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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 47
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II.

Der Quai von Paimpol war am nächsten Morgen voll Menschen. Die Abfahrt der Isländer hatte seit dem ehvorigen Abend begonnen, und bei jeder Fluth ging eine neue Anzahl in See.

An diesem Morgen sollten 15 Schiffe zugleich mit der Leopoldine hinausfahren, und die Frauen der Seeleute oder die Mütter waren alle gegenwärtig, um sie unter Segel gehen zu sehen. Gaud fand es sonderbar, ihnen beigesellt zu sein; sie war nun auch eine Isländerfrau geworden und aus derselben verhängnißvollen Ursache dahingekommen. Ihr Geschick hatte sich mit so stürmischer Eile abgespielt, in so wenig Tagen, daß sie kaum Zeit gehabt, sich die Wirklichkeit der Dinge vorzustellen. Auf jähem Abhang unaufhaltsam hingleitend, war sie zu dieser Lösung gelangt, die unerbittlich war, und der es sich nun unterwerfen hieß – wie es die Andern thaten, die es gewohnt waren.

Sie hatte nie diesen Scenen in der Nähe beigewohnt, nie diesem Abschiednehmen. Das war alles neu und unbekannt: unter diesen Frauen hatte sie nicht ihresgleichen und fühlte sich vereinsamt, anders; ihre Fräuleinvergangenheit, die trotz Allem bestehen blieb, sonderte sie ab.

Das Wetter war schön geblieben an diesem Tage der Trennungen; in der Ferne nur walzten sich schwere Wogen von Westen heran, Sturm verkündend, und von Weitem sah man das Meer, das alle diese Menschen erwartete, sich draußen überstürzen. – Um Gaud her standen noch Andere, die, wie sie, sehr hübsch und sehr rührend waren mit ihren Augen voll Thränen; es gab auch Zerstreute, Lachende, die kein Herz hatten oder die für den Augenblick Niemand liebten. Alte Frauen, die sich vom Tode bedroht fühlten, weinten beim Abschied ihres Sohnes. Liebende küßten sich lange auf die Lippen, und angetrunkene Matrosen hörte man singen, um sich aufzumuntern, während Andere ihren Bord mit düsterem Antlitz bestiegen, als sollten sie einen Passionsweg beschreiten.

Es gingen wilde Dinge vor: Unglückliche, die ihren Contract durch Ueberrumpelung eines Tages in der Schenke unterschrieben hatten, und die man jetzt mit Gewalt einschiffte; ihre eigenen Frauen und Gendarmen stießen sie vorwärts. Andere, deren Widerstand man fürchtete wegen ihrer großen Kraft, hatte man aus Vorsicht vorher trunken gemacht. Man brachte sie auf Tragen heran und ließ sie in den Kielraum der Fahrzeuge hinab, wie Todte. Gaud grauste es bei ihrem Vorüberkommen: mit welchen Gefährten sollte er denn leben, ihr Yann? Und dann, was war es denn für eine fürchterliche Sache, dies Island-Handwerk, um sich auf diese Weise anzukündigen und Männern solche Schrecken einzuflößen?

Doch gab es auch Seeleute, die lächelten; die wahrscheinlich, so wie Yann, das Leben auf hoher See und den großen Fischfang liebten. Das waren die Guten, diese da; sie hatten ein edles und schönes Antlitz; waren es Junggesellen, so gingen sie sorglos davon, einen letzten Blick auf die Mädchen werfend; waren es verheirathete Leute, so küßten sie ihre Frauen und ihre Kleinen mit sanfter Traurigkeit in der fröhlichen Hoffnung, reicher wiederzukommen. Gaud fühlte sich etwas beruhigt, wie sie sah, daß sie alle so waren am Bord der Leopoldine, die wirklich eine auserlesene Bemannung hatte.

Die Fahrzeuge gingen zu zwei und zwei, zu vier und vier hinaus, von Schleppern gezogen. Sobald sie sich in Bewegung setzten, entblößten die Matrosen ihr Haupt und stimmten aus voller Kehle das Kirchenlied an die Jungfrau an: »Gruß Dir, Stern der Meere!« Auf dem Quai winkten Frauenhände zum letzten Lebewohl, und Thränen rannen auf den Musselin der Hauben.

Sobald die Leopoldine fort war, machte sich Gaud mit raschen Schritten auf nach dem Hause der Gaos. Anderthalb Stunden Wegs längs der Küste durch die wohlbekannten Pfade von Ploubazlanec, und dann war sie dort, ganz am Ende der Ländereien, in ihrer neuen Familie.

