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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II.

Ungefähr vierzehn Tage später, wie der Himmel bereits düsterer wurde, die nahe Regenzeit verkündend, und die Hitze erdrückender über dem gelben Tonking lastete, wurde Sylvester, den man nach Hanoï zurückgeschickt, auf die Rhede von Ha-Long und dort auf ein Hospitalschiff gebracht, das nach Frankreich zurückkehrte.

Er war lange auf Tragbahren umhergeschleppt worden, mit kurzem Aufenthalt in den Ambulanzen. Man hatte gethan, was möglich war; aber unter den schlechten Bedingungen hatte sich seine Lunge mit Wasser gefüllt an der durchschossenen Seite, in die die Luft beständig gurgelnd eindrang durch das Loch, das sich nicht mehr schloß.

Man hatte ihm die Tapferkeitsmedaille gegeben, und einen Augenblick hatte er sich darüber gefreut. Aber er war nicht mehr der Krieger von ehedem mit strammem Gang, mit der klingenden Stimme und knappen Rede. Nein, das war alles vergangen in dem langen Leiden und dem erschlaffenden Fieber. Er war wieder zum Kinde geworden, das Heimweh hatte; er sprach fast gar nicht mehr und gab mit leiser, erloschener Stimme Antwort. Sich so krank fühlen, so weit, weit fort; zu denken, daß man so viele Tage braucht, bevor man heim kommt, – würde er überhaupt noch bis dahin leben, mit seinen schwindenden Kräften? – Dies Gefühl entsetzlicher Ferne quälte ihn unablässig und erdrückte ihn beim Erwachen, – wenn er nach einigen Stunden Schlummer den furchtbaren Schmerz von den Wunden wieder fühlte, die Fiebergluth und das blasende Geräusch in seiner zerschossenen Brust. Darum hatte er auch gesteht, ihn auf jede Gefahr hin einzuschiffen.

Er war zu schwer in seinem Bette zu tragen, und da wurde er auf dem Karren grausam gestoßen.

An Bord dieses Transportschiffes, welches abfahren sollte, legte man ihn in eins der kleinen eisernen in Reihen aufgestellten Hospitalbetten, und er begann in umgekehrter Richtung seine lange Fahrt durch die Meere. Nur daß er diesmal, anstatt wie ein Vogel im freien Luftstrom des Mastkorbs zu leben, drunten lag, in der schweren Luft, in der Ausdünstung der Medicamente, der Wunden und des Elends. Die ersten Tage hatte die Freude, auf dem Heimwege zu sein, eine kleine Besserung gebracht. Er konnte, in die Kissen gestützt, auf seinem Bette aufrecht liegen und von Zeit zu Zeit verlangte er seinen Kasten.

Sein Matrosenkasten war ein weißes Holzköfferchen, in Paimpol gekauft, um seine Kostbarkeiten hinein zu thun; darin waren die Briefe der Großmutter Yvonne, diejenigen von Yann und Gaud, ein Heft, in welches er Matrosenlieder abgeschrieben hatte, und ein chinesisches Buch von Confucius, zufällig bei einer Plünderung mitgenommen, und in welchem er auf der weißen Kehrseite der Blätter sein naives Kriegstagebuch geführt hatte.

Das Leiden wurde jedoch nicht besser, und von der ersten Woche an wußten die Aerzte, daß der Tod unvermeidlich sei. ...

Man war jetzt in der Nähe des Aequators, in der übermäßigen Hitze der Gewitterzone. Das Transportschiff fuhr dahin und schüttelte seine Betten, seine Verwundeten und seine Kranken. Immer schnell fuhr es dahin, auf einem unruhigen Meere, das noch aufgejagt war, wie beim Wechsel der Passatwinde.

Seit der Abreise von Ha-Iong war mehr als Einer gestorben, den man ins tiefe Wasser hatte versenken müssen auf dem großen Wege nach Frankreich; viele dieser kleinen Betten waren bereits ihres armen Inhaltes entledigt, und an diesem Tage war es in dem wandelnden Spitale sehr finster: man war gezwungen gewesen, wegen des hohen Seegangs die eisernen Läden der Cajütenfenster zu schließen, und es machte diese Erstickungsanstalt für die Kranken noch gräßlicher. Ihm ging es schlechter: es war das Ende; immer auf der durchschossenen Seite liegend, drückte er sie mit beiden Händen zusammen, mit Allem, was er an Kraft übrig hatte, um das Wasser, diese flüssige Zersetzung der rechten Lunge, unbeweglich zu machen, und versuchte, nur mit der Linken zu athmen. Aber auch diese war allmälig angesteckt, und der Todeskampf hatte begonnen. Allerhand Wahnbilder aus der Heimath gingen in dem sterbenden Gehirne um; in der heißen Finsterniß beugten sich geliebte oder scheußliche Gesichter über ihn; er war in fortwährender Hallucination, immer mit der Bretagne oder Island beschäftigt. Morgens hatte er den Priester rufen lassen und dieser, ein Greis, der gewohnt war, Matrosen sterben zu sehen, war erstaunt, unter einer so männlichen Hülle die Reinheit eines kleinen Kindes zu finden. Er verlangte Luft, nur Luft, aber die gab es nirgends. Die Windfänge brachten keine mehr hinab; der Wärter, der ihm beständig mit einem blumenbemalten chinesischen Fächer Luft zuwehte, bewegte über ihm ungesunde fade Dünste, die schon hundertmal ausgeathmet waren, und die einzuathmen sich die Lunge weigerte.

