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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XI.

Eines Morgens, gegen drei Uhr, während sie noch ruhig unter ihrem Nebelleichentuch träumten, hörten sie den Klang von Stimmen, die fremdartig und ihnen unbekannt schienen. Die auf dem Verdeck waren, sahen sich unter einander an und befragten sich mit einem Blick:

Wer hat gesprochen?

Niemand; Keiner hatte etwas gesagt. Es schien wirklich aus der Oede draußen zu kommen. Da stürzte sich Derjenige, der mit dem Nebelhorn betraut war, und der sein Amt seit dem vorigen Tage vernachlässigt hatte, darauf, und stieß mit aller Kraft seines Athems hinein, sodaß ein langer lauter Alarmruf ertönte. Das allein machte einen schon schaudern, in der Stille.

Und als wäre eine Geistererscheinung durch den Ton des Nebelhorns hervorgerufen worden, hatte sich ein unerwartetes großes Etwas vor ihnen aufgethürmt, grau in grau, drohend, hoch und sehr nahe: Masten, Querstangen, Seilender Umriß eines vollständigen Fahrzeuges, war in der Luft erschienen wie die Nebelbilder, die mit erschreckender Plötzlichkeit durch einen Lichtstrahl auf die gespannte Leinwand gezaubert werden. Und Männer erschienen dort greifbar nahe, auf den Schiffsrand gelehnt, sie mit aufgerissenen Augen ansehend, in einem überraschten und entsetzten Erwachen.

Sie warfen sich auf Ruder, auf Reservemasten, auf Stangen, auf Alles, was sich Langes und Festes vorfand, und stießen sie nach außen, um dieses Ding und diese Besucher, die über sie kamen, fern zu halten. Und die Anderen, ebenso erschrocken, hielten ihnen ungeheure Stangen entgegen, um sie abzustoßen. Aber es ging nur ein leichtes Krachen durch die Querbäume über ihren Köpfen, die sich berührt hatten, und das Mastwerk, das einen Augenblick verklammert gewesen, befreite sich sofort, ohne jeden Schaden; der Stoß, der in der Windstille sehr weich gewesen, war ganz gebrochen; er war sogar so schwach, als hätte das andere Fahrzeug gar keinen Gehalt und Körper, als wäre es etwas Weiches, Gewichtloses.

Sowie der Schrecken vorüber war, fingen die Männer an zu lachen und erkannten einander:

»Ohe! Ihr von der Marie!«

»He! Gaos! Laumec! Guermeur!«

Die Erscheinung war die Reine-Berthe, Capitän Larvoër, auch aus Paimpol; die Matrosen waren aus den Dörfern der Umgegend; der Große dort, ganz schwarzbärtig, zeigte lachend seine weißen Zähne; es war Kerjegou, Einer aus Plondaniel, und die Anderen waren von Plounes oder von Plounerin.

»Warum bliest ihr auch nicht in euern Horn, ihr Bande von Wilden?« fragte Larvoër von der Reine-Berthe. »Na, und ihr, Bande von Piraten und Seeräubern, böses Gift der See?«

»O wir: Das ist was anderes! uns ist es verboten, Lärm zu machen!« (Das hatte er mit einem sonderbaren Wesen geäußert, als gäbe er ein dunkles Geheimniß zu verstehen, mit einem eigenthümlichen Lächeln, das später denen von der Marie oft in den Kopf kam und ihnen viel zu denken gab.)

Und als hätte er schon zu viel gesagt, schloß er mit dem Scherze:

»Unser Horn hat der da verplatzt, indem er hineinblies.«

Und er zeigte auf einen Matrosen mit einem Tritonengesicht, fast nur aus Hals und Brust bestehend, viel zu breit für seine kurzen Beine, mit etwas unglaublich Groteskem und Beunruhigendem in seiner unförmlichen Kraft.

Während man sich so anschaute und irgend eine Brise von oben oder eine Strömung von unten erwartete, um schneller auseinander zu kommen und die Fahrzeuge zu trennen, knüpfte man ein Gespräch an.

Alle auf den Rand gelehnt, sich mit ihren langen Stücken Holz in respektvoller Entfernung haltend, wie Belagerte mit ihren Lanzen, sprachen sie von den Angelegenheiten aus der Heimath, von den letzten Briefen, die durch die Häringsboote angekommen waren, von den alten Eltern und den Frauen.

»Mir,« sagte Kerjegou, »meldet die Meine, daß sie das Kleine bekommen hat, das wir erwarteten, nun ist unser Dutzend bald voll.«

Ein Andrer hatte Zwillinge bekommen; ein Dritter erzählte von der Heirath der schönen Jeannie Caroff – ein den Isländern wohlbekanntes Mädchen – mit einem reichen bresthaften Alten aus der Gemeinde Plourivo.

