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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XI.

Paimpol ... am letzten Tage des Februar – am Vorabende von der Islandfischer Abfahrt.

Gaud stand an ihre Thür gelehnt, unbeweglich und sehr bleich. Denn Yann war unten und sprach mit ihrem Vater. Sie hatte ihn kommen sehen und hörte undeutlich seine Stimme schallen. Den ganzen Winter hatten sie sich nicht begegnet, als wenn ein Verhängniß sie stets von einander entfernt hätte.

Nach ihrem Gang nach Pors-Even hatte sie einige Hoffnung auf die Procession, den Pardon der Isländer, gebaut, wo man viel Gelegenheit hat, sich zu sehen und zu sprechen, auf dem Platze, am Abend unter den Gruppen. Aber vom frühen Morgen dieses Festes an, als die Straßen schon weiß behängt und mit grünen Guirlanden geschmückt waren, hatte ein böser Regen zu strömen begonnen, der von Westen her durch eine heulende Brise gejagt wurde; über Paimpol hatte man den Himmel noch nie so schwarz gesehen. »Da! nun werden die von Ploubazlanec nicht kommen!« hatten die Mädchen traurig gesagt, die ihre Liebhaber in der Gegend hatten. Und sie waren in der That nicht gekommen, oder hatten sich trinkend eingeschlossen. Keine Procession, kein Spaziergang, und mit noch schwererem Herzen als sonst hatte sie den ganzen Abend hinter ihren Scheiben gesessen, dem Rieseln von den Dächern herab und den lauten Fischerliedern aus den Weinstuben herauf zugehört.

Seit einigen Tagen hatte sie diesen Besuch von Yann geahnt; denn sie dachte sich wohl, daß der Vater Gaos, der nicht gern nach Paimpol kam, wegen des noch nicht fertigen Barkenverkaufs seinen Sohn schicken würde. Da hatte sie sich vorgenommen, daß sie zu ihm treten würde, was sonst Mädchen nicht leicht thun, um es endlich von der Seele zu wälzen. Sie wollte ihm vorwerfen, ihre Ruhe gestört und sie dann verlassen zu haben, wie ein Bursche ohne Ehrgefühl.

War es Eigensinn, scheue Schroffheit, die Liebe zum Seehandwerk, die Furcht vor einer Weigerung ... wenn alles dies, wie Sylvester angegeben, die einzigen Hindernisse waren, so konnten sie wohl überwunden werden, wer weiß! nach einem freimüthigen Gespräche, wie sie das vorhatte. Und dann würde vielleicht sein schönes Lächeln wieder erscheinen, das Alles gut machen würde – dasselbe Lächeln, das sie im vorigen Winter so überrascht und entzückt hatte, während der Ballnacht, die sie in seinem Arme ganz durchtanzt. Und diese Hoffnung gab ihr wieder Muth, erfüllte sie mit einer fast süßen Ungeduld. Von Weitem scheint immer Alles so leicht zu thun und zu sagen.

Und nun fiel Yann's Besuch gerade in die beste Stunde; sie war sicher, daß ihr Vater bei der Pfeife sitzen bleiben und ihn nicht hinaus begleiten würde; darum würde sie im leeren Gang sich allein mit ihm auseinandersetzen können.

Aber nun, da der Augenblick gekommen, erschien es ihr wie eine außerordentliche Dreistigkeit. Der bloße Gedanke, ihm zu begegnen, ihn Auge in Auge zu sehen, am Fuß der Treppe, machte sie zittern. Ihr Herz schlug zum Springen ... und zu denken, daß von einem Augenblick zum andern die Thüre drunten aufgehen würde, – mit dem leisen, wohlbekannten Knarren, – um ihn hinauszulassen!

