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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX.

Er war auf hoher See, schnell fortgetragen über fremde Meere, die viel blauer warm als das isländische. Das Schiff, das ihn nach dem äußersten Asien entführte, hatte den Befehl, sich zu eilen, die Ankerplätze zu meiden. Schon hatte er das Gefühl, recht weit fort zu sein, wegen der Schnelligkeit, die nicht nachließ, gleichmäßig hinstreichend, fast ohne Wind und See zu beachten. Als Mastwächter lebte er in seinem Mastkorbe, wie ein Vogel auf dem Zweige, und hielt sich von den Soldaten fern, die auf dem Verdeck gedrängt waren, und von dem Gewühl da drunten.

Zweimal hatte man bei der tunesischen Küste angehalten, um Zouaven und Maulthiere aufzunehmen; ganz von Weitem hatte er weiße Städte auf dem Sande oder auf Hügeln gesehen. Er war sogar einmal von seinem Mastkorbe heruntergekommen, um neugierig sehr braune Männer anzusehen, in weiße Schleier drapirt, welche in Barken gekommen waren, Früchte zu verkaufen; die Andern hatten ihm gesagt, das seien Beduinen.

Diese Wärme und diese Sonne, die unablässig dauerten, gaben ihm das Gefühl der Fremde in hohem Grade.

Eines Tages war man in einer Stadt angekommen, die hieß Port-Saïd. Alle Flaggen Europa's wehten an langen Stangen darüber hin, daß es aussah wie ein Festtag um Babel; spiegelnder, zitternder Sand umgab es wie ein Meer. Man hatte dort Anker geworfen, so nahe, daß man fast den Quai berührte, fast mitten in den langen Straßen aus Holzhäusern. Seit seiner Abreise hatte er noch nie so deutlich und so nahe die Außenwelt gesehen, und diese Bewegung, diese Fülle von Schiffen hatte ihn zerstreut.

Mit dem unausgesetzten Lärm von Schiffspfeifen und Dampfsyrenen zwängten sich alle diese Fahrzeuge in eine Art langen Canal, eng wie ein Graben, der sich wie ein Silberstreifen durch die Unendlichkeit des Sandes hinzog. Von seinem Mastkorb herab sah er sie wie eine Procession dahinziehen und sich in der Ebene verlieren.

Auf diesen Quais bewegten sich alle möglichen Anzüge, Menschen in Kleidern von allen Farben geschäftig, schreiend, im heftigen Getriebe des Transites.

Und am Abend hatte sich zum höllischen Pfeifen der Dampfmaschinen der confuse Spectakel mehrerer Orchester gesellt, die lärmende Sachen spielten, als wollten sie das herzbrechende Sehnen all der vorüberziehenden Verbannten betäuben.

Am andern Morgen bei Sonnenaufgang waren auch sie in das schmale Wasserband zwischen dem Sand eingefahren, von einem Schweif von Schiffen aller Länder gefolgt.

Das hatte zwei Tage gedauert, diese Spazierfahrt hinter einander her, durch die Wüste; dann hatte sich ein anderes Meer vor ihnen aufgethan, und sie waren wieder auf hoher See.

Man fuhr immer fort mit größter Geschwindigkeit; dieses wärmere Meer war auf der Oberfläche röthlich marmorirt, und manchmal war der Schaum in der Wasserfurche wie Blut. Er lebte fast beständig in seinem Mastkorbe, und sang sich ganz leise Jean-François de Nantes, um an seinen Bruder Yann zu denken, an Island, an die schöne vergangene Zeit.

Manchmal sah er im Grunde der Fernen in Luftspiegelung irgend einen Berg von sonderbarer Färbung erscheinen. Die das Schiff führten, kannten sicher, trotz der Ferne und der Unklarheit, diese weit hinausragenden Vorgebirge des Festlandes, die wie ewig feste Haltepunkte sind auf den großen Weltstraßen. Aber wenn man Mastwächter ist, wird man dahin getragen wie eine Sache, ohne etwas zu wissen von der Entfernung und ohne die Maße des endlosen Raumes zu kennen.

Er hatte nur das Gefühl einer fürchterlichen Entfernung, die immer zunahm; aber das Gefühl war sehr deutlich, wenn er von oben die Wasserfurche betrachtete, die rauschend geschwinde nach rückwärts floh, und wenn er zählte, seit wann dieses schnelle Fahren dauerte, das Tag und Nacht nicht nachließ.

Drunten auf dem Verdeck keuchten die Menschen unter dem Schatten der Zelte und waren ganz ermattet. Wasser, Luft und Licht hatten sich in ernste, erdrückende Pracht gekleidet, und ihr ewiger festlicher Schein war wie eine Ironie auf die Wesen, auf die organischen Gebilde, die vergänglich sind.

... Einmal ward er in seinem Mastkorb sehr erheitert durch Schwärme von kleinen Vögeln von einer unbekannten Gattung, die sich wie Wolken auf das Schiff fallen ließen wie ein Wirbel von schwarzem Staube. Ganz erschöpft ließen sie sich fangen und streicheln. Alle Matrosen hatten welche auf den Schultern. Aber bald begannen die Müdesten davon zu sterben... Sie starben zu Tausenden auf den Segelstangen, den Stückpforten, diese kleinen Wesen, unter der entsetzlichen Sonnengluth des rothen Meeres. Sie waren von jenseits der Wüste gekommen, durch einen Sturmwind verschlagen. Aus Furcht, in die blaue Unendlichkeit, die sie überall umgab, hinabzustürzen, hatten sie sich mit letzter Kraft auf das vorüberziehende Schiff fallen lassen. Dort im Herzen des fernen Libyens hatte ihre Art in überströmender Liebe sich gemehrt. Ihr Geschlecht war im Uebermaß angewachsen, und es gab ihrer zu viele; da hatte die blinde, seelenlose Mutter, die Mutter Natur, mit einem Hauch diese Fülle von kleinen Vögeln verjagt, mit derselben Gleichgültigkeit, als hätte es sich um eine Generation Menschen gehandelt.

Und sie starben alle auf dem erhitzten Eisenwerk des Schiffes; das Verdeck war übersät mit ihren kleinen Leichen, die gestern noch voll Leben, Gesang und Liebe bebten ... kleine schwarze Fetzen mit nassen Federn. Sylvester und die Matrosen hoben sie mit mitleidigen Blicken auf, breiteten die feinen, bläulichen Flügel in ihren Händen aus und fegten sie dann in das große Nichts der See hinaus.

Dann kamen Heuschrecken, die Töchter von Moses' Heuschrecken, und bedeckten das Schiff.

Dann fuhr man noch mehrere Tage im unwandelbaren Blau dahin, wo man nichts Lebendes mehr sah – als höchstens hie und da Fische, die über den Wasserspiegel hinflogen.

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