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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIV.

Der Winter kam allmählich und breitete sich aus wie ein Leichentuch, das man sehr langsam niederfallen laßt. Graue Tage folgten grauen Tagen, aber Dann erschien nicht wieder – und die beiden Frauen lebten gar sehr verlassen.

Mit der Kälte wurde ihr Leben kostspieliger und härter. Und dann wurde die Pflege der alten Yvonne schwer. Ihr armer Kopf wurde schwach; sie ärgerte sich jetzt und sagte böse Sachen und Schimpfwörter. Ein- oder zweimal die Woche packte sie's, über gar nichts, wie die Kinder.

Arme Alte! Sie war noch so sanft in ihren guten, lichten Tagen, daß Gaud nicht aufhörte, sie zu ehren und lieb zu haben. Immer gut gewesen zu sein und nun so böse zu werden! in der letzten Stunde einen ganzen Untergrund von Bosheit herauszukehren, der durch's ganze Leben geschlummert, eine ganze Wissenschaft von groben Worten, die man stets verborgen: welcher Hohn der Seele und welche geheimnißvolle Ironie!

Sie fing nun auch an, zu singen, und das that noch weher als ihre Zornesausbrüche; wie ihr die Dinge zufällig in den Kopf kamen, waren es Oremus aus der Messe oder sehr garstige Couplets, die sie früher im Hafen von Matrosen gehört. Es kam vor, daß sie »die Mägdlein von Paimpol« anstimmte oder den Kopf wiegend und mit dem Fuß den Takt schlagend, sang:

Mein Mann ist eben fort;
Zum Fischfang nach Island ist mein Mann fort;
Hat mich ohne einen Groschen gelassen,
Aber – Tralala – lalu,
Ich verdiene!
Ich verdiene

Jedesmal hielt sie plötzlich an, und zugleich wurden die Augen weit und starrten ohne Ausdruck ins Leere, alles Leben darin war verschwunden, wie die erlöschenden Flammen, die plötzlich groß aufflackern, um zu ersterben. Und dann neigte sie den Kopf und blieb lange zusammengesunken, den Unterkiefer hängen lassend, wie die Todten.

Sie war auch nicht mehr recht reinlich, und das war eine neue Art Prüfung, auf die Gaud nicht gerechnet hatte.

Eines Tages kam es vor, daß sie sich ihres Enkels nicht mehr entsinnen konnte: »Sylvester? Sylvester?« sagte sie zu Gaud, und schien zu suchen, wer das wohl sein könnte; »ach! siehst Du, meine Gute, ich habe so viele gehabt, als ich jung war, Buben, Mädchen – Mädchen und Buben, daß ich zur Stunde, nun ja, mein Gott« ... Und indem sie das sagte, warf sie ihre armen, runzligen Hände in die Luft, fast mit liederlicher Sorglosigkeit. Aber den nächsten Tag erinnerte sie sich dann sehr wohl, erzählte tausend kleine Dinge, die er gethan oder gesagt, und den ganzen Tag beweinte sie ihn.

O! diese Winterabende, wenn das Reisig ausging, um Feuer zu machen! Frierend arbeiten, arbeiten, um sein Brod zu erwerben, fein nähen, vor dem Einschlafen noch die von Paimpol allabendlich mitgebrachten Arbeiten vollenden!

Die Großmutter Yvonne saß dann still am Kamin, die Füße an dem verklimmenden Feuer wärmend, die Hände unter der Schürze. Aber beim Beginn des Abends mußte man sich immer mit ihr unterhalten.

»Du sagst nichts zu mir, meine gute Tochter, warum denn nicht? Zu meiner Zeit kannte ich doch welche von Deinem Alter, die einen unterhalten konnten. Mir ist, wir würden nicht so traurig dasitzen, wir zwei, wenn Du ein wenig sprechen wolltest.«

Dann erzählte Gaud irgendwelche Neuigkeiten, die sie in der Stadt gehört, und nannte die Namen der Leute, die sie unterwegs begegnet, und sprach von Dingen, die ihr sehr gleichgiltig waren, wie übrigens jetzt Alles auf der Welt, dann hielt sie mitten in ihren Geschichten inne, wenn sie sah, daß die arme Alte eingeschlafen war.

Nichts Lebendes, nichts Junges um sie her, dessen frische Jugend ihre Jugend lockte. Ihre Schönheit würde sich verzehren, einsam und unfruchtbar ...

Der Seewind, der von allen Seiten hereinwehte, machte ihre Lampe flackern, und das Rauschen der Wogen hörte man wie in einem Schiff; indem sie horchte, mischte sich die ewig gegenwärtige und schmerzende Erinnerung an Yann hinein, dessen Reich das war. Während der langen, schreckensvollen Nächte, wo in schwarzer Finsterniß draußen Alles heulend entfesselt war, dachte sie mit noch größerer Angst an ihn.

Und allein, immer allein mit der schlafenden Großmutter, hatte sie manchmal Angst, in die dunkeln Ecken zu sehen, wenn ihr die Matrosenahnen einfielen, die in diesen Schrankgefachen geschlafen hatten, die in ähnlichen Nächten auf hoher See umgekommen und deren Seelen wiedererscheinen konnten; sie fühlte sich nicht vor dem Besuche der Todten beschützt, durch die Gegenwart dieser alten Frau, die schon fast zu ihnen gehörte.

