Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Pierre Loti >

Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 44
Quellenangabe
pfad/loti/islandf1/islandf1.xml
typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110715
projectid0917c6a0
Schließen

Navigation:

VII.

Der Hochzeitsschmaus wurde bei Yann's Eltern gehalten, wegen Gaud's Wohnung, die doch gar zu ärmlich dazu war. Droben, in dem großen neuen Zimmer war es, eine Tafelrunde von 25 Personen, um das junge Paar; Schwestern und Brüder; Vetter Gaos, der Lootse; Guermeur, Keraes, Yvon Duff, Alle die von der alten Marie, die jetzt zu der Leopoldine gehörten; vier sehr hübsche Brautjungfern, mit den Flechten über den Ohren in Schnecken gelegt, wie sie früher die Kaiserinnen von Byzanz trugen, und ihren weißen neumodischen Hauben in der Form von Seemuscheln; vier Brautführer, lauter Isländer, schön gewachsene Burschen mit stolzen Augen.

Und drunten aß man und kochte man auch, das versteht sich; der ganze Schweif des Brautzuges hatte sich dort hineingezwängt, und Taglöhnerinnen, die aus Paimpol gemiethet waren, verloren den Kopf vor dem großen Heerde, der mit Kesseln und Casserolen überfüllt war.

Yann's Eltern hätten freilich ihrem Sohne eine reichere Frau gewünscht; aber Gaud war jetzt als braves und muthiges Mädchen bekannt; und in Ermangelung des verlorenen Vermögens war sie die Schönste im ganzen Lande, und da schmeichelte es den Alten, die Beiden so gut zusammen passen zu sehen. Der Vater, der nach der Suppe fröhlich wurde, sagte von dieser Hochzeit:

»Das wird noch mehr Gaos machen, an denen doch in Ploubazlanec kein Mangel war.«

Und an seinen Fingern herzählend, erklärte er einem Onkel der Braut, warum's so Viele des Namens gäbe: Sein Vater, der der jüngste von neun Kindern war, hatte zwölf Kinder, alle mit Basen verheirathet, und da gab's dann Gaos die Menge, trotz der in Island Verschwundenen! ...

»Ich, meines Theils, habe auch eine Gaos geheirathet, eine Verwandte, und wir hatten wieder vierzehn, wir Beide!«

Und bei den Gedanken an diese Völkerschaft freute er sich, seinen weißen Kopf schüttelnd.

Ei ja, er hatte wohl Mühe gehabt, sie zu erziehen, seine vierzehn kleinen Gaos; aber jetzt konnten sie sich schon helfen, und dann die 10 000 Franken vom Wrack, die sie aus aller Noth gebracht.

Auch heiter werdend, erzählte Guermeur die Streiche, die er in seinen Dienstjahren gespielt, Geschichten von den Chinesen, den Antillen, aus Brasilien, so daß die Jungen, die bald dorthin sollten, ihre Augen aufrissen.

Eine seiner besten Erinnerungen war an Bord der Iphigenie; man füllte gerade die Weinkammern, Abends in der Dämmerung, und der Lederschlauch, durch den der hinunterfloß, war geplatzt. Da hatte man, anstatt es zu melden, angefangen zu trinken, bis zum Umsinken; das hatte zwei Stunden gedauert, dieses Fest; zuletzt floß die Batterie davon über: Alles war betrunken!

Und die alten Seeleute am Tisch lachten mit ihrem gutmüthig-kindlichen Lachen und mit einem Anflug von Schelmerei.

»Mein schreit gegen den Dienst,« sagten sie, »aber doch nur da kann man solche schöne Streiche spielen!«

Draußen wurde das Wetter nicht schöner, im Gegentheil; Wind und Regen tobten in dichter Nacht. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln ängstigten sich Einige wegen ihres Schiffes oder ihres Kahnes, die im Hafen geankert waren, und sprachen davon, sich zu erheben, um nachsehen zu gehen.

Aber ein anderer Lärm, der viel lustiger anzuhören war, kam von drunten, wo die Jüngsten von der Hochzeit miteinander zur Nacht aßen; es waren Jubelrufe und Gelächter von kleinen Vettern und Basen, welche anfingen, sich vom Apfelwein sehr angeheitert zu fühlen.

