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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVI.

Dunkle Wochen waren wieder vorübergezogen, und man war schon in den ersten Tagen des Februar, bei ziemlich schönem, mildem Wetter. Dann kam eben von dem Rheder, bei dem er seinen Antheil am Fischfang des vorigen Jahres erhalten, 1500 Franken, die er forttrug, um sie seiner Mutter zu bringen nach der Familiensitte. Das Jahr war gut gewesen, und er ging zufrieden heim.

Nahe bei Ploubazlanec sah er einen Auflauf am Wegrande. Eine Alte, welche mit ihrem Stock in der Luft fuchtelte, und um sie her die zusammengerotteten Gassenbuben, die lachten: »Die Großmutter Moan!«

Die gute Großmutter, die Sylvester vergötterte, herumgezerrt und zerlumpt zu sehen, wie eine von diesen alten kindischen Armen, um die die Leute auf den Wegen zusammenlaufen, das verursachte ihm einen fürchterlichen Schmerz. Die Gassenbuben von Ploubazlanec hatten ihr die Katze umgebracht, und sie bedrohte sie mit ihrem Stock in großer Wuth und Verzweiflung:

»Ach, wenn er hier gewesen wäre, er, mein armer Junge, ihr hättet das nicht gewagt, gewiß nicht, ihr garstigen Schelme!«

Sie war hingefallen, wie es schien, indem sie ihnen nachlief, um sie zu schlagen; ihre Haube war schief, ihr Kleid voll Schmutz, und obendrein sagten sie noch, sie sei betrunken! (Wie das wohl in der Bretagne vorkommt bei armen Alten, die viel Unglück gehabt haben.) Er, Yann, wußte, daß es nicht wahr sei, daß sie eine ehrwürdige Alte sei, die nie etwas Anderes trank als Wasser. »Schämt ihr euch nicht,« sagte er voller Zorn zu den Buben, und vor seiner Stimme und seiner imponirenden Art liefen im Augenblick alle die Kleinen davon, beschämt und bange vor dem großen Gaos. Gaud, welche eben von Paimpol zurückkam mit Arbeit für den Abend, hatte das von Weitem gesehen und ihre Großmutter in dem Zusammenlauf erkannt. Erschrocken kam sie gerannt, um zu wissen, was es sei, was ihr fehle, was man ihr habe thun können, – und begriff Alles, wie sie ihre getödtete Katze sah. Sie hob die klaren Augen zu Yann empor, der die seinigen nicht abwandte; sie dachten diesmal nicht daran, einander zu fliehen; sie waren nur Beide sehr erröthet, er so geschwind wie sie, mit dem nämlichen Aufsteigen des Blutes in ihre Wangen, und sie sahen sich an, etwas verwirrt, sich so nah zu finden; aber ohne Haß, fast mit Sanftmuth, da gemeinschaftliches Gefühl des Mitleids und der Wunsch zu helfen sie verband.

Schon seit lange hatten die Schulkinder einen Haß auf ihn geworfen, auf diesen armen verblichenen Kater, weil er ein schwarzes Gesicht hatte und ein teuflisches Aussehen. Aber es war ein sehr guter Kater, und wenn man ihn in der Nähe betrachtete, fand man im Gegentheil, daß er sanft und zärtlich war. Sie hatten ihn mit Kieselsteinen umgebracht, und ein Auge hing ihm heraus.

Die arme Alte, immer noch Drohungen vor sich hinbrummend, ging ganz erschüttert, ganz wackelig dahin, die todte Katze wie ein Kaninchen am Schwanze forttragend.

»Armer Junge, mein armer Junge, wenn der noch auf der Welt wäre, so hätte man nicht gewagt, mir das zu thun, nein, gewiß nicht!«

Es kamen ihr einzelne Thränen, die durch ihre Runzeln liefen, und ihre Hände mit den dicken blauen Adern zitterten. Gaud hatte ihr die Haube wieder gerade gerückt, und versuchte sie mit sanften Worten zu trösten wie ein kleines Kind, und Yann war empört. War es möglich, daß Kinder so böse wären, so etwas einer armen alten Frau zu thun? Beinahe kamen auch ihm die Thränen. – Natürlich nicht um diesen Kater: junge Männer, die rauh, wie er, wenn sie auch gerne mit Thieren spielen, haben doch selten besonderes Mitgefühl für dieselben. Aber das Herz wollte ihm springen, wie er da hinter der kindischen Großmutter herging, die ihre Katze am Schwanze forttrug. Er dachte an Sylvester, der sie so geliebt hatte, an seinen gräßlichen Schmerz, wenn man ihm vorhergesagt hätte, daß sie so endigen würde in Spott und Elend. Und Gaud entschuldigte sich, als wenn sie für ihr anständiges Erscheinen verantwortlich wäre: »Sie muß wohl gefallen sein, um so schmutzig zu sein,« sagte sie ganz leise; »ihr Kleid ist nicht sehr neu, das ist wahr, denn wir sind nicht reich, Herr Yann; aber ich hatte es noch gestern gestickt, und ich bin sicher, daß es reinlich und ordentlich war, als ich heute Morgen fortging.« Da sah er sie lange an, viel gerührter durch diese kleine einfache Erklärung, als er es vielleicht durch gewandte Phrasen, Vorwürfe oder Thränen gewesen wäre. Sie gingen noch immer neben einander her und näherten sich der Hütte der Moan. – Hübsch war sie ja immer gewesen, wie Keine, das wußte er sehr wohl, aber es kam ihm so vor, als sei sie es noch viel mehr seit ihrer Armuth und ihrer Trauer. Sie sah ernster aus, die flachsgrauen Augen hatten etwas Zurückhaltenderes und schienen einen trotzdem viel mehr zu durchdringen, bis in den Grund der Seele. Ihre Gestalt hatte sich nun auch völlig entwickelt; bald dreiundzwanzig Jahre alt, war ihre Schönheit in voller Entfaltung, und jetzt sah sie auch aus wie eine Fischertochter, im schwarzen Kleide und in der ganz glatten Haube; ihr vornehmes Wesen, man wußte nicht, woher sie es hatte; es war etwas in ihr Verborgenes und Unwillkürliches, das man ihr nicht mehr zum Vorwurf machen konnte; vielleicht war es nur ihr Kleid, das knapper saß, als das der Anderen, aus alter Gewohnheit, und das etwas mehr die runde Brust und die Oberarme hob ... aber nein, es wohnte eher in ihrer ruhigen Stimme und in ihrem Blick.

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