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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V

An einem Tage Anfangs Juni, wie die alte Yvonne nach Hause kam, sagten ihr Nachbarinnen, man habe nach ihr gefragt von seiten der Marine-Inscription.

Es war sicher etwas, das ihren Enkel betraf, aber sie fürchtete sich gar nicht. In Seemannsfamilien hat man es oft mit der Inscription zu thun; sie also, die Tochter, Gattin, Mutter und Großmutter von Seeleuten war, kannte das Bureau seit bald sechzig Jahren.

Wahrscheinlich war es wegen ihrer Vollmacht oder vielleicht eine kleine Abrechnung von der Circe, die sie durch ihre Procura erheben sollte. Sie wußte, was man dem Herrn Commissarius schuldig ist, und zog sich demgemäß an, in ihr schönes Kleid mit der weißen Haube, und machte sich gegen zwei Uhr auf den Weg.

Mit raschen kleinen Schritten auf den Pfaden am Gestade hintrippelnd, wanderte sie nach Paimpol, doch bei längerem Nachdenken etwas ängstlich wegen der zwei Monate ohne Briefe.

Sie sah ihren alten Liebhaber an einer Thüre sitzen, seit der letzten Winterkälte sehr zusammengefallen.

»Nun? wann Ihr wollt, Ihr wißt ja; müßt nicht blöde sein, Schöne!« . . . (Immer noch das Brettergewand, das er im Sinne hatte.)

Das heitere Juniwetter lachte rings um sie her. Auf den steinigen Höhen gab es freilich nur niedrigen Ginster mit den goldgelben Blumen; aber sobald man in die Tiefen kam, die vor dem rauhen Seewind geschützt waren, fand man gleich das schöne junge Grün, die Weißdornhecken in Blüthe, das Gras schon hoch und duftend. Sie sah das alles kaum, sie, die Alte, auf deren Haupt die flüchtigen, jetzt wie die Tage kurzen Jahreszeiten sich gehäuft hatten. Um die baufälligen Dörfchen mit dem düstern Gemäuer blühten Rosen, Nelken, Goldlack, und bis über die hohen Stroh- und Moosdächer breiteten sich tausend kleine Blumen, die ersten weißen Schmetterlinge an sich lockend.

Der Frühling war fast ohne Liebe in der Gegend der Isländer, und die schönen Mädchen von stolzem Geschlecht, die man auf der Thürschwelle träumen sah, schienen sehr weit über die sichtbaren Dinge hinaus ihre blauen und braunen Augen in die Ferne zu bohren. Die jungen Männer, denen ihr Trauern und Sehnen galt, waren beim großen Fischfang, dort auf dem hyperborëischen Meer. – Aber es war dennoch Frühling, lau, milde, verwirrend, mit leichtem Fliegengesumme und den Düften der jungen Pflanzen.

Und die seelenlose Natur fuhr fort, der alten Großmutter zuzulächeln, die mit ihrem raschesten Schritt dahinging, um den Tod ihres letzten Enkels zu erfahren. Sie war der furchtbaren Stunde schon ganz nahe, wo das, was fern auf dem chinesischen Meere geschehen, ihr gesagt werden würde; sie machte diesen unheilschweren Gang, den Sylvester in seiner Todesstunde geahnt, der ihm die letzten Thränen der Angst erpreßt hatte: seine gute alte Großmutter, von der Inscription nach Paimpol gerufen, um zu erfahren, daß er todt sei! – Er hatte sie ganz deutlich dahingehen sehen auf dem Wege, schnell und gerade, mit ihrem kleinen braunen Tuch, ihrem Regenschirme und ihrer großen Haube. Und diese Erscheinung hatte gemacht, daß er sich aufrichtete und hin und herwand mit entsetzlichem Herzzerreißen, während des Aequators ungeheure rothe Sonne, die in ihrer Pracht niederging, durch die Spitalluke eindrang, um ihn sterben zu sehen.

Nur hatte er im letzten Gesicht sich diesen Gang der armen Alten unter einem Regenhimmel vorgestellt, während er sie, ganz im Gegentheil, durch den lustig spottenden Frühling führte.

Als sie sich Paimpol näherte, wurde sie ängstlicher und beschleunigte noch ihren Schritt.

Da ist sie nun in der grauen Stadt, in den kleinen Granitgassen, in die die Sonne scheint, anderen Mütterchen, ihren Altersgenossinnen, die an ihren Fenstern sitzen, den Guten Tag bietend. Neugierig über ihr Erscheinen sagten die:

»Wo mag sie so schnell hingehen, in Sonntagskleidern an einem Werktage?«

Der Herr Commissarius der Marine-Inscription war nicht zu Hause. Ein sehr häßliches kleines Geschöpf von etwa fünfzehn Jahren, ein Commis, saß an seinem Büreau. Da er zu kümmerlich ausgefallen war, um Fischer zu werden, so hatte er Unterricht erhalten und saß nun tagein, tagaus in seinen Tintenärmeln auf demselben Stuhle und kratzte auf seinem Papier.

