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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII.

Der Sommer verging, und Ende August, zugleich mit den ersten Morgennebeln, sah man die Isländer zurückkehren. Schon seit drei Monaten bewohnten die beiden Verlassenen in Ploubazlanec die Hütte der Moan zusammen; Gaud hatte die Stelle der Tochter eingenommen in diesem armen Neste todter Seeleute. Dorthin hatte sie Alles geschickt, was man ihr nach dem Verkauf ihres Vaterhauses gelassen: ihr schönes städtisches Bett und ihre schönen Kleider von verschiedenen Farben. Ihr neues einfaches schwarzes Kleid hatte sie selbst gemacht und trug wie die alte Yvonne eine Trauerhaube von dichtem Mousselin, nur mit Falten geziert. Alle Tage arbeitete sie an Nähereien bei den reichen Leuten der Stadt und kam bei einfallender Nacht heim, ohne auf dem Wege durch irgend welchen Liebhaber zerstreut zu werden, denn sie war etwas hochmüthig geblieben und wurde noch als Fräulein respectirt. Beim Gutenabend legten die Burschen wie früher die Hand an den Hut. In der schönen Abenddämmerung ging sie von Paimpol zurück den Strand entlang und athmete die frische erquickende Meerluft ein. Das Arbeiten mit der Nadel hatte noch nicht Zeit gehabt, sie zu entstellen, wie Andere, die immer auf ihre Arbeit gebückt leben: indem sie das Meer ansah, streckte sie ihre biegsame Gestalt, die ein Erbstück ihres Geschlechts war, und blickte über das Meer, über die Weite, in deren fernsten Gründen Yann war. Dieser selbe Weg führte zu ihm. Ginge man noch ein wenig nach jener steinigeren, dem Winde ausgesetzteren Gegend, so wäre man in den Weiler von Pors-Even gekommen, wo die Bäume mit grauem Moos bedeckt, ganz klein zwischen den Steinen wachsen und sich in der Richtung der westlichen Windstöße zu Boden neigen. Sicher würde sie niemals dorthin wiederkehren, nach diesem Pors-Even, obgleich es weniger als eine Meile war. Aber einmal in ihrem Leben war sie hingegangen, und das hatte hingereicht, um einen Zauber auf den ganzen Weg zu breiten. Yann mußte übrigens oft dahergehen, und von ihrer Thüre aus würde sie ihm nachschauen können, wie er auf der flachen Haide kam und ging, zwischen den kurzen Birken. Darum liebte sie die ganze Gegend von Ploubazlanec. Sie war fast glücklich, daß das Schicksal sie dorthin verschlagen; in keinem anderen Ort der Gegend hätte sie das Leben ertragen.

In dieser Jahreszeit, zu Ende August, steigt ein Erschlaffen aus wärmeren Ländern vom Süden nach dem Norden. Es giebt leuchtende Abende, Widerscheine von einer fernen, kräftigen Sonne, welche bis über das bretonische Meer hinschleichen; sehr oft ist die Luft klar und still und nirgends eine Wolke.

In den Stunden, wo Gaud zurückgegangen kam, schmolzen die Dinge schon in nächtlichem Dunkel ineinander und begannen, sich vereinend, nur noch Silhouetten zu bilden. Hie und da erhob sich ein Ginstertuff auf einer Anhöhe zwischen zwei Steinen, wie ein zerzauster Federbusch; eine Gruppe knorriger Bäume bildete eine dunkle Masse in einer Bodensenkung, oder irgend ein Weiler mit Strohdächern zeichnete sich über der Haide, wie ein kleiner buckliger Ausschnitt. An den Kreuzwegen breiteten die alten Christusbilder, die das Land behüteten, ihre schwarzen Arme aus, wie wirkliche hingerichtete Menschen, und in der Ferne hob sich die Manche wie ein großer gelber Spiegel hell ab von dem Himmel, der nach unten gegen den Horizont hin schon dunkel und dunstig war. Und in diesem Lande war sogar die Ruhe, sogar das schöne Wetter melancholisch. Es blieb trotz alledem eine Unruhe über Allem schweben, eine Angst, die von der See kam, der so viele Wesen anvertraut, und deren ewige Drohung nur eingeschlummert war.

