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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII.

Die See, die graue See.

Auf der großen, ungebauten Heerstraße, die jeden Sommer die Fischer nach Island führt, zog Yann seit zwei Tagen sachte dahin.

Am Vorabend, als man unter dem Gesang der alten Kirchenlieder abgefahren war, wehte eine Südbrise, und alle Fahrzeuge, mit Segeln bedeckt, hatten sich wie Möwen zerstreut. Dann war die Brise weicher geworden, und die Fahrt hatte sich verlangsamt. Nebelbänke wanderten dicht auf den Wassern dahin. Yann war vielleicht noch schweigsamer als gewöhnlich. Er beklagte sich über das allzu ruhige Wetter und schien sich nach Bewegung zu sehnen, um sich einen quälenden Gedanken aus dem Sinne zu jagen. Doch gab es nichts zu thun, als in all der Ruhe ruhig hinzugleiten; nichts als zu athmen und sich leben zu lassen. Wo man hinschaute, sah man nur tiefes Grau; wo man hinhorchte, hörte man nur die Stille.

Plötzlich ein dumpfer Ton, kaum vernehmbar, aber ungewohnt und von unten wie ein Kratzen, wie wenn man den Wagen hemmt! Und die Marie, im Gange innehaltend, blieb regungslos.

Gestrandet!!! und worauf? Auf irgend einer Bank der englischen Küste wahrscheinlich. Man hatte ja auch seit dem Abend vorher nichts mehr gesehen, bei diesen Nebelvorhängen.

Die Männer bewegten sich, rannten hin und her, und ihre Aufregung bildete einen merkwürdigen Gegensatz mit dieser plötzlichen Ruhe ihres Fahrzeugs. Da stand sie still, die Marie, und rührte sich nicht mehr. Mitten unter all den fließenden Dingen, die in dem weichen Wetter zusammenhaltlos erschienen, war sie durch Gott weiß was Festes, Unbewegliches erfaßt worden, das sich unter den Wassern verborgen; sie war fest gepackt und lief Gefahr, darauf zu verenden. Wer hat nicht einen armen Vogel, eine arme Fliege sich mit den Füßen im Leim fangen sehen? Zuerst merkt man's kaum; es ändert nicht ihr Aussehen; man muß wissen, daß sie von unten fest sind und in Gefahr, sich nie mehr zu befreien. Erst wenn sie sich dann wehren, macht das klebrige Zeug ihre Flügel, ihren Kopf schmutzig, und sie bekommen das erbärmliche Aussehen eines sterbenden Thieres.

So war es mit der Marie; zuerst war es nicht sehr sichtbar; sie hielt sich wohl etwas geneigt, das ist wahr, aber es war am hellen Morgen bei schönem ruhigen Wetter; man mußte wissen, um sich zu ängstigen und zu verstehen, daß es ernst sei.

Der Capitän war zu bedauern, der den Fehler begangen und nicht auf den Punkt Acht gegeben, an dem man sich befand; er schüttelte die Hände in der Luft herum und sagte: »Ma Doué«, »Ma Doué« in verzweifeltem Tone. Ganz nahe, in der Nebellichtung, erschien ein Vorgebirge, das nicht gut zu erkennen war. Gleich wurde es wieder dicht, und man konnte nichts mehr unterscheiden. Uebrigens war kein Segel in Sicht, kein Rauch. – Und für den Augenblick war es ihnen fast lieber so. Sie hatten große Furcht vor den englischen Rettern, die einen mit Gewalt auf ihre Manier befreien, und gegen die man sich wehren muß wie gegen Seeräuber. Sie arbeiteten sich alle ab, die Schiffsladung wechselnd. Ihr Hund Türk, der die bewegte See nicht fürchtete, war auch sehr erschüttert von dem Begebniß: Diese Töne von unten, diese harten Stöße, wenn die hohle See ankam, und dann diese Unbeweglichkeit; er verstand sehr gut, daß das alles nicht natürlich sei, und versteckte sich in den Ecken, mit eingezogenem Schwanze.

Dann ließen sie die Boote herab, um die Anker zu werfen, um zu versuchen, sich herauszuheben, alle ihre Kraft auf die Hebebäume vereinigend; ein hartes Manöver, das zehn volle Stunden dauerte, – und am Abend fing das arme Schiff, das am Morgen so reinlich und schmuck gewesen, schon an, schlimm auszusehen, überschwemmt, beschmutzt, in voller Auflösung. Es hatte sich auf alle Weise gewehrt, geschüttelt und stand noch immer angenagelt, wie ein todtes Schiff.

*

Die Nacht wollte hereinbrechen; der Wind erhob sich, und die See ging höher; das fing an bedenklich zu werden, als auf einmal gegen sechs Uhr sie plötzlich frei waren, in voller Bewegung die Taue der Anker rissen, die sie heruntergelassen hat, um sich zu halten. Da sah man die Männer wie Wahnsinnige von vorn nach hinten laufen und schreien:

»Wir schwimmen!« –

Sie schwammen wirklich; aber wie soll man die Freude beschreiben zu schwimmen, zu fühlen, wie man sich fortbewegt, leicht und lebend, anstatt wie vorher ein beginnendes Wrack zu sein!...

Und Yann's Traurigkeit war auch mit einem Schlage verflogen. Erleichtert wie sein Schiff geheilt durch die gesunde Ermüdung seiner Arme, hatte er seine sorglose Miene wiedergefunden und seine Erinnerungen abgeschüttelt. Als man am Morgen die Anker lichtete, fuhr er seines Weges nach seinem kalten Island, scheinbar so freien Herzens als in den ersten Jahren.

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