Plötzlich erbebte sie von Kopf bis zu Füßen, wenn aus der Kaminecke ein pfeifendes, zerbrochenes Stimmchen, dünn wie ein Faden, erklang, als wäre es unter der Erde erstickt. Mit lustigem Ton, der die Seele erstarren machte, sang die Stimme:

Zu Islands Fischfang ist mein Mann eben fort;
Er ließ mich ohne einen Groschen,
Aber – Tralala, lalu ...

Dann empfand sie das eigenthümliche Gefühl von Schrecken, das die Gesellschaft Wahnsinniger verursacht.

Der Regen plätscherte, plätscherte mit dem unaufhörlichen Geräusch einer Quelle; fast ohne Nachlassen hörte man ihn längs der Mauern niederrieseln. In dem alten Moosdach waren Kändel, die immer an denselben Stellen, eintönig, unermüdlich, dasselbe traurige Klingen machten, an manchen Stellen weichten sie den Boden der Hütte auf, der Felsen, gestampfte Erde, Kies und Muscheln war.

Rings fühlte man Wasser um sich her; es hüllte einen mit seinen endlosen, kalten Massen ein: ein gequältes, peitschendes, in der Luft zerstäubendes Wasser, das die Dunkelheit dichter machte, und die zerstreuten Hütten der Gegend von Ploubazlanec noch mehr trennte.

Die Sonntagabende waren für Gaud die düstersten, wegen der Heiterkeit, die sie Anderen brachten: es waren fast lustige Abende, selbst unter den verlorenen Dörfchen der Küste; hie und da gab es immer eine geschlossene Hütte, vom schwarzen Regen gepeitscht, aus der schwerfällige Lieder herausklangen. Drinnen waren aufgereihte Tische für die Trinker; Seeleute trockneten sich an dem rauchenden Feuer; Alte, die sich mit Branntwein begnügten, Junge, die den Mädchen den Hof machten, Alle zechten, bis sie betrunken waren und sangen, um sich zu betäuben. Und nahe vor ihnen das Meer, ihr morgiges Grab, das auch mitsang, und die Nacht mit seiner ungeheueren Stimme erfüllte ...

An manchen Sonntagen gingen Gruppen junger Leute, die aus den Schenken oder von Paimvol heimkamen, auf dem Wege, nahe an der Thüre der Moan vorüber; das waren Diejenigen, welche die äußerste Landspitze, gegen Pors-Even, bewohnten. Sie gingen sehr spät vorbei, aus Mädchenarmen entschlüpft, unbesorgt, naß zu werden, da sie Regengüsse und Windstöße gewohnt waren. Gaud horchte auf ihr Singen und Schreien, das rasch im Lärm des Sturmes und der hohlen See erstorben war – suchte darunter Yann's Stimme herauszuhören und zitterte, wenn sie meinte, sie erkannt zu haben.

Es war schlecht von diesem Yann, daß er nicht wiedergekommen war, und daß er ein lustiges Leben führte, so bald nach Sylvester's Tode, – das alles glich ihm nicht! Nein, wahrhaftig, sie begriff ihn entschieden nicht mehr – aber trotzdem konnte sie sich nicht von ihm losreißen, noch denken, daß er kein Herz habe.

Es war ein Factum, daß seit seiner Rückkehr sein Leben sehr leichtsinnig war.

Zuerst kam die gewöhnliche Reise nach dem Golf der Gascogne – und das ist immer für die Isländer eine Zeit der Belustigung, im Augenblick wo sie ein klein wenig Geld im Beutel haben, das sie sorglos verausgaben dürfen. (Kleine Abzahlungen, um sich einen vergnügten Tag zu machen, welche die Capitäne von dem großen Fischfangsantheil abziehen, den sie ihnen erst im Winter auszahlen.) Man war, wie jedes Jahr, auf den Inseln Salz holen gegangen, und er hatte sich in ein gewisses braunes Mädchen verliebt, das er im vorhergehenden Herbste gehabt, in Saint Martin de Ré. Sie waren bei dem letzten fröhlichen Sonnenschein in den rothen Weinbergen spazieren gegangen, welche widerhallten von Lerchensang, welche dufteten von reifen Trauben, von den Sandnelken und von dem Seegeruch des Strandes. Zusammen hatten sie gesungen und getanzt auf den Festen der Weinlese, wo man sich mit Most zu leichtem verliebten Rausche betrinkt. Dann war die »Marie« bis Bordeaux hinabgefahren, und er hatte in einem großen, ganz vergoldeten Weinhaus die schöne Sängerin mit der goldenen Uhr wiedergefunden und hatte sich während acht weiteren Tagen behaglich anbeten lassen.

Im Monat November in die Bretagne zurückgekehrt, war er als Brautführer bei mehreren Hochzeiten seiner Freunde gewesen, fortwährend in seinen schönen Festkleidern und oft nach Mitternacht betrunken am Ende der Bälle. Jede Woche hatte er ein neues Abenteuer, welches die Mädchen sich beeilten, Gaud mit Uebertreibung zu erzählen. Mehrmals hatte sie ihn von Weitem auf sich zukommen sehen auf dem Wege von Bloubazlanec, aber immer rechtzeitig, um ihm auszuweichen. Uebrigens nahm auch er in solchen Fällen seinen Weg quer durch die Haide. Wie durch ein stummes Uebereinkommen flohen sie sich nun.

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