Sie sahen sich wie durch weiße Gaze hindurch – die sogar den Stimmenschall zu verändern schien, der wie gedämpft und aus der Ferne klang. Aber Yann konnte seine Augen nicht von einem dieser Fischer abwenden, einem kleinen, ältlichen Mann, den er sicher war nie und nirgends gesehen zu haben, und der dennoch gleich zu ihm gesagt hatte: »Guten Tag, mein großer Yann!« als wenn er ihn genau kennte; er hatte eine widerwärtige Aehnlichkeit mit den Affen, mit ihrem maliciösen Blinzeln in den stechenden Augen.

»Mir,« sagte noch Larvoër von der Reine-Berthe, »mir hat man den Tod des Enkels der alten Wittwe Moan von Ploubazlanec gemeldet, der, wie ihr wißt, auf dem chinesischen Geschwader diente. – Recht schade um ihn!«

Wie sie das hörten, drehten sich die Andern von der Marie zu Yann, um zu erfahren, ob er von dem Unglück schon Kenntniß habe. »Ja,« sagte er mit leiser Stimme in gleichgültigem und hochmüthigem Ton, »es stand in dem letzten Brief, den mir mein Vater geschickt hatte.«

Sie sahen ihn Alle mit der Neugierde an, die ihnen sein Leid einflößte, und das reizte ihn.

Ihr Gerede kreuzte sich eilig durch den bleichen Nebel hindurch, während die Minuten ihrer sonderbaren Begegnung entflohen.

»Meine Frau meldet mir zugleich,« fuhr Larvoër fort, »daß die Tochter des Herrn Mével die Stadt verlassen hat, um in Ploubazlanec zu wohnen und die alte Moan, ihre Großtante, zu pflegen. Sie hat jetzt angefangen, im Tagelohn bei den Leuten zu arbeiten, um ihr Brod zu verdienen. Ich für meinen Theil hatte übrigens immer die Meinung, daß sie ein braves tapferes Mädchen sei, trotz ihrem hochmüthigen Fräuleinthun und ihres Putzes.«

Da sah man wieder Yann an, was ihm ganz und gar mißfiel, und eine rothe Farbe stieg ihm in die Wangen unter seiner goldig verbrannten Haut.

Mit diesem Urtheil über Gaud wurde die Unterhaltung mit den Leuten von der Reine-Berthe geschlossen, die kein lebendes Wesen jemals mehr wieder sehen sollte. Schon seit einem Augenblicke schienen ihre Gesichter verschwommener, denn ihr Schiff war weniger nah; plötzlich hatten die von der Marie nichts mehr zu stoßen, nichts mehr am Ende ihrer langen Hölzer; alle ihre Balken, Ruder, Masten oder Querstangen fuhren suchend in die Leere und fielen eins nach dem andern schwerfällig in die See, wie große todte Arme; man zog daher die unnöthigen Wehren wieder ein; die Reine-Berthe war in den tiefen Nebel zurückgesunken und mit einem Schlag verschwunden, wie das Bild in einem Transparent, wenn die Lampe dahinter ausgeblasen wird. Sie versuchten sie anzurufen, aber nichts antwortete mehr als ein mehrstimmiges spöttisches Geschrei, in ein Stöhnen endigend, so daß sie sich überrascht ansahen ...

Diese Reine-Berthe kam nicht zurück mit den andern Isländern, und da der Samuel-Azenide in einem Fjord einem nicht zu verkennenden Wrack begegnet war, so erwartete man sie nicht mehr; schon im Monat October wurden die Namen all ihrer Matrosen auf schwarzen Tafeln in der Kirche eingeschrieben. Uebrigens seit dieser letzten Erscheinung, deren Datum die Leute von der Marie sich genau erinnerten, bis zur Zeit der Heimkehr war gar kein gefährliches schlechtes Wetter auf dem isländischen Meere gewesen, während im Gegentheil drei Wochen früher ein Sturm von Westen mehrere Seeleute über Bord gefegt und zwei Schiffe verschlungen hatte. Da gedachte man des Lächelns von Larvoër, und Dieses und Jenes zusammenhaltend, machte man viele Vermuthungen; Yann sah Nachts mehrmals den Seemann wieder, der wie ein Affe geblinzelt, und Einige von der Marie frugen sich endlich mit Grauen, ob sie an jenem Morgen nicht mit Verstorbenen gesprochen.

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