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Irrwege der Liebe

Alfred Schirokauer: Irrwege der Liebe - Kapitel 8
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleIrrwege der Liebe
publisherVerlag Otto Uhlmann
year1919
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VIII.

Am nächsten Morgen saß Irene schon sehr zeitig in der Halle des Hotels, dicht an der Treppe, und wartete. Die Sehnsucht nach ihm flatterte in ihrer Brust. Sie hatte ihr Gleichgewicht wiedergefunden. Doch eine sanfte spendende Zärtlichkeit war geblieben und rötete, wie ein milder Widerschein der nächtlichen Glut, ihre erwartungskalten Wangen.

So oft ein rascher Männerschritt auf dem Teppich der Treppe raschelte, drang ihr ein spitzer Schmerz der Erregung vom Schoße her in die Brust. Viel wehe Enttäuschung hatte sie zu leiden, bis Wilm am Geländer erschien. Er hatte lange geschlafen nach der erschöpfenden Arbeit der Nacht.

Er erspähte sie sofort und winkte ihr fröhlich zu. Den Rest der Stufen nahm er in großen, elastischen Sätzen. Nie war er ihr so fest und stark erschienen wie an diesem Morgen in dem flotten weißen Tennisanzug, den sie liebte als Symbol seines gewandten, sportgestählten Körpers.

»Morgen, Fräulein Hey,« begrüßte er sie munter. »Haben Sie gut –« Er unterbrach sich und blickte ihr forschend besorgt in die Augen. »Nanu – Sie sehen ja so blaß aus. Ist Ihnen nicht wohl?«

Sie schämte sich nicht. Nicht ein bißchen schämte sie sich. Sie hätte ihm ganz ruhig und mutig sagen können: »Das kommt, weil ich die ganze Nacht mich nach dir gesehnt habe.« Und doch war soviel Erziehung und überkommene Konvention in ihr, daß sie wie eine züchtige Jungfrau errötete. »Nein, nein,« sagten ihre Lippen fast willenlos, »mir ist nichts. Nichts anderes als immer. Ich habe bloß nicht besonders geschlafen.«

»Dann können Sie sich mit mir trösten,« beruhigte er. »Ich bin auch erst gegen vier in die Federn gekommen. Aber jetzt entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Will nur etwas Warmes schlürfen. Ich habe Ihnen zu erzählen. Es ging famos heut nacht.« Damit verschwand er zufrieden trällernd im Frühstückssaal.

Sie saß und blickte durch die spiegelnden Scheiben der Glastüren. Sie konnte nur seinen Rücken sehen. Und den umfing sie mit so liebkosend zärtlichen Blicken, daß er sich mehrmals wie belästigt umsah. Dann wandte sie sich immer rasch zur Seite und grollte zornig ihrer Feigheit.

Später setzte er sich zu ihr, schlug ein Bein über das andere, zündete sich die Zigarette an und plauderte, »Gut habe ich heute Nacht geschrieben. Ich hatte den Schreibtisch in die Türöffnung gerückt. Draußen die milde, ahnende Nacht – und diese klare Stille. Es ging wundervoll. Und dann – das Gefühl, daß Sie so dicht über mir schliefen. War ja nun nicht wahr, wie Sie sagen. Sie haben wach gelegen. Aber es hat mich doch beglückend beeinflußt. Bisweilen« – er lachte – »habe ich mir eingebildet, Ihr Atmen zu hören, so körperlich fühlte ich Sie bei mir. Es war natürlich nur das Flüstern der Akazienblätter draußen. Aber diese Einbildung hat mir doch bei der Anlage Ihres Abbildes trefflich geholfen.«

»Ich freue mich innig,« sagte sie mit einem Lächeln, das er nicht recht verstand. Und ernst fügte sie hinzu: »Ich habe auch die ganze Nacht an Sie gedacht.« Es entging ihr nicht, wie die Freude ihm das Blut in die Stirn trieb. »Ich dachte immerzu daran, daß Sie dort unten säßen und mein Abbild zeichnen.« Plötzlich beugte sie sich zu ihm und flüsterte: »Ich möchte so gern hören, was Sie geschrieben haben.«

»Geduld – Geduld.« beschwichtigte er. »Ich würde es Ihnen ja gern zeigen, schon um Ihr Urteil zu hören. Es ist aber noch gar zu wenig. Wenn ich das erste Kapitel fertig habe, will ich es Ihnen vorlesen.«

Sie schwieg enttäuscht. Nach einer kleinen Weile gab sie einem Gedanken der Nacht Worte: »Wie können Sie mich eigentlich schildern? Kennen Sie mich denn genügend?«

»Ich glaube doch,« lächelte er selbstbewußt.

