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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 52
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII.

Dieses Ende des September glich einem zweiten nur ein wenig melancholischen Sommer. Es war wirklich so schön in diesem Jahr, daß, wenn die gelben Blätter nicht gewesen wären, die wie ein trauriger Regen auf die Wege herabfielen, man sich im lustigen Monat Juni geglaubt hätte. Die Gatten, die Verlobten, die Geliebten waren heimgekehrt, und überall war die Freude eines zweiten Liebesfrühlings ...

Endlich wurde eines Tages eins der beiden Nachzügler aus Island auf hoher See angezeigt. Welches? ...

Schnell hatten sich die Gruppen der Frauen gebildet, stumm, beklommen, auf der Klippe. Gaud, zitternd und bleich geworden, stand da neben dem Vater ihres Yann:

»Ich glaube stark,« sagte der alte Fischer, »ich glaube stark, daß sie's sind! Ein rother Streifen, ein gerolltes Marssegel, das gleicht ihnen doch nicht wenig; was meinst Du, Gaud, meine Tochter? Und doch nein,« fing er wieder an, mit plötzlicher Muthlosigkeit, »nein, wir irren uns wieder; die Spire ist nicht gleich, und sie haben einen Klüver und Besansegel. Geh, für diesmal sind sie's nicht, es ist die Marie-Jeanne; o, aber ganz gewiß, sie werden nicht säumen, meine Tochter!«

Und ein Tag kam nach dem andern, und jede Nacht kam zu ihrer Stunde mit unerbittlicher Ruhe. Sie fuhr fort, Festkleider anzuziehen, fast wie von Sinnen, immer aus Furcht, wie die Frau eines Untergegangenen auszusehen, außer sich, wenn die Andern sie mitleidig oder geheimnißvoll ansahen, und wandte die Augen ab, um nicht auf dem Wege den Blicken zu begegnen, durch die sie zu Eis erstarrte. Jetzt hatte sie die Gewohnheit genommen, jeden Morgen an des Landes Ende zu gehen, auf die hohe Klippe von Pors-Even, hinter dem Vaterhause ihres Yann her, um von seiner Mutter und seinen kleinen Schwestern nicht gesehen zu werden. Ganz allein ging sie dahin an die äußerste Spitze der Gegend von Ploubazlanec, die sich wie ein Rennthiergeweih gegen die graue Manche abhebt, und setzte sich den ganzen Tag dahin, zu Füßen eines einsamen Kreuzes, das die ungeheuren Fernen der Gewässer beherrscht.

Ueberall stehen hier solche Granitkreuze, welche sich auf den vorspringenden Felsen dieser Seemannserde erheben, als wollten sie Gnade erflehen, als wollten sie diese große bewegliche Macht besänftigen, welche die Menschen anzieht und sie nicht wieder hergiebt, und am liebsten die Tapfersten und Schönsten behält. Um dieses Kreuz von Pors-Even war ewig grüne Haide, mit kurzen Ginstersträuchern bedeckt. Und auf dieser Höhe war die See oft sehr rein und hatte kaum den salzigen Geruch des Tangs, sondern war mit den süßen Düften des Septembers erfüllt. Man sah weithin alle Umrisse der Küste, einen über dem andern sich auszeichnen. Das Betragnerland endigte in zackigen Spitzen, die in das schweigende Nichts der Wasser weit hineinragen. Im Vordergrunde war das Meer von Felsen übersäet, aber jenseits störte nichts mehr seine Spiegelglätte; ein ganz kleines schmeichelndes Geräusch, leise und endlos, stieg aus dem Grunde aller dieser Buchten empor. Und es waren so friedliche Fernen, so stille Tiefen; das große blaue Nichts, das Grab der Gaos, bewahrte sein undurchdringliches Geheimniß, während Brisen, schwach wie ein Hauch, den Duft des kurzen Ginsters dahintrugen, der im letzten Herbstsonnenschein wieder blühte. Regelmäßig zu gewissen Stunden sank das Meer, und es entstanden breite Flecken, als ob die Manche sich langsam leerte, und mit derselben Langsamkeit stiegen die Wasser wieder und kamen und gingen so ewig, ohne sich um die Todten drunten zu kümmern. Und Gaud, am Fuße des Kreuzes sitzend, blieb da, mitten unter dieser Stille, immer hinausschauend, bis zur sinkenden Nacht, bis zum Nichtmehrsehen.

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