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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 43
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI.

Noch sechs Tage bis zur Abreise nach Island. Ihr Hochzeitszug kam aus der Kirche von Ploubazlanec. Ein wüthender Wind jagte ihm nach unter einem regenschweren, ganz schwarzen Himmel. Eines am Arme des Andern, waren sie Beide schön, wie die Könige einhergehend, an der Spitze ihres langen Gefolges wie im Traume wandelnd. Ruhig, gesammelt, ernst, schienen sie nichts zu sehen, die Welt zu beherrschen, über Allem zu stehen. Sie schienen sogar dem Winde Ehrfurcht einzuflößen, während der Zug hinter ihnen eine fröhliche Unordnung von lachenden Paaren bildete, die die großen Windstöße von Westen plagten. Viele Junge, bei denen die Lebenslust überquoll, Andere, schon ergrauend, die aber noch lächelten, ihres Hochzeitstages und ihrer ersten Jahre gedenkend.

Die Großmutter Yvonne war auch dabei und folgte, sehr zerzaust aber beinahe glücklich, am Arme eines alten Onkels von Yann, der ihr altmodische Artigkeiten sagte. Sie trug eine schöne neue Haube, die man ihr für die Gelegenheit gekauft, und ihr kleines Tuch, das nun zum dritten Male gefärbt worden war – diesmal schwarz, wegen Sylvester.

Und der Wind schüttelte ohne Unterschied alle die Geladenen; man sah gehobene Röcke und umgedrehte Kleider, Hüte und Hauben, die davonflogen.

An der Kirchenthüre hatte sich das Brautpaar, der Sitte gemäß, Sträuße aus gemachten Blumen gekauft, um ihren Festanzug zu vervollständigen. Yann hatte den seinigen, wie es gerade kam, auf seine breite Brust befestigt; aber er gehörte zu Denen, welchen Alles steht, während sich bei Gaud noch einmal das Fräulein verrieth in der Art, wie sie sich die armen, groben Blumen ganz oben an's Kleid gesteckt, welches, wie früher, sehr glatt saß auf ihrer herrlichen Gestalt.

Der Geigenspieler, der sie alle anführte, spielte, durch den Wind ganz närrisch gemacht, wie toll; seine Melodien gelangten stoßweise zum Gehör, und im Tosen der Windsbraut schien es eine kleine drollige Musik, dünner als Mövengeschrei.

Ganz Bloubazlanec war herausgekommen, um sie zu sehen. Diese Hochzeit hatte etwas, das die Leute begeisterte, und man war von weit in der Runde erschienen; bei den Kreuzwegen harrten Gruppen, die sie erwarteten. Fast alle »Isländer« aus Paimpol, die Freunde Yann's, waren so aufgepflanzt. Sie grüßten das Brautpaar beim Vorüberschreiten; Gaud dankte, indem sie sich leicht wie ein Fräulein verneigte, mit ernster Grazie, und auf dem ganzen Wege wurde sie bewundert.

Und die Dörfer ringsum, die verlorensten, die schwärzesten, selbst die der Wälder, hatten all' ihre Bettler, Krüppel, Verrückten und Idioten mit Krücken entsendet. All' dieses Volk hatte sich staffelförmig auf den Wegen aufgestellt mit Musikinstrumenten, Harmoniken und Leiern; sie streckten ihre Hände, ihre Teller und Hüte entgegen, um die Almosen zu empfangen, die ihnen Yann mit edler Vornehmheit und Gaud mit dem Lächeln einer Königin hinwarf. Es gab Bettler unter ihnen, die sehr alt waren und hatten graue Haare auf den hohlen Köpfen, die nie etwas enthalten; in den Höhlungen am Wege hockend, waren sie von der Farbe der Erde, aus der sie nur unvollständig herausgeschält erschienen, in die sie bald wieder versinken würden, ohne Gedanken gehabt zu haben; ihre irren Augen waren beunruhigend, wie das Geheimniß ihres fehlgeborenen, unnützen Daseins. Ohne zu verstehen, sahen sie dieses Fest vollsten herrlichsten Lebens vorüberziehen ...

Man wanderte über den Weiler von Pors-Even und das Haus der Gaos hinaus. Es war, um sich, wie es die hergebrachte Sitte von Ploubazlanec verlangt, nach der Dreieinigkeitscapelle zu begeben, welche gleichsam am Ende der bretonischen Welt steht.

Am Fuße der letzten und äußersten Klippe ruht sie auf einer Schwelle von niedrigen Felsen, ganz dicht an den Wassern und scheint schon zum Meere zu gehören. Um zu ihr hinab zu gelangen, schlägt man einen Ziegenpfad ein, zwischen Granitblöcken. Und der Hochzeitszug ergoß sich über den einsamen Felsenhang, zwischen die Steine, und die lustigen oder artigen Worte verloren sich vollständig im Dröhnen von Wind und Wogen.

Es war unmöglich, bei diesem Wetter die Capelle zu erreichen; der Weg war nicht sicher; die See donnerte zu nahe mit ihren großen Schlägen heran. Man sah ihre weißen Garben hoch aufsprühen und beim Zurückfallen zerstäuben, um Alles zu überschwemmen. Yann, der sich am weitesten vorgewagt, mit Gaud am Arme, war der Erste, der sich vor der Brandung zurückzog. Hinter ihm blieb sein Gefolge amphitheatralisch auf den Felsen aufgestellt, und er schien dahingekommen, um seine Frau der See vorzustellen; aber diese machte der Neuvermählten ein böses Gesicht.

Wie er sich umdrehte, sah er den Geigenspieler, der auf einem grauen Felsen schwebte, zwischen zwei Windstößen versuchen, seine Quadrille wieder anzustimmen.

»Gieb Deine Musik daran, mein Freund,« sagte Yann; »die See spielt uns eine andere auf, die flotter, besser geht, als die deine.«

Zugleich begann ein heftiger, peitschender Regen, der schon seit dem Morgen gedroht. Da war es ein tolles Auseinanderstieben, unter Geschrei und Gelächter, ein Erklettern der hohen Klippe, um sich zu den Gaos zu retten.

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