»Ja – äußerlich.«

»Aeußerlich?«

»Nein, ich habe mich falsch ausgedrückt. Natürlich kennen Sie mich seelisch am besten –«

»Darauf allein kommt es an.«

»Allein?« rief sie. »Das gerade wollte ich fragen. Wenn ein Künstler einen Menschen schildert, nach dem Leben schildert, wie Sie es jetzt mit mir tun, dann muß das Vorbild ihm doch zu einer Art Ton werden, aus dem er sein Kunstwerk knetet.«

Wilm nickte beifällig. »Sehr richtig,« murmelte er.

»Dann muß der Künstler sein Modell doch kennen, wie – wie – wie man – wie man sein Kind kennt. Sein Kind, das man nackt und rosig im Arm gehalten hat. An dessen Körperchen man jedes Grübchen und Fältchen und jedes kleinste Mal kennt. So denke ich, müßte man auch äußerlich den Menschen kennen, den man schildert.«

Sie sah ihn mit heißen Augen an, über ihre bleichen Wangen zogen sich rote, glühende Streifen.

Er hielt ihre Erregung für Scham darüber, daß er in Gedanken ihren siechen Körper betasten könne. »Ja – gewiß –« suchte er ihre Besorgnis zu scheuchen, »man muß mit seinem Modell ziemlich vertraut sein. In dem, was Sie da sagen, ist sicherlich ein Körnchen Wahrheit. Aber es ist hier wie mit jedem Modell. Bei der Arbeit sieht der Maler nicht das nackte Weib, das vor ihm steht, sondern Farben, Töne, Linien.«

Sie hörte nicht recht auf seine Worte. Er wippte beim Sprechen mit dem Bein, das er über das Knie des anderen geschlagen hatte. Das lenkte ihre Aufmerksamkeit ab und machte sie heute so seltsam nervös.

»Es ist wie ein Spielen mit Puppen,« fuhr er lächelnd fort. »Man muß sein Modell so gut kennen. daß man mit ihm spielen kann wie ein Kind mit seinen kleinen Wachsgeschöpfen. Sie kleiden und anziehen, ihnen Hände und Arme bewegen, sie glücklich und elend werden lassen, sie baden, verheiraten, Mama spielen und was das Kind sonst noch mit seinen Puppen anstellt.«

»Und in der Sage Gott mit den Menschen,« warf sie ein.

»Sie haben wieder das beste gesagt,« lobte er und stand auf. »Wenn Sie mir nun auch in die Hände gegeben sind, Fräulein Irene, haben Sie keine Angst. Ich bin kein Kunstschänder.«

»Nein – nein,« lachte sie beklommen. »Ich muß nun hinauf,« entschuldigte er sich, »und mein nächtliches Geschreibsel durcharbeiten.«

Er machte eine Gebärde des Abscheus.

»So schlimm?« fragte sie bedauernd.

»Greulich. Hilft aber doch nichts. Man hat mir oft gesagt, ich hätte einen persönlichen, flotten Stil. Ja, nachher liest sich das alles so glatt herunter. Da ahnen sie nicht, wieviel Arbeit in jeder Zeile steckt.«

Damit drückte er ihr die Hände und ging.

Es war ihr ganz lieb, allein zu bleiben und die neuen, kraus-wohligen Regungen in ihren Gliedern auftauchen, wühlen und verklingen zu fühlen. Dabei streichelte sie in der Erinnerung noch einmal jedes Wort, das er gesprochen hatte. Und plötzlich hatte sie die Vorstellung, als eine kleine, glatte Porzellanpuppe in seiner Hand zu liegen. Die hatte ihre dunkelgetönte Hautfarbe, Ganz regungslos, mit geschlossenen Lidern, lag sie in seiner warmen Hand und fühlte in jeder Pore seinen prüfend bewundernden Blick. So lag sie, hörte das Herz an die Porzellanbrust pochen und wartete mit einer Spannung, die fast den Kopf zerbarst, was er wohl tun würde.