Nein, sie würde es entschieden niemals wagen! Lieber sich mit Warten verzehren und vor Gram sterben, als so etwas wagen. Und schon hatte sie einige Schritte gemacht, um in die Tiefe des Zimmers zurückzukehren und sich an die Arbeit zu setzen. Aber sie blieb wieder stehen, zögernd, bestürzt, sich erinnernd, daß morgen die Abfahrt nach Island sei und diese Gelegenheit vielleicht die einzige. Wenn sie sie vorbeigehen ließ, dann mußte sie wieder all die Monate Einsamkeit und Warten beginnen, sich nach seiner Rückkehr sehnen, noch einen ganzen Sommer ihres Lebens verlieren.

Drunten ging die Thüre auf: Yann ging! Rasch entschlossen lief sie die Treppe hinunter und pflanzte sich außer Athem vor ihn hin.

»Herr Yann, ich habe mit Ihnen zu sprechen, bitte.« »Mit mir, Fräulein Gaud?« sagte er, die Stimme sinken lassend und an den Hut fassend. Er sah sie scheu an, mit seinen lebhaften Augen, den Kopf zurückgeworfen, mit hartem Ausdruck, und schien sich sogar zu fragen, ob er überhaupt stehen bleiben würde. Mit einem Fuße vor, fluchtbereit, drückte er seine breiten Schultern gegen die Mauer, um ihr weniger nahe zu sein in dem schmalen Gang, in dem er sich gefangen sah. Eiskalt geworden, fand sie da nichts mehr von dem, was sie ihm hatte sagen wollen: sie hatte nicht vorhergesehen, daß er ihr die Schmach anthun könnte, vorbeizugehen ohne sie anzuhören.

»Haben Sie Furcht vor unserm Hause, Herr Yann?« fragte sie in einem trockenen, sonderbaren Ton, der gar nicht der war, den sie hatte haben wollen.

Er wandte die Augen ab und sah hinaus. Seine Wangen waren sehr roth geworden; das Blut stieg ihm zu Kopf und brannte ihn im Gesicht; seine beweglichen Nasenflügel dehnten sich bei jedem Athemzuge aus, dem Heben und Senken der Brust folgend, wie bei den Stieren.

Sie versuchte fortzufahren:

»Am Ballabend haben Sie mir Auf Wiedersehen gesagt, wie man es nicht zu einer Gleichgültigen sagt – Herr Yann, Sie haben also kein Gedächtniß – was hab' ich Ihnen gethan?« Der böse Westwind, der sich, von der Straße kommend, dort fing, bewegte Yann's Haare, die Flügel von Gaud's Haube und machte hinter ihnen eine Thüre wüthend hin und her schlagen. Man war schlecht geborgen in dem Gang, um von wichtigen Dingen zu sprechen. Nach diesen ersten, in ihrer Kehle erstickten Sätzen war Gaud stumm geblieben; sie fühlte den Kopf schwindeln und hatte keine Gedanken mehr. Sie waren nach der Straßenthüre zugeschritten, er immer fliehend.

Draußen windete es mit großem Lärm, und der Himmel war schwarz. Durch die offene Thür fiel ein düstrer, fahler Schein auf ihre Gesichter und beleuchtete sie voll. Eine Nachbarin von gegenüber sah sie an: Was konnten die Beiden sich im Gang und so verwirrt aussehend zu sagen haben? Was ging denn bei Herrn Mével vor?

»Nein, Fräulein Gaud,« sagte er endlich, sich mit der Geschwindigkeit eines wilden Thieres freimachend, »ich habe schon in der Gegend gehört, daß man über uns spricht – nein, Fräulein Gaud – Sie sind reich, wir sind nicht Leute von gleichem Stande. Ich bin nicht ein Bursche, der zu Ihnen kommen darf, ich ...«

Und dann ging er fort. Also war Alles vorbei, vorbei für immer. Und sie hatte kein Wort von dem gesagt, was sie hatte sagen wollen, bei dieser Zusammenkunft, nichts weiter erreicht, als sich vor seinen Augen wie eine Unverschämte hinzustellen ... Was war er denn für ein Mensch, dieser Yann, mit seiner Mädchenverachtung, seiner Geldverachtung, seiner Verachtung für Alles! . .