Als er ihren Namen vernommen, erhob er sich mit wichtiger Miene, um in einem Fache Stempelbogen zu holen.

Es waren deren viele, – was sollte das heißen? Certificate, Papiere mit Siegeln darauf, ein Matrosenbüchlein, durch die See vergilbt, alles das wie mit Todtengeruch behaftet...

Da lag Alles vor der armen Alten, die zu zittern begann und deren Auge sich umflorte. Denn sie hatte da zwei Briefe erkannt, die Gaud für sie ihrem Enkel geschrieben, und die uneröffnet zurückkamen ... Ebenso war es vor zwanzig Jahren gewesen, beim Tode ihres Sohnes Peter: die Briefe waren aus China zum Herrn Commissarius zurückgekommen, der sie ihr zugestellt hatte ...

Jetzt las er mit wichtiger Stimme:

»Moan Jean-Marie Sylvestre, eingeschrieben in Paimpol, Folio 213, Matrikelnummer 2091, verschieden an Bord des Bien-Hoa, den 14 ...«

»Was? Was ist ihm geschehen, mein guter Herr?«

»Verschieden! ... er ist verschieden!« wiederholte der. – Mein Gott, er war gewiß kein böser Mensch, dieser Commis; daß er es in so brutaler Weise sagte, es war eher aus Urtheilslosigkeit, aus der Unklugheit eines jungen, unreifen Wesens. Und wie er sah, daß sie dies schöne Wort nicht verstand, sagte er auf bretonisch:

»Marw éo!«

»Marw éo!« (Er ist todt!) sagte sie ihm nach, mit der zitternden Stimme des Alters, wie ein schwaches, klangloses Echo einen gleichgültigen Satz wiederholen würde. Das war es ja, was sie halb errathen hatte und was sie zittern gemacht; nun, da es Gewißheit war, schien es sie nicht mehr zu berühren. Erstens hatte sich ihre Leidensfähigkeit vor Alter wirklich etwas abgestumpft, zumal seit diesem letzten Winter. Der Schmerz kam nicht mehr gleich. Und außerdem scheiterte etwas in ihrem Kopfe in dem Augenblick, und da verwechselte sie auf einmal diesen Tod mit den andern: sie hatte so viele Söhne verloren! ... Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, daß dies ihr letzter sei, den sie so geliebt, derjenige, auf den sich alle ihre Gebete bezogen, ihr ganzes Leben, alle ihre Erwartungen, alle ihre Gedanken, die sich schon zu trüben anfingen durch das Herannahen der zweiten Kindheit. ...

Sie schämte sich auch, ihre Verzweiflung vor diesem kleinen Herrn zu zeigen, der ihr Abscheu einflößte: war dies eine Art, wie man einer Großmutter den Tod ihres Enkels mittheilte? Sie blieb gerade vor dem Bureau stehen, steif und starr, und zerarbeitete die Franzen ihres braunen Tuchs mit ihren armen alten, zersprungenen Waschfrauenhänden.

Und wie weit fühlte sie sich von Daheim! Mein Gott! Den ganzen langen Weg zu machen, und anständig zu machen, bevor sie die strohgedeckte Hütte erreichte, in die sie Eile hatte, sich einzuschließen, wie ein verwundetes Thier, das sich in seinen Bau verkriecht, um zu sterben. Darum gab sie sich auch alle Mühe, nicht zu viel zu denken, nicht zu gut zu verstehen, in der Angst vor dem langen Wege.

Man gab ihr eine Anweisung auf die dreißig Franken, die ihr als Erbin aus dem Erlös von Sylvester's Sack zustanden. Dann die Briefe, die Certificate, die Schachtel mit der Verdienstmedaille. Ungeschickt nahm sie das alles ab, mit steifen Fingern, und that es von einer Hand in die andere, da sie keine Tasche mehr fand.

Durch Paimpol schritt sie in einem Zug, sah Niemand an, den Körper ein wenig vorgeneigt, als sollte sie fallen; dabei hörte sie ein Brausen in den Ohren; – sie eilte sich, mit Überanstrengung, wie eine arme, schon sehr alte Maschine, die man auf höchste Schnelligkeit gespannt, Zum letztenmal, ohne daran zu denken, ob man die Federn sprengt.

Beim dritten Kilometer ging sie schon ganz nach vorne gebeugt, erschöpft; von Zeit zu Zeit stieß ihr Holzschuh an einen Stein, was ihr jedesmal im Kopf eine heftige, schmerzhafte Erschütterung gab. Und sie eilte, sich daheim zu vergraben, aus Furcht, zu fallen und heimgetragen zu werden.

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