Die Leopoldine sollte vor der großen Rhede von Pors-Even ankern und erst am Abend endgültig unter Segel gehen; dort hatten sie sich deshalb noch ein letztes Stelldichein gegeben. Und er kam wirklich noch einmal in der Jolle seines Fahrzeugs; er kam für drei Stunden, ihr Lebewohl zu sagen.

Auf dem Lande fühlte man nichts von der hohlen See, da war noch immer dasselbe schöne Frühlingswetter, derselbe ruhige Himmel. Einen Augenblick gingen sie Arm in Arm auf den Weg hinaus; das erinnerte an ihren gestrigen Spaziergang, nur sollte die Nacht sie nicht mehr vereinen. Sie wanderten ohne Ziel dahin, gegen Paimpol zurück, und bald standen sie vor ihrem Hause, zu dem sie unbewußt wiedergekehrt; sie traten auch noch einmal, zum letzten Mal ein, wo die Großmutter Yvonne erschrak, als sie sie zusammen wieder erscheinen sah.

Yann legte Gaud noch an's Herz, was mit verschiedenen Dingen zu thun sei, die er in ihrem Schranke ließ; besonders trug er ihr auf, seine Hochzeitskleider von Zeit zu Zeit zu entfalten und in die Sonne zu legen. – Am Bord der Kriegsschiffe lernten die Matrosen diese Sorgfalt. – Und Gaud lächelte, ihn mit Kennermiene das vorbringen zu sehen; er konnte doch sicher sein, daß Alles, was sein war, mit Liebe erhalten und gepflegt werden würde. Uebrigens lag ihnen diese Vorsorge nicht so sehr am Herzen; sie sprachen nur, um zu sprechen, sich selbst zu betrügen ...

Yann erzählte, daß man an Bord der Leopoldine eben die verschiedenen Fischerposten ausgeloost, und daß er sehr zufrieden war, den besten gewonnen zu haben. Sie ließ sich das noch erklären, denn sie wußte fast nichts von den isländischen Dingen:

»Siehst Du, Gaud, auf dem Schiffsrande unsrer Fahrzeuge sind an gewissen Stellen Löcher hineingebohrt, die wir Mekkalöcher nennen; die sind dazu da, um kleine Träger mit Rädchen darin festzumachen, durch die unsre Leinen laufen. Also, bevor wir abfahren, spielen wir um diese Löcher mit Würfeln oder Nummern, die wir in der Mütze des Schiffsjungen durcheinanderschütteln. Jeder gewinnt das seinige, und während der ganzen Campagne hat man nicht mehr das Recht, seine Leine anderswo festzumachen, man wechselt nicht mehr. Nun, und mein Posten ist hinten, welches, wie Du wissen mußt, der Platz ist, wo man die meisten Fische fängt, und dann ist er an den großen Rüstseilen, an denen man immer ein Stück Segel oder Wachsleinen, kurz einen kleinen Schutz anbringen kann, für's Gesicht, gegen den Schnee und Hagel dort; das ist gut, verstehst Du; die Haut wird bei bei den schlimmen schwarzen Wettern nicht so verbrannt und die Augen sehen länger scharf« ...

Sie sprachen leise, leise, wie aus Furcht, die letzten Augenblicke, die ihnen blieben, zu verscheuchen, die Zeit schneller fliehen zu machen. Ihr Gespräch hatte den besonderen Charakter von Allem, was unerbittlich zu Ende geht; die unbedeutendsten kleinen Dinge, die sie sich sagten, wurden an jenem Tage geheimnißvoll wie beim letzten höchsten Abschied. ...

In der letzten Minute hob Yann seine Frau in seinen Armen in die Höhe, und sie umschlangen sich fest, ohne sich noch etwas zu sagen, in einer langen, schweigsamen Umarmung.

Und nun schiffte er sich ein; die grauen Segel entfalteten sich, um sich unter einem ganz leichten Westwinde zu spannen. Er, den sie noch erkannte, winkte in der ausgemachten Weise mit seiner Mütze. Und lange stand sie, wie ein Schattenriß gegen das Meer und sah ihren Yann sich entfernen.

Das war er noch, diese kleine menschliche Gestalt, schwarz gegen das Graublau der Wasser stehend, – und nun schon verschwommen, verschwommen, in der Ferne verloren, wo die Augen, die durchaus noch schauen wollen, sich trüben und nichts mehr sehen.