Währenddessen saß Wilm auf seinem Balkon und feilte an seinem Stil. Die Sonne stand weiß über dem See. Faul strichen drüben drei Lastkähne durch das kaum gewellte Silber. Es war kein rechtes Arbeitswetter. Doch für Wilm schwieg die Umgebung. Er wollte vorwärtskommen. Also los! Er durchlas nochmals laut die ersten Sätze. Jetzt klang es schon. Darauf kam es an: daß es wie Musik tönte, wenn man es laut sprach. Jetzt kam ein Ausdruck, der ihm gar nicht behagte. Fort damit. Nur nichts durchgehen lassen, das einen nicht voll befriedigte. Keine Kompromisse. Es müßte heißen – es lag ihm ja auf der Zunge – Herrgott – er hob sinnend den Kopf und starrte vor sich hin – gerade auf den Balkon zu, der schräg über ihm aus dem nächsten Stockwerk heraussprang.

Hm, »Runen« war schon besser, aber auch noch nicht ganz das richtige. »Runen um den Mund« – hm – – Auf dem Balkon über ihm war etwas, das er zunächst nur optisch sah. »Runen – Runen« murmelte er und faßte plötzlich die hübschen Dinge über ihm mit dem Bewußtsein.

»Nanu,« pfiff er zwischen den Zähnen, »woher kommt denn auf einmal die Herrlichkeit?« Auf dem Fuß des kleinen gußeisernen Tisches da oben leuchteten innig gekreuzt ein paar allerliebste Goldkäfer-Schuhe mit blinkender Bronzeschnalle. Aber sie standen nicht trostlos leer und verlassen da, wie solche hübschen Dinger wohl hohlgähnend vor den schweigsamen Türen in den Hotelgängen trauern. O nein. Aus dem schimmernden warmen Leder heraus glänzten seidig sehr feine Knöchel in braunen, durchbrochenen Strümpfen. Und hieran schlossen sich zwei schlanke, schöngeschwungene Beine, die sanft zu wohlgewellten Waden im schönsten Crescendo anfluteten, um dann wieder sacht zu verebben und zu zwei rundlichen Knien aufzusteigen. Hier hemmte ein rotseidener Unterrock die begründete Entdeckerlust.

Angenehm überrascht wanderten Wilms Augen die abwechslungsreiche Strecke auf und nieder, und die Freude des einsamen Mannes erwachte. Zugleich packte ihn ein reger Forschertrieb, den Ursprung dieser braunen Lieblichkeiten zu ergründen. Sein züchtig aufklimmender Blick wurde von einem dichten Geflecht rotbrauner Haare geblendet, das die Sonne zu spiegelndem Kupfer verzauberte. Mehr sah er zunächst nicht. Denn was er sonst noch auf Grund seiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse in der Nähe dieses Haarschopfes witterte, war dicht auf die Tischplatte, anscheinend über einen Briefbogen, niedergebeugt. Dieser Annahme redete auch eine kritzelnde Feder das Wort. So kehrte Wilm feinfühlig zu den Niederungen zurück.

Bald sah er auch das Gesicht. Daß es hübsch war, leuchtete ihm sofort ein. Dichte, blondbraune Brauen, sehr pikant; und schelmische, große Lichter brannten drunter keck auf ihn hernieder. Da begann ein Riesen-Feuerwerk, hinauf und hinab, mit blinkenden Sternen und zischenden Raketen und leuchtenden Feuerrädern. Und ein kindliches Versteckspielen hob an und absichtliches Wegblicken und heimliches Beobachten und lügenhaftes, emsiges Arbeiten und verräterisches Lächeln. Und Wilm erkannte mit Genugtuung, daß die Dame über ihm seiner tiefsten Sympathie würdig war. Ein gutes, spendendes Herz hatte sie, das erkannte sein menschenkundiger Sinn sofort. Denn obwohl seine Blicke noch oft bescheiden unter dem Tische weilten, und obwohl die schöne Frau am Ausdruck seines lüsternen Mundes seine freudige Dankbarkeit erkennen mußte, zupfte sie nur ganz leicht an dem Unterrock, ließ aber im übrigen alles hübsch zur Schau. Und das war umsomehr anzuerkennen, als Wilm das nervöse Jucken der Füße unter seinen wohlwollenden Blicken nicht entging. Da beschloß er, sie in Berlin den weitesten Ehrungen für Werke der Mildtätigkeit in Vorschlag zu bringen.

Plötzlich stellten sich die Goldkäferschuhe auf das Pflaster des Balkons, ein lichtblauer Kleiderrock fiel, wie der eiserne Vorhang über ein heiteres Schauspiel, und die Dame entschwand ins Gemach. Unterm Arm trug sie großmächtig eine grünlederne Schreibmappe.

