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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 45
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII.

Während sechs Tage waren sie Mann und Frau.

Zu dieser Zeit der Abfahrt beschäftigten die isländischen Angelegenheiten Jedermann. Taglöhnerinnen häuften das Salz für die Fischlake in den unteren Gelassen der Fahrzeuge; die Männer richteten das Takelwerk, und bei Yann arbeiteten Mutter und Schwestern von Morgens bis Abends, um die Theerjacken und Wachsleinen vorzubereiten, die ganze Ausstattung für die Campagne. Das Wetter war düster und die See, im Vorgefühl der Aequinoctien, war unruhig und aufgeregt.

Gaud ertrug diese unerbittlichen Vorbereitungen mit Herzensangst, die fliehenden Tagesstunden zählend und den Abend erwartend, wo sie nach gethaner Arbeit ihren Yann für sich ganz allein hatte.

Würde er die anderen Jahre auch fortgehen?

Sie hoffte sehr, ihn zurückhalten zu können, Aber sie wagte nicht, ihm jetzt schon davon zu sprechen. ... Aber er hatte sie auch sehr lieb; in seinen früheren Verhältnissen hatte er nie etwas Aehnliches gekannt; nein, dies war etwas völlig Anderes; es war eine vertrauensvolle, herzensfrische Zärtlichkeit, so daß bei ihr dieselben Küsse, dieselben Umarmungen etwas Anderes waren; und jede Nacht wuchs ihr beiderseitiger Liebesrausch, durch Jeden gesteigert, ohne sich zu sättigen, wenn der Morgen kam.

Was sie wie eine Ueberraschung entzückte, das war, ihn so sanft, so kindlich zu finden, diesen Yann, den sie manchmal so geringschätzig gegen verliebte Mädchen gesehen. Für sie hatte er, im Gegentheil, immer die gleiche Höflichkeit, die ihm eigen und natürlich war, und sie war selig über sein gutes Lächeln, wenn ihre Augen sich begegneten. Bei diesen einfachen Leuten herrscht als eingeborenes Gefühl die Ehrfurcht vor der Majestät der Ehefrau; ein Abgrund scheidet sie von der Geliebten, diesem Ding des Vergnügens, dem man in einem verächtlichen Lächeln die nächtlichen Küsse zurückschleudert. Gaud war seine Gattin, und am Tage gedachte er nicht mehr der Zärtlichkeiten, die gar nicht zu gelten schienen, so sehr waren sie ein Fleisch, die Beiden, und für das ganze Leben.

... Bange, sehr bange war sie in ihrem Glück, das ihr erschien als etwas gar zu Unverhofftes und Unbeständiges, wie die Träume. ... Vor allen Dingen, würde sie wohl bei Yann recht dauernd sein, diese Liebe? ... Manchmal erinnerte sie sich seiner Verhältnisse, seines Aufbrausens, seiner Abenteuer, und dann bekam sie Angst. Würde er immer diese unendliche Zärtlichkeit und diese sanfte Ehrfurcht bewahren?

Wirklich waren sechs Tage der Ehe nichts für eine Liebe wie die ihre; nichts als eine kleine Abschlagszahlung, in fiebernder Hast von der Lebenszeit genommen, – die noch so lange vor ihnen liegen konnte! Kaum hatten sie sich sehen, sprechen können, und begreifen, daß sie einander angehörten. – Und alle Pläne für ihr gemeinschaftliches Leben, in ruhiger Freude, mit den häuslichen Einrichtungen, waren gezwungenermaßen auf die Rückkehr verschoben.

O! die anderen Jahre mußte sie ihn um jeden Preis verhindern, nach dem Island zu gehen! ... Aber wie das anfangen? Wie würden sie es dann machen, um zu leben, da sie Beide so wenig reich waren? ... Und dann hatte er sein Seemannshandwerk so gern. ...

Trotz alledem würde sie die anderen Male versuchen, ihn festzuhalten, sie würde all' ihren Willen, alle Herzensklugheit daransetzen. Eines Isländers Frau sein, jedes Frühjahr mit Trauer herankommen sehen, alle Sommer in wehevollem Bangen zubringen; nein, jetzt, wo sie ihn über Alles, was sie je geträumt, vergötterte, fühlte sie sich von zu großem Entsetzen befallen, im Gedanken an die künftigen Jahre. ...