Man hatte gekochtes und gebratenes Fleisch, mehrere Fischsorten, Pfannkuchen und Krapfen aufgetragen. Man hatte von Fischfang und Schmuggel gesprochen, alle Arten discutirt, wie man die Herren Zollbeamten drankriegt, die, wie man weiß, die Feinde der Seeleute sind.

Droben, am Ehrentisch, begann man sogar, pikante Abenteuer zu erzählen. Das war ein Kreuzfeuer unter den Bretonen, die alle zu ihrer Zeit die See durchrollt hatten.

»In Hong-Kong, die Häuser, Du weißt wohl, die Häuser, die dort sind, wenn man die Gäßchen hinaufsteigt.« ...

»O ja!« sagte ein Anderer am Ende des Tisches, der sie wohl oft besucht, »ja, wenn man sich rechts hält, beim Ankommen.«

»Nun ja, eben, bei den chinesischen Damen, was! Da hatten wir gehaust, wir Drei, zusammen, – garstige Weiber, Jesses, aber garstig! –

»O garstig, das glaub' ich!« sagte Yann nachlässig, der auch, in einem Augenblick der Verirrung nach einer langen Ueberfahrt, diese Chinesinnen kennen gelernt hatte.

»Nachher, als es zum Zahlen ging, wer hatte dann noch Piaster? Man sucht, sucht in den Taschen, nicht ich, nicht Du, nicht er, Niemand hat mehr einen Heller! Wir entschuldigen uns und versprechen, wiederzukommen.« (Hier verzog er sein derbes Broncegesicht, um das Zieren der erstaunten Chinesin darzustellen.) Aber die mißtrauische Alte fing an, zu maunzen, sich wie der Teufel zu geberden, uns mit ihren gelben Pfoten zu kratzen.« (Jetzt äffte er jene Fistelstimme nach, schnitt Gesichter, um der Alten Wuth darzustellen, und rollte die Augen, die er in den Ecken mit den Fingern heraufzog.) »Und da kommen die beiden Chinesen, – die beiden ... Du verstehst, die beiden Patrone der Bude, und machen die Klappe zu und wir sitzen drinnen! Selbstverständlich packt man sie beim Zopf, um sie tanzen zu lassen, mit dem Kopf wider die Wand. – Aber krach! da kriechen Andere aus allen Löchern, wenigstens ein Dutzend, die die Aermel aufschlagen, um über uns herzufallen, – aber doch etwas mißtrauisch. Ich hatte mir gerade ein Packet Zuckerrohr gekauft, für die Reise, und das ist fest, das bricht nie, wenn's grün ist; da kannst Du Dir denken, ob das nützlich war, um auf die Affengesichter zu klopfen ...«

Nein, wahrhaftig, es blies zu stark; in dem Augenblick erzitterten die Scheiben unter einem furchtbaren Windstoß, und der Erzähler, plötzlich zum Schluß eilend, stand auf, nach seiner Barke zu sehen. Ein Anderer sagte:

»Als ich Canonier und Quartiermeister war, als Corporal auf der Zénobie, in Aden, sahe ich eines Tages die Straußfedernhändler an Bord kommen.« (Den dortigen Accent nachahmend.) »Guten Tag, Herr Corporal! Wir nicht Diebe, wir gute Kaufleute!«

Mit einer Schwenkung jage ich sie holterdiepolter hinunter: »Du, guter Kaufmann,« sag' ich, »bring' mir mal zuerst einen Strauß Federn zum Geschenk; hernach wird man sehen, ob man Dich mit Deinem Krame heraufläßt. Und ich hätte mir viel Geld damit gemacht, bei der Heimkehr, wär' ich nicht so dumm gewesen! – Kummervoll: Aber weißt Du, damals war ich jung ... und in Toulon, da war eine Bekannte von mir, die im Putzfach arbeitete« ...

O weh! Da wird einer von Yann's kleinen Brüdern, ein zukünftiger Isländer mit gutem, rosigem Gesicht und lebhaften Augen, mit einmal krank von zu viel Apfelwein.

Schnell muß man ihn forttragen, den kleinen Laumec, was der Erzählung von der Hinterlist seiner Modistin, um die Federn zu haben, den Faden abschneidet.

Der Wind heulte im Kamin wie eine arme Seele in der Verdammniß; von Zeit zu Zeit schüttelte er, mit beängstigender Gewalt, das Haus bis in seine Grundmauern.