Zuerst blieb sie wie angenagelt stehen; denn sie sah Alles sich um sie her sich bewegen, im Schwindel. Dann kam ihr ein Gedanke, der unerträglichste von Allen, wie ein Blitz: Yann's Cameraden, Isländer, gingen auf dem Platze auf und ab und warteten auf ihn!

Wenn er ihnen das erzählte, sich über sie lustig machte, das wäre ein noch abscheulicherer Schimpf! Rasch lief sie in ihr Zimmer hinauf, um sie durch ihre Vorhänge zu beobachten... Vor dem Hause sah sie wirklich die Männer beisammenstehen. Aber sie betrachteten ganz einfach das Wetter, das düsterer und düsterer wurde, und sprachen Vermuthungen aus über den drohenden schweren Regen.

»Es ist nur ein Spritzer; gehen wir hinein trinken, bis es vorüberzieht.«

Und dann machten sie laute Späße über Jeannie Caroff, über verschiedene Schönen; aber Keiner drehte sich auch nur nach ihrem Fenster um.

Sie waren alle lustig, mit Ausnahme von ihm, der nicht antwortete, nicht lächelte, sondern ernst und traurig blieb. Er ging nicht hinein mit den Andern trinken, sondern, ohne auf den beginnenden Regen zu achten, ging er langsam unter dem Guß dahin, wie Einer, der in eine Träumerei vertieft ist, über den Platz, in der Richtung von Ploubazlanec.

Da verzieh sie ihm Alles, und ein Gefühl hoffnungsloser Zärtlichkeit kam an die Stelle des bittern Unmuths, der ihr vorher zum Herzen gestiegen war. Sie setzte sich, mit dem Kopf in den Händen. Was nun thun? O! wenn er sie nur einen einzigen Augenblick hätte anhören können; noch besser wenn er daher kommen könnte, allein mit ihr in dieses Zimmer, wo sie in Frieden sprechen könnten, vielleicht würde sich noch Alles aufklären. Sie liebte ihn genug, um es zu wagen, es ihm in's Gesicht einzugestehen. Sie würde zu ihm sagen: »Du hast mich gesucht, als ich nichts von Dir wollte; jetzt bin ich Dein mit ganzer Seele, wenn Du mich haben willst; schau! ich fürcht' mich nicht, Fischersfrau zu werden, und brauchte doch nur unter den Burschen von Paimpol zu wählen, wenn ich einen zum Manne haben wollte, aber Dich hab' ich lieb, weil ich glaube, Du bist besser als die anderen jungen Männer; ich bin ein wenig reich; ich weiß, daß ich hübsch bin; obgleich ich in Städten gewohnt habe, schwöre ich Dir, daß ich ein braves Mädchen bin, die nie etwas Unrechtes gethan; nun dann, da ich Dich so lieb habe, warum nimmst Du mich denn nicht?«

Aber dies alles würde nie anders ausgedrückt werden, nie gesagt werden, als im Traum; es war zu spät; Dann würde es nicht mehr hören. Noch einmal versuchen, mit ihm zu sprechen? – O nein! für was für eine Art Geschöpf würde er sie halten! lieber sterben!

Und morgen gingen sie alle fort nach Island! Allein in ihrem schönen Zimmer, in das der weißliche Februartag hereinschien, frierend, wie es der Zufall gegeben, auf einem der Stühle sitzend, die an der Wand aufgereiht standen, war es ihr, als stürzte die Welt zusammen, mit dem Gegenwärtigen und dem Zukünftigen, in eine trostlose fürchterliche Leere hinein, die sich rings um sie her aufgethan. Sie wünschte, vom Leben erlöst zu sein, recht still unter einem Stein zu liegen, um nicht mehr zu leiden ... Aber wahrhaftig, sie verzieh ihm doch, und kein Haß mischte sich in ihre verzweifelte Liebe.

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