Gaud, welche auf dem Wege träumte, fand ihren Heimgang durch die frische Luft nie lang genug. Man roch den salzigen Geruch des Strandes und den süßen Geruch von gewissen kleinen Blumen, welche auf den Klippen, zwischen hageren Dornen wachsen. Ohne die Großmutter Yvonne, die sie zu Hause erwartete, hätte sie sich gern auf den Ginsterpfaden versäumt, nach der Art der schönen Fräulein, welche an den Sommerabenden in den Parks zu träumen lieben.

Das Land durchwandernd, kamen ihr wohl auch Erinnerungen aus früher Kindheit. Aber wie waren sie jetzt vermischt, entfernt, verkleinert durch ihre Liebe. Trotz Allem wollte sie diesen Yann wie einen Verlobten betrachten – einen fliehenden, verschmähenden, scheuen Bräutigam, den sie nie besitzen, dem sie aber beharrlich treu bleiben würde, ohne es irgend wem mehr anzuvertrauen. Für den Augenblick wußte sie ihn gern in Island; dort wenigstens hob das Meer ihn ihr auf, in seiner tiefen Clausur, und er konnte sich an keine Andere verschenken.

Wohl würde er einen dieser Tage wiederkommen, aber auch dieser Heimkehr gedachte sie mit mehr Ruhe als früher. Instinctmäßig fühlte sie, daß ihre Armuth keinen Grund bilden würde, noch mehr verschmäht zu werden – denn er war nicht ein Bursch wie die Anderen. – Und dann war der Tod des kleinen Sylvester etwas, was sie entschieden einander näherte. Bei seiner Ankunft konnte er nicht verfehlen, unter ihr Dach zu kommen, um die Großmutter seines Freundes zu sehen, und sie hatte beschlossen, da zu sein für diesen Besuch; es kam ihr nicht so vor, als wäre es gegen ihre Würde. Ohne daß es den Anschein hatte, als erinnerte sie sich an Etwas, würde sie mit ihm sprechen wie mit Jemand, den man seit lange kennt. Sogar mit Herzlichkeit würde sie zu ihm sprechen, als zu Sylvester's Bruder, und suchen, unbefangen auszusehen. Und wer weiß, es würde vielleicht nicht unmöglich sein, bei ihm die Stelle einer Schwester einzunehmen, jetzt, wo sie so allein war in der Welt; in seiner Freundschaft zu ruhn, ja sie sogar als eine Stütze von ihm zu erbitten, indem sie sich deutlich genug erklärte, damit er nicht mehr an einen Heirathshintergedanken glaubte. Sie hielt ihn nur für scheu, für eigensinnig in seinen Unabhängigkeitsgedanken, aber auch für sanft, offen und fähig, sehr wohl das Gute zu verstehen, das unmittelbar aus dem Herzen kommt.

Was würde er empfinden, wenn er sie hier arm wiederfände, in dieser fast verfallenen Hütte? Ja wohl, sehr arm war sie! Denn die Großmutter Moan, die nicht mehr kräftig genug war, in Taglohn waschen zu gehen, hatte nichts mehr als ihre Wittwenpension; freilich aß sie jetzt sehr wenig, und die Beiden konnten leben, ohne irgend Jemand um Etwas zu bitten ...

