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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVII.

Und wirklich, er begleitete sie – bis zu ihrem Hause wahrscheinlich –, da gingen sie hin, alle Drei, wie zum Begräbniß der Katze, und es wurde jetzt beinahe ein wenig komisch, sie so im Zuge gehen zu sehen. Auf den Thürschwellen standen gute Leute und lächelten; die alte Yvonne in der Mitte trug das Thier, Gaud zu ihrer Rechten, verwirrt und noch immer sehr rosig; der große Yann zu ihrer Linken, mit erhobenem Kopfe und nachdenklich. Uebrigens hatte die arme Alte sich fast plötzlich beruhigt auf dem Wege. Von selbst hatte sie die Haare geordnet, und ohne noch etwas zu sagen, fing sie an, sie abwechselnd von der Seite zu beobachten, die Eine und den Anderen, mit Augen, die auf einmal wieder klar geworden waren. Gaud sprach auch nicht, aus Furcht, Yann Gelegenheit zu geben, sich zu empfehlen; sie wäre gern unter dem Eindruck dieses guten, sanften Blickes geblieben, den sie von ihm bekommen; sie hätte mögen mit geschlossenen Augen gehen, um nichts Anderes mehr zu sehen, lange so an seiner Seite gehen, im Traum, den sie träumte, anstatt so rasch vor ihrem leeren und düsteren Hause anzulangen, wo Alles in Nichts zerfließen würde. An der Thüre gab es einen dieser Augenblicke der Unentschiedenheit, während der das Herz stille zu stehen scheint. Die Großmutter trat ein, ohne sich umzusehen, dann Gaud zögernd, und Yann, hinter ihnen, trat auch hinein ... Er war bei ihnen, – zum ersten Male in seinem Leben, wahrscheinlich absichtslos – was konnte er wollen? Indem er über die Schwelle trat, hatte er seinen Hut berührt, und dann, wie seine Augen zuerst auf das Todtenkränzchen von schwarzen Perlen fielen, hatte er sich Sylvester's Bild langsam genähert, wie einem Grabe.

Gaud war stehen geblieben, mit den Händen auf ihren Tisch gestützt. Er sah jetzt ringsum, und sie folgte seinem Blick, der schweigend ihre Armuth überschaute. Sehr arm, allerdings, trotz ihrer Ordnung und Anständigkeit, war die Wohnung der beiden Verlassenen, die sich vereinigt hatten. Vielleicht würde er doch ein gutmüthiges Mitleid für sie fühlen, wenn er sie so herabgestiegen sah, in dies Elend versunken, zu dem rauhen Granit und dem Strohdach. Vom einstigen Reichthum war nichts mehr übrig, als das schöne weiße Fräuleinbett, und unwillkürlich schweiften Yann's Augen wieder hin.

Er sagte nichts ... Warum ging er nicht fort? ... Die alte Großmutter, die in ihren lichten Augenblicken noch so fein und schlau war, that so, als bemerke sie ihn gar nicht. Also blieben sie vor einander stehen, stumm und ängstlich, und schauten sich endlich an, wie zu einer entscheidenden Frage.

Aber die Augenblicke vergingen, und bei jeder verrinnenden Secunde schien das Schweigen zwischen ihnen starrer zu werden. Und sie sahen sich immer tiefer in die Augen, wie in der feierlichen Erwartung von etwas Unerhörtem, das zu kommen zögerte.

*

»Gaud,« fragte er mit leiser, tiefer Stimme, »wenn Sie immer noch wollen ...«

Was wollte er sagen? Man errieth einen großen Entschluß, plötzlich, wie die seinen immer waren, rasch gefaßt, ohne daß er es wagte, ihn bestimmt auszudrücken.

»Wenn Sie immer noch wollen ... Der Verdienst war gut in diesem Jahre, und ich habe ein wenig Geld vor mir ...«

Ob sie noch immer wollte? ... Was frug er sie denn? Hatte sie recht gehört? Sie stand vernichtet vor der Größe dessen, was sie zu verstehen glaubte.

Und die alte Yvonne dort in ihrer Ecke spitzte die Ohren: denn sie fühlte das Glück herankommen ...

»Wir könnten uns heirathen, Fräulein Gaud. wenn Sie noch immer wollten ...«

Und dann wartete er auf ihre Antwort, die nicht kam. ... Was mochte sie denn verhindern, das Ja auszusprechen? Er wunderte sich, ihm wurde es bange, und sie merkte es wohl. Mit beiden Händen auf den Tisch gestützt, ganz weiß geworden, mit Augen, die sich verschleierten, stand sie sprachlos da und sah aus wie eine sehr schöne Sterbende.