»Man meint, es ärgert ihn, daß wir uns unterhalten,« sagte der Vetter Lootse.

»Nein, es ist die See, die nicht zufrieden ist,« sagte Yann, Gaud zulächelnd – »weil ich ihr die Ehe versprochen hatte.«

Ueber die Beiden kam allmählich eine sonderbare Weichheit; sie sprachen leiser, Hand in Hand, ganz allein inmitten der Lustigkeit der Andern.

Er, Yann, kannte die Wirkung des Weines auf die Sinne und trank den Abend gar nicht. Und nun wurde er roth, der große Bursch', wenn einer der isländischen Kameraden einen Matrosenscherz über die nächste Nacht machte.

Auf Augenblicke wurde er auch wieder traurig, indem er plötzlich an Sylvester dachte ... Uebrigens war es ausgemacht, daß man nicht tanzen würde wegen Gaud's Vater und wegen ihm.

Man war beim Dessert. Bald sollten die Lieder beginnen. Aber vorher waren noch die Gebete zu sagen für die Verstorbenen der Familie; bei den Hochzeitsfesten versäumt man nie diese fromme Pflicht, und als man den Vater Gaos aufstehen und sein weißes Haupt entblößen sah, da ward eine Stille ringsum.

»Dies,« sagte er, »ist für Willem Gaos, meinen Vater.«

Und indem er sich bekreuzigte, begann er für diesen Todten das Gebet auf lateinisch:

»Pater noster, qui es in coelis, sanctificetur nomen tuum ...«

Eine Stille wie in der Kirche hatte sich jetzt bis unten hin verbreitet, bis zur Tafelrunde der Kleinen. Alle, die im Hause waren, sagten im Geiste dieselben ewigen Worte nach.

»Dies ist für Yves und Jean Gaos, meine Brüder, die im isländischen Meer verloren ... Dies für Pierre Gaos, meinen Sohn, untergegangen an Bord der Zélie« ...

Als dann alle diese Gaos ihr Gebet hatten, wandte er sich zur Großmutter Yvonne:

»Und dies,« sagte er, »ist für Sylvester Moan.« Und er sagte noch eines her. Da weinte Yann.

»... Sed libera nos a malo. Amen.«

Hernach fingen die Lieder an; Lieder, die im Dienst gelernt worden waren, auf dem Vordertheil, wo es, wie man weiß, viele gute Sänger gibt.

Ein edles Corps, nicht weniger ist, das der Zouaven,
Aber die Tapfern bei uns
Spotten des Geschicks,
Hurrah! Hurrah! es lebe der echte Seemann! ...

Die Strophen wurden von einem Brautführer schmachtend vorgetragen, daß es in die Seele drang, und dann wurde der Chor von schönen, tiefen Stimmen aufgenommen.

Aber die Neuvermählten hörten nur noch wie aus weiter Ferne; wenn sie sich anschauten, glänzten ihre Augen mit mattem Schimmer wie verschleierte Lampen; sie sprachen leiser und leiser und hielten sich immer bei der Hand, und Gaud neigte oft den Kopf, vor ihrem Herrn und Meister allmählich von größerer und süßerer Furcht befallen.

Jetzt machte der Vetter Lootse um den Tisch die Runde, um einen gewissen, eigenen Wein zu kredenzen; er hatte ihn mit großer Vorsicht hergetragen, die umgelegte Flasche streichelnd, die man nicht schütteln dürfe, wie er sagte.

Er erzählte ihre Geschichte: An einem Fischtage schwamm ein Stückfaß ganz allein auf hoher See; unmöglich, es heim zu bringen, es war zu groß; da hatten sie's auf dem Meere angebohrt und Alles gefüllt, was sie von Töpfen und Schöpfeimern an Bord hatten. Unmöglich, Alles mitzunehmen. Man hatte den andern Lootsen und Fischern Zeichen gemacht; alle Segel in Sicht hatten sich um den Fund gesammelt.

»Und ich kenne mehr als Einen, der besoffen war, bei der Einfahrt Abends nach Pors-Even.«

Der Wind fuhr fort mit seinem gräßlichen Heulen. Die Kinder unten tanzten in die Runde; wohl waren einige zu Bett gelegt, ein paar ganz kleine Gaos; aber die andern machten Tollheiten, von dem kleinen Fantec und dem kleinen Laumec angeführt, wollten durchaus hinausspringen, und rissen alle paar Minuten die Thür' auf, so daß wüthende Windstöße die Lichter verlöschten.