»Jetzt geht sie aus,« überkam es Wilm ahnungsreich. Wenn sie seine Begleitung wollte, – was Wilm stark vermutete – würde sie im Hut noch einmal holdselig herniederstrahlen.

Der Weiberkenner behielt recht. Der taubengraue Topfhut auf dem metallischen Haargeflimmer verriet mondainen Geschmack. Der Romanembryo flog in die Schreibtischlade, der Autor die Treppe hinab.

Sie stand bereits unten in der Halle im Gespräch mit dem Hoteldirektor und lachte über den köstlich launigen, trockenen Humor dieses Mannes, der für jeden seiner Gäste stets ein freundlich-sarkastisches Lächeln und ein spöttisch-gutmütiges Sprüchlein bereit hielt. Als Wilm vorüberkam, rief er ihm in seinem hübschen Schweizer-Deutsch zu: »Guten Morgen, Herr Dichter, nun, wie küßt die Schweizer Muse?«

»In der französischen Schweiz etwas schwül,« lachte Wilm und ging hinüber zu Irene Hey.

»Sie gehen aus?« staunte sie. »Ich dachte, Sie wollten arbeiten?«

»Kann nicht,« brummte er und schielte zu dem Rotkopf hinüber. »Muß laufen. Habe gute Ideen, die zum Leben wollen.«

Und da drüben das Geplauder beendet war, und der Pikkolo der schönen Frau und der Gefahr, sie aus den Augen zu verlieren, das Tor öffnete, berührte Wilm flüchtig die dargebotene Hand und stob davon.

Irene Heys ahnungslosem Gemüte war dieser aktive Verfolgungswahn entgangen. Nur seine kühle Eile fiel ihr auf. »Künstlerlaune,« entschuldigte sie nachsichtig, und ihr Gefühl für ihn stieg um einige Wärmegrade. Der Schriftsteller folgte der vor ihm hinschlendernden Dame. Mit Wohlgefallen gewahrte er diese Vereinigung eines schlanken, vornehmen Wuchses mit der tröstlichen Fülle der Dreißigjährigen, zollte ihrer Erfahrung und ihrem Chick in Toilettefragen seinen Beifall und ihrem forschen, wippenden Gang, den er ungemein schätzte.

Hinter der Kirche bestieg sie die Zahnradbahn, die zur Stadt hinauffährt. Auch in Wilm erwachte die Sehnsucht nach den Höhen. Die schöne Frau ging in den Wagen hinein, der Verfolger blieb auf der Plattform. Sie wandte nicht den Kopf, doch am Zucken der wohlgepolsterten Schulterpartie unter der dünnen Bluse erkannte er, daß sie seine Nähe witterte. Oben angelangt, durchmaß sie, ohne sich ein einziges Mal umzublicken, die engen Irrgassen zur Gorge de Chauderon und lustwandelte hinein in den Wald. Er folgte ihr getreulich. Und als sie den schmalen Pfad an dem stürzenden Wildbach entlang ging, holte er sie ohne weitere jünglingshafte Verfolgungsplänkelei ein, grüßte und sprach:

»Gnädige Frau, der Weg hier ist steil und gefährlich. Die Kavalierpflicht gebietet mir, Ihnen zur Seite zu stehen, um im Notfalle dabei zu sein.«

»Wobei?« fragte sie, sichtlich überrascht.

»Beim Fallen.«

»Sie sind ja im Leben ebenso keck wie in Ihren Skizzen,« sagte sie und zog die pikanten Brauen hoch.

»Kecker,« beruhigte er.

»Das kann ja heiter werden.«

»Sehr heiter.«

»Sie sind köstlich!« rief sie zürnend.

»Sie auch.«

Da lachte sie und die Brücke war geschlagen. Und munter plaudernd tummelten sie sich auf ihr einher. Der Direktor hatte ihr seinen Namen genannt. Es zeigte sich, daß sie alte gute Bekannte waren. Sie hatte alle seine Feuilletons mit großem Genuß gelesen. Eine ganze Weile konnte sie es nicht fassen, daß Oskar Wilm, über dessen Witze sie so oft herzhaft gelacht hatte, nun leibhaftig neben ihr ging. Er meinte, es gäbe im Leben so manche Dinge, die man nicht gleich fassen könne noch dürfe, doch die Zeit greife hier unterstützend ein. Und er faßte ihre linke Hand.

Sie entzog sie ihm schmollend, gebot ihm, keine Dummheiten zu machen, und ihr lieber zu erzählen, was er jetzt schreibe.

»Einen Roman.«

»Roman?!« Er, der Meister der Skizze, einen Roman?

