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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 42
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V.

An einem Regenabende saßen sie dicht bei einander am Kamin, und die Großmutter Yvonne schlummerte ihnen gegenüber. Die Flamme, die über die Reiser im Heerde hintanzte, ließ ihre Schatten vergrößert über die Zimmerdecke wandern.

Sie sprachen ganz leise zusammen, wie das Liebende thun. Aber an dem Abend entstanden lange, verlegene Pausen in ihrem Geplauder. Er besonders sagte fast nichts, und mit einem halben Lächeln den Kopf neigend, suchte er sich Gaud's Blicken zu entziehen.

Sie hatte ihn nämlich den ganzen Abend mit Fragen gedrängt, wegen dieses Geheimnisses, das man ihm nicht entreißen konnte, und diesmal sah er sich gefangen: sie war zu schlau und zu fest entschlossen, es zu erfahren, keine Ausflucht konnte ihn aus der Enge ziehen.

»Waren es böse Dinge, die man mir nachgesagt?« fragte sie. Er versuchte Ja zu antworten: Böse Dinge! o! man hatte viel Böses geredet in Paimpol und Bloubazlanec.

Sie fragte: »Was?« Da ward er verwirrt und wußte nichts zu sagen. Da sah sie wohl, daß es etwas Anderes sein müsse.

»War es meine Kleidung, Yann?«

Freilich hatte auch die Kleidung dazu beigetragen: sie zog sich zu schön an, eine Zeit lang, um eines einfachen Fischers Frau zu werden. Aber zuletzt war er gezwungen, es einzugestehen, daß auch dies nicht Alles sei. »War es, weil wir damals für reich galten und Du Angst hattest vor einer Abweisung?

»O nein, das nicht.«

Er gab diese Versicherung mit so naivem Selbstvertrauen, daß es Gaud belustigte. Und dann schwiegen sie wieder, während dessen man draußen das Stöhnen des Seewindes vernahm.

Während sie ihn aufmerksam beobachtete, stieg auch ihr allmählich ein Gedanke auf, der bald den Ausdruck ihres Gesichtes veränderte.

»Es war nichts von dem allen, Yann? Was dann?« sagte sie, ihm plötzlich in die Augen schauend, mit dem unwiderstehlichen, inquisitorischen Lächeln Eines, der's errathen hat.

Und er drehte den Kopf weg und lachte nun wirklich. Also das war es, und sie hatte es gefunden: einen Grund konnte er ihr nicht angeben, weil keiner vorhanden war, weil es niemals einen gegeben. Nun ja, er hatte seinen Kopf aufgesetzt (wie Sylvester ehedem sagte), und das war Alles.

Aber man hatte ihn auch mit dieser Gaud gequält! Jedermann hatte sich hinein gemischt. Seine Eltern, Sylvester, seine isländischen Kameraden und endlich Gaud selber. Da hatte er angefangen, Nein zu sagen, eigensinnig Nein, und behielt doch im Herzensgrunde den Gedanken, daß es eines Tages, wenn Keiner mehr daran dächte, doch noch sicherlich Ja sein würde.

Und um dieser Kinderei ihres Yann willen hatte Gaud, zwei Jahre lang verlassen, sich verzehrt und hatte sterben wollen ...

Zuerst wollte Yann ein wenig lachen, vor Beschämung, entdeckt zu sein, dann aber sah er Gaud an mit treuen, ernsten Äugen, die nun ihrerseits tief hinein fragten: Würde sie ihm wenigstens verzeihen? Er fühlte heute so große Reue, ihr weh gethan zu haben, würde sie ihm verzeihen? ...

»So ist mein Charakter nun einmal, Gaud,« sagte er. »Zu Hause, bei meinen Eltern, ist's ebenso. Manchmal, wenn ich meinen dicken Kopf mache, dann bleibe ich acht Tage lang böse mit ihnen und rede mit Keinem. Und doch habe ich sie lieb, wie Du weißt, und zuletzt gehorche ich ihnen immer, in Allem, was sie wollen, als wäre ich noch ein zehnjährig Kind. ... Wenn Du glaubst, es wäre mir recht gewesen, mich nicht zu verheirathen! Nein, das hätte nicht mehr dauern können, Gaud, das kannst Du mir glauben!«

O! und ob sie ihm verzieh! Sie fühlte ganz leise die Thränen kommen, und das war der letzte Rest ihres Kummers, der so davonging beim Geständniß ihres Yann. Uebrigens wäre ohne all ihr vorheriges Leid die gegenwärtige Stunde nicht so köstlich gewesen; nun, da sie es überstanden, war es ihr fast lieber, diese Prüfungszeit durchgemacht zu haben.

Jetzt war Alles klar zwischen ihnen Beiden; auf eine unerwartete Weise, das ist wahr, aber völlig. Es war kein Schleier mehr zwischen ihren Seelen. Er zog sie an sich, in seine Arme, und da ihre Köpfe sich genähert, blieben sie lange so, die Wangen an einander gelehnt; sie brauchten sich nichts mehr zu erklären und hatten sich nichts mehr zu sagen. In diesem Augenblicke war ihre Umarmung so keusch, daß sie beim Erwachen der Großmutter so vor ihr verharrten, ohne jegliche Verwirrung.

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