Sie hatten einen Frühlingstag, nur einen. Es war am Tage, bevor man sich segelfertig machte; man hatte das Ordnen des Takelwerks an Bord vollendet, und Yann blieb diesen ganzen Tag bei ihr.

Arm in Arm gingen sie auf den Wegen spazieren, wie es die Liebenden thun, ganz dicht beieinander und sich tausend Dinge sagend. Die guten Leute sahen sie lächelnd vorübergehen:

»Es ist Gaud mit dem großen Yann von Pors-Even, eben verheirathete Leute!«

Ein wirklicher Frühling war dieser letzte Tag; es war eigenthümlich und befremdend, plötzlich diese große Ruhe zu sehen und keine einzige Wolke mehr an diesem sonst so zerrissenen Himmel. Kein Wind regte sich. Die See war ganz sanft geworden; sie war überall von demselben matten Blau und lag stille. Die Sonne leuchtete mit starkem weißen Glanz, und das rauhe Bretonerland saugte sich voll von diesem Licht, wie von etwas Feinem und Seltenem; es schien sich zu erheitern und lebendig zu werden, bis in seine tiefsten Fernen.

Die Luft hatte eine köstliche Milde und roch nach Sommer; man hätte glauben können, sie wäre ewig regungslos geworden, und es könne nie mehr düstere Tage noch Sturm geben. Die Vorgebirge und Buchten, über welche nicht mehr die wechselnden Wolkenschatten hinflogen, standen im Sonnenschein mit ihren großen unwandelbaren, scharfgezeichneten Linien. Auch sie schienen zu ruhen in endloser Stille. ... Alles das, als sollte ihre Liebesfeier süßer und ewiger sein, und man sah schon frühe Blumen, Primeln längs der Gräben, oder auch Veilchen, noch blaß und ohne Duft. Wenn Gaud fragte: »Wie lange wirst Du mich lieb haben, Yann?« dann antwortete er verwundert, indem er ihr mit seinen schönen, ehrlichen Augen voll in's Gesicht sah: »Aber Gaud, immer!« und dieses Wort, das ihm so einfach von den sonst so scheuen Lippen kam, schien so erst wirklich ewig zu bedeuten. Sie lehnte sich auf seinen Arm; in dem Entzücken ihres verwirklichten Traumes schmiegte sie sich an ihn, voll Bangen immer; er schien ihr flüchtig wie ein großer Seevogel ... und morgen der Flug in die Weite! Und dieses erste Mal war es zu spät, sie konnte nichts thun, um ihn am Weggehen zu verhindern.

Von diesen Klippenwegen, wo sie gingen, beherrschte man das ganze Strandland, welches ohne Bäume schien, mit einem Teppich von Ginster und mit Steinen besäet. Die Fischerhütten standen hier und dort auf den Felsen mit ihren alten Granitmauern, mit den hohen buckligen Strohdächern, die durch des Mooses neuen Trieb ganz grün waren. Und in der fernsten Ferne beschrieb die See wie eine große durchsichtige Erscheinung einen ungeheuren ewigen Kreis, der Alles einzuhüllen schien.