»Allerdings, einen Roman!«

»Da bin ich aber neugierig,« gestand sie. »Wann wird er denn fertig? Das muß ja ein Paradies von Pikanterie werden.«

»Wird's. Fast nur Apfelgeschichte,« verriet er geheimnisvoll.

Ganz lebhaft wurde sie. Es war auch zu spannend, mit einem lebenden Dichter durch den einsamen Forst zu wandern und mit ihm über sein Werk zu sprechen. So ganz anders war es als alles das, was sich ihr Leben nannte daheim, Berlin W. 30, Motzstraße 97.

»Wen schildern Sie denn? Natürlich eine Frau. Nicht wahr?«

»Selbstverständlich.«

»Welche? Ist sie hier in Montreux?«

»Vielleicht.«

»Vielleicht? Wieso vielleicht? Das müssen Sie doch wissen. Es muß doch eine bestimmte sein.«

»Wieso?«

Sie blinzelte ihn verdutzt an. Sie wollte um alles in der Welt vor dem Dichter nicht töricht erscheinen.

»Wieso?« wiederholte sie zögernd.

»Ich binde mich nicht gern. Was mir gerade in den Weg läuft, arbeite ich hinein.«

»Wirklich?« Sie zog staunend die dichten Brauen zu der etwas niedrigen Stirn hinauf, daß sie fast unter den modernen Locken verschwanden. Und in greller Erleuchtung rief sie: »Schildern Sie doch mich!«

»Kommt drauf an.«

»Worauf?«

»Ob Sie in das Paradies von Pikanterie hineinpassen.«

»Ich will mir Mühe geben,« gelobte sie lachend. Aber gleich darauf wurde sie bitterlich ernst. Wilm wußte, was jetzt kommen mußte. Und es kam. Er verstehe sie nicht, wenn er glaube, sie sei eine kleine, leichte Person. Er habe ja allerdings allen Grund, sie für Gott weiß was zu halten, weil sie sich von ihm habe so ohne weiteres ansprechen lassen. Aber mein Gott! Sie wohnten doch im selben Hotel, und dann habe sie doch gewußt, wer er sei. Und da holte sie auch schon die anderen Maßstäbe hervor, die man an Künstlernaturen legen müsse. Und dann – Herr Gott – sie wollte mal etwas anderes kennen lernen als immer und ewig dies graue Einerlei. Und dann servierte sie die Geschichte von dem Manne, der nur Sinn für sein Geschäft hatte, der sich nie Erholung gönnte und seine Frau allein auf Reisen schickte. Der nicht einmal eifersüchtig war. Wilm kannte diese ebenso wahre wie uninteressante Erzählung. »Ja.« schloß sie, »und so vergeht das Leben, ohne daß man ein einziges Mal gelebt hat. Vielleicht ist es töricht, daß man dicht an den Dreißig noch immer mit der Sehnsucht der Dreizehn herumläuft. Aber man tut es. Tut es. Man glaubt immer, das Leben müsse etwas ganz Neues bringen, etwas anderes – etwas Ueberraschendes –!«

Sie lächelte ganz bleich.

Er hatte zugehört, bald »Ach je!« gesagt, bald »Sie Arme« dazwischengeklagt. Jetzt seufzte er tiefgefühlt: »Wie ich Sie verstehe!« Und jetzt ließ sie ihm die Hand.

»Aus meinem Leben kann man ein Buch machen,« sagte sie überzeugt.

Er nickte. Das glaubten sie alle. Er hatte in seinen jungen Jahren schon eine ganze Bibliothek durchlebt.

»Einen Menschen möchte ich finden,« bangte sie. »Einmal nur.«

»Vielleicht finden Sie ihn hier,« tröstete er zuversichtlich. Sie blickte ihn an, er lächelte verschmitzt.

»Ach Sie,« entzog sie ihm empört ihre Hand. »Sie haben kein Herz. Sie spielen nur mit mir. Sie glauben wohl gar – Seelengemeinschaft suche ich.«

»Was denn sonst?« fragte er voll Unschuld.

»Schämen Sie sich,« gebot sie. »Was denken Sie bloß von mir? Man soll Männern aber auch nicht einen Schritt entgegenkommen. Gleich werden sie dreist. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich eine anständige Frau bin.«

»Das freut mich,« entgegnete er sichtlich erleichtert. »Die Grundsätze meiner Moral hätten mir auch nicht gestattet, mit einer unanständigen Frau zu verkehren.«

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