»Nun, Gaud, so antworte doch!« sagte die alte Großmutter, die aufgestanden war und sich ihnen näherte. »Sehen Sie, es überrascht sie, Herr Yann; Sie müssen's entschuldigen; sie wird sich besinnen und Ihnen gleich antworten ... Setzen Sie sich, Herr Yann, und nehmen Sie ein Glas Apfelwein mit uns.«

Aber nein, Gaud konnte nicht antworten, kein Wort wollte mehr kommen in ihrer Seligkeit ... also war es doch wahr, daß er gut sei, daß er ein Herz hatte. Da fand sie ihn wieder, ihren wirklichen Yann, so wie sie nie aufgehört hatte, ihn in sich zu sehen, trotz seiner Härte, trotz seiner wilden Weigerung, trotz Allem! Er hatte sie lange verschmäht, heute nahm er sie, – und heute war sie arm; das war wohl seine besondere Neigung, er hatte irgend einen Grund gehabt, den sie später erführen würde; in diesem Augenblick dachte sie gar nicht daran, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, so wenig, wie ihm all' den Kummer dieser zwei Jahre vorzuwerfen. ... Das alles war übrigens auch so völlig vergessen, in einer Secunde so weit, weit weggefegt durch den entzückenden Wirbelwind, der eben über ihr Leben strich! ... Immer noch stumm, sagte sie ihm ihre ganze Anbetung nur mit den schwimmenden Augen, die ihn bis in die tiefste Tiefe anblickten, während ein schwerer Thränenregen ihr über die Wangen zu rieseln begann.

»Nun, und Gott segne Euch, meine Kinder!« sagte die Großmutter Moan. »Und ich bin ihm viel großen Dank schuldig; denn ich bin doch froh, so alt geworden zu sein, um das zu sehen, bevor ich sterbe.«

Sie standen noch immer voreinander, sich bei den Händen haltend und keine Worte findend, zu einander zu reden; denn sie kannten kein Wort, das süß genug wäre, keinen Satz, der das aussprach, was sie meinten, keinen, der ihnen würdig schien, das köstliche Schweigen zu brechen.

»So küßt Euch doch wenigstens, Kinder! ... Aber sie sagen ja gar nichts! ... Herr, mein Gott! was für komische Enkel habe ich da! Aber, Gaud, so sage ihm doch etwas, Kind. ... Zu meiner Zeit ist mir's, als hätte man sich geküßt, wenn man sich versprochen. ...«

Yann nahm den Hut ab, als wäre er plötzlich von einer großen, ungekannten Ehrfurcht befallen, bevor er sich neigte, um Gaud zu küssen, – und ihm war es, als sei dies der erste wirkliche Kuß, den er in seinem Leben gegeben.

Sie küßte ihn auch, ihre frischen unentweihten Lippen mit ganzem Herzen auf die vom Meere vergoldete Wange ihres Bräutigams drückend. Zwischen den Steinen der Mauer besang die Grille ihr Glück; diesmal, zufällig, hatte sie recht gerathen.

Und der arme kleine Sylvester sah aus, als lächle er ihnen zu aus seinem schwarzen Kranze. Und Alles schien auf einmal belebt und vergnügt in der todten Hütte. Die Stille hatte sich mit niegehörter Musik erfüllt; sogar die bleiche Winterdämmerung, die durch das Fensterchen hereinkam, war zu einem schönen, zauberhaften Schein geworden ...

»Also, bei der Heimkehr aus Island wird Hochzeit sein, meine guten Kinder?«

Gaud neigte den Kopf. Island, die Leopoldine – wirklich, sie hatte all' die Schrecken vergessen, die sich auf dem Wege entgegenstellten. – Bei der Heimkehr aus Island! wie das lange sein würde, noch ein ganzer Sommer banger Erwartung!

Und Yann schlug mit der Fußspitze einen raschen kleinen Wirbel; denn auch er hatte es mit einem Mal sehr eilig; er zählte ganz schnell für sich, um zu sehen, ob, wenn man sich recht eilte, man nicht Zeit haben würde, sich vor der Abfahrt zu heirathen: so viel Tage, um die Papiere zusammenzubringen, so viel Tage zum Aufgebot in der Kirche; ja, das reichte nicht über den 20ten oder 25ten für die Hochzeit, und wenn nichts dazwischenkam, so hatte man hernach noch eine ganze große Woche, um beisammenzubleiben.

»Ich will jedenfalls einmal gehen, es dem Vater anzeigen,« sagte er mit solcher Hast, als wären jetzt die Minuten ihres Lebens abgezählt und kostbar.

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