Es belustigte sie, ihm erstaunliche und wunderbare Dinge von Paris zu erzählen, wo sie gelebt hatte. Aber er that höchst verächtlich, und es interessirte ihn gar nicht. »So weit von der Küste,« sagte er, »und so viel Land, so viel Land ... das muß ungesund sein; so viel Häuser, so viel Menschen ... da muß es schlimme Krankheiten geben in den Städten; nein, da drin möcht' ich nicht leben, ich gewiß nicht.« Und sie lächelte und wunderte sich, zu sehen, was der große Mensch für ein naives Kind war. Manchmal stiegen sie hinab in die Erdfalten, wo wirkliche Bäume wachsen, die so aussehen, als wenn sie sich dort duckten gegen den Wind der Weite. Da war keine Aussicht mehr; auf der Erde gehäuftes todtes Laub und kalte Feuchtigkeit; der hohle Weg zwischen grünen Binsen wurde dunkel unter dem Geäste und verengte sich zwischen den Mauern irgend eines einsamen Dörfchens, das vor Alter fast zusammenstürzte und in der Niederung schlief; und immer erhob sich ein Crucifix recht hoch vor ihnen zwischen den kahlen Resten mit seinem großen hölzernen Christus, wie ein Leichnam zerfressen, im Schmerz ohne Ende verzerrt. Dann stieg der Pfad wieder empor, und von Neuem beherrschten sie die fernsten Horizonte und fanden die belebende Luft der Höhen und des Meeres wieder. Er seines Theils erzählte von Island, von den bleichen Sommern ohne Nacht, von der nie untergehenden Sonne mit den schrägen Strahlen. Gaud verstand ihn nicht recht und wollte es erklärt haben. »Die Sonne geht rund herum, rund herum,« sagte er, indem er mit dem ausgestreckten Arme am fernen Kreise der blauen Wasser entlang wies. »Sie bleibt immer sehr tief, weil, siehst Du, sie gar keine Kraft hat, zu steigen; um Mitternacht schleift sie ein wenig den Rand durch's Wasser, aber gleich hebt sie sich wieder und fährt in ihrem Rundgang fort. Es kommt vor, daß der Mond auch am anderen Ende des Himmels erscheint; dann arbeiten sie alle zwei, jeder an seinem Bord, und man kann sie nicht recht von einander kennen, denn sie gleichen sich sehr in diesem Lande.«

»Die Sonne um Mitternacht sehen, wie das fern sein mußte, diese Insel Island! Und die Fjords?« Gaud hatte dieses Wort mehrmals eingeschrieben gelesen unter den Namen der Todten in der Capelle der Untergegangenen; es machte ihr den Eindruck, als bezeichnete es etwas Unheimliches. »Die Fjords,« antwortete Yann, »sind große Buchten, wie hier die von Paimpol zum Beispiel; nur sind rings herum die Berge so hoch, so hoch, daß man nie sieht, wo sie aufhören, wegen der Wolken, die drauf sitzen. Ein trauriges Land, Gaud, das versichere ich Dich, Steine, Steine, nichts als Steine, und die Leute auf der Insel kennen nicht, was ein Baum ist. Mitte August, wenn unser Fischfang zu Ende ist, ist es hohe Zeit, fortzufahren, denn dann fangen die Nächte an, und die werden sehr schnell länger; die Sonne fällt unter die Erde und kann sich nicht mehr erheben, und dann ist es dort bei ihnen Nacht, während des ganzen Winters. Und dann,« sagte er, »ist auch ein kleiner Kirchhof da, an der Küste, in einem Fjord, gerade wie bei uns, für die aus der Gegend von Paimpol, welche während der Fischzeit gestorben sind oder im Meer verschwanden; es ist geweihte Erde, so gut wie in Pors-Even, und die Todten haben Holzkreuze, gar ähnlich denen von hier, mit ihrem Namen draufgeschrieben. Die beiden Goazdieou von Ploubazlanec sind da und auch Willem Moan, der Großvater von Sylvester.«

Und sie glaubte ihn zu sehen, diesen kleinen Kirchhof am Fuße öder Felsen unter dem bleichen rosa Licht der Tage, die nicht enden. Dann dachte sie an diese Todten unter dem Eise und unter dem schwarzen Schweißtuche der Nächte, die so lang sind wie die Winter.

»Die ganze Zeit, die ganze Zeit fischen?« fragte sie, »ohne sich je auszuruhen?«

»Die ganze Zeit, und dann muß man manöveriren, denn das Meer ist nicht immer schön dort. Ei ja; man ist Abends müde, das giebt Appetit zum Nachtessen, und Tage giebt's, da verschlingt man es nur so.«

»Und man langweilt sich nie?«

»Nie,« sagte er mit einem Tone der Ueberzeugung, die ihr weh that. »An Bord, auf hoher See, da wird mir die Zeit nicht lang, nie!«

Sie neigte den Kopf und fühlte sich trauriger, von der See besiegter.

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