sie auf der Welt; die verlangsamte Zeit schien zu schleichen – bis zur Wiederkehr im Herbst, wo sie beschlossen hatte, sich Klarheit zu verschaffen, um damit fertig zu werden.

Elf auf der Stadthausuhr, – es schlug mit dem eigenthümlichen Vollklang der Glocken in stillen Frühlingsnächten. In Paimpol ist 11 Uhr sehr spät; da schloß Gaud ihr Fenster und zündete ihre Lampe an, um schlafen zu gehen.

Vielleicht war es bei Yann auch nur Schüchternheit, oder, da auch er stolz war, die Furcht, einen Korb zu bekommen, weil sie ihm zu reich schien? ... Sie wollte es ihn schon ganz einfach selbst fragen; aber da war es Sylvester gewesen, der gemeint hatte, das ginge nicht, es passe sich nicht für ein junges Mädchen, es wäre herausfordernd. In Paimpol tadelte man schon so wie so ihr Wesen und ihre Kleidung ...

Sie zog sich mit der zerstreuten Langsamkeit eines träumenden Mädchens aus: zuerst ihre Musselinhaube, dann ihr elegantes, städtisch sitzendes Kleid, das sie nachlässig auf einen Stuhl warf. Dann nahm sie das lange Fräuleincorset ab, über das die Leute viel schwätzten, wegen seines Pariser Zuschnittes.

Dabei wurde ihre befreite Gestalt sehr viel vollkommener; nicht mehr zusammengedrückt und nach unten verengt, nahm sie ihre natürlichen Linien wieder an, die weich und rund waren, wie an einer Marmorstatue; bei jeder Bewegung änderte sich der Anblick, und jede ihrer Bewegungen war reizvoll anzuschauen.

Die kleine Lampe, die allein zu der späten Stunde brannte, beleuchtete Schultern und Brust in geheimnißvoller Weise, die wunderbare Gestalt, die noch kein Auge gesehen, und die wahrscheinlich für Alle verhüllt bleiben, ungeschaut verwelken würde, da Yann sie nicht haben wollte.

Sie wußte wohl, daß sie ein hübsches Gesicht habe, aber sie ahnte nichts von ihres Körpers Schönheit. Uebrigens ist diese Schönheit in diesem Theil der Bretagne bei IsIand-Fischerkindern ein Kennzeichen der Race; man achtet kaum darauf, und selbst die kokettesten unter ihnen würden sich schämen, sie sehen zu lassen. Nein, das sind nur die raffinirten Städter, die auf diese Dinge so viel Werth legen, um sie zu modelliren oder zu malen.

Nun begann sie, die Haarschnecken über ihren Ohren aufzulösen, und die beiden Zöpfe fielen über ihren Rücken wie zwei schwere Schlangen. Dann hob sie sie wie eine Krone auf den Scheitel, um bequemer zu schlafen, und mit ihrem geraden Profil sah sie nun aus wie eine römische Jungfrau. Doch blieben ihre Arme gehoben, und immer noch ihre Lippe beißend, wühlte sie in ihren blonden Zöpfen, wie ein Kind, das ein Spielzeug bearbeitet, während es an etwas Anderes denkt.

Dann ließ sie sie wieder fallen und begann, sie sehr schnell aufzumachen, zu ihrem Vergnügen, um sie auszubreiten; bald war sie bis über die Hüften von ihrem Haare eingehüllt und sah nun aus wie eine Druidenpriesterin des Waldes.

Und auf einmal war doch der Schlaf gekommen, trotz der Liebe und trotz der Lust zu weinen, und rasch warf sie sich auf ihr Bett, ihr Gesicht in die seidenen Haarwellen bergend, die wie ein Schleier über sie gebreitet waren ...

In ihrer Hütte in Ploubazlanec war die Großmutter Moan, die schon auf des Lebens anderem, dunklem Abhang stand, auch endlich eingeschlafen, mit dem eisigen Schlaf der Greise, in Gedanken an ihren Enkel und an den Tod.

Und zur nämlichen Stunde, an Bord der Marie, auf dem Polarmeer, das an diesem Abend sehr unruhig war, sangen Yann und Sylvester, die beiden Ersehnten, sich Lieder zu, indem sie lustig fischten, beim endlosen Tageslicht.

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