Manchmal faßte ihn verzweifelte Wuth, aus dem Bett zu springen, in dem er den Tod nahen fühlte, hinaufzueilen in den mächtigen Wind, zu versuchen, wieder aufzuleben, wie die Anderen, welche auf den Rüstseilen liefen und in den Mastkörben wohnten! Aber die ganze große Anstrengung, um wegzugehen, erreichte nichts als ein Aufheben des Kopfes und des schwachen Halses, etwas wie die halben Bewegungen, die man im Schlafe macht. Ach! Nein, er konnte nicht mehr; er fiel immer wieder in die Höhlung seines ungeordneten Bettes zurück, schon in den Schlingen des Todes. Und jedesmal von einer solchen Erschütterung erschöpft, vergingen ihm auf Augenblicke die Sinne. Um ihn zu beruhigen, öffnete man endlich die Cajütenfenster, obgleich es noch gefährlich war bei dem sehr unruhigen Meere. Es war Abends gegen sechs Uhr. Als der eiserne Laden aufgehoben wurde, kam nur Licht herein, strahlendes rothes Licht. Die untergehende Sonne erschien am Horizont mit äußerstem Glanz in einem Riß des düsteren Himmels; ihr blendendes Licht wanderte bei dem Rollen des Schiffes und beleuchtete schwankend das Spital wie eine Fackel, die man schwenkt.

Luft kam nicht herein; die wenige, die es draußen gab, war nicht im Stande, hier einzudringen, den Fiebergeruch zu verjagen. Ueberall in der Unendlichkeit auf diesem Aequatorialmeere gab es nur heiße Feuchtigkeit, unathembare Schwere. Nirgends Luft, nicht einmal für die keuchenden Sterbenden. Ein letztes Gesicht regte ihn sehr auf: seine alte Großmutter, sehr schnell auf einem Wege dahingehend, mit einem Ausdrucke herzzerreißender Angst; der Regen fiel auf sie nieder, aus herabhängenden leichentuchähnlichen Wolken; sie ging nach Paimpol, in's Bureau der Marine befohlen, um dort benachrichtigt zu werden, daß er todt sei.

Jetzt rang er mit dem Tode und röchelte; man wischte aus seinen Mundwinkeln Wasser und Blut, das aus seiner Brust emporfluthete, während er sich im Todeskampfe wand. Und die prachtvolle Sonne beschien ihn noch immer; es war im Westen, als stünde eine ganze Welt in Flammen, mit blutigen Wolken darüber. Durch die runde, offene Luke strömte ein breiter Streifen rothen Lichts, der, auf Sylvester's Bett endigend, ihn mit einem Glorienscheine umgab ...

In dem nämlichen Augenblick sah man die Sonne auch dort in der Bretagne, wo es Mittag schlagen wollte ... es war wohl dieselbe Sonne, und genau in demselben Augenblick ihrer endlosen Dauer; doch hatte sie dort eine sehr verschiedene Farbe; höher stehend in einem bläulichen Himmel beleuchtete sie mit sanftem weißem Licht die Großmutter Yvonne, die auf ihrer Thürschwelle saß und nähte ...

In Island, wo es Morgen war, erschien sie auch in demselben Todesaugenblicke; noch bleicher schien sie dort, nur sichtbar durch ein wahres Wunder von Strahlenbrechung. Sie leuchtete traurig in einen Fjord, wo sich die Marie treiben ließ, und ihr Himmel war diesmal von einer hyperboreischen Klarheit, welche den Gedanken an einen abgekühlten Planeten ohne Atmosphäre erweckte. Mit eisiger Klarheit zeichnete sie die Einzelheiten von diesem Steinchaos, welches Island heißt: das ganze Land, von der Marie aus gesehen, schien auf eine Fläche genagelt und aufrecht hingestellt. Yann, der auch fremdartig beleuchtet war, fischte wie gewöhnlich mitten in dieser mondähnlichen Welt.

In dem Augenblick, wo der Streifen rothen Feuers, der durch das Cajütenfenster eindrang, erlosch, wo die Aequatorialsonne ganz in den goldenen Wassern verschwand, brachen die Augen des sterbenden Enkels und wandten sich nach der Stirne, als wollten sie im Kopfe verschwinden. Da schloß man die Lider darüber mit den langen Wimpern, und Sylvester wurde wieder sehr schön und sehr ruhig, wie eine liegende Marmorstatue.

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