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Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorPierre Loti
titleIslandfischer
publisherVerlag von Emil Strauß
printrunFünfte Auflage (Fünftes Tausend.)
year1898
translatorCarmen Sylva.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII.

Sie war drei Tage bei ihm geblieben, drei Tage, auf denen ein düsteres » hernach« lastete, man könnte sagen drei Gnadentage. Und dann hatte sie abreisen und nach Ploubazlanec zurückkehren müssen. Erstens war sie mit ihrem bischen Gelde zu Rande, und dann sollte Sylvester am nächstfolgenden Tag sich einschiffen, und die Matrosen werden stets unerbittlich im Quartier consignirt am Vorabend der großen Abfahrten. (Ein Gebrauch, der auf den ersten Blick etwas barbarisch erscheint, der aber eine nothwendige Maßregel ist gegen das Küstenlaufen im Augenblicke des Ausrückens.) O dieser letzte Tag! Was sie auch machte, wie sehr sie sich auch den Kopf zerbrach nach komischen Dingen für ihren Enkel, so hatte sie doch nichts gefunden, nein, es waren Thränen gewesen, die immer hatten kommen wollten. Schluchzen, das ihr jeden Augenblick in die Kehle stieg. An seinem Arme hängend, hatte sie ihm tausend Dinge ans Herz gelegt, die auch ihm die Thränen nahe brachten, und endlich waren sie in eine Kirche getreten, um zusammen ihre Gebete zu sagen.

Mit dem Abendzug war sie fort; um zu sparen, waren sie zu Fuß an die Bahn gegangen; er trug ihre Reiseschachtel und stützte sie mit seinem starken Arme, auf den sie sich mit ihrem ganzen Gewicht lehnte. Sie war müde, müde, die arme Alte; sie konnte nicht mehr, denn sie hatte sich während der drei oder vier Tagen sehr übernommen; unter ihrem braunen Tuch war der Rücken ganz krumm, denn sie hatte nicht mehr die Kraft sich aufzurichten; es war gar nichts Junges mehr in ihrer Gestalt, und sie fühlte die ganze erdrückende Schwere ihrer 76 Jahre. Der Gedanke, daß Alles aus sei und daß sie ihn in einigen Minuten verlassen müsse, zerriß ihr das Herz fürchterlich. Und dorthin, nach dem China ging er, in das Gemetzel! Jetzt hatte sie ihn noch da, bei sich; sie hielt ihn noch mit ihren beiden armen Händen, und doch sollte er fort; weder all' ihr Wollen, noch all' ihre Thränen, noch Verzweiflung konnten ihn bei der Großmutter zurückhalten. Hilflos, nicht missend, wohin mit ihrem Billet, ihrem Eßkorb, ihren Filethandschuhen, aufgeregt und zitternd, gab sie ihm ihre letzten Ermahnungen, auf die er ganz leise antwortete, durch ganz kleine gehorsame Ja's, indem er den Kopf zärtlich zu ihr neigte, indem er sie mit seinen guten, sanften Augen, mit seinem kindlichen Ausdruck ansah.

»Vorwärts, Alte, Ihr müßt Euch entschließen, wenn Ihr fahren wollt.«

Die Locomotive pfiff. Im Schrecken, den Zug zu versäumen, nahm sie ihm ihre Schachtel aus der Hand; – dann ließ sie das Ding zur Erde fallen (um sich in einer letzten Umarmung an seinen Hals zu hängen). Die Leute am Bahnhofe sahen den Beiden zu, aber Niemand hatte Lust zu lächeln. Von den Beamten herumgestoßen, erschöpft, wie verloren, warf sie sich in das erste beste Coupé, von dem man ihr den Schlag auf die Fersen zuwarf, wahrend er mit Matrosenleichtigkeit sich in Lauf setzte und einen Bogen beschrieb, wie ein fortfliegender Vogel, um noch rechtzeitig an der Barrière draußen anzulangen und sie vorüberfahren zu sehen.

Ein gewaltiges Pfeifen, das dröhnende Anfahren der Räder, die Großmutter fuhr vorbei. Gegen die Barrière gedrückt, schwenkte er mit jugendlicher Grazie seine Mütze mit den flatternden Bändern, und aus dem Fenster des Waggons dritter Klasse gelehnt, winkte sie mit ihrem Taschentuch, um besser erkannt zu werden. – So lange sie konnte, so lange sie noch die blauschwarze Gestalt erkannte, die ihr Enkel war, folgte sie ihm mit den Augen, ihm mit ihrer ganzen Seele das ewig unsichere »Auf Wiedersehen« zurufend, das man den Seeleuten sagt, wenn sie fortgehen.

Schau' ihn nur recht an, arme alte Frau, diesen kleinen Sylvester, bis zur letzten Minute; folge nur seiner fliehenden Gestalt, die dort verschwindet für ewig. Und als sie ihn nicht mehr sah, sank sie auf ihren Sitz, ohne zu sorgen, ob sie ihre schöne Haube verkrumpelte, schluchzend vor Todesangst...

Er ging langsam zurück, mit gesenktem Kopf und dicken Thränen, die ihm über die Wangen liefen. Die Herbstnacht war hereingebrochen, das Gas überall angezündet, das Matrosenfest hatte begonnen. Ohne irgend etwas zu beachten, ging er durch Brest, dann über die Brücke von Recouvrance in sein Quartier.

»Heda, hübscher Junge«, sagten wieder die heiseren Stimmen jener Damen, die schon angefangen hatten, auf dem Trottoir auf und ab zu wandeln. Er ging hinein, legte sich in seine Hängematte und meinte ganz allein und schlief kaum bis zum Morgen. –

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