Es war immer schon Nacht, wenn sie nach Hause kam; vor dem Eintritt mußte man auf abgenutzten Felsen etwas hinabsteigen; denn die Hütte lag tiefer als der Weg nach Ploubazlanec, in dem Theil, der sich nach dem Strande neigt. Sie war ganz versteckt unter ihrem dicken braunen Strohdach, das viele Buckeln hatte und aussah wie der Rücken eines ungeheuren Thieres, welches unter seinem groben Fell zusammengestürzt war. Seine Mauern hatten die dunkle Farbe und die Rauhheit der Felsen und waren mit Moos und Löffelkraut bedeckt, das kleine grüne Büschel machte. Man erstieg die drei ausgetretenen Stufen der Schwelle, und man öffnete den inneren Thürriegel mit einem Stück Schiffstau, das aus einem Loch heraushing. Wenn man eintrat, sah man sich gegenüber zuerst die Luke, die wie in einen Festungswall hineingeschnitten war und auf das Meer ging, von wo ein letzter, blaßgelber Lichtschein hereinfiel. Im großen Kamine loderten duftende Tannen- und Buchenreiser, welche die alte Yvonne bei ihren Wanderungen längs den Wegen auflas; sie selbst saß und überwachte ihr bescheidenes Nachtessen; im Hause trug sie nur ihr Kopftuch, um ihre Hauben zu schonen; ihr noch immer schönes Profil hob sich von des Feuers rother Gluth ab. Dann erhob sie zu Gaud die einst braunen Augen, die jetzt eine verblichene Farbe hatten, in's Bläuliche spielend, und nicht mehr schauten, sondern trübe, unsicher vor Alter umherirrten. Sie sagte jedesmal dasselbe:

»Ach! mein Gott! mein gutes Kind, wie spät Du heute Abend heimkommst!« –

»Gewiß nicht, Großmutter,« antwortete Gaud, die daran gewöhnt war, ganz sanft: »Es ist dieselbe Stunde wie an den anderen Tagen.«

»Ach! mir war's, mein Kind, mir war's, es wäre später wie gewöhnlich.«

Sie aßen an einem Tisch zu Nacht, der noch so dick war wie ein starker Eichenstamm, aber fast keine Form mehr hatte, so war er abgenutzt. Und das Heimchen verfehlte nie, ihnen seine kleine Musik mit Silberton zu machen.

Eine Seite der Hütte war durch rauh geschnitztes, wurmstichiges Holzwerk eingenommen; geöffnet gab es zu gefachartigen Lagerstätten Einlaß, wo mehrere Fischergenerationen geboren worden, geschlafen hatten, und in denen die alten Mütter gestorben waren.

An den schwarzen Dachbalken hingen sehr alte Hanshaltungsgegenstände, Kräuterbündel, Holzlöffel, geräucherter Speck; auch alte Netze, die dort schliefen seit dem Untergange der letzten Moan, und deren Maschen Nachts die Ratten zernagten.

Gaud's Bett, das in einer Ecke angebracht war, sah mit seinen weißen Musselinvorhängen aus, wie ein eleganter und frischer Gegenstand, den man in eine Keltenhütte getragen hätte.

Da war eine Photographie von Sylvester als Matrose, in einem Rahmen an die Granitmauer gehängt. Seine Großmutter hatte seine Militärmedaille daran festgemacht, nebst einem Paar Anker von rothem Tuch, die die Matrosen auf dem rechten Aermel tragen und die von ihm waren. Gaud hatte ihr auch in Paimpol einen von jenen Todtenkränzen aus schwarzen und weißen Perlen gekauft, mit denen man in der Bretagne die Bilder Verstorbener umgiebt. Dies war sein kleines Mausoleum, Alles, was es gab, um sein Gedächtniß in der bretonischen Heimath heilig zu halten.

An Sommerabenden blieben sie nicht lange auf, um Licht zu sparen; wenn es schön war, setzten sie sich ein Weilchen auf eine Steinbank vor der Thüre und betrachteten die Leute, die etwas über ihren Köpfen auf dem Wege vorübergingen. Dann legte sich die alte Yvonne in ihr Schrankgefach und Gaud in ihr Fräuleinbett; Gaud schlief dort ziemlich schnelle in, da sie viel gearbeitet hatte und weit gegangen war, und dachte an die Heimkehr der Isländer, wie ein verständiges, entschlossenes Mädchen, ohne zu große Erregung.

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