Der Vetter Lootse erzählte die Geschichte seines Weines fertig; er für sein Theil hatte 40 Flaschen bekommen; er bat sich aus, daß man nicht davon spreche, wegen des Herrn Commissarius der Marine-Inscription, der ihm eine Geschichte hätte anhängen können für dies nicht angezeigte Wrack.

»Aber freilich,« sagte er, »man hätte sie pflegen müssen, diese Flaschen; hätte man sie umfüllen und klären können, wäre es ein ganz außerordentlicher Wein geworden; denn es war sicher mehr Rebensaft drin als in allen Kellern der Weinhändler von Paimpol.«

Wer weiß, wo er gewachsen war, dieser gescheiterte Wein? Er war stark, schön gefärbt, sehr mit Seewasser gemengt und hatte einen scharfen Salzgehalt behalten: er wurde trotzdem sehr gut gefunden, und mehrere Flaschen wurden geleert. Die Köpfe drehten sich ein wenig, der Stimmenschall wurde wirrer, und die Burschen küßten die Mädchen.

Die Lieder gingen lustig fort; aber man hatte nicht viel Seelenruhe bei diesem Nachtessen. Die Männer wechselten ängstliche Zeichen, wegen des schlimmen Wetters, das stetig zunahm.

Draußen fuhr das unheimliche Getöse fort, stärker als je. Es wurde zu einem einzigen Schrei, dauernd, schwellend, drohend, wie von tausenden von wüthenden Thieren zugleich aus voller Kehle mit gestrecktem Halse ausgestoßen.

Man glaubte auch große Seegeschütze in der Ferne ihre gewaltigen, dumpfen Schüsse abfeuern zu hören: das war aber die See, die von allen Seiten an das Land von Ploubazlanec anschlug; nein, sie schien in der That nicht zufrieden, und Gaud fühlte ihr Herz beklommen bei dieser Schreckensmusik, die Niemand für ihr Hochzeitsfest bestellt hatte.

Gegen Mitternacht, während der Wind einen Augenblick nachließ, machte Yann, der leise aufgestanden, seiner Frau ein Zeichen, zu ihm zu kommen.

Es war, um nach Hause zu gehen ... Sie erröthete, von Scham befallen, verwirrt, aufgestanden zu sein ... und dann meinte sie, wäre es unhöflich, so gleich fortzugehen, die Andern zu verlassen ...

»Nein,« sagte Yann, »der Vater hat's erlaubt, wir dürfen.« Und er zog sie fort.

Heimlich liefen sie davon.

Draußen waren sie in der Kälte, in dem drohenden Winde, in der tiefen, tosenden Nacht. Sie fingen an zu laufen, sich bei der Hand haltend. Von dem Klippenwege herab errieth man, ohne sie zu sehen, die Fernen der wüthenden See, aus der so viel Getöse aufstieg. Sie liefen Beide, das Gesicht gepeitscht, mit vorgestrecktem Körper gegen die Windstöße, und mußten sich manchmal, mit der Hand vor dem Munde, umdrehen, um den Athem wiederzubekommen, den ihnen der Sturm abschnitt. Zuerst hob er sie ein wenig mit dem Arm um ihren Leib, damit ihr Kleid nicht schleifte, damit ihre schönen Schuhe nicht in all' das Wasser kämen, das auf dem Boden rieselte, und dann nahm er sie ganz in die Arme, die ihrigen um seinen Hals geschlungen, und lief noch schneller. ... Nein, er hatte nicht geglaubt, sie so zu lieben! Und zu denken, daß sie dreiundzwanzig Jahre zählte, er fast achtundzwanzig, und daß sie seit wenigstens zwei Jahren hätten verheirathet sein können, so glücklich wie an diesem Abend.

Endlich waren sie daheim, in ihrem armen Hüttchen, mit feuchtem Boden, unter ihrem Stroh- und Moosdach; sie zündeten ein Licht an, das ihnen der Wind zweimal ausblies.

