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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 51
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII.

Der 10. September! ... Wie die Tage flohen! Eines Morgens, wo schon ein kalter Nebel auf dem Lande lag, – ein richtiger Herbstmorgen, – fand sie die aufgehende Sonne unter der Vorhalle von der Capelle der Untergegangenen sitzen, an der Stelle, wo die Wittwen beten kommen, – da saß sie mit starren Augen, die Schläfen wie von einem eisernen Reif umschlossen.

Seit zwei Tagen hatten die traurigen Morgennebel begonnen, und an diesem Morgen war Gaud mit stechender Angst erwacht, wegen dem winterlichen Eindruck ... Was enthielt dieser Tag, diese Stunde, dieser Augenblick, mehr als die vorhergehenden? ... Man sieht oft Schiffe mit vierzehn Tagen, ja, mit einem Monat Verspätung ankommen. Dieser Morgen war freilich etwas ganz Besonderes, wahrscheinlich, weil sie zum erstenmal daher gekommen, sich unter die Vorhalle der Capelle zu setzen und die Namen der jungen Todten zu lesen.

In Erinnerung an
Gaos Yvon
Im Meer verloren
In der Gegend von Nordenfjord.

*

Wie einen großen Schauer hörte man einen Windstoß sich vom Meere her erheben und zugleich Etwas auf das Gewölbe niederfallen wie Regen: die todten Blätter. Es kam ein ganzer Flug davon unter die Vorhalle. Die alten zerzausten Bäume im Hofe entlaubten sich, durch den Wind der Weite geschüttelt. – Der Winter kam. –

Verloren im Meer
In der Gegend von Nordenfjord
Im Sturm vom 4-5ten August 1880.

Sie las gedankenlos, und durch den Spitzbogen der Thüre drangen ihre Augen suchend in die Weite der See: sie war sehr unbestimmt an diesem Morgen unter dem grauen Nebel, und wie ein herabhängendes Segel schleifte über die Ferne ein großer Trauerschleier.

Wieder ein Windstoß, und todte Blätter tanzten herein. Ein stärkerer Windstoß, als wenn der Weststurm, der einst diese Todten über das Meer gesäet, selbst noch die Inschriften peinigen wollte, die ihre Namen den Lebenden in's Gedächtniß riefen.

Gaud blickte mit unwillkürlicher Beharrlichkeit auf einen leeren Raum der Mauer, der zu warten schien. Mit furchtbarer Aufdringlichkeit verfolgte sie der Gedanke an eine neue Tafel, die man vielleicht bald dahin thun müßte, mit einem anderen Namen, den sie selbst im Geiste an solchem Orte nicht zu wiederholen wagte.

Sie fror und blieb auf der Granitbank sitzen, den Kopf zurückgelegt gegen den Stein:

Verloren in der Gegend von Nordenfjord,
Im Sturm vom 4.-5. August
Mit 23 Jahren.
Möge er in Frieden ruhen.

Island erschien ihr mit dem kleinen Kirchhof dort – das ferne, ferne Island, durch die Mitternachtssonne von unten beleuchtet ... Und plötzlich – immer an derselben leeren Stelle der Mauer, die zu warten schien – hatte sie mit gräßlicher Klarheit die Vision dieser neuen Tafel, an die sie dachte: eine frische Tafel, ein Todtenkopf, Knochen in's Kreuz gelegt und mitten drin mit Flammenschrift einen Namen, den heißgeliebten Namen: Yann Gaos!

Da sprang sie kerzengerade in die Höhe, einen rauhen Schrei aus der Kehle stoßend wie eine Wahnsinnige ...

Draußen war immer noch auf dem Lande der graue Morgennebel, und die todten Blätter tanzten noch immer herein.

Schritte im Pfade! Kam Jemand? Da erhob sie sich ganz gerade; mit einem Griff rückte sie ihre Haube zurecht und glättete ihr Antlitz. Die Schritte näherten sich – man trat ein – schnell nahm sie ein Ansehen, als wär' sie zufällig dort, denn sie wollte noch nicht, um keinen Preis der Welt, aussehen wie die Frau eines Untergegangenen. Gerade war es Fante Floury, die Frau des Untercapitäns von der Leopoldine.

Sie verstand gleich, diese, was Gaud da machte: Es war unnütz, sich vor ihr zu verstellen. Und zuerst blieben sie stumm vor einander stehen, die beiden Frauen, noch mehr entsetzt und einander gram, beinahe haßerfüllt, daß sie sich in demselben Gefühl von Grauen begegnet waren.

»Alle die von Tréguier und St. Brieuc sind daheim seit 8 Tagen,« sagte endlich Fante, unerbittlich, mit dumpfer Stimme und wie gereizt. Sie brachte eine Kerze, um ein Gelübde zu thun. – Ah ja, ein Gelübde! Gaud hatte noch gar nicht daran denken wollen, an dies Mittel der Trostlosen. Aber sie trat in die Capelle, hinter Fante her, ohne etwas zu sagen, und sie knieten sich dicht nebeneinander hin, wie zwei Schwestern. Der Jungfrau, Stern der Meere, sagten sie heiße Gebete, mit ganzer Seele, und bald hörte man nichts mehr als Schluchzen, und dicht begannen ihre Thränen auf die Erde zu rieseln ...

Sie erhoben sich sanfter, vertrauensvoller. Fante half Gaud, welche schwankte, und sie in die Arme nehmend, küßte sie sie.

Als ihre Thränen getrocknet, ihre Haare geordnet, der Salpeter und der Staub vom Knien auf den Steinplatten von ihren Röcken entfernt waren, gingen sie, ohne noch etwas zu sagen, auf verschiedenen Pfaden davon.

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