Indem sie fortfuhr, die Leopoldine, folgte Gaud längs den Klippen, wie von einem Magnete gezogen.

Bald mußte sie stille stehen, weil das Land zu Ende war, da setzte sie sich zu Füßen des letzten großen Kreuzes nieder, das zwischen den Binsen und Steinen aufgerichtet ist. Da es ein hoher Punkt war, schien das Meer von dort aus gesehen nach der Ferne hin zu steigen, und es war, als ob die Leopoldine sich, ganz klein, auf den Abhängen dieses ungeheuren Kreises erhöbe. Die Wasser hatten große, langsame Wellenbewegungen, – wie das letzte Nachwehen von irgend einem gewaltigen Sturm, der anderswo gewesen, hinter dem Horizonte; aber auf dem weiten Sehfeld, wo Yann noch war, blieb Alles friedlich.

Gaud schaute noch immer hinaus und suchte sich die Physiognomie des Schiffes genau einzuprägen, den Umriß seines Segelwerks und Kiels, damit sie es von Weitem erkennte, wenn sie an diese Stelle wiederkäme, es zu erwarten.

Ungeheure Wellenhebungen kamen noch fortwährend regelmäßig von Westen, eine nach der andern, ohne Aufenthalt, ruhelos, ihre unnützen Anstrengungen wiederholend, sich auf den nämlichen Felsen brechend, an den gleichen Stellen zerschellend, um denselben Strand zu überschwemmen. Auf die Länge war sie seltsam, diese dumpfe Unruhe der Wasser bei der heiteren Ruhe der Lüfte und des Himmels; es war, als hätte das Bett der Meere sich zu sehr gefüllt und wollte nun überquellen und sich der Gestade bemächtigen.

Aber die Leopoldine wurde immer kleiner, ferner, verlorener. Wahrscheinlich rissen Strömungen sie fort; denn die Abendbrise war schwach, und doch entfernte sie sich schnell. Jetzt war sie nur noch ein kleiner grauer Fleck, fast ein Punkt, und jetzt hatte sie bald den äußersten Rand vom Kreise des Sichtbaren erreicht, wo sie in das endlose Jenseits eintreten würde, von wo die Dunkelheit angeschritten kam.

Als es sieben Uhr Abends war, die Nacht hereingebrochen, das Schiff verschwunden, ging Gaud heim, im Ganzen recht tapfer, trotz der Thränen, die beständig emporquollen. Welcher Unterschied doch, und wieviel düsterer wäre die Leere, wenn er, wie die beiden anderen Jahre, fortgefahren wäre ohne Abschied! während jetzt Alles verwandelt war, gemildert; er war so ganz ihr eigen, ihr Yann, daß sie sich trotz seines Weggehens geliebt fühlte, und ganz allein in ihre Wohnung zurückkehrend, hatte sie doch wenigstens die süße Erwartung dieses »Auf Wiedersehen«, das sie sich für den Herbst zugerufen.

Der Sommer ging traurig, warm, ruhig vorüber. Sie lauerte auf die ersten gelben Blätter, auf das erste Sammeln der Schwalben, auf das Erscheinen des Chrysanthemum.

Durch die Packetboote von Reickiawieck und durch die Jäger schrieb sie ihm mehrmals; aber man weiß nie, ob die Briefe ankommen.

Ende Juli bekam sie einen von ihm. Er theilte ihr mit, daß er gesund sei am 10. laufenden Datums, daß die Fischerei vielversprechend sei, und daß er schon 1500 Fische für seinen Antheil habe.

Von einem Ende zum anderen war das in dem naiven Stil geschrieben, nach der Schablone der Briefe aller Isländer an ihre Familien. Männer, die wie Yann erzogen sind, haben keine Ahnung, daß man die tausend kleinen Dinge schreiben kann, die man denkt, fühlt oder träumt. Da sie gebildeter war als er, verstand sie das zu berücksichtigen und zwischen den Zeilen die tiefe Liebe zu lesen, die darin nicht ausgesprochen war.

Zu wiederholten Malen gab er ihr in diesen vier Seiten den Namen Gattin, als hätte er Vergnügen daran gefunden, ihn zu wiederholen. Und außerdem war die bloße Adresse: »An Madame Marguerite Gaos, Haus Moan, Ploubazlanec«, schon etwas, das sie mit Freuden wiederlas. Sie hatte noch so wenig Zeit gehabt, Madame Marguerite Gaos genannt zu werden.

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