Die alte Großmutter Moan, die man heimgebracht, bevor die Lieder begannen, war da, schon seit zwei Stunden zu Bett, in ihrem Schrank, dessen Flügel sie zugezogen hatte; sie näherten sich ehrfurchtsvoll und betrachteten sie durch den Thürausschnitt, um ihr gute Nacht zu sagen, wenn sie zufällig noch nicht schliefe. Aber sie sahen, daß ihr ehrwürdiges Gesicht unbeweglich blieb und ihre Augen geschlossen; sie schlief oder that, als schliefe sie, um sie nicht verlegen zu machen.

Da fühlten sie sich allein, die Zwei. Sie zitterten Beide und hielten sich die Hände. Er neigte sich zuerst zu ihr nieder, um ihren Mund zu küssen, sie aber drehte ihre Lippen weg in Unkenntniß dieses Kusses, und ebenso keusch als am Verlobungsabend, drückte sie sie auf Yann's Wange, die vom Winde kalt, ja ganz eisig war.

Sehr arm, sehr nieder war ihre Hütte, und es war sehr kalt darin. Ach! wenn Gaud reich geblieben wäre, wie früher, mit welcher Freude hatte sie ein hübsches Zimmer bereitet, nicht wie dieses auf nackter Erde ... sie war noch immer nicht recht an die rohe Granitmauer gewöhnt und an das rohe Aussehen von Allem; aber ihr Yann war da, bei ihr, und da wurde durch seine Gegenwart Alles verklärt, verwandelt, sie sah nur noch ihn. ...

Jetzt hatten sich die Lippen gefunden, und sie drehte die ihren nicht mehr weg. Noch immer stehend, die Arme verschlungen, um sich aneinanderzudrücken, blieben sie stumm in der Verzückung des einen Kusses, der kein Ende mehr nahm. Ihr rascher Athmen vermengte sich und sie zitterten Beide stärker, wie bei heftigem Fieber. Sie schienen machtlos, die Umarmung aufzulösen, und nichts mehr zu kennen, nichts mehr zu wünschen, als diesen langen Kuß.

Endlich machte sie sich los, auf einmal ganz verwirrt. »Nein, Yann, Großmutter Yvonne könnte uns sehen!«

Aber mit einem Lächeln suchte er wieder die Lippen seiner Frau und nahm sie schnell wieder zwischen die seinen, wie ein Durstender, dem man seine Schale frischen Wassers genommen.

Ihre Bewegung hatte den Zauber dieses süßen Zauderns gebrochen. Yann, der sich im ersten Augenblick hingekniet hätte, wie vor die heilige Jungfrau, fühlte sich wieder mild werden und blickte scheu nach den alten Schrankbetten hin, verdrossen, so nahe bei der alten Großmutter zu sein, und suchte ein Mittel, unsichtbar zu werden. Immer ohne die süßen Lippen zu lassen, streckte er den Arm hinter sich, und mit dem Rücken der Hand löschte er das Licht, wie es der Wind gethan. Dann nahm er sie rasch in die Arme; sowie er sie hielt, blieben ihre Lippen zusammen; er war wie ein wildes Thier, das die Zähne in seine Beute geschlagen.

Sie ergab sich mit Körper und Seele dieser gebieterischen Entführung, wo kein Widerstreben möglich war, und die doch so sanft blieb wie einhüllende Zärtlichkeit; in der Dunkelheit trug er sie zu dem schönen weißen, städtischen Bette, das ihr Brautbett werden sollte.

Um sie her, zu ihrem ersten Beilager spielte dasselbe unsichtbare Orchester noch immer.

Huhu! Huhu! Der Sturm kam zuweilen mit seinem ganzen hohlen Brausen, mit zitternder Wuth; zuweilen wiederholte er seine Drohung leise in's Ohr, wie mit raffinirter Bosheit, mit kleinen, gezogenen Tönen, in der flötenden Stimme der Käuzchen.

Und das große Grab der Seeleute war da, ganz nahe, sich regend, verschlingend, mit den gleichen dumpfen Schlägen die Klippe stürmend. In der einen oder der anderen Nacht würde man da draußen sein müssen, sich mehren, inmitten der schwarzen, eisigen Dinge; – sie wußten es ...

Was that's, für den Augenblick waren sie am Lande, im Schutz vor dieser unnützen Wuth, die sich wider sich selber kehrte. Und in der armen, dunkeln Hütte, die der Wind durchfegte, gaben sie sich Einer dem Andern, an nichts, nicht einmal an den Tod denkend, berauscht, von dem ewigen Zauber der Liebe berückt.

 << Kapitel